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Geheimnisse

von Lukina
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Gen
30.04.2021
03.10.2021
4
18.106
3
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03.10.2021 4.826
 
Goldener Käfig


Altuno schrieb das Jahr 1682. Streitigkeiten mit den Nachbarländern und ein Mangel an fähigen Priestern setzten dem Reich schwer zu. Die Ernten wurden immer schlechter und jedes Jahr aufs Neue setzten die Menschen ihre Hoffnung in die Weihung. Sie beteten zu den Göttern, dass diese ihnen endlich den nächsten Hohepriester sandten. Auch heute hatte sich fast die gesamte Hauptstadt auf dem großen Festplatz in der Mitte versammelt, in der Hoffnung, die Weihung eines Hohepriesters zu erleben. Zuerst wurden die Kinder der Priester geweiht. Eines nach dem anderen traten sie vor den Weihenstein und legten ihre Hand darauf. Sechsmal hintereinander strahlte ein gelbes Licht über den Platz. Aber kein einziges war hell genug, um auch nur Rang 2 zu sein. Ein Raunen ging durch die Menge und die ersten wandten sich bereits zum Gehen. Die Fähigkeit floss schließlich in der Familie. Aber es gab auch Ausnahmen, nicht wenige sogar. Regelmäßig hörte man von Bauern oder Handwerkern aus den kleineren Dörfern, deren Kinder in die Hauptstadt gerufen wurde, um in der Rittergarde zu dienen. Ab und an gab es auch Kinder aus ärmlichen Verhältnissen, die eine Manipulationsfähigkeit hatten und deshalb in den Tempel der Hauptstadt beordert wurden. Deshalb hatten auch die meisten die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Jeder auf dem Platz klammerte sich daran, dass auch ein Hohepriester in eine ganz normale Familie geboren werden konnte. Und sie sollten Recht behalten.

Die Reihe der Kinder lichtete sich mit jedem Mal, das der Stein aufleuchtete. Gelb, rot, blau, es waren alle Fähigkeiten vertreten. Aber je länger sich die Zeremonie hinzog, desto mehr sank die Hoffnung. Doch als nur noch drei Kinder auf ihre Weihung warteten, wurden die Gebete der Menschen erhört. Ein gleißendes, gelbes Licht strahlte über den Platz und es war, als hielte die Natur selbst den Atem an. Selbst in den anliegenden Dörfern war es noch zu sehen. Endlich, vierhundert Jahre nach dem Tod des letzten Hohepriesters, war das Wunder erneut geschehen. Überall auf dem Platz erhoben sich Jubelschreie. Alle, selbst der Priester, gingen vor dem neuen Oberhaupt der Kirche in die Knie. Alleine das kleine Mädchen, vor einem halben Monat hatte sie erst ihren zwölften Geburtstag gefeiert, blieb aufrecht. Zu perplex, um das Geschehene zu erfassen, stand sie vor dem Meer aus gesenkten Köpfen und starrte darauf hinab. Sie wusste zwar, was das Licht bedeutete, aber welche Folgen es für ihr gesamtes restliches Leben haben würde, war ihr nicht bewusst. Noch bevor sie die Situation wirklich verarbeiten konnte, wurde sie von zwei Soldaten der Rittergarde sanft, aber durchaus bestimmt auf der Rückseite des Podestes herabgeführt. Den gleichen Weg, den der Priester nehmen würde, sobald er die Zeremonie beendet hatte. Dort stand eine Kutsche bereit, in die die Soldaten das Mädchen hoben. Noch immer völlig perplex, kam sie nicht einmal auf die Idee sich zu widersetzen. Erst als sie bereits im Inneren war, fing sie sich wieder.

„Wann kommen meine Eltern hier her?“, fragte sie mit zittriger Stimme den Ritter, der ihr in der Kutsche Gesellschaft leistete. „Mama und Papa machen sich bestimmt Sorgen, wenn sie mich nicht finden. Und meine Puppe trägt Papa auch noch. Wenn ich ihm die nicht wieder abnehme, wird er bestimmt ärgerlich. Ich habe ihm schließlich versprochen, dass ich sie alleine trage.“

Jetzt, wo sie einmal all ihren Mut zusammengenommen und angefangen hatte zu reden, hörte sie gar nicht mehr auf. Sie erzählte, wie sie heute Morgen gemeinsam mit ihrer Mutter das Kleid ausgesucht hatte. Und wie lange sie ihren Vater hatte bitten müssen, damit er ihr erlaubt, die Puppe mitzunehmen. Ihr Bewacher, eine junge Frau mit tiefblauen Haaren, wurde mit jedem Wort unruhiger. Sie hatte nicht viel Erfahrung mit Kindern und wusste nicht, wie sie auf die Informationsflut reagieren sollte. Auch war ihr nicht bewusst, dass das Mädchen nur versuchte, ihre eigene Unsicherheit zu überspielen. Die Hände des Kindes blieben nie still. Mal spielte sie mit dem Saum ihres Kleides, ein anderes Mal wickelte sie sich nervös eine der grünen Locken, die ihr ab und an ins Gesicht fielen, um die Finger. Und hätte die junge Frau genau hingehört, wäre ihr auch aufgefallen, dass trotz der scheinbaren Lebhaftigkeit des Mädchens, selbst nach zwanzig Minuten noch ein zittriger Unterton in ihrer Stimme mitschwang. Schließlich erlöste der Priester den Ritter, indem er die Tür mit Schwung öffnete. Nachdem er dem Kutscher einige Anweisungen zugerufen hatte, wandte er sich dem Mädchen zu, das bei dem plötzlichen Geräusch der Klinke verstummt war.

„Exzellenz, ich bitte Euch vielmals um Entschuldigung. Durch den Aufruhr, den Eure Weihung verursacht hatte, konnte ich die Zeremonie leider nicht planmäßig beenden. Ich werde nun aber mein Möglichstes tun, um diesen Zeitverlust wieder aufzuholen, wenn Ihr das wünscht.“

Der Priester hatte den Kopf die ganze Zeit gesenkt gehalten. Seine Ehrfurcht vor dem Wunder, das gerade vor ihm saß, war deutlich zu erkennen. Das Mädchen hingegen nahm all das nicht wahr. Sie war noch zu klein, um die Tragweite ihrer Weihung zu verstehen. Alles, was sie im Moment interessierte, war, wann sie zu ihren Eltern kam.

„Fahren Sie mich jetzt nach Hause? Aber vor unserem Haus ist kein Platz um eine Kutsche abzustellen. Außerdem ist es gar nicht so weit weg. Das kann ich auch laufen. Den Weg kenne ich auch, Sie müssen sich also keine Umstände machen.“
Obwohl ihr die Situation Angst machte, hatte das Mädchen sich bemüht dem Priester gegenüber höflich zu sein. Ihre Mutter hatte ihr immer erklärt, zu allen in der Kirche besonders nett zu sein. Das wurde allen Kindern beigebracht, denn einem Priester gegenüber durfte man sich auf keinen Fall respektlos verhalten. Das käme sonst fast einer Gotteslästerung gleich. Auf den Gedanken, dass es nun wirklich als Gotteslästerung zählte, wenn man sie auch nur schief ansah, kam das Mädchen nicht. Dass der Priester sie mit Exzellenz angesprochen hatte, war ihr zwar seltsam vorgekommen, aber sie hatte in ihrer Aufregung nicht weiter darüber nachgedacht. Entsprechend überrascht war sie, als dieser beinahe von seinem Sitz aufsprang. Die Empörung, die bei seiner Antwort in seiner Stimme lag, entging ihr allerdings nicht.

„Auf keinen Fall, Exzellenz!“, rief er fassungslos. „Ich kann Euch doch nicht wie einen gemeinen Bürger durch die Straßen laufen lassen. Es grämt mich bereits, dass Ihr durch die Gänge der Kirche laufen müsst, weil der Oberpriester die Sänfte für seine Konferenz bei seiner Majestät genommen hat.“

Fest umklammerte das Mädchen den Sitz unter sich. Sie wusste nicht, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte. Wenn sie in die Kirche fuhren, wann würde sie dann wieder zu ihren Eltern kommen? Sie wollte den Priester aber nicht weiter mit ihren Fragen belästigen und so verbrachte sie den Rest der Fahrt schweigend, ohne zu wissen, dass sie ihre Eltern nie wieder sehen würde. Denn als Hohepriesterin hatte sie keine Familie mehr.

***


In der Kirche fehlte es der neu ernannten Hohepriesterin an nichts. Die besten Kleider und teuersten Spielsachen standen ihr zu Verfügung. Zudem hatte ihre Sicherheit oberste Priorität. Vier Wachen waren alleine dafür abgestellt sie Tag und Nacht zu begleiten. Außerdem waren ihr zwei heilkundige Priester zugeteilt, deren einzige Aufgabe es war, jede Krankheit bereits im Keim zu ersticken. Auch für alle anderen Bedürfnisse war gesorgt. Ein Heer an Dienern schwirrte zu jedem Zeitpunkt um sie herum. Nur ein Wort von ihr und jeder im Raum tat alles, um ihre Wünsche zu erfüllen, selbst wenn es sich mitten im Winter um frisches Obst handelte. Aber nicht nur die ihr zugeteilten Bediensteten versuchten ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Keiner lief an ihr vorüber, ohne zumindest den Kopf zu senken. Die meisten knieten sogar nieder, selbst wenn auch nur ihre Sänfte vorbeigetragen wurde. Weder die ältesten, noch die nach ihr stärksten Priester wagten es, ihr zu widersprechen. Nur um die Lehrstunden, die jeden Nachmittag einnahmen, kam sie nicht herum, so sehr sie auch nach Ausreden suchte. Die höchsten Gelehrten der Akademie persönlich wachten über ihre Ausbildung und auch wenn sie als ein fast göttliches Wesen galt, ließen sie ihr keinen Fehler durchgehen. Jedes Kind brauchte schließlich Erziehung, ob menschlich oder nicht spielte keine Rolle, und wer, wenn nicht die hellsten Köpfe des Landes, sollte diese wichtige Aufgabe bei der Hohepriesterin übernehmen?

Recht, Wirtschaft, Geschichte, als Oberhaupt der Kirche und damit in einigen Jahren die letzte Instanz der Gesetzgebung, musste sie in allen Gebieten bewandert sein. In den ersten Jahren waren die Grundsteine gelegt worden und es war ihr leicht gefallen das Lerntempo, das die Gelehrten vorgaben, zu halten. Lesen, Schreiben und einfache Mathematik, wie Addition oder Multiplikation, waren für sie nicht weiter schwer, da sie schon ihrer Schwester dabei zugesehen hatte, wie diese für ihre Ausbildung lernte. Auch in den Stunden für Kultur und Theologie hatte sie bereits Vorwissen, das ihr half, sodass sie auch da nicht viel Neues erfuhr. Biologie war da schon ein wenig schwerer gewesen, da es in der Hauptstadt fast keine Tiere gab. Den obligatorischen Hausmantakel jeder Familie ausgenommen, sahen die meisten Kreaturen in den Büchern beinahe wie Fantasiegestalten für sie aus. Aber die Verflechtungen der einzelnen Spezies miteinander fand sie so faszinierend, dass sie wissbegierig alles darüber aufsaugte. Am liebsten waren ihr aber die Stunden, in denen sie Stück für Stück ihre Fähigkeiten erkunden durfte. Die Aufgabe der Kirche war es, das Land jedes Jahr aufs Neue zu segnen. Ohne die unterschiedlichen Gaben der Priester, die jeweils den Lauf des Lebens auf ihre Weise beeinflussten, wären die Pflanzen nicht in der Lage früh genug Blüten, Samen oder gar Früchte zu bilden. Deshalb wurden zu jedem Frühlingsfest Priester in alle Teile des Landes entsandt, die dort mit ihrer Manipulationsfähigkeit für gute Ernten sorgten. Als Hohepriesterin würde sie früher oder später auch mit dieser Aufgabe betraut werden, nur dass sie das ganze Land auf einmal segnen würde. Um diesen Erwartungen gerecht werden zu können, strengte sie sich deshalb in den Trainingsstunden besonders an. Mit jedem Monat lernte sie ihre eigene Kraft immer besser kennen und als die Stunden im dritten Jahr ein Ende fanden, war sie unendlich enttäuscht. Dass sie bereits ein Jahr zuvor jeden Priester des Landes mit Leichtigkeit in den Schatten gestellt hatte, war ihr nicht bewusst. Wie auch? Abgeschottet von jeglichen Einflüssen hatte sie keine Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen.

Die Stunden, die dadurch frei wurden, nutzten ihre Lehrmeister, um das Lerntempo anzuziehen. Anstelle sie nur nachmittags in den theoretischen Fächern zu unterrichten, füllten sie nun auch die Morgenstunden mit verschiedenen Einheiten. Auch heute saß sie selbst am späten Nachmittag noch tief über die alten Bücher gebeugt, während ein Gelehrter der Akademie sie mit Argusaugen beobachtete. Mit einem leisen Seufzen blätterte sie auf die nächste Seite, während sie einen verstohlenen Blick aus dem Fenster warf.

„Exzellenz, bitte konzentriert Euch auf Eure Studien“, wies der Gelehrte der heutigen Stunden sie sofort zurecht. „Solch unnötige Zeitverschwendung ist schließlich weit unter Eurer Würde.“

Um seinen Standpunkt zu unterstreichen, schloss er kurzerhand den Vorhang zum Innenhof. Jetzt konnte sie also nicht einmal mehr den anderen zusehen. Wie so oft wünschte sie sich einfach wie die anderen zu sein. Sie wollte ja gar nicht alle Stunden schwänzen. Nur ein paar Pausen, in denen sie Kind sein durfte. Missmutig widmete sie sich dem Absatz vor ihr. In aller Ausführlichkeit erklärte er, wie sich Fledermuhs aus ihren Vorfahren entwickelt hatten und weshalb sie die einzige heute lebenden Pflanzenfresser waren, die keine Fähigkeit besaßen, um Pflanzen schneller wachsen zu lassen. Wenn sie nicht schon den ganzen Tag in diesem Zimmer zugebracht hätte, hätte sie diese Entwicklung vielleicht interessiert. So aber konnte sie nur daran denken, dass sie nur noch vierzig Minuten aushalten musste.

Seite um Seite arbeitete sie sich durch das alte Buch, während sie sich hier und da Notizen machte. Immer wieder wagte sie einen Blick zur Uhr, die auf dem Tisch des Gelehrten stand. Hatte dieser ihre Unaufmerksamkeit noch vor einer Stunde ignoriert, verlor er so langsam die Geduld. Immer wieder wies er sie zurecht ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass ein Kind in ihrem Alter nur eine begrenzte Aufmerksamkeitspanne hatte. In seinen Augen war sie kein zwanzigjähriges Mädchen, sondern ein teils göttliches Wesen, das den Verstand eines Menschen bei weitem überstieg. So kam er gar nicht auf den Gedanken, dass die pure Menge an Wissen sie überforderte.

Nachdem sie aber beinahe im Minutentakt von ihrem Buch aufsah, riss ihm der Geduldsfaden und er erklärte die Stunde zwanzig Minuten vor Schluss für beendet. Kurz bevor sie durch die Tür schlüpfte, rief er ihr noch hinterher, dass ihr Verhalten ein Nachspiel haben würde.

Der Hohepriesterin war das in diesem Moment aber völlig egal. Da sie eher gehen durfte, stand ihre Sänfte nicht vor der Tür, sodass sie den Moment nutzte, um durch die Gänge des Schulgebäudes zu flitzen. Es war zwar nicht viel, aber für sie war es einer der seltenen Momente, in denen sie sich frei fühlte. Endlich konnte sie all die Augen vergessen, die sonst auf ihr lagen, um auch ja schon die kleinste Veränderung in ihrem Verhalten zu erkennen. Wollte sie etwas essen? Hatte sie Durst? Sie wollte gar nicht wissen wie oft sie täglich eine solche Frage verneinen musste. Und trotz all der Beflissenheit, mit der man sie versorgte, all der Mühe, die ihre Bediensteten in ihr Wohlergehen steckten, bemerkte keiner, was sie wirklich brauchte: Menschen, die sie als ihresgleichen sahen.

***


Die Jahre vergingen und die Hohepriesterin wuchs immer mehr in ihre Rolle hinein. Hatte lange Zeit noch ihre Wache dafür sorgen müssen, dass Priesteranwärter gemaßregelt wurden, wenn sie sie ansahen, wies sie diese nun selber zurecht. Auch ihr Auftreten hatte sich mit der Zeit verändert. Von dem kleinen, schüchternen Mädchen, das sich vor 35 Jahren nicht einmal getraut hatte dem Priester eine Frage zu stellen, war eine stattliche junge Frau geworden, die mit erhobenem Kopf durch die Gänge der Kirche lief und offen ihre Meinung sagte. Mit ihrer ruhigen Art schien sie wie das perfekte Oberhaupt der Kirche. Ein halbes Jahr noch und sie würde offiziell vereidigt werden.

Doch hinter dieser Fassade versteckte sich noch immer die gleiche Unsicherheit. In all den Jahren hatte sie nur immer besser gelernt, ihre Gefühle vor anderen zu verschließen. Es war ihr unangenehm, wenn alle jede ihrer Gesten als eine Aufforderung deuteten. Also hatte sie es sich angewöhnt, ganz still zu sitzen. Auch ihre Mimik hatte sie gelernt zu kontrollieren. Selbst wenn sie weinte würde schließlich niemand in den Arm nehmen. Eine Halbgöttin berührte man schließlich nicht. Am schwersten fiel es ihr diese Maske beizubehalten, wenn sie einen der jungen Priesterschüler hörte, wie er sich wünschte, dass auch seine Fähigkeit Rang 1 hätte. Dieser Neid hatte sie schon immer verletzt, denn es erinnerte sie daran, wie weit weg sie von einem normalen Leben war. Wie wenig sich andere in ihre Situation herein versetzen konnten. Alle nahmen an sie könnte gar nicht anders, als glücklich sein. Schließlich hatte sie alles im Überfluss. Dass sie all den Luxus mit ihrer Freiheit bezahlte, war den wenigsten bewusst.

Mit einem distanzierten Lächeln saß sie auf dem reich verzierten Stuhl hinter dem Altar und wartete, bis auch das letzte frisch getraute Ehepaar die Kirche verlassen hatte. Erst jetzt war es ihr erlabt aufzustehen. Eigentlich müsste sie jetzt sogar noch auf die Sänftenträger warten, aber diese Tradition hatte sie zum Glück schon vor Jahren beenden können, sodass sie nun in aller Ruhe ihren eigenen Weg zu ihren Gemächern gehen konnte. Als sie den Garten im Innenhof der Kirche durchquerten, hielt sie hier und da an, um zumindest diese kleine Freiheit in ihrem sonst so strikt geplanten Tag auskosten zu können. Zu lange durfte sie aber nicht stehen bleiben, sonst würden ihre Aufpasser, wie sie sie in Gedanken bezeichnete, ungeduldig werden. Selbst jetzt traten die beiden Ritter, unbemerkt von der Hohepriesterin unruhig von einem Fuß auf den anderen. Nervös sahen sie sich in alle Richtungen um. In ihren Augen war jede Sekunde länger unter freiem eine potentielle Gefahr für Ihre Exzellenz. Erst wenn sie wieder die schützende Decke des Kirchengebäudes über der Hohepriesterin wussten, könnten sie sich ein wenig entspannen. Diese dachte aber gar nicht daran sich zu beeilen und so zog sich der Rückweg zu den privaten Gemächern für die Ritter gefühlt unendlich in die Länge.

Schließlich erreichten sie die reich verzierte Tür und alle außer der Hohepriesterin atmeten zumindest innerlich erleichtert auf, während Letztere durch die Tür schritt. Auch die Diener, die bereits vor der Tür warteten, hatten voller Bangen auf ihre Herrin gewartet. Obwohl sie solche Verzögerungen nach all den Jahren bereits kennen sollten, war es jedes Mal aufs Neue nervenaufreibend für sie, wenn Ihre Exzellenz unerwartet lange für einen Rückweg brauchte. Nun konnten sie beruhigt sein, dass auch dieses Mal nichts geschehen war. Schnell schloss der einer der beiden Ritter die Tür, nachdem er sich versichert hatte, dass die Hohepriesterin weit genug in den Raum gelaufen war. Sollte er auch nur eine Lage ihres Kleides erwischen, würde er schließlich seinen Rang verlieren und sich von Neuem hocharbeiten müssen. Erst als die Tür vollständig geschlossen war, konnte er aufatmen.

Auf der anderen Seite der Tür war es allen Anwesenden hingegen keineswegs nach aufatmen zu Mute. Die Bediensteten hatten alle Hände voll zu tun die Hohepriesterin zu entkleiden und für die Nacht fertig zu machen und Ihre Exzellenz ließ es über sich ergehen. Sie bemühte sich, ihr Unbehagen so gut es ging zu verstecken. Selbst nach all den Jahren war es ihr unangenehm, von anderen Menschen ausgezogen zu werden. Aber würde sie es selber machen, wäre es ein Skandal. Vor Jahren, als das Leben in der Kirche noch völlig neu für sie war, hatte sie ihren Umhang eigenständig ausgezogen. Die Predigt des Oberpriesters war ihr bis heute im Gedächtnis geblieben und seither hatte sie es nicht gewagt auch nur ein einziges Kleidungsstück abzulegen. Nun beschränkte sie sich darauf allen anderen im Raum zu sagen, was sie als nächstes wollte, obwohl das eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Vor allem das abendliche Bad war eine Tortur für sie.

Nach einer Stunde hatte die Schar an Dienern schließlich alles erledigt und auch die Hohepriesterin konnte aufatmen. Mit geschlossenen Augen wartete sie darauf, dass auch der letzte Bedienstete den Raum verlassen hatte, bevor sie seufzend ausatmete. Ein weiterer Tag war geschafft und den nächsten würde sie auch überleben. So sehr sie all die Aufmerksamkeit auch hasste, sie hatte keine Wahl. Auch wenn es offiziell hieß, dass sie die Kirche leitete, wusste sie nur zu genau, wie wenig ihr Wort wert war. Bedienstete konnte sie durch herumkommandieren, vielleicht auch den ein oder anderen Diener, aber spätestens bei ihrer Leibgarde biss sie auf Granit. Wie oft hatte sie ihre Wachen schon gebeten, sie doch in die Stadt zu lassen. Anfangs in der Hoffnung, ihre Eltern zu begegnen, mit den Jahren aber auch einfach nur, um ihrem goldenen Käfig zu entkommen. Aber sie hatte immer die gleiche Antwort bekommen. Die Welt außerhalb der Kirche sei nicht rein genug, zu gefährlich, und sie solle sich doch lieber auf ihre Göttlichkeit besinnen. Beten, lernen und ihre den Bürgern mit ihrer Manipulation dienen sei doch ihre Bestimmung. Nur in ihren Träumen konnte sie wirklich frei sein. Entschlossen drehte sie sich auf die Seite und begann ihre Atemzüge zu zählen, während sie sich auf die Waldwiese ihres gestrigen Traumes wünschte. Immer weiter verlangsamte sich ihre Atmung, bis sie schließlich einschlief. Zum ersten Mal an diesem Tag zeigte sich ein ehrliches Lächeln auf ihrem Gesicht. Ohne zu wissen, dass sie ihre Freiheit zum Greifen nahe war.

***


Im Schutze der Dunkelheit schlichen fünf Gestalten über den Innenhof der Kirche. Es war Neumond und Wolken versteckten die Sterne. Nur deshalb hatten sie es überhaupt über die Mauer geschafft, ohne dass eine der Wachen auf sie aufmerksam geworden war. Leise schlichen sie das Kirchengebäude entlang, immer darauf bedacht hinter Büschen versteckt zu bleiben. Ihr Ziel war das Haupttor und die vier dort stationierten Wachen. Nur noch diese eine Hürde und all die in der Stadt versteckten Angreifer könnten in die Kirche. Alle Beteiligten wussten, dass sie es nicht wieder aus Fernis herausschaffen würden, selbst wenn ihr Plan auf ging. Aber darauf waren sowohl die vier Schemen, als auch ihre Verbündeten vor der Mauer vorbereitet. Sie hatten mit ihrem Leben abgeschlossen und würden so viel Chaos wie möglich stiften.

***


Als die Hohepriesterin aufwachte, schien ein rötlicher Schimmer durch das große Fenster in ihrem Schlafgemach. Zuerst nahm sie an, dass die Morgensonne durch die geschlossenen Vorhänge schien. Aber bereits einen Moment später saß sie kerzengerade im Bett. Selbst im Halbschlaf hatte sie erkannt, dass es kein Vogelzwitschern, sondern menschliche Schreie waren, die sie geweckt hatten. Und der rote Schimmer war kein Sonnenaufgang, sondern Feuer. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte zeigte ihr das gesamte Ausmaß. Menschen, sowohl Priester, als auch Wachen, rannten über den Hof. Einige mit Eimern, um den Brand unter Kontrolle zu bringen, andere in Schlafsachen, da auch sie mitten in der Nacht von dem Tumult aufgeschreckt waren.

Wie gelähmt stand die Hohepriesterin in ihrem Zimmer, während sie langsam realisierte, was geschehen war, als sie hier und da menschliche Körper erkannte, die reglos im Gras und auf den Wegen lagen. Die Kirche wurde angegriffen und es sah nicht so aus, als würde die Rittergarde demnächst auftauchen. Schließlich läuteten noch nicht einmal die Alarmglocken. Je länger sie auf das Chaos unter ihr startet, größer wurde ihre Panik. Sie schaffte es einfach nicht, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen und so drehte sie sich in ihren Überlegungen nur im Kreis. Sollte sie aus der Kirche fliehen? Eigentlich sollte ihr Zimmer durchaus gut bewacht und damit einer der sichersten Orte der ganzen Stadt sein. Zwei Wachen vor der Tür, vier weitere im Gang davor und zehn Bedienstete, die in Nebenzimmern untergebracht waren, sorgten dafür, dass niemand ohne Anmeldung zu ihr kam. Selbst mitten in der Nacht. Aber eigentlich war auch der Haupteingang von den besten Soldaten der Rittergarde bewacht und trotzdem hatte es zu dieser Katastrophe kommen können. Und mit diesen Überlegungen hatte sie auch Recht. Der Angriff war durch eines der Nachbarländer instigiert worden, in der Hoffnung Altuno zu schwächen. Doch von all diesen politischen Unruhen wusste die Hohepriesterin nichts. Man hatte sie die letzten Jahrzehnte von jeglichen weltlichen Einflüssen abgeschirmt. Deshalb ahnte sie auch nicht, dass sie selbst das Hauptziel der Angreifer war.

Bevor sie sich aber wirklich mit der Situation beschäftigen konnte, stürmte einer ihrer Bediensteten durch die Tür. Die Panik in seinen Augen ebbte ein wenig ab, als er sah, dass die Hohepriesterin bereits wach war.

„Exzellenz, Ihr müsst hier raus!“, schrie er.

Nur mit einem dünnen Nachtgewandt bekleidet stand er, eine Hand noch an der Klinke, stand er in der Tür und versuchte zu Atem zu kommen, während die Hohepriesterin sich erschrocken umdrehte. Auch jetzt brauchte sie einen Moment, um das Gehörte zu verarbeiten. Noch bevor sie sich wieder fangen konnte, stürmte der Bedienstete auch schon zu einem ihrer Schränke und versuchte eines ihrer Kleider heraus zu holen. In diesem Moment legte sich ein Schalter in der Hohepriesterin um. Die Panik im Gesicht des Bediensteten hatte ihr die Realität der Situation direkt vor Augen geführt. Normalerweise ließ sich vor ihr niemand negative Gefühlsregungen anmerken, um sie nicht mit weltlichen Problemen zu belasten. Sie jetzt so deutlich zu sehen zeigte ihr, wie gefährlich es hier war. Sie wusste nicht woher, aber sie war sich sicher, dass sie aus der Kirche musste, wenn sie leben wollte.

Aus der lähmenden Panik wurde ein plötzlicher Drang zu Handeln. Ohne auf den Bediensteten vor ihrem Schrank zu achten, griff sie in eine ihrer Kommoden und holte eine Handvoll ihrer Juwelen heraus, um sie in die Taschen ihres Nachthemdes zu stecken. Während sie aus dem Raum stürmte rief er ihr noch hinterher, dass im Hinterhof einige Wachen auf sie warteten und er ihren Mantel mitbringen würde, aber sie war bereits durch die Tür und hörte nicht zu. Trotzdem entschied sie, dass es besser wäre den Weg der Bediensteten zu nehmen und so nahm sie nicht die große, zweiflüglige Tür, durch die sie am Abend zuvor ihr Gemach betreten hatte, sondern die deutlich kleinere an der linken Wand. Ohne auf die entsetzten Rufe der Bediensteten zu achten rannte sie durch die Botengänge. An einer offenen Tür sah sie einen Umhang hängen, den sie sich griff. Es war bereits Herbst, da würde ihr Nachthemd im Freien kaum ausreichen.

Wie in Trance hastete sie durch die Flure der Kirchen. Ein Glück hatte sie sich schon als Kind immer wieder von ihren Aufpassern fortgeschlichen und kannte so auch die Schleichwege. Hier und da lief sie in andere Menschen, aber in dem Chaos und mit der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze erkannte sie niemand. Sie selbst erkannte aber durchaus den ein oder anderen Priester. Vor allem von denen, die reglos auf dem Boden lagen. Bei diesem Anblick drehte es ihr jedes Mal beinahe den Magen um, aber lief weiter. Um die Schreie auszublenden, hielt sie sich die Ohren zu, aber es half nichts. Das Grauen drang trotz all ihrer Versuche es auszublenden zu ihr, während sie über das Kirchengelände hastete. Ihr ganzer Verstand wurde von einem einzigen Gedanken eingenommen. Sie musste hier weg. Niemals hätte man sie mitten in der Nacht wecken wollen, wenn es nicht absolut aussichtslos war, sie hier auf dem Gelände zu beschützen. Sie rannte an schreienden Menschen vorbei, auch wenn ein Teil von ihr diesen helfen wollte. Wenn sie überleben wollte, musste sie weiter.

Erst als sie bereits die Stadtmauern verlassen hatte, hielt sie an. Nach Atem ringend lehnte sie sich gegen den kühlen Stein. Nun, da die Aufregung langsam nachließ, realisierte sie, was eigentlich passiert war und vor allem was es bedeutete. Zurück konnte sie unter keinen Umständen. Selbst wenn die Kirche am Morgen noch stehen sollte, war sie sich sicher, dass man es nach außen hin als ihr Versagen darstellen würde. So sehr eine Hohepriesterin auch wie eine Gottheit behandelt wurde, mit Schuldzuweisungen war die Regierung immer schnell gewesen. Schon als Kind hatte man sie als Repräsentant der Kirche zu seiner Majestät geschickt, wenn es Probleme mit der Ernte gab. Sie war das Oberhaupt der Kirche, also trug sie auch die Verantwortung, wenn der Klerus einen Fehler machte. Egal wie wenig Einfluss sie auf die Priester hatte. Sie konnte Und nach dieser Katastrophe wäre es kaum mit verringerten Abgaben getan. Sie hatte auf ihrem Weg nach draußen aus den Augenwinkeln gesehen, dass das Feuer bereits auf Gebäude außerhalb der Kirchenmauern übergesprungen war. Der Schaden in Fernis würde enorm sein und für all diese Verluste würde mindestens ein Kopf rollen. Um am Leben zu bleiben, musste sie so weit wie möglich weg. Irgendwo hin, wo niemand sie kannte.

***


Die Sicherheit, mit der die ehemalige Hohepriesterin in der Nacht des Angriffes ihre Entscheidung getroffen hatte, war schnell verflogen und erste Zweifel begannen sie zu plagen. Vor allem als sie erfuhr, dass der Angriff letztlich zerschlagen werden konnte, machte sie sich Gedanken, ob es nicht vielleicht doch besser wäre zurück zur Kirche zu gehen. Es war schließlich ihre Bestimmung Hohepriesterin zu sein. Immer wieder kehrte sie um, entschied sich aber letztlich jedes Mal gegen die Rückkehr. In ihren Augen hatte sie in ihrer Aufgabe als Hohepriesterin sowieso versagt. Wie viele hätte sie mit ihrer Fähigkeit retten können, wenn sie nicht einfach blind davongelaufen wäre? Gerade sie, die sie doch sogar einige Tote hätte wiederbeleben können. Aber selbst wenn man sie nach einer Rückkehr am Leben lassen würde, konnte sie es nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren, die Maske einer Heiligen zu tragen. Zumal sie diese Position nie hatte haben wollen.
Mit jedem Tag, den sie außerhalb von Fernis verbrachte, lernte sie ihre Freiheit zu lieben. Auch wenn es anfangs schwer gewesen war über die Runden zu kommen, hatte sie mittlerweile eine ganz gute Variante gefunden. Im ersten Dorf hatte sie einen Teil ihres Schmuckes hatte umtauschen können. Dadurch hatte sie sich einen Beutel, ein paar weniger auffällige Sachen und etwas Verpflegung gekauft. Danach hatte sie nicht mehr so viel Glück und fand keine Juweliere mehr. Sie musste sich also anderweitig Geld beschaffen und begann wo immer sie konnte kleinere Aufgaben anzunehmen. Mal half sie in einer Taverne aus, mal nutzte sie ihre Fähigkeiten, um kleinere Verletzungen oder Krankheiten zu heilen. Mit jedem Mal, dass sie ihr Können zur Schau stellte, merkte sie aber auch, wie sehr sie damit auffiel. Nicht nur einmal kam sie in Erklärungsnot. Nach einem Monat schwor sie sich, ihre Fähigkeit nie wieder zu verwenden. Zu sehr hatte sie sich an ihre Freiheit gewöhnt, dass es ich widerstrebte als Hohepriesterin erkannt und zurück in die Kirche gebracht zu werden. Es graute sie davor wieder in ihren goldenen Käfig gesperrt zu werden, auch wenn dieser ihr all die Jahre ein Leben frei von den Widrigkeiten der realen Welt beschert hatte. Lieber arbeitete sie hart auf dem Feld eines Bauern, als dass sie je wieder ihre Maske aufsetzen würde. Sie war keine Heilige, kein göttliches Wesen, das auf die Erde herabgestiegen war und sie würde sich nie wieder anbeten lassen. Dass sie damit die Zukunft der Bauern, die sie auf ihrer Reise für ihre Arbeit entlohnten, verschlimmerte, verdrängte sie. Nachdem sie einen Monat ziellos durch das Land gezogen war, ließ sie sich schließlich in einem kleinen, namenlosen Dorf im Osten Altunos nieder.
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