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DIE FÜCHSIN

von Ente123
Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
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Die Füchsin:


Regen … Kälte … Dämmerung. Ausdruckslos, aber im Inneren zerronnen. Tropfen: Tropf. Tropf. Platsch. Kullern sie langsam die Scheibe hinab und hinterlassen dabei ganz kleine, winzige, aber viele von sich selbst. Tränen des Himmels, so sagen manche, andere bezeichnen es als Unglück oder Pech, wenn es plötzlich zu regnen begann. Unerheblich oder nicht? Spielt es eine Rolle? Wenn die Rinnsale himmlischer Wertschöpfung, woraus alles Leben bestand, die Glasscheibe der Bahn hinunterflossen. Der hässliche türkisblaue Aufdruck der Stadtwerke von Innen nur ein schwarzer Fleck auf dem Glas, welcher die Sicht auf die vorbeiziehende Landschaft raubte.

Bahnfahren gab einem das Gefühl der Ruhe. Ausnahmsweise musste man mal nichts tun, sich nicht stressen, für wenige Minuten einfach mal erkennen, wie sinnlos das Leben an einem vorbeirauscht, um dann weiterzuziehen, mitzuschwimmen und zu vergessen wie wichtig die belanglosen Dinge, über die man sich in diesen flüchtigen Momenten den Kopf zerbrach, vielleicht waren. Hektik bestimmte das Leben, Ruhe und Frieden war für die Zeit danach bestimmt. Und doch genoss man in diesen verschwendeten Viertelstunden des Wartens auf das Ankommen das bisschen Ruhe und Entkommen. Tropf. Tropf. Tropf.

Doch heute war es anders. Ruhe aber kein Entkommen. Der Körper genoss diesen Moment des Nichtstuns, aber die Seele, der Geist, oder wie man es bezeichnet, unerheblich, bedrückt und beengt ein einer inneren Unruhe, die zu beschreiben kein Wort vermag. Den Kopf auf die kalte Scheibe gelegt durchfuhr mich in regelmäßigen Abständen das Zittern. Eine Welle aus Gänsehaut und Panik eingeschlossen in der Entspannung meines Körpers und der geheizten Bahn. Fragen über Fragen ohne Antworten. Sorgen und mehr Sorgen ohne Lösungen. Das flüsternde Beten und Schreien nach Stille, aber es war still, möglicherweise viel zu still. So still und so ruhig, dass man die Zeit findet, um wieder über Dinge nachzudenken, Dinge die man abgeschlossen hatte, die man verdrängt hatte, und einem wird bewusst: Es fehlte etwas. Die Hektik.  

Stock über Stock und Stein über Stein, das Rennen, das Fliehen, das Rennen, das Ziehen, das Rennen, das RENNEN, zu wenig Ruhe und doch viel zu viel. Man darf keine Zeit haben, um zu hinterfragen, um zu erkennen, um zu denken, nur noch Rennen, Pflichten, Aufgaben, die einen davon ablenken, wovon eigentlich ablenken? Dass alles sinnlos ist? RENNEN.

Ich schüttelte mich und zwang mich aufzuhören, darüber zu denken. In meinen Hörern eine beruhigende Musik.
Graue Bäume zogen langsam vorbei, zu meiner Linken die Straße, auf meiner Rechten der Wald. Der stürmende Regen und ein dunkel blauer Himmel, wie er eben aussieht Ende Januar um 18:00 Uhr. Eine düstere Atmosphäre mag man meinen, wenn es so viel regnet, dass man beinahe denkt, ein Nebel hätte sich in das Tal gesetzt. Ich stieg aus, zog die Jacke fest um meinen Körper, weil ich, obwohl ich aus der warmen Bahn kam und mein Körper noch zwei Minuten brauchte, um abzukühlen, fror. Es dauerte keine Minute, da hingen mir meine Haare nass im Gesicht, verklebten sich in meine geröteten Wangen. An dieser Stelle sollte gesagt werden, dass es keineswegs ein unangenehmes Gefühl war, denn ich liebte kalten Regen, wenn er auf mich niederrasselte und ich komplett durchnässt die Hände gegen immer gestreckt genoss, mal wieder etwas zu fühlen, auch wenn es nur die Kälte war und das quietschende Gefühl mit klatschnassen Socken in undichten Schuhen zu stehen. Es machte mich beinahe zu einer anderen Person, da es mich Dinge erfahren ließ, die jedem anderen fremd wären.  

Mein Kopf hob sich etwas, als ich die Straße überquerte und in eine große Kreuzung einmündete. Auf meiner Linken befand sich eine Schrebergartenanlage, 1000 Meter weiter ein weiteres Wäldchen, welches schließlich in ein Neubaugebiet mündete, wo ich wohnte. Auf dem Weg dorthin hörte es auf zu regnen und die Wolken machten Platz für den dunkelblauen Himmel der Dämmerung. Wie weit dieser Himmel wohl ging und was dahinter war? Dieser Blick in die Endlosigkeit und Ewigkeit überwältigte mich, machte mich ruhig und fast melancholisch. Meine Probleme und Sorgen waren so nichtig im Vergleich zu diesem Anblick des sterbenden Tages. Die Einsicht, dass all jenes nicht relevant war in Relativität zur zeitlosen Unbegrenztheit. Klein und unbedeutend wie der Regen. Religiöse Menschen würden es als Gotteserfahrung betiteln, aber in Wahrheit war es die depressive Erkenntnis der Sinnlosigkeit aller begrenzter Existenz, die mich so wunderbar und unbeschreiblich ausfüllte, als würde ich die Luft der ganzen Erde einatmen, und ließ mich leer zurück.  

So traurig leerend die Erfahrung zu sein schien, um so füllender und glücklicher war sie, weil sie einem zeigte wie unbedeutend alles vermeidlich Schlechte doch war. Die Hektik, das Rennen, das Ziehen waren nicht das Ultimatum unserer Existenz, sondern das Ende, der Tod. Kein ewiges Lernen, keine ewige Panik und Hektik, keine ewige Pausenlosigkeit, sondern eine ewige Ruhe. Und just in diesem Moment, wo man bereit ist, weitere wichtige Erfahrungen zu machen, tauchte hinter mir, auf der anderen Straßenseite, ein grauer Schatten auf, der geschmeidig über den Bürgersteig huschte. Regungslos stand ich still und beobachtete, wie die katzengroße Gestalt mir nun genau gegenüberstand. Es war eine Füchsin die mich mit ihren scharfen, intelligenten Augen regungslos beobachtete.

Woher ich wusste, dass es eine Füchsin war und kein männlicher Fuchs, wusste ich nicht. Wir beide starrten einander gebannt an, alle Gedanken und Gefühle aus meiner Wahrnehmung verbannt. Für einen kurzen Moment bestand alle Welt nur aus mir und der neugierigen Füchsin. Plötzlich lief sie los, die Straße entlang, und ich hinterher. Wir beide liefen bis an den Rand des Waldes, nur von der Straße getrennt. Ich wusste, dass sie mühelos zehn Mal schneller sein konnte als ich, aber sie passte sich meinem Tempo an und lief neben mir. Unser Blickkontakt trennte sich nicht.

Wir blieben stehen. Die Straße war nun dünner, sodass ich in der Dämmerung trotz meiner vielen zerzausten Haare im Gesicht das orangene Fell mit dem plüschig weißen Bau erkennen konnte. Die Füchsin setzte auf und rannte auf die Straße, direkt auf mich zu. Ich wartete gespannt, wusste nicht, was hier passiert. Für eine kurze Sekunde bekam ich Angst und befürchtete, dass die Erklärung von all dem war, dass dieses Tier bloß Tollwut hatte. Doch ehe mein Gehirn im Stande zu mehr Panik war, schoss ein Auto von der Seite an mir vorbei. Geschockt und immer noch erstarrt folgte mein Blick der Füchsin, welche im letzten Moment dem hupenden Fahrzeug aus dem Weg sprang und zurück auf der anderen Straßenseite im Dickicht verschwand.  

Ich wechselte nun ebenfalls die Straßenseite, doch das Tier war nicht mehr zu sehen. Ehrlich gesagt befürchtete ich in diesem Augenblick, mir all das schlichtweg eingebildet zu haben. Wieso sollte ich mit einem Fuchs Blicke wechseln oder in einem Tempo mit ihm an der Straße entlangrennen. Je länger ich darüber nachdachte, desto unwirklicher schien es mir, bis sich meine Nackenhaare plötzlich hochstellten, als wäre ein Urinstinkt gerade angesprungen und schrie: „Pass auf.“
Mein Blick ging sofort in Richtung schwarzes Dickicht. Ich sah sie nicht, hörte sie nicht, aber wusste, dass sie in diesem Augenblick ihre gelben Augen auf mich richtete. Ich verharrte kurz und suchte das dichte Schwarz ab, ob ich vielleicht einen Umriss erkennen konnte. Doch plötzlich war das Gefühl weg und ich hörte ein fernes Rascheln. Ich wusste, die Füchsin war weg.

Ich wusste nicht, was es bedeutete, werde es vermutlich auch nie mehr erfahren, aber ich wusste, dass die Lebenserfahrung wichtig war, sie hatte etwas mit mir gemacht und mich verändert. So wollte mir etwas mitteilen und mich zur Veränderung bewegen. Meine Weltsicht wurde auf das Wesentliche fokussiert. Ich sah die Welt aus anderen Augen. Es war einfach anders, gab mir das Gefühl, dass vielleicht doch alles irgendwie zusammenhing und es einen Sinn gab, der sich mir bis jetzt entzog und jedem Lebewesen immer entziehen wird, weil es in seiner Perspektive beschränkt ist. Dieser Zusammenhang blieb offen und ich wartete auf weitere solcher Zeichen, ein Signal, das meine Vermutung bestätigte. Seit jenem Tag achtete ich beim Heimweg immer auf Anzeichen der Füchsin, doch sie sollte nie wieder auftauchen, verschwunden und unsichtbar. Vermutlich genauso unsichtbar wie meine Erfahrung für andere war. Wenige Tage später erzählte ich die Story einer guten Freundin. Diese meinte, vor einigen Jahren eine ähnliche Erfahrung mit einem Fuchs gemacht zu haben, hatte es aber nie jemanden erzählt.  

Ich beschloss abgesehen von diesem einem Mal, das Erlebnis ebenfalls für mich zu behalten, aber die Erinnerung daran, sofern es sich jemals anbot, aufzuschreiben, denn sie machte mir Mut, weil sie wahr ist, vielleicht mittlerweile im Geiste etwas verdreht, aber dennoch Wirklichkeit, ausschließlich für mich ...

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