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Das Bildnis

von Angon
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Mystery / P12 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
1
14.204
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Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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30.04.2021 14.204
 
Wenn dich die Länge der Geschichte abschreckt, dann lass mich dir die Hörbuchversion, freundlicherweise gelesen von Benjamin Curax, ans Herz legen.
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Ich hatte vergessen, wie stark das Licht in den Augen schmerzt. Als der Stein sich endlich aus dem Verbund der Mauer löste, riss ich ihn so heftig heraus, dass ich nicht einmal bemerkte, wie meine Hände aufgeschürft wurden. Ich warf mich auf den Bauch, rückte ganz nah an das Loch heran und spähte nach draußen. Was ich erblickte war nur Schmerz. In einem gleißenden Blitz fiel das Sonnenlicht auf mein Gesicht, sodass ich die Augen davor verschließen musste. Durch die Lider leuchtete das Licht nun rot. Doch es schmerzte trotzdem. Ächzend rollte ich meinen Körper zur Seite um im Schatten dem Schmerz zu entgehen.
Natürlich hatte ich mich davor gefürchtet, hinauszublicken. Es war leichtsinnig. Es war gefährlich. Mutter hatte mich oft genug gewarnt. Nur hier, in der Dunkelheit meiner Behausung, konnte ich mich wirklich sicher fühlen. Dunkelheit verbarg, und Verborgenheit brachte Sicherheit. Ich hatte oft Angst, wenn meine Mutter diese Sicherheit verließ. Doch sie konnte nicht die ganze Zeit über bei mir sein, das hatte sie mir oft genug erklärt. So richtig verstand ich es nicht, doch ich wusste, sie würde mich niemals verraten.
Seit Wochen hatte ich den Mörtel aus den Mauerritzen gekratzt. Ich benutzte den schmalen Knochen eines Huhns, das Mutter mir zum Verzehr gebracht hatte. Ich hatte so gern wissen wollen, ob die Welt draußen noch existierte. Ob es noch grüne Wiesen gab und ob das blaue Meer in weißer Gischt an den Felsen zerschellte. Ich wollte Farben sehen. Im Kerzenlicht meiner Behausung sah alles grau und fad aus. An manchen Tagen vermochte nicht einmal meine Fantasie die Finsternis zu durchdringen.
Und doch war es Einbildungskraft, die mich bei Kräften hielt. Ihr verdankte ich, dass ich nicht längst dem Wahnsinn anheimgefallen war. Ich kannte jeden Winkel dieses Raumes, nichts war daran noch zu entdecken. Wenn Mutter mich in den Schlaf sang, versuchte ich, mir die Bilder, die sie mit ihrer Stimme malte, in mein Gedächtnis zu brennen. So würde ich am nächsten Tag etwas haben, an das ich mich erinnern konnte. Etwas, das anders war als jeder Winkel dieses Zimmers.
Manchmal höre ich Stimmen, doch sie kommen niemals näher. Mutter erklärte mir, dass die Menschen mich nicht sehen. Fíth-fath, der Zaubernebel, umgibt mich zu stark. Wie froh bin ich, dass Mutter den Zaubernebel zu durchdringen vermag! Niemand sonst kommt zu mir. Es muss der Nebel sein, sie können mich darin nicht finden.
Nun kauerte ich wieder in der Dunkelheit, weißes Licht fiel durch das Loch auf den Steinboden. Ich streckte die Hand aus, um die Staubkörnchen zu berühren, die in dem Lichtkegel tanzten. Beinahe hätte ich erwartet, dass ich wieder Schmerz verspüren würde, doch das Licht fühlte sich warm an. Warum nur schmerzte es in den Augen, aber nicht auf der Hand? Frustriert ließ ich mich wieder gegen die kühle Wand sinken. Mein Blick blieb von dem hellen Fleck gefesselt.
Mit einem Mal wurde ich traurig. Jede Seite der Mauer hatte mir nur Schmerz zu bieten. Diese Erkenntnis ließ mich unwillkürlich meine Augen reiben. Als ich sie wieder öffnete, flimmerten helle Flecke durch mein Sichtfeld. Ich hatte überhaupt keinen Wunsch mehr dazu, durch das Loch zu schauen. Ich drehte dem Licht den Rücken zu. Schlagartig wurde mir der Schmerz in meinen wunden Händen bewusste und ich musste schluchzen. Ich spürte, wie Tränen mein Gesicht benetzten. Und dann weinte ich, weinte wie ein Wasserfall. Ich weinte, weil ich nicht hinaussehen konnte. Ich weinte wegen der Dunkelheit und des Schmerzes. Doch hauptsächlich weinte ich, weil mir kein Grund dafür einfallen wollte, warum ich überhaupt lebe.




***




„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Henderson.“ Lord Hector Straiton, Earl of Chainwick, hatte sich von seinem Stuhl erhoben, war um den schweren Schreibtisch herumgeschritten und streckte nun seine Hand aus. Lorraine Henderson, die junge Dame, die gerade hereingekommen war, ergriff diese und schüttelte sie. „Die Freude ist ganz meinerseits, Mylord“, sagte sie. Ihr Tonfall war förmlich, ließ jedoch keine Herzlichkeit vermissen.
Lord Chainwick lächelte. „Bitte, setzen Sie sich doch!“ Er wies auf eine gepolsterte Sitzgruppe.
„Danke, Mylord“. Miss Henderson nahm auf einem der Sessel Platz und überblickte das Zimmer aus ihrer neuen Perspektive. Sofort erfasste sie die antiken Möbelstücke und Kunstwerke.
„Trinken Sie eine Tasse Tee mit mir, Miss Henderson?“, riss Lord Chainwick sie aus ihrer Betrachtung.
„Sehr gern, Mylord“, antwortete sie. Er nickte und drückte auf einen Knopf seines Telefons, das auf dem Schreibtisch stand. Dann setzte er sich ebenfalls in einen der gemütlichen Sessel ihr gegenüber.
„Miss Henderson, ich nehme an, man hat Ihnen gesagt, warum Sie hier sind?“
„Natürlich, Mylord. Mr. Ramsay hat mich über alles unterrichtet. Es geht um die Begutachtung eines Kunstfundes?“
„Ganz recht.“ Lord Chainwick wurde durch das Eintreten einer Dame unterbrochen. Sie trug ein Tablett mit Tee und Gebäck, welches sie auf dem Tischchen abstellte, das zwischen Lord Chainwick und Miss Henderson stand. „Vielen Dank, Mrs. Ross“, sagte der Lord zu der Dame, die mit einem „Sehr wohl, Mylord“ und einem freundlichen Nicken auch schon wieder verschwand.
Lorraine beobachtete interessiert, wie Lord Chainwick eine Tasse mit Tee füllte und vor ihr auf das Tischchen stellte. In diesem herrschaftlichen Ambiente kam es ihr seltsam vor, dass er das selbst tat. Nachdem er auch für sich selbst Tee eingegossen hatte, wandte er sich wieder seinem Gast zu.
„Bei Instandsetzungsarbeiten wurde in einem der Gewölbekeller ein Gemälde gefunden. Bislang konnte es nicht zugeordnet werden und ich hoffe, dass Sie etwas herausfinden können.“
Lorraine griff nach der Tasse. „Was meinen Sie genau? Eine zeitliche Einordnung der Entstehung oder soll das Motiv bestimmt werden?“ Sie tat etwas Zucker in den Tee und rührte ihn um. Das Klimpern des Löffels in der zarten Porzellantasse hatte etwas Anheimelndes.
„Sowohl als auch“, erwiderte Lord Chainwick. „Mr. Ramsay erklärte mir gegenüber, dass Sie die beste Kunsthistorikerin seien, die die National Galleries of Scotland zu bieten haben.“ Er lächelte wieder.
Lorraine war verlegen. „Nun ja.. ich werde natürlich mein Bestes tun, Mylord.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Ich bin jedenfalls höchst interessiert an diesem Kunstwerk. Ich freue mich sehr, dass ich die Chance dazu erhalte, ein völlig neu entdecktes Artefakt unserer Vergangenheit zu begutachten.“
Sie erkannte echte Freude auf Lord Chainwicks Gesicht. „Ich merke bereits, dass sie den richtigen Geist besitzen, Miss Henderson.“ Er stellte seine Teetasse ab. „Der erste Sachverständige, den ich konsultierte, riet mir, das Stück in dem Raum zu belassen, bis klar sei, wie es bestmöglich aufbewahrt werden kann.“
„Eine sinnvolle Maßnahme“, stimmte Lorraine zu. „Die Veränderung von Lichteinfall und Luftfeuchtigkeit kann eine Schädigung des Materials begünstigen. Besonders bei sehr alten Stücken rate ich ebenfalls dazu.“
„Dies bedeutet natürlich, dass Sie hier arbeiten müssten.“
Lorraine schmunzelte. „Das habe ich bereits einkalkuliert, Mylord. Ich werde mir ein Zimmer im Ort nehmen.“
„Aber nein, natürlich werden Sie hier wohnen“, widersprach Lord Chainwick vehement. „Meine Haushälterin hat bereits das Personal angewiesen, ein Zimmer für Sie herzurichten.“
„Ich weiß nicht“, begann Lorraine, doch ihre Einwände wurden hinweggefegt.
„Unsere Gästezimmer im Westflügel sind sehr bequem. Natürlich werden Sie in unserem Hause auch auf das Beste verpflegt.“
„Ich kann doch nicht…“
„Nicht doch, Miss Henderson! Ich bin ja heilfroh, dass ich so rasch ein Spezialistin bekommen habe, da lasse ich Sie doch nicht auf der Straße sitzen.“ Er zwinkerte.
Lorraine seufzte. „Also gut, wenn es keine Umstände macht, Mylord.“
„Wir sind bestens auf Sie vorbereitet, Miss Henderson.“
Insgeheim freute sie sich wahnsinnig. Es würde ihr ein Genuss sein, weitere Teile des alten Schlosses zu erkunden. Wer würde sich nicht darüber freuen, wie eine Prinzessin in einem der edlen Gästebetten zu nächtigen und von vergangenem Glanz zu träumen?
Als der Tee ausgetrunken war, erhob sich Lord Chainwick. „Möchten Sie sich zunächst einrichten? Ansonsten würde ich Ihnen nun gern das Gemälde zeigen.
Lorraines Augen leuchteten. „Oh ja bitte! Ich brenne darauf, es zu sehen!“ Lord Chainwick war von so ausgesucht höflicher Freundlichkeit, dass sie bald vergaß, an jeden Satz ein „Mylord“ anzuhängen, wie Mr. Ramsay, ihr Vorgesetzter, es ihr eingeschärft hatte. Doch seine Lordschaft schien sich daran nicht zu stören. Es war offensichtlich, dass er ein Kunstliebhaber war und mit kindlicher Spannung der Lösung des Rätsels entgegen sah.

Lorraine betrat einen niedrigen Kellerraum mit einer halbrunden Decke aus Ziegeln. In der Mitte des ansonsten leeren Raumes stand ein klobiger Holztisch. Auf diesem befand sich, gegen ein metallenes Gestell gelehnt, ein in Tuch geschlagener, flacher Gegenstand. Es musste das Bild sein. Lorraine stolperte in den Raum. Sie hatte die Stufe nicht bemerkt, weil ihr Blick auf jenen Gegenstand geheftet war. „Vorsicht“, rief der Bedienstete erschrocken, der sie und Lord Chainwick mit einer Lampe begleitet hatte. „Alles okay“, sagte Lorraine.
Lord Chainwick trat auf den Tisch zu und lüftete mit feierlicher Geste das Tuch. „Ich darf vorstellen, Miss Henderson: die Unbekannte von Straitcairn Castle.“
Lorraine trat wortlos näher. Das Bild zeigte eine Frau. Sie saß am Ufer eines Sees, um sie herum war dunkler Wald. Sie trug ein graues Gewand, dessen Säume beschmutzt waren. Ihr helles Haar trug sie offen, in ihrer sitzenden Position reichte es bis zum Boden. Das Bild war in überwiegend dunklen Farben gemalt, nur das Haar war hell, sowie ein Licht auf dem Wasser, womöglich sollte es eine Spiegelung des Mondes sein. Das Gesicht der Frau richtete sich auf das Licht im Wasser. Beinah glaubte Lorraine, ein weiteres Abbild des Mondes in ihren Augen aufblitzen zu sehen.
„Es ist… wundervoll“, sagte Lorraine mit einem Seufzer.
„Ja, das finde ich auch“, flüsterte Lord Chainwick, als würde lautes Sprechen die Andacht stören.
Beide blieben noch einen Augenblick in die Betrachtung des Kunstwerkes versunken. Schließlich durchbrach Lorraine erneut die Stille: „Es ist wirklich außergewöhnlich. Allein das Alter zu bestimmen wird eine Herausforderung sein.“ Wieder Stille. „Sie erlauben doch, dass ich Proben entnehme und an unser Labor in Edinburgh schicke?“
„Natürlich“, sagte Lord Chainwick, ohne den Blick von dem Gemälde abzuwenden, „der andere Sachverständige erläuterte mir bereits, dass es notwendig werden könnte.“ Er wandte sich ihr nun doch zu. „Ich vertraue darauf, dass Sie jede Beschädigung vermeiden.“
„Es sind nur winzige Proben, gerade genug für das Mikroskop“, erklärte Lorraine.
Einige Minuten blieben die Personen noch in den Anblick der Frau am See vertieft. Schließlich sah Lord Chainwick auf seine Taschenuhr und räusperte sich.
„Ich kann leider nicht länger bleiben. Ich habe eine Verabredung mit einem Pächter.“ Er wies auf seinen Bediensteten. „Findlay wird sie wieder hinaufbegleiten. Oder, wenn Sie möchten, können Sie auch später noch einmal hinunterkommen.“
„Ich begleite Sie, Mylord. Ich werde einige Dinge aus meinem Gepäck brauchen, um mit der Arbeit zu beginnen.“
Sie hatte schließlich mit Findlays tatkräftiger Hilfe das Gepäck auf ihr Zimmer gebracht und mit ihm verabredet, dass sie in einer halben Stunde wieder in das Kellergewölbe steigen würden. Sie warf sich auf das große Himmelbett und versank in einer Flut aus Federkissen. Ein kleiner Jauchzer entkam ihr. Das Gästezimmer war traumhaft eingerichtet und hatte große Fenster mit Blick auf den Park. Sie fühlte sich wirklich wie eine Prinzessin.

*


Lorraine lehnte sich zurück und rieb ihre Augen. Sie starrte bereits zu lange in das Mikroskop. Sie griff zu der Teekanne, die, auf einem Stövchen warmgehalten, auf einem zierlichen Tischchen stand, den man extra für sie hier unten aufgestellt hatte. Sie genoss das heiße Getränk und gönnte sich auch ein wenig Gebäck. Sie wurde wirklich bestens versorgt auf Straitcairn Castle, daran gab es nichts zu rütteln. Doch das Bild bereitete ihr Kopfzerbrechen. Seit drei Wochen untersuchte sie das gute Stück im Gewölbekeller. Doch viele Dinge wollten einfach nicht zusammenpassen.
Unbestritten war, dass es sich um eine mit klassischer Eitempera aufgetragene Tafelmalerei auf Holz handelte. Die Untersuchungen hatten nicht ergeben, dass Öle zugefügt worden waren. Pigmente wie Zinnober, Safran und Folium waren verwendet worden. Die Materialien waren an sich nichts Ungewöhnliches. Es gab wasserverdünnte Zusammensetzungen bereits seit der Antike, doch in dieser Konstellation deutete alles auf ein Werk des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts hin. Die Tafel war ein recht dick geschnittenes und wenig sorgsam bearbeitetes Stück Kernholz aus Waldkiefer – einem Holz, das es seit Jahrhunderten in Fülle an diesem Landstrich gab. Es war also gut möglich, dass der Künstler tatsächlich von hier stammte oder sogar auf Straitcairn gewohnt hatte. Zumindest war das Schloss als Entstehungsort wahrscheinlich.
Ungewöhnlich war dagegen, dass das Bild bislang offenbar noch keinerlei Übermalungen oder Restaurierungen erfahren hatte. Es war schlichtweg unmöglich, dass das Gemälde die große Zeitspanne in diesem guten Zustand hätte überdauern können ohne, dass gelegentlich nachgeholfen und ausgebessert wurde. Die Analyse der Farbschicht hatte ein zur Epoche passendes Ergebnis geliefert, doch Craquelure und Gesamtzustand wollten einfach nicht zu dem Eindruck passen, ein siebenhundertjähriges Artefakt in Händen zu halten.
Doch die größten Zweifel an der Datierung kamen Lorraine bei der Betrachtung des Motivs. Es war ein schon deswegen auffallend, weil es sich nicht um eine religiöse Darstellung handelte. Ihr war auch keine Metapher bekannt, die auf irgendeine biblische Auslegung hinweisen konnte, die hierzu passte. Ebenso war es kein Porträt im eigentlichen Sinne. Der Stil war weder erkennbar romanisch noch gotisch, die Linienführung und Bildaufteilung und –ausnutzung ganz und gar untypisch. Sie erkannte keine zur Zeit passende Symbolik, keine ikonische Interpretation, nichts. Nein, es musste eine Fälschung sein. Oder womöglich ein neueres Original, welches vom Künstler mit unzeitgenössischem Material gefertigt wurde. In jedem Fall war die Täuschung auf handwerklicher Ebene nahezu perfekt.
Lorraine war mit ihrem Latein am Ende. Optische und chemische Analyse von Farbe und Malgrund, Bestrahlung des Bildes, die spektroskopische Bestimmung des Holzes – alles deutete darauf hin, dass dieses Gemälde wirklich aus dem Mittelalter stammte.

„Straitcairn Castle ist eines der wenigen Schlösser, die nicht dem National Trust of Scotland angehören. Dieses Bild wird uns die Aufmerksamkeit verschaffen, die wir brauchen“, hatte Lord Chainwick begeistert ausgerufen, als Lorraine ihm eine erste Einschätzung gegeben hatte.
„Bedenken Sie bitte, dass meine Einschätzung keinesfalls gesichert ist! Es sprechen etliche Faktoren für ein abweichendes Ergebnis“, hatte Lorraine schnell erwidert.
Dies hatte ihn jedoch kaum angefochten. „Ich bin zuversichtlich, dass – wie alt es auch immer sein mag – dieses Bild zu einer Sensation werden wird.“
„Ich bitte Sie nur, noch keine Pressemitteilungen herauszugeben, bis ich ein präsentables Ergebnis habe“, hatte Lorraine bang gefordert.
„Keine Sorge, Miss Henderson. Ich überlasse das Terminliche ganz Ihrem fähigen Kopf.“

Lorraine machte es sich in ihrem Stuhl bequem, zog sich ihr warmes Umschlagtuch enger um die Schultern und betrachtete, die Teetasse in der Hand, das Bild. Sie hatte die Frau am See nun schon so lange angestarrt, dass sie das Gefühl hatte, vertraut mit ihr zu werden. Sie sah traurig aus. Traurig und einsam. Lorraine legte den Kopf schief. Der Glanz des Mondes auf dem Wasser war hervorragend eingefangen worden. Im Augenwinkel hatte sie oftmals den Eindruck, es sei lebendig. Das Haar der Frau übte eine hypnotische Wirkung auf sie aus. Es war so detailreich schattiert, man kam leicht zu der Überzeugung, dass es bei jedem Betrachten etwas anders lag. Lorraine schloss lächelnd die Augen. „Diese Frau macht mich verrückt“, murmelte sie. Sie leerte die Tasse und stellte sie zur Seite. Sie stützte ihren Kopf, die Ellbogen auf die Knie gestellt, in ihre Hände und betrachtete wieder das Bild. Es war so düster. Beklemmend. Und doch von ausgesucht romantischer Schönheit. „Wer könnte leugnen, dass ein See im Mondschein etwas Verträumtes hat?“ Glücklicherweise war niemand hier, der ihre Selbstgespräche hören konnte. Romantik, ja. Die Komposition erinnerte mehr an viktorianischen Ästhetizismus, denn an gotische Religiösität. Doch konnte es sich nicht um ein Produkt schlichten Studiums der Schönheit handeln, dafür strahlte es zu viel Kummer aus. Die Frau am See blieb ein Rätsel.
„Was ist deine Geschichte?“, fragte Lorraine frustriert. Die Frau am See schlug die Augen nieder, öffnete sie jedoch sogleich wieder. „Was…?“ Lorraine schüttelte den Kopf. Ihre übermüdeten Sinne, hatten ihr einen Streich gespielt.

Maud blickte auf das nachtschwarze Wasser. Das Abbild des Mondes schwamm wie ein silberner Teller darauf. Es fiel ihr für gewöhnlich nicht schwer, unbeweglich dazusitzen. Dies war in all den Jahren immer wieder nötig gewesen. Sie hatte sich geschworen, unsichtbar zu bleiben. Doch diese Frau war anders. Sie starrte ihr Bildnis an, als wäre darin das Rätsel des Seins entschlüsselt. Wie gern hätte Maud sich mit ihr unterhalten! Doch sie durfte nicht. Stattdessen lauschte sie der Stimme dieser Frau. Sie sprach oft in die Stille hinein. Maud mochte die Stimme, wenngleich ihr viele der Wörter fremd vorkamen. Sie hatte im Laufe der Jahre viele Menschen sprechen gehört. Doch das Inglis, das sie kannte, sprach schon seit Jahrhunderten niemand mehr. Natürlich war Wandel ihr nicht fremd, doch die Veränderung der Sprache empfand sie als besonders trennend. Ja, getrennt war sie, abgerissen von der Welt, gefangen in der Zeitlosigkeit der Malerei, die sie für die Ewigkeit bannte.
Die Frau dort draußen hatte das Bild wieder aufrecht hingestellt und blickte es an. Maud fühlte, wie die fremden Augen jede Einzelheit ihrer Erscheinung erfassten. „Wer könnte leugnen, dass ein See im Mondschein etwas Verträumtes hat?“, erklang die fremde Stimme, die ihr schon beinah vertraut geworden war. Verträumt? Was meinte sie damit? Gefiel ihr der Mondschein? Maud selbst hatte ihn gründlich satt. Aber bestimmt gefiel ihr was sie sah. Sie würde nicht so ausdauernd hinsehen, wenn es nicht so wäre. Ob die Frau sie überhaupt verstehen würde, wenn Maud sie anspräche?
Wieder öffnete die Frau draußen ihren Mund: „Was ist deine Geschichte?“ Maud war, als erklänge eine Glocke in ihrem Innern. Sollte sie es wagen? Alles in ihr krümmte sich bei der Vorstellung, doch sie konnte nicht länger unbeweglich dasitzen. Unwillkürlich schloss sie die Augen, riss sie jedoch sogleich wieder auf, erschrocken über die eigene Selbstvergessenheit.
Die Frau war von ihrem Stuhl aufgesprungen. Hatte sie etwas bemerkt? Sie kam näher. Maud saß unbeweglich. Die Frau schüttelte ihren Kopf, traute offenbar ihren Sinnen nicht.
Seit so langer Zeit hatte Maud keinen einzigen Satz mehr gesprochen. Als sie die Worte aussprach fühlten sie sich kalt und fremd an, doch sie fühlte auch unbehagliche Erwartung.
„A'm Maud. Wha urr ye?“

*


Lorraine versuchte sich an ihren Großvater zu erinnern. Sie saß beim Frühstück und dachte angestrengt an die wenige Zeit, die sie mit ihm erlebt hatte. Als Kind hatte sie oft ihre Ferien in dem kleinen Ort in der Nähe von Montrose verbracht. Großmutter hatte all ihre Lieblingsspeisen gekocht und Großvater war mit ihr an den Ufern des South Esk umhergestreift. Er hatte ihr die schönsten Geschichten erzählt. Ihre Gedanken schweiften ab.
Lächelnd bestrich sie ihren Toast mit Marmelade. Warum hatte sie sich an ihn erinnert? Ach natürlich. Sie hatte von ihm geträumt. „Mah lassie“, hatte er sie immer genannt. Wieder lächelte sie. Es war ein so schlichter Kosename, doch ihr Vater, der aus Stornoway stammte und kein Scots sprach, nannte sie natürlich nie so. Scots! „Natürlich“, murmelte sie.
Sie war am Abend zuvor beinahe fluchtartig aus dem Keller gelaufen. Nachdem sie geglaubt hatte, das Bild habe zu ihr gesprochen, war sie hastig aus dem Zimmer gestürzt. Es wurde ihr langsam selbst unheimlich, wie sehr sie diesen Hirngespinsten zugänglich war. Doch die Laute, die sie nicht verstanden hatte, sie hatten tatsächlich etwas Ähnlichkeit mit der Art, wie ihr Großvater mit ihr gesprochen hatte. Der Klang war ihr fremd, aber nicht exotisch vorgekommen. Im Nachhinein stellte sie fest, dass sie diesen Klang auch bei Lord Chainwick bemerkt hatte. Dieser war stets bemüht, sich in hochgestochenem Englisch verständlich zu machen, doch hörte man deutlich, dass dies nicht seine übliche Zunge war. Die Gegend war bekanntermaßen noch von etlichen Muttersprachlern bewohnt. Sollte die Frau vielleicht eine mittelalterliche, angelsächsisch gefärbte Variante des ihr bekannten Dialektes gesprochen haben?
„Mach dich nicht lächerlich, Lorraine, sie hat nicht gesprochen!“, schalt sie sich. Aber dachte sie sich so etwas aus? War das wirklich ein Produkt ihrer überanstrengten Sinne? „A’m Maud…“, murmelte sie. War das ein Name?

„Aber natürlich dürfen Sie unsere Bibliothek benutzen“, sagte Lord Chainwick erfreut, „ich zeige Ihnen, wo die Dokumente lagern, die sie benötigen. Es sind einige interessante Schriften dabei.“ Lorraine schmunzelte. Der Earl war Feuer und Flamme, sobald sich jemand für die Geschichte des Hauses Straiton interessierte. Sein ganzer Stolz war der Erhalt und die Pflege seines historischen Erbes.
„Danke, Mylord“, sagte Lorraine. „Ich möchte herausfinden, ob das Bild mit dem Castle oder der Familie Straiton im Zusammenhang stehen könnte. Vielleicht kann ich dann erkennen, wie alt das Gemälde ist oder zumindest, wer oder was dargestellt wird.“
Lord Chainwick nickte. „Ich hoffe natürlich, dass es wirklich mit unserem Haus in Verbindung steht. Natürlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, wenn Sie Hilfe benötigen. Ich kenne mich in der Familiengeschichte und der Geschichte von Straitcairn sehr gut aus.“
Lorraine lächelte. „Das glaube ich gern.“
Nachdem Lord Chainwick sie mit einem Verzeichnis aller Themen und Werke der Bibliothek allein gelassen hatte, warf sie ihre Tasche auf einen der Lesesessel und ließ sich selbst in einen weiteren plumpsen. Sie blies eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich frech hierher verirrt hatte. Sie fühlte sich abgekämpft. Den ganzen Vormittag über hatte sie überlegt, ob es möglich war, dass sie sich all das einbildete. Waren ihre Tagträume wirklich so konkret? Der Klang der Worte hallte noch immer in ihren Ohren wider: „A’m Maud.“ Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie die Bedeutung hineininterpretierte, weil es ihr mit jedem Male immer schlüssiger vorkam oder ob ihre Erinnerung sie trog. Sicher war nur, dass sie langsam verrückt wurde. Doch sie hatte keine Idee mehr, wie sie hier ihre Arbeit machen sollte – sie hatte jeden Quadratzoll an dem Gemälde begutachtet. Da konnte sie genauso gut in den Annalen der Straitons nach einer gewissen Maud suchen. Entschlossen stemmte sie sich aus dem Sessel hoch. Sie würde im Jahr 1200 beginnen.

Drei Stunden später brütete Lorraine noch immer über Stammbäumen, Chroniken und Heiratsurkunden. ‚Maud‘ war offenbar kein Name, der traditionell in der Familie vergeben worden war. Und doch hatte sie Maud gefunden. Es war ein unbestimmtes Gefühl, natürlich konnte sie es nicht wissen, aber sie ging die Jahre bis 1400 weiter durch um sicher zu sein. Das Gefühl trog sie nicht. ‚Ihre‘ Maud war die einzige dieses Namens in den Jahren, die für die zeitliche Einordnung des Gemäldes infrage kamen. Aufgeregt zog Lorraine weitere Aufzeichnungen hervor.
1307 heiratete Lord Robert Straiton, Earl of Chainwick, Maud Gordon, die allem Anschein nach die Tochter eines seiner adligen Freunde gewesen war. Lady Maud Straiton, Countess of Chainwick, gebar ihrem Gatten im Jahr 1308 einen Erben, Lord Kenneth Straiton, Vicount Chainsore. Leider fand Lorraine keine weiteren Aufzeichnungen. Offenbar waren keine weiteren Kinder aus der Ehe hervorgegangen. Eine Sache gab es aber doch, die seltsam war: Kenneth wurde nicht als nächster Earl of Chainwick aufgeführt. Der Titel ging nach Roberts Tod an dessen jüngeren Bruder. Doch der Tod des Sohnes war nicht vermerkt. Lorraine wusste genau, dass das nichts heißen musste. Derartig alte Aufzeichnungen konnten immer fehler- oder lückenhaft sein. Womöglich war Kenneth im Zweiten Unabhängigkeitskrieg gefallen oder verschollen. Sie würde Lord Chainwick fragen, er hatte es oft genug angeboten. Schon legte sie sich zurecht, was sie sagen wollte. Schließlich hatte sie nicht vor, zuzugeben, dass sie den Namen 'Maud' aus dem Munde des Portraits gehört haben wollte. Vielleicht sollte sie ihre Fragen zunächst ganz allgemein halten und je nach Bedarf konkreter werden? Sie durfte jedenfalls nicht riskieren, ihre Seriösität aufs Spiel zu setzen.

„Oh, es gibt etliche Legenden, die sich um das Schloss ranken“, erzählte Lord Chainwick ihr bei einer Tasse Tee.
„Welche davon sind um 1300 verortet?“, fragte Lorraine. „Gibt es Geschichten aus dieser Zeit?“
„Nun“, begann Lord Chainwick, „allzu genau kann man die Entstehung aller Geschichten nicht datieren. Die meisten sind Mythen und Spukgeschichten. Die verändern sich mit den Jahren sehr stark, weil die Leute sie immer wieder anders erzählen.“
Lorraine nickte.
„Aber ich kann Ihnen zumindest jene erzählen, deren Ursprung wir heute bis ins Mittelalter verfolgen können.“
„Ich bin gespannt“, sagte Lorraine, „hoffentlich erfahre ich nicht, dass ein Gespenst unter meinem Bett herumspukt.“ Sie gluckste.
Lord Chainwick lachte. „Nein, Ihr Gästezimmer hat eine gänzlich unblutige Geschichte vorzuweisen. Mit dem Bau des Westflügels hat man aber auch erst im achtzehnten Jahrhundert begonnen.“ Er grinste. „Seitdem haben sich weder aufständische Jakobiter noch französische Revolutionäre hierher verirrt, genauso wenig wie die bösen Buben der darauffolgenden Jahrhunderte. Ich kann allerdings nicht ausschließen, dass darin einmal ein auf der Suche nach der Nordostpassage gescheiterter, skorbutkranker Kapitän, friedlich entschlafen ist.“ Sein Ausdruck war jetzt wirklich nur noch verschmitzt zu nennen.
Lorraine kicherte. „Sehr anschaulich, Mylord, vielen Dank.“
„Aber zurück zum Mittelalter. Es gibt natürlich viele Mythen über Naturgeister. Beispielsweise soll in der Eiche vor dem Haupttor eine sgàile, eine Art Schattengeist, gelebt haben, weil ein Druide dort einmal Misteln in einer Vollmondnacht geschnitten hatte.“
„Ist der Baum denn so alt?“, hakte Lorraine nach.
„Nein, aber es stand bereits früher ein Eichenbaum dort. Wenn Sie so wollen, ist die heutige Eiche nicht von einem Geist beseelt.“
Wieder musste Lorraine schmunzeln. Sie hatte zunächst geglaubt, es sei eine gewichtige Angelegenheit, sich mit Lord Chainwick, der sich ja mit viel Herzblut dem Erhalt der Geschichte des Schlosses widmete, über solche Legenden zu unterhalten. Aber offenbar nahm er die Mythologie nicht allzu ernst.
„Außerdem gibt es natürlich an den Küsten des Moray Firth jede Menge Berichte über Meereswesen. So mancher unglücklich Verschollene wurde natürlich in den Augen der Leute durch den Kelpie oder Each Uisge, das Wasserpferd, geholt. Aber diese Geschichten tauchen ja an so ziemlich jedem Loch in Schottland auf. Es gab noch eine interessante Geschichte über einen Mormaer, der eine Gestaltwandlerin zur Frau nahm.“
„Etwa den Mormaer of Chainwick?“
„Ja, ebenjenen. Eine ähnliche Legende kursiert aber auch über den Mormaer of Moray. Welcher es nun wirklich war – wir werden es nie wissen.“
„Ganz zu schweigen davon, ob sich die Begebenheit wirklich so zugetragen hat.“
„Exakt. Jedenfalls erzählte man sich, dass eines dunklen Herbsttages eine Dame ans Schlosstor geklopft hatte. Sie war nass und durchgefroren, aber von überirdischer Schönheit. Der Mormaer verliebte sich sogleich in sie und natürlich heirateten sie. Man erzählt sich allerdings, dass die geheimnisvolle Frau ihm keine Kinder schenkte und ihre Sehnsucht zur See irgendwann übermächtig wurde. Sie lief zum Strand hinunter und rief den Wind an, welcher ihr Kleid zerfetzte. Darunter trug sie nur seidig glänzendes Fell. Sie sprang ins Meer und verschwand in Gestalt einer Robbe.“
„Eine Selkie“, rief Lorraine.
„Genau“, bestätigte Lord Chainwick vergnügt. „Eine weitere Geschichte aus dem Mittelalter ist die von der Lady im Turm.“ Mit Genugtuung erkannte er die Neugierde auf Lorraines Gesicht. „Es soll eine Dame im Auld Keep gewohnt haben, die eine Hexe war. Sie war die Tochter des Schlossherrn und man erzählte sich, sie würde im Wald die Geister anbeten. Nicht, dass die Leute ihrer Zeit nicht selbst dran geglaubt hätten, doch, dass eine Hexe und Geisterbeschwörerin ganz und gar unchristlich war, darüber sind sich die Überlieferungen einig.“
Lorraine lächelte amüsiert und er erwiderte es.
„Jedenfalls sah man jeden Abend das Licht im Turmzimmer brennen. Offenbar war es auch zu dieser Zeit unüblich, dass jemand den Auld Keep bewohnt.“
„Ist das der große Turm im Zentrum der Burg?“
„Nein, das ist der Freish Keep. Der wurde erst später gebaut, als das Schloss erweitert wurde. Der Auld Keep ist der breite Turm an der Ostseite. Dieser Teil war früher war er einmal das Herzstück der Burg. Sie haben den Turm bestimmt bemerkt, seine Spitze ist zerfallen.“
„Ah ja, der ist auffällig“, sagte Lorraine. „Und diese Lady… hat sie im Turm die Geister angerufen?“
„Möglicherweise. Man erzählt sich allerdings, dass sie für ihre Beschwörungen in den Wald gewandert ist und manchmal tagelang nicht zurückkehrte.“
„Dunkler Wald…“, murmelte Lorraine. „Gibt es einen See in der Nähe?“
„Allerdings, Loch Dorcha.“ Lord Chainwick sah sie erwartungsvoll an. „Denken Sie da besteht ein Zusammenhang mit unserem Gemälde?“
Lorraine zuckte mit den Schultern. „Das Bild zeigt einen Wald und einen See. Mehr weiß ich auch nicht.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Aber Landschaftsmalerei war im 14. Jahrhundert wirklich unüblich.“
Lord Chainwick nickte. „Die Spur ist auch sehr vage.“
„Was ist mit der Lady im Turm weiter passiert?“, wollte Lorraine wissen.
„Sie verschwand.“
„Einfach so?“
„Nein, dann wäre sie wohl kaum in Erinnerung geblieben. Ein Knecht des Earls soll am Abend vor Samhain einen Streit zwischen Vater und Tochter beobachtet haben. Danach habe man die Lady, noch bevor die Sonne ganz unterging und mit nichts bekleidet als einem scharlachroten Tuch, durch das Haupttor rauschen sehen. Es wird überliefert, dass die Nacht ganz plötzlich hereingebrochen sei, so finster, wie sie sonst nur bei Neumond ist. Deswegen habe man auch das Licht im Turm gesehen, genauso wie das Licht im Wald.“
„Im Wald war ein Licht?“
Lord Chainwick nickte. „Ein rotes Licht glühte im Wald, es stieg hoch auf, bis über die Baumwipfel, bis in die Wolken. Der Earl soll zu seiner Frau gesagt haben: „Niemals werde ich die Hand meiner Tochter in die Hand eines Hexers geben.“ Und als seine Worte verebbten, sank das rote Licht herab und prallte auf das Dach des erleuchteten Turms. Der Auld Keep ging in Flammen auf und wurde bis heute nie wieder völlig instandgesetzt.“
„Wow“, raunte Lorraine. „Sie wollte also einen unchristlichen Kerl heiraten, der das gleiche komische Hobby hatte, wie sie selbst?“
Lord Chainwick lachte. „So könnte man es sagen, ja.“
Lorraine schoss der Gedanke durch den Kopf, dass er der geborene Märchenonkel war. Oh je, das sollte sie nicht denken. Ertappt schob sie den Gedanken wieder beiseite. „Diese Geschichten könnte ich stundenlang hören. Es fasziniert mich, wie die Menschen diesen Ort betrachtet haben.“
Lord Chainwick warf ihr einen dankbaren Blick zu. „Es gibt noch mehr. Da unser geheimnisvoller Kunstschatz eine Dame zeigt sollten wir vielleicht einen Blick auf die Personen werfen, die das Schloss tatsächlich bewohnten. Sie haben die Chroniken durchgesehen – haben Sie etwas Interessantes gefunden?“
Lorraine unterdrückte eine aufkeimende Unruhe. „Nein, nicht direkt.“ Sie zögerte. „Mir ist lediglich ein Name aufgefallen… Kenneth.“
Ihr Gegenüber überlegte kurz, schien jedoch zu keinem Ergebnis zu kommen „Warum ist er Ihnen aufgefallen?“
„Er ist der erste Straiton, der im 14. Jahrhundert geboren wurde. Die Aufzeichnungen der 1300er Jahre sind bemerkenswert genau für ihr Alter. Allerdings…“ Sie sah kurz auf ihre Hände in ihrem Schoß, „fehlt von diesem Kenneth der weitere Verlauf. Er wurde geboren und taucht dann nicht mehr auf.“
Lord Chainwick nickte gedankenverloren. „Ja, es kommt immer einmal vor, dass sich Lücken nicht schließen lassen. Dieser Name ist mir jedoch nicht in besonderer Erinnerung, tut mir leid.“
Lorraine lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Vermutlich hatte sie sich nur eingebildet, dass irgendeines der Wort in ihrem Gedächtnis wie ‚Maud‘ klang.

*


Lorraine konnte sich nicht dazu durchringen, wieder in das Kellergewölbe zu steigen. Was sollte sie tun, wenn sie das Bild wieder sprechen hörte? Sie konnte es niemandem sagen. Man würde sie bestenfalls auslachen und schlimmstenfalls einweisen. Stattdessen suchte sie in der Bibliothek weiter nach Kenneth. Ihr war klar, dass nichts, was sie über diesen Jungen herausfinden würde, ihr wirklich dabei helfen konnte, das Gemälde zu datieren. Doch die Arbeit beruhigte sie. Sterbeurkunden, Listen mit Kriegsverschollenen, Berichte über Kranke oder Kindstode – nichts war dabei, das auch nur annähernd gepasst hätte. Sie seufzte. Vielleicht sollte sie sich geschlagen geben und auf eine zeitliche Einordnung verzichten. Doch es kam ihr wie eine bevorstehende Niederlage vor. Sie hatte noch nicht alles versucht. Sie musste sich ihren Hirngespinsten stellen.
Sie hatte Findlay gebeten, sie allein zu lassen und nachdem er alle Lichter im Gewölbe eingeschaltet hatte, war er wieder nach oben verschwunden. Unentschlossen starrte sie das verhüllte Bild auf dem Tisch an. „Es hilft ja nichts“, rief sie schließlich aus und entfernte vorsichtig das Tuch. Dann trat sie einen Schritt zurück. Nichts rührte sich. Wie immer saß die Frau am Ufer des Sees und starrte auf die Spiegelung des Mondes auf dem Wasser. Lorraine hatte unwillkürlich den Atem angehalten und stieß die Luft nun erleichtert aus. „Ich bin doch nicht verrückt“, stellte sie fest, „ob du nun Maud bist oder nicht – es hilft mir sowieso nicht wirklich weiter.“ Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und schmunzelte über sich selbst.

Maud hatte bemerkt, dass die Frau wieder da war. Sie hörte ihre Stimme, gedämpft durch das Tuch. Gespannt wartete sie ab, doch das Tuch wurde nicht aufgehoben. Maud überlegte, was zu tun sei. Bei ihrer letzten Begegnung war die Frau geflüchtet. War es vielleicht besser, wenn sie einfach wieder erstarrte und sich nichts anmerken ließ? Ihre Erfahrung mit Menschen sagte ihr, dass es vernünftiger war. Doch diese Frau hatte etwas an sich… Sie war anders als andere Menschen, Maud fühlte es. Sie würde verstehen.
Das Tuch wurde weggenommen und Maud blieb stocksteif sitzen. „Ich bin doch nicht verrückt“, sagte die Frau. Maud rief sich die Bedeutung der Worte ins Gedächtnis und unterdrückte ein Schmunzeln. Jeder, mit dem sie bisher gesprochen hatte, dachte, er sei verrückt geworden. Die Frau sprach noch weitere Worte, die Maud nicht verstand, doch halt! War da nicht ihr Name gefallen? Sie konnte einfach nicht anders. Langsam hob sie den Kopf und blickte die Frau da draußen offen an.
Die Frau bekam große Augen. Sie schluckte. Dann stand sie von ihrem Stuhl auf und kam langsam näher, die Augen unbeirrbar auf Maud gerichtet. Nur noch eine Armlänge trennte ihr Gesicht von dem Bild. „Maud?“, sagte sie, ihre Stimme war eine einzige, bange Frage.
Maud lächelte sie an und nickte. „A’m Maud“, bestätigte sie. Die Frau starrte sie weiter an, ungläubig und gespannt. Maud wollte so gern ihren Namen wissen, sie wollte alles über diese Frau erfahren und sie sah in ihren Augen, dass es ihr genauso ging. „Wha urr ye?“, fragte sie wieder. Dann besann sie sich und versuchte die Worte denen ihres Gegenübers anzupassen. Holprig und stockend brachte sie heraus: „Wer bist du?“

Dieses Mal war Lorraine sich sicher, dass sie sich das nicht einbildete. Die Frau am See hieß Maud und sie sprach mit ihr. Sie sprach mit ihr, ja, sie bewegte sich sogar! Aber Lorraine verspürte keine Angst, nur unbändige Neugierde.
„Wer bist du?“, fragte Maud. Die Worte klangen ungelenk, als habe sie verlernt zu sprechen. Doch es machte nichts, Lorraine hatte sie bereits beim ersten Mal verstanden. „A’m Lorraine“, sagte sie und wies auf ihre Brust.
Maud strahlte und wiederholte: „Lorraine.“ Es hörte sich wunderschön an, wie sie es sagte, mit melodischer Stimme und einem kraftvoll gerollen R. „Schön, dass du hier bist, Lorraine.“
Lorraine versuchte, Atem zu schöpfen, denn in der Aufregung hatte sie es ganz vergessen. „Du verstehst meine Sprache!“
Maud nickte. „Ich bin sie nicht gewöhnt, aber ich habe sie oft genug reden hören.“ Mit jedem Wort, dass sie sprach schien es, dass es ihr leichter fiel.
„Das ist fabelhaft!“, rief Lorraine entzückt aus und am liebsten hätte sie die Frau am See sofort mit allerlei Fragen bestürmt. Doch die wichtigste zuerst: „Wie kommt es, dass du lebendig bist?“
Maud hatte diese Frage erwartet. Dies war immer das Erste, was die Menschen von ihr wissen wollten. Doch noch keinem hatte sie diese Frage sofort beantwortet. „Ein Jeder, der noch nicht gestorben ist, ist lebendig, nicht wahr?“ Sie bemerkte, wie ihr Gegenüber die Stirn runzelte. „Die Meisten zumindest“, fügte sie leiser hinzu und senkte die Augenlider.
Lorraine war verwirrt. Wusste Maud nicht, dass sie ungewöhnlich war? Oder wollte sie es nicht sagen? Etwas an ihrer rätselhaften Aussage stimmte sie nachdenklich. Doch sie wollte Maud nicht verärgern und riskieren, dass sie wieder in Schweigen verfiel. Deshalb stellte sie zunächst die Frage, die sie beinahe genauso dringend beantwortet haben wollte: „Wie alt bist du?“
„Dreiunddreißig Jahre“, sagte Maud. „So alt war ich, als mein Leben endete.“ Sie sagte dies mit einer bitteren Niedergeschlagenheit, die Steine erweicht hätte.
Was meinte sie damit? Hatte sie nicht gerade noch gesagt, sie sei lebendig, weil sie nicht gestorben war? Lorraine versuchte, den Sinn der Worte zu erfassen, doch es gelang ihr nicht.
Maud ermahnte sich selbst, nicht in Rätseln zu sprechen, doch nach der langen Zeit, die sie in Schweigsamkeit verbracht hatte, brachen die Worte ungeprüft aus ihr heraus. „Verzeih“, sagte sie deshalb, „ich weiß, was du wissen willst.“ Sie schmunzelte, als Lorraines Gesicht sich aufhellte. „Mein Bildnis ist im Jahre 1319 entstanden.“
Lorraine stand der Mund offen. Es stimmte also doch. Das Gemälde war über siebenhundert Jahre alt! Sie schüttelte den Kopf um ihre Gedanken zu ordnen. Passierte das alles wirklich? Sie sank zurück auf ihren Stuhl und schloss die Augen. Wenn es stimmte, dann konnte Maud wirklich die Countess Chainwick sein. Aber die Kleidung… keine Adlige hätte sich in so schäbigem Gewand sehen geschweige denn malen lassen. „Stop!“, befahl Lorraine ihrem Karussell fahrenden Hirn. Zweifel über ihren eigenen Geisteszustand beschlichen sie wieder. „Wenn ein Gegenstand zu dir spricht, dann ist deine Reaktion darauf eine Fragerunde?!“, hörte sie ihre Gedanken. Sie traute sich nicht, die Augen wieder zu öffnen. Was, wenn Maud sie noch immer ansah? Oder schlimmer: was, wenn Maud wieder so still dasaß wie vorher?
Schließlich öffnete sie doch die Augen. Sie wollte noch etwas wissen, sie musste einfach fragen. „Bist du… Kennst du eine Person namens Kenneth?“
Etwas glitzerte in Mauds Augen. War es das Mondlicht oder gar eine Träne? Sie wandte den Blick nicht von der Oberfläche des Sees, als sie sprach: „Ich kannte Kenneth. Aber ich nannte ihn Cináed.“
„Was ist mit Cináed passiert?“, fragte Lorraine behutsam.
Da wandte Maud sich ab. Das lange Haar verdeckte ihr Gesicht. Es sah nicht so aus, als wolle sie noch länger mit Lorraine sprechen.
Letztere wusste nicht, was zu tun war. Sollte sie weiter nachfragen oder lieber schweigen? Es machte ganz den Eindruck, als sei ihr Cináed lieb und teuer gewesen. Wenn er wirklich ihr Sohn gewesen war, dann wunderte das kaum. Doch etwas musste geschehen sein, etwas das sie nach über siebenhundert Jahren noch aufwühlte. Als sich nach mehreren Minuten nichts auf dem Bild verändert hatte, beschloss Lorraine, eine Pause zu machen. „Ich werde hinaufgehen und Mrs. Ross um einen Tee bitten. Dann kann ich auch gleich darüber nachdenken, ob ich nicht doch verrückt bin. Vielleicht hat sie ja noch ein Stück von dem Apfelkuchen übrig“, dachte sie und schlich hinaus.

Warum musste sie Cináed erwähnen? Maud war zunächst getroffen, dann erzürnt und schließlich ernüchtert. Die Frau von draußen wusste ja nichts über ihn. Nachdenklich strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Es tat gut, diese natürliche Geste ausführen zu dürfen. Gerade mit diesem Aufruhr in ihrem Inneren wäre es ihr schwer gefallen, still dazusitzen. Natürlich verdankte sie diesen Aufruhr aber nur ihrer eigenen Neugierde. Doch sie wollte sich nicht dafür tadeln. Die Frau, Lorraine, sie gefiel ihr. Warum hatte sie wohl nach Cinaéd gefragt? Wie kam sie darauf? Sie musste eine findige Person sein, wenn sie allein herausgefunden hatte, wer Maud war.

*


Genüsslich kaute Lorraine auf einem Stück Apfelkuchen. Sie schmeckte einen Hauch von Zimt heraus. „Genau richtig“, dachte sie zufrieden. Sie saß auf der Terrasse vor der alten Gesindeküche. Ein Teil des alte Gebäudes diente noch heute der Herstellung von Lebensmitteln, so zum Beispiel war der Kuchen, den sie gerade verzehrte in einem der großen Holzöfen gebacken worden. Gebäck gab es hier fast immer. Es war in erster Linie für die Besucher des Castles gedacht, doch Mrs. Ross hielt Lorraine ständig dazu an, Kuchen zu essen. „Ihr jungen Fräulein achtet doch immer zu sehr auf die Figur.“ Die gutmütige Haushälterin mochte etwa Mitte fünfzig sein und war genau so, wie man sich die gute Seele eines Hauses vorstellte. Sie hatte sich eine Weile zu Lorraine in den Schatten gesetzt und mit ihr geplaudert.
„Ah, da kommt Findlay mit der letzten Gruppe“, stellte sie fest, als die beiden Frauen gewahr wurden, wie eine Ansammlung von Menschen hinter dem brummigen Angestellten her in den Innenhof gelaufen kam.
„Ganz schön viel los heute“, sagte Lorraine, die das Kuchenmahl beendet hatte und sich nun ihrem Tee widmete.
„Bei dem schönen Wetter sind wir meistens gut besucht“, erklärte Mrs. Ross. „Ist ja auch ein schönes Ausflugsziel.“
„Das ist es“, bestätigte Lorraine. Sie beobachtete, wie Findlay behäbig gestikulierend, auf verschiedene Teile des Gebäudes wies und seinen Text herunterleierte. Sie unterdrückte ein Lachen. „Macht er das eigentlich gern?“
Mrs. Ross folgte ihrem Blick. „Findlay? Die Leute herumführen?“
Lorraine nickte.
„Ja sicher, er liebt das. Kann auch gut erzählen, die Leute lieben ihn.“
„Wirklich?“ Lorraine verzog amüsiert das Gesicht. „Er ist immer so… so… ich weiß auch nicht.“
„Griesgrämig?“
Lorraine kicherte. „Ja.“
Mrs. Ross lächelte. „Stimmt schon. Er hat eben so seine Art an sich. Und die Leute denken, so müssten die verschrobenen Landeier aus dem Norden eben sein. Und weil er auf jede Frage eine Antwort hat, mögen sie ihn.“
„Kennt er sich gut aus mit der Geschichte der Burg?“
„Fast so gut wie seine Lordschaft. Deswegen hat er Findlay auch seinen Job überlassen.“
„Oh, ich wusste nicht, dass der Lord hier selbst Führungen veranstaltet hat.“
„Doch, oft sogar. Dazu hat er heute aber leider wenig Zeit. Macht aber nichts. Ich glaube sogar, was seine Lordschaft ihm an Wissen voraus hat, macht Findlay mit Talent wieder wett.“ Sie wies hinüber zum Auld Keep, wo die Gruppe geeint nach oben zur zertrümmerten Turmspitze blickte. „Jetzt erzählt er wieder eine seiner Schauergeschichten über den Turm. Sowas ist immer ein Renner.“
Lorraine nickte wieder. „Ja, sowas finde ich auch spannend. Lord Chainwick hat mir von der Hexe im Turm erzählt, die die Spitze mit einem Lichtblitz gesprengt haben soll.“
Mrs. Ross lachte. „Und es gibt wirklich Leute, die das glauben. Wir hatten sogar mal einen Geisterjäger hier, der wollte mit einem seltsamen Gerät die Vergangenheit des Gesteins durchleuchten, wie er sagte. War ein komischer Kauz, hat allerlei ‚herausgefunden‘. An einer Stelle im Vorhof meinte er, der Boden sei blutdurchtränkt, bestimmte Bäume waren von Geistern befallen, hat durchsichtige Leute mit Taschentüchern aus Fenstern winken sehen und all so ein Zeug.“
Lorraine gab sich vergnügt, doch angesichts des Erlebnisses mit dem Gemälde, konnte sie nicht so herzlich darüber lachen, wie sie es vielleicht getan hätte.
„Natürlich erzählt Findlay nur die Legenden, über die es Aufzeichnungen gibt. Er erfindet jedenfalls keine neuen, wie dieser Geistertyp“, fügte Mrs. Ross noch hinzu.
„Es gibt sicher viele Erzählungen zu so einem alten Gebäude“, sagte Lorraine nachdenklich.
„Wenn Sie sich dafür interessieren, dann fragen sie Findlay nachher, der freut sich immer über Gelegenheit, seine Geschichten zum Besten zu geben.“
„Vielleicht mache ich das. Der Lord hat mir auch schon von ein paar Legenden berichtet.“
„Sie als Historikerin können sowas ja sicherlich einordnen“, meinte Mrs. Ross.
„Nicht immer, Mrs Ross“, murmelte Lorraine, aber ihre Gesprächspartnerin hörte sie nicht.

Als Mrs. Ross gegangen war, blieb Lorraine noch eine Weile draußen sitzen. Sie wollte nicht in die Bibliothek – ihr fiel sowieso nicht ein, was sie dort noch hätte nachschlagen sollen – und zurück zu Maud wollte sie auch nicht gehen. Noch nicht. Morgen. Wenn sie ausgeschlafen war. „Vielleicht weiß ich dann endlich, ob ich verrückt bin“, erklangen spöttisch ihre Gedanken.
Findlay hatte gerade den Besucherstrom hinausgeleitet und kam nun auf sie zugeschlendert. „Na, Miss, wie geht’s?“
„Danke, sehr gut, Mr. Findlay“, antwortete Lorraine und probierte, ihn mit einem gewinnenden Lächeln zum Verweilen zu bewegen.
„Schon was rausgefunden?“
Sie seufzte. „Im Moment stecke ich in einer Sackgasse, fürchte ich.“
„Hm“, machte Findlay.
Einer Eingebung folgend, fragte sie plötzlich: „Sie kennen sich doch gut aus mit den hiesigen Legenden. Haben Sie schon einmal von jemandem namens Cináed gehört?“ Gespannt sah sie auf, die Augen mit der flachen Hand vor der Abendsonne schützend.
„Cináed? Hm… Cináed…“ Er ließ den Namen noch ein paar Mal über seine Zunge rollen und sagte schließlich: „Gälischer Name. Solche hat’s hier oben auch viel gegeben.“
„Wenn mich meine Sprachkenntnisse nicht täuschen, bedeutet er ‚aus Feuer geboren‘“, warf Lorraine ein, die die Wortteile erkannt hatte, als Findlay sie so prüfend ausgesprochen hatte.
„Feuer. Hm. Nein, sagt mir nix“, meinte Findlay entschuldigend. „Wissen Sie denn noch was über diesen Cináed?“
Lorraine zuckte die Schultern. „Leider nein. Ich weiß nur, dass er um 1300 geboren wurde. Seitdem ist er quasi verschollen.“
Findlay grübelte eine Weile. „Es gab mal ne Geschichte über ein verschollenes Kind.“
„Ja?“ Lorraine war ganz Ohr.
„Weiß aber nich, ob das Cináed hieß. Aber von der Zeitspanne her, wär’s schon möglich.“ Er spitzte die Lippen und hob dann gewichtig an, um seine Erzählung zu beginnen. „Die Leute erzähl’n sich, es hätte vor hunderten von Jahren mal ne Frau gegeben, die vom Teufel verflucht war. Und das war keine Geringere als die Frau des Earls.“ Er hatte sich neben Lorraine auf die Bank gesetzt und suchte nun zu erkunden, ob sie aufgrund seines unheilschwangeren Tonfalls und des Teufelsfluches angemessene Neugierde zeigte. Sie tat ihm den Gefallen und neigte sich ihm gespannt zu. Zufrieden fuhr er fort: „Im Winter, als es wenig Essen gab und bittere Kälte im Schloss war, gebar sie schließlich nen Sohn. Da war die Freude groß und alle dachten, es könne kein Fluch nich auf ihr liegen. Aber als sie das Kind sahen, da erschraken sie alle zu Tode.“ Er machte eine wohldosierte Pause. „Das Kind hatte den Fluch abgekriegt. Es war fürchterlich entstellt, mit Geschwulsten aufm ganzen Gesicht und die Glieder schief und krumm.“
Lorraine zog eine Grimasse. „Das ist ja furchtbar.“
„Ja, schrecklich war’s. Aber das Schlimmste kommt erst noch. Weil keiner wissen sollte, dass die Familie vom Earl verflucht is, ham sie das Kind versteckt. Es wurd eingesperrt und die Tür verriegelt, nie durfte es das Tageslicht seh’n.“
„Die arme Kreatur!“, rief Lorraine aus.
„Schlimm war’s. Den Leuten hat man erzählt, das Kind wär gestorben. Bei der Geburt gestorben. Und dass sich damit der Fluch erfüllt hätte.“
„Und was passierte mit dem Kind?“
„Keiner weiß das. Es is verschollen. Manche sagen, sie hätten es getötet. Das glaub‘ ich nich. Die hätten sich nich getraut, nich bei nem Teufelsfluch.“ Findlay rieb nachdenklich sein Kinn. „Jedenfalls muss irgendwann was rausgekommen sein, weil’s in den Legenden heißt, der Junge wär‘ den Bewohnern als Geist erschienen. Und manche sagen, es hätt‘ ein Monster im Turm gegeben. Viel weiß man nich drüber, aber das verschollene Kind, das is den Leuten im Gedächtnis geblieben.“
„Eine schauderhafte Geschichte“, sagte Lorraine.
Findlay nickte. „Das finstere Mittelalter, nich?“

*


Lorraine konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Sie grübelte unentwegt. Konnte das entstellte Kind aus Findlays Erzählung Kenneth sein? Sie hatte keinerlei Anhaltspunkte. Sie musste Maud dazu bringen, wieder mit ihr zu sprechen. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie auf etwas gestoßen. Richtige Argumente hatte sie dafür allerdings nicht.
Nach dem Frühstück huschte sie direkt wieder hinunter ins Kellergewölbe. „Maud?“, fragte sie, sobald sie das Tuch von dem Gemälde genommen hatte. Die Frau auf dem Gemälde blickte auf und lächelte.
„Guten Tag, Lorraine“, sagte sie.
Ein Seufzer entfuhr Lorraine. „Gut, du bist da. Ich war mir schon wieder nicht sicher, ob ich es mir nur eingebildet habe…“
Mauds Lächeln wurde breiter. „Das glauben immer alle, mit denen ich spreche.“
Sogleich fühlte Lorraine sich weniger dümmlich. Allerdings hatte sie noch nie darüber nachgedacht, dass sie nicht die Einzige sein könnte, mit der Maud jemals gesprochen hatte. „Kommt das denn öfter vor?“
„Nicht mehr sehr oft“, antwortete Maud, „aber früher habe ich häufig mit Menschen gesprochen.“
„Und warum hast du mich angesprochen?“
„Ich fand dich nett.“
„Ähm. Danke.“ Lorraine war verlegen. „Ich finde dich auch nett. Denke ich.“
Maud blinzelte ein wenig spöttisch. „Du hast mich zwar lange studiert, aber du weißt wenig über mich.“
„Möchtest du mir denn von dir erzählen?“
Maud schwieg.
„Du vertraust mir nicht“, erkannte Lorraine.
Maud zuckte die Schultern. „Ich habe keine guten Erfahrungen mit euch da draußen gemacht.“
„Du meinst, weil man dich fern von allem hier unten versteckt hat?“
„Nein, das geschah auf meinen Wunsch.“
Lorraine fand dies alles wenig hilfreich. Unentschlossen hob sie die Hände. „Ich…“ Sie brach ab. Was half es, ihr zu versichern, wie lieb und gut sie war? „Warum bist du von den Menschen enttäuscht?“
„Sie wollen mich immerzu als Sensation ausstellen. Doch ich entscheide selbst, wem ich mich zeige.“
„Ich verstehe.“ Natürlich, wieso hatte Lorraine nicht gleich selbst daran gedacht? Ihr Forschergeist hatte gar nicht bemerkt, was für ein Publikumsmagnet Maud eigentlich war.
„Ich habe keine Freude daran, mich zum Nutzen anderer als das lebende Bild aufzuspielen. Ich bin es leid.“
Lorraine nickte. „Ja, das kann ich gut nachvollziehen.“
Maud sprach jetzt ohne Ermunterung seitens Lorraine weiter. Womöglich mussten sich jahrzehntelang aufgestaute Worte nun einmal Bahn brechen.
„Ich habe es tatsächlich verschiedentlich gemacht. Es ist langweilig, in einem Bild festzusitzen. Anfangs dachte ich, wenn ich jeden Tag Menschen träfe, wäre es interessanter, zu existieren. Aber sie machen immer dasselbe ungläubige Gesicht, machen immer dieselben Witze und stellen immer dieselben Fragen. Wie bist du da hineingekommen? Wie lange bist du schon ein Bildnis? Warst du zuvor lebendig?“
Lorraine schmunzelte ertappt, sagte aber nichts. Sie wollte Mauds Redefluss nicht unterbrechen.
„Lange Jahre habe ich mit niemandem gesprochen. Ich hatte mir geschworen, es nie wieder zu tun. Mir eingeredet, dass es genug sei. Aber dann wurde mein Bild schon wieder gefunden. Und schon wieder geriet mein Entschluss ins Wanken.“ Maud schüttelte den Kopf über sich selbst.
„Warst du lange hier in diesem Gewölbe versteckt?“, wagte Lorraine eine Zwischenfrage.
„Nein, etwa dreißig Jahre.“
Lorraine hob die Augenbrauen. „Das klingt für mich aber lang.“
„Nach siebenhundert Jahren?“ Maud schmunzelte. „Die letzte Person, mit der ich gesprochen habe, war die Haushälterin des Schlosses. Sie hat mich hier versteckt. Ich bat sie darum und sie erfüllte mir meinen Wunsch.“
„Mrs. Ross?“, fragte Lorraine erstaunt.
Maud überlegte kurz. „Nein, sie hatte einen anderen Namen. McLean hieß sie, Alice McLean.“
„Der Name sagt mir nichts. Das muss die Dame gewesen sein, die vor Mrs. Ross hier Haushälterin war“, mutmaßte Lorraine.
„Möglich“, meinte Maud. „Ich habe Mrs. Ross nie kennen gelernt.“
„Und ich dachte schon, ich müsse Mrs. Ross nach ihren Geheimnissen fragen.“ Lorraine lachte und Maud, wenngleich irritiert, wirkte ebenfalls amüsiert. „Diese Mrs. McLean, sie hat dir geholfen?“
„Ja, sie hat mein Bild hier versteckt“, antwortete Maud. „Das Gemälde hing in der Galerie und wurde täglich von Besuchern angestarrt. Ich hatte jahrelang tagsüber starr dagesessen, damit niemand mich bemerken konnte. Doch ich wünschte mir so sehnlich etwas Ruhe. Da habe ich mich Alice anvertraut. Sie war ziemlich aus dem Häuschen. Sie dachte auch zunächst, sie würde verrückt.“ Maud gluckste. „Aber schließlich hatte sie Mitleid mit mir. Sie kam noch gelegentlich herunter um mit mir zu reden. Ich war sehr traurig, als sie von hier wegging.“
„Ist es denn nicht aufgefallen, dass das Bild plötzlich fehlte?“
Maud machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich bin nicht sicher. Davon hat Alice mir nichts erzählt.“
Lorraine überlegte, wie diese Mrs. McLean es wohl unauffällig angestellt haben konnte, kam aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. „Jedenfalls weiß ich jetzt, woher du deine guten Kenntnisse der modernen Sprache hast.“
Maud nickte. „Ja, ich habe mich lange mit Alice unterhalten. Aber auch als stummes Gemälde habe ich über die Jahre die Veränderung der Sprache verfolgt. Ich bin nur etwas aus der Übung.“
„Du klingst mit jedem Satz besser“, versicherte Lorraine. Dann fügte sie hinzu: „Dein Bild war also über die Jahrhunderte öfter unter Menschen?“
„Ja, eigentlich sogar ständig. Natürlich bin ich sehr oft im Schloss umgezogen. Aber ich habe viel Zeit damit verbracht still dazusitzen. Mir ist nicht mehr so oft zum Reden zumute.“ Sie lächelte gezwungen.
„Fühlst du dich denn nicht allein?“
„Doch, das schon. Aber ich bleibe nie lange versteckt.“ Maud strahlte Lorraine offen an. „Ihr da draußen findet mich immer irgendwann und jetzt habe ich dich als Gesellschaft.“
Lorraine machte ein betroffenes Gesicht. „Ich... tja, ich bin nur für eine begrenzte Zeit hier auf Straitcairn Castle.“
„Oh.“ Mauds Freude verblasste ein wenig, dann jedoch sagte sie: „Aber das macht nichts. Ich freue mich trotzdem darüber, dass ich dich kennen gelernt habe.“
„Wie lieb von dir!“ Lorraine dachte an die anderen Bewohner im Schloss. „Würdest du nicht gern jemanden kennen lernen, der hier wohnt? Ein Familienmitglied, wenn man es genau nimmt? Ich weiß, Lord Chainwick würde darauf brennen, dich kennenzulernen.“
Mauds Gesichtsausdruck wurde verschlossener. „Ich glaube nicht, dass ich das möchte. Ich kenne das. Das Anwesen braucht immer Geld und ich bin eine Sensation.“
„Hm, ja, das verstehe ich“, gab Lorraine zerknirscht zu. „Aber ich denke, dass Lord Chainwick sich anhören würde, was du dir wünschst“, machte sie einen erneuten Vorstoß.
„Nein.“ Maud sprach das Wort sehr bestimmt aus. Was musste sie für Erfahrungen gemacht haben, in all den Jahren?
Lorraine fragte nach und Maud erzählte ihr eine Reihe von Anekdoten aus ihrer siebenhundertjährigen Existenz. Manches war ulkig, manches unschön, aber vieles war von dieser Traurigkeit durchzogen, die Maud stets ausstrahlte.
Schließlich verabschiedete sich Lorraine und ging zu Bett.

Lorraine grübelte. Das Bild war keine Neuentdeckung, so viel stand fest. Aber warum hielt man es dafür? Warum gab es keine Aufzeichnungen darüber? Die Kunstgegenstände, die sich im Besitz des Earls of Chainwick, waren doch stets penibel katalogisiert worden. Konnte es sein, dass ein Bild, das so auffällig war und auch oftmals ausgestellt worden war, wieder und wieder der Eintragung in die Bücher entging? Das war doch mehr als unwahrscheinlich. Sie beschloss, dass sie Lord Chainwick noch einmal danach fragen würde. Aber sie würde Mauds Geheimnis noch nicht offenbaren.

*


„Natürlich helfe ich Ihnen gern, wenn ich kann, Miss Henderson“, versicherte Lord Chainwick. „Was möchten Sie wissen?“
„Gibt es eventuell Gemälde, die nicht in der Liste der Wert- und Kunstgegenstände aufgeführt sind?“, fragte Lorraine. Sie hatte sich die Worte genau zurechtgelegt.
Lord Chainwick legte den Zeigefinger an seine Unterlippe. „Nun… Ich weiß nur von einem und das ist das Gemälde, das sie untersuchen.“
Lorraine sah enttäuscht drein.
„Der Katalog, den wir führen, wurde über die Jahre recht gut gepflegt und immer erweitert, wenn etwas gefunden wurde, das nicht bereits enthalten war. Ich gehe davon aus, dass der aktuelle Stand des Katalogs bis auf ‚Die Frau am See‘ der Wirklichkeit entspricht.“
„Schade. Ich suche noch immer nach allen möglichen Anhaltspunkten.“ Lorraine sah zerknirscht drein. Es war ihr unangenehm, dass sie ihren Auftraggeber noch immer hinhalten musste.
„Tut mir leid“, sagte Lord Chainwick. „Ich habe auch bereits in jede Richtung überlegt, ob es noch etwas gibt, dass wir noch nicht geprüft haben. Aber leider…“
„…gibt es keinerlei Hinweise“, beendete Lorraine.
Der Lord nickte.
„Trotzdem vielen Dank.“

Maud. Alles hing an Maud. Sie würde hier draußen, in der sichtbaren Welt, nichts weiter finden. Lorraine hatte keinen Draht zu Übernatürlichem. Sie hatte von dergleichen Phänomenen keine Ahnung, hatte nie daran geglaubt. Aber da war mehr an diesem Bild, irgendetwas… Magisches. Es schien sich selbst aus der Geschichte zu tilgen.
„Dein Bild scheint verhext zu sein“, sagte Lorraine frei heraus, als sie wieder einmal das Tuch lüftete.
Maud zuckte beinahe unmerklich. „Ich bin keine Hexe“, murmelte sie.
Lorraine ging darüber hinweg. Das hatte sie überhaupt nicht gemeint. „Niemand hat jemals etwas über dein Bild aufgezeichnet, niemand kennt es, niemand erinnert sich. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.“
Maud schaute sie einen Augenblick an, schlug dann die Augen nieder und behauptete schließlich: „Darüber weiß ich nichts. Ich weiß nicht, was außerhalb dieses Rahmens passiert.“
Lorraine rückte ihren Stuhl näher an das Bild heran. Sie schaute die Frau am See mit ernstem Ausdruck an. „Maud. Du weißt, was mit dir passiert ist, woher du kommst. Du weißt, warum niemand dein Bild kennt.“
Maud schwieg, in ihren Augen glaubte Lorraine ein winziges Aufblitzen von Trotz zu erkennen.
„Warum hast du mich überhaupt angesprochen? Aus Langeweile?“
„Nein.“
„Also warum?“
„Ich…“ Maud rang sichtlich nach Worten. „Ich weiß es nicht. Du warst so… Ich dachte ich könnte dir…“ Doch die Sätze blieben unbeendet.
Lorraine verzog traurig das Gesicht. „Du vertraust mir nicht. Du hast Angst ich würde verraten, dass du ein lebendiges Bild bist. Aber ich habe niemandem von dir erzählt, richtig? Niemand sonst ist heruntergekommen um mit dir zu sprechen.“
Maud schwieg beharrlich. Da war wieder dieser unglückliche, bittere Zug um ihren Mund, den sie gezeigt hatte, als sie über Cináed gesprochen hatten.
„Du hast gesagt, du seist dreiundreißig gewesen, als dein Leben endete. Willst du mir davon erzählen?“
Maud zögerte. „Ich… es ist so… schmerzhaft.“
„Was ist es, was kannst du niemandem anvertrauen?“ Lorraine überlegte. Sie erinnerte sich, dass Maud gekränkt bestritten hatte, eine Hexe zu sein. Dann dachte sie an die Mythen, die Lord Chainwick ihr erzählt hatte. Konnte etwas Wahres daran sein? Immerhin sprach sie gerade mit einem Gemälde. „Ist es ein alter Zauber, ein Fluch?“
Maud schüttelte den Kopf.
Lorraine vereengte die Augen. Sie fühlte eine Frage auf der Zunge oder vielmehr eine Bitte. Doch sollte sie sie aussprechen? Sie könnte damit alles verderben. Sie atmete tief durch. Dann wagte sie einen letzten Vorstoß: „Erzähl mir von Cináed.“
Maud knetete ihre Hände. Es schien, als kämpfe sie mit sich. Lorraine spürte, dass sie still sein musste. Maud würde sich nun entscheiden.

„Ich erzähle es dir, Lorraine. Ich erzähle dir alles und dann kannst du über mich urteilen.“ Und Maud begann, zunächst stockend, doch mit immer fester werdender Stimme. Bald schien es, als habe sie ganz und gar vergessen, dass jemand ihren Worten lauschte.
„Ich war nicht verflucht, Lorraine. Ich war gesegnet. Mein Leib durfte neues Leben austragen und ich fühlte seit dem ersten Tag, da ich es wusste, dass mein Sohn besonders sein würde. Immerzu sprach ich mit ihm und versicherte ihm, dass ich ihn liebte. In der Nacht, in der er geboren wurde, war alles ruhig. Nur im Inneren spürte ich den Aufruhr. Wie ein Feuer brannte mir die Gewissheit durch die Glieder, dass er kommen würde. Ich ließ nach der Hebamme rufen.
Als sie mir schließlich das Kind in den Arm legte fühlte ich zum ersten Mal, was Glück wirklich bedeutet. Nie wieder sollte ich es so ungetrübt, so heiß und rein erleben. Wie zuvor die Gewissheit, loderte nun das Feuer des Glücks in mir und der hübsche, zarte Junge, er schien zu glühen. Nicht wie im Fieber, nein, er glühte wie die Sonne. Ein Gefühl, dass nur eine Mutter verstehen kann. Es war überwältigend, wenn auch von kurzer Dauer. Denn als mein Junge nach Nahrung zu schreien begann, da sah ich die Glut in seinem Rachen. Er verbrannte die Luft mit seinem Atem. Seine kleinen Finger krallten sich in meine Haut und verbrannten auch sie. Sein kleiner Körper war von solcher Hitze durchdrungen, dass ich fürchtete, das Bett würde in Flammen aufgehen. ‚Still, still, mein Cináed‘, sang ich und wiegte ihn verzweifelt im Arm, bis er sich so weit beruhigte, dass ich ihn stillen konnte.
So war es immer. Wenn das Kind sich fürchtete oder aufregte, kam das Feuer aus ihm heraus. Er war kein entstelltes Monster, er war nicht schwachsinnig oder bösartig. Er war von den Geistern durchdrungen. Und sein kindlicher Geist war nicht imstande, die Mächte seines Inneren zu kontrollieren.“
Lorraine dachte an Findlays Geschichte über das verschollene Kind. Sie war sich sicher, dass Cináed, Kenneth, dieses Kind war. Offenbar kannte Maud die Legenden, die sich um ihren Sohn rankten. Vermutlich hatten die Menschen schon damals von dem Monster im Schloss gesprochen.
„Robert, mein Gatte, teilte mein Glück nicht. Er fürchtete sich vor den Fähigkeiten, die Cináed hatte und davor wie mächtig er noch werden würde. Natürlich war dies ein christliches Haus, doch niemand vergisst je die alten, heidnischen Mythen. Ein Flämmchen schoss aus Cináeds kleinen Fingern, als sein Vater ihn zum ersten Mal im Arm hielt, und brannte ein Loch in dessen Gewand. Der Kleine fürchtete sich vor dem Mann, der ihm zunächst fremd war. ‚Er ist nicht mein Sohn‘, rief Robert aus, ‚er ist der Sohn Ailléns!’
Ich weinte und widersprach ihm. Ich verbot ihm, dergleichen zu sagen. Mein Sohn war keine Ausgeburt eines Feuerunholdes, da war ich mir ganz sicher. Doch es war ein ständiger Kampf. Robert wollte ihn nicht und der Junge spürte es. Cináed war etwas älter als vier Jahre, als es einen Streit gab, so hart, wie nie zuvor. Das Kind hatte beim Spielen ein Loch in einen der Teppiche gebrannt. Robert schalt böse mit ihm, er verstand einfach nicht, dass den Jungen keine Schuld traf. Cináed begann bitterlich zu weinen und seinem Mund entströmte heiße Luft, die das Zimmer erfüllte. Ich eilte herzu um ihn zu trösten. Ich fürchtete, es würde noch Schlimmeres passieren, wenn der Junge sich nicht beruhigte. Ich erschrak, denn seine Haut war glühend heiß. Seine Hände, die sich in verzweifelter Umarmung um meinen Hals legen wollten, verbrannten meine Haut. Ich achtete nicht darauf, sprach ihm leise Worte ins Ohr und hoffte, das Weinen wolle dadurch aufhören.
Robert war erzürnt darüber, dass ich den Jungen hätschelte, anstatt ihn zu rügen. Vor allem aber, war er darüber bestürzt, dass ich scheinbar gleichgültig den Schmerz hinnahm, den Cináeds Feuer mir zufügte. ‚Du bist eine Hexe! Du hast dich mit Aillén eingelassen‘, schrie er. Ich versuchte, es zu überhören, doch er hörte nicht auf, wie ein altes Weib zu zetern. Ich legte den schluchzenden Jungen auf sein Lager und schrie zurück, er sei ein feiger Hund, der sich vor einem Kind fürchte. Kränkung und Groll brachen sich Bahn in mir. Es fielen noch mehr unschöne Worte, er packte mich am Handgelenk und in Erwartung von Gewalt wollte ich ihm zuvorkommen. Also schlug ich ihm mit der anderen Hand hart ins Gesicht. Er ließ mein Handgelenk los. Ich sah ihn erschrocken an. Blut lief aus seiner Nase. Zorn funkelte in seinen Augen. Ich war zu weit gegangen. Sein Blick fiel auf das Kind, das hinter mir auf Decken gebettet war. Cináed wimmerte. ‚Robert… nicht‘, sagte ich und legte meine Hände an seine Brust. Doch er stieß mich beiseite und ergriff das Kind. Der Wahnsinn glitzerte in seinen Augen. Er war so sehr in Rage, dass er nicht zu bemerken schien, wie die glühende Haut des Kindes seine Hände verbrannte. ‚Teuflisches Balg‘, fluchte er und schleuderte ihn von sich, geradewegs hinein in den brennenden Kamin. Ich schrie wie eine Sirene, versuchte zu meinem Sohn zu gelangen und gebärdete mich wie ein wilder Dämon. Doch Roberts Kraft hatte ich nichts entgegenzusetzen. Er hielt mich gewaltsam fest und starrte wie gebannt in die Flammen.
Cináed heulte, übertönte mit seiner schrillen Stimme mein hysterisches Flehen. Doch das Feuer konnte ihm nichts anhaben. Ich erkannte dies zur gleichen Zeit wie Robert, denn er sagte: ‚Ailléns Balg widersteht den Flammen.‘
Was dann geschah, hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Als wir ihn fassungslos ansahen, da verstummte auch der Junge. Er sah uns in die Augen, als wolle er uns strafen. Eisiger Schrecken ergriff mein Herz. Da war nicht länger das Kindliche, das Unschuldige, nein, es lag Bewusstsein in seinem Blick. Langsam legte er seine kleinen Hände zusammen und streckte die Arme aus. Dann öffnete er seine Hände, als wolle er uns eine Gabe darreichen. Ein Feuerstrahl schoss daraus hervor, zwischen Robert und mir hindurch. Wir fuhren herum. Das Feuer verzehrte alles im Zimmer. ‚Cináed‘, rief ich immer wieder, ‚Cináed, bitte nicht!‘ Doch er hörte nicht auf. Es blieb kaum noch Luft zum Atmen. Dicker Rauch erfüllte das Zimmer. ‚Jetzt zeigt er sein wahrhaftiges Antlitz‘, rief Robert, sein Gesicht zu einer schrecklichen Grimasse verzerrt. Er riss die Tür auf und rannte hinaus.
Ich konnte nicht nach meinem Sohn rufen, denn ein gemeiner Husten schüttelte mich. Alle Brände waren erloschen. Erklären kann ich es nicht. Ich wankte durch den Rauch und erkannte das Kind im Kamin. Es schossen keine Flammen mehr aus seinen Händen heraus, es hustete und spie kläglich. Ich riss den Jungen an mein Herz, lief so schnell ich konnte aus dem Zimmer und warf die Tür zu.“
Maud atmete durch und schwieg für einen Augenblick. Lorraine überlegte, ob sie etwas sagen durfte, doch da hob Maud schon wieder an:
„Von da an ging alles bergab. Ich glaube, Robert hätte ihn getötet, wenn er gekonnt hätte. Doch der Junge ließ ihn nicht an sich heran. Er verbot es mit seinem Blick oder mit seinen Flammen. Wenn Cináed schlief, schloss ich mich mit ihm ein und wachte über ihn. Robert war davon überzeugt, das Kind sei vom Teufel oder von was auch immer besessen.
Im Dorf gingen bald Gerüchte um, eines schauerlicher als das andere. Natürlich hatten Knechte und Mägde den Streit gehört und das verkohlte Zimmer war kaum zu verstecken. Robert spann daraus seine eigene Geschichte, die er bald jedem als Wahrheit verkaufte: das Kind sei bei einem Brand gestorben. Keine übersinnlichen Geschichten sollten auf seinem Hause haften. Aber die Leute lieben Geschwätz. Er konnte es nicht ganz verhindern.
Er stellte mich vor die Wahl, den Jungen zu verbergen oder mit ihm wegzugehen. Aber wo hätte ich hingehen sollen? Nichts von allem, was ich besaß gehörte mir. Ich wäre mittellos und noch dazu aller Ehrbarkeit beraubt gewesen. Meine Familie hätte mich nicht aufgenommen, vor allem nicht mit dem ‚Teufelsbalg‘, wie sie es nannten. Womit hätte ich unseren Unterhalt verdienen sollen? Ich konnte meinen Sohn doch nicht verhungern lassen! Also willigte ich ein und Cináed wurde in ein Zimmer im Turm gesperrt. Der Turm war unbewohnt und außer Hörweite anderer Gebäude. Ich besuchte ihn in der Nacht, denn niemand durfte sehen, dass ich es tat. Alle dachten, mein Junge sei tot.
Ich frage mich heute, warum ich all das zugelassen habe. Ich hätte stärker sein müssen.“
Maud schluchzte auf und Lorraine wünschte, sie hätte ihr über den Rücken streichen können. Doch Maud fing sich schnell wieder.
„Einmal rief er etwas durch das Turmfenster, obwohl er wusste, dass es verboten war. Robert ließ es zumauern. Da war Cinaéd fünf Jahre alt. Er lebte danach ganze sechs Jahre in der Dunkelheit.“
Ihre Stimme war kalt geworden, so kalt, dass Lorraine fröstelte. Maud machte sich Vorwürfe, so viel war klar. Wie mochte es sich anfühlen? Siebenhundert Jahre Reue. War dies eine gerechte Strafe für ihre Schwäche? War sie überhaupt schuldig an Cináeds Schicksal? Lorraine wusste darauf keine Antwort. Sie wusste nur, dass sie tiefes Mitleid für die Frau am See empfand.
„Ich sagte ihm, es wäre zu seinem Schutz“, fuhr Maud fort. „Anfangs begriff er nicht, dass seine Fähigkeit, das Feuer zu beschwören, etwas Ungewöhnliches war. Ich machte ihn glauben, dass außerhalb seines Turms Gefahr lauere. Ich erzählte ihm, dass die Wesen dort draußen böse seien und es auf sein Leben abgehen hätten. Ein Stück weit war es ja die Wahrheit.
Doch ein Leben kann nicht ganz verborgen werden. Im Turm war Cinaéd unsichtbar, doch bei so vielen Menschen, die im Schloss lebten, war es geradezu unmöglich, dass niemand etwas bemerkte. Die Erzählungen über das Monster im Schloss flammten wieder auf. Ein Knecht erzählte im Dorf, Lord Robert Chainwicks Frau sei mit dem Teufel im Bunde. Er hatte mich gesehen, wie ich des Nachts zum Turm geschlichen war. Womöglich hatte er Stimmen gehört. Und zuvor natürlich zahlreiche Gerüchte. Mir waren die Geschichten völlig gleich. Ich hatte nur die Hoffnung, dass Cinaéd lernen würde, sein Feuer zu beherrschen und er eines Tages wieder wie ein gewöhnlicher Junge mit uns leben konnte.
‚Bin ich ein Monster?‘, fragte er mich eines Tages.“ Eine Träne lief über Mauds Wange. „Ich versicherte ihm, dass er das nicht sei, aber er glaubte mir nicht. Er hatte ein Loch in die Wand gebrochen und hatte die Menschen draußen reden hören. Ich sagte ihm, er sei etwas Besonderes, das die Menschen nicht verstünden und dass er aus diesem Grund verborgen sei. „Cináed mein Sohn, niemand, der so geliebt wird wie du, kann jemals ein Monster sein“, sprach ich zu ihm und strich ihm über das weiche Haar.
Ich erzählte ihm im Laufe der Zeit allerlei, um ihn zu beruhigen. Er glaubte, er sei von Fíth-fáth, dem Zaubernebel, eingehüllt, damit niemand ihn bemerkte. Ich machte ihm weiß, dass die Welt draußen Gefahr bedeutete. Es ging so weit, dass er um mich fürchtete, wenn ich den Turm verließ.
‚Geh nicht hinaus, Mutter!‘, sagte er, ‚sie dürfen dich nicht bekommen!‘ Ich versprach, dass der Nebel mir helfen würde. Es brach mir das Herz.
Heute denke ich, dass es falsch war ihm diese Lügen zu erzählen. Ich dachte, es würde ihm so leichter fallen, sich in sein Schicksal in der Dunkelheit zu ergeben.“ Eine Weile starrte Maud auf den See.
„Das Feuer war unerbittlich. Es brach mit seinen Emotionen aus ihm heraus. Die Menschen hätten sich vor ihm gefürchtet. Sie hätten ihn getötet. Ich wollte ihn beschützen. Er musste verborgen bleiben.“ Sie schluchzte. Lorraine musste schlucken. Sollte sie etwas Tröstendes sagen? Aber was konnte sie schon sagen? Lieber saß sie weiter still da und legte so viel Anteilnahme in ihren Blick, wie sie konnte.
„Natürlich wurde er ungeduldiger, je älter er wurde. Er war es leid, eingesperrt zu sein. Doch die Furcht vor der Welt draußen hielt ihn in Schach, bis er elf Jahre alt war.
Ich hatte begonnen, zu begreifen, dass Cináed das Feuer niemals beherrschen würde. Robert würde niemals zulassen, dass er den Turm verließ. Und ich war die Lügen so leid. Ich konnte sie nicht mehr mit dieser Leichtigkeit auftischen und mein Sohn wurde älter, klüger, durchschaute mich mehr und mehr.
Das Unheil nahm seinen Lauf an dem Tag, an dem jemand Fremdes es in den Turm schaffte. Es war die Tochter meiner Zofe. Sie stahl sich an einem regnerischen Sommermorgen hinein und niemand von außen bemerkte es. Das Mädchen stieg hinauf und späte durch die vergitterte Tür auf meinen schlafenden Sohn. Sie wartete dort bis er erwachte. Es muss Cináed so unwirklich vorgekommen sein, ein Kind zu sehen, das ihm glich, und keines der bösen Wesen, vor denen der Turm ihn beschützen sollte. Sie hat ihm von ihrem Leben in der Sonne erzählt.
Als ich am Abend in den Turm kam war er von Hitze erfüllt. Angst machte sich in mir breit. ‚Cináed‘, rief ich, ‚ist alles in Ordnung?‘ Er antwortete nicht. Ich eilte die Stufen nach oben. Mein Junge stand dort in der Mitte des Zimmers. Flammen waren auf seinem ganzen Körper. ‚Du hast mich verraten‘, sagte er, seine Stimme war drohend und klang viel älter als er selbst. Ich schauderte. ‚Du hast mich belogen.‘
‚Nein‘, wimmerte ich, doch ich ahnte, dass etwas passiert sein musste. Ich wollte die Tür öffnen, doch mit einem Schmerzenslaut zog ich meine Hand zurück. Das Metall glühte. ‚Bitte, Cináed, lass mich hinein‘, flehte ich.
‚Nein!‘, schrie er, seine Stimme überschlug sich. ‚Ich lasse dich und deine giftigen Worte nicht mehr an mich heran.‘
Ich musste weinen. Er war so anders, so gebrochen. ‚Was ist nur geschehen, mein Lieber, mein Cináed?‘, schluchzte ich.
Doch er machte eine wegwerfende Handbewegung. Eine Flamme schoss dabei in eine Ecke des Zimmers und setzte ein Möbelstück in Brand. ‚Ich bin nicht mehr dein Cináed.‘
Ich warf mich an das Gitter der Tür, beachtete nicht die Brandblasen, die sich auf meiner Haut bildeten. ‚Bitte, mein Sohn, mein geliebter Sohn, lass mich hinein!‘
Er atmete schwer, als wolle er die Beherrschung wiedererlangen. Die Flammen wurden ruhiger, kleiner, schließlich erloschen sie ganz. ‚Ich lasse dich nicht hinein. So wie du niemanden hineingelassen hast. Und mich nicht hinaus.‘
Ich konnte ihn nur sprachlos ansehen. Die Lügenwelt brach über mir zusammen, ich spürte es.
‚Ich weiß jetzt, dass keine Gefahr droht. Ich weiß es, das Mädchen hat es mir gesagt.‘
‚Wer…‘, doch ich kam nicht zu Wort.
‚Die da draußen haben Angst vor mir und deswegen muss ich hier eingesperrt sein. Aber ich bin kein Monster. Sie hat es selbst gesagt! Ich bin kein Monster! Ich muss nicht eingesperrt werden. Du hast mich angelogen!‘ Seine Stimme wurde immer lauter und Tränen standen in seinen Augen. Flammen züngelten hier und da wieder um ihn auf, doch er kämpfte es nieder.
‚Cináed, das Feuer‘, ich hatte das jetzt kühle Gitter losgelassen, ‚es gehorcht dir.‘
Er sah mich herablassend an. Es war verstörend, diese Überlegenheit in seinem Kindergesicht zu sehen. ‚Es gehorcht mir immer.‘
Ich wurde blass. Kannte ich meinen Sohn denn so wenig? Er hatte das Feuer nie zurückhalten müssen, niemand sah ihn hier im Turm. Doch das Mädchen hatte alles verändert. Er wollte nicht das Monster sein, das die da draußen hier vermuteten.
‚Du bist kein Monster‘, zitierte er das Mädchen, ‚du bist nur ein Junge.‘
Ich umklammerte wieder die Gitterstäbe. ‚Ich habe dir immer versichert, dass du kein Monster bist.‘
Er sah mich abschätzig an. ‚Ja, das hast du. Aber selbst geglaubt, hast du es nicht. Sonst hättest du mich nicht eingesperrt.‘
Ich fiel auf die Knie und heulte vor Schuld und Reue. Zu gern hätte ich ihm tröstende oder entschuldigende Worte gesagt, doch meine Kehle war wie zugeschnürt.
‚Ich werde nicht mehr hier bleiben.‘
Was dann geschah hat sich wie ein ewiges Bild in mein Gedächtnis gebrannt. Er war so mächtig, so talentiert. Es war wundersam schön und beängstigend zugleich. Er formte mit den Händen eine Kugel aus weißem Feuer und schleuderte sie in die Spitze des Turms. Das Dach brach entzwei. Etliche Steine fielen in hohem Bogen in den Hof. Wie durch ein Wunder traf uns keines der Trümmerstücke.
Cináed hatte die Augen geschlossen. Das Licht blendete seine an Dunkelheit gewöhnten Augen. Er breitete seine Arme aus. Flammen wuchsen aus Seiten seiner Arme, wie Federn standen sie dicht an dicht und formten eine ausladende Schwinge. Cináed senkte den Kopf und öffnete die Augen. Tränen liefen heraus. Er nickte mir zu, dann sprang er in die Luft und flog mit seinen feurigen Flügeln davon.“
Lorraine hatte wie gebannt der Erzählung gelauscht. Mauds Sohn war ein Feuer-Magier gewesen. Das war so phantastisch, es konnte nicht wahr sein, oder? „Hast du ihn je wieder gesehen?“, fragte sie zaghaft.
„Ja“, hauchte Maud. „Einmal.“
Lorraine sah sie fragend an. Sie wirkte aufgewühlt, sodass Lorraine nicht wagte, weiter zu bohren.
„Drei Jahre nachdem Cináed uns verlassen hatte, starb mein Ehemann. Er war von einer Krankheit befallen, die ihn erst schwach und dann wahnsinnig machte. Seit Cináed uns verlassen hatte, fürchtete er sich vor der Rache Ailléns.“ Sie schnaubte verächtlich. „Er stürzte sich schließlich in einer Neumondnacht von der zerstörten Spitze des Turms. Wenn ich es mir recht überlege, war ich nicht traurig darüber, ihn losgeworden zu sein.
Doch nun war ich allein. Ich hatte keine anderen Kinder, nur meinen Cináed. Er musste irgendwie von Roberts Tod erfahren haben, denn er suchte mich kurz nach dessen Beisetzung im Schloss auf. Ich war so glücklich, als ich ihn sah. Er war verändert, wirkte sehr reif und erwachsen. Er hatte mir nicht verziehen, das sah ich sofort.
‚Wie ich hörte ist mein Vater meiner Rache entgangen‘, sagte er. Keine Begrüßung, kein Lächeln.
‚Mein lieber Junge, du würdest doch nicht…‘ Aber er ließ mich nicht ausreden.
‚Schweig still, Mutter!‘
‚Cináed, bitte, es tut mir so leid. Ich…‘
‚Still, sage ich!‘ Zornfunkelnde Augen ließen mich innehalten. Er wollte nichts von mir hören. Er wollte nichts zu mir sagen. Er wollte mich nicht. Ich hatte ihn verraten und er verabscheute mich.
Ich konnte nicht einmal Tränen vergießen ob dieser Erkenntnis. Traurig sah ich ihn an und er starrte zurück.
‚Ich trage nicht alle Schuld an deinem Unglück, mein Sohn‘, sagte ich, mich um einen festen Klang bemühend, ‚aber, wenn du es für nötig hältst, dann strafe mich! Es wird die Richtige treffen.‘ Ich weiß nicht, woher ich die Ruhe nahm. Ich breitete die Hände aus, gab mich ihm preis. Mir war, als schwankte er innerlich.
‚Ich kann dich nicht töten.‘ Ich fing seinen gequälten Blick auf. Doch als sich unsere Augen trafen, loderte der Hass wie Feuer in seinen Augen auf. ‚Aber ich verdamme dich dazu, für immer eingesperrt zu sein. Niemand soll sich je an dich erinnern, niemals soll deine Geschichte festgehalten werden. Du wirst unsichtbar sein, wie ich es einst war.‘ Gepeinigt schrie er auf und schleuderte eine Flamme gegen die Wand hinter mir.
Es ist dieses Bild, das dort hing. Eine Tafelmalerei, das ikonisches Bild des heiligen Andreas. Davon ist nichts mehr übrig. Das Feuer verzehrte ursprüngliche Bild und veränderte es in diese finstere Landschaft. Dann sprach Cináed Worte, die ich nicht verstand und ich wurde von Hitze erfasst und in den Rahmen des Bildes hineingezogen. Und seit diesem Tag…“
Maud sprach nicht weiter, aber das musste sie auch nicht. Cináed hatte sie mit seiner Magie auf das Gemälde gebannt. Eine wahrhaft abscheuliche Rache, die ewig andauern sollte.
„Was wurde aus Cináed?“, fragte Lorraine.
„Ich weiß es nicht. Er verließ mich und kehrte nicht zurück. Gefangen in diesem Rahmen hatte ich wenig Möglichkeit, nach ihm zu suchen. Ich hätte ihm so gern alles erklärt. Ich hätte ihm so gern verständlich gemacht, wie sehr ich ihn geliebt habe. Doch das war vorbei. All die verpassten Gelegenheiten... Weißt du, Lorraine, dieser See, er war nicht immer da. Aber ich habe in all den Jahren viele Tränen vergossen.“
„Das tut mir sehr leid, Maud.“ Lorraine war wirklich betroffen. Sie fühlte mit ihr, auch wenn sie vieles nicht verstand.
„Sicher denkst du nun, dass mein Sohn wirklich ein solches Monster ist, wie die Geschichten es behaupten.“
Lorraine schwieg. Die eigene Mutter für die Ewigkeit einzusperren und zu strafen – sie empfand das als sehr harte Rache. Vielleicht war Cináed ein Monster. Doch nicht wegen seiner magischen Fähigkeiten und nicht mehr als jeder andere Mensch mit all seinen Abgründen.
Maud lächelte bitter. „Ich war es, die ihn dazu gemacht hat.“

*


Lorraine dachte lange über die Geschichte nach. Konnte das alles wirklich erst so wenige Tage her sein? Sie fühlte sich, als sei sie in der Vergangenheit, in der Welt der Legenden gewesen und gerade erst wieder in der Wirklichkeit aufgetaucht. Sie fühlte sich emotional ausgelaugt. Mauds Schilderung zehrte an ihren Nerven. Findlays Geschichte über das verschollene Kind kam ihr in den Sinn. Sie war sich sicher, dass sie auf Cináed, jenen Kenneth aus dem unvollendeten Stammbaum zurückging. Kenneth war nicht entstellt gewesen. Er war Magier gewesen. Legenden veränderten sich mit der Zeit. Sie gingen von Mund zu Mund, von Generation zu Generation und passten sich dem Erzähler, der Zeit oder dem Geschmack an. Aus einem Magier konnte leicht ein böser Hexer gemacht werden und irgendwann ein Verfluchter. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, glaubten die Leute, die nicht Zeitzeugen gewesen waren, lieber, dass das Kind ein Krüppel war. Das war leichter zu erklären. Und natürlich hatten sich auch für die zerstörte Spitze des Auld Keep passende Geschichten gefunden. Kenneth hatte recht behalten: niemand erinnerte sich an Maud. Es musste sein Fluch sein. Aufzeichnungen gingen verloren, Gespräche wurden vergessen. Er hatte nicht nur seine Mutter, sondern auch sich selbst aus der Geschichte getilgt. Sicher würde auch Lorraines Wissen irgendwann verloren gehen.

Lorraine atmete tief durch bevor sie an die Tür von Lord Chainwicks Arbeitszimmer klopfte. „Herein“, erlaubte eine tiefe Stimme darin. Schwungvoll öffnete sie die Tür und trat ein.
„Miss Henderson, wie schön, dass sie wieder einmal Zeit finden.“ Er wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und Lorraine setzte sich. „Was kann ich für Sie tun?“
„Oh, nichts, Mylord“, erwiderte Lorraine zu seinem Erstaunen. „Heute möchte ich etwas für Sie tun.“
Sie hatte am Morgen lange mit Maud gesprochen. Vielmehr war eine lebhafte Diskussion daraus geworden. Doch letztendlich hatte sie sie überzeugt, dass es eine gute Sache war, Lord Chainwick zu erzählen, was es mit der Frau am See auf sich hatte.
„Bitte erzähle ihm nicht von Cináed!“, hatte Maud ihre Vertraute beschworen. „Ich möchte selbst entscheiden, welches Bild von mir ich ihm zu sehen gebe.“
Lorraine hatte aufgrund der Formulierung schmunzeln müssen, versprach es aber in aller Ernsthaftigkeit.
Lord Chainwick blickte sie nun erwartungsvoll an. „Ich nehme an, es hat mit der Frau am See zu tun.“
„Ganz recht.“ Das war nicht schwer zu erraten gewesen. „Das Bildnis ist tatsächlich sehr alt. Es entstand im Jahre 1319.“
Lord Chainwick machte große Augen. „Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt... Aber wie kommt es, dass sie das Jahr so genau bestimmen können?“
Nun war der Moment gekommen. Es gab kein Zurück mehr. Entweder würde sie ihm ein wundersames Geschenk machen können oder sie wäre als verrückt abgestempelt und konnte ihre gute Reputation vergessen.
„Die Frau hat es mir gesagt.“
„Die Frau hat...“, er sah derart verwirrt drein, dass Lorraine um ihre Fassung bangte, „Was meinen Sie damit? Ist das ein Scherz, den ich nicht verstehe?“
„Nein, Mylord, ich scherze nicht. Sie hat es mir wirklich und wahrhaftig gesagt. Das Bild ist lebendig.“
Lord Chainwick sah sie von oben herab und ziemlich schräg an. Er schüttelte ein wenig den Kopf. „Ihnen ist nicht wohl, Miss Henderson. Ich werde Mrs. Ross rufen, damit sie sie auf ihr Zimmer bringt.“ Er streckte schon die Hand nach der Taste am Telefon aus, doch Lorraine kam ihm zuvor indem sie schnell ihre Hand darüber legte.
„Mir geht es gut und es ist die Wahrheit, Mylord.“ Die Festigkeit ihrer Stimme ließ ihn innehalten. Forschend unterzog er sie erneut seinem Blick.
„Sind Sie bereit, mit mir noch einmal in das Kellergewölbe zu steigen? Ich würde Ihnen die Frau am See gern vorstellen.“
Er zögerte. Sicher erwartete er die Auflösung eines Streichs oder aber den Ausbruch völligen Wahnsinns bei Lorraine. Doch sie schaute ihm nur offen ins Gesicht.
„In Ordnung, Miss Henderson“, sagte er schließlich, doch es war klar, dass er ihr kein Wort glaubte, „zeigen Sie mir, was sie gefunden haben.“

*


Einige Wochen später besuchte Lorraine erneut Straitcairn Castle. Lord Chainwick hatte ihr geschrieben und sie eingeladen.
Mauds Bildnis hing nun in seinen persönlichen Räumen. Lorraine hatte ihn richtig eingeschätzt. Er hatte Mauds Wünsche respektiert und ihr Bild nicht ausgestellt. Die beiden waren sehr gute Gesprächspartner geworden. Lord Chainwick interessierte sich für alles, was Maud ihm erzählte und Maud war froh, ihn als Vertrauten zu haben. Sie wusste viel über die Geschichte der Familie und des Schlosses. Einiges hatte sie miterlebt, anderes von den Bewohnern erfahren. Es war eine Beziehung von beidseitigem Nutzen, wie Lorraine es vorhergesehen hatte.
Lord Chainwick empfing sie in seinem privaten Salon. Dort war auch Mauds Bild zu finden. Er empfing sie sehr herzlich.
„Miss Henderson, ich bin Ihnen zu so viel Dank verpflichtet“, sagte er feierlich, „Dass sie mich mit Lady Chainwick zusammengebracht haben, war ein unbezahlbarer Dienst.“
„Ich bitte Sie“, erwiderte Lorraine mit charmantem Lächeln, „ich freue mich sehr darüber, dass Sie beide nun von der Gesellschaft des anderen profitieren können.“ Sie schenkte auch Maud ein Lächeln und erkannte, dass diese sehr viel gelöster wirkte, als sie es vor einigen Wochen im Kellergewölbe gewesen war. Sie winkte Lorraine heran.
„Ich habe Hector von Cináed erzählt“, flüsterte sie.
Lorraine sah verblüfft auf. Lord Chainwick kannte nun also die ganze Geschichte. Die beiden schienen wirklich auf einer Wellenlänge zu sein. Familienbande oder soetwas.
„Ich glaube, er versteht meinen Kummer“, fügte Maud hinzu, „er glaubt, dass Cináed mir vergeben hat. Ich möchte es auch gern glauben, aber... Jedenfalls versucht er immer, mir alles schön zu machen.“
„Das ist wundervoll, Maud, ich freue mich so für dich!“ Lorraine sprach verbindlich und aus vollem Herzen.
„Tee?“, fragte Lord Chainwick.
„Gern“, erwiderte Lorraine.
Es wurde ein vergnüglicher Nachmittag. Sie konnte mit Lord Chainwick wunderbar fachsimpeln und Maud wusste stets etwas aus ihrem Erfahrungsschatz beizutragen. Maud unterhielt sich mit Lord Chainwick in klangvollem Scots, was Lorraine sehr gern hörte. Es erinnerte sie an ihren Großvater. Es war ein gutes Gefühl, in Erinnerungen an die eigene Familie zu schwelgen und zu wissen, dass man eine andere Familie näher zusammengebracht hatte. Über Jahrhunderte hinweg.



***




Das Feuer hatte mich innerlich fast zur Gänze aufgezehrt. Ich spürte in jedem Knochen, dass es bald enden musste. Ich war schwach, ausgelaugt. Ich hob die Hand und winzige Flämmchen flackerten über den Knöcheln auf. Sie waren erbärmlich. Ich hatte mir meine Freiheit teuer erkauft. Die Magie und das Feuer waren aus mir herausgeflossen. Ich hatte sie über und über beansprucht. Doch keine Energie ist unendlich. Ich hatte meine Macht ausgekostet und mein Leben nach meinen Wünschen gestaltet. Hass hatte mich dazu beflügelt, aus dem Dasein in der Dunkelheit auszubrechen. Doch mein Hass war längst erloschen.
Ich hatte ein kurzes Leben im Licht geführt. Nur wenige Jahre war ich unter der Sonne unterwegs. Doch ich hatte es genossen. Meine Magie hatte mir in jeder Situation Möglichkeiten geliefert. Ich brauchte nicht diese vergegaukelte Sicherheit im Verborgenen. Mein Feuer ist nichts, das ich verstecken muss. Ich bin kein Monster.
Meine Gedanken liefen wie von selbst einen verschlungenen Pfad entlang bis zu einem einsamen Schloss. „Mutter“, entkam es meinen ausgetrockneten Lippen. Würde sie noch immer in dem Schloss sitzen und auf mich warten, wenn ich sie nicht so hart gestraft hätte? Würde sie mich wieder lieben können? Ich wollte weinen, doch ich hatte keine Tränen mehr.
Ich erinnerte mich an den Tag, an dem ich sie verbannt hatte. Ich hatte mich mächtig gefühlt. Frei und mächtig. Ich hätte alles tun können. Ich hätte das ganze Schloss dem Erdboden gleich machen können. Zorn hatte mich geleitet, blinder Zorn, das wusste ich jetzt. „Vergib mir, Mutter“, flüsterte ich dem Wind zu, der sanft meine Wangen strich. „Bitte vergib mir. Ich habe es längst getan.“ Irgendwie spürte ich tief in mir, dass ich ihre Liebe nicht verloren hatte. Ich wünschte ich hätte sie noch einmal sprechen können. Damals wollte ich ihr nicht zuhören. Was gäbe ich nun darum, ihre Stimme zu hören. Sie müsste gar nichts erkären. Nur für mich singen. Mich in den Tod singen, wie sie mich früher in den Schlaf gesungen hatte.
Bin ich doch zum Monster geworden? Konnte man ein Monster lieben?
„Cináed mein Sohn, niemand, der so geliebt wird wie du, kann jemals ein Monster sein.“ Ich schluchzte auf. Ihre Stimme war so deutlich in meinem Kopf, die Erinnerung an ihr sanftes Gesicht so klar. „Lass mich sterben, liebe Sonne.“ Ich blickte hinauf in ihren schmerzenden Strahl. „Du sollst nun wieder das einzig sichtbare Feuer sein.“



Diese Geschichte war ein Beitrag zum Wettbewerb "Für andere unsichtbar".
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