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Rache

von Eiche
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P16 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
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18.383
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30.04.2021 18.383
 
Das ist mein Beitrag für das Projekt Für andere unsichtbar. Viel Spaß beim Lesen!


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„Hey Raven, willst du nicht mitspielen?“
Ich zucke zusammen, als ich meinen Namen höre und sehe auf. Gina steht vor mir, ein zierliches, blondes Mädchen in meinem Alter.
„Nein danke, gerade nicht“
„Was ist mit dir los? Du sitzt seit Tagen nur hier herum, tust nichts, redest mit niemandem.“
„Was soll den sein? Mir geht es gut. Ich bin nur gerade nicht in der Stimmung für irgendwelche Kinderspiele.“
„Das sind keine Kinderspiele, und du hast doch immer gerne mitgemacht. Ist es wegen deines Vaters?“
„Nein, es ist alles in Ordnung, wirklich. Könntest du mich einfach in Ruhe lassen?“
„Natürlich.“

Seufzend dreht Gina sich um und geht wieder zu den anderen. Ich blicke auf den Bach vor mir. Glitzernd schlängelt er sich durch den Wald. Die Sonne lässt die Büsche Schatten darauf werfen. Auf einigen der Bäume bilden sich Blüten. Es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Die Luft ist klar und frisch, und ich kann Vögel zwitschern hören. Wirklich, ein schöner Tag. Könnte ich nur so unbeschwert sein, wie all die Kinder, die hier herumlaufen. Könnte ich nur glücklich sein. Wäre er nur hier. Ich habe meinem Vater diesen Platz nie gezeigt, weiß aber, dass er es geliebt hätte. Hier, geschützt durch die großen Baumwurzeln, ganz nahe am Bach. Ob ich ihn je hierherführen werde? Ich sollte es tun, wenn er wiederkommt. Wenn. Ich weiß nicht, was los ist, habe keine Ahnung, wo er ist, aber ich mache mir so große Sorgen um ihn. Was, wenn ihm etwas zugestoßen ist? Wenn er irgendwo verletzt wurde? Hätte ich nur eine Nachricht von ihm. Aber ich weiß nur, dass er nicht vor zwei Wochen aufgetaucht ist, wie er es hätte tun sollen. Was ist nur passiert?

Ich blicke auf meine Zehen, die im kühlen Wasser hängen. Eigentlich ist die Sonne warm, aber mir wird immer kälter. Ich glaube nicht, dass es am Wasser liegt, habe aber keine Ahnung, was es sonst sein könnte. Eine Unruhe hat mich erfasst, Angst, irgendetwas stimmt hier nicht. Etwas ist los, etwas ist passiert. Nur was?
Nein, alles ist gut. Ich atme tief ein, lasse die Luft in meine Lunge strömen. Alles ist gut, es ist in Ordnung. Er wird bald auftauchen. Irgendetwas ist dazwischengekommen, er wurde durch irgendetwas aufgehalten, genau wie die anderen, aber sonst geht es ihm gut. Nichts Schlimmes ist passiert. Und in ein paar Tagen wird er mich wieder in den Armen halten.

Ich muss daran glauben, dass alles gut wird, dass er bald wiederkommt. Was bleibt mir anderes übrig? Könnte ich nur aufhören, mir solche Sorgen zu machen.
Ich sehe auf das Wasser, auf das Schattenspiel der Sonne. Es ist so schön, so zauberhaft. Vor mir das Wasser, über mir die warme Sonne, hinter mir das Geschrei der Kinder. Es ist ein ganz normaler Tag, und doch ist er besonders. Ich bin hier, bin in der Natur, ich bin frei. Mein Vater hat mir immer erklärt, wie glücklich ich darüber sein muss. In den Städten sind die Menschen wohl nicht frei, sie sind eingesperrt, und haben keine frische Luft, die sie atmen können. Das muss grauenvoll sein. Ich bin froh, hier leben zu dürfen, mit all den Menschen, die mir wichtig sind, all den Freunden, die ich hier habe. Und vor allem mit meinem Vater, der wichtigsten Person in meinem Leben. Er hat mich aufgezogen, hat mir das alles hier gezeigt. Er hat mir immer erklärt was richtig ist, und was falsch, hat mir so viel erzählt. Alles, was ich weiß, alles, woran ich glaube, habe ich von ihm. Könnte er nur endlich nach Hause kommen.

„Raven, du bist ja immer noch hier. Da fragt jemand nach dir.“
Ich öffne meine Augen und blicke auf. Neben mir steht wieder Gina. Ich blinzel, sehe zu der hellen Sonne. Diese steht mittlerweile hoch am Himmel
„Wer denn? Was ist los?“
„Keine Ahnung, die Frau fragt nach dir, sie meint, es sei wichtig.“
Ich stehe langsam auf und klettere weg vom Bach auf eine Lichtung. Tatsächlich, zwischen all den Kindern steht eine ältere Frau. Sie ist groß gewachsen und hat rote Haare. Ich habe sie schon einmal gesehen, mindestens. Sie kommt mir vage bekannt vor. Vermutlich ist sie eine der wichtigeren Personen hier, sodass sie auch auf Versammlungen immer anwesend ist. Ich kann sie nur nicht richtig einordnen, könnte nicht sagen, zu welchem Bereich sie gehört. Was sie wohl von mir will? Ich gehe auf sie zu.
„Du bist Raven, oder?“
„Ja, was ist los?“
„Du bist dazu eingeladen, an einer Krisenversammlung teilzunehmen.“
„Krisenversammlung? Ist etwas passiert? Und warum ich?“
„Ich weiß es nicht. Mir wurde nur aufgetragen, dich zu holen. Wenn du also mitkommen könntest?“
„Natürlich.“

Die Frau schlägt den Weg zum Dorf ein und ich folge ihr. Was wohl los ist? Ich kann nicht sagen, wie oft Krisenversammlungen stattfinden, aber es kann nicht zu häufig sein. Es klingt dringend. Und warum darf ich dabei sein? Ich bin noch nicht einmal erwachsen, und auch wenn auch Jugendliche manchmal hohe Positionen innehaben, sollte es eigentlich keinen Grund geben, mich zu dieser Versammlung dazuzubitten. Ich habe mich nie wirklich für die Gemeinschaft hier eingesetzt. Ja, mein Vater ist ziemlich bekannt, und hat schon viele Missionen ausgeführt, aber das hat mit mir nichts zu tun. Warum soll ich also jetzt auf einmal dabei sein? Geht es um meinen Vater? Ist ihm etwas zugestoßen, oder ist er zurückgekehrt, ist er endlich wieder da und hat die Frau darum gebeten, dass ich komme? Kann das sein? Werde ich ihn endlich wiedersehen, nach zwei Monaten? Ich muss sagen, dass ich mir nichts mehr wünsche. Auf der anderen Seite sollte ich mir keine Hoffnungen machen. Schon so oft in den letzten Tagen habe ich mir eingebildet, dass er kommt, und ich bin so oft enttäuscht worden. Vielleicht hat das hier auch gar nichts mit meinem Vater zu tun. Wer weiß, was los ist, aber es könnte tausend Gründe geben, warum eine Versammlung einberufen wird. Und auch dafür, dass ich dabei bin, kann es Begründungen geben, die nichts mit meinem Vater zu tun haben. Und dennoch, mich lässt die Hoffnung, dieser winzige Funke, dass er da sein könnte, nicht los. Vielleicht hat das Warten endlich ein Ende.

Wir betreten das Dorf. Es ist vielmehr eine Stadt als ein Dorf. Aber bei uns Rebell:innen gibt es keine Städte, die hat nur die Regierung. Der Begriff Dorf passt hier trotzdem nicht. Ein Haus reiht sich an das andre, kilometerweit. Es sind nur kleine Holzhütten, nicht überall gibt es Strom, bei manchen Häusern nicht einmal Wasser. Und trotzdem ist es eine wundervolle Stadt, auch wenn mich die immense Größe immer wieder beeindruckt. Der Wald ist ja eigentlich auch nur ein Teil davon. Er liegt relativ genau in der Mitte, um ihn herum erstrecken sich die Häuser in alle Richtungen. Es ist nur ein grüner See in der Mitte, gut zu sehen von der Spitze des Berges, an den sich die Stadt im Norden schmiegt. Ja, der Wald ist ein Mittelpunkt, und ich bin froh, dass das Haus meines Vaters so nahe daran steht. Aber jetzt gehen wir nicht zu uns nach Hause, sondern zum wirklichen Mittelpunkt des Dorfes. Am Ende der Straße steht eine große Halle. Es ist eines der wenigen Steingebäude hier, und dort finden alle Versammlungen statt. Und so auch jetzt das Krisentreffen.
Ich folge der Frau die Straße entlang. Mein Herz klopft schneller. Ich bin aufgeregt, kann nicht genau sagen, warum. Ich war schon oft bei Versammlungen, wenn auch nur bei Öffentlichen. Aber das hier ist anders. Wüsste ich nur, was passiert ist.

Wir treten durch den Eingang. Abrupt bleibe ich unter dem Steinbogen stehen. Steine, über mir sind Steine, und um mich herum auch. Nur hinter mir ist Platz, sonst bin ich eingesperrt. Wenn jetzt alles einstürzt, dann werden mich diese Steine erschlagen. Dunkle Steine, bedrohliche Steine. Grau, fast schwarz. Und so schwer. Mein Herz schlägt immer schneller. Ich blicke mich um, sehe hinaus auf die Straße, von der ich gekommen bin. Alles ruhig dort, Sonnenschein, Frieden. Und vor mir ist nur Dunkelheit, schwere Steine, feuchte Luft, Kälte.
„Raven?“
Die Frau hat sich zu mir umgedreht, scheint auf mich zu warten.
Ich atme tief durch, versuche das Gefühl der Bedrohung abzuschütteln. Die Angst ist immer noch da, die Steine werden nicht weniger dunkel, aber ich schaffe es, die Halle zu betreten. Sofort geht es mir ein wenig besser. Immer noch sind Steine überall um mich herum. Aber die Halle erstreckt sich relativ weit in die Höhe. Ich habe das Gefühl, hier besser atmen zu können. Es ist kalt, aber nicht ganz so dunkel. Durch große Fenster wird der Raum erhellt.
Ich sehe mich weiter um und entdecke die Menschen am Ende der Halle. Sie stehen um einen Tisch herum. Dort hinten war ich noch nie, normalerweise stehe ich im großen Raum vor der Bühne, und nicht daneben. Dort finden wichtige Besprechungen statt, bei denen ich nichts zu suchen habe. Normalerweise. Aber scheinbar soll ich genau dort hin.

Es sind wirklich nicht viele Menschen dort, nur die wichtigsten der Stadt, wie ich es erkenne. Die meisten Gesichter kommen mir bekannt vor. Und es sind wirklich nur wenige hier, die keine wichtigen Entscheidungen fällen. Eine Frau mit einem kleinen Kind an der Hand, ein junger Mann, ein Mädchen, nur wenig älter als ich, ein altes Ehepaar. Sie habe ich auch schon einmal gesehen, aber nicht im öffentlichen Rahmen. Aber ich kenne sie. Nur woher?

„Dann sind wir ja fast vollständig, wir warten nur noch auf eine Person.“
Hinter dem Tisch sitzt ein bärtiger, glatzköpfiger Mann, etwa sechzig Jahre alt. Ich kenne ihn gut, habe ihn doch schon so oft gesehen. Sein Name ist Gordan, aber die meisten nennen ihn nur „den Chef“. Er leitet alle Versammlungen, ruft alle Besprechungen ein. Wir werden nicht von einer Person alleine angeführt, es gibt mehrere Männer und Frauen, die gemeinsam Entscheidungen treffen, aber wenn es nur eine Führungsperson gäbe, dann wäre er es. Im Ernstfall ist es er, auf den wir alle hören sollten. Und nun stehe ich in einem Kreis um ihn herum. Was tue ich nur hier?

Ich höre Schritte hinter mir und sehe mich um. Endlich, ein Gesicht, das ich auch persönlich kenne. Es ist die Frau des besten Freundes meines Vaters, seines engsten Vertrauten. Ihr Name ist Maria. Sie hat oft auf mich aufgepasst, als ich jünger war, war immer dann, wenn mein Vater gerade etwas Wichtiges zu tun hatte. Sie ist also auch hier.
Ich blicke wieder auf sie Leute um mich herum, und erstarre innerlich. Denn ich habe den Zusammenhang entdeckt, ich weiß, was uns alle verbindet, und das gibt mir ein ungutes Gefühl. Alle diese Menschen waren da, als ich vor zwei Monaten Abschied genommen habe, als sie aufgebrochen sind. Sie sind Verwandte von denen, die Teil der Mission sind, die bis jetzt noch nicht wiedergekommen sind. Es muss etwas damit zu tun haben. Aber was? Sind es gute oder schlechte Nachrichten? Ich kann aus den Gesichtern um mich herum nichts lesen, sie alle fragen sich das Gleiche wie ich. Und der Chef, der einzige, der wissen sollte, was passiert ist, hat eine ganz neutrale Miene. Ich kann nicht sagen, ob er froh oder traurig ist.

„Seid gegrüßt. Ich heiße euch zu dieser Krisensitzung willkommen. Einige von euch werden sich vermutlich fragen, warum sie hier sind.“
Er scheint mich direkt anzusehen, ich habe das Gefühl, seine eisblauen Augen bohren sich in meine Seele. Ich wende meinen Blick zum Boden.
„Wir haben Neuigkeiten von der Mission, bei der Angehörige von einigen von Ihnen dabei waren“
Mein Vater, Gute oder schlechte Nachrichten? Gut oder schlecht? Geht es ihm gut, oder ist ihm etwas zugestoßen. Aber wenn es ihm gut gehen würde, gäbe es dann eine Krisensitzung? Wie schlimm ist schlecht, was ist passiert? Was zum Teufel ist passiert?
„Die Mitglieder der Mission wurden von der Regierung gefangen genommen vor einem Monat.“
Die Regierung, gefangen. Sie haben ihn. Er hat immer gesagt, wie schlimm sie sind, und jetzt haben sie ihn. Was tun sie ihm an?
„Wir haben Informationen bekommen, dass sie alle gefoltert wurden“
Gefoltert, was heißt das? Ist er verletzt? Braucht er Hilfe?
„Heute Morgen schließlich, wurden sie alle hingerichtet.

Die Steine kommen näher, von unten, von den Seiten, von oben. Sie kommen immer näher, werden immer dunkler, immer kälter. Alles Licht ist verschwunden, alle Menschen, alle Wärme, alles Leben. Nur ich und Steine. Steine, die immer näher kommen, die mich berühren, ihre eisigen Klauen nach mir ausstrecken. Dunkelheit, Kälte, Tod. So nahe, und doch so weit weg, all die Steine, die nach mir greifen, die mich fange wollen. Dunkelheit, Kälte, Tod. Ich blicke nach oben, nichts als Steine. Dann bricht alles um mich zusammen, Steine fallen auf mich herab, begraben mich. Dunkelheit. Kälte. Tod.





„Kommst du mit in den Park, Mira?“
„Jetzt gleich?“
„Ja, ich kenne ein paar Jugendliche, die sich am Bach treffen wollen. Das wäre doch eine schöne Art, den Nachmittag zu verbringen. Oder möchtest du heute drinnen bleiben?“
„Nein, natürlich nicht. Sehr gerne komme ich mit dir mit.“
„Cool.“
Ich muss lächeln. Hannah wäre sowieso gegangen, ob ich mitgekommen wäre oder nicht. Aber ich habe nie etwas dagegen, ein paar neue Leute kennenzulernen, warum sollte ich also alleine Zuhause herumsitzen und mich langweilen? Nebeneinander gehen wir die Straße entlang. Bis zum Park ist es ein Stück, aber es ist ein toller Platz, der einzige Ort in der Stadt, der nicht mit Hochhäusern zugepflastert ist. Viele Leute gehen dort hin, es ist ein beliebter Treffpunkt, vor allem von Jugendlichen. Die Erwachsenen arbeiten alle noch um diese Uhrzeit, und Kinder sind alle in Betreuungseinrichtungen. Unter der Woche trifft man dort immer coole Leute. Ich weiß nicht, wie oft ich schon dort war. Und es ist auch immer nett, Bekannte zu treffen.

Ich sehe mich um, blicke an einem der Häuser hoch. Sie sind alle gleich, ragen in den Himmel. Die Frühlingssonne spiegelt sich in den unzähligen Fensterscheiben. Ich kann nicht sagen, wie viele Bewohner die Stadt hat. Sie ist nicht sonderlich groß, manche Metropolen erstrecken sich hundertfach so weit, aber durch die vielen Wohnungen ist hier trotzdem viel los. Dennoch, ich mag es hier, kenne es aber auch nicht anders, schließlich wohne ich schon mein ganzes Leben hier. Ich kenne einige, die in größere Städte ziehen wollen, weil sie dort vermutlich einen besseren Job bekommen könnten. Ich weiß nicht, was ich machen werde, wenn ich die Schule abgeschlossen haben, vielleicht gehe ich, vielleicht bleibe ich, ich werde sehen, was sich anbietet. Und was sie als das beste für mich erachten. Aber darüber muss ich mir jetzt noch keine Gedanken machen. Ich habe noch genug Zeit und kann so einfach nur jeden Tag genießen, wie er kommt.

Langsam, kaum merklich werden die Häuser niedriger. Ich weiß nicht, was sich die Architekten dabei gedacht haben, es ergibt wenig Sinn, den Platz so zu verschwenden, aber die Häuser in diesem Teil der Stadt sind auch relativ alt. Vielleicht konnte oder wollte man früher nicht ganz so hoch bauen. Das Straßenbild an sich bleibt aber gleich, eintönig ist es, wie überall. Häuser und Straßen, etwas anders gibt es nicht. Es ist nicht gerade schöne, aber sinnvoll. Und wozu ist eine Stadt denn da, außer um Wohnraum zu schaffen? Und wer genug von dem immergleichen Bild hat, kann ja die Stadt verlassen, oder den Park besuchen.
Ich kann schon die ersten Bäume sehen, auch wenn wir noch ein Stück gehen müssen, aber hinter den niedrigeren Häusern ragen die hohen Stämme und Kronen hervor. Und ich höre Stimmen. Natürlich sind sie viel zu leise, dass ich etwas verstehen könnte, aber ein kaum wahrnehmbaren Gemurmel ist zu hören. Es ist sicher viel los, wie immer. Ja, der Park ist der beliebteste Platz, ich kenne keinen Jugendlichen, der nicht gerne dort ist. Aber die Flächen sind groß genug. Und immerhin ist so dort immer Leben, bis tief in die Nacht hinein.

Schließlich sind wir da und treten durch ein kleines Tor. Dahinter steht ein Wachmann, der uns betrachtet, ich zeige ihm meinen Ausweis und Hannah tut dasselbe. Er nickt nur und wir gehen weiter. Sicherheitsmaßnahmen.
Der Weg führt unter Bäumen entlang, aber schließlich treten wir auf eine große Wiese. Es ist nicht unfassbar viel los, aber überall auf der Wiese verteilt sitzen Jugendliche. Es ist ein schöner Tag, und ich weiß, dass es noch voller werden wird, wenn es Abend wird. Vermutlich wird es auf eine dieser großen Partys in der Nacht herauslaufen, die schließlich aufgelöst wird, weil es zu laut ist. Ich bin manchmal überrascht darüber, dass sie uns immer noch in den Park lassen. Auf der anderen Seite, wo sollen wir denn sonst hin? Es gibt nicht viele Plätze außerhalb von Gebäuden, zu denen man schnell kommt.

„Wo sind deine Freunde?“
„Am Bach, vermutlich bei den Steinen.“
Wir lassen die Wiese hinter uns und schlagen den Weg zum Bach ein.
Es ist wirklich ein wunderschöner Frühlingstag. Und ich bin so froh, hier zu sein, draußen, am einzigen natürlichen Ort, den ich kenne. Wir laufen unter den Bäumen entlang, die Schatten spenden. Die Wärme gelangt noch nicht zu uns nach unten, aber es ist egal. Ich spüre einen leichten Wind im Gesicht, er lässt die Bäume sacht schwanken. Dann treten wir auf eine Lichtung. Vor uns liegt ein glitzernder Bach. Doch hier ist niemand, natürlich nicht. Es gibt noch Orte, an denen man sich besser aufhalten kann, der Bach schlängelt sich einige Zeit durch den Wald. Wir folgen ihm, also wieder unter den Bäumen. Hier ist kein richtiger Weg, ein Grund, warum der Platz, den wir ansteuern, nicht ganz so voller Leute ist. Es ist aber nicht schwer, sich durch das Gebüsch zu schlängeln, und schon bald sind wir bei den Steinen. Auf beiden Seiten des Baches sind sie, große Platten, auf denen man gut sitzen kann. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nicht glauben, dass sie natürlich sind, aber das Wasser hat sie so glatt geschliffen, als der Bach einmal ein Fluss war, vor der großen Dürre. Jetzt ist es hier ein perfekter Platz zum sitzen.
Auf den Steinen sitzen vereinzelt Jugendliche. Hannah sieht sich um und geht schließlich auf eine kleine Gruppe zu. Ich folge ihr.
„Hey, da bist du ja. Und du hast jemanden mitgebracht.“
„Ja, das ist Mira.“
Die drei Jungen und das eine Mädchen nicken mir zu und stellen sich als Johann, Sophie und Leon vor. Ich setze mich mit Hannah neben sie.

Ich bin immer wieder erstaunt wie groß die Steine sind, und das hier ist ein wundervoller Platz. Denn die Sonne findet hier einen Weg durch das Blätterdach, ich spüre die Wärme auf meinem Gesicht. Ich lehne mich ein wenig zurück, und schließe die Augen, blende alles um mich herum aus, die Stimmen, das Gespräch, das Hannah mit ihren Freunden führt. Ich muss mich gerade nicht daran beteiligen. Wir werden noch lange genug hier sein. Ich bin einfach hier, aber was sollte sie auch daran stören. Ich gehöre zu dieser Gruppe. Einfach weil ich da bin, ganz selbstverständlich. Ganz normal. Ich bin froh, dass es so entspannt ist. Meine Mutter findet es seltsam, wenn sie merkt, wie schnell ich neue Leute kennenlerne, und wie schnell man in Freundesgruppen kommt. Scheinbar war es früher anders. Ich kann mir das kaum vorstellen. Aber sie meckert sowieso oft über meine Generation. Wir seien die Jugendlichen, denen alles egal sei, wir kümmerten uns um nichts und sowieso seien wir faul und nutzlos. Ich höre solche Dinge öfter von Älteren. Ich frage mich, ob sie nicht auch so waren. Und auf uns lastet ja genug Druck. Wir zeigen es nicht, aber niemand von den Jugendlichen, die ich kenne, ist faul. Ja, wir sind oft draußen, gehen öfter auf Partys, aber wir spüren ja trotzdem den Druck. Niemand würde es wagen, die Regeln zu brechen. Und wir tun alles, um unsere Karriere zu sichern. Unsere Eltern bekommen nichts davon mit. Aber Nachmittage im Park sind begleitet von schlaflosen Nächten, in denen auf Prüfungen gelernt wird. Und wenn wirklich gelernt werden muss, dann geht man auch nicht raus.
Ich glaube die ältere Generation versteht nicht, dass wir einfach einen Ausgleich suchen. Es wird so viel von uns erwartet, und wir wollen dem Stress entkommen, wann immer es geht. Natürlich, ich könnte jetzt auch zu Hause sein und lernen, aber diese Woche ist es schulmäßig etwas entspannt, ich habe genug Zeit. Dafür werde ich in einem Monat vermutlich gar nicht mehr aus dem Haus kommen, wenn die Prüfungsphase anfängt. Aber bis dahin möchte ich wenigstens noch ein wenig meine Freizeit genießen.
Es ist wirklich nicht einfach, Jugendliche heutzutage zu sein. Wir sind alle gleich, denken alle gleich. Auf der einen Seite müssen wir dazugehören, wir müssen entspannt tun, dürfen nicht zu angespannt sein. Doch dazu kommen die Erwartungen, der Stress durch die Schule, die Gesellschaft die immer perfekte Leistungen erwartet. Es ist wirklich schwer. Ich wünschte nur, auch die Erwachsenen könnten es verstehen, anstatt dauernd auf uns rumzuhacken. Aber so ist es. Wie sollen wir es auch ändern? Und ich in froh, heute hier zu sein.

„Wer ist das da hinten? Den habe ich hier noch nie gesehen?“
Ich öffne meine Augen und blinzle gegen die helle Sonne an.
„Wer?“
„Dieser Wachmann dort hinten. Er scheint uns alle hier zu beobachten. Seit wann interessieren sie sich für den Platz hier?“
Jetzt sehe ich ihn auch. Es ist ein Aufpasser in gelber Warnweste. Und er sieht uns genau an. Warum? Ja, es sind immer Wächter:innen auf den Wegen unterwegs, an den Eingängen sowieso, aber der Junge hat recht, hier habe ich auch noch nie einen gesehen.
„Sie wollen uns beobachten.“
Ich sehe den anderen Jungen an. Es scheint angespannt zu sein. Und ist das Angst, was ich in seinen Augen sehe?
„Vielleicht hat er sich auch einfach verlaufen.“
Hannah klingt immer noch entspannt.
„Nein, sie beobachten uns, sie beobachten all ihre Jugendlichen, damit sie nichts anstellen.“
„Du übertreibst, Johann.“
„Du erkennst die Wahrheit nicht, Hannah. Sie beobachten uns, kontrollieren uns, sperren uns ein. Niemand darf hier sein, ohne dass sie es merken, und hier sehen sie, wer sich richtig verhält.“
„Und, was ist daran so schlimm? Ich habe nichts zu verbergen.“
„Dass wir nicht frei sind. Wir können nicht tun, was wir wollen, weil wir sonst sofort aufgegriffen werden. Sie nehmen uns fest, wenn wir nicht so sind, wie sie es wollen. Und dann werden wir nie wieder das Tageslicht sehen. Du kannst keine eigenständigen Entscheidungen treffen. Ich meine, alles wird uns abgenommen, unser Leben ist schon vorgeplant.“
„Habe ich nichts dagegen.“
„Aber das solltest du. Verstehst du, wie eingesperrt wir sind, in alle Punkten? Eingesperrt im Leben? Du hast keine Chancen, keine andere Möglichkeit. Du wirst nie tun, was du willst, weil deine einzige Möglichkeit zu leben ist, ihren Regeln zu folgen. Und das schlimmste ist, wie selbstverständlich das klingt.“
„Du übertreibst wirklich, Johann. Und du klingst schon fast wie diese Rebell:innen, die uns befreien wollen. Glaubst du wirklich daran?“
„Ja, ich glaube daran. Und ich möchte hier nicht länger so leben. Wir müssen uns befreien, wir müssen etwas gegen die Unfreiheit tun.“
„Du willst einen Aufstand?“
Ich muss lachen. Er macht einen Witz, das ist mir klar. Niemand kann so etwas ernst meinen. Was ist Freiheit überhaupt? Und was bringt sie? Es ist doch viel einfacher, andere die Entscheidungen treffen zu lassen, statt selbst immer überlegen zu müssen, was man will. Ich habe einen Plan, mein ganzes Leben ist durchgeplant, von irgendwelchen Algorithmen. Alles ist perfekt, alles wird so passieren, wie sie es errechnet haben. Und auch wenn ich nicht genau weiß, wie alles aussieht, mir ist klar, dass es das bestmögliche Leben ist, das ich haben kann. Ich möchte keine eigenen Entscheidungen treffen, so ist es doch viel leichter. Ich muss mir über nichts Gedanken machen, weil alles so passieren wird, wie es soll. Solange ich mitspiele. Wie kann man da dagegen sein?

„Ja, ich möchte einen Aufstand.“
„Dann geh zu den Rebell:innen.“
„Es muss von hier geschehen, wir müssen von hier aus zeigen, wie unzufrieden wir sind.“
„Aber sind wir wirklich unzufrieden?“
Ich beschließe, mich auch an der Diskussion zu beteiligen.
„Wir haben doch alles, unser Leben ist perfekt. Ich bin nicht unzufrieden, und ich kenne Niemanden, der es wirklich ist. Natürlich, nicht alles ist perfekt, aber das muss es auch nicht sein. Ich finde eigentlich alles gut so, wie es ist.“
“Ich auch.“
Hanna pflichtet mir sofort bei.
Johann seufzt.
„Ich hatte gehofft, dass ihr anders denkt. Aber dann ist bei euch wohl alle Mühe verloren. Sie haben euch schon zu Marionetten gemacht.“
Er steht auf.
„Einen schönen Tag euch noch.“
Mit diesen Worten verschwindet er. Ich sehe, wie er sich auf einen anderen Stein setzt, zu einer anderen Gruppe, vermutlich um ihnen von seinen verrückten Gedanken zu erzählen.

„Kennt ihr ihn überhaupt?“
Hanna scheint wirklich amüsiert zu sein
„Er ist witzig.“
„Der redet immer so. Ich kenne ihn, er wohnt in meiner Nachbarschaft, aber niemand hat wirklich viel mit ihm zu tun, ich wollte nur nett sein, aber scheinbar war es keine gute Idee, ihn mitzubringen.“
Der andere Junge sieht etwas verlegen aus.
„Kein Problem.“
„Er wird sich noch in große Probleme reden, mit seiner Meinung. Ich habe auch keine Ahnung, wie er darauf kommt. Er redet so, solange ich ihn kenne. Nun gut, ist ja egal.“
„Natürlich ist es egal.“ Hannah lacht.

Ich blicke wieder in die Sonne, blende alles um mich aus. Wirklich, ein verrückter Junge. Alles, was er gesagt hat, hat nicht wirklich Sinn ergeben. Und wenn er so unzufrieden ist, warum ist dann noch hier? Er redet wirklich wie ein Rebell, der uns alles zerstören will. Die sind auch nur neidisch, dass es uns so gut geht. Ich lächle in die Sonne. Ja, uns geht es gut, und ich hoffe, dass sich das nicht so bald ändert.





„Raven, da bist du ja. Wir haben dich schon ewig nicht mehr gesehen, komm, spiel doch mit uns, komm schon. Wir vermissen dich.“
„Nein Danke, ich habe wichtigeres zu tun.“
„Ach ja? Mein Mutter meint, du bist traurig, ein Spiel kann dich doch sicher wieder fröhlich machen. Komm schon, in der Sonne ist es besser als hier auf der Straße.“
„Ich bleibe ja nicht hier. Ich habe etwas Wichtiges mit jemandem, zu besprechen.“
„Du klingst so erwachsen. Aber du bist doch kaum älter als ich. Du bist doch auch noch ein Kind.“
„Ich glaube nicht, dass ich noch ein Kind bin, Gina“
„Doch das bist du. Komm mit, wir warten auf dich.“
„Vielleicht komme ich mal wieder zu euch, irgendwann. Aber jetzt kann ich wirklich nicht.“
Ich seufze. Warum kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich habe keine Energie für eine Diskussion. Und ich sehe die Enttäuschung in ihrem Blick bei der Abweisung. Sie hat mich immer gemocht. Aber was soll ich tun? Ich bin weder in der Stimmung, noch habe ich Zeit für ein Spiel. Sie wird es vielleicht irgendwann realisieren. Vielleicht sollte ich ihre Mutter bitten, dass sie ihrer Tochter sagt, dass sie mich in Ruhe lassen soll. Dass ich schon genug um die Ohren habe, als dass ich mich um so etwas kümmern könnte. Als hätte ich nicht andere Sorgen.
„Du musst kommen, irgendwann werde ich dich überreden.“
Mit diesen Worten verschwindet sie wieder im Wald und ich setze meinen Weg zur Halle fort. Wenn sie wüsste, wie es mir geht, sie würde mich nicht die ganze Zeit fragen. Sie meint, ich sei noch ein Kind, aber das glaube ich nicht. Ich habe mich schon die letzten Wochen nicht so gefühlt. Und jetzt? Wie soll ich noch ein Kind sein? Ich wünschte, ich wäre eines, glücklich und unbeschwert. Aber das geht nicht. Nicht ohne meinen Vater. Mein Vater, dieser wundervolle Mann. Nicht da, er ist weg, so lange schon. Und er wird nie wieder kommen. Bei diesem Gedanken schießen mir schon wieder die Tränen in die Augen. Nein, ich darf nicht weinen, ich muss stark sein. Ich kann das. Was bringt es, wenn ich weiter weine, wie ein kleines Kind. Nein, ich bin kein Kind mehr. Ich muss jetzt für mich alleine sorgen. Ich muss alleine klarkommen. Egal wie sehr mir andere helfen. Vor allem Maria ist für mich da. Aber am Ende bin ich doch nur alleine. Und es bringt ja auch nichts, wenn ich immer weiter an ihn denke. Es ist zu spät. Er ist tot, er ist weg, für immer. Die Regierung hat ihn hingerichtet, hat ihn umgebracht. Rache. Ich hasse dieses System so sehr. Ich werde es ihnen heimzahlen. Aber dafür kann ich kein Kind sein. Ich muss stark sein, etwas anderes bleibt mir nicht übrig.

Ich bin in der Mitte der Stadt. Die Halle, diese Steinhalle. Ich war die letzten Tage oft dort, bin zu all den Besprechungen gegangen, auch wenn ich nicht zu allen eingeladen wurde, aber ich glaube nicht, dass das irgendjemanden interessiert hat. Ich bin ja nur ein kleines, einsames Mädchen, das alles verloren hat, was sie je hatte.
Es spielt keine Rolle. Aber ich möchte dabei sein, möchte auch mit dafür sorgen, dass die Regierung ihre Strafe erhält. Sie hätten ihn nie töten dürfen. Sie haben ihn umgebracht. Tot, er ist tot, Ihretwegen. Ich kann an nichts anderes denken. Sie sollen sterben, sie alle. Sie alle hätten es verdient. Sie sollen auch merken, wie es ist, jemanden wichtigen zu verlieren. Sie sollen das alles fühlen, die Machtlosigkeit, die Wut, all die Schwere. Sie sollen sehen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Rache! Sie müssen dafür bezahlen.

Ich sehe die Steinmauern vor mir. Kälte, Dunkelheit, Tod. Tot, alles tot, er, hoffentlich bald auch sie. Der tote, dunkle Stein. Aber die Steine haben ihn nicht umgebracht. Es sind nicht sie, die auch mich gerade immer weiter umbringen. Nein, der Stein ist keine Gefahr, und trotzdem ist mir immer noch unwohl, als ich durch die Tür trete. Ich will hier nicht sein, aber ich muss. Ich habe gehört, sie haben einen Plan, sie wollen etwas tun. Und der Chef wird es heute verkünden. Ich muss dabei sein. Es sind nicht viele eingeladen, aber ich wurde informiert. Wenigstens nehmen sie ernst, dass ich bei dem Rachezug helfen will. Ich muss es tun. Ich weiß, dass es das ist, was mein Vater von mir wollen würde. Er muss gerächt werden. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Die Mauern sind so kalt, aber ich gehe aufrecht durch die Halle. Sie stürzen nicht ein, alles ist stabil. Die Steine werden nicht auf mich regnen, sie werden nicht mich zerstören. Aber hier drinnen wird der Plan entstehen, der sie alle töten wird. Ich kann es kaum erwarten. Ich trete zu den anderen, alles hohe Männer und Frauen. Es sind die, die Entscheidungen treffen. Und die, die bei irgendwelchen Missionen teilnehmen. Ich bin ein wenig verloren, ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Alle sind so viel älter als ich. Ich wünsche mir auf einmal, dass ich nicht hier wäre. Ich wünsche mir, mit Gina gegangen zu sein. Am Bach wäre ich jetzt unter anderen Kindern, ich könnte Spaß haben. Ich möchte ein Kind sein. Ich möchte einfach nur ein Kind sein. Ich möchte mit ihnen spielen, möchte dann nach Hause kommen und meinem Vater in die Arme fallen. Mein Vater. Ich will einfach nur, dass er da ist. Ich will, dass er neben mir steht, mir die Hand auf die Schultern legt und mir sagt, dass ich hier nichts zu suchen habe. Mein Vater, ich will seine Stimme hören, will in seine Umarmung. Ich will nicht die einzige sein, die in unserem Haus schläft in der Nacht, möchte nicht mehr wach im Dunkeln liegen, in der Stille, in der sein Schnarchen fehlt. Ich möchte nicht aufstehen, alleine frühstücken, alleine durch die Straßen ziehen, ohne zu wissen, was ich tun soll. Ich möchte nicht mit anderen reden, die mir alle sagen, wie leid es ihnen tut, die mir alle Hilfe anbieten. Aber ich brauche keine Hilfe. Ich brauche nur meinen Vater. Die letzte Woche war so grauenvoll. Schmerz, Einsamkeit, das ist alles, was ich noch fühle. Ich möchte die Zeit zurückspulen, ich möchte, dass alles so wird, wie es war. Alles weg, alles verloren, tot, er ist tot. Die Maria meint, sie sei froh, Gewissheit zu haben, sie hätte das Warten nicht länger ausgehalten. Aber mir geht es anderes. Ich wünschte, ich müsste weiter warten. Denn ja, ich würde ihn vermissen, aber ich hätte trotzdem noch die Hoffnung, dass er kommt. Ich würde da sitzen und daran glauben, dass er bald da wäre. Jetzt ist alles verloren. Ich weiß, er wird nicht kommen. Und ich halte es kaum aus.

Ich blicke die Steine an. Sie sind schon so lange da. In dieser Halle standen schon so viele Männer, Frauen, Kinder, die nun nicht mehr leben. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Aber die Steine überleben. Sie alle leben. Sie werden nicht untergehen. Diese Mauern bleiben bestehen. Es muss schlimm sein kein Ende zu haben. Der einzige Trost, den ich habe ist, dass ich nicht immer alleine sein werde. Dass all diese Schmerzen ein Ende haben werden, auf die eine oder die andere Weise. Und ich kann darauf hoffen, dass ich ihn wiedersehe. Vielleicht geht es nach dem Tod weiter, vielleicht kann er mich dort wieder in die Arme schließen. Ich kann es nur hoffen. Ich vermisse ihn so sehr. Ich vermisse meinen Vater. Alleine, einsam. Ich habe nichts mehr.

Ein Mann betritt die Halle. Mir wird klar, dass wir nur auf ihn gewartet haben, denn die Gespräche verstummen. Der Chef beginnt zu reden.

„Ich habe mich in den letzten Tagen mit einigen Menschen unterhalten, und habe verschiedenste Meinungen, von verschiedensten Menschen gehört. Heute wollen wir nun schlussendlich beschließen, was wird wegen de Hinrichtungen machen. Wir haben gute Männer und Frauen verloren, es sind tolle Personen von uns gegangen und wir müssen überlegen, was wir nun tun.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Und ich möchte alle aufzählen, damit wir dann beschließen, was die Beste ist. Auch hier wird es einige Diskussionen geben. Schlussendlich werden alle Erwachsenen in diesem Kreis abstimmen.“
Er sieht mich genau an. Er meint mich, ich bin das einzige Kind. Und er ist der Meinung, dass ich hier nicht mit abstimmen sollte. Ich bin zu jung, er traut mir nicht zu, dass ich für mich eine Entscheidung treffen kann. Aber nicht abstimmen heißt nicht, dass ich nicht mitreden kann. Und ich werde hier bleiben. Ich will hören, was die anderen zu sagen haben. Ich will helfen, irgendwie. Und vielleicht ist das hier die einzige Möglichkeit, wie ich es kann. Ich möchte Rache.

„Eine Möglichkeit, die wir ergreifen können wäre, nichts zu tun. Wir können vergessen, dass sie unserer Gemeinschaft Menschen genommen haben, weil wir nicht zurückschlagen wollen. Das wäre für uns das friedlichste, wir würden nicht das Leben von noch mehr Menschen aufs Spiel setzen, und vor allem würden wir der Bevölkerung nicht das Bild vermitteln, dass wir Rebell:innen grausam und unbarmherzig sind.
„Dann gäbe es die Möglichkeit zurückzuschlagen, und da wäre die Frage, auf welche Weise. Wollen wir sie verletzen, oder wollen wir nur ein Zeichen setzen? Wollen wir zeigen, dass wir nicht mit dem einverstanden sind, was sie tun, oder ist unser Ziel, sie wirklich zu verletzen, ist unser Ziel, so viele wie möglich umzubringen? Das wären in meinen Augen die Möglichkeiten. Ich wäre für die Zweite, ich habe schon einige Ideen gehört, wie man das umsetzen könnte. Aber auch für die anderen Vorgehensweisen gibt es Begründungen. Also, wenn jemand etwas zu sagen hat, dann soll er sich zu Wort melden.“

Ich stehe da, ein wenig überwältigt. Wie kann es sein, dass er sogar die Möglichkeit, gar nichts zu tun, mit einbezieht? Wir können nicht nichts tun. Das wäre einfach nur falsch. Es ist keine Option. Wir müssen Rache üben. Es ist das, was die Menschen verdienen, die gestorben sind. Sie haben die Unseren getötet, dann müssen wir sie töten. Es gibt keine andere Möglichkeit. Aber der Chef sieht es scheinbar anders. Ich kann das nicht verstehe. Und auch ein Zeichen zu setzen, was soll das bringen? Was wäre das für ein Vorteil? Ohne Gewalt, ohne Vergeltung, nein, mein Vater verdient mehr. Aber ich muss feststellen, dass scheinbar auch andere der Meinung sind, dass es eine gute Möglichkeit wäre, nur friedlich ein Zeichen zu setzen. Auf jeden Fall sprechen sich die meisten für diesen Vorschlag aus. Ein paar sagen auch, wir sollten nichts tun. Nur für den Widerstand mit Gewalt ist niemand. Ich kann es nicht verstehen? Warum? Wir sind doch gegen sie alle, und nun hätten wir einen Grund, loszuschlagen. Und auch wenn wir noch nicht bereit für den schlussendlichen Kampf sind, was hält uns davon ab, trotzdem mit Gewalt etwas zu tun? Wir müssen etwas tun. All die Personen um mich herum sind doch auch nur feige. Sie haben Angst, in einer Aktion selbst zu sterben. Aber das sollte uns nicht aufhalten. Rache. Ich muss meinen Vater stolz machen. Nur, dass sonst niemand so denkt.
Gibt es wirklich niemanden, der für einen wirklichen Rachefeldzug ist? Ich werde immer hoffnungsloser. Aber was kann ich dagegen tun. Ich bin nur ein kleines Mädchen, und was ich auch sage, sie werden mir doch noch nicht einmal zuhören. Und dann werde ich auch nichts erreichen. Aber das macht mich so hoffnungslos. Ich bin scheinbar alleine mit meinem Wunsch, und ich traue mich noch nicht einmal, das zu sagen. Es bringt ja auch nichts. Sie überlegen ja schon, was sie tun wollen. Diskutieren, ob Flugblätter gut sind, oder ein zentrierter Hackerangriff, der Nachrichten mit unserer Botschaft verschickt. Sie überlegen, wer diesen schreiben soll. Sie überlegen, wann der beste Zeitpunkt wäre, um zuzuschlagen. Mir ist klar, dass sie sich schon entscheiden haben. Niemand redet gegen ihre Pläne. Und so ist die Abstimmung sinnlos geworden. Sie stimmen ja noch nicht einmal ab. Ich kann es nicht begreifen. Es wird keine Rache geben. Mein Vater ist gestorben, und bis auf ein paar Texte wird das zu nichts führen. Texte, was wird das bringen? Die Menschen werden darüber lachen, werden die Blätter zerreißen, die Nachrichten löschen. Für sie sind wir doch nur Rebell:innen. Mein Vater hat mir immer erklärt, was sie von uns halten. Wir sind in ihren Augen Tiere. Mein Vater, er wäre so enttäuscht, aber er hätte den Mut, den Mund aufzumachen. Er würde versuchen, die anderen von seinem Standpunkt zu überzeugen. Ich wünschte, ich wäre wie er. Ich wünschte, er könnte hier sein. Und es wird noch nicht einmal Vergeltung geben. Ich kann es einfach nicht verstehen. Warum bin ich noch hier? Ich habe hier nichts zu suchen. Vielleicht bin ich einfach nur ein Kind. Ich bin nicht stark genug, um Rache für meinen Vater zu fordern. Vielleicht bin ich auch keine würdige Tochter. Er würde für mich kämpfen, das weiß ich. Aber ich kann es nicht. Ich bin zu schwach. Es tut mir leid, Vater.

Aber was kann ich auch tun? Ich sollte gehen. Ich bin gescheitert. Ich hatte gehofft, dass es auch andere gibt, die irgendwie so denke wir ich. Aber die gibt es nicht. Ich bin alleine, ganz alleine. Mein Vater, weg. Ich habe alles verloren. Rache, es war alles, worauf ich gehofft hatte, das wird mir in dem Moment klar. Aber es gibt keine Rache. Es wird keine Rache geben. Tränen schießen mir in die Augen. Ich blinzle sie weg. Ich habe versagt, aber das müssen sie nicht sehen. Ich frage mich, ob ich einfach gehen kann. Ich habe hier nichts mehr zu tun. Doch ich bleibe und höre mir weiter ihre Vorschläge an.
„Raven, möchtest du helfen, eine Text zu schreiben? Vielleicht kannst du deine Gedanken über deinem Vater beschreiben, wie es dir geht, all sowas. Vielleicht kann das ihr Mitleid erwecken.“
„Nein Danke, es wird sowieso nichts bringen, und ich möchte diesen Monstern nicht zeigen, wer ich bin. Sie würden nur lachen. Das ist es nicht wert.“
Ich drehe mich um, habe auf einmal wieder Tränen in den Augen. Versagerin. Ich muss weg hier, sie sollen nicht sehen, wie fertig ich bin. Mit schnellen Schritten verlasse ich die Halle. Doch unter dem Eingangstor spüre ich auf einmal eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehe mich um. Es ist Niklas, Marias Sohn.
„Du willst Rache, oder Raven?“
Ich stehe unter dem Steinen, Steine, Dunkelheit, Tod. Er ist tot, sie haben ihn getötet.
„Ja, da möchte ich.“
„Dann werden wir uns rächen.“





„Kommst du heute wieder mit in den Park, Mira? Sophie hat mich gebeten, zu kommen. Es geht scheinbar um etwas Wichtiges, irgendetwas mit Johann.“
„Johann? Ist das der Verrückte, der mit den Rebell:innen sympathisiert?“
„Ja, das ist er.“
„Was ist denn mit ihm?“
„Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Aber ich denke, wir könnten mehr erfahren, wenn wir Sophie treffen.“
„Dann lass uns gleich gehen, ich brauch nur fünf Minuten, dann bin ich bereit.“

Wieder der gleiche Weg durch die Häuser. Die Sonne scheint, glitzert im Glas. Es ist schon wieder ein sehr sonniger, schöner Tag. Aber ich kann nicht aufhören nachzudenken, was passiert sein soll. Johann hat so seltsam geredet. Hat er beschlossen, sich den Rebell:innen anzuschließen? Das allein wäre ja kein Problem. Es ist mir egal, was er macht. Aber was ist, wenn die Regierung es weiß. Ihnen ist sicher auch bekannt, mit wem er alles geredet hat. Und wenn auch nur der Verdacht besteht, dass wir seine Denkweise teilen, könnte es zu Problemen führen. Natürlich, wir würden nicht gleich eingesperrt werden, oder so. Aber es könnte später zu Schwierigkeiten führen. Es könnte unsere Zukunft negativ beeinflussen. Und das ist das Letzte, was ich gebrauchen könnte. Ich habe schon genug Probleme mit meinen Eltern. Ich bin sowieso schon nicht gut genug für sie. Ich erfülle ihre Erwartungen bei weitem nicht. Und dann muss ich es ja nicht noch verschlimmern. Denn ich möchte mein Leben nicht komplett ändern. Und dafür würden sie sorgen. Ich hoffe, dass Johann sich nichts Schlimmes zuschulden kommen lassen hat. Und wenn, dass ich keine Konsequenzen dafür tragen muss. Ich meine, es ist schon zwei Wochen her, dass wir geredet haben. Vielleicht kommen wir ja noch einmal davon. Und vielleicht ist ja auch gar nichts Schlimmes mit ihm. Ich habe nur dieses schlechte Gefühl …

Irgendetwas ist anders im Park. Es ist ziemlich viel los, normal bei dem schönen Wetter, aber die Stimmung ist nicht so unbeschwert wie sonst. Ich frage mich, was los ist, kann mir aber nichts vorstellen. Es ist auch nicht überall das Gleiche, aber immer wieder sehe ich Jugendliche, die sich über etwas beugen, und zum Teil laut darüber reden. Und ich sehe einige aufgeregte Gesichter. Auch der Wachmann scheint besorgter. Was kann nur los sein? Und warum habe ich bis jetzt noch nichts mitbekommen? Mein schlechtes Gefühl wird immer schlimmer. Ich kann nicht sagen, was passiert ist, aber ich hoffe, dass es keine Auswirkungen auf mich hat und vor allem nichts mit mir zu tun hat, in keinster Weise. Wüsste ich nur, was los ist.

Schließlich sind wir am Bach. Sophie ist schon da, neben ihr sitzt Leon. Sie sind nur zu zweit auf dem Stein.
„Hannah, Mira, da seid ihr ja. Wir müssen uns unbedingt unterhalten, beziehungsweise müssen wir euch etwas erzählen.“
„Was ist denn, es klang vorhin wirklich dringen. Und warum hast du mir nicht gleich genauere Informationen gegeben? Warum die Geheimniskrämerei?“
„Ich konnte es nicht genauer sagen. Es wäre zu gefährlich.“
„Jetzt bin ich gespannt. Also, schieß los.“
Hanna setzt sich auf den Stein und ich nehme notgedrungen neben ihr Platz. Etwas Gefährliches. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich wissen will, was los ist. Ich meine, schlechte Nachrichten kann ich nicht unbedingt gebrauchen, und ich kann auch ohne überleben. Aber ich kann jetzt auch schlecht gehen.
„Es liegt wirklich in euerer Verantwortung. Die Information ist nicht ungefährlich, es kann euch nur schaden, sie zu erhalten. Ich werde sie euch nicht vorenthalten, aber es ist eure Entscheidung. Ihr könnte gerne gehen. Ihr könntet euch in Gefahr begeben. Und ihr müsst uns versprechen, niemandem zu sagen, was wir euch erzählen, beziehungsweise zeigen. Und auch wenn es im ersten Moment nicht so schlimm scheint, ihr müsst trotzdem vorsichtig sein. Vor allem, wenn ihr euch eine Meinung dazu bildet, die nicht so ganz den Wünschen der Regierung entspricht.“
„Jetzt rede nicht ewig drum herum. Ich bin bereit zu hören, was ihr zu sagen habt. Irgendwie werde ich es sowieso herausfinden, was auch immer es ist. Ich bin diesen Weg nicht umsonst gekommen.“
Ich möchte Hanna widersprechen, aber ich traue mich nicht. Und ich bin selbst etwas zu neugierig, dass ich jetzt gehen könnte. Gefährlich, es ist also das, von dem ich eben gehofft hatte, dass es nicht eintritt. Aber vielleicht ist es nicht zu schlimm. Ich kann nur hoffen, dass es mir nicht schaden wird.
„Also gut. Aber ihr wisst es nicht von uns.“
„Jetzt schießt los.“

„Johann ist verschwunden, ich habe gehört, dass er festgenommen wurde.“
Leon ist es, der beginnt zu reden.
„Es sind wohl heute Morgen Polizist:innen in die Wohnung seiner Familie gekommen und haben ihn mitgenommen.“
„Und das überrascht dich? Er hat sich kritisch geäußert. Kein Wunder, dass sie irgendwann auf ihn aufmerksam werden.“
Ich verstehe nicht, was an alldem besonders sein soll. Man hört doch fast täglich von Festnahmen und Hinrichtungen. Wer sich nicht fügt, muss eben leiden, so ist es. Und das ist nur gerecht. Wir alle hören doch immer wieder von Vorfällen und alles, was wir tun können, ist zu hoffen, nicht damit in Verbindung gebracht zu werden.

„Ja, natürlich, so kann man es sehen. Aber warum so plötzlich? Und das ist ja auch noch nicht alles. Kurz danach kamen Polizist:innen zu uns und auch zu allen Nachbarn. Sie haben uns gebeten, unsere Briefkästen auszuleeren, haben den Inhalt durchsucht und einen bestimmten Zettel mitgenommen. Ich konnte nicht sehen, was genau es war, woher er kam, aber viele müssen ihn erhalten haben. Und es muss etwas sein, was niemand lesen sollte. Sonst hätten sie nicht so reagiert.“
Ich sehe ihn überrascht an. Er hat recht. Natürlich weiß ich, dass bei verdächtigen Personen oft die Post durchsucht und Briefe gelesen werden. Aber dass ganze Häuser beobachtet wurden, kam noch nicht vor, auf jeden Fall nicht, dass ich wüsste.
„Auf dem Zettel muss wirklich etwas Außergewöhnliches geschrieben worden sein, dass sie sich den Aufwand machen.“
„Nicht nur das. Die, die die Post schon geleert hatten, wurden befragt und die meisten von ihnen dann mitgenommen. Als wollten sie verhindern, dass irgendwer die Nachricht kennt.“

„Wie dem auch sei.“
Sophie beginnt nun zu sprechen. Ich bin gespannt, was sie noch zu erzählen hat. Es ist wirklich überraschend, was vorgefallen ist, auch wenn ich mir noch nicht so richtig einen Reim draus machen kann. Aber vielleicht verstehe ich auch noch, warum das alle passiert.
„Bei uns waren die Polizist:innen nicht so schnell. Ich habe heute Morgen diesen Zettel gefunden.“
Sie hält ein Blatt Papier in die Luft.
„Andere Nachbarn hatten den Sicherheitsleuten klargemacht, dass hier niemand diese Post bekommen haben soll. Zu dem Zeitpunkt waren alle Kästen schon geleert und niemand hat etwas verraten.
„Was steht drauf?“
Hannah klingt aufgeregt, und auch ich will die ganze Geschichte erfahren.
„Er ist scheinbar von Rebell:innen. Es wurden wohl einige ihrer Anhänger vor ein paar Wochen gefangen genommen, gefoltert, und schließlich hingerichtet. Sie sind damit nicht einverstanden und klagen mit diesem Zettel den Staat an, nennen die Regierung Mörder und wollen uns scheinbar zeigen, wie grausam wir sind.“
„Und sie glauben, das wird auf Gehör stoßen? Die Rebell:innen sind doch genauso grausam. Sie haben schon so viele von unseren Leuten getötet in ihren seltsamen Missionen sie wollen uns unser perfektes Leben zerstören. Da verdienen sie es doch, dass einige ihrer Leute getötet werden. Sie sind eine Gefahr für uns, und dementsprechend muss die Regierung reagieren.“
Ich verstehe wirklich nicht, was sie haben. Sophie hält ein Propagandablatt der Rebell:innen in der Hand. Was ist ihr Ziel? Steckt sie mit Johann unter einer Decke? Ist sie auch eine Sympathisantin und möchte uns nun auf diesem Weg überzeugen, weil wir bis jetzt nur über die Rebell:innen gelacht haben?
„So kann man es auch sehen. Aber es ist doch schon grausam, sie gleich hinzurichten, ohne, dass sie sich verteidigen können. Und Johann wurde auch einfach festgenommen.“
„Ja, weil sie eine Gefahr sind. Bist du auch eine Rebellin? Wolltet ihr deshalb dieses Gespräch? Ich bin davon überzeugt, dass das, was passiert, richtig so ist.“
„Aber dafür sie zu töten? Wie dem auch sei. Es geht ja nicht nur darum. Um ehrlich zu sein, nimmt dieser Punkt nur einen kleinen Teil ein. Lest euch da Blatt einfach durch.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob es so gut wäre, über so etwas Bescheid zu wissen.“
Endlich mischt sich auch Hannah mit ein. Sie muss auf meiner Seite sein. Ich bin mir sicher, dass sie meine Überzeugungen teilt.
„Lest es einfach, bitte. Es würde euch vielleicht auch einige Fragen beantworten.“
„In Ordnung,“
Sophie reicht mir das Blatt und ich halte es vor Hannah und, mich, dass wir es beiden lesen können. Es ist mit großer Schrift beschrieben, der Text ist nicht unfassbar lange. Ich beginne zu lesen.

Das System, in dem ihr lebt, besteht seit Jahrhunderten. So lange lebt ihr schon darin, dass ihr nicht wisst, wie es vorher war. Die alte Ordnung im Staat, die ihr nicht vermissen könnt. Aber die, die darüber Bescheid wissen, tun es. Es war so viel gerechter, jeder konnte sagen, was er wollte, ob Zustimmung, oder Kritik. Jeder hatte die gleichen Rechte. Und selbst für das größte Verbrechen, konnte niemand hingerichtet werden, wie unsere Freunde, die auch nur für die Freiheit gekämpft haben. Freiheit, FREIHEIT, etwas Wichtiges in dieser alten Welt, diesem alten System. Es war nicht perfekt, aber es war gerechter, friedlicher, freier. Für diese Welt kämpfen wir. Und wir hoffen, dass ihr mit uns kämpft.

Ich sehe nachdenklich auf. Der Inhalt ist wirklich ganz anders als erwartet. Ich bin ein wenig überwältigt. Es klingt so friedlich, so hoffnungsvoll, die beschriebene Welt so perfekt. Aber wie kann ein solches System existiert haben? Wenn es so perfekt war, warum gibt es das dann heute nicht mehr? Es kann so nicht sein, all diese Versprechungen sind leer. Diese bessere Ordnung kann so nicht funktionieren. Jeder kann sagen, was er will, wie soll das denn Sinn ergeben? Soll jeder frei sein, tun und lassen, was er will? Aber am Ende kann nicht jeder seinen Willen bekommen. Ein solcher Staat würde nicht lange bestehen, die Freiheit würde ihn auseinanderreißen. Es ist wirklich nur Propaganda, um die Rebell:innen in ein besseres Licht zu rücken. Aber sie wollen keine Freiheiten. Keinen Frieden. Das einzige Ziel der Rebell:innen ist es, alles in großes Chaos zu stürzen. Ich darf mich davon nicht überzeugen lassen. Sie haben ganz sicher nichts Gutes im Sinn. Ich bin klüger als sie. Sie werden mich nicht beeinflussen. Ich habe in der Schule die Wahrheit gelernt.

„Also, was sagt ihr?“
Sophie sieht uns erwartungsvoll an.
„Ich möchte damit nichts mehr zu tun haben. Wir gehen, komm Mira.“
Ich kann Hannah nur zustimmen und stehe auch auf. Hannah ist verwirrt, so wie ich. Aber auch ihr ist sicher klar, dass es nur Honig ist, den sie uns ums Maul schmieren. Und, dass sich in diesem Text nicht ein Funken Wahrheit befindet. In diesem System geht es uns gut. Wir haben alles, hatten es schon immer. Uns wird ein perfektes Leben versprochen, und das erhalten wir. Wer braucht Freiheit? Es würde Streit geben, Kämpfe. Hier ist alles sicher. Die Wachleute passen auf, dass nichts passiert. Ich weiß, dass ich einmal gut leben kann, dass ich immer genug zu esse haben werde, und nie in Gefahr leben werde. Ein wenig tun mir die Rebell:innen ja leid. In der Schule haben wir gelernt, dass sie unter ärmlichen Verhältnissen im Schmutz leben, dass sie oft hungern, und nichts haben. Das ist kein Leben, das man führen will. Ich bin so froh hier zu sein. Sie sind nur neidisch, die Rebell:innen sind nur neidisch. Auch das haben meine Lehrer:innen gesagt.

Doch auf einmal kommt mir ein Gedanke. Was, wenn es falsch war? Was, wenn alles, was ich gelernt habe, alles, woran ich glaube doch eine Lüge ist? Wenn mir die Regierung von meiner Geburt an einredet, was gut ist und was schlecht, bis ich begonnen habe, es zu glauben? Ich glaube es ja. Alles, was die Lehrer:innen sagen, alles was Mitarbeiter:innen der Regierung sagen, nehme ich so hin. Und sobald jemand den Startpunkt von Kritiker:innen, von Rebell:innen erwähnt, verteidige ich es. Aber was, wenn ich in einer riesigen Lüge lebe? Was, wenn dieser Staat mit Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden doch funktionieren kann, und ich gefangen bin, in einem System, das genau das Gegenteil will? Was, wenn die Rebell:innen recht haben?





„Raven, komm mit. Wir müssen sprechen.“
Ich drehe mich um, als ich das Wispern höre. Es ist Niklas. Er bedeutet mir mit einer Handbewegung, ihm zu folgen, also stehe ich auf.
Es wird immer wärmer, aber hier im Wald ist es angenehm kühl. Und ich habe es endlich geschafft, eine Stelle zu finden, an der nicht so viele Menschen sind. Ich bin zwar nicht mehr am Bach, aber dafür kommt kaum jemand in dieses Gebüsch, auf jeden Fall nicht bis zu der Lichtung, zu der ich mich die letzten Wochen immer wieder zurückgezogen habe. Niklas hat mich auch nur gefunden, weil ich ihm erklärt habe, wo ich bin. Falls es irgendwelche Neuigkeiten gibt. Bis jetzt habe ich aber nicht viel von ihm gehört, außer, dass er an einem Plan arbeitet. Aber er wollte mir noch nicht davon erzählen, zu meiner Sicherheit, wie er meint. Vermutlich hat er Angst, dass ich einen Rückzieher mache, und irgendwem alles verrate. Aber das werde ich nicht, niemals. Rache, das ist alles, an das ich wirklich denken kann. Ich möchte Vergeltung, zu jedem Preis. Je mehr von ihnen sterben, desto besser. Und ich bin froh, dass Niklas es genauso sieht. Alleine könnte ich nie etwas ausrichten, aber mit ihm zusammen finde ich vielleicht eine Lösung. Und ich glaube, er hat auch noch ein paar andere rekrutiert. Wir sind nicht die einzigen, die Angehörige verloren haben. Darunter sind auch junge Menschen. Ich habe bemerkt, dass die Älteren einfach damit umgehen, wie kann ich nicht sagen. Aber sie machen einfach weiter. Als wäre es alltäglich, dass so viele ermordet werden. Ich finde es schlimm, aber vielleicht haben sie sich einfach daran gewöhnt. Aber die Jüngeren wollen etwas dagegen tun. So wie ich. Wir wollen die Rache, weil es der einzige richtige Weg ist. Die Älteren haben doch nur Angst. Sie haben Angst, die nächsten zu sein, die ermordet werden. Ich kann es auch verstehen, aber die Rache ist mir wichtiger. Mein Vater hätte es gewollt. Mein Vater, ich spüre einen Stich in meiner Brust. Die Tränen steigen auf, wie immer, wenn ich an ihn denke. Aber ich weine nicht, nicht jetzt, nicht am Tag. Wenn ich nachts alleine liege, kann ich weinen, wenn mich niemand hört. Aber jetzt muss ich stark sein. Niklas würde mich sicher nicht helfen lassen, wenn ich die ganze Zeit heulen würde. Ich wäre so ganz sicher keine Hilfe. Aber ich möchte helfen, ich möchte meinen Teil zu der Rache beitragen.

Schweigend laufen wir durch den Wald. Ich bin ein wenig überrascht, dass wir niemandem begegnen. Alle, die es irgendwie einrichten können, sind hier. Für die meisten ist der Weg hierher kürzer als zum Berg oder zum Rand des Dorfes. Mein Vater hat mich einmal auf den Berg mitgenommen, aber im Winter. Der Boden war schneebedeckt, es war ein wundervoller Tag. Wir sind noch in der Nacht losgegangen, der Mond hat den Schnee zum Leuchten gebracht. Als wir langsam den Berg hinaufgestiegen sind, ist die Sonne aufgegangen. Es war so wundervoll. Das rötliche Licht, keine Wolken am Himmel. Als der Tag begonnen hatte, ist der Himmel zugezogen. Doch zum Mittag haben wir es über die Wolken geschafft. Es war eine weiße Decke unter uns, undurchsichtig. Und über uns war der Himmel strahlend blau. Die Sonne hat geschienen. Und der Schnee hat geglitzert. Es war zauberhaft, wunderschön, und wir waren ganz alleine, nur mein Vater und ich.
Er hat mir versprochen, dass wir es noch einmal tun würden. Er hat versprochen, dass es nicht der einzige zauberhafte Ausflug sein würde. Aber wir sind nie wieder auf den Berg gegangen. Nie wieder waren wir dort oben. Er hatte nie Zeit, war immer nur müde, hatte zu viel zu tun. Immer hat er gesagt, nächsten Jahr. Und ich habe ihm geglaubt, ich habe darauf vertraut, dass wir noch einmal ist oben auf dem Gipfel stehe würden, abgetrennt von der grausamen Welt, nur wir beide. Und jetzt ist es zu spät. Selbst wenn ich noch einmal den Berg besteigen werde, er wird nicht dabei sein. Zu spät sie haben ihn mir genommen. Rache.

Schließlich erreichen wir eine weitere Lichtung. Sie muss tief im Wald liegen, hier war ich noch nie. Der Wald ist schließlich groß, und es gibt einige Wege, und Plätze, auf denen man sich gut aufhalten kann. Warum also den Wald durchsuchen? Und als kleine Kinder durften wir auch nie so weit. Es sollen wohl wilde Tiere hier sein. Ich habe noch nie welche gesehen. Vermutlich ist es ein Märchen, damit sie uns immer wiederfinden. Aber ich wünschte, ich wäre öfter tiefer in den Wald gegangen, hätte öfter die Einsamkeit gesucht. Was es hier alles für Orte gibt. Vor uns ist eine Hütte. Niklas betritt sie und ich folge ihm.

Meine Augen brauchen ein wenig, bis sie sich an das dunkle Licht gewöhnt haben. Es gibt nur ein Fenster und die Tür, keine anderen Lichtquellen. Die Hütte besteht nur aus einem Raum. Ich erkenne, dass der Eingang gar keine richtige Tür ist, nur eine Lücke im Holz, genauso wie das Fenster. Das erklärt vermutlich, warum auch der Boden verwittert ist. Und auch die Wände sehen brüchig aus, genau wie die Decke. Vermutlich sollte ich mir Sogen machen, weil das alles einstürzen könnte, aber aus irgendeinem Grund fühle ich mich geborgen. Es ist das Holz, es ist nur Holz um uns herum, keine Steine. Und auch wenn es keinen Grund gibt, mich sicher zu fühlen, ich tu es. Holz ist anders als Stein. Holz ist warm, Holz bietet Schutz, ohne zur Gefahr zu werden.
Auf dem Boden in der Hütte sitzen junge Männer und Frauen, insgesamt sind wir zu zehnt. Ich kenne sie alle. Wie gedacht, sind es Angehörige von den Ermordeten. Niklas hat sie also angeheuert, und wir zusammen wollen Rache. Ja, es scheinen auf den ersten Blick zu wenige zu sein, um wirklich einen Plan umzusetzen, aber ich hoffe, dass wir es trotzdem hinbekommen.
Ich setze mich zu den anderen in den Kreis, sehe mich noch einmal genauer um und muss festgestellten, dass ich die jüngste hier bin. Ich frage mich, ob das irgendeinen Einfluss hat, ob die anderen mich hier überhaupt akzeptieren, oder mich einfach nur aus Mitleid dabei sein lassen, wie bei den ganzen Besprechungen mit dem Chef. Aber im ersten Moment kann ich keine Ablehnung erkennen. Ein paar von ihnen nicken mir freundlich zu, andere beachten mich gar nicht. So viel älter sind sie alle auch nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, sollte ein Mädchen siebzehn sein, ein Junge ist gerade achtzehn geworden. Die anderen sollten um die zwanzig sein. Aber niemand ist wirklich alt. Das überrascht mich nicht. Ich frage mich wirklich, warum niemand von den Älteren Rache will, ich verstehe es einfach nicht. So anders als wir können sie doch nicht denken. Aber scheinbar ist ihnen Vergeltung nicht so wichtig. Oder sie sind zu ängstlich.

„Da wir nun vollzählig sind, möchte ich euch erklären, was ich mir überlegt habe.“
Niklas reißt mich aus meinen Gedanken.
„Wir alle wollen Rache nehmen, für den Mord an unseren Verwandten. Sie wurden gefoltert und getötet, von der grausamen Regierung, und anstatt Rache zu nehmen, haben die leitenden Personen in diesem Dorf keine bessere Idee, als Flugblätter zu verteilen. Es ist eine feige, nutzlose Lösung. Wir wollen richtige Rache. Wir wollen, dass es der Regierung leid tut, unsere Leute getötet zu haben. Wir sind uns da alle einig. Und so wollen wir Rache ausüben, wir zehn, die verstehen, wie wichtig es ist. Alles, was wir hier besprechen, muss unter äußerster Geheimhaltung stehen, ihr dürft die Gruppe nicht einmal erwähnen. Der Chef würde nur etwas dagegen unternehmen wollen, und unser Plan wäre gefährdet. Niemand darf davon wissen. Und ich muss sagen, dass die Umsetzung gefährlich werden könnte, ja, vermutlich sogar gefährlich sein wird. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir für die Rache mit unserem Leben bezahlen. Wer sich also dafür nicht mit verantworten will, verlässt diesen Raum. Niemand wird euch das zum Vorwurf machen, ihr könnt wirklich gehen, wenn ihr wollt. Das ist eure letzte Möglichkeit.“

Ich sehe mich in der Runde um, aber niemand steht auf, alle bleiben. Ich muss sagen, dass ich froh darüber bin. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie wir mit noch weniger Leuten unsere Rache bekommen könnten.
„Also gut. Ich habe mir einen Plan überlegt, den wir umsetzen können. Dafür nutzen wir ironischerweise die Aktion des Chefs aus. Ich habe mich in den letzten Wochen umgehört, war bei Besprechungen dabei, und habe versucht, an Informationen zu kommen.“
Ich senke meinen Blick. Vielleicht hätte ich das auch tun sollen. Vielleicht wäre das ein Weg gewesen, zu helfen. Es hätte niemanden gewundert, und ich hätte mir auch etwas überlegen können. Stattdessen habe ich nichts gemacht. Ich saß den ganzen Tag herum, habe über alles mögliche nachgedacht. Ich habe auf dem Feld geholfen, wenn ich das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen. An die Rache habe ich immerzu gedacht, aber nie daran, wie man sie umsetzen könnte. Ich hätte so viel tun können, aber ich habe alles Niklas und den anderen überlassen. Warum? Aber jetzt ist es sowieso zu spät. Und scheinbar hat er auch ohne mein Zutun einen Weg gefunden.

„Die Regierung geht gegen die Flugblätter mit überraschender Härte vor. Alle sollen aus dem Umlauf gebracht werden, scheinbar haben sie ihre Leute weniger gut im Griff als sie dachten, einige Sympathisant:innen wurden festgenommen, vor allem die, die Blätter verbreitet haben. Zum Glück wurden nicht alle gefunden. Aber sie haben auch einfache Bürger:innen verhaftet, wenn sie Blätter bei ihnen gefunden haben. Und vor allem um ihre Jugend macht sich die Regierung Sorgen. Die jungen Erwachsenen lassen sich wohl leichter beeinflussen und von den Blättern überzeugen, auf jeden Fall habe ich das gehört. Ob es stimmt, kann ich nicht sagen. Doch die Regierung ist besorgt genug. In einem Monat werden im ganzen Land Kundgebungen stattfinden. Es ist eine Veranstaltung der höchsten Personen der Regierung. Und die Jugendlichen müssen dabei sein. In jeder etwas größeren Stadt wird es große Menschenmengen geben, Jugendliche, die sich vor riesigen Bildschirmen drängen. Es soll so öffentlich wie möglich sein. Und dort werden wir zuschlagen.“
Niklas macht eine Pause. Dann beginnt er wieder zu sprechen, allerdings etwas leiser.
„In der Nähe von hier liegt eine Stadt. Sie ist nicht so groß wie sie meisten, aber es leben einige Einwohner:innen darin. Und wir können relativ schnell dorthin gelangen. Außerdem gibt es dort viel weniger Sicherheitsbeamt:innen als in anderen Städten. Vor allem, weil es an größeren Orten Aufstände geben soll, dort aber nicht. Heißt, die Stadt wird eher unbewacht sein. Ich habe genaue Informationen bekommen, habe einen Plan der Stadt und einen der Veranstaltung. Es wird in einer Arena stattfinden, die früher für Sport genutzt werden. Dort drinnen werden sich die Jugendlichen versammeln. Und wir werden dort Bomben legen, werden Sprengkörper verstecken, in der Nacht davor. Diese werden wir zünden, wenn genug Leute da sind. Es wird unzählige Verletzte geben, viele Tote. Das wird unsere Rache sein.“
„Und das wird funktionieren? Was, wenn jemand uns bemerkt, was, wenn es einen Zwischenfall gibt? Wenn sie die Sprengkörper finden?“
Ich kann nicht erkennen, wer im Kreis gesprochen hat, aber ich muss dieser Person zustimmen. Der Plan klingt sehr lückenhaft.
„Ich weiß, es scheint ein wenig willkürlich und ungeplant, aber ich habe genauere Pläne, wollte euch noch nicht alles erklären. Ich denke, es ist am besten, wenn jeder nur erfährt, was er wissen muss, für den Fall, dass jemand aufgegriffen wird. Damit er unter Folter nicht alles erzählen kann. Informationen haben wir genug, und der Plan wird funktionieren. Ich habe alles genau überlegt. Und wie gesagt, es wird nicht so große Sicherheitsvorkehrungen geben. Sie rechnen nicht mit uns. Und die Stadt ist zu unwichtig, um als Angriffsziel eingestuft zu werden. Unser Vorteil. Restrisiko besteht natürlich immer. Aber wir werden schon dafür sorgen, dass alles gut geht.
Wir müssen nur die Rollen verteilen. Es wird verschiedenen Aufgaben geben. Einige gefährlicher als andere. Wir sind nur zehn. Jeder wird etwas zu tun haben. Erst einmal müssen wir Vorbereitungen für die Reise treffen, in zwei Tagen müssen wir spätestens aufbrechen, um sicher rechtzeitig zur Stadt zu kommen. Wir brauchen genug Lebensmittel, etwas zu trinken, Schlafsäcke, all das.“
„Wie kommen wir an Sprengkörper?“
„Ich habe eine Quelle gefunden. Wir werden auf unserem Weg welche holen können. Ich habe schon Kontakt aufgenommen.“
Ich bin ein wenig überrascht, wie viele Gedanken sich Niklas schon gemacht hat. Er hat alles genau überlegt. Ich bin ein wenig dankbar dafür. Ich vertraue ihm, wenn er sagt, dass der Plan funktionieren wird, dann wird er funktionieren. Und wir werden eine tiefe Wunde schlagen. Der Angriff wird ein Zeichen sein. Wir werden ihre Kinder töten. Nicht alle natürlich, aber es werden genug sein, damit sie sehen, wie falsch ihre Taten wären. Sie haben mir meinen Vater genommen. Jetzt sollen sie ihre Jugendlichen verlieren.

„Aber sich darum zu kümmern ist nicht das einzige. Die meisten werden mit zur Reise aufbrechen. Wir brauchen welche, die unser Lager bewachen, manche müssen Sprengkörper verteilen, andere Wache stehen. Und schlussendlich muss jemand den Zünder bedienen, und andere kontrollieren, ob alles funktioniert. Die Rollen können wir auch unterwegs verteilen, die Frage ist, ob jemand hier bleiben möchte. Auch der wird Aufgaben haben, wir brauchen eine Geschichte, warum wir verschwunden sind, sonst werden sie Verdacht schöpften. Also, will jemand nicht mitkommen?“
Drei Jungen melden sich. Sie alle gehören zu den Jüngeren. Niklas lächelt. Er scheint erleichtert zu sein. Dann sieht er mich an.
„Raven, du bist die jüngste von uns. Bist zu sichern, dass du mitkommen willst?“
Also doch. Jetzt ist mein Alter doch ein Problem. Aber ich kann nicht hierbleiben. Ich möchte meine Rache sehen.
„Ja, ich möchte mitkommen.“
„Du weißt, es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir alle sterben.“
„Und wenn, was macht das schon. Ich habe alles verloren, mein Leben ist nichts mehr wert. Ich möchte Rache, und ich möchte dabei sein.“
„Also gut. Dann lasst uns die Einzelheiten besprechen.“
Ich muss lächeln. Ich bin also dabei. Und ich werde meine Rache bekommen. Sie werden es bereuen, sie alle werden es bereuen.





Die Nacht ist sternenklar. Der Himmel ist schwarz. Doch die Wiese ist voller Lichter. Es ist eine Party, so wie immer. Jugendliche sitzen oder stehen auf der Wiese, tanzen, trinken, reden. Es ist laut, überall sind Lichter. Eine einfache Party, nicht besonders oder auf irgendeine Weise wild. Es ist wunderschön. Die Bäume wiegen sich leicht im Wind, die Musik ist gut, und niemand sucht Streit. Jeder ist glücklich. Es ist der ruhige Punkt erreicht, niemand will noch Action, aber es will auch noch niemand nach Hause. Und so sind auf der Wiese hunderte Jugendliche, die einfach nur glücklich sind. Unterschiedlich, sie kennen sich gegenseitig nicht, reden doch miteinander. Freundschaften entstehen, Romanzen bahnen sich an. Die Luft ist warm, aber es ist nicht mehr so heißt wie am Tag. Die Sterne, der Himmel, es ist so schön.
Auf einmal sind Schritte zu hören. Menschen kommen den Weg entlang, sie sehen aus wie Soldat:innen, Soldat:innen in voller Rüstung. Sie marschieren im Gleichschritt, eine Reihe nach der anderen. Sie sind auf allen Seiten und kommen auf die Wiese zu. Auf einmal ist alles still, die Musik wird abgedreht, niemand spricht noch ein Wort, dann bricht das Chaos aus.
Stimmen schwirren durch die Nacht, verwirren sich, Lärm entsteht. Schreie erklingen, angsterfüllt. Und dann beginnen die ersten zu rennen. Sie fliehen, wie fliehen, alle wollen weg von den Soldat:innen, die immer näher kommen. Sie suchen Schlupflöcher, huschen durch die Bäume, bis sie den Rand des Parks erreichen, klettern über den Zaun. Nur um dort noch mehr Soldat:innen gegenüberzustehen. Kaum einer entkommt. Manche verstecken sich, klettern auf Bäume, laufen an die abgelegensten Orte im Park. Andere versuchen doch noch, eine Lücke zu finden. Aber es gibt keine. Der Park ist umstellt, der ganze große Park, überall sind Soldat:innen, woher auch immer sie kamen. Ein paar Wenige versuchen sich durch die Reihen zu drängen, laufen auf die Bewaffneten zu, stoßen sie zur Seite, aber sie werden alle zurückgedrängt. Wir sind eingesperrt, wir alle sind eingesperrt, und sie kommen immer weiter auf und zu. Geflohene werden zurückgedrängt, die Gebliebenen umstellt. Und dann stehen sie dort. Hunderte verängstigte Jugendliche. Niemand traut sich, etwas zu sagen, die Schreie sind verstummt. Sie alle stehen still da, warten, was passiert. Es ist so ruhig, eine unangenehme, angespannte Stille. Sie stehen alle da, zusammengedrängt, und die Soldat:innen beginnen, durch die Menge zu gehen, sehen jedem ins Gesicht, sie scheinen etwas zu suchen. Und wir stehen da, eingesperrt. Eingesperrt durch die Macht des Staates. Wir können nirgendwo hin. Und niemand weiß, was eigentlich hier passiert. Niemand weiß, warum die Soldat:innen dort sind, niemand weiß, wer sie sind. Es ist eine riesige Armee, die sie nun durchsucht.
Dann ziehen sie sich zurück, verschwinden, einer nach dem anderen. Und mit ihnen gehen die Jugendlichen, wollen auch einfach nur weg. Sie haben Angst, sie wissen nicht, was passiert ist. Es gibt keine Unruhen, dafür sind alle gut genug erzogen. Jeder tut, was er tun soll. Er leert sich der Park. Und von der ruhigen Party ist nur noch Stille übrig. Wolken sind am Himmel aufgezogen, er ist komplett bedeckt. Kein Stern ist mehr zu sehen.


Schnell atmend schrecke ich auf. Nur ein Traum. Es war nur ein Traum. Nur ein einfacher, schrecklicher Albtraum. Aber es hat sich so echt angefühlt. Es war so real.
Ich liege hier in meinem Bett, in meinem Zimmer. Alles ist dunkel. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr. Es ist noch mitten in der Nacht. Alle ist in Ordnung. Nur ein Traum. Aber ein erschreckender Traum. So real. Ich habe Angst. Ich glaube eigentlich nicht an Übernatürliches. Aber was, wenn der Traum etwas zu bedeuten hat? Ich zweifle schon seit einiger Zeit immer und immer wieder am System. Und was, wenn dieser Traum der Beweis ist, dass das System doch nicht so gut ist? Nein, ich sollte mich beruhigen. Die Rebell:innen haben nicht recht. Das können sie gar nicht. Alles, was mir je erzählt wurde, spricht dagegen. Und dieser Traum hat auch nichts zu bedeuten. Er spiegelt nur meine Zweifel wider. Die Regierung will uns ganz sicher nichts Böses. Sie wollen uns nur beschützen. Nicht die Regierung ist das Böse, die Rebell:innen sind es. Und gegen sie müssen wir mit jeder Härte vorgehen. Das ist auch gut so. Ich muss an die Flugblätter denken. Es ist schon wieder zwei Wochen her. Aber dennoch habe ich immer noch Angst. Ich erwarte jeden Tag, festgenommen zu werden. Auch wenn mir keine Gefahr drohen sollte. Ich zweifle nicht am System. Auf jeden Fall nicht öffentlich. Ich zeige mich immer folgsam. Eigentlich sollten sie mich nicht verdächtigen. Und trotzdem habe ich Angst, dass meine Gespräche noch Folgen haben werden. Ich kann nicht vorhersehen, was passieren wird. Ich hoffe, sie lassen mich einfach in Ruhe.
Aber warum sollten sie es auch nicht tun? Ich bin einfach paranoid. Sie haben keinen Grund, mich zu verdächtigen. Und auch wenn ich gerade manchmal zweifle, sie sind ja nicht böse. Ich bin ein einfaches Mädchen. Was können sie von mir wollen? Ich stehe ja nicht im Kontakt zu den Rebell:innen. Ja, was können sie wollen. Johann haben sie auch festgenommen. Aber Johann war ein Rebell. Er hat Flugblätter verteilt. Er hat geholfen. Er war ein Sympathisant, mindestens. Und die Rebell:innen wollen alles zerstören. Wir müssen dagegen kämpfen. Es gab für mich nie einen Grund, irgendetwas infrage zu stellen. Ich habe hier immer alles bekommen. Ich sollte wieder daran denken, was ich über die Rebell:innen gelernt habe. Sie sind nur neidisch. Sie wollen alles zerstören, weil sie ihre Wünsche nicht bekommen haben. Sie haben nicht verstanden, dass das System hier das beste ist. Was sie auch bewirken wollten.

Aber was Johann gesagt hat, und Sophie, und Leon. Es lässt mich auch nicht los. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob sie nicht vielleicht doch ein wenig recht haben. Ich weiß es nicht. So falsch können sie nicht liegen. Und die Welt, die sie sich ausmalen. Was auf dem Flugblatt stand, es klang nicht schlecht. Aber auf der anderen Seite war das vielleicht doch nur eine Utopie. Es war das Bild einer wundervollen Welt. Einer Welt, die so nicht funktionieren kann. Die Rebell:innen wollen damit nur Propaganda betreiben, das haben auch meine Lehrer:innen gesagt. Sie haben uns das immer wieder versichert. Und ich glaube ihnen. Die Rebell:innen brauchen Unterstützung, haben noch keine Chance gegen das System. Ich sollte einfach aufhören, mir Gedanken zu machen. Hier in der Gesellschaft ist alles gut so, wie es ist. Es gibt nichts, was ich mir wirklich anders wünschen würde. Und selbst wenn es Fehler gibt, keine sind so schlimm. Die Gesellschaft, die Regierung, wir alle, wir sind die Guten. Die Rebell:innen sind die Bösewichte, das muss ich mir einfach merken. Ich muss an das System glauben, wie ich es schon mein ganzes Leben lang getan habe. Nein, ich sollte mir überhaupt keine Gedanken machen, ich weiß es ja. Ich weiß, dass hier alles gut ist. Es geht mir gut. Es geht uns allen gut. Die Rebell:innen sind die, die schlecht leben, die unsere Städte wollen, die Technik, und alles, was wir haben. Aber sie werden es nicht bekommen. Sie werden uns nicht vertreiben. Es ist unsere Gesellschaft. Es ist unser Leben.

Ich versuche weiterzuschlafen, aber meine Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Irgendwie würde ich gerne mit jemandem über all das reden. Ich möchte jemandem von meinen Zweifeln erzählen. Ich möchte erklären, warum ich denke, was ich denke. Ich will, dass mir jemand die Zweifel nimmt. Aber kann ich mit jemandem darüber reden? Wer würde mich verstehen? Ob Hannah auch so zweifelt wie ich? Ich weiß es nicht. Wir haben nicht wieder über das Gespräch geredet. Und selbst, wenn ich es wollte. Heute kann ich sie sowieso nicht sehen. Ihre Eltern wollen immer mit ihr Zeit verbringen, wenn sie nicht in die Schule muss. Ich habe heute den ganzen Tag für mich. Aber ich kann nicht mit ihr zusammen sein. Aber mit wem kann ich sonst reden? Wer bleibt übrig? Hannah ist die einzige, der ich alles anvertraue. Wir sind schon ewig beste Freundinnen. Ja, ich kenne viele andere Jugendliche. Aber mit niemandem würde ich über ein solches Thema reden. Die Angst ist zu groß, dass sie mich irgendwo melden. Doch da kommt mir ein Gedanke. Ich könnte mit Sophie reden. Sie hat Johanns Festnahme eindeutig überrascht, sie war darüber geschockt. Sie hat das Flugblatt gelesen, und augenscheinlich dem Text zugestimmt. Sie würde mich nicht verraten. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie beobachtet wird. Vielleicht könnte ich endlich Klarheit in meine Gedanken schaffen. Das ist eigentlich alles, was ich will. Ich will, dass die Zweifel verschwinden. Aber sie lassen mich doch nicht los. Und sind sie ja sogar berechtigt. Ja, ich muss mit Sophie reden. Vielleicht erfahre ich dann ja auch mehr.

Die Frage ist nur, wie ich es schaffen kann, Sophie zu treffen. Ich kenne sie kaum, habe ja nur durch Hannah Kontakt zu ihr. Ich könnte Hannah einfach anschreiben. Sie würde mir sicher den Kontakt geben. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Hannah muss von alldem eigentlich nicht erfahren. Sie würde nur Fragen stellen. Und das möchte ich verhindern. Sie muss nicht von meinen Zweifeln erfahren. Wenn sie anders denkt, dann blamiere ich mich nur. Vor allem, weil ich nicht zweifeln darf. Und ich kann Hannah da auch nicht mit hineinziehen. Nein, ich muss Sophie so finden. Aber wie? Wie soll ich es anstellen? Wenn ich einfach zu den Steinen gehe? Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dort ist, ist relativ gering. Ich war seit unserem letzten Treffen nur einmal mit Hannah im Park, und es war viel weniger los als sonst. Vermutlich bin ich nicht die einzige, die Angst hat, verdächtigt zu werden. Ich kann mir vorstellen, dass es gerade nicht das Beste ist, sich im Park aufzuhalten. Aber vielleicht sollte ich es einfach versuchen. Was habe ich zu verlieren? Wenn Sophie nicht da ist, gehe ich einfach wieder. Und wenn ich sie antreffe, kann ich mit ihr reden. Es wird kein Nachteil für mich entstehen. Ich kann es versuchen.

Ich betrete den Park. Ist es nur ein Gefühl, oder mustert mich die Frau, die den Eingang bewacht, genauer? Vielleicht bilde ich es mir auch einfach ein. Mir ist ein wenig kalt, ich habe die Temperatur unterschätzt. Die Sonne hat sich hinter Wolken verzogen, es sieht etwas düster aus. Aber es ist mir egal. Ein wenig passt es auch zu meiner Stimmung. Und zu all den Zweifeln. Ich gehe schnell, versuche zielstrebig auszusehen. Es hätte mir jetzt gerade noch gefehlt, wenn mich jemand anspricht, weil er mich erkennt. Es soll so aussehen, als wäre ich schon verabredet. Und im übertragenen Sinne stimmt das ja auch.
Ich atme erleichtert aus, als ich Sophie auf dem Stein sitzen sehe, auf dem wir uns auch die letzten Male getroffen haben. Sie ist alleine. Vermutlich wartet sie auf jemanden, aber es kommt mir gelegen. Vielleicht haben wir ja etwas Zeit, um uns zu unterhalten. Ich betrachte sie ein wenig, bevor ich auf sie zu gehe. Sie sieht gedankenverloren auf den Bach. Ihr blondes Haar wird ihr vom Wind ins Gesicht geweht. Sie sieht ein wenig einsam aus.

„Hallo, Sophie.“
„Hallo. Wer warst du noch einmal? Tut mir leid, ich bin nicht gut darin, mir Namen zu merken.“
„Ich bin Mira. Ich war immer mit Hannah da.“
„Stimmt, ich erinnere mich. Ist sie auch da?“
„Nein. Ich glaube nicht, dass sie heute Zeit hat. Ich wollte aber mit dir sprechen. Wartest du auf jemanden?“
„Nicht wirklich. Also doch, ich hoffe, dass jemand kommt. Aber ich gehe nicht davon aus.“
„Wer soll denn kommen?“
„Leon“
„Was ist denn mit ihm?“
„Ich habe sämtlichen Kontakt zu ihm verloren. Ich habe ihn die letzten Tage nicht gesehen, er geht nicht an sein Telefon. Ich gehe davon aus, dass seine Eltern ihn bestrafen, sie haben es schon öfters getan. Aber ich hoffe trotzdem, dass er eine Möglichkeit findet, zu kommen. Ich mache mir Sorgen um ihn. Er war auch nicht in der Schule.“
„Was denkst du denn, was passiert ist?“
„Ich habe Angst, dass sie ihn festgenommen haben. Er hat sich in den letzten Wochen ein paar mal sehr kritisch geäußert, was die Regierung betrifft. Was, wenn sie es gehört haben? Was, wenn sie ihn einsperren, oder hinrichten?“
„Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Er schien mir nicht gerade radikal zu sein. Es ist sicher alles gut. Vermutlich ist er zu spät nach Hause gekommen, und seine Eltern lassen ihn nicht raus.“
Ich sage diese Worte, um Sophie zu beruhigen. Und vielleicht auch mich selbst. Aber ich glaube nicht daran. Es klingt zu logisch, er war ja auch mit Johann befreundet. Vielleicht haben sie ihn auch für einen Sympathisanten gehalten. Aber ich kann das nicht sagen.
„Wieso bist du gekommen?“
„Mir geht unser letztes Zusammentreffen nicht aus dem Kopf. Das Gespräch, das Flugblatt.“
„Was ist damit?“
Kurz zögere ich. Kann ich ihr vertrauen? Aber sie wird mich sicher nicht verraten. Ich sehe ja auch, welche Sorgen sie sich um Leon macht. Nein, ihr kann ich mich anvertrauen.
„Ich weiß, ich habe vielleicht ein wenig seltsam reagiert, indem ich die Regierung gleich verteidigt habe. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich recht hatte. Was auf dem Flugblatt stand, es klang so wundervoll. Eine freie Welt, eine Welt ohne Gewalt, eine utopische Vorstellung. Ich habe es als Propaganda abgetan, aber was, wenn es nicht stimmt. Was ist, wenn die Rebell:innen recht haben, wenn sie uns retten wollen? Was ist, wenn ihre Kritik am System berechtigt ist?“
„Sie ist berechtigt. Kritik ist überall berechtigt. Mira, wenn ich dir eines sagen kann, dann ist es, dass nichts fehlerlos ist. Überall gibt es Probleme. Ob im System, oder in der Vorstellung der Rebell:innen.“
„Du meinst, beide sind böse?“
„Ich weiß es nicht. Ich glaube, es gibt kein Gut und kein Böse. Das ist Vorstellungen, um sich die Welt leichter zu machen. Jede Vorstellung einer Gesellschaft hat Vor- und Nachteile. Und in jeder Gesellschaft gibt es Probleme. Das müssen wir akzeptieren. Das Schlimme ist die Weise, auf die die Gesellschaft, die Regierung mit Kritik umgehen. Du hast keine Möglichkeit zu sagen, wenn du mit etwas nicht einverstanden bist. So ändert sich aber auch nichts. Die Rebell:innen wollen es verändern. Sie sind mit der Gesellschaft nicht einverstanden. Und ihnen ist auch Gewalt recht.“
„Aber wer liegt richtig? An wen können wir uns halten? Wer hat die bessere Vorstellung eines Systems?“
„Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass man das einfach so sagen kann. Es gibt eben immer positive und negative Seiten. Ich glaube, du musst alles abwägen.“
„Bis jetzt schien mir die Gesellschaft immer gut und sicher. Ich habe nie Probleme bemerkt.“
„Aber die gibt es.“
„Welche zum Beispiel?“
„Menschen, die Fehler machen, werden hingerichtet. Die Todesstrafe ist ein grausames Instrument. Jeder kann sich ändern, aber die Gesellschaft gibt ihnen nicht einmal die Möglichkeit. Und du kannst dein Leben auf keine Weise selbst bestimmen. Du tust, was andere dir vorschreiben, aber nicht, was du vielleicht eigentlich tun willst. Was, wenn du mit dem Job, den du später einmal machen musst, nicht zufrieden bist? Du kannst nichts tun, um ihn zu ändern. Und es gibt Ungerechtigkeit. Du siehst es nicht, aber hier leben viele Menschen in tiefster Armut. Und das sind nur Beispiele. Das System hat so viele Problem. Und das wäre ja auch nicht schlimm, wenn es sich mit der Zeit ändern würde. Aber da man keine Kritik äußern kann, passiert nichts. Sie wollen nur weiter ihre Art des Lebens sichern. Das bekommst du sicher auch mit. Die angesetzte Kundgebung zum Beispiel. Sie wollen nur sichergehen, dass ihre Meinung bestehen bleibt. Auch das ist Propaganda. Aber auch die Rebell:innen sind nicht heilig. Sie wollen gewaltsamen Widerstand. Sie wollen das ganze System ändern. Aber die Frage ist, ob ein neues System so viel besser wäre, oder ob es doch schlussendlich darum geht, wer die Macht hat. Es ist egal, wer regiert, wenn sich dabei nichts ändert.“
„Aber für wen soll ich sein?“
„Du musst dich für keine Seite entscheiden. Das kannst du gar nicht, und wenn, du kannst keine Seite richtig bestärken. Du zweifelst, du zweifelst an allem. Tu das weiterhin. Ändere dieses Denken nicht. Übe weiter Kritik. Das musst du gar nicht nach Außen tun. Aber denke selbst, nimm nicht hin, was andere dir erzählen. Jeder macht Fehler, nichts bleibt ohne Problem. Jeder hat in manchen Punkten recht. Aber auch nicht in allen. Überlege dir selbst, was dir wichtig ist. Ja, hinterfrage einfach alles. Und komm für dich selbst zu einem Schluss, woran du glauben willst. Vielleicht wird einmal der Tag kommen, an dem du dann dafür kämpfen kannst. Für das, woran du wirklich glaubst. Und bis dahin, versuche herauszufinden, was das ist. Das ist alles, was du tun kannst. Und bleibe weiter angepasst. Lass dir nicht anmerken, was du denkst. All die Kritik musst du für dich behalten. Aber sonst, denke, was du denken willst, und nicht, was sie wollen, dass du denkst.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, was du meinst, aber ich werde es versuchen.“
„Tu das, Mira. Und verliere das Vertrauen und die Hoffnung nicht. Irgendwann wird die Gesellschaft eine Friedliche sein. Irgendwann werden wir frei sein. Was auch passiert. Aber wenn du es kannst, kämpfe dafür, dass das möglichst schnell passiert.“





Schnee bedeckt den Hang, den ich hinuntersehe. Es ist kalt, mein Atem wird in der Luft sichtbar. Ich stehe auf einem kleinen Pfad, der immer höher führt und schließlich in den Wolken verschwindet. Ich muss hinauf, ich muss über die Wolken kommen, um die Sonne zu sehen. Er braucht sie so dringend. Ich drehe mich nach meinem Vater um. Er ist um einiges zurückgefallen, dabei bin ich schon langsamer gegangen. Aber er ist schwach, die letzten Wochen haben an seinen Kräften gezehrt. Der Pfad ist zu schmal, dass ich ihm stützen könnten er muss den Aufstieg alleine schaffen. Und alles, was ich tun kann, ist, ihm Mut zuzureden.
Endlich erreicht er mich, keuchend, außer Atem. Er steht hinter mir. Ich blicke wieder hinab. Am liebsten würde ich so schnell wie möglich weitergehen. Hier ist eine der schmalsten Stellen des Weges, der Hang ist steil, und nun wird auch der Wind stärker. Es ist, als würde er mich in den Abgrund reißen wollen. Schnell gehe ich ein paar Schritte, um dem unheimlichen Wind entkommen. Dann wird der Weg wieder breiter. Ich atme einmal tief durch und drehe mich um. Mein Vater hat sich keinen Schritt weiterbewegt. Aber ich kann erkennen, dass auch ihm der Wind zu schaffen macht. Er beginnt zu schwanken, scheint das Gleichgewicht zu verlieren.
Ich weiß, was passiert, ich sehe es wie in Zeitlupe, will es verhindern, aber ich kann nicht. Ich stehe da, wie erstarrt und kann nichts tun, als zuzusehen, wie mein Vater in die Tiefe stürzt.


Ich schrecke auf. Mein Vater, tot, er ist tot, er wird nie wieder kommen. Ja, ich weiß es, ich werde es immer wissen. Ich brauche doch keine Träume, um es mir immer wieder zu sagen. Er ist tot. Ich werde ihn nie wieder sehen. Er wird mich nie wieder umarmen. Mein Atem geht schnell. Ich spüre Kälte. Ich weiß nur nicht, ob sie noch ein Nachwirken des Traumes ist oder ob es hier wirklich kalt ist. Es ist egal. Es ist egal, wie ich mich fühle. Er ist tot. Und das lässt mich zerbrechen. Ich halte es nicht mehr aus. Mein Vater. Mein wundervoller Vater. Ich vermisse ihn einfach so sehr. Und es ist so schmerzhaft, immer wieder an ihn zu denken. Er ist tot. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn in Träumen habe sterben sehen. Aber es war noch nie so real wie heute. Heute, Rache. Der Tag der Rache ist fast gekommen. Endlich. Morgen ist es so weit. Morgen werden sie es bereuen. Heute müssen wir nur alles vorbereiten. Das ist der Plan. Noch ist es dunkel. Wir werden tagsüber zu der Arena laufen. In der Nacht werden wir die Sprengsätze verteilen, und dann die Stelle beobachten. Wenn jemand aufgegriffen wird, können wir fliehen. Aber das wird nicht passieren. Es wird uns niemand bemerken. Es kann uns niemand bemerken. Der Plan ist perfekt, die Voraussetzungen auch. Es wird alles gutgehen. Und morgen früh werden sie dann ihr blaues Wunder erleben. Sie werden es so bereuen, ihn getötet zu haben. Sie werden es bereuen, sich je mit den Rebell:innen angelegt zu haben. Wir werden so viele von ihnen töten, aber sie werden nichts tun können, als zu klagen. Wir zerstören sie, oder wir setzen wenigstens ein Zeichen. Sie haben meinen Vater nicht umsonst getötet. Er ist nicht umsonst gestorben. Rache. Sie werden es bereuen.

Ich setze mich auf, glaube nicht, dass ich jetzt noch schlafen könnte. Ich schäle mich aus meinem Schlafsack und sehe mich um. Das Feuer ist erloschen. Die anderen liegen ruhig darum herum. Ich hoffe, dass ich niemanden geweckt habe. Wenn, wäre es schlecht. Wir müssen alle ausgeschlafen sein. Ich würde mich auch lieber noch ausruhen. Aber ich kann nicht. Alle Ruhe ist verschwunden. Die Aufregung macht sich in mir breit. Aufregung, vielleicht auch ein wenige Angst. Auch wenn ich so mutig tue, wenn ich immer allen sage, dass ich hier sein will, ich zweifle manchmal selbst an mir. Ja, ich will Rache, es ist mein größter Wunsch. Und ich bin auch bereit, dafür zu sterben. Was habe ich denn zu verlieren? Ich lasse niemanden zurück, der um mich trauern könnte. Ich bin alleine, und ohne meinen Vater bin ich nichts mehr. Wenn ich sterbe, sterbe ich wenigstens für eine gute Sache. Und wenn ich überlebe, finde ich vielleicht Ruhe. Vielleicht kann ich glücklich werden. Vielleicht hören dann die Albträume auf.
Ich stehe auf und entferne mich von der Feuerstelle. Es ist noch relativ dunkel, die Dämmerung ist gerade erst angebrochen. Es ist diese graue Zeit des Tages. Kein Leben ist um mich herum. Aber auch keine umarmende Schwärze. Es gibt nur dunkles, tristes Grau. Grau wie Stein. Aber immerhin kann ich sehen. So stolpere ich nicht über Wurzeln, sondern schleiche leise durch den Wald, in dem wir unser Lager vor drei Tagen aufgeschlagen haben.

Ich laufe bis zu einem Bach. Dort lasse ich mich auf einem Stein daneben nieder. Bach, das bedeutet Heimat. Ich muss an unser Dorf denken. Ob ich diesen Ort je wiedersehen werde? Ich weiß es nicht. Ich muss an den Tag denken, als ich das über meinen Vater erfahren habe. Dieser grauenvolle Tag, der mich so zerstört hat. Dieser Tag hat mein Leben verändert. Ich saß am Morgen am Bach, habe den anderen beim Spielen zugehört. Den Kindern. Ja, ich wünschte mir, wieder ein Kind sein zu können. Aber diese Zeit ist vorbei. Ich muss erwachsen sein. Ich muss Rache ausüben. Für meinen Vater. Er hat mir so viel gegeben. Wenigstens das bin ich ihm schuldig. Es ist so schmerzvoll an ihn zu denken. Mein Traum, er lässt mich immer noch nicht los. Erinnert mich so an unsere Wanderung in den Bergen. Es war eine so schöne Zeit. Ich vermisse es so sehr. Er hat es mir versprochen. Und er kann dieses Versprechen nie einlösen. Ich hätte mit ihm die glitzernde Welt gerne noch öfter betrachtet. Ich hätte alles mit ihm gemacht. Ja, ich würde alles tun, um ihn zurückzubringen. Ich würde alles tun, um mit ihm zu reden. Alles, um mich ihm in die Arme werfen zu können. Aber das geht nicht. Es ist vorbei. Er ist tot. Für immer.

Ich höre Schritte hinter mir und drehe mich um. Es ist Jana, eines der jüngeren Mädchen. Ihr blondes Haar hängt ihr in Strähnen ins Gesicht. Dunkle Ringe umranden ihre Augen. Sie sieht erschöpft aus,
„Hallo, Jana, habe ich dich geweckt? Das tut mir leid.“
„Nein, hast du nicht. Ich war die ganze Zeit noch wach. Und als ich gesehen habe, dass du aufgestanden bist, wollte ich dir folgen.“
„Geht es dir gut?“
„Ja, alles ist in Ordnung. So wie es eben geht. Ich frage mich nur, ob es wirklich richtig ist, dass ich hier bin.“
„Vermisst du deine Familie?“
„Auch, ja. Und auch alles andere. Ich habe das Leben im Dorf nie wertgeschätzt, aber wenn ich es mit dem hier vergleiche, war es wundervoll.“
Ich blicke sie genauer, und versuche mir in Erinnerung zu rufen, was ich über sie weiß. Ich habe die letzten Tage kaum mit ihr geredet. So wie mit eigentlich jedem. Ich habe mich nur immer weiter zurückgezogen, bin die meiste Zeit für mich geblieben. So war es mir lieber. Und auch im Dorf hatte ich kaum etwas mit ihr zu tun. Ich weiß nur, dass ihre ältere Schwester bei der Mission ums Leben gekommen ist. Sie muss sie sehr geliebt haben. Ich kann das ja nicht nachvollziehen, hatte ja selbst nie Geschwister.
„Ich habe Angst, dass wir einen Fehler machen.“
„Wie meinst du das?“
„Ich frage mich immer, ob meine Schwester es so gewollt hätte. Sie wollte immer alles gewaltfrei lösen. Ich will nicht, dass sie sich für mich schämen muss.“
„Mach dir darüber keine Sorgen. Du musst sie rächen. Wir stehen das gemeinsam durch.“
Ich sehe, wie sie zittert, ich selbst spüre die Kälte kaum.
„Vermutlich hast du recht. Danke Raven. Ich liege schon die ganze Nacht wach und denke nach.“
„Dann versuche doch jetzt, noch ein wenig zu schlafen. Übermüdet wirst du später nicht helfen können.“
„Danke.“
Sie steht auf, dreht sich um und verschwindet wieder im Wald. Vermutlich ist sie froh, wieder in ihren Schlafsack zu kommen, um sich aufzuwärmen.

Ich sehe auf den Bach. Ist es wirklich richtig, was wir tun? Ich habe Angst, daran zu zweifeln. Ich habe Angst, dass mich alle auslachen. Sie glauben daran. Wir glauben daran. Ich muss ihn rächen. Sie haben ihn den Hang hinabgestoßen, und dafür werden sie büßen. Sie müssen. Ich tue es für ihn. Ich weiß, dass ich alles tun würde, um es ihm recht zu machen. Ich muss daran glauben, dass das, was wir tun, richtig ist. Nein, ich glaube nicht dran. Ich weiß, dass es richtig ist. Ich brauche diese Rache. Sonst könnte ich nicht mehr ohne schlechtes Gewissen in den Spiegel sehen. Sonst könnte ich nicht weiterleben. Alles wird gut. Alles wird gut werden. Rache. Es ist das Richtige.

Vor uns ragen Häuser weit in den Himmel. Es sind riesige Bauten. Die Sonne spiegelt sich darin. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, die Wände bestehen größtenteils aus Glas. Ich kann kaum hinsehen, so hell glitzern sie. Es ist seltsam, hier zu sein. Ich wollte immer schon einmal eine Stadt sehen. Ich kenne ja nur Bilder, aber in der Realität ist es noch viel beeindruckender, auch wenn wir noch ein Stück von den ersten Häusern entfernt sind. Ich kann nicht anders, als diese Welt zu bewundern. Wie ist es wohl, in einem dieser Häuser zu leben? Wie sind die Menschen dort? Sind sie anders als wir? Wie wäre ich geworden, wenn ich in dieser Welt aufgewachsen wäre? Wäre ich dann ein willenloses Mädchen, das tut, was auch immer von ihr verlangt wird? So wurden mir die Bewohner:innen auf jeden Fall immer beschrieben. Ich wünschte, ich könnte mit einem von ihnen sprechen. Aber das wird nicht funktionieren. Ich muss meine Neugierde zurückstellen. Wir haben eine Mission. Wie gerne würde ich hier sein, unter anderen Umständen. Wie gerne würde ich hier mit meinem Vater sein. Er könnte mir alles erklären, mir sicher alle meine Fragen beantworten. Ja, es ist etwas, was ich mir wirklich wünschen würde. Aber es geht nicht. Ich werde nie mit meinem Vater eine Stadt betrachten. Er kommt nicht zurück. Auf einmal wirkt die Stadt nicht mehr besonders, sondern kalt. Die Gebäude sind zwar nicht aus Stein, aber auch das Glas sieht nur abweisend aus. Es ist keine schöne Stadt, mit ihren eintönigen, hohen Häusern. Beeindruckend ist sie, ja, aber nicht besonders. Es ist kein Zuhause. Ich frage mich, wie hier überhaupt jemand leben will. Ich würde die Holzhütten vermissen, den Bach, den Wald, all die Natur. Ich würde die Kieswege vermissen. Die Straßen hier sind grau und fest. Ja, es ist abweisend und kalt. Ich bin wirklich froh, hier nicht leben zu müssen.
Meine Füße schmerzen, wir sind den ganzen Tag gelaufen. Aber nun sind wir endlich da. Hier in der Nähe muss die Arena liegen, ein wenig außerhalb der Stadt. Wir werden uns hier in einem Wald ein Lager aufschlagen, und dann die Sprengsätze verstecken. Ich werde mitkommen, zum Aufpassen. Ich soll alles um die Arena im Augen behalten. Morgen auch. Ich soll dort bleiben, und sehen, ob alles funktioniert. Wenn etwas schiefgeht, muss ich den anderen sofort Bescheid sagen. Das ist meine Aufgabe. Irgendwie würde ich gerne etwas mehr tun. Aber Niklas hat alles zugeteilt, und ich möchte mich nicht beschweren. Es ist eine Rache von uns allen. Wir alle spielen unseren Teil darin. Aber nur als Gruppe werden wir Erfolg haben, das hat er uns oft genug gesagt. Wenn einer sich nur dagegen stellt, dann wird niemand etwas erreichen.

Die Sonne geht hinter der Stadt unter, als wir den richtigen Ort erreichen. Hier ganz in der Nähe muss die Arena sein. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Ich kann es kaum erwarten, dass wir loslegen. Auch wenn ich mich noch ein wenig gedulden muss. Wir müssen vorsichtig sein. Erst in der tiefsten Nacht werden wir aufbrechen. Sonst ist das Risiko zu hoch, dass wir gesehen werden. Und das möchten wir natürlich um jeden Preis vermeiden. Niemand weiß, dass wir hier sind. Wenn es jemand wüsste, würde alles schiefgehen. Ich frage mich nur, was die anderen zu Hause denken. Was glauben sie, wo wir sind? Machen sie sich Sorgen um uns? Oder wurden wir schnell wieder vergessen? Ob sie sich denken können, dass wir einen Rachefeldzug ausführen? Ich kann es mir vorstellen. Sie müssen den Zusammenhang zwischen den Verschwundenen und den Toten sehen. Ich hoffe nur, dass sie uns nicht in die Quere kommen. Obwohl die Frage ist, wie. Sie können nicht wissen, wo wir sind. Und sie haben keine Chance, unseren Plan zu erfahren. Das ist gut. Alles muss klappen. Es darf nichts schiefgehen.

Wir sind alle still im Lager. Es wird immer dunkler. Zwei gehen los, um zu sehen, ob wirklich niemand bei der Arena ist. Wenn sie mit guten Neuigkeiten zurückkommen, gehen wir los. Ich bin aufgeregt, alle sind aufgeregt. Niemand möchte reden. Ich kann die Spannung spüren. Ich bin sicher nicht die einzige, die Angst hat. Aber es ist nicht nur Angst, die ich fühle. Ich in angespannt, aber es ist auch Hoffnung. Ich bin nicht froh über das, was wir tun werden, aber es gibt mir Hoffnung. Hoffnung, dass ich meinen Vater rächen kann. Hoffnung, dass ich ihn zufrieden stelle. Hoffnung, dass ich ihn endlich loslassen kann, und es schaffe weiterzuleben. Wenn ich es überlebe. Aber auch wenn nicht, ich habe ihnen gezeigt, dass sie meinen Vater nicht hätten töten dürfen.
Ich sitze da, als die Vögel aufhören zu singen. Ich sitze da, als es dunkler wird. Dunkler und kälter. Es ist eine klare Nacht. Aber es wird kein Mond scheinen. Es ist Neumond, bessere Voraussetzungen könnten wir nicht haben. Ich sehe an den Himmel. Tausende Sterne sind dort zu sehen. Sterne, mein Vater hat sie mir immer gerne gezeigt, er hat die Bilder geliebt, die sie in den Himmel gemalt haben. Er hat das goldene Licht immer geliebt. Ob er nun dort oben ist? Ob er auf mich hinabsieht? Ich weiß es nicht. Aber wenn er es tut, dann hoffe ich, dass er stolz auf mich ist.
Sieh auf mich, Vater. Sieh deine Tochter an. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin erwachsen geworden. Und ich werde dich rächen.
Ich muss auf einmal lächeln. Ja, ich bin hier, mit denen, die so denken wie ich. Und wir werden es ihnen zeigen.
Die Auskundschafter kommen zurück. Schon brechen wir auf, schleichen durch den dunklen Wald. Ich kann die Sterne nicht mehr sehen, aber ich weiß, dass sie dort sind. Ich weiß, dass sie über mir sind. Ich weiß, dass mein Vater bei mir ist.

Aber der Gedanke vertreibt die Kälte nicht. Auch die Angst wächst und wächst. Und dann sind sie wieder da, die Zweifel. Würde er es wirklich wollen? Würde mein Vater wirklich wollen, dass wir viele junge Menschen töten, auch wenn sie aus dem System kommen? Würde er es wollen, dass so viele als Rache für ihn sterben? Und auf einmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir das Richtige tun. Es ist dunkel und kalt um mich herum. Kein goldenes Sternenlicht bestärkt mich. Ich habe Angst. Ich habe das Gefühl, dass ich in unendliches Unglück laufe. Ich hoffe einfach nur, dass wir keinen Fehler machen. Ich hoffe nur, dass das, was wir tun, das richtige ist.
Sterne, leitet mich. Zeigt mir den Weg. Ist der, den wir gehen, der Richtige? Kommen wir so ans Ziel? Nacht, beschütze mich, zeige mir, was gut ist. Bäume, flüstert mir zu, hätte er es gewollt?
Aber ich bekomme keine Antwort. Ich laufe hinter den anderen her. Weiß, dass es sowieso kein Zurück gibt. Ich hoffe nur, dass ich meine Zuversicht wiedergewinne. Ich hoffe nur, dass wir nicht alles zerstören.





„Kommst du? Wir müssen los.“
„Ja, Hannah, ich bin gleich fertig.“
Schnell schlüpfe ich in meine Schuhe. Es ist früher Morgen. Aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Die Bahnen werden alle voll sein, deswegen haben wir uns entschieden, zu laufen. Ich wünschte nur, ich hätte länger schlafen können. Wenn wir heute schon den Tag keine Schule haben, könnte ich es ja auch genießen. Aber ich werde es nicht genießen können. Für heute ist die riesige Kundgebung angesetzt.
Propaganda hat Sophie es genannt. Ich habe noch einmal mit ihr gesprochen. Meine Zweifel lassen mich einfach nicht los. Ich glaube mittlerweile nicht mehr daran, dass die Regierung alles richtig macht. Sophie kennt sich ein bisschen besser aus als ich, sie hat mir erklärt, wo es welche Probleme gibt. Und mit jedem Tag merke ich, wie sehr wir angelogen werden. Ich wünschte, ich könnte mit noch jemandem darüber reden. Außer Sophie kann ich mich niemandem anvertrauen. Nicht einmal Hannah kann ich die Wahrheit erzählen. Ich glaube nicht, dass sie ein solches Problem in der Kundgebung heute sieht, aber auch das hat Sophie mir erklärt. Die Regierung ist immer noch entsetzt über das, was geschehen ist mit den Flugblättern. Vermutlich haben sie Angst, dass sich mehr Menschen den Rebell:innen anschließen. Deswegen veranstalten sie heute in allen Städten Kundgebungen. Hohe Leute werden reden, und uns erklären, was so toll am System ist. Sie werden uns stundenlang Lügen erzählen. Und die meisten Bürger:innen werden es glauben. Die Reden werden im Fernsehen übertragen. Aber alle Schüler:innen sollen in eine Arena kommen. Vermutlich, weil sie die Jugend nicht verlieren wollen. Wenn sie nicht mehr an sie glauben, dann wird das System nicht mehr lange bestehen. Ich bin zwar überzeugt, dass die, die am System zweifeln, die Lügen erkennen können, aber es ist ja auch nicht meine Aufgabe, zu überlegen, wie die Regierung mehr Vertrauen erhält. Es kann mir ja auch egal sein. Nur heißt das, dass ich heute zu dieser Kundgebung muss. Dabei könnte ich so viel machen. Aber nein, ich werden den ganzen Tag in einer Arena sitzen, und zuhören müssen. Ich werde alleine sein, mit meinen Zweifeln. Ich kann nicht ausdrücken, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin. Ich muss durchgehend so tun, als würde ich allem zustimmen. Es gibt besseres, was ich mir vorstellen könnte, heute zu machen. Aber was soll ich tun. Ich kann es nicht ändern.

Wir laufen durch die Straßen, immer und immer weiter. Hannah kennt den Weg, es ist noch früh, aber wir sind nicht die einzigen auf der Straße. Vermutlich sind auch viele andere auf die gleiche Idee gekommen wie wir. Und es war sicher sinnvoll. Als wir an einer Straßenbahnhaltestelle vorbeikommen, sehe ich, wie voll die Bahn ist. Dort würde ich nicht gerne sein. Es ist wirklich besser, zu laufen.

Es ist ziemlich entspannt, ich hatte es anders erwartet. Hannah und ich unterhalten uns, wir treffen immer wieder auf andere Jugendliche, mit denen wir sprechen können. Und die Zeit vergeht. Schließlich erhebt sich vor uns die Arena. Ich war hier schon einmal. Es war ein Schulausflug. Damals habe die Größe bewundert, aber jetzt frage ich mich, wie wir alle hineinpassen sollen. Das große Dach aus Planen erhebt sich in den Himmel. Es stehen auch keine Häuser darum herum. Wir sind am Stadtrand. Aber die Arena leuchtet in der Sonne. Es ist ein schönes Bild, das mächtige Gebäude in der Sonne, mit den Bäumen dahinter. Aber wie schön es auch ist, ich habe eigentlich nur Verachtung dafür übrig. Es ist nur ein Instrument der Regierung. Und ich muss mitmachen. Ich muss mitspielen. Und so laufen wir in einer riesigen Menge. Wir sind ein großer Zug, langsam auf den Weg in die Arena.





Ich beobachte die Menschenmenge, die langsam in die Arena kommt. Es sind die ersten, dahinter folgen noch so viele. Es ist noch relativ früh, aber hier auf den Straßen tummeln sich die Menschen. Es sind unzählige Jugendliche. Sie haben alle das gleiche Ziel. Ich betrachte sie genauer. Sie sehen nicht unglücklich aus. Eher strahlen sie voller Erwartung. Sie freuen sich, was sie heute hören werden. Ich frage mich, ob irgendjemand von ihnen weiß, in was für einem System sie leben. Sie sehen nicht so aus. Ein wenig tun sie mir leid. Auch sie sind nur Opfer dieses Systems. Aber sie glauben daran. Sie kämpfen dafür. Sie sind auf der Seite der Mörder. Ich muss an meinen Vater denken. Das ist der Anfang. Das ist der Anfang der Rache. Es wird nicht lange dauern. Wenn genug Menschen drinnen sind, werden die Sprengkörper in die Luft gejagt werden. Wir wollen nicht warten, bis die Kundgebung beginnt. Am besten ist es, wenn einige von außen erleben, was passiert. Es wird ihnen noch mehr Angst einjagen. Der Plan ist perfekt. Und er ist schon mitten in der Ausführung. Alles hat ohne Probleme funktioniert. Wir können stolz auf uns sein. Ich bin stolz auf uns. Jetzt, wo der Tag angebrochen ist, haben mich alle Zweifel verlassen. Ich zweifle nicht mehr, ich freue mich auf die Rache. Das ist unser Tag. Die Sonne scheint. Das Wetter ist toll. Die Menschen haben gute Laune. Keiner von ihnen weiß, wo sie hineinrennen. Sie haben keine Ahnung, welche Gefahr sich in der Arena verbirgt Obwohl die meisten von ihnen es auch nicht miterleben werden. Es sind nicht sie, an denen wir uns rächen wollen, aber sie sind doch unsre Opfer. Wir zeigen der Regierung endlich, dass sie uns nicht unterschätzen dürfen. Wie zeigen ihnen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Endlich ist der Tag gekommen, auf den ich so lange gewartet habe.
Ich stehe hier, in der Nähe des Eingangs unter Bäumen und beobachte alles. Beobachte die jungen Menschen, voller Freude und Hoffnung. Ob ich auch so jemand wäre? So hoffnungsvoll? So voller Freude? Vielleicht wäre ich so geworden. Vielleicht wäre ich so wie sie, wenn sie mir meinen Vater nicht genommen hätten. Sie haben mir alles genommen. Sie verdienen ihre Strafe.
Ich muss lächeln. Diese unwissenden Jugendlichen. Diese Jungen und Mädchen, die nicht wissen, was auf sie wartet. Doch dort drinnen, gut verborgen, sind die Sprengsätze verteilt. Sie werden nicht entkommen können. Die meisten auf jeden Fall nicht. Sie werden nicht wissen, was geschieht, bis es zu spät ist. Sie sind schuldig. Und nun erhalten sie ihre berechtigte Strafe.
„Vater, das ist für dich.“
Ich flüstere die Worte vor mich hin, wie ein Mantra. Es ist für ihn. Er wird endlich gerächt werden. Für meinen Vater. Sie haben ihn mir genommen. Und sie werden büßen. Ich muss an die anderen denken. Sie alle sind in Sicherheit. Ich bin die einzige, die hier dabei sein wollte. Aber ich möchte es sehen. Ich möchte dabei sein, was es auch für mich bedeutet. Und ich habe tatsächlich hier auch eine Aufgabe. Wenn irgendetwas schiefgeht. Wenn etwas nicht so läuft, wie nach Plan, dann werde ich sie warnen müssen. Ich werde zu zwei von ihnen rennen, die sich relativ nahe von hier versteckt haben, um den Zünder zu betätigen. Wir müssen nur schnell genug davon kommen.
Ich blicke auf meine Uhr. Nur noch wenige Minuten. Ich weiß den Zeitpunkt nicht ganz genau. Aber zu lange wird es nicht mehr dauern. Gleich ist es so weit.
Ich blicke wieder auf die Menge. Dort ein Mädchen mit blonden Haaren. Sie blickt mich an. Hat sie mich gesehen? Es spielt keine Rolle. Wie alle die anderen rennt sie geradewegs in ihr Verderben.





Dort im Wald steht ein Mädchen. Sie hat lange, schwarze Haare, und sie sieht mich an, lächelnd. Ich frage mich, was sie dort macht, unter den Bäumen. Warum ist sie nicht hier? Warum beobachtet sie uns? Wer ist sie? Mich überkommt auf einmal der Wunsch, zu ihr zu gehen, mit ihr zu reden. Vielleicht ist sie eine Sympathisantin. Ich weiß nicht, ob das überhaupt geht, sie ist auch nur in meinem Alter. Aber ich könnte es herausfinden. Ich habe das Gefühl, dass sie so denken könnte, wie ich. Was sie wohl hier macht? Ich versuche mich zu ihr zu drängen, aber ich komme nicht weit. Die Menge um mich herum ist zu groß. Wie sehr ich auch dagegen ankämpfe, ich werde weiter in die Arena gedrängt ohne, dass ich etwas tun könnte. Ich bin gefangen hier. Ich kann nicht mehr hinaus, wie sehr ich mich auch anstrenge. Es sind zu viele Menschen um mich herum. Und wir strömen weiter in die Arena.
Ich will raus hier, dieser Gedanke, auf einmal in meinem Kopf. Ich stehe in einem Gang, der in die Arena führt. Um mich herum sind so viele Menschen. Es bleibt kein Raum. Ich habe keinen Platz. Ich kann nicht mehr atmen. Alles ist so still. Die Stimmen scheinen aus weiter Ferne zu kommen. Ich versuche mich an eine Wand zu drängen. Ab ich komme nicht weit. Ich stehe in der Arena. Ich stecke fest. Es ist still. Kein Laut zu hören. Dann explodiert die Welt um mich herum.
Ich sehe Licht, höre einen unglaublichen Lärm. Ich werde von den Füßen geschleudert. Die Decke kommt näher. Es sieht so aus, als würde alles über mir einbrechen. Das helle Licht. Hell wie die Sonne. Die schöne, warme, helle Sonne. Es erinnert mich an einen explodierenden Stern. Dann wird alles schwarz.





Es hat funktioniert. Es hat geklappt. Die Arena, ich beobachte, wie sie in sich zusammenfällt. Es waren genug Sprengkörper, und sie waren gut positioniert. Ich sehe Ruinen, ich höre Schreie, unendliche Schreie. Menschen laufen umher. Ich beobachte den Trubel von weit weg. Es ist alles so weit weg.
Das blonde Mädchen, es ist nur ein Gedanke, ich weiß nicht, woher er kommt. Sie war auch nur ein Mädchen. Auch nur ein Mädchen in meinem Alter. Sie hatte nichts getan, außer, dass sie in diesem System geboren wurde. Sie konnte nichts dafür und jetzt ist sie vermutlich tot. Ich blicke auf die Arena, dieses Schlachtfeld. Tot, sie alle sind vermutlich tot. Sie haben nichts getan. Es ist meine Tat. Und mir wird klar, dass mein Vater das nie gewollt hätte. Er hätte nie gewollt, dass so viele Menschen sterben. Unschuldige Menschen. Ein Schlachtfeld. Ich stehe vor einem Schlachtfeld, das ich zu verantworten habe. Es ist meine Schuld. Dieses Schlachtfeld, Blut, Lärm, Schreie, so fern von hier. Ich war das. Meine Schuld. Es bringt ihn auch nicht mehr zurück. Es wird ihn nicht wiederbeleben. Es richtet nur noch viel mehr Schaden an. Ich blicke auf das Feld voller Trümmer. Alles meine Schuld. Mörderin, ich bin eine Mörderin. Was habe ich getan?
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