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Quintessenz

von Avarantis
KurzgeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
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1.783
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Vorwort:

Kann, wie immer, übersprungen werden. Dies ist ein Beitrag für den Wettbewerb ‚Für andere unsichtbar‘ von den wunderbaren Spinatwachteln. Vielen, vielen Dank für das Organisieren, es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, diese Geschichte zu schreiben und ich bin ganz herzlich Berührt von den Mühen, die ihr hier hineingesteckt habt!



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Quintessenz


Ich kam, als es dämmerte und die Autotür zuschlug. Der weiße Kittel des Fahrers blieb in der Tür hängen. Er war abgelenkt und schluderte. Der Mann fluchte, als er die Autotür erneut öffnete, um sich daraus zu befreien. Er hatte es eilig. Als die Zündung ratterte, erscholl gedämpfte Weihnachtsmusik durch den Blechkasten und das Getriebe des winzigen grünen Büchsenautos schlitterte auf unsicherem Pfad hinfort von den leuchtenden Türen des windschiefen Häuschens.  

Der Winter biss sich mit kalten Klumpen in meinen Mantel, obwohl mein Weg durch den Schnee keine Spuren hinterließ. Ich sah zuerst das Mädchen mit den rotgeränderten Augen. Sie spritzte sich kühles Wasser ins Gesicht. Ihr Fluch war tonlos, als sie dabei die Küchenspüle überschwemmte. Sie blickte nicht auf, schrubbte emsig jeden Tropfen fort, gänzlich unwissend. Nur der Hund vor dem flackernden Kamin hob die graumelierte Schnauze und schnupperte. Nicht heute, mein treuer Freund. Doch er schien die Glöckchen um meine Stiefel zu hören, denn seine Ohren zuckten und unbewusste folgen sie dem sanften Klingeln, als ich zum nächsten Fenster schritt.

Eisblumen rankten sich an morschem Holz hinauf. Hinter dunstbeschlagenen Scheiben aus einfachem Glas lag unter grobgestrickten Decken ein faltiges Mütterchen mit weißen Händen. Das Fenster klimperte in urvertrauter Melodie, als ich klopfte. Ein leises Pochen wie der letzte Herzschlag eines alten Menschen. Die alte Dame neigte den Kopf.

Es waren fünfzehn Minuten bis Mitternacht, als der Schnee in so dichten weißen Watteflocken vom Himmel fiel, dass es unmöglich wurde, auch nur einen halben Blick nach draußen werfen zu können.
Jette verbiss sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Fluch. Schön die Unterlippe zwischen die Zähne schieben und alle bösen Worte schmerzten nur dort und niemanden sonst.
Ein Trick aus Kindertagen, beigebracht von Oma, der alle Wut und Frustration zumindest kurzfristig zurück in ihr Inneres verbannte. Mit verkniffenen Augen suchte Jette eine vergeblich klare Sicht durch das Schneetreiben. Doch mit dem brennenden Gefühl um ihre Lider erschien es ihr ohnehin wie vergebliche Liebesmühe, in der Dunkelheit auch nur einen kleinen Fetzen von festlicher Weihnachtsstimmung zu finden.

Jette streckte sich auf dem knarzenden Holzstuhl aus, ignorierte den stechenden Schmerz in ihrem Rücken, blendete das unschöne Pochen in ihren Füßen aus. Es war der erste Moment des Tages, an welchem sie saß. Mit fast wehmütigem Gesicht blickte sie zu Charon, der eingerollt auf dem Teppich vor dem Kamin lag und das an Schlaf aufholte, was Jette sich gerade nur erträumen konnte.

In diesem Moment erscholl aus dem Radio der vertraut quietschende Klang von „Last Christmas“.

Jette vergrub das Gesicht in den Händen und fluchte doch laut, ehe sie sich wieder im Griff hatte.
Contenance, redete sie sich selbst zu, du hast schon Schlimmeres geschafft.
Heute zum Beispiel.
Oder gestern.
Oder vorgestern.
Fein schmierte der rote Tropfen einen kühlen Pfad hinunter auf ihr Kinn, als ihre Unterlippe zu bluten begann. Es war die Wut auf sich selbst, nicht vorausgedacht zu haben. Gepaart mit der Frustration einer nie enden wollenden Spirale an Arbeit. Dazu kam das erdrückende Quetschen der Erschöpfung um Jettes Brust, das ihr das Gefühl gab, nicht mehr richtig atmen zu können.
Sie schnaubte in ihren Holundertee. Sie war nicht diejenige, die in diesem Haus nicht richtig atmen konnte.

Es war der dreizehnte Tag. Der dreizehnte. Kein Pflegegeld, keine Bestechungskosten, nichts und niemand konnte eine Krankenschwester für die Feiertage auftreiben. Alle Ressourcen waren erschöpft, überall mangelte es an ausgebildeten Kräften.
Sie schloss ganz kurz resigniert die Augen.
Während sie sich die ersten Tage noch damit getröstet hatte, dass es nur um reines Durchhalten ging und Jette ihre übliche Taktik des Stundenzählens angewendet hatte, hatte sie am zehnten Tag die Hiobsbotschaft erhalten. Die freien Tage fielen aus. Nochmal zehn. Folglich ging ihr innerlich zählendes Uhrwerk am zehnten Tag nicht auf den Modus „Pause“, sondern dem grausam vernichtenden „von vorne“ entgegen.
Dabei brauchte Jette eine Pause. Nur ein Tag, vielleicht. Einmal ausschlafen. Nicht vergeblich das ausgespuckte Blut ihrer Großmutter abwischen oder die überlebenswichtige Sauerstoffflasche wechseln, die Joschua mitbrachte, wenn er zu seinen Untersuchungen kam.
Mit Vanilleeis auf dem Sofa unter dem Weihnachtsbaum liegen und an schönere Welten denken.

Sie hatte Joschuas Blick gesehen, der schon lange kein Mitleid mehr trug.
Es war nur noch ein Kräuseln um die Mundwinkel, ein abfälliges Hochziehen der Nasenlöcher, das sein gesamtes Gesicht entstellte. Als wäre ihr Kampf um die Gesundheit ihrer Oma lange schon vergeblich.

„Bald wird es wieder besser“, hatte er vorhin gesagt und ihr dabei auf die Schulter geklopft, als er in seinen wohlverdienten Feierabend gefahren war.

Jette hatte ihm nicht einmal mehr widersprochen. Normalerweise glühende Verfechterin des Optimismus, schafften ihre letzten Kraftreserven keinen Protest mehr. Es war einfach zu schnell zu viel geworden. Noch dazu ohne Erfolg.
Und Oma brauchte sie. Drüben, in ihrem Zimmer, mit den Überwachungsgeräten, dem Sauerstoff. Niemand außer Jette wusste, wie man sie bediente. Niemand außer Jette konnte an Weihnachten über Großmutter wachen, für sie da sein. Es gab niemanden. Obwohl ihre Augenlider kribbelten und der Schlaf wie Nebelgeister an ihrem Verstand nagte, zwang Jette sich, gerade zu sitzen.

Es waren zehn Minuten bis Mitternacht, als frostbeißender Wind die klapprigen Fensterläden aufblies und etwas Eisiges durch den schmalen Flur wehte. Hindurch in das Zimmer der Großmutter, hinein in den Kamin und direkt in Jettes Mark. Charon hob den Kopf, als die Holzscheite knisterten.

Etwas hatte sich verändert.

Sie sprang so hastig auf, dass das Radio zitterte.

„Oma?“, rief Jette den Gang hinunter, die folgende Stille schnürte sich um ihren Brustkorb. Der Flur dehnte sich, erschien ihr ewig, als sie ihn entlang sprintete, Bilder aus vergessenen Tagen ihr mit besorgten Blicken folgten, jeden Schritt beobachteten.

„Oma?“, fragte sie erneut, als sie die Tür aufstieß, seltsam beklommen.

Der Duft von ausgedientem Parfüm wehte Jette entgegen, ein Relikt aus einer Zeit, in welcher ihre Großmutter die feine Dame gewesen war, die das Porträt über dem Kamin darstellte. Mit Pelzmantel, Lippenstift und Lebendigkeit. Jetzt lag sie gebeutelt unter dem piepsenden Überwachsungsgerät, dunkel geränderte Augen und eine schwer hebende und senkende Brust. Sie sollte sich nicht schwer tun, ganz und gar nicht so sehr.

Eiskalt rann es Jettes Rücken hinunter, als sie die letzten Schritte überwand. Das Störende, was sie beinah schon ausgeblendet hatte, sobald sie das Zimmer ihrer Großmutter betrat, hatte sich gewandelt.

Irgendetwas Frostiges, Klumpiges fiel mit einem dumpfen Schlag in Jettes Innerem hinab. Es war die unausweichliche Gewissheit, die sich mit schrecklicher Klarheit offenbarte. Das Fiepsen der Beatmungsgeräte, das im Zimmern die laue Weihnachtsmelodie übertönte. Grässlich schrill, unumstößlich. Immer hörbar. Es war fort. Die Sauerstoffreserven in den Metallflaschen, die unter dem fremden Pflegebett standen, waren aufgebraucht. Unerkannt von jedem geschäftigen Treiben von Joschua, der sich blind darauf verlassen hatten, dass das über die Feiertage schon werden würde.

Nichts würde werden. Sie waren leer.

Fiebrig suchten Jettes Augen die Boxen ab, sie tauchte unter die Matratze, klaubte an den Schläuchen. Die Anzeige blieb auf rot. Wie lange brauchte sie, bis sie beim Telefon war? Wie lange würde ein Rettungswagen durch den Schnee brauchen?

Wie lange brauchte ein Mensch zum Ersticken?

„Jette“, sagte Oma sanft und schloss die zittrig runzlige Hand um den jungen Unterarm. Jette wollte schreien. Stattdessen kniff sie den Mund zusammen, schluckte trocken. Schluckte noch einmal.

Es waren fünf Minuten bis Mitternacht.
Alte Augen in einem eingefallenen Gesicht, das graue Lockenhaar wie ein Totenkranz auf dem Kissen.

„Ist schon gut, Liebes“, die Sauerstoffbrille blies keine Lebensessenz mehr. In den schmalen Plastikröhrchen, die an der Nase von Oma lagen, hatten sich feine Verdunstungströpfchen gebildet, die wie die Fensterscheibe langsam eintrübten.

„Ich hole einen Ambubeutel“, Jettes Stimme klang fad, die Hoffnungslosigkeit streckte sie lang und dünn wie rissiges Papier. Selbst, wenn sie es schaffen würde, ihre Großmutter mit Muskelkraft zu beatmen – ihr fehlte eine wichtige Zutat. Sauerstoff. Die Flaschen waren aufgebraucht, nicht mehr verfügbar. Der Rettungswagen würde zwölf Minuten brauchen. Ein Spiel gegen den Tod, das sie nicht gewinnen konnte, solange sie keinen Trumpf in der Hand hatte.  

Alle Mühe vergeblich.

Oma hätte sie nicht hören können, das Piepsen ihres Sauerstoffgerätes war allumfassend, grausam stechend in den Ohren. Sie hielt sich immer noch an Jette fest. Eine feine Linie auf den Geräten, ein helles, quietschendes Blau unter der Herzfrequenz. Es sank stetig ab. Schreckliche Prozentwerte, immer näher gegen null.

Kalt rann die Angst Jettes Wangen herab.

„Nicht doch, Liebes.“

Drei Minuten bis Mitternacht.
Unter den roten Ohrringen wurden die Läppchen blau. Wie Spinnenfinger breitete sich dunkelviolett die Zyanose über Lippen, Wangen und Nasenspitze aus, als würde jemand eine farbbespritzte Hand unter der Haut ausstrecken. Ihre Augen flatterten.

„Wenn du gehst, bin ich mit ihm allein.“

Jette fragte nicht, wen Oma meinte. Sie wusste auch nicht, wann aus der vertrauten Großmutter in ihrem Kopf die Sterbende geworden war. Vielleicht, als sie den Raum betreten hatte. Vielleicht, als sie selbst die schummrige Kraft des Todes in der Ecke des Schlafzimmers wahrgenommen hatte. Vielleicht aber auch gar nicht.

„Ich will nicht allein sein. Nicht, bis es überstanden ist.“

Zwei Minuten.

Die Venen am Hals waren zum Bersten gespannt, traten hart neben den Sehnen hervor. Oma krampfte, schnappte ein letztes Mal nach Luft, verbog den Leib. Hinter dem Kreischen der Überwachungsgeräte hörte Jette das Rascheln eines Glöckchens im Wind. Der Ruf des Todes war leise aber bestimmt. Fast lockend.

Jette stürzte auf das Krankenbett, riss dabei den Arm der Sterbenden mit sich, als sie mit beiden Händen links und rechts auf ihre Ohren drückte.

„Sie kann dich nicht hören!“, schrie sie über das Piepen der Atemgeräte, „siehst du, sie kann dich gar nicht hören!“

Sausend mischte sich das Flimmern der Elektrizität mit dem Heulen des Schneesturmes, das Klingeln der Glocken plötzlich laut und allumfassend.

Eine.

Mit geöffnetem Mund schnappte Oma nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen, ruhig und tief, ehe die Lippen sich spalteten, der Kiefer hinabsank. Der letzte Hauch von Leben senkte ihre gesamte Brust herab, ließ ihre Wangen einfallen und lockerte den Griff ihrer Hand.
Jette schrie in die Stille.

Die Uhr schlug Mitternacht.

҉




Worterklärungen

Ambubeutel, auch Beatmungsbeutel, für die manuelle Zugabe von Luft, wenn ein Patient nicht mehr selbstständig die Atmungsaktivität ausführen kann.

Sauerstoffbrille, ein Plastikschlauch, der einer Brille ähnelt, daher der Name. Zur nasalen Unterstützung der Sauerstoffzufuhr, wird Patienten an beide Nasenlöcher gelegt und hinter die Ohren geklemmt.

Zyanose, Blaufärbung der Haut, tritt meist bei mangelhafter Durchblutung auf.



Dramatis Personae

Charon, treuer Familienhund.

Jette, Protagonistin, ‚die reiche Beschützerin‘

Joschua, Hausarzt, ‚der Helfende/der Heiler‘

Oma, Protagonistin

Der Geist der Weihnacht oder der Tod
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