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Geheimnisse

von Lukina
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Gen
30.04.2021
03.10.2021
4
18.106
3
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03.10.2021 3.960
 
Drohendes Unheil


Vier Tage später wurde Sana noch vor ihrem Laden von einem ihr mittlerweile nur allzu bekannten Wirbelwind begrüßt. Deshalb saß sie nun zusammen mit Arie und deren Vater in ihrem Beratungsraum und stellte einen Ausbildungsvertrag zusammen. Auf Drängen von Herrn Vanis hatte sie auch eine Aufnahmebedingung eingefügt. Denn selbst nach einer ausführlichen Erklärung zum geltenden Recht ihrerseits beharrte dieser darauf, dass seiner Tochter sonst der Ausbildungsplatz weggenommen werden könnte. Selbst das Weihungskleid, dessen Aussehen ja alleine durch Arie bestimmt worden war, wollte der Händler nicht als Ersatz durchgehen lassen. Sana musste versprechen ihr noch in der ersten Woche eine Aufgabe zu geben. Ansonsten regelte der Vertag das Gehalt, die Dauer ihrer Ausbildung und ihre Verpflichtungen. Alles in allem nichts Außergewöhnliches, aber als Arie das von beiden Seiten unterschriebene Pergament in den Händen hielt, sah es für Sana beinahe aus, als hätte sie dem Mädchen einen Adelstitel verliehen. Ehrfürchtig starrte sie auf die Zeilen, bevor sie es vorsichtig zusammenfaltete. Da es keinen Sinn ergab das Mädchen heute, zwei Tage vor Ruhtag, anfangen zu lassen, würde Arie erst in drei Tagen mit ihrer Ausbildung beginnen. Sana verabschiedete also Herrn Vanis und seiner Tochter und begab sich in den Verkaufsbereich.

Zurzeit gab es kaum Kundschaft und so nahm sie sich Toren beiseite, um mit ihm die Grundstiche noch einmal durchzugehen. Sie hatte direkt nach dem Frühlingsfest ihren Plan in die Tat umgesetzt und ihn gefragt, ob er anstelle der Aushilfsstelle nicht lieber als Lehrling bei ihr anfangen wöllte. Er hatte sofort zugesagt und war nur etwas verunsichert gewesen, dass sie ihm keine Aufnahmebedingung gegeben hatte. Im Gegensatz zu Aries Vater ließ er sich aber mit der einfachen Begründung, dass er in seiner Zeit als Aushilfe seine Fähigkeiten schon zur Genüge gezeigt hatte abspeisen. Mit Arie hätte sie dann zwei Lehrlinge auf einmal. Ob sie sich da mal nicht übernommen hatte. Da Toren aber bis jetzt sehr gute Fortschritte gemacht hatte und bereits einfache Reparaturen übernehmen konnte, hoffte Sana einfach, dass sie einen Teil der Aufträge gleich als Übung für ihre beiden Lehrlinge nutzen konnte. Anhand von Änderungsarbeiten konnte sie Schnittmuster erklären und bei den Reparaturen ließen sich wunderbar die verschiedenen Stiche und ihre jeweiligen Vorteile üben. Am Ruhtag, nahm sich Sana vor, würde sie sich dann genauere Gedanken machen, welche Dinge sie am besten in welcher Reihenfolge beibrachte. Letztendlich würde es wohl darauf hinauslaufen, dass sie alle drei im nächsten Jahr eine Menge lernen würden. Toren und Arie das Schneiderhandwerk und Sana wie man anderen etwas verständlich machte. Sie hatte in den letzten Tagen nämlich bereits gemerkt, dass das gar nicht so einfach war. Viele Abläufe waren ihr nach all den Jahren einfach so vertraut, dass sie gar nicht wirklich wusste welche Handgriffe sie erklären musste, damit jemand ohne Vorkenntnisse es verstehen und nachmachen konnte.

***


Die Wochen vergingen und Sana bemerkte, wie sowohl Arie als auch Toren immer mehr aufblühten. Die beiden waren nur drei Jahre auseinander und verstanden sich sehr gut miteinander. Wenn einer Hilfe brauchte, war der andere sofort zur Stelle. Toren, der bisher anscheinend sehr darunter gelitten hatte, dass er trotz seiner gar nicht mal schwachen Talentfähigkeit immer noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hatte, war der fleißigste Schüler, den sich Sana vorstellen konnte. Neben den Aufgaben, die sie den beiden Kindern jeden Abend mit nach Hause gab, hatte er sie um ein grobes Stück Stoff gebeten, auf dem er alle Stiche, die er bereits beherrschte, jeden Tag übte. Mittags, wenn Sana in den Laden ging und diesen öffnete, zeigte er ihr seine Arbeit und fragte, was er noch verbessern konnte. Es war offensichtlich wie wichtig Toren die Stelle in ihrer Schneiderei war und Sana freute sich jedes Mal, wenn sie ihn für seine Bemühungen loben konnte. Auch Arie war eine vorbildliche Schülerin. Nachdem sich das Gerede darüber, dass sie ihr Talent verschenken würde, wieder gelegt hatte, war sie wieder zu ihrem fröhlich, aber auch sehr sturen Selbst zurückgekehrt, das Sana dazu bewogen hatte ihr diese Stelle überhaupt anzubieten. Sie zeigte zwar nicht einen solchen Übereifer wie Toren, aber durch ihre Talentfähigkeit, bei der sich bereits nach einer Woche bestätigt hatte, dass sie im künstlerischen Bereich lag, hatte sie vor allem bei Verzierungen einen enormen Vorteil. Während Toren sich mühsam erarbeiten und merken musste, welche Stiche oder Farben in Kombination gut aussahen, machte Arie diese Dinge intuitiv richtig. Auch bei den Schnittmustern, die Sana gestern begonnen hatte langsam mit einzuführen, zeigte sich Aries Begabung. Toren hingegen glänzte, sobald es um schwierige Kunden ging. Seit er bei ihr in Lehre war und sie ihn deshalb auch zu weiterführenden Kundengesprächen mitnahm, hatte Sana keine Probleme mehr unerfüllbaren Aufträgen. Jedes Mal, wenn der Junge merkte, dass sie einem Wunsch nicht nachkommen konnte, sprang er ein und überzeugte den Kunden von einer Alternative. Teilweise waren diese so weit weg von dem ursprünglichen Wunsch, dass es Sana wie Magie erschien.

Seit einigen Tagen hatte Torens Enthusiasmus allerdings etwas nachgelassen. Deshalb hatte Sana ihn gebeten heute ein bisschen eher zu kommen, um mit ihm darüber zu reden. Es sah ihm einfach nicht ähnlich und sie wollte vermeiden, dass sich ihre Schützlinge überarbeiteten. Sana bog gerade um die Ecke, da sah sie ihn schon vor dem Hintereingang zu ihrem Laden stehen. Er lehnte neben der Tür an der Wand und jetzt, als sie ihn sich genauer ansah, stellte sie fest, dass er sogar noch schlechter aussah. Vermutlich hatte er versucht sich nichts anmerken zu lassen. Als er sie bemerkte, stellte sich diese Vermutung als richtig heraus. Sofort straffte der Junge die Schultern und stieß sich von der Wand ab. Mit einem fröhlichen Lächeln begrüßte er sie und folgte ihr in den Laden.

In dem kleinen Zimmer, dass Sana mittlerweile nicht nur für Kundengespräche, sondern auch als Unterrichtsraum benutzte, angekommen, kam sie direkt auf den Punkt. Es brachte schließlich nichts um den heißen Brei herumzureden. Außerdem kannte er diese direkte Art von ihr schon und hatte ihr mehrfach versichert, dass es ihn nicht störte.
„Toren, mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit ein wenig unaufmerksamer bist. Du machst deine Arbeit immer noch gut, aber ich habe das Gefühl, dass es dir manchmal schwer fällt zuzuhören, wenn ich etwas erkläre. War ich irgendwo zu schnell? Ihr seid beide meine ersten Lehrlinge, deshalb weiß ich manchmal nicht, ob ich euch nicht überfordere. Arie ist da immer sehr deutlich, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dir nicht zu viel zumute.“

Als Sana sah, wie betreten der Junge zu Boden sah, wollte sie sich am liebsten in den Hintern beißen. Sie hatte ihm keinen Vorwurf machen, sondern ihre Sorge ausdrücken wollen. Wirklich geglückt war ihr das wohl nicht. In einem Versuch die Situation doch noch zu retten, fügte sie hinzu: „Da im Moment nicht wirklich viele Aufträge anstehen, könntest du dir jede Woche einen Tag aussuchen, –“

Schon bei der Hälfte des Satzes war Toren bleich geworden und hatte die Augen aufgerissen, als sie begonnen hatte über freie Tage zu reden.

„Ich bitte Sie, lassen sie mich weiter Vollzeit arbeiten. Ich versichere Ihnen, dass es nicht wieder vorkommen wird. Ich werde mich wieder voll auf die Ausbildung konzentrieren. Ich verspreche es. Bitte, kürzen Sie nicht die Stunden. Ich brauche das Geld.“

Der letzten Satz ließ Sana aufhorchen. Toren hatte ihn fast geflüstert, aber es hatte so viel Verzweiflung in seiner Stimme gelegen, dass ihr klar wurde, wie viel mehr hinter seiner scheinbaren Unaufmerksamkeit stehen musste. Hinzu kam noch sein völlig untypisches Verhalten. Der sonst so einfühlsame Junge, hatte sie nicht nur unterbrochen, sondern auch ihre Intention völlig falsch gedeutet. In den drei Monaten, die Toren nun schon bei ihr arbeitete, war ihr der ruhige und immer zuvorkommende Junge ans Herz gewachsen. Ihn nun so aufgelöst zu sehen brach ihr fast das Herz.

„Beruhige dich Toren, ich will dich nicht kündigen und dir auch nicht dein Gehalt kürzen. Ich hatte nur das Gefühl, dass ich dich überfordere und wollte sicher gehen, dass du gut mitkommst. Arie als Maßstab zu nehmen ist schließlich ein bisschen unfair. Bei dem Rang und der Art ihrer Talentfähigkeit fliegt ihr ein Großteil dessen, was ich euch beibringe, einfach zu. Wenn es dir hilft, könntest du also einen Tag in der Woche, anstelle hier im Laden zu helfen, die Zeit zum Üben nutzen. Oder wir können einen Tag ausmachen, an dem ich eher in den Laden komme, um dir bei den Sachen, die dir schwerfallen, zu helfen. Was denkst du, würde dir mehr bringen?“

Toren hatte sich schon nach ihrem ersten Satz ein wenig beruhigt gehabt. Seine Familie musste derzeit wirklich schlimme Geldsorgen haben, wenn ihm die Vorstellung einen Tag weniger arbeiten zu dürfen so sehr zusetzte. Sana hatte auf dem Markt schon hier und da Gerüchte gehört, denen zufolge die Felder dieses Jahr noch schlechter aussahen als im Jahr davor. Vermutlich verdiente seine Familie ihren Unterhalt mit Landwirtschaft. Das erklärte die Panik des Jungen vor einer Kündigung und Sana nahm sich vor, ihm unabhängig von seiner Antwort ein wenig mehr Freizeit zu geben. Nötig hatte er es auf jeden Fall.

„Ich denke der Tag zum Üben bringt mir mehr“, antwortete Toren nach einer kurzen Bedenkzeit mit zittriger, leiser Stimme und auf den Boden gerichteten Blick.

Obwohl er nun wissen musste, dass er nichts zu befürchten hatte, war es ihm vermutlich trotzdem unangenehm einen freien Tag zu bekommen. Denn dass er an diesem Tag keine Zeit zum Üben haben würde, war Sana klar. Seine Familie würde alle Hände brauchen, um die Felder am Leben zu erhalten. Damit war die Sache für Sana geklärt und sie ging mit Toren nach vorne in den Laden, um alles für die Kundschaft zu öffnen.

Am Abend, nachdem sie den Laden abgeschlossen hatte, ging sie nicht ihren üblichen Weg nach Hause, sondern machte einen Umweg. Sie wollte sich davon überzeugen, ob die Gerüchte auch nur einen Funken Wahrheit hatten. Das Gespräch mit Toren, vor allem dessen Niedergeschlagenheit, war ihr den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen und das ungute Gefühl, dass sie während des Frühlingsfestes noch erfolgreich hatte unterdrücken können, hatte sich wieder seinen Weg nach oben gebahnt. Was, wenn die Kirche in Fernis doch einen zu schwachen Priester geschickt hatte? Die Frage nach dem wieso konnte sie sich sparen. Darauf würde sie keine Antwort finden. Viel wichtiger war es außerdem, wie es mit dem Dorf weitergehen sollte. Ja, Sana lebte erst seit etwa eineinhalb Jahren hier. Nächste Woche wären es exakt zwölf Monate. Trotzdem hatte sie dieses ruhige Fleckchen Erde und besonders dessen Bewohner, bereits ins Herz geschlossen. Als sie hier ankam, nur mit den Sachen, die sie trug und ein wenig Geld, hatte man sie herzlich aufgenommen. Ihre Nachbarn, Frau und Herr Wohlis, hatten ihr in den ersten Wochen sehr geholfen. Denn das erste Mal auf sich alleine gestellt zu sein, hatte sie vor immense Herausforderungen gestellt. Alleine das Essen. Bis dahin hatte Sana nie kochen müssen. Ohne Frau Wohlis geduldige Erklärungen würde sie sich vermutlich noch immer noch von Rohkost ernähren. Aber auch bei den Gepflogenheiten auf dem Land war sie in den ersten zwei Monaten regelmäßig von einem Fettnäpfchen ins nächste gestiegen. Trotzdem hatte es ihr niemand krummgenommen und auch heute erklärte man ihr einfach in aller Ruhe was üblich war und was nicht. All diese Menschen ständen vor dem Nichts, wenn die Ernte dieses Jahr wieder schlecht ausfallen würde.

Je näher sie dem ersten Feld kam, desto stärker wurde das flaue Gefühl. Schon von weitem konnte Sana erkennen, dass die Pflanzen bei Weitem nicht so weit waren, wie sie sollten. Am Zaun angekommen, erkannte sie das gesamte Ausmaß des Problems. Jetzt, kurz vor dem Sommer, sollten die Pflanzen eigentlich bereits kleine Ansätze von Früchten haben. Aber die meisten hatten nicht einmal ihre Blüten geöffnet. Zarte Blättchen reckten sich der untergehenden Sonne entgegen. Wie viele von diesen winzigen Pommeln den heißen, trockenen Sommer überleben würde, wusste sie nicht. Aber ohne intensives Gießen wohl fast keiner.

Auch die anderen Felder und selbst die Reihen der Stockwenzel am Waldrand sahen nicht viel besser aus. Hier und da konnte Sana trotz des Dämmerlichtes Abdrücke von Flugwinseln erkennen. Diese Felder hatten zwar einige Fraßspuren und umgeknickte Blätter, aber die Pflanzen machten einen etwas reiferen Eindruck. Anscheinend versuchten einige Bauern ihre Felder zu retten, indem sie von den instinktiven Fähigkeiten der Tiere Gebrauch machten. Die Idee war nicht schlecht, sie hoffte nur, dass es ausreichen würde.

Nachdem auch die letzten Strahlen der Sonne verschwunden waren, machte sich Sana schließlich mit hängenden Schultern auf den Weg nach Hause. Das schlechte Gefühl des Frühlingsfestes war wieder da und nagte dauerhaft an ihr. Hinzu kam noch die drängende Stimme im Hinterkopf, die ihr sagte, dass sie doch einfach etwas tun sollte, um dem Dorf zu helfen. Aber sie konnte nicht.


***


Der Sommer verging und die meisten Felder waren nach der Trockenperiode völlig abgestorben. Die paar Pflanzen, die überlebt hatten, ließen ihre Köpfe hängen und selbst der Pommel, der eigentlich für seine Robustheit bekannt war, hatte schwer zu kämpfen. Sana hatte es sich nach dem Gespräch mit Toren angewöhnt immer den Umweg über die Felder zu nehmen. Warum sie sich unbedingt mit diesem immer trauriger werdenden Anblick quälen musste, wusste sie selber nicht so wirklich. Aus dem flauen Gefühl waren mittelschwere Sorgen geworden und die leise Stimme im Hinterkopf schrie sie jeden Abend an. Durch den Schlafmangel litt auch die Qualität ihrer Arbeit, aber mittlerweile kam sowieso fast keiner mehr zu ihr in den Laden. Der Versuch, den Pflanzen mit Flugwinseln ein wenig zu helfen, war zwar nicht komplett gescheitert, aber ob es bis Ende Herbst überhaupt Ertrag geben würde, war fraglich.

Alle bereiteten sich auf das Schlimmste vor und die Viehbauern wählten besonders sorgfältig aus, welches ihrer Tiere sie über den Wintern bringen wollten. Der Rest wurde geschlachtet und haltbar gemacht. Von irgendetwas mussten sich die Dorfbewohner schließlich ernähren und Sana wusste aus eigener Erfahrung, dass man hier zusammenhielt. Auch sie tat ihr Bestes, um zu helfen, wo sie nur konnte.

Torens Ausbildung hatte sie vorerst fast vollständig eingestellt, damit er seiner Familie helfen konnte. Das bisschen Geld, das sie durch den Verkauf der Sachen in andere Dörfer verdiente, teilte sie so gut es ging zwischen sich und ihren beiden Lehrlingen auf. Sie hatte erst Sorge gehabt, dass Herr Vanis ein Problem damit haben würde, wenn Toren auf Kosten seiner Tochter weiterhin bezahlt wurde, obwohl er kaum noch in Sanas Laden zu sehen war. Aber auch der Händler hatte ein Herz für dieses Dorf. Sie hatte schon mehrfach bemerkt, wie er den Bauern Dinge zu Preisen verkaufte, die ihn kaum etwas daran verdienen ließen. Mit jedem Tag wurde die Stimmung im Dorf bedrückter. Keine spielenden Kinder waren in den Gassen zu sehen. Entweder, sie halfen auf den Feldern mit oder sie waren einfach zu schwach, um durch das Dorf zu toben. Es schien, als wäre das Dorf bereits ausgestorben.

In sechs Tagen würde der Steuerbeamte aus Fernis kommen. Viel einzutreiben hatte er nicht. Ein paar Münzen der Handwerker, Sana eingeschlossen, ein oder zwei Wollwolls und vielleicht eine Horde Flugwinsel. Der Rest war bereits im Topf gelandet und auf den Äckern gab es nichts zum Ernten.
Mit fahriger Hand schloss Sana ihren Laden auf. Heute würden sowohl Toren als auch Arie kommen, aber eigentlich fragte sie sich, weshalb sie die beiden überhaupt noch hierher bestellte. Es würde eh kein Kunde kommen. Arie war sowieso schon viel weiter, als sie es bei der Kürze ihrer Ausbildung sein müsste und Toren würde sich, verständlicher Weise, nicht konzentrieren können. Eigentlich konnte sie es sich also sparen. Aber alleine in ihrer Wohnung sitzen war auch nicht besser. Alleine mit ihren Gedanken würde ihr nur wieder die Stimme ihres schlechten Gewissens auf die Nerven gehen und sie dazu anstacheln doch endlich etwas zu tun. Auch jetzt, während sie, überflüssiger Weise, ihre Ausstellungsstücke geraderückte, erdrückten all die negativen Gedanken sie beinahe. Sana wusste doch selber, dass es so mit dem Dorf nicht weiter gehen konnte. Aber sie wusste auch, dass sie das eine, was vielleicht noch helfen würde, einfach nicht konnte. Sie war kein Gott, der mit den Fingern schnippte und dadurch Wunder vollbrachte. Sie war eine einfache Schneiderin. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jeder hier im Dorf wusste das und keiner erwartete irgendwelche Heldentaten von ihr. Weshalb hörte diese verdammte Stimme also nicht auf ihr ins Gewissen zu reden? Wieso wollte dieser kleine Teil ihrer Selbst, dass sie sich schlecht fühlte? War es falsch, normal leben zu wollen?
Bevor Sana sich vollends in der Spirale aus negativen Gedanken verlor, hörte sie die kleine Glocke der Eingangstür. Als sie sich umdrehte, sah sie Arie mit einem tonlosen „Guten Morgen“ an sich vorbeilaufen, um ihre Tasche in das Hinterzimmer zu schaffen. Obwohl Familie Vanis keine direkten Sorgen durch den schlechten Zustand der Felder hatte, hatte die allgemein depressive Stimmung des Dorfes auch auf das sonst so aufgeweckte Mädchen abgefärbt. In einer ruhigen Minute hatte sie Sana erzählt, wie sehr sie sich wünschte etwas für ihre Freundin zu tun, deren Familie alleine von Landwirtschaft lebte. Sana hatte Arie angeboten, dass sie beide einen Tag in der Woche bei einem der Bauern halfen, anstelle sinnlos in dem nicht besuchten Laden herumzusitzen. Morgen wäre es wieder so weit. Und auch wenn die Arbeit auf den Feldern hart und deprimierend war, fühlte sich Sana danach ein bisschen besser. Schließlich hatte sie zumindest etwas getan, um dem Dorf zu helfen.

Nachdem sie zufrieden mit der Anordnung der Stickereien war, folgte sie Arie ins Hinterzimmer. Heute wollte sie die Schnittmustererstellung für einfache Blusen durchgehen und hatte deshalb ihre beiden Lehrlinge gebeten je ein Beispiel mitzubringen. Auch sie hatte am Morgen zwei ihrer Blusen aus der Truhe geholt und breitete diese nun auf dem Tisch aus. Arie tat es ihr nach einer Weile gleich. Jetzt fehlte nur noch Toren und die Stunde konnte beginnen.
Aber der Junge kam nicht. Arie hatte sie die Grundlagen erklärt und ihr dann die Aufgabe gegeben ein Schnittmuster für sich selber zu erstellen. Sie hatte dem Mädchen absichtlich wenig Hilfestellung gegeben, damit sie sich zum einen selber ausprobieren konnte, zum anderen aber auch nicht zu viel Vorsprung zu Toren aufbaute. Es war schon schwer genug beide gleichzeitig zu lehren, da sie einfach vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten. Diesen Unterschied noch zu vergrößern wäre nicht wirklich hilfreich.

Nach zwei Stunden begann Sana sich ernsthafte Sorgen zu machen. Er hatte schon letzte Woche nicht gut ausgesehen. Aber ging es ihm wirklich so schlecht, dass er nicht kommen konnte? Nein, er hatte bestimmt nur mit den Feldern seiner Familie zu tun und es deshalb nicht auf Arbeit geschafft. Beruhigen konnte sie diese Tatsache nur auch nicht, sodass sie sich entschloss den Laden heute früher zu schließen, um bei Torens Familie nach dem Rechten zu schauen. Sana wartete noch, bis Arie die erste Variante ihres Schnittmusters fertig hatte, überprüfte kurz, ob es zumindest halbwegs passte und schickte das Mädchen dann nach Hause. Der Grund war vermutlich offensichtlich, denn als sie sich vor dem Laden verabschiedeten, kam keine einzige Frage von Arie.

Der Weg zum Haus der Familie Kesto war bedrückend. Je näher sie dem kleinen Vierseitenhof kam, desto enger zog sich die Schlinge um ihr Herz. Der Mantakel, der sonst jeden Besucher freudig kichernd begrüßte, lag vor seiner Hütte und hob den Kopf nur ein wenig, um zu sehen, wer denn da in sein Gebiet kam. Als er Sana erkannte, legte er den geschuppten Kopf wieder auf seinen Vorderläufen ab, um weiter vor sich hin zu dösen. Selbst sein eigentlich strahlend blauer Rückenkamm hatte einen gräulichen Schimmer und am Bauch zeichneten sich trotz der dicken Schuppen die Rippen ab. Das Haus selber sah nicht viel einladender aus. Bis auf eines, waren alle Fenster dunkel, teilweise sogar zugehangen. Und selbst in dem beleuchteten Zimmer war keine Bewegung zu sehen. Bei dem Anblick drehte sich Sana fast der Magen um. Sie betete zu allen Göttern, dass es nicht schon zum Schlimmsten gekommen war. Bisher war noch niemand verhungert und eigentlich hatte sie angenommen, dass zumindest diese Katastrophe nicht eintreten würde. Aber woher hatte sie eigentlich diese Sicherheit genommen? Ja, Fleisch war das Hauptnahrungsmittel und die Tiere waren nicht von der schlechten Ernte betroffen. Schließlich sorgten sie selber dafür, dass das Gras, das sie fraßen, schnell genug wuchs. Aber reichte die Viehzucht des Dorfes wirklich, um alle über den Winter zu bringen? Die Reserven gingen bei allen bereits jetzt, Mitte Herbst, zur Neige. Und auch wenn es ein recht kurzer Winter war, so würde ein ausgezehrter Körper nicht einmal die zwei Monate Schnee überleben.

Mit zittriger Hand klopfte Sana an der Tür. Als der alte Herr Kesto, Torens Großvater, die Tür öffnete, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Mit seinen mehr als hundertfünfzig Jahren war er der älteste und bei weitem der gebrechlichste auf dem Hof. Wenn er noch stand, waren die Chancen hoch, dass es auch dem Rest der Familie zumindest nicht katastrophal schlecht ging. Der grimmige Blick des Mannes ließ sie aber erst ein wenig zusammenzucken. Herr Kesto war zwar nicht gerade für sein sonniges Gemüt bekannt, aber so schlecht gelaunt hatte sie ihn bisher noch nie erlebt. Schnell fing sie sich wieder, um ihn höflich zu begrüßen.

„Guten Abend. Entschuldigen Sie die Störung, Herr Kesto. Toren war heute nicht auf Arbeit und ich hatte mir Sorgen gemacht, dass es ihm vielleicht nicht gut geht. Könnte ich kurz mit ihm reden? Ich wollte ihm auch noch das Gehalt von diesem Monat vorbeibringen."

Bei dem letzten Satz holte sie einen kleinen Beutel hervor, den sie sich beim Verlassen des Ladens noch geistesgegenwärtig aus der Geldschublade des Tresens geschnappt hatte. So schlecht, wie es derzeit um das Dorf stand, war Sana davon ausgegangen, dass Toren dieses Jahr wohl keine Zeit mehr haben würde, um in den Laden zu kommen. Sein Gehalt sollte er aber trotzdem bekommen. Seine Familie konnte gerade jede Kupfermünze gebrauchen.

„Das Geld Könn’se mir geben. Aber mit reden wird das wohl nix. Der Junge ist heute Morgen auf’m Feld zusammengebrochen. Seitdem liegt er mit ’nem ziemlich hohen Fieber im Bett. Hat sich wohl was eingefangen.“

Starr stand Sana vor der Tür, die Herr Kesto ihr noch bevor er den letzten Satz wirklich beendet hatte, vor der Nase zugeschlagen hatte. Toren war zusammengebrochen. Vor Schwäche. Weil sie ihn trotz der schrecklichen Situation immer noch in den Laden bestellt hatte. Weil sie sich nicht getraut hatte, ihn komplett freizustellen. Weil sie sich Sorgen gemacht hatte, dass Arie es unfair finden würde. Sie hatte ihre eigene Sicherheit, ihr eigenes Wohlbefinden, über die Gesundheit ihres Lehrlings gestellt. Nur weil sie Angst vor der Verantwortung hatte, würde Toren vielleicht sterben.
Am liebsten hätte sie sich direkt hier zusammengerollt und ihrer Verzweiflung hingegeben. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab. Vor Jahrzehnten hatte sie sich geschworen nie wieder vor anderen Schwäche zu zeigen und dieses Versprechen würde sie auch jetzt nicht brechen. Wie in Trance ging sie den Weg zurück zu ihrer Wohnung. Dort angekommen atmete sie einmal tief durch. Sie wusste, was sie tun würde. Es gab keinen anderen Weg. Zu lange hatte sie die Augen davor verschlossen. War weggelaufen, hatte sich versteckt. Das war jetzt vorbei. Menschen würden sterben. Was war ihre Freiheit schon wert, wenn es bedeutete, dass all diejenigen, die ihr so sehr geholfen hatten, leiden mussten, damit sie diese behielt. Langsam näherte sie sich ihrer Nähkiste. Ganz unten, tief verborgen unter all den Stoffresten, aus denen sie in den letzten zwei Jahren so viele kleine Verzierungen gezaubert hatte, lag die Kette. Ihre Kette. Ehrfürchtig griff sie danach, legte sie aber nicht um ihren Hals. Nach einem letzten Blick durch ihre Wohnung stand sie auf, griff sich ihren Mantel und eilte mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze durch die Gassen des Dorfes. Im Dämmerlicht des Sonnenuntergangs konnte sie keiner erkenne, zumal um diese Uhrzeit fast niemand mehr unterwegs war. Auf dem Marktplatz angekommen, straffte sie die Schultern und schritt auf den Brunnen in der Mitte zu.
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