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My Bloody Valentine

von KatieC
OneshotSuspense / P16 / Het
30.04.2021
30.04.2021
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4.112
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5 Reviews
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30.04.2021 4.112
 
Hallo zusammen,
schon seit einer gefühlten Ewigkeit wollte ich diese Idee verwirklichen und dank der Spinatwachteln und ihrem neuen Wettbewerb „Für andere unsichtbar“ hatte ich nun endlich den passenden Anstoß dazu.
Keine Ahnung, ob diese Geschichte was taugt, aber das dürfen nun ja glücklicherweise andere beurteilen. :D Ich bin auf jeden Fall froh, sie nach so langer Zeit endlich zu Papier gebracht zu haben und falls ihr Lust habt reinzulesen, würde ich mich sehr über euer Feedback freuen.

Habt ein schönes Wochenende und fühlt euch aus der Ferne gegrüßt! :-)
eure Katie



~*~*~*~



Nahezu unbeweglich stand er dort in der Dunkelheit, die Kapuze seines Sweaters tief ins Gesicht gezogen. Es wäre nicht einmal nötig gewesen, denn die tiefhängenden Äste des dichten Gebüschs ließen seine Gestalt regelrecht mit der Umgebung verschmelzen. Sie ließen ihn unsichtbar werden. Nicht einmal die alte Lady, die vor über einer Stunde mit ihren Einkäufen die Straße entlang gekommen war, hatte ihn bemerkt. Dabei hätte er nur einen entschlossenen Schritt nach vorne machen müssen und hätte schon im selben Augenblick direkt neben ihr gestanden. Aber stattdessen hatte er sie unwissend vorbeiziehen lassen, hatte sich an den massiven Baumstamm in seinem Rücken gelehnt und weiter gewartet. Das Warten machte ihm nichts aus, denn wenn Wylie eines von sich behaupten konnte, dann, dass er definitiv mit einer ausdauernden Geduld gesegnet war, wenn er sich auf die Dinge konzentrierte, die ihm am Herzen lagen. Und so war es auch hier. Unzählige Stunden hatte er schon an diesem Ort verbracht, inzwischen hätte er sich sogar mit verbundenen Augen den Weg durch das Unterholz bahnen können. Er kannte jede hervorstehende Wurzel, über die man stolpern konnte, wenn man sich zu hastig bewegte. Er kannte jeden zu tief hängenden Ast, den man entweder umgehen oder unter dem man sich hindurchbücken musste. Und er kannte exakt jene Punkte in dieser Straße, die nachts nicht vom Licht der Straßenlaternen erhellt wurden. Punkte wie diesen versteckten Ort inmitten des ansonsten ruhigen Wohngebietes.
Im Grunde war es eine Straße wie jede andere, man hätte sie ohne Scham als durchweg gewöhnlich bezeichnen können, aber für Wylie war sie alles andere als das. Fast jeden Abend kam er hier her, nahm seinen Platz inmitten der Bäume und Sträucher ein und spähte durch das schützende Blätterdach hinüber auf die andere Straßenseite. Er selbst mochte sich in vollkommener Dunkelheit befinden, doch ihm genau gegenüber erhellte eine Laterne den Gehweg und die Fassade eines kleinen Hauses. Genau vier Stufen führten hinauf auf eine von Säulen gestützte Veranda. Weitere drei Schritte benötigte es, um die blassblaue Haustür zu erreichen und auch wenn Wylie noch nie das Innere dieses Hauses betreten hatte, wusste er dennoch ganz genau, wie es dort aussah. Er kannte jeden einzelnen Raum, denn das war der Vorteil der Dunkelheit – sobald im Inneren das Licht entzündet wurde, hatte er von hier draußen den perfekten Blick hinein. Auch wenn es nicht die Einrichtung war, die ihn jeden Abend hierher zog, so wie eine Motte unwillkürlich vom Licht angezogen wurde. Normalerweise wusste er ganz genau, wann Helen von ihrer Arbeit in einem kleinen Eisenwarenladen nach Hause kam. Dann ließ sie ihre Tasche auf den Boden sinken, warf die Schlüssel in eine Schale auf der Kommode im Flur und streifte sich die Schuhe ab. Meist verschwand sie dann für kurze Zeit am Ende des Flures in der Küche, nur um wenig später mit einer Tasse Tee zurückzukehren und es sich im Wohnzimmer mit einem Buch gemütlich zu machen. Bücher waren Helens Leben und Wylie liebte es, ihr beim Lesen zuzusehen. Es beruhigte ihn und schürte gleichermaßen seine Sehnsucht. Wenn Helen eine verlorene Träne über die Wange rann, weil eine Geschichte sie so sehr berührte, verspürte er jedes Mal den Drang, die Straße zu überqueren, hineinzugehen und sie tröstend in den Arm zu nehmen. Ebenso ertappte er sich jedes Mal dabei, wie sich ein Lächeln auf seine Lippen schlich, wenn er sie Lachen sah. Dieses Lachen mit dem glockenhellen Klang, das in seinen Ohren purer Musik gleichkam. Manchmal stellte er sich vor, wie er neben ihr auf der dunkelroten Couch saß und Helen ihm vorlas. Wie ihre Stimme jedem Höhepunkt in einer Geschichte entgegenfieberte oder wie sie sich bei einer düsteren Handlung schutzsuchend an ihn schmiegte. In seiner Vorstellung legte er dann den Arm um sie und bettete sein Kinn auf ihr blondes Haar. Sie benutzte dieses Shampoo, das nach Pfirsichblüten roch. Ein Duft, den er wohl auf immer mit ihr in Verbindung bringen würde.

Das Brummen eines Motors riss Wylie aus seinen verträumten Gedanken und er richtete sich automatisch ein wenig auf. Direkt vor Helens Haus hielt ein blauer Honda und Wylie knirschte automatisch mit den Zähnen. Er musste nicht einmal genau hinzusehen, um zu wissen, wem der Wagen gehörte. „Chad“, murmelte er und seine gedämpfte Stimme klang beinahe wie ein Knurren.
Chad war Helens neustes Date. Vor ein paar Wochen hatte sie damit begonnen, mit diesem Proleten auszugehen und auch wenn Wylie stets darauf gehofft hatte, sie würde nach kurzer Zeit wieder das Interesse an ihm verlieren, war alle Hoffnung bislang vergebens gewesen. Chad war geblieben und hatte sich mehr als einmal den Platz auf der dunkelroten Couch mit Helen geteilt. Der Platz, der eigentlich ihm gelten sollte.
In der Dunkelheit ballten sich seine Hände zu Fäusten, während er unfreiwillig und doch wie gefesselt beobachtete, wie die beiden sich voneinander verabschiedeten. Wie Helen lächelte und sich vorbeugte, um Chad zu küssen.
Wylies Magen schien sich plötzlich zusammenzuziehen und schmerzhaft zu rebellieren. Wieso tat Helen ihm das nur an? Wie konnte sie nur?
Mühevoll schluckte er die aufkeimende Wut herunter und zwang sich, die Fäuste zu lösen. Es war nicht ihre Schuld. Helen konnte nicht wissen, dass Chad ihr nicht gut tat. Aber Wylie erkannte genau das. Vielleicht hatte sie ohnehin schon beabsichtigt, sich von ihm zu trennen und wartete nur noch auf den richtigen Zeitpunkt? Ihm selbst hätte das nicht schnell genug gehen können, aber Helen war gütig und warmherzig und gerade an einem Tag wie heute wäre sie viel zu taktvoll, um selbst einem Kerl wie Chad das Herz zu brechen. Ja, so war es ganz sicher, redete Wylie sich ein und spürte schlagartig, wie sich seine verkrampften Muskeln entspannten. Schließlich war der Valentinstag doch jener eine Tag im Jahr, an dem sich ein jeder an die Liebe klammerte und nichts war schlimmer, als an genau diesem Tag abserviert zu werden.
Ein leises Seufzen entwich seinen Lippen bei diesem Gedanken. Helen war einfach zu gut für diese Welt und genau aus diesem Grund liebte er sie. Es gab nichts an ihr, was in seinen Augen nicht absolut perfekt war.

Er wartete noch, selbst nachdem der blaue Honda schon um die nächste Straßenecke gebogen war. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre es ihm unmöglich gewesen, sofort zu gehen. Stattdessen harrte Wylie im Schutz der Bäume aus, die Augen fest auf die gegenüberliegende Straßenseite fixiert. Er beobachtete jeden ihrer Schritte, genau sieben an der Zahl, bis sie die Veranda erreichte, und in ihrer Handtasche nach dem Haustürschlüssel zu suchen begann. Seine Augen folgten ihren Fingern, die eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr strichen, bevor sie den Schlüssel im Schloss drehte. Die blaue Haustür öffnete und schloss sich und Wylie wartete ab, ob Helen in einem der vorderen Zimmer das Licht anschalten würde, doch stattdessen sah er ihre Silhouette durch das milchige Glas der Tür in Richtung Treppe und damit vorerst aus seinem Sichtfeld verschwinden.
Seufzend hielt er den Blick auf das obere Geschoss gerichtet und fuhr sich geistesabwesend mit der Zunge über die Lippen. Was sie wohl gerade tat? An was sie wohl dachte? Sicher war sie froh, das Date endlich hinter sich gebracht und nun ihre Ruhe zu haben.
Auch wenn er es nicht beabsichtigte, drängte sich Chad einer Abrissbirne gleich zurück in sein Bewusstsein und aus dem wehmütigen Seufzen wurde ein verbissenes Schnauben. Wylie warf noch einen letzten Blick auf Helens Haus, bevor er ihm den Rücken kehrte und geduckt durch die Büsche den Rückzug antrat. Seinen eigenen Wagen hatte er zwei Straßen weiter geparkt und kaum hatte er den Schutz der Bäume hinter sich gelassen, beschleunigte er seine Schritte. Er wusste, dass er etwas unternehmen musste. Nicht morgen, nicht nächste Woche – nein, heute Nacht.

Wylie hatte Chads Adresse herausgefunden, nachdem er und Helen ihr drittes Date miteinander verbracht hatten. Damals war er vorbereitet gewesen und hatte bereits in seinem Wagen gewartet, um Chad zu seiner Wohnung zu folgen und so fand er den Weg diesmal ohne große Mühe. Tatsächlich traf er den Honda vor dem schlichten Appartementhaus geparkt an, während er langsam und betont unauffällig die Straße entlang fuhr. Das Licht in der rechten Hälfte des Erdgeschosses verriet Wylie, dass Chad bereits seine Wohnung betreten haben musste.
Zielstrebig steuerte er den Wagen um die nächste Ecke, bog an der folgenden Kreuzung erneut links ab und parkte schließlich am Straßenrand. Zu seiner Linken befanden sich einige spärlich gepflegte und noch spärlicher umzäunte Gärten, die sich einer Schneise gleich durch den gesamten Block zogen. Zumindest reichten sie fast bis an Chads Appartementhaus heran und als Wylie aus seinem Wagen ausstieg, bot sich ihm dadurch ein nahezu perfekter Zugang zur Hinterseite des Hauses. Allein der angrenzende Hinterhof war mit einem einfachen Drahtzaun umsäumt, doch selbst auf das Quietschen des verbogenen Tores war er vorbereitet gewesen. Während er die rostige Metalltür so bedächtig wie möglich bewegte und durch den schmalen Spalt zum Hof hindurch schlüpfte, beglückwünschte Wylie sich zu seiner Akribie. Schon als er noch klein gewesen war, hatte er eine besondere Begabung dafür gehabt, jene kleinen Dinge wahrzunehmen, die den meisten anderen Menschen verborgen blieben und während jeder andere die unwichtigen Details einfach ausblendete, sammelte Wylie sie wie eine geheime Landkarte, die nur für ihn selbst sichtbar war. Allein heute Abend hatte ihm diese Tugend schon mehrfach günstig zugespielt und auch als er gekonnt einen Bogen um die im Dunkeln abgestellten Mülltonnen einschlug, um nicht unversehens einen Höllenlärm zu verursachen, musste er lächeln. Es war viel zu einfach.
Eine winzige Bewegung ließ ihn jedoch herumfahren und abrupt innehalten. Im Nachbarhaus hatte sich eine Gardine bewegt und Wylie glaubte den Schatten einer Gestalt hinter dem Fenster erkennen zu können. Er rümpfte die Nase und zog sich die Kapuze ein Stück weiter ins Gesicht. Die Wohnung gehörte einem alten Mann, den er bereits bei seinem ersten Besuch dort gesehen hatte. Dass sich manche Menschen auch einfach nicht aus den Angelegenheiten anderer Leute heraushalten konnten. Wylie unterdrückte ein verachtendes Grunzen und setzte seinen Weg in den Schatten fort, bis er die Vorderseite des Hauses erreichte.
Noch immer brannte Licht in Chads Wohnung und Wylie blieb stehen, um einen Blick durch das Fenster zu werfen. Vor ihm erstreckte sich ein schlicht eingerichtetes Schlafzimmer und tatsächlich entdeckte er Chad darin, der sich gerade das Tshirt über den Kopf zog. Eine ungeahnte Welle aus Zorn und Abscheu wallte in Wylie auf. Wie ein wütendes Tier fraß sie sich durch seine Eingeweide, wild darauf erpicht, den größtmöglichen Schmerz anzurichten, den es zu verursachen im Stande war. Sie ließ seinen Puls in die Höhe schnellen, während sich seine Hände abermals krampfhaft zu Fäusten ballten. Seine Kiefer mahlten so fest aufeinander, dass es sicher wehgetan hätte, wäre er nicht voll und ganz auf das Antlitz seines Gegenübers fixiert gewesen. Selbst als Chad einen Stapel Handtücher gegriffen hatte und in das angrenzende Badezimmer verschwunden war, stand Wylie noch vor dem Fenster und versuchte vergeblich, seinen viel zu schnellen Herzschlag zu beruhigen. Immer wieder zwang er sich dazu, ruhig durchzuatmen, doch die leise Stimme in seinem Kopf gab keine Ruhe.
Er musste handeln, musste sich etwas einfallen lassen. Jetzt oder nie.
Ruckartig riss er sich vom Anblick des leeren Schlafzimmers los und wandte sich weiter nach links, immer weiter an der steinernen Hauswand entlang, bis er auf eine zurückgesetzte Aussparung im Mauerwerk traf. Diese Nische verdiente es nicht einmal ansatzweise, Terrasse genannt zu werden, auch wenn ein Tisch und zwei Stühle neben den gläsernen Seiteneingang gestellt worden waren. Der Geruch kalter Asche drang aus dem überfüllten Aschenbecher, als Wylie sich neben einen der Stühle zwängte und seine Hand nach der Klinke ausstreckte. Zu seiner eigenen Überraschung war die Tür nicht verriegelt und schwang lautlos nach innen auf. Für eine unendlich lange Sekunde verharrte er wie angewurzelt auf der Stelle, hielt die Luft an und lauschte. Doch das einzige Geräusch, das aus der Wohnung heraus an sein Ohr drang, war das monotone Plätschern der Dusche und so schlüpfte er kurzerhand hinein.

Die Wohnung war winzig und äußerst überschaubar. Da das Wasser der Dusche immer noch lief, verspürte Wylie keine Eile und ließ den Blick schweifen, bis er auf der kleinen Küchenzeile Chads Handy ausmachte. Neugierig nahm er es zu Hand und erstarrte für eine Sekunde, als es eine eingegangene Nachricht von Helen anzeigte. Allein ihren Namen zu sehen, ließ sein Herz wie wild pochen und er hatte die Nachricht bereits geöffnet, bevor er überhaupt darüber hatte nachdenken können.
„Das war ein schöner Abend“, stand dort, gefolgt von einem lächelnden Emoji mit geröteten Wangen. Wylies Finger flogen über das Eingabefeld und ehe er sich versah, hatte er ihr geantwortet. „Komm her.“
Noch im selben Augenblick erschienen zwei weitere Nachrichte auf dem Display. Ein lachendes Emoji. Dann ein Text. Vermisst du mich etwa schon?“
Ja, hätte Wylie am liebsten geschrieben. Es gab so viele Dinge, die er in diesem Moment gerne gesagt hätte. So viele, dass sich seine Gedanken beinahe überschlugen. Doch stattdessen schrieb er nur mit kribbelnden Fingern: „Komm einfach her. Jetzt gleich.
Die Zeit um ihn herum schien stillzustehen und alle Geräusche rückten in den Hintergrund, während er gebannt auf das Display starrte und auf ihre Antwort wartete. Doch in dem Moment, als Helens „Okay, bis gleich“ vor seinen Augen aufleuchtete, drang eine ziemlich unwirsche Stimme an sein Ohr. „Was zur Hölle …?!?“
Am liebsten hätte Wylie sich selbst geohrfeigt, weil er nicht bemerkt hatte, wie die Dusche verstummt war und nun stand Chad direkt vor ihm. Das Wasser tropfte ihm aus dem noch nassen Haar und er war lediglich mit einem Handtuch bekleidet. Aus seinem Blick sprachen Überraschung und sichtlicher Ärger.
Das Blut in Wylies Ohren begann von einer Sekunde auf die andere so laut zu pulsieren, dass es alles anderes übertönte. Sogar Chads Beschimpfungen, seine Fragen, wer er überhaupt war und wie er in seine Wohnung gekommen sei, verstummten in dem dumpfen Rauschen zu einem zusammenhanglosen Brei aus Worten. Stattdessen formte sich beim Anblick des halbnackten Körpers vor ihm ein einzig klarer Gedanke der Eifersucht. Helen.
Wylie fühlte sich plötzlich von einem unbändigen Zorn übermannt. Weil Chad es gewagt hatte, ihn aus seinem kleinen Tagtraum zu reißen. Weil er es gewagt hatte, mit Helen auszugehen. Weil er es wagte, zu existieren.
Ruckartig schoss er vorwärts, doch Chad war immerhin reaktionsschnell genug, einen Schritt zurückzuweichen, selbst wenn er damit keinen Abstand gewann. Das Wasser, das sich auf dem Boden gesammelt hatte, hatte die Küchenfliesen rutschig werden lassen. Er verlor den Halt, ruderte kurz hilflos mit den Armen und schlug dann hart auf dem Boden auf.
Chad gab ein benommenes Stöhnen von sich und noch bevor er sich aufrappeln konnte, hatte Wylie die wenigen Schritte zwischen ihnen überbrückt und sich auf ihn gestürzt. Mit aller Kraft presste er sein Knie zwischen Chads Schulterblätter und drückte ihn so wieder nach unten. Mit einer Hand verdrehte er den Arm seines Gegners nach hinten und Chad schrie schmerzerfüllt auf. Seine andere Hand tastete jedoch blind über die Arbeitsfläche der Küchenzeile, bis sie auf kalten Stahl traf.
Chads Kopf ruckte zur Seite und wahrscheinlich musste er das Messer in Wylies Hand gesehen haben, denn die Wut in seinen Augen machte der blanken Panik Platz.
„Nein, bitte nicht! Was auch immer du willst, nimm es dir und verschwinde“, wimmerte Chad. „Da drüben liegt Bargeld und …“
„Halt dein Maul!“, knurrte Wylie und Chad kniff angsterfüllt die Augen zusammen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in heftigen Stößen, während der Rest seines Körpers beinahe schon wie paralysiert wirkte. Unendlich langsam beugte sich Wylie über Chad, bis seine Lippen neben Chads Ohr schwebten. „War das dein Ernst? Ich soll mir nehmen, was ich will?“
„Ja“, schnappte Chad nach Luft wie ein Ertrinkender, der für einen kurzen Moment Hoffnung schöpfte. „Nimm dir einfach …“ Doch Wylie hörte ihm schon gar nicht mehr zu, sondern erlaubte dem seeligen Lächeln, sich auf seinem Gesicht auszubreiten. „Wie passend“, murmelte er und spürte, wie Chad erneut unter ihm versteifte.
Wylie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wie es sich wohl anfühlen mochte, einem Menschen die Kehle aufzuschneiden. Selbst als er Chads Wohnung betreten hatte, hatte er diese Wendung der Dinge niemals in Betracht gezogen, doch nun fügte sich alles so gefällig zusammen. Hatte er vor Helens Haus lediglich gewusst, dass er heute etwas unternehmen musste, so sah er nun alles klar und deutlich vor sich. Chad musste verschwinden. Aus Helens Leben. Aus seinem. Aus ihrer beider Leben. Wylie wusste, was zu tun war. Er musste es tun. Für Helen. Weil er sie über alles liebte.
Entschlossen umklammerte Wylie den Griff des Küchenmessers und riss Chads Kopf ruppig an den Haaren nach hinten. „Nein, bitte nicht.“ Chad bettelte um sein Leben, aber kein einziges Wort drang zu Wylie durch. Er lauschte einzig und allein darauf, wie aus den Worten ein panisches Röcheln wurde. Ein Gluckern, ein letztes Aufbegehren, während Chads Blut die grauen Fliesen der Küche rot färbte.
Fasziniert beobachtete Wylie, wie sich die dunkle Lache immer weiter ausbreitete und sich das Licht der Deckenleuchte in dem satten Rot spiegelte. Wie sämtliches Leben aus dem Körper seines Widersachers verschwand und er selbst sich so lebendig fühlte, wie schon lange nicht mehr.
„Chad? Wo steckst du?“
Wylie riss den Kopf hoch, als er Helens Stimme an der Haustür hörte und der Rausch des Adrenalins verstärkte sich noch einmal um ein Vielfaches. Hastig rappelte er sich auf und kümmerte sich nicht darum, dass er dabei das Blut auf seiner eigenen Haut verwischte. Sein Herz hämmerte viel zu heftig in seiner Brust, als dass er sich um so eine Lappalie hätte Gedanken machen können. Helen war tatsächlich gekommen. Sie war gekommen, weil er sie darum gebeten hatte und dieses Gefühl war berauschender als er es sich jemals hätte ausmalen können.
Seine Hand hinterließ eine rote Spur an der Wand, als er sich am Türrahmen festhielt und schließlich um die Ecke herum trat. „Hallo Helen.“ Ihren Namen auszusprechen fühlte sich köstlich an. Als würde jeder einzelne Buchstabe seine Zunge sanft umhüllen.
Für eine unendlich lange Sekunde sah sie ihn an. Nur ihn und niemanden sonst und Wylie konnte nicht anders, als diesen Augenblick vollends auszukosten. Sie blinzelte irritiert und er konnte ehrliche Überraschung in ihrem Blick erkennen. „Kennen wir uns?“
Schmerz. Als hätte sich das Küchenmesser tief in sein Herz gebohrt. Wylie presste die Lippen aufeinander und zwang sich zur Ruhe. Wie konnte sie ihn nicht erkennen, wo sie doch so viel miteinander teilten? Wie konnte sie sich nicht an ihn erinnern?
„Ich bin’s. Wylie“, antwortete er, als würde das alles erklären, doch Helen blickte ihn weiterhin ratlos an. „Bist du ein Freund von Chad? Wo ist er? Er sagte, ich sollte herkommen …“
Nur mühevoll unterdrückte er ein abfälliges Schnauben. Er und Chad – befreundet? Dieser Gedanke klang so lächerlich, dass er beinahe darüber lachen wollte.
„Nein, ich bin deinetwegen hier“, sagte er und lächelte. „Weißt du nicht mehr, wir haben uns in diesem Café kennengelernt. Wir sind zusammengestoßen und du hättest beinahe deinen Kaffee auf mich verschüttet.“ Die Erinnerung an ihr Kennenlernen war für Wylie immer noch einer der schönsten Momente. Allzu bildlich hatte er vor Augen, wie sich Helens Wangen gerötet hatten und wie sie sich unzählige Male für ihre Unachtsamkeit bei ihm entschuldigt hatte. Nur ein einziger Blick in ihre grünen Augen hatte ausgereicht, da war es um ihn geschehen gewesen. Seither hatte sie ihn Tag und Nacht in seinen Gedanken begleitet und war zum unangefochtenen Mittelpunkt seines Lebens geworden.
Nun zogen sich ihre Augenbrauen jedoch nachdenklich zusammen und bildeten eine kleine Falte auf ihrer Stirn. „Tut mir leid …“, entfuhr es ihr verwirrt und sie hob in einer entschuldigenden Geste die Schultern.
Irgendetwas in Wylie schien zu zerreißen und glühend heiße Verzweiflung brach sich Bahn. Wie konnte sie sich nicht an ihn erinnern?
„Wo ist Chad?“, fragte Helen erneut und er bemerkte die aufkeimende Unruhe in ihrer Stimme.
Wylie warf einen Blick in die Küche hinter sich und konnte nicht umhin, siegessicher zu lächeln. „Ich habe das für dich getan.“ Erwartungsvoll machte er einen Schritt auf sie zu, doch Helen wich mit weit aufgerissenen Augen vor ihm zurück. Erst jetzt bemerkte er das Blut an seinen Händen. Chads Blut.
Mit hektisch flackerndem Blick spähte Helen an ihm vorbei und noch im selben Augenblick zerriss ihr gellender Schrei die Stille. Panisch schnappte sie nach Luft und schlug die Hände vor den Mund. Ihre Augen blickten starr auf den leblosen Körper in der Küche und Wylie konnte erkennen, wie sie zu begreifen begann. Wie sie erkannte, was er getan hatte. Vollkommen erstarrt stand sie dort und als sich ihr Blick erneut auf ihn richtete, hatte Wylie zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl gesehen zu werden. Wahrhaftig gesehen zu werden. Helen blickte ihn direkt an und sein Herz vollführte einen aufgeregten Tanz in seiner Brust. So lange hatte er sich nach diesem Moment gesehnt und nun war er endlich gekommen. Vielleicht mochte sie sich nicht an ihr Kennenlernen erinnern, doch nun würde sie ihn nie wieder vergessen.
Er beobachtete, wie Helens Kiefer zu beben begann und die stummen Tränen, die über ihre Wangen liefen, riefen in ihm den unbezwingbaren Drang wach, sie zu beschützen. Alle Zurückhaltung von sich schiebend, hastete er auf sie zu und breitete die Arme aus.
„Nein, bitte … tu mir nichts“, keuchte Helen, zuckte zusammen und starrte ihn an wie ein Reh im Scheinwerferlicht, unfähig sich der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe zu entziehen.
„Aber nicht doch.“ Die Worte überschlugen sich fast auf seiner Zunge und als er nach Ihren Schultern griff, spürte er, wie Helen regelrecht erstarrte. „Ich könnte dir niemals wehtun. Niemals.“ Sorgsam strich er über ihr Haar und seine Finger hinterließen blutrote Spuren auf den blonden Strähnen.
„Shhh, alles wird gut. Keine Sorge, ich bin für dich da. Bitte nicht weinen.“
„Du hast ihn getötet“, schluchzte sie und plötzlich schienen alle Dämme zu brechen. Helens Körper begann hemmungslos zu beben und sie krümmte sich zusammen, was Wylie nur dazu veranlasste, sie noch näher an sich zu ziehen. „Wieso hast du das getan?“, weinte sie an seiner Brust, eingepfercht zwischen seinen Armen.
„Weil ich dich liebe.“
Helen hielt den Atem an und er erlaubte ihr, sich ein kleines Stück weit von ihm zu lösen, sodass sie einander ansehen konnten. Ihr Makeup war verschmiert und ihre Augen glasig. Sie wirkte so zerbrechlich, dass Wylie es kaum wagte, sie loszulassen. „Keine Sorge, alles wird gut. Chad ist kein Problem mehr für uns. Du kannst ihn vergessen und dann können wir beide ein neues Leben anfangen. Gemeinsam. Klingt das nicht wundervoll?“ Wie ein Wasserfall sprudelten die Worte aus seinem Mund und plötzlich schien die Zukunft, die er sich für sich und Helen ausgemalt hatte zum Greifen nah. Er hatte zwar nicht damit gerechnet, dass es sie derart aus der Bahn werfen würde, aber er war bereit, ihr da durch zu helfen. Energisch umfasste er ihre Schultern und zwang sie dazu, ihn anzusehen. „Du musst ihn vergessen, hörst du?“ Er schüttelte sie leicht und Helen geriet ins Wanken. „Meinetwegen kannst du heute um ihn trauern, aber Chad hat keinen Platz mehr in unserem Leben. Wenn wir beide zusammen sein wollen, dann musst du ihn ein für alle Mal vergessen. Das verstehst du doch, nicht wahr?“
Ihre Brust bebte unter kurzen, heftigen Atemzügen. Unfähig zu antworten, schluchzte Helen und ihre Augen verdrehten sich gen Decke. Nur Sekunden später gaben ihre Beine unter ihrem Körper nach und sie sackte ohnmächtig zusammen. Doch auch jetzt würde Wylie nicht zulassen, dass ihr etwas geschah. Geistesgegenwärtig fing er sie auf und hob sie auf seine Arme.
Es gab keinen Grund mehr für sie beide, hier zu bleiben – sie würden Chad ein für alle Male hinter sich lassen. Entschlossen steuerte Wylie mit Helen in seinen Armen auf die Terrassentür zu und trat hinaus in die Dunkelheit. Inzwischen hatte es begonnen zu regnen und dicke Tropfen prasselten unerbittlich auf sie herab. Wohlwollend stelle Wylie fest, dass der Regen auch sämtliche Spuren hinter ihnen verwischen würde. Er spülte die Tränen von Helens Wangen und das Blut von seinen Händen.

Oh, my love
Please don't cry
I'll wash my bloody hands and
We'll start a new life

I don't know much at all
I don't know wrong from right
All I know is that I love you tonight

- Good Charlotte -
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