Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Wahrheit [Wettbewerb]

von Sira-la
OneshotDrama, Übernatürlich / P16 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
2
2.995
12
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
30.04.2021 2.827
 
„Sie hat nur viel Fantasie“, sagten unsere Eltern.
„Er denkt sich das nur aus“, sagten unsere Erzieher.
„Die Kinder wachsen da schon irgendwann raus“, sagten unsere Ärzte.
„Wie geht es euren unsichtbaren Freunden?“, fragten unsere Verwandten. Sie lachten dabei, warfen sich diese Blicke zu, die klar machten, dass man auf die Kinder eingehen musste.
Sie hatten alle keine Ahnung. Aber was soll man von Erwachsenen auch erwarten?

Die Frau zwinkerte dem Reporter zu. Seine Haltung machte deutlich, dass er noch nicht verstand, worauf sie hinauswollte. Er hatte nicht sonderlich viele Informationen erhalten, bevor er hergekommen war. Mit einem wehmütigen Lächeln setzte sie ihre Erzählung fort.

Mein Bruder und ich wissen, wie die Realität aussieht. Schon als kleine Kinder konnten wir durch den Schleier sehen und die Wahrheit erkennen. Alle kleinen Kinder können das. Aber mit der Zeit wird ihnen eingeredet, dass das alles nur ihrer Fantasie entspringt und irgendwann verlieren sie den Blick dafür.
Eine Fee? Gibt’s nicht, war bestimmt nur ein Schmetterling.
Pegasus? Pah, kleines Flugzeug, das muss es sein.
Narren, alle miteinander. Ich weiß bis heute nicht, wer das angefangen hat, dieses Verdrängen und Vergessen. Das Leugnen und Lügen. Ich weiß nur, dass mein Bruder und ich nicht vergessen haben. Nicht verdrängt und nicht geleugnet haben. Die Feen existieren, die Pegasi fliegen über den Himmel, die Seen sind voller Nixen, ich könnte unendlich lange so weiter machen. Denk an ein beliebiges Fantasy-Wesen und ich sage dir, es existiert. Die meisten sogar näher, als du denkst.
Und näher, als du sie haben willst. Denn sie sind nicht lieb und nett und Regenbogen und Sonnenschein. Die Feen tanzen wie Schmetterlinge über die Wiesen, weil sie auf der Jagd nach genau diesen hübschen kleinen Tierchen sind. Die Pegasi machen sich einen Spaß daraus, Flugzeuge zu rammen und zum Absturz zu bringen. Die Nixen locken Menschen zu sich ins Wasser und lassen sie nie wieder gehen. Du verstehst vermutlich, worauf ich hinaus will. Da draußen ist eine ganze Welt voller verfluchter Monster! Aber anstatt auf unsere Warnungen zu hören, sperrt man uns weg.
Wenn Kinder sagen „Da fliegen Feen über die Wiese.“, dann ist das süß und niedlich und was weiß ich noch alles.
Wenn Erwachsene sagen „Da fliegen Feen über die Wiese.“, dann ist das ein Grund, sie in eine Irrenanstalt zu stecken. Um zu helfen, natürlich. Keine Ahnung, wem genau, denn ich fühle mich nicht so, als würde ich hier Hilfe bekommen. Im Gegenteil. Weil wir uns gegenseitig anstacheln würden, dürfen mein Bruder und ich uns nur noch unter Aufsicht treffen. Gespräche über die Wahrheit, unmöglich. Pläne schmieden, um verdammt nochmal alle zu retten, noch unmöglicher. Aber vielleicht mal von vorne.

Die Frau wischte sich über die Augen und dem Reporter wurde klar, dass sie kurz davor stand, in Tränen auszubrechen. Etwas verlegen zog er ein sauberes Taschentuch hervor und reichte es ihr. Sie lächelte und schnäuzte sich, bevor sie weitersprach.

Es war, ganz klischeehaft, ein wunderschöner Sommertag, als sich unsere Welt für immer ändern sollte. Wir waren zehn Jahre alt, drei Monate und vier Tage. Es war genau das Alter, in dem die meisten Kinder ihren Blick verlieren, weil sie erwachsen werden wollen.
Wir hatten Ferien und unsere Eltern waren mit uns zum nahegelegenen Badesee gefahren. Mit Kinderaugen betrachtet war der See gigantisch groß und in weiter Ferne, ungefähr in der Mitte, befand sich eine Insel. Realistisch betrachtet gehört der See eher zu den kleineren. Ein guter Schwimmer braucht maximal eine Stunde, um ihn zu durchqueren. Die Insel war und ist ein beliebter Platz, um sich zu sonnen. Und natürlich wollten mein Bruder und ich dort hin.
Unsere Eltern hatten extra ein aufblasbares Boot dabei, damit wir die Strecke nicht selbst schwimmen mussten. Wir ließen es an der Stelle ins Wasser, an der sich der Zulauf des Sees befand. Heißt das dann überhaupt See? Auf der einen Seite fließt ein Bach in ihn hinein, auf der anderen Seite wieder hinaus. Wir wollten jedenfalls die Strömung nutzen, um nicht die ganze Strecke paddeln zu müssen.
Unsere Eltern schwammen neben uns her, hielten aber genug Abstand, dass sie unseren Paddeln nicht in die Quere kamen. Ich weiß noch, wie sie uns abwechselnd englische Wörter zuriefen. Vokabeln-Lernen war etwas gewesen, das sie für uns einfach in den Alltag eingebaut hatten. Wir hatten schon fast die Insel erreicht, als ich sie das erste Mal sah.
„Nixen!“, rief ich und deutete aufgeregt ins Wasser.
Mein Bruder stellte das Paddeln ein und kniete sich neben mich, ebenfalls fasziniert von dem Schauspiel. „So viele“, sagte er erstaunt. Es war ein ganzer Schwarm, der unter uns schwamm. Die Schuppen ihrer Flossen glitzerten im Sonnenlicht, das durch die Wasseroberfläche brach.
Unsere Eltern lachten. „Das sind nur Fische“, rief unser Vater uns zu.
Ich weiß bis heute nicht, ob es daran lag, dass sie ihn als Beute wählten.
Zwei der Nixen näherten sich ihm und noch bevor wir ihn darauf hinweisen konnten, hatten sie ihn plötzlich an den Beinen gepackt und unter Wasser gezogen.
Damals waren wir noch naiv, mein Bruder und ich. Wir dachten, sie wollten mit ihm spielen. Aber es dauerte zu lange. Die panischen Rufe meiner Mutter kann ich noch immer in meinen Alpträumen hören. Sie schrie seinen Namen und tauchte schließlich unter, um ihn zu suchen.
Sie tauchte nie wieder auf.

Es war ein bitteres Lächeln, das sie ihm jetzt schenkte. Der Reporter bemühte sich um Haltung, aber ihre Geschichte hatte ihn bis ins Mark getroffen. Auch sein Vater war ertrunken, kurz nachdem er selbst einen großen Fisch im Wasser gesehen hatte. Oder war es etwa …
Sie sprach weiter, bevor er den Gedanken richtig fassen konnte.

An jenem Tag lernten mein Bruder und ich die Wahrheit. Die Wesen, die wir sehen können, sind nicht freundlich. Sie sind Monster.
Und wir lernten, dass die Erwachsenen ihre Augen vor der Wahrheit verschließen. Stundenlang saßen wir in diesem kleinen Boot und riefen nach unseren Eltern, bis schließlich irgendwann ein Fremder zu uns geschwommen kam. Die Nixen befanden sich immer noch unter uns, aber obwohl wir ihn darauf hinwiesen, bemerkte er sie nicht. Zumindest rief er die Polizei.
Aber wenn zwei Kinder erzählen, dass ihre Eltern von Nixen entführt wurden, dann glauben auch die Polizisten das nicht. Oder die Frau vom Jugendamt, die sich um die verstörten Kinder kümmern soll. Oder die Großeltern, die die Kinder bei sich aufnehmen. Oder die Psychologen, zu denen die Kinder immer wieder aufs Neue geschleppt werden. Nicht einmal unsere Freunde glaubten uns. Wir waren jetzt in der fünften Klasse und in der weiterführenden Schule gehörte es sich einfach nicht mehr, an diese ausgedachten Wesen zu glauben.
Es dauerte eine Weile, bis wir wirklich verstanden, dass wir mit niemandem darüber sprechen durften.

Der Reporter blätterte auf die nächste Seite um, während sie einen Schluck trank. Ihr Blick schweifte dabei unstet durch den Raum und er vermutete, dass sie ihre Gedanken ordnete.

Kinder haben einen bestimmten Blick auf die Welt. Erwachsene einen anderen. Mein Bruder und ich befinden uns dazwischen.
Der Tod unserer Eltern hat uns geprägt. Es war solch ein einschneidendes Erlebnis, dass wir kein Interesse daran hatten, den Blick zu verlieren. Aber wir hatten auch dazu gelernt. Und wenn wir jetzt die Feen sehen, dann sehen wir sie wirklich. Wir sehen, dass sie auf der Jagd sind. Wenn wir jetzt die Pegasi sehen, bemerken wir das bösartige Funkeln in ihren Augen, wenn sie den Himmel anstarren. Wenn wir jetzt Nixen sehen, wissen wir, dass wir in diesem Gewässer niemals schwimmen gehen dürfen.
Und noch etwas anderes haben wir gelernt. Eine Lektion, die ungleich schwerer ist, zu akzeptieren: Niemand wird uns jemals glauben. Als Kinder wurden wir noch nachsichtig belächelt, wenn wir Warnungen ausgesprochen haben. Doch je älter wir wurden, desto merkwürdiger wurden wir angesehen. Also haben wir es anders versucht. ‚Schwimmen verboten‘, ‚Achtung, Vogelschwärme‘, ‚Wiese mit starkem Insektenbefall‘ und Ähnliches. Wir haben Schilder aufgestellt ohne Ende. Aber irgendjemand hat sie immer entfernt. Niemand will die Warnungen hören. Niemand kann diese andere Welt sehen. Und deshalb wird niemand uns retten.
Wir haben es versucht. Weiß Gott, wir haben es wirklich versucht. Mit Warnungen, mit der Wahrheit, mit unserer ganzen Kraft. Und wohin hat es uns gebracht? Wir sitzen hier fest, dabei haben wir doch nur versucht zu verhindern, dass noch mehr Kinder ihre Eltern an diese verdammten Nixen verlieren.

Der Reporter bemerkte, dass sie ihre Hände zu Fäusten geballt hatte. Sie schien seinen Blick zu spüren, denn sie schenkte ihm ein spöttisches Lächeln, bevor sie weitersprach.

„Hast du die Zeitung gesehen?“ Das war das Erste, was mein Bruder an diesem Tag zu mir sagte.
Ich war auf dem Weg zum Wasserkocher, wollte mir eigentlich einen Tee machen. Aber er stellte sich mir in den Weg und hielt mir die Zeitung hin.
„Da ist schon wieder jemand ertrunken!“, rief er. „Jeden Sommer passiert das und die Erwachsenen tun einfach nichts!“
Vielleicht hätte ich ihn darauf hinweisen sollen, dass wir inzwischen auch erwachsen waren. Ich befand mich mitten in meiner Ausbildung zum Tierpfleger. Tiere können die Wesen nämlich auch sehen. Und sie mögen sie nicht besonders. In der Nähe eines befreundeten Tieres ist man vor den meisten dieser Monster geschützt. Deshalb hat mein Bruder auch in einem Tierheim ausgeholfen. In unserer Wohnung konnten wir leider keine Haustiere halten.
Vielleicht hätte ich ihm auch einfach sagen sollen, dass solche Unfälle passieren. Aber ich wusste ja, dass es kein Unfall war. In dem gleichen See waren schließlich auch unsere Eltern umgekommen. Und jedes Mal, wenn wir dort waren, um neue Schilder aufzustellen, sahen wir die Nixen ihre Kreise unter der Wasseroberfläche ziehen.
„Wir müssen doch was machen können. Irgendwas, das mehr hilft als diese dummen Schilder!“ Er deutete auf den Stapel, den wir bereits vorbereitet hatten. „Wir müssen diese Biester irgendwie vertreiben!“
Ich hab an diesem Tag einfach nur genickt. Ich war müde, die Ausbildung war anstrengend und ich hatte kaum geschlafen. Ich war einfach noch nicht wach genug, um wirklich über das nachzudenken, was er sagte. Er hat alles alleine vorbereitet. Hat die Firma angerufen, die immer das Öl für unsere Heizung liefert, und zwei Fässer bestellt. Hat ein Auto gemietet. Hat sogar in meinem Namen im Zoo angerufen und um einen freien Tag gebeten. Als wir dann das nächste Mal über die Nixen sprachen, präsentierte er mir einen kompletten Plan, der schon halb umgesetzt war. Was hätte ich denn sagen sollen? Natürlich bin ich mit ihm mitgefahren.
Rache an diesen schwimmenden Monstern nehmen, das klang auch einfach zu gut, zu erstrebenswert. Und es war der Jahrestag. Eigentlich hätte ich am Nachmittag das leere Grab unserer Eltern besucht. Hätte der Erde gesagt, wie sehr ich sie doch vermisse. Stattdessen bot mir mein Bruder Rache an. Und ich stimmte zu.

Der Reporter lehnte sich leicht nach vorne und griff nach seinem zweiten Stift. Er wusste zwar schon, was passiert war, aber wenn er richtig informiert war, war er der Erste, der sich je die Mühe machte, wirklich die Wahrheit, oder eher ihre Wahrheit, zu erfahren.

Es regnete wie aus Eimern und noch dazu war es beinahe völlig dunkel. Es war ungefähr der dümmste Zeitpunkt, um sich einem See zu nähern. Das Wasser trat bereits über die Ufer und das Donnergrollen machte auch dem letzten Idioten klar, dass ein Gewitter über uns hinwegzog. Aber mein Bruder hatte das Auto nur für diesen Tag, also zogen wir die Sache durch.
Im Nachhinein betrachtet war es vielleicht sogar gut, dass so schlechtes Wetter war. Nixen schwimmen nachts tiefer als tagsüber und sogar diese Monster verstecken sich vor Blitzen. Badegäste waren natürlich auch keine in der Nähe. Wir waren völlig ungestört. Und so konnten wir die beiden Fässer auch ungehindert ins Wasser rollen. Das erste platzierten wir bei dem Zulauf. Das zweite ließen wir auf halber Strecke zum Ablauf ins Wasser und gaben ihm einen ordentlich Stoß mit. Wir konnten kaum was sehen, aber wir waren uns beide sicher, dass das Öl auslief.
Wir sind zwei Tage später das nächste Mal zu dem See gegangen. Das Wetter hatte sich gebessert, aber es regnete immer noch und die Zeitungen hatten noch nichts berichtet. Wir mussten einfach nachsehen, ob es wirklich funktioniert hatte.
Und das hat es. Dort anzukommen und all die toten Nixen im Wasser treiben zu sehen … Es hat sich unglaublich gut angefühlt.

Der Reporter erschrak beinahe vor dem grimmigen Grinsen, das sie jetzt zeigte. Sie trank einen weiteren Schluck Wasser und setzte sich etwas anders hin, bevor sie fortfuhr.

Mein Bruder und ich haben an diesem Tag beschlossen, dass wir die Schilder aufgeben. Die neue Variante war vielleicht für die Natur nicht so gut. Aber dieser See ist seitdem absolut sicher. Seitdem haben wir keine einzige Nixe mehr dort gesehen. Es gibt da diese Serie über Monsterjäger. Wir haben es genauso gemacht wie sie. Haben die Zeitungen durchsucht und nach seltsamen Todesfällen Ausschau gehalten. Am Anfang haben wir uns auf Ertrinkungsopfer konzentriert. Einen See nach dem anderen haben wir von diesen Monstern befreit. Das ging auch am einfachsten. Als nächstes haben wir uns den Pegasi gewidmet. Wir wussten, dass sie gerne Flugzeuge angreifen. In der Nähe von unserem See gab es einen Flugplatz. Nur ein ganz kleiner, aber wir sind da als Kinder trotzdem gerne mit unseren Eltern hingegangen und haben zugesehen, wie die Flugzeuge gestartet sind. Und wir haben dort auch die Pegasi gesehen. Nachdem … nun, wir sind auch mit unseren Großeltern nochmal dorthin. Und da haben wir dann wirklich gesehen, was die Pegasi tun.
Mein Bruder hatte die Idee. Wir haben Modellflugzeuge mit Gift gefüllt und sind mit denen so lange vor den Mäulern dieser Vierbeiner herumgeflogen, bis sie zugeschnappt haben. Und auf dem Flugplatz gab es endlich keine Unfälle mehr.
Dann sind wir über die Waldbewohner gestolpert. Wir nennen sie Kobolde, aber ich glaube, sie haben mehrere Namen. Sie und die verfluchten Irrlichter arbeiten zusammen. Locken Wanderer in den Wald und erlegen sie dort. Wir haben herausgefunden, dass sie ihre Stärke aus dem ältesten Baum ihres Waldes ziehen. Was hätten sie gemacht?

Der Reporter räusperte sich unbehaglich. „Nicht den Wald in Brand gesteckt“, sagte er mit rauer Stimme. Sie winkte ab.

„Kleine Opfer müssen gebracht werden!“ Das hab ich damals schon meinem Bruder gesagt. Wir machten das bereits seit Jahren. Wir kümmerten uns darum, dass sich endlich jemand gegen die Monster zur Wehr setzte. Und ja, es war wirklich ein heißer Sommer. Aber die Kobold-Bäume lassen sich nun einmal nicht fällen. Feuer ist die einzige Option. Außerdem gibt es in Kobold-Wäldern kaum Tiere. Das verträgt sich einfach nicht. Da war also niemand wirklich in Gefahr. Dass der Wind sich gedreht hat, das war einfach Pech. Oder Glück. Wir wussten nicht, dass die Feen am Rand von Kobold-Wäldern nisten. Aber dieses Feuer … Es hat die ganzen kleinen Biester schön gegrillt.

Das manische Grinsen, das sie jetzt zeigte, machte ihm Angst. „Bereuen Sie denn gar nicht, was Sie getan haben?“, unterbrach er sie. Das war zwar unprofessionell, aber er befürchtete weitere Ausschweifungen, wen sie alles getötet hatte.

Ich bereue, dass wir die Tore nicht gefunden haben, bevor wir weggesperrt wurden. Wir sind uns ganz sicher, dass es sie gibt. Mein Bruder und ich, wir werden sie noch finden, das schwöre ich. Wir werden die Monster aussperren, alle miteinander! Und dann sind wir alle in Sicherheit. Alle Menschen sind dann sicher. Kein Kind muss mehr seine Eltern an die Nixen verlieren. Nein, kein Kind muss mehr seine Eltern verlieren.

Ihre Stimme wurde leiser und verlor sich schließlich in unverständlichem Gemurmel. Der Reporter schaltete das Diktiergerät aus. „Danke für das Gespräch“, sagte er und ließ seinen Blick nochmal durch das kleine Zimmer schweifen. Fotos hingen an den Wänden und zeigten eine fröhlich lachende vierköpfige Familie. Ein Bild fiel ihm besonders auf. Die vier Personen standen vor einem See, in dessen Mitte sich eine kleine Insel befand. Jemand hatte die Kinderzeichnung einer Nixe über das Wasser geklebt. Auf dem Bild daneben lagen zwei Kinder in einer Blumenwiese. Zeichnungen von Feen verdeckten einen Großteil der Blütenpracht. Jetzt darauf aufmerksam geworden, was ihn schon die ganze Zeit an den Bildern gestört hatte, bemerkte er weitere veränderte Fotos. Die Familie bei einem Waldspaziergang, in Gesellschaft von Kobolden und Irrlichtern. Die Kinder in einem stehenden Segelflugzeug und über ihnen ein Pegasus.
Nachdenklich sah er die Frau an, die zusammengesunken in ihrem Sessel saß und immer noch vor sich hin murmelte. Sein Blick blieb an dem leeren Vogelkäfig in der Ecke hängen. Wasser und ein paar Körner befanden sich darin, nur kein Vogel. „Wo ist der Bewohner?“, rutschte ihm heraus.
Die Frau hob ihren Kopf und sah, erneut mit diesem manischen Grinsen, zu dem Käfig. „Da drin“, erklärte sie. „Da drin lebt meine gute Fee. Sie wird uns zu den Toren führen, sobald mein Bruder und ich hier endlich wieder rausdürfen.“
Und für einen Moment hatte er das Gefühl, die Körner würden bewegt werden.
Kopfschüttelnd verließ er das Zimmer. Er würde sich gewiss nicht von diesen Verrücktheiten anstecken lassen. Und dass sie verrückt war, daran gab es keinen Zweifel.
Feen, Pegasi, Kobolde, Irrlichter, Nixen. Sowas existierte nicht.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast