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Glanzlose Perlen

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P6 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
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Das hier ist ein Beitrag zum Wettbewerb "Für andere unsichtbar" von den Spinatwachteln. Viel Spaß beim Lesen.



Glanzlose Perlen


Du siehst traurig aus, meine Kleine. Du siehst traurig aus, und ich kann nichts dagegen tun. Es tut weh, dich so zu sehen - deine blauen Augen sind mit Tränen gefüllt, deine Unterlippe zittert. Du hältst den Stoffhasen mit dem eingerissenen Ohr, den ich dir zum vierten Geburtstag geschenkt habe, fest in den Armen. Du liebst diesen Hasen, du schleppst ihn immer mit dir herum. Dementsprechend schmutzig ist er - aber das scheint dich nicht zu stören, als du deine triefende Nase in seinem weichen Fell abtrocknest.
Dich so zu sehen, es bricht mir das Herz. Ich würde so gerne zu dir gehen und dich umarmen, dir sagen, dass alles wieder gut wird - aber ich kann es nicht. Du weißt ja nicht einmal, dass ich hier bin.
„Mama? Ist Oma jetzt im Himmel?“, fragst du und ich kann hören, wie deine Mutter leise aufseufzt. Sie streicht dir einmal über den Kopf, sanft, behutsam. Dann nickt sie.  „Ja, leider, Iris. Das ist sie. Vermisst du sie sehr?“
Bei diesem Satz lache ich bitter auf, aber keine von euch beiden hört mich. Vermisst du sie sehr? Was ist denn das für eine Frage? Du scheinst sie genauso seltsam zu finden, denn jetzt brichst du in Tränen aus. „Ich will, dass Oma wiederkommt… ich will sie zurück, ich… ich muss ihr doch ihre Kette zurückgeben! Oma, komm zurück…“, der Rest deines Satzes geht in leisen Schluchzern unter. Es tut weh, dich so zu sehen, Iris. Ich möchte zu dir gehen und dir sagen, dass es mir leidtut. Ich möchte dir sagen, dass du nicht nur die beste Achtjährige auf diesem Planeten bist, du bist auch die beste Enkelin auf diesem Planeten, die beste in dieser ganzen großen Galaxie. Ich möchte dich umarmen, ein einziges Mal noch, dir eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, mit dir Kekse backen. Ich möchte dir sagen, dass du meine Perlenkette behalten darfst. Ich möchte so vieles, aber es ist zu spät.
Du hast dich jetzt an deine Mama geschmiegt und weinst leise in ihren Rock hinein. Du zitterst; auf dem Friedhof ist es bestimmt kalt. Der Wind zerrt an der Perlenkette an deinem Hals.
Die Perlenkette war meine liebste Kette – ich habe sie vor Jahren von einer guten Freundin geschenkt bekommen und sie ist das Wertvollste, das ich je besessen habe. Ich habe die Perlen immer sehr hübsch gefunden – ich mochte ihren weißen Glanz, ihr Funkeln, ihr Schimmern. Ich habe es geliebt, diese Perlenkette zu besonderen Anlässen zu tragen oder auch nur dann, wenn ich mich hübsch fühlen wollte. Irgendwann habe ich sie dir, Iris, gezeigt – und du warst ganz verzaubert von dem Glänzen und Schimmern. Du hast sie vorsichtig in die Hand genommen und hast jede Perle mit den Fingern berührt.
Ich fand es lustig, dass du so behutsam mit meiner Kette umgegangen bist und dich so an ihrem Glänzen erfreuen hast können. Ich fand es schön, dass du die Kette so schnell so liebgewonnen hast; dass du die schimmernden, glänzenden Perlen so voller Ehrfurcht betrachtet hast. Es war sogar so schön für mich, dass ich dich gefragt habe, ob du meine Perlenkette vielleicht behalten wollen würdest.
Dein Blick – ich erinnere mich noch genau daran.
Das habe ich immer ganz besonders an dir geliebt, Iris – deine Begeisterungsfähigkeit und deine Dankbarkeit. Ich weiß noch, dass du dir die Perlenkette hastig um deinen zarten Hals gelegt hast und mich dann so stürmisch umarmt hast, dass ich aufpassen musste, nicht umzufallen. Ich weiß noch, dass du gelacht hast vor Freude und dich danach minutenlang in meinem alten Wandspiegel im Bad betrachtet hast.
Ich weiß noch, wie glücklich du warst, wie sehr die Perlen geglänzt haben.

Ach, Iris, mein Schatz. Das war vor drei Jahren – du warst gerade mal fünf Jahre alt. Seitdem bist du selten ohne meine Perlenkette aus dem Haus gegangen, hast sie stolz jedem präsentiert. Ich habe es geliebt, dir dabei zuzusehen, wie du jeder Person die Geschichte der Perlenkette erklärt hast, wie sehr du dabei gestrahlt hast.
Sie schien dir etwas zu bedeuten – und mir bedeutet es viel, dass du mir sie jetzt zurückgeben willst. Ich sehe, wie deine Hände unsicher die Perlen auf- und abfahren und an dem Verschluss der Kette nesteln. Die Perlen sind über die Jahre glanzlos geworden, matt; und so weh es auch tut, es passt irgendwie.
Glanzlose Perlen für eine glanzlose Zeit.
Ich würde dir so gerne eine Hand auf die Wange legen und sagen, dass du die Kette haben darfst, dass sie jetzt dir gehört. Aber ich kann es nicht. Hier im Himmel bin ich für andere unsichtbar – so auch für euch beide. Ich sehe euch, aber ihr mich nicht.
Du flüsterst jetzt etwas zu deiner Mama und ich muss mich anstrengen, um es zu verstehen: „Glaubst du, Oma geht es gut im Himmel? Meinst du, sie will die Kette zurück?“. Deine Mama seufzt und vergräbt ihre rotgefrorenen Hände in ihren Manteltaschen; es scheint immer kälter zu werden. Wie gerne ich euch Kakao bringen würde, um euch aufzuwärmen! Aber es geht nicht. Für euch bin ich unsichtbar.
„Ich weiß es nicht, Iris. Sie hat es mir nichts darüber gesagt; am Ende hat sie kaum noch sprechen können und ich glaube nicht, dass sie wusste, was um sie herum geschieht. Achtundachtzig ist ein stolzes Alter. Aber… wenn sie jetzt hier wäre, was würde sie sagen? Was glaubst du?“
Du schweigst einen Moment und starrst zu Boden. Ich will, dass du sie behältst, versuche ich, dir telepathisch mitzuteilen, aber natürlich hörst du mich auch diesmal nicht.
Nachdenklich streichst du mit der Hand über die glanzlosen Perlen. Dann nickst du entschlossen und richtest deinen Blick zum Himmel. Siehst du mich, Iris? Oder bin ich immer noch unsichtbar?
„Oma, ich hab‘ dich so lieb! Und ich möchte, dass du deine Perlenkette wiederbekommst. Danke, dass du sie mir geborgt hast… Ich hab‘ dich lieb.“
Deine Stimme zittert nur ein wenig bei diesen letzten Worten.
Nein, möchte ich dir sagen, bitte behalte meine Kette. Aber du hörst mich natürlich nicht. Langsam öffnest du den Verschluss der Perlenkette und blickst noch einmal auf die Perlen, die all ihren Glanz verloren haben. Dann bückst du dich. Du legst meine Kette auf mein Grab, berührst sie ein letztes Mal mit zitternden Fingern und dann wendest du dich ab, um zu gehen.
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