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Geheimnisse

von Lukina
GeschichteFantasy / P16 / Gen
30.04.2021
03.10.2021
4
18.106
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30.04.2021 5.906
 
Das ist ein Beitrag zum Wettbewerb "Für andere unsichtbar" von den Spinatwachteln. Betagelesen wurde der Text von JayPeeh. (Zumindest der erste Teil, der Rest wird nach dem Wettbewerb überarbeitet, ich war einfach zu langsam mit schreiben.) Ein ganz großes Dankeschön dafür.

Trügerisches Glück


Wenn nicht schon die immer kleiner werdenden Schneeberge vor den Häusern einen deutlichen Hinweis auf den nahenden Frühling gäben, so hätte Sana spätestens jetzt, beim Anblick von ganzen vier Kunden auf einmal gewusst, dass der Winter sich dem Ende neigte. Normalerweise waren es nicht mehr als drei am ganzen Tag, aber jetzt mit dem Frühlingsfest vor der Türe versuchte jeder seine Festtagskleidung auf Vorermann zu bringen. Letztes Jahr hatte Sana der plötzliche Andrang völlig überrascht, sodass sie gar nicht mehr gewusst hatte, wann sie die ganzen Änderungen vornehmen sollte. Dieses Mal hatte sie vorgesorgt. Schon vor Beginn des Winters hatte sie nach einer Aushilfe gesucht und in Toren einen zuverlässigen Assistenten gefunden. Bereits vor drei Jahren hatte er seine Weihung gehabt, bisher aber noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Sana hatte ihm dann im Herbst die Stelle angeboten und bisher schlug er sich sehr gut. Seit Toren ihr zur Hand ging hatte sie mehr Zeit für die tatsächliche Schneiderarbeit und musste deshalb – im Gegensatz zum letzten Jahr – bisher noch keine Wünsche ablehnen. Er fragte jeden Kunden nach seinen Wünschen, notierte sich die wichtigsten Dinge und fragte Sana nur bei besonderen Wünschen oder größeren Änderungen Rat.

Einer diese besonderen Wünsche saß derzeit vor Sana. Frau Vanis, die Frau des einzigen Händlers des Dorfes, war mit ihren beiden Töchtern gekommen, um deren Kleider anzupassen. Arie, die jüngere der beiden, hatte, wie jedes Kind, das im letzten Jahr zwölf geworden war, dieses Jahr ihre Weihung, bei der sich anhand der Art und Stärke ihrer Fähigkeit ihr komplettes restliches Leben entscheiden würde. Das war für jedes Kind ein großer Tag und das Mädchen hatte sich anscheinend ein neues Kleid erhofft. Dass sie nun wohl doch das Kleid ihrer Schwester würde tragen müssen, gefiel ihr gar nicht. Deshalb saß sie schon seit Beginn der Unterhaltung mit dem Rücken zum Raum und über den Knien verschränkten Armen in der Ecke rechts neben der Tür. Ihre Schwester hingegen hatte das entgegengesetzte Problem. Sie wollte unbedingt ihr Kleid der letzten Jahre tragen, obwohl es ihr mittlerweile überhaupt nicht mehr nicht mehr passte. Nach zwanzig Minuten Diskussion zwischen Mutter und Tochter, hatte Frau Vanis sie doch überzeugen können, dass sie bestimmt einen Stoff finden würde, er ihr genau so gut gefiel, wie der alte. Ekaria war nun im Hinterzimmer damit beschäftigt sich mit ihrer Mutter unter Torens mittlerweile fachkundigen Anleitung einen neuen Stoff auszusuchen. Somit blieb die Aufgabe, die kleine Arie davon zu überzeugen, das Kleid ihrer Schwester zumindest mal anzuprobieren, an Sana hängen. Sie hockte sich also neben das Mädchen und versuchte ihr Glück.

„Komm Arie, wir schauen mal, ob das Kleid dir nicht doch passt.“

"Nein!", rief sie wütend und drehte ihren Kopf demonstrativ weg, ohne darauf zu achten, dass ihre langen Haare Sana ins Gesicht flogen. "Ich will das nicht anziehen, selbst wenn es mir passt. Warum bekomme ich immer nur alte Sachen und Ekaria neuen? Das ist unfair. Ich will nicht immer das anziehen, was die sich ausgesucht hat! Ich will ’was anders!“

Sana unterdrückte ein Seufzen, während sie sich einige helltürkisenen Strähnen aus dem Gesicht strich. Sie war noch nie gut mit Kindern gewesen, nicht einmal, als sie selber noch eines gewesen war, und nun sollte sie die Kleine von diesem Kleid überzeugen, obwohl sie ihren Frust durchaus nachvollziehen konnte? Was hatte sie denn für Argumente? Dass es zu teuer war, konnte ein kleines Kind von gerade einmal zwölf Jahren wohl kaum verstehen. Zumal ihre Schwester ein neues Kleid bekam.

„Schau mal: Du kannst das Kleid ja erstmal anziehen. Vielleicht passt es dir ja gar nicht. Dann könnte ich mit deiner Mutter reden und du bekommst doch ein neues.“

Sana wusste zwar, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht passte, eher gering war, aber so hatte sie zumindest eine Chance Arie in das Kleid zu bekommen.

„Und wenn es mir doch passt?“

Schade eigentlich, aber einen Versuch diese Diskussion nach hinten zu schieben war es wert gewesen. Und einen kleinen Fortschritt hatte sie erzielt. Arie schaute sie nun zumindest an. Mit einem gewinnenden Lächeln versuchte Sana die Zeit zu überbrücken, in der sie sich eine halbwegs überzeugende Antwort überlegen musste.

„Dann schauen wir, was dir nicht gefällt. Ich muss es sowieso anpassen, da kann ich es ja gleich so ändern, wie du es haben möchtest.“

Dass zu große Änderungen nicht möglich waren und Frau Vanis immer noch das letzte Wort hatte, musste sie Arie ja nicht auf die Nase binden. Das könnte ihre Mutter ihr dann ruhig selber erklären.

Der trotzige Blick sagte mehr als tausend Worte. Arie war nicht überzeugt. Wie sehr musste sie dieses Kleid hassen, dass sie es nicht anziehen wollte, obwohl Sana die Änderungen nach ihren Wünschen gestalten würde? Aber noch hatte Sana die Hoffnung nicht aufgegeben. Gegen ein kleines Kind würde sie definitiv nicht verlieren. Da es aber offensichtlich war, dass sie so nicht weiterkam, änderte sie ihre Taktik.

„Was gefällt dir denn an dem Kleid nicht?“

In Gedanken betete sie zu allen Göttern, dass sie nicht „Alles“ als Antwort bekam.

„Es ist zu, weiß nicht, glatt. Und die Ärmel sind doof. Außerdem will ich Blumen!“ Sie zupfte an einem kleinen Loch in ihrer Strumpfhose herum.

Damit konnte Sana arbeiten. Es war zwar nicht viel, aber jetzt hatte sie zumindest etwas in der Hand.

„Hm, weißt du, ich kann mir gerade nicht wirklich vorstellen, was du meinst. Kannst du es mir an dem Kleid zeigen?“

Arie schob die Unterlippe vor und schaute Sana etwas misstrauisch an.

"Ok, meinetwegen", gab sie schließlich klein bei. „Aber ich zieh’ es nicht an!“

Den letzten Satz ignorierte Sana vorerst. Solange das Mädchen zumindest mit ihr zum Kleid ging und nicht mehr in der Ecke schmollte, war das schließlich ein Fortschritt. Um die Maße könnte sie sich auch danach noch kümmern.

Gemeinsam gingen sie also zum Tisch und Arie zeigte ihr all die Stellen, die ihr nicht gefielen. Sie wolle lieber Träger statt Ärmel, Blumen anstelle des Streifenmusters... Nach dem siebten Punkt gab Sana schließlich auf, sich alles merken zu wollen und holte eine Schiefertafel samt Kreide hervor. Sie hatte nicht erwartet, dass Arie ihre Wünsche so detailliert nennen konnte, aber das Mädchen beschrieb alle Vorstellungen akribisch genau. Schnell skizzierte Sana alles mit.

„Also soll es in etwa so aussehen?“, fragte sie nach der Aufzählung, während sie Arie den Entwurf hinhielt.

Die leuchtend rosa Augen des Mädchens glühten förmlich, als sie die Zeichnung sah. Hektisch nickte sie und ihre Stimme überschlug sie förmlich, als sie, über beide Ohren strahlend, antwortete.

„Ja, genau so!“

Für einen Laien sahen die Skizze und das Kleid auf dem Tisch völlig unterschiedlich aus. Kein Wunder also, dass Arie partout nicht im Kleid ihrer Schwester zu ihrer Weihung gehen wollte. Vor Sanas innerem Auge aber waren nicht zwei Kleider, sondern deren Schnittmuster. Schnell überschlug sie, ob die Änderungen möglich wären. Welche Nähte würde sie sowieso auftrennen müssen, um die Größe anzupassen? Konnte sie dabei direkt Stoff zugeben oder wegnehmen? Das größte Problem waren die Blumen, die sich Arie so sehnlich wünschte. Aber vielleicht könnte sie da einen Kompromiss erreichen und Arie würde sich anstelle eines Stoffes mit Blumenmuster auch mit einigen angenähten Blüten zufriedengeben. Und dann war da natürlich noch die Tatsache, dass sie das Kleid noch immer nicht an dem Mädchen, sondern nur auf dem Tisch sah. Aber mit den neuen Informationen, wagte sie noch einen Versuch.

„Schau mal Arie, das Kleid, das du dir vorstellst, ist ziemlich schwer zu machen. Das wäre niemals bis zum Frühlingsfest fertig. Aber ich könnte das Kleid deiner Schwester nehmen und daraus dein Kleid machen.“

Wirklich überzeugt wirkte Arie nicht, aber Sana sah es als gutes Zeichen, dass sie sich noch nicht zurück in ihre Ecke verkrochen hatte.

„Kann man das Kleid denn fluffiger machen? Und die Streifen wegmachen?“

Sana hätte am liebsten laut aufgeseufzt. Dieses kleine Mädchen, das beinahe aussah wie eine Miniaturversion der gutmütigen Sommergöttin Eluria, stellte sich mittlerweile als schwierigster Kunde heraus, den Sana bisher hatte bedienen müssen. Arie hatte eine genaue Vorstellung von dem, was sie wollte, und ließ sich durch nichts davon abbringen. Ein wenig beeindruckte sie die Hartnäckigkeit ja schon, aber Arie deshalb jetzt einfach ihren Willen lassen wollte sie trotzdem nicht. Zumal ihre Eltern sich vermutlich nicht zwei neue Kleider würden leisten können. Außerdem hoffte Sana, dass sie kurz davor war ihr Ziel zu erreichen.

„Das kann ich jetzt noch nicht genau sagen, aber wenn du das Kleid anziehst, kann ich es ja mal versuchen. Du kannst ja die Augen zu machen, wenn du es nicht sehen willst. Ich kann dir zeigen, wie die Änderungen ungefähr aussehen werden, aber an einigen Stellen wirst du aber vermutlich trotzdem ein bisschen Fantasie brauchen. Zaubern kann ich schließlich nicht.“

Arie sah das Kleid immer noch skeptisch an, entschloss sich dann aber es zumindest zu versuchen. Die Aussicht doch noch ihr Kleid zu bekommen hatte sie wohl überzeugt. Sana brachte sie daraufhin in einen kleinen Nebenraum. Während das Mädchen sich umzog, suchte sie Stoffe zusammen, von denen sie hoffte, dass sie zumindest halbwegs den gewünschten Effekt erzielen würden, ohne dabei zu teuer zu sein.

Als Sana wieder zurück in den Beratungsraum kam, stand Arie bereits in der Mitte des Raumes. Unzufrieden zupfte sie an den Ärmeln des Kleides und versuchte sie hochzurollen. Ein wenig musste Sana schmunzeln, als der Versuch nach der Hälfte der Länge scheiterte. Schlecht war die Idee ja nicht, aber bei der Länge der Ärmel hatte sie keine Chance mit der Methode.

„Warte kurz, ich helfe dir gleich“, meinte Sana während sie den Stoff auf den Tisch legte. Arie versuchte erneut ihre Ärmel loszuwerden, dieses Mal, indem sie sie auszog. „Ich nehme mal an, die Ärmel stören dich am meisten, aber wenn du sie ausziehst, stehst du gleich ohne Sachen da." Sana steckte die Träger mit Nadeln fest und dann die Ärmel nach hinten, sodass sie vorerst nicht mehr zu sehen waren“

Sana hatte versucht den von Arie gewünschten V-Ausschnitt so zu gestalten, dass von dem ursprünglichen rechteckigen Ausschnitt nicht mehr viel zu sehen war. Es war zwar provisorisch, später beim Ändern würde es aber kein Problem darstellen. Glücklicherweise war Arie auch wesentlich schmaler, als ihre Schwester, sonst hätte der Brustkorb des Mädchens nicht in den ursprünglichen Ausschnitt gepasst.

Als nächstes widmete sie sich dem Rock. Arie wollte ihn "fluffiger" haben und erhoffte sich wohl ein solches Volumen, wie es die Kleider der Bilderbuchprinzessinnen hatten. Natürlich war das hier kaum möglich aber ein wenig Volumen wollte sie dennoch erreichen. Aus ihrem Arbeitszimmer hatte sie dafür zusammengerafften Stoff mittgenommen, den sie nun provisorisch an der Taille des Mädchens befestigte. Auf die Frage, ob ihr das schon reichte, druckste Arie zuerst ein bisschen herum, bevor sie kleinlaut zugab, dass sie es sich vor allem unten noch ein bisschen fluffiger wünschen würde. Ein paar Nadeln und Schleifen später hatte Sana den gerade herunterfallenden Rock mit ein paar Falten versehen und ihm so zumindest den Anschein gegeben ein wenig ausladender zu sein. Überglücklich drehte sich Arie mehrmals um die eigene Achse, während sie dabei zusah, wie die Schleifen am Saum um sie herumflogen.

Nach diesem Erfolg ließ das Mädchen viel besser mit sich arbeiten. Gemeinsam entschieden sie welche Art von Blumen Sana als Dekoration aufnähen würde und nach einer Stunde hatten sie ein Kleid gezaubert, das Arie gar nicht mehr ausziehen wollte. Tatsächlich war das schlichte Ursprungskleid kaum noch zu erkennen. Es war in der letzten Stunde um einiges verspielter geworden.

Toren hatte kurz hereingeschaut, um ihr zu sagen, dass Ekaria sich für ein Kleid und einen Stoff entschieden hatte, war danach aber sofort wieder gegangen. Sana wollte sich gar nicht ausmalen, was sie ohne ihn machen würde. Schnell notierte sie sich die Änderungen, die sie vornehmen musste und legte den Zettel zusammen mit dem Kleid in eine Kiste. Morgen Früh, wenn sie ihre volle Konzentration hätte, würde sie sich sofort an die schwierigsten Stellen setzen.

Gemeinsam mit einer strahlenden Arie verließ Sana das Beratungszimmer. Sie drückte dem Mädchen innerlich die Daumen, dass Frau Vanis den Änderungen zustimmen würde. S Sie hatte sich bemüht, den Preis so niedrig wie möglich zu halten, aber es war doch deutlich mehr als eine einfache Größenanpassung. Ob die Frau eines Händlers aber mit einem so hohen Preis für bloße Anpassungen einverstanden war, wusste Sana nicht.

Zum Glück erübrigten sich all ihre Befürchtungen. Als Arie ihrer Mutter entgegensprang und übermütig von dem wundervollen Kleid erzählte, lockerten sich auch die Gesichtszüge der Händlerin. Sie hatte vermutlich damit gerechnet, dass Sana scheitern würde und in Gedanken schon das Geld für zwei Kleider ausgerechnet. Zumindest sagte sie sofort zu, als Sana ihr die Rechnung zeigte.

Als sich die Familie schließlich verabschiedete, neigte sich der Tag auch schon dem Ende. Toren hatte den Laden bereits abgeschlossen und übergab ihr noch die Liste der heute aufgenommenen Änderungen, bevor auch er nach Hause ging. Sana warf noch einen kurzen Blick auf das Pergament in ihren Händen, bevor auch sie sich auf den Weg machte. Anscheinend nur kleine Dinge. Das ein oder andere würde sie vielleicht heute noch fertig machen, damit sie sich danach voll und ganz Aries Kleid widmen konnte. Zufrieden summte Sana als sie die Gassen des Dorfes entlanglief. Irgendwo bellte ein Wollwoll und der ihr mittlerweile nur zu bekannte Duft nach frischem Winselfleisch lag in der Luft. Bevor sie vor etwa einem Jahr hier her gezogen war hatte sie immer nur eingelegtes Fleisch gegessen. Frisch schmeckte es aber tausendmal besser. Der Tag war anstrengend gewesen, aber auch unglaublich erfüllend. Alleine Aries glänzenden Augen, als sie ihr Kleid zum Schluss ausgezogen hatte, waren all diese Anstrengungen wert. Genau wegen diesem Lächeln, das sie dem kleinen Mädchen ins Gesicht gezaubert hatte, liebte sie ihren Beruf. Kein Komfort der Hauptstadt konnte dieses Glück aufwiegen.

***




Die Tage bis zum Frühlingsfest vergingen wie im Fluge. Sanas Morgen waren vollgestopft mit allen möglichen Änderungsarbeiten und jeden Nachmittag kamen neue Aufträge hinzu. Natürlich war es gut, dass die Leute ihre kleine Schneiderei so gut annahmen, aber bei einigen Anfragen musste sie sehr an sich halten den Leuten nicht zu erklären, dass ihre Forderungen unmöglich in der entsprechenden Zeit schaffbar waren. Nachdem Frau Vanis Aries Kleid zwei Tage vor dem Frühlingsfest abgeholt und die Kleine es stolz all ihren Freunden gezeigt hatte, kamen einige Anfragen, ob sie nicht noch so ein Kleid hätte oder noch eins nähen könnte. Obwohl Sana sich durch die vielen Komplimente zu ihrem Talent fürs Schneidern geschmeichelt fühlte, war es einfach unmöglich ein solches Kleid in weniger als einem Tag zu schaffen. Selbst mit einer Talentfähigkeit für Schneiderei auf Rang 1 nicht. Letztlich schaffte Toren es aber, alle Kunden von der Unmöglichkeit ihrer Anfragen zu überzeugen, ohne sie dabei zu vergraulen. So geschickt wie er jedes Mal argumentierte, vermutete Sana mittlerweile, dass das Talent des Jungen in Richtung Diplomatie ging. Kein Wunder also, dass keiner der Handwerker des Dorfes ihn aufnehmen wollte. Es gab schließlich einen Grund, weshalb jeder Mensch von den Göttern eine Fähigkeit bekommen hatte. Dass jemand auch außerhalb seiner Fähigkeit Interessen hatte, war für die meisten unvorstellbar. Sana tat der Junge leid. Entweder er müsste sein Leben hier aufgeben, um darauf zu hoffen im Palast des Königs Anstellung zu finden, oder er würde sich von einem Auftrag zum nächsten hangeln, in der Hoffnung genügend Geld für Essen zusammen zu bekommen. Sie könnte versuchen ihm Nähen beizubringen, aber sie wusste nicht, ob Toren das überhaupt wollte. Bei einfacheren Arbeiten, wie den Stoffblüten an Aries Kleid, hatte er ihr bereits geholfen, vielleicht sollte sie ihn nach dem Frühlingsfest also einfach fragen.

Heute hatte sie ihm allerdings frei gegeben, damit er das Fest genießen konnte. Sana selbst konnte das Frühlingsfest zwar nicht ausstehen, aber damit war sie ziemlich alleine. Ihre Schneiderei hatte sie für heute trotzdem geschlossen gelassen. Kunden würde an diesem Tag sowieso nicht kommen. Stattdessen hatte sie es sich mit einem ursprünglich schlichten, weißen Hemd in der Hand und einer dampfenden Tasse süßer Milch in der Küche gemütlich gemacht und verzierte nun in aller Ruhe den Saum. Sie ließ sich nicht von den lauten Geräuschen der feiernden Menschen auf dem Festplatz stören und setzte in aller Ruhe einen Stich nach dem anderen.

***


Erst als die Sonne ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte legte sie ihre Arbeit beiseite, um einen Blick nach draußen zu werfen. Arie hatte ihr das Versprechen abgenommen bei ihrer Weihung dabei zu sein und diesen riesigen, rosa Augen konnte sie mittlerweile einfach nichts mehr abschlagen. Das kleine Mädchen hatte sie komplett um den Finge gewickelt. Mit einem Seufzen erhob sie sich und ging zu der Truhe, in der sie ihre Kleider aufbewahrte. Sie konnte schließlich schlecht in dem alten Hemd, das ursprünglich mal ihrem Vater gehört hatte, durch das Dorf spazieren. Also holte sie ein schlichtes, aber durchaus modisches Kleid hervor und zwang sich zum Umziehen. Es nützte schließlich nichts. Versprochen war versprochen, also würde sie sich wohl oder übel in den Trubel des Festes begeben.

Angespannt lief Sana über die Hauptstraße, um auf den Festplatz vor dem Nordausgang des Dorfes zu gelangen. Je näher sie der Menschenmasse kam, desto schneller schlug ihr Herz. Das letzte Mal, dass sie ein Frühlingsfest besucht hatte, war zu ihrer eigenen Weihung gewesen. Damals hatte sie in freudiger Erwartung neben ihrer Mutter gestanden, während sie darauf wartete endlich offenbart zu bekommen wie stark ihre Fähigkeit war. Dass sie ein Talent für die Schneiderei hatte, hatte sie schon davor gewusst. Schließlich hatte sie schon mit gerade einmal zehn Jahren, also zwei Jahre vor ihrer Weihung und noch bevor sie ordentlich lesen oder rechnen konnte, ihre Sachen selber genäht. Deshalb gab es für niemanden in ihrer Familie auch nur den geringsten Zweifel, an der Art ihrer Fähigkeit.

Doch leider hatte dieser Tag ihr alles genommen. Ihre Familie hatte sie seither nicht mehr gesehen und in der Hauptstadt, Fernis, sollte sie sich auch nicht mehr blicken lassen, wenn ihr ihre Freiheit lieb war. Alleine der Gedanke daran, ließ sie schwer schlucken. Arie freute sich darauf, sie bei ihrer Weihung zu sehen, da wollte sie nicht mit trübseliger Miene die Stimmung herunterziehen.

Nach einem kurzen Fußweg erreichte sie das äußerste Ende des Platzes. Die Zuschauer hatten sich vor der Tribüne versammelt und in der ersten Reihe standen die Kinder, die heute ihre Weihung erhalten würden. Um einen besseren Blick zu bekommen, stellte sich Sana auf eine kleine Mauer, die eigentlich die Begrenzung eines der äußeren Grundstücke war, aber heute würde wohl keiner etwas dagegen haben.

Der Priester, der die Weihung und auch die Frühlingszeremonie danach halten würde, kam gerade mit dem Weihenstein die Treppe herauf, als sie sich eine bequeme Position ausgesucht hatte. Mit einer auslandenden Geste bat er die Umstehenden zur Ruhe. Unwillkürlich verglich Sana die Zeit, die verging, bis es tatsächlich mucksmäuschenstill war mit ihren Erfahrungen aus der Kindheit. Eigentlich hatte sie erwartet, dass es deutlich schneller gehen würde. Schließlich hatten sich auf dem Platz in der Hauptstadt mindestens zehnmal so viele, wenn nicht sogar noch mehr, Menschen versammelt gehabt. Aber anscheinend hatte die Größe der Gruppe nur wenig damit zu tun. Tatsächlich hatte sie eher das Gefühl, dass es deutlich länger dauerte. Schließlich kehrte aber doch Ruhe ein und der Priester begann mit der Weihung. Ein Kind nach dem anderen rief er zu sich auf das Podest und ließ es die Hand auf den Weihenstein legen.

Bei dem ersten, einem für sein Alter recht großen Jungen mit dunkelblauen Haaren, erschien ein relativ schwaches rotes Licht. Der Priester reichte ihm ein Stück Pergament, auf dem seine Fähigkeit und deren Rang vermerkt waren und der Blauhaarige ging mit festen Schritten die Treppe wieder hinab zu seiner Familie. Kein Wunder. Selbst mit einer schwachen Elementarfähigkeit, Sana würde sie auf einen mittelmäßigen Rang 4 schätzen, konnte er sich sehen lassen. Nicht stark genug um der Rittergarde beizutreten, aber immerhin in die Akademie würde er es schaffen. Er würde dafür zwar seine Familie verlassen müsse, aber als Gelehrter hätte er für den Rest seines Lebens ein stabiles Einkommen.

Die nächsten drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, hatten Talentfähigkeiten unterschiedlicher Stärke. Irgendwo zwischen Rang 3 und 4 würde Sana schätzen, aber bei einer solchen Entfernung war es schwer, das genau zu sagen.

Als nächstes kam Arie an die Reihe. Sobald sie auf dem Podest stand, drehte sie sich noch einmal um und ließ ihren Blick suchend über die Menge gleiten. Als sie in Sanas Richtung schaute hielt sie kurz inne, um zu winken. Lächelnd erwiderte sie die Geste und das Mädchen ging die letzten Schritte auf den Priester zu. Ihr Kleid umspielte dabei in der leichten Prise ihre zierlichen Beine. So eingebildet es auch klang, Sana musste zugeben, dass das Kleid hervorragend geworden war. Die aufgenähten Stoffblüten bewegten sich bei jedem Schritt des Mädchens und glichen so schon fast einer Blumenwiese.

Da Arie ihre Haare offen gelassen hatte, trugen sie zusätzlich zu dieser Illusion bei, indem sie sich wie kleine Wellen eines Sees um die Wiese bewegten. Selbst der Rock, der Sana so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte, wirkte, als wäre er schon immer so ausladend gewesen. Damit hatte sie sich wirklich selbst übertroffen. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie sicherlich auch das doppelte oder gar dreifache für die Änderungen verlangen können. Denn selbst bei einer hochrangigen Tempeldienerin aus Fernis sähe dieses Kleid nicht fehl am Platz aus. Aber Sanas Ziel war es nicht mit ihrer Schneiderei so viel Geld wie möglich zu machen. Dafür hätte sie sich nicht das kleinste Dorf des ganzen Reiches, das nicht einmal einen Namen abbekommen hatte, aussuchen dürfen. Nein, sie wollte nur so viel Geld, wie sie brauchte, um über die Runden zu kommen. Die Zufriedenheit ihrer Kunden war mehr als genug Bezahlung für ihre Mühe.

Als Arie den Weihenstein berührte, strahlte ein helles, blaues Licht über den Platz. Ein Raunen ging durch die Menge, während das Leuchten langsam abebbte und das Mädchen sich langsam umdrehte. Vermutlich war sie von allen hier am meisten überrascht. Ja, es war nur eine Talentfähigkeit, aber einen Rang 2 sah man hier auf dem Land vermutlich trotzdem nicht häufig und dann auch noch derjenige zu sein, bei dem sie auftrat, war für ein ja doch noch recht kleines Kind überwältigend. Für Sana erklärte diese Tatsache aber einiges. Mit einem künstlerischen Talent ergab es Sinn, weshalb die Kleine eine so genaue Vorstellung von ihrem Kleid gehabt hatte. Wenn sie einen ordentlichen Meister fand, würde sie es vermutlich weit bringen. Allerdings würde auch sie ihre Familie dafür verlassen müssen und mit einer starken Fähigkeit kamen leider auch immer Neider. Aber bei Arie hatte Sana keine Sorge. Sie wusste sich durchzusetzen und würde ihren Weg finden.

Langsam lief das Mädchen unter tosendem Beifall die Treppe herunter. Die Weihung des letzten Jungen war für die meisten vergessen. Fast alle Augen waren noch immer auf Arie gerichtet, die sich vorsichtig der Menge näherte. Sana seufzte leise. Sie hatte ein ähnliches Spektakel bereits erlebt und konnte nicht anders, als sowohl den Jungen, der noch auf seine Weihung wartete, als auch Arie zu bemitleiden. Der Junge wurde neben Sana nur noch von dem Priester beachtet. Niemand bemerkte, wie er der Aufforderung des Priesters auf das Podest zu steigen folgte. Vermutlich sahen nicht einmal seine Eltern hin, als sein Lebensweg entschieden wurde. Denn in der Zeit, in der der Weihenstein in einem gar nicht mal so schwachen rot aufleuchtete, lief Arie langsam in die Menschenmenge, die sich vor ihr teilte. Einige knieten sogar vor ihr nieder.

Sana war drauf und dran ihren Platz auf der Mauer aufzugeben, um Arie in die Arme nehmen zu können. Das verhalten der Dorfbewohner machte sie wütend. Das arme Mädchen hatte gerade erst erfahren, welche ungeahnten Fähigkeiten in ihr steckten, da schien schon das ganze Dorf Heldentaten von ihr zu erwarten. Sana wollte sich schon von der Mauer abstoßen, hielt aber inne, als sie Aries Eltern sah, ihre Tochter zu kamen und sie umarmten. Sana lehnte sich zurück und beobachtete, wie Herr Vanis Arie auf dem Arm nahm und sie das letzte stück durch die Menge trug.

Dieser herzerwärmende Anblick war beinahe unerträglich für Sana. Nicht, weil sie Arie die Unterstützung nicht gönnte, sondern weil es ihr vor Augen führte, was sie selber nicht hatte. Am liebsten wäre sie davongelaufen, wie sie es bisher immer getan hatte. Aber sie hatte Arie versprochen ihr im Nachhinein zu gratulieren und jetzt, wo Familie Vanis bereits in Hörweite war, konnte sie auf keinen Fall mehr verschwinden, weshalb sie sich schweren Herzens von der Mauer gleiten ließ. Kurz schloss sie die Augen, zählte langsam bis drei. Als sie wieder aufsah hatte sie alle Erinnerungen wieder hinter eine Mauer verbannt.

Kurz bevor Familie Vanis bei ihr ankam, setzte Herr Vanis seine Tochter sanft ab. Sana beobachtete mit einem Schmunzeln, wie er Arie über die Haare wuselte, bevor er ihr einen sanften Schubs in ihre Richtung gab. Als das Mädchen den Kopf ein wenig hob, während sie auf sie zukam, sah sie die geröteten Augen, die Arie versuchte hinter ihrem Pony zu verstecken. Es war für Sana völlig verständlich, dass ein solches Erlebnis für ein Kind völlig überwältigend war. Nur etwa drei aus einhundert Leuten wurden mit einer Talentfähigkeit auf Rang 2 geboren. Arie war damit eine kleine Berühmtheit im Dorf. Vor allem weil von so talentierten Leuten erwartet wurde, dass sie in die Hauptstadt zogen, um dort unter einem der renommierten Meister zu lernen. Das Kind hatte also noch nie jemandem mit einer so starken Fähigkeit kennengelernt und all die Geschichten darüber, dass die Fähigkeiten ein Geschenk der Götter seien, dass man so weit wie möglich ausschöpfen musste, um der Gesellschaft zu dienen, setzten sie unter Druck. Dass sie selbst jetzt noch von vielen der Dorfbewohner, wenn auch nur noch verstohlen, angestarrt wurde, half vermutlich auch nicht gerade, um sie zu beruhigen. Sana war beeindruckt, dass Arie sich bereits so weit wieder gefangen, dass sie nicht mehr schluchzte. Als das Mädchen bei ihr ankam, hockte sie sich hin und nahm das Kind fest in den Arm. Sofort schlangen sich die kleinen Arme um ihren Hals und erwiderten die Umarmung.

„Herzlichen Glückwunsch, Arie. Jetzt bist du fast erwachsen. Und wenn dir irgendjemand Angst macht, weil er neidisch ist und sich wie ein Doofkopf verhält, dann hast du einen starken Papa, der dich beschützt.“

Sana spürte, wie Arie sich in ihren Armen entspannte. Bei der Reaktion der anderen Dorfbewohner, hatte sie vermutlich damit gerechnet, dass auch sie ihr jetzt mit Ehrfurcht gegenübertreten würde. In ganz normalem Plauderton angesprochen zu werden schien diese Sorge aber vorerst beseitigt zu haben. Sana wusste aber, dass dem Mädchen bestimmt noch so einiges auf dem Herzen lag. Und wenn sie sich nun schon gegenüber ihrem Drang wegzulaufen durchgesetzt hatte, dann konnte sie auch versuchen Arie so viel von ihrer Angst zu nehmen, wie nur irgendwie möglich war. Zum Glück begann der Priester auch gerade mit der Zeremonie zum Frühlingsfest, sodass das Interesse der Menge an Arie langsam wieder abebbte. Aus den Augenwinkeln sah Sana, wie sich immer mehr Menschen wieder dem Podest zuwandten und Familie Vanis endlich ein wenig Privatsphäre gewährten.

„Aber ich kann doch nicht hierbleiben“, erwiderte Arie nach einem kurzen Moment genau das, was Sana bereits befürchtet hatte. Geknickt schaute sie auf den Boden, während sie eine der Stoffblumen ihres Kleides knetete. „Der Priester hat gemeint, dass ich nach Fernis muss. Entweder ich gehe heute Abend mit ihm mit oder Papa soll mich innerhalb der nächsten Woche hinbringen. Sonst, hat er gesagt, würde ich keine Lehrstelle bekommen. Wenn ich zu spät komme, will mich keiner mehr, selbst mit Rang 2. Und hier im Dorf darf mich keiner anstellen, hat er gesagt.“

Beruhigend strich Sana über ihren zarten Rücken. Genau deshalb konnte sie die Priester nicht ausstehen. Allen versuchten sie ihre Meinung aufzudrängen und sahen sich als etwas Besseres an. Nur, weil sie die Gesetze von Altuno festlegten, hieß das nicht, dass sie einfach so über den Lebensweg jedes einzelnen bestimmen konnten. Sana kannte alle Gesetzestexte auswendig und es gab keinen Absatz, der einen dazu zwang, den Weg zu beschreiten, der auf dem kleinen Pergamentschnipsel stand, den man zur Weihung bekam. Ja, jeder Betrieb durfte seine eigenen Aufnahmebedingungen stellen. Wenn man diese aber erfüllte, dann konnte nicht irgendein dahergelaufener Priester einem seinen Ausbildungsplatz wieder wegnehmen. Weder aufgrund der angeblich falschen Fähigkeit, noch weil man sie im falschen Ort ausübte. Nur weil die Götter den Priestern Fähigkeiten verliehen hatten, die es ihnen ermöglichten das Leben selbst zu beeinflussen, gab es ihnen nicht das Recht über alle anderen Menschen zu entscheiden. Sie waren nämlich trotzdem nur Menschen und die meisten von ihnen hatten Sanas Erfahrung nach nicht einen Hauch von Menschenkenntnis. Um ihren Ärger nicht an Arie auszulassen, ließ sie sich ein bisschen Zeit mit ihrer Antwort und atmete erst einmal tief durch.

„Lass dir von niemandem vorschreiben, was du machen sollst“, flüsterte Sana ihr ins Ohr und schob Arie ein wenig von sich weg. Etwas lauter fuhr sie fort. „Der Priester hat dir zwar gesagt, dass du in die Hauptstadt musst, aber wenn du lieber hierbleiben willst, kannst du auch bei mir anfangen. Ich würde mich riesig darüber freuen. Auch wenn ich dir natürlich nicht die Vorrausetzungen bieten kann, die dir in Fernis offenstehen würden, hättest du hier deine Familie. Und wenn du älter bist kannst du ja immer noch in die Hauptstadt ziehen und deinen eigenen Laden aufmachen. So wie ich hier bei euch im Dorf. So tolle Ideen wie du hast, werden bestimmt ganz viele Leute deine Sachen kaufen, auch wenn du nicht bei irgendeinem berühmten Meister in Lehre warst.“

„Aber ich kann doch gar nicht nähen!“, erwiderte Arie prompt. „Und bei so einer starken Talentfähigkeit, müsste ich das doch bereits gelernt haben. Oder funktioniert das Talent erst nach der Weihung? Papa hat immer gesagt, dass er schon als kleiner Junge total gut feilschen konnte und deshalb immer zum Einkaufen geschickt wurde.“

Aus großen Augen starrte Arie sie an, als hätte Sana ihr gerade einen geflügelten Mantakel gezeigt. Hier auf dem Land war es anscheinend noch weniger bekannt, dass man alle Fertigkeiten auch ohne Talentfähigkeit erlernen konnte. Natürlich wäre jemand mit einer sehr starken Talentfähigkeit immer im Vorteil, weil derjenige einfach deutlich schneller lernte und sich gewissermaßen nur ins Gedächtnis rufen musste, wie etwas funktionierte, anstatt es von Grund auf zu lernen. Als wären die Abläufe bereits in seinen Muskeln verankert. Aber trotzdem konnte man auch ohne die entsprechende Talentfähigkeit zumindest auf das gleiche Niveau wie jemand mit einem Rang 4 Talent kommen. Mit sehr viel Übung könnte man es vermutlich sogar auf eine Ebene mit schwachen Rang 3 Talenten schaffen. Diese vollkommene Fixierung auf die Fähigkeiten war in Sanas Augen deshalb unverständlich. Zumal die meisten Berufe mehr als nur eine Fähigkeit benötigten

„Nein, das Talent funktioniert schon vor der Weihe“, erklärte Sana mit einem Schmunzeln. „Aber um ein guter Schneider zu sein, muss man nicht nur nähen können. Man braucht auch ganz viel Vorstellungskraft und wenn ich so daran denke, wie du zu deinem Kleid gekommen bist, dann kann ich mir schon vorstellen, was deine Fähigkeit ist. Ich könnte dir also das Nähen beibringen und gemeinsam machen wir dann all die tollen Kleider, die du dir ausdenkst. Und dein Vater könnte sie dann im ganzen Land verkaufen. Wer weiß, vielleicht bekommt das Dorf dann sogar einen Namen oder wird sogar eine Stadt mit einer eigenen Kirche.“

Das Mädchen hatte sie völlig erschrocken angestarrt, als Sana angefangen hatte sie zu loben. Als bei der Erwähnung eines landesweiten Verkaufs auch dem Rest der Familie Vanis die Augen fast herausfielen, hatte sie sich schnell dazu entschieden die Situation etwas aufzulockern und Arie während des letzten Satzes augenzwinkernd in die Seite geknufft. Schließlich wollte sie das Kind aufmuntern und ihr nicht noch mehr aufbürden. Der Plan schien aufzugehen, denn auf Aries Gesicht schlich sich ein verhaltenes Lächeln.

„Na dann geh’ jetzt erstmal nach Hause. Das war denke ich genug Aufregung für einen Tag. Überlege in Ruhe, was du willst und lass dich nicht von dem, was der Priester dir gesagt hat, verunsichern. Es ist dein Leben und das solltest du so leben, wie du möchtest. Und nicht wie irgendjemand aus Fernis es für richtig hält.“

Mit diesen Worten erhob sich Sana aus der Hocke und wuschelte Arie zum Abschied durch die Haare. Der Rest der Familie verabschiedete sich und Ekaria umarmte ihre kleine Schwester grinsend von hinten. Herr Vanis bedankte sich überschwänglich für Sanas Angebot. Die Vorstellung sein kleines Mädchen ganz alleine in die Hauptstadt zu schicken und darauf zu hoffen, dass sie nicht nur irgendeinen Meister fand, sondern auch noch einen, der sie gut behandelte, hatte ihm wohl überhaupt nicht gefallen. Einfach mit der ganzen Familie umziehen war aber auch nicht möglich. Nun eine Alternative zu haben gab ihm Hoffnung, sein Mädchen doch nicht alleine ziehen lassen zu müssen.

Während Sana der vierköpfigen Familie nachsah, überlegte sie, ob sie sich auch wieder nach Hause begeben sollte. Ein kurzer Blick in Richtung des Podestes zeigte ihr, dass die Frühlingszeremonie kurz vor ihrem Höhepunkt stand, also entschied sie sich zumindest noch zu warten, bis der Priester den Hauptteil des Ritus beendet hatte. Das letzte Mal, dass sie die Zeremonie erlebt hatte war schließlich eine Weile her und den Moment, in dem der Priester den Segen aussprach, hatte sie als einen der schönsten Momente jedes Jahres in Erinnerung behalten. Das Gefühl, wie die gesamte Umgebung durch die Manipulation belebt und angeregt wurde, war atemberaubend gewesen. Da sie sich nun schon dazu überwunden hatte heute überhaupt ihr Haus zu verlassen, wäre es schade das Beste zu verpassen.

Der Priester beendete die Lobeshymne und ließ sich von den Tempeldienern den Götterspiegel reichen. Wie schon in ihrer Kindheit spürte Sana sie Vorfreude in sich aufsteigen. Wenige Augenblicke noch bis die Luft vor Lebenskraft pulsieren würde. Da jeder Priester eine etwas andere Manipulationsfähigkeit hatte, war auch die Art und Weise, wie sich die Energie ausbreitete von Jahr zu Jahr anders gewesen. Wie würde es sich dieses Mal anfühlen? Eine sanfte Briese, eine elektrisierende Welle? Es war, als wäre Sana in die unbeschwerten Tage ihrer Kindheit zurückversetzt worden.

Die letzte Note des Segens verklang und das Licht, das sich im Inneren des Spiegels gesammelt hatte strahlte über den Platz. Ein Jubeln lief durch die Menge, während die Tempeldiener den Spiegel wieder entgegennahmen. Aber etwas stimmte nicht. Selbst als der Priester das Podest bereits verlassen hatte und der Dorfvorsteher dessen Platz einnahm, wartete Sana noch immer auf den belebenden Schub in der Luft. War sie zu weit weg? Eigentlich konnte das nicht sein. In einigen Jahren hatte sie sogar in ihrem Zimmer noch etwas gespürt. War der Priester so schwach? Nein, dann hätte man ihn nicht für diese wichtige Aufgabe ausgewählt. Wenn die Dörfer nichts produzierten, konnte sich schließlich auch die Hauptstadt nicht halten. Vermutlich war seine Fähigkeit einfach so sanft, dass Sana es doch nicht bemerkt hatte. Ein wenig enttäuscht, wandte sie sich ab. Jetzt würde nur noch das Fest folgen. Jeder der Bauern würde an einem kleinen Stand einige seiner hausgemachten Leckereien anbieten und die zwei Tavernenbesitzer hatten bestimmt auch schon fleißig Essen und Trinken vorbereitet. Heute Nacht würde das Fest dann mit einem Tanz auf dem Marktplatz enden. Diesem Trubel konnte Sana wirklich nichts abgewinnen und so lief sie in aller Ruhe nach Hause, während die Aufmerksamkeit aller anderen noch auf dem Dorfvorsteher ruhte. Bei dem Hemd fehlte noch ein gutes Stück Verzierung am Saum und von alleine würde sich das bestimmt nicht sticken.
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