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Vakuum

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
30.04.2021
11.06.2021
7
9.949
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Dieses Kapitel
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[Weltraum - Sternenkurier 'Talwar' - Frachtraum]

Es gab Bestien innerhalb der Wälder Shilis, die riefen, wenn sie zur Jagd aufbrachen. Es war ein schriller Ton, beinahe ein Jaulen, der das übrige Rudel in erwartungsvolle Bereitschaft versetzte. Selbst die Togruta kommunizierten über bloße, wenn auch subtilere Laute. Achtete man nicht darauf, wohin man trat oder wie schnell man sich bewegte, scheuchte man einen der Idithril auf. Rote Vögel mit gebogenem Schnabel und langem Gefieder, das sie schmückte, wie andere Tiere eine königliche Mähne. Sie stießen aus den Baumwipfeln herab und kreischten so laut, dass jedes Lebewesen im gesamten Umkreis alarmiert war. Oft beschworen sie das vorzeitige Ende der Jagd eines Togruta-Clans herauf.
Das misstönende Aneinanderreiben von zwei schlecht verbauten Metallteilen, die ihren Protest vehement herausschrien war nicht minder ohrenbetäubend. Es kratzte am Inneren des Ohres und schmerzte stechend.
Das Starweird schrie. Es schrie am oberen Rand des Wahrnehmbaren, ein Ton so hoch, dass er nicht hörbar sein sollte. Es schrie so durchdringend, dass nicht nur Sosuls Trommelfell, sondern auch ihr Sichtfeld zu vibrieren schien. Es schrie so dumpf und tief, dass es durch den Magen ging und Übelkeit verursachte. Es schrie in der Macht und zerrüttete sie in Wellen, ließ sie stellenweise bersten. Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig. Sosuls Hände flogen an ihre Ohren, gerade als teure, jedoch schlicht verglaste Fenster innerhalb einer Staueinheit zersprangen und in unmöglicher Beiläufigkeit fragte sich die Togruta, wer bei allen Sternen auf diese Weise ein Raumschiff von innen ausstattete. Sie wich zurück, aber eine erdrückende Welle der Orientierungslosigkeit überkam sie und sie geriet ins Wanken. Aus den Augenwinkeln sah sie die Gestalt näherkommen. Von den hängenden Gliedmaßen des sehnigen Unterkörperskeletts standen faserige Haut- oder Muskelfetzen ab. Die Füße schienen in einer einzigen Klaue zu enden. Sie blinzelte. Plötzlich sah sie das Wesen direkt neben sich und Sosul konnte nicht anders, als es anzustarren. Die toten Augenhöhlen, leer bis auf ein Glimmen, fraßen sich in ihren Kopf. Ihre Lekku wurden starr. Sosul nahm noch den sauren, fauligen Geruch wahr. Dann kreischte das Wesen und kratzte und hieb mit knochigen Klauenhänden nach der Togruta. Panik schoss durch ihre Glieder und sie warf sich zu spät zur Seite. Die Klauen gruben sich in ihren Oberarm und quer über ihr Schulterblatt. Sosul schrie auf. Das Kreischen des Wesens dauerte an. Sosul wollte ihre Ohren zuhalten, nie wieder etwas hören können. Mit einem entschlossenen Wimmern griff sie an ihren Gürtel und in zornigem Rot schnitt die Klinge ihres Lichtschwertes durch die Luft, wo eben noch die leichenhafte Gestalt wandelte. Der verblüffende Augenblick war fatal. Ohne Verstand hieben die Klauen von einer anderen Seite auf sie und schlugen sich glühend heiß in Sosuls linken Unterarm. Sie brüllte ihren Schmerz heraus und Pein und Angst benebelten ihre Sinne. Die Macht erhob sich dröhnend. Die Hände zu Klauen versteift riss Sosul an dem Energiegefüge. Aus schierem Überlebensinstinkt geboren schmetterte sie dem Wesen einen unkonzentrierten Machtstoß entgegen, der es zurücktrieb. Mit wackelnden, puppenhaften Gliedern geriet es gegen die Bordwand. Und verschwand durch die Raumschiffwand hindurch. Zugleich erstarb das Schreien. Drückende Stille breitete sich aus. Sosuls Ohren waren betäubt und sie hörte ihren abgehackten Atem wie aus dem eigenen Körper heraus.
Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Ruckartig hob sie das fallen gelassene Lichtschwert auf und fuhrt herum. Comad kam die Treppe herunter und an seinen schreckgeweiteten Augen erkannte sie, dass der Lieutenant Commander selbst auf sie zu kam und nicht erneut als Hülle ihres Meisters diente. Er sagte etwas zu ihr, aber seine Lippen schienen sich zu bewegen, ohne dass er einen Laut von sich gab. Benommen schüttelte Sosul den Kopf. In der Macht konnte sie kein Lebewesen außer dem Offizier erspüren. Sie wollte schlucken, aber ihre Kehle war trocken. Es gab kein Anzeichen, dass diese Begegnung mit diesem Wesen stattgefunden hatte. Nichts deutete darauf hin, dass jemand oder etwas dort gewesen war. Als wäre das Wesen Produkt ihrer Einbildung gewesen. Dann spürte sie das warme Blut über ihren Rücken und ihren Arm rinnen. Mit einem Mal war der Schmerz zurück und sie japste nach Luft. Erschrocken betrachtete sie die Wunde an ihrem Arm. In der Macht war deutlich die faule Energie spürbar, die ihr Fleisch wie eine Krankheit infiziert hatte.
Hinter ihr wuchs ein Winseln zu einem schrillen Kreischen an.
Sosul wirbelte rechtzeitig herum um zu sehen, wie ein Kopf mit elektrostatisch waberndem, weißen Haar aus der Außenwand des Schiffes nach innen ragte. Ein zusammengepresstes, mumifiziertes Gesicht schob sich hindurch. An Stelle der Nasenlöcher hatte es reptilienartige Schlitze. Die verwitterte Haut haftete eng an den Rändern, die die Lippen zu dem grotesken Krater eines Mundes bildeten. Es grinste entrückt. Sosul wich zurück, als sich ein verwelkter Brustkorb nachschob. Die knöchernen Arme reichten bis zu den Knien. Klauen so groß wie das Gesicht des Unwesens waren in absurdem Winkel abgespreizt. Die Macht splitterte mit dem ununterbrochenen Schrei, den es hervorpresste. Blasterschüsse durchzuckten die Luft, passierten den fragilen Körper und schlugen in der Schiffswand ein. Comad feuerte wieder.
Zu schnell durchquerte das Wesem den kurzen Raum. Sosul sah sich nach etwas um, dass die Bestie halten würde, während ihr Verstand wusste, dass es so einen Gegenstand nicht gab. Die Macht. Nur die Macht. Sie musste das Wesen bezwingen, bevor es sie zur Gejagten machte. Es glitt auf sie zu und Sosul griff in der Macht nach den toten Gelenken des Unwesens. Sie spürte den Widerstand und kniff die Augen zusammen. Die Schreie trieben ihr Tränenflüssigkeit in die Augen. Dann war es über ihr. Bohrte seinen Blick in ihren und hob seine Arme Zentimeter um Zentimeter. Das Kreischen brandete gegen ihre mentalen Schilde, eine Belagerung, in der die Zeit nicht auf ihrer Seite war. Als sie realisierte, dass sie es nicht halten konnte, ihre Kraft nicht ausreichte, holte sie zu einem neuerlichen, ungerichteten Machtstoß aus, doch das Starweird riss sich schneller aus ihrem Machtgriff und stieß mit seiner Klaue vor, direkt gegen ihren Brustpanzer.
Das Schreien geriet ins Stocken, bevor es schriller wurde. Das Unwesen riss seinen Arm zurück, als habe es sich verbrannt und wich zurück. Ungläubig nutzte Sosul die unerwartete Gunst und beschwor die aus Pein geborene Dunkelheit, um das Wesen neuerlich zurückzutreiben. Mit einem skalpellartigen Schnitt wurde ihre mentale Barriere aufgebrochen und der Schrecken, von dem das Starweird beherrscht wurde, fand Einzug in ihren Kopf. Ihr eigener Verstand war Komplize in der hervorgerufenen Machtangst und rief ihr das wenige vor Augen, das sie noch zu verlieren hatte und sie leiden ließ. Ihre Familie, ihre Heimat - Die unmöglich lebendigen Überreste aus mumifiziertem Fleisch und Fetzen von Sehnen und dünnen Knochen waren ihr schleichender Tod. Zum zweiten Mal in der jüngeren Vergangenheit war ihr Geist gebrochen worden wie ein leicht zu überwindendes Schloss. Das andere Mal - sie erinnerte sich an die mitleidslose Miene ihres Meisters und seine Macht. Verzweifelter Zorn stieg in ihr auf. Sie presste die Zähne so fest aufeinander, dass ihr Kiefer schmerzte. Sie sah das Starweird zucken und verschwimmen. Dann stürzte es sich auf sie. Sosul sah es noch immer benommen zugleich wie durch überlagerte Realitäten näherkommen, als habe es gleich einem tollwütigen Tier seine Verbrennung vergessen.
Sosul griff mit der Macht nach Lieutenant Comad und schleuderte den Körper des Mannes dem herannahenden Starweird entgegen. Sie hörte nur die andauernden Schreie des Wesens, fühlte aber das Entsetzen des Mannes in der Macht. Schwarze, elektrisierende Stärke stieg in ihr auf. Fingerlange Klauen schlugen sich in den Körper des Imperialen. Es hieb von oben und von unten gerichtet auf ihn ein, zerfetzte seine Haut, Muskeln und Sehen aber hielt ihn zugleich in der Luft, auf dass er erst fallen konnte, wenn von ihm nichts mehr übrig war.
Sosul zitterte. Ihre Hände tasteten blind nach ihrer Brusttasche. Die Finger nass von ihrem eigenen Blut konnte sie die Münze kaum fassen. Zugleich konnte sie nicht den Blick von dem grausamen Tod richten, der sich vor ihr entfaltete. Mit der anderen, bleischweren Hand griff sie das Messer aus ihrem Stiefel. Es schien so schwer, zu schwer, um es zu tragen. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihre Mutter ein weiteres Mal sterben, dieses Mal zerfetzt von dem Unwesen vor ihr. Es musste aufhören, sie musste handeln, sich konzentrieren, das Wesen aus ihrem Kopf sperren.
Sosul stieß sich das Messer in den Oberarm und der Schmerz war süße Nahrung für die Dunkle Seite, mit der sie die Machtangst durchbrach. Ihr Aufschrei war ein verkümmertes Aufkeuchen, ein Schnappen nach Luft, als der geknüpfte Galgen um ihren Geist zerriss.
Über die Überreste des Lieutenants stieß das Wesen nach vorn. Sosul spürte seine Gier. Es war nicht länger abgelenkt. Eine gebogene Klaue zielte auf sie. Sosul wich zur Seite und ihr Arm schoss nach vorn. Das Starweird schrie auf eine Weise auf, die der Togruta ins Mark fuhr. Und es wich mit in unsichtbarem Wind flatternden Hautfetzen zurück zur gegenüberliegenden Wand. Von der Macht getragen überwand die Münze die Distanz mühelos und Sosul trieb sie in den Brustkorb des kreischenden Starweirds. Der leichenhafte Körper prallte mit einem dumpfen Laut gegen die Wand des Raumschiffs. Sosul glaubte, nie ein befriedigenderes Geräusch gehört zu haben. Eine wütende Machtmanipulation betätigte die Zwischentürkontrolle und die Stahltüren, die den kleineren Lagerraum vom Rest des Schiffs trennten, verschlossen sich zischend. Der Hauch eines Lächelns verzog die dunklen Lippen der Togruta, als sie nähertrat. Sie blickte durch das schmale Sichtfenster und der Schmerz ihrer Wunden war vergessen. Das Unwesen presste seinen Leib gegen die Wand des Schiffes. Aber das runde Stück Metall in seiner Brust ließ es nicht entfliehen.
 
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