Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie jedes Jahr

KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
1
4.303
4
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
30.04.2021 4.303
 
Wie jedes Jahr



Die letzten Sonnenstrahlen fielen Hoffnung spendend durch das Spalier der leicht geöffneten Wohnzimmertür und erinnerten Mirelle Delacroix daran, für ihren Shiba Inu Gaston die zweite Packung Trockenfutter zu öffnen. Ihre Freunde vertraten die Meinung, Gaston sei ein Vielfraß. Sie selbst sah das entschieden anders, kam aber nicht umhin, ihre bröckelige Argumentation skeptisch zu betrachten. Zumindest redete sie sich ein, dass so ein abenteuerlustiger und aktiver Hund nun einmal einen guten Hunger haben musste. Zur Wahrheit gehörte allerdings auch Gastons unschuldiger Genuss beim Futtern, sodass es Mirelle nicht übers Herz brachte, ihn auf Diät zu setzen. Seine vielen Streifzüge (die Hälfte davon unternahm er am Nachmittag alleine durch den Ort, wenn er glaubte, sein Frauchen werde seine Abwesenheit während ihres täglichen Nickerchens sowieso nicht bemerken) benötigten einiges an Energie. Und Mirelle, die ganz froh war, mit ihm nicht bei jedem Regenschauer vor die Tür zu müssen, unterstützte ihn dahingehend in seiner Selbstständigkeit.

In Geron d’Astogn schien die Zeit in erhabener Weise stillzustehen. Ein Maler, der den Versuch gewagt hätte, die Stimmung in einem Gemälde einzufangen, wäre zu dem Schluss gekommen, an eine leibhaftige Anomalie geraten zu sein. Egal, in welcher Jahreszeit ein Außenstehender den beschaulichen Ort im Herzen Frankreichs besuchte, immer wirkte alles in einer Weise, als seien die Kinder lange ausgezogen und der Tod einer berühmten Person gerade erst zwei Wochen her. Wenn man sich enstpannte und genau beobachtete, konnte man aus dem Augenwinkel eine schwarze Fahne auf Halbmast erahnen und mit der weisen Heiterkeit des Kenners die ungewöhnliche Ruhe in den Gaststätten hören.

Wie allgemein bekannt, zünden die Freuden des Lebens in den großen Städten. Alles was jung, schön und intelligent ist, studiert und arbeitet im urbanen Flair eines Pariser-Außenbezirks oder träumt in Marseille von Karriere, Geld und einer fröhlichen Familie. Ein gelegentlicher Blick aufs Meer hält dabei die Illusion von Freiheit und unbändiger Entfaltung aufrecht. Schüler können es kaum erwarten, in Richtung Lebensfreude aufzubrechen, bevor ihnen die Kleingeistigkeit des Dorflebens jene zuversichtliche Bescheidenheit mit auf den Weg gibt, die Menschen am Glück eines hedonistischen Lebenswandels hindert.

Eine vernünftige Hochzeit aus Können und Schicksal sorgt jedoch seit Anbeginn der Dinge dafür, dass zarte und noble Geschöpfe zuverlässig mit Plackerei, Mühsal und Verdruss belohnt werden. Mirelle war jung, wennglech man ihr das aufgrund ihrer Wortgewandtheit, ihrer Gelassenheit und ihrer gemächlichen Mimik und Gestik nicht direkt ansah. Jede Handbewegung und jeder leise Schritt erinnerten unwillkürlich und gekonnt beiläufig an alten Adel mit vorsichtigem Geschmack. Doch leider entschied sich die Schnellstraße der Schöpfung ausgerechnet bei ihr, den Verkehr etwas auszubremsen, sie auf eine Umgehung zu lenken und sie mit einem Übermaß an Qualitäten auszustatten. Sie war zu schön und zu intelligent, um sich mit der großen Masse an glücklich schwatzenden Menschen den neugierigen Abgründen der Großstadt hinzugeben. Die Noten stimmten, das Geld reichte und ihre bereits zuweit fortgeschrittene Zuversicht in bescheidene Tugend hatten sie vorzeitg aus dem Paradies vertrieben.

Der hellblaue Laptop surrte leise, und die fünfzig Verse, die sie heute zustande gebracht hatte, wirkten überzeugend genug, um eine Pause einzulegen. Müde und geistig benebelt reckte sie ihre Arme hoch, und schaffte dabei das Kunststück, ihre ungesunde Haltung soweit zu strapazieren, dass die eigentlich gut gemeinte Bewegung plötzlich in stechende Schmerzen im Schulterblatt mündete. Wie ironisch es doch war. Seit vier Stunden tippte sie an der Biegsamkeit von Strand-Hafer herum, betonte die Zähigkeit gegen Sand und Seewind, gab viel Raum für den Pionier, der dem Weltuntergang der Gezeiten tapfer standhielt. Sie selbst war dagegen so zerbrechlich wie eine  spröde Ulme, die vom Blitzschlag träumte, weil bereits zu viele Pilze im Spintholz wucherten.

Sie wusste selbst noch nicht, was sie mit diesem Anflug poetologischer Schaffenskraft beabsichtigte. Bislang hatte sie immer nur Songtexte geschrieben und war damit seit ihrem viel umjubelten Debüt in ihren frühen Zwanzigern recht gut gefahren. Damals hatte es viel Geraune um das neue Wunderkind gegeben. Und wann immer Mirelle die alten Zeitungsausschnitte betrachtete, die sie sorgfältig in ihr Tagebuch eingeklebt hatte, musste sie erneut grinsen, die Augen verdrehen und schnauben. Was hatten die Herren der Schöpfung mit ihrer Allwissenheit und ihrem selbstgerechten Glauben nicht alles geschrieben. „Das kecke, junge Fräuleinwunder aus der französischen Provinz verschmilzt im angedeuteten Hauchen zwischen kühl-sachlicher Ratio und lustvoller Ekstase“. Sie hatte sich damals dafür entschieden, anstelle der üblichen halb pornographischen Cover und der dazu gehörenden sex sells Motivation ein langes Gewand überzustreifen und sich in diffusem Schwarz-Weiß in direkter Nähe eines Wasserlaufes unter einer Trauerweide ablichten zu lassen.

Die Idee, einfach Vaseline auf die Linse zu schmieren und damit einen netten Effekt zu erzielen, hatte sie einer Fotofachzeitschrift entnommen. Doch die pomadigen Kritiker hatten daraus ein „mäanderndes Delphi“ gemacht und sie zu einer neuen „heidnischen Gottheit zwischen sittlicher Züchtigung und dionysischem Rausch“ erkoren. Vielleicht hatte sie in jugendlichem Schabernack auch den Fehler gemacht, mit dieser Erwartungshaltung zu spielen. Auf ihrem zweiten Album tauchten absichtlich sämtliche Anspielungen von Legenden und Sagen auf, die sie in der Bibliothek den alten Folianten entnehmen konnte. „Wenn die Herrin Titania ruft, folgen ihre Fans nur allzu bereitwillig dem süßen Klagen und Seufzen, immer in der Hoffnung, sinnliche Erlösung durch den glockenhellen Sopran zu finden. Mirelle Delacroix zeigt auch in unserer modernen Welt die Sehnsucht nach noblem Spott im Zwielicht der Waldlichtungen, wo klare Tümpel hinter silbrig schimmernden Mondviolen die Grenzen zwischen aufgeklärter Welt des industriellen Zeitalters und märchenhafter Sagenwelt des Altertums mit dunklem, weiblichem Gebähren zum Schmelzen bringen und trocken geglaubte Kontrapunkte vielstimmig neu befruchten. Ein Echo tritt hervor und rekapituliert mit irisierendem Schauer Cú Chulainns Krankenlager. Fast wirkt Delacroix selbst wie eine bezaubernde Lí Ban, die auf vogelgleichen Schwingen ihrer berühmten Schwester zu Hilfe eilt.“

Nachdem sie wieder einmal herzlich über diese Ergüsse sexuell unbefriedigter Männer gelacht hatte, fiel ihr mit einigem Unbehagen ein, dass jener Kritiker P – ein ordentlicher Doktor und Professor – im Rahmen eines Empfangsballs versucht hatte, ziemlich plump mit ihr zu flirten. Als sie nicht auf seine Avancen eingegangen war, bekam sie in der Folgezeit keine eleganten Einladungen zu exklusiven Treffen von Frankreichs kulturellen Intellektuellen mehr. Sie kannte auch niemanden aus den wohlhabenden Kreisen, der sie womöglich für eine alternative Gala oder Veranstaltung empfohlen hätte.

Mit flauem Gefühl im Magen schaute sie auf die Uhr, und bemerkte, dass es schon fast 11 war. Sie würde also unterwegs etwas essen, oder vielleicht konnte sie ja die anderen überreden, zwischendurch an einer Pizzeria anzuhalten. Eine dampfende Calzone auf den Oberschenkeln, den Kopf eingezogen, und bei jeder Kurve die Gefahr, alles im guten, alten „Diego“ zu verteilen. Gott, was hatten sie alle für eine Hassliebe, wenn es um Bernards zehn Jahre alten Van ging. Ein Ächzen bergauf und ein unheilvolles Heulen und Knarzen in jeder Kurve. Aber seit sieben Jahren hatte er sie immer treu am Stichtag nach Plastik-Nimmerland gefahren. Der Name war Julie schnippisch über die Lippen gerutscht, als Claude gefragt hatte, was denn an den drei Stunden Award-Show nun so furchtbar schlimm sei. Bertrand käme ja auch zurecht, und der verschlafe die halbe Veranstaltung  jedes Mal hinter einem Zelt aus zerzaustem Walrossbart und Holzfällerhemd. »Für euch Kerle ist das ja egal, ihr müsst die Produzenten und die Marketing-Leute nicht noch zusätzlich mit eurem guten Aussehen überzeugen.« Wie eine Marry Poppins auf Besuch in der Kleinstadt reckte sie ihr Kinn vor und schaute mit meerblauen Augen in die Landschaft jenseits des dreckigen Autofensters hinaus.

Laurent, seit einigen Jahren Mirelles’ Ex, war aufgrund dieses ersten Albums auf sie aufmerksam geworden. Er bewunderte ihre kühle Ästhetik und verliebte sich in das Konzept, auf jeder Seite einer Platte mehrere Stücke über fünf Minuten nur mit Harfe und Gesang zu platzieren. Für ihn war sie eine frühreife Göttin in jugendlichem Körper. Und es hatte ihr gefallen, weil sie zum ersten Mal vom anderen Geschlecht volle Beachtung fand. Sie konnten sich fallen lassen, alles vergessen, tagelang erotische Träume leben. Doch dann wurde es seltsam. Sie hatten keinen Tagesablauf mehr. Die Joints waren gut, aber im Studio drehte sich Mirelle auf ihrem Stuhl herum und bekam nichtmal ein Gespenst aus der Harfe heraus. Und dann erst Laurents Befindlichkeiten. Irgendwie hatte er sich immer mehr für den Verschleiß von möglichst vielen Kondomen und die Kippe danach interessiert. Gespräche darüber, wie sie gemeinsam zusammen die Zukunft gestalten wollten, blieben dornig und leer.

Schließlich war sie zu ihrem Mentor Bertrand an die Küste gefahren. Er hatte in seiner ruppigen und borstigen Art das Thema ausgeklammert. »Mirelle«, hatte er launisch bei einem Becher Tee mit Rum gesagt, »Kunst ist wie das Leben. Man könnte auch sagen, Kunst ist das Leben. Liebe ist nur ein Teil davon.« Und mit einem Augenzwinkern waren sie viele Stunden in Bertrands Heimstudio gewesen. Sie hatten Demos aufgenommen und waren damit nach einer Weile in ein größeres Studio  gegangen. Für den Feinschliff. Sie an der Harfe und Mandoline. Bertrand an der akustischen Gitarre. Claude am Bass, und irgendein Studiomusiker hatte Bongotrommeln, Marimbas, Kuhglocken und eine Spur Klangfarben-Wahnsinn mit ins Studio gebracht. Bei den Lyrics hatte sich Mirelle von der Küstenlandschaft inspirieren lassen. Himmel und Erde. Ebbe und Flut. Ankommen und Abfahren. Wie von selbst hatte sich ein rauchiger Blues in die kühle Ästhetik geschlichen und sie als Künstlerin reifer erscheinen lassen. Auch den Kritikern war das nicht entgangen und sie hatte den Award für den Folk-Song des Jahres für ihr Stück über die Meerjungfrau und das Fischermädchen erhalten.

Mit Laurent eskalierte es danach völlig. Verrat an der Reinheit der Kunst. Beschmutzung der jungfräulichen Sterilität. Künstlerisch-ästhetisch lagen Canyons zwischen ihnen. Dazu dann noch die verkopften Nietzsche Zitate in der Art von: „Wer von einem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave“. Irgendwann war es genug gewesen und sie hatte ihn zum Teufel gewünscht. Er hatte den Medien hinterher erzählt, es habe künstlerische, aber vor allen Dingen politische Differenzen gegeben. Er sei eben ein liberaler Demokrat, sehr auf seine persönliche Freiheit bedacht, sie dagegen nie der jugendlichen Schwärmerei des Kommunismus entwachsen. Es war so unfassbar dämlich, dass sie keinen Kommentar dazu abgab. Für die Öffentlichkeit war sie eine zeitlang eine störrische Furie gewesen. Und ihre flüchtigen Kurzbeziehungen in den Jahren danach – unter den wachsamen Augen der Regenbogenpresse – waren für ihre Reputation nicht hilfreich gewesen. Dann hatte sie das magische Alter von 30 erreicht, und plötzlich standen in den Zeitungen Geschichten von anderen Frauen um die 20, und die Meldungen über sie wurden seltener. Wenigstens konnte sie in Ruhe arbeiten. Für ihr viertes Album nahm sie sub-saharische Mythen und Rhythmen auf, was in Europa nur wenig Interesse hervorrief und in Amerika floppte.

Ein Hupen in der Einfahrt riss sie aus dem, was nicht mehr war, doch immer noch in ihr rumorte. Das Klacken einer Tür ertönte, Schritte über Kies, gedämpftes Kichern, wie bei einem Klingelstreich. Mirelle betete lautlos ein Vater Unser, dann streifte sie die große Sporttasche über und ging zur Tür. »Salut, Madame. Darf die kleine Mirelle heute mit uns spielen?« Claude stand da in seinem brombeerfarbenen Designeranzug, der noch nie gut ausgesehen hatte. Auch heute nicht. »Ich habe da drin einen Backofen«. Mirelle deutete elegant über ihre Schulter und zwirbelte mit den Fingern der anderen Hand lässig in ihren blonden Haaren herum. »Ich kann dich mit Handschellen daran anketten und dich knusprig braten. Niemand wird deine Schreie hören.« Während Claude noch dastand wie nie bestellt und nie abgeholt, sprang ein kleines dünnes Etwas, das nur aus Parfum und haselnussbraunen Haaren zu bestehen schien, um Mirelles Hals, umarmte und herzte sie. »Miiiraaa, wie schön du bist. Komm her, ich will dich küssen!« Noch bevor sich Mirelle wehren konnte, bekam sie einen äußerst eleganten Kuss auf die Wange gehaucht. »Hallo Julie, schön dich zu sehen.« Sie holte kurz Luft. »Meinst du nicht, dass diese Kombination aus violettem Teppich und, ehm, Gardine etwas zu viel ist?« Im Hintergrund wurde eine Scheibe runtergekurbelt. »Julie, Mirelle, über Kleidung könnt ihr die nächsten Stunden im Van diskutieren. Beeilt euch mal, damit wir rechtzeitig ankommen und vor dem Event alle noch zwei, drei Stunden entspannen können.« Ein zotteliges Etwas mit Walrossbart und tiefer, langsamer Stimme schaute mürrisch zu ihnen herüber.

»Immer mit der Ruhe Bertrand. Es ist gerade mal kurz nach 11. Wir sind voll im Zeitplan. Mirelle sollte wenigstens noch ihre Schuhe anziehen. Obwohl ich ihre hinreißenden Füßchen ja doch mag.« Bernard stand lässig an die Fahrertür angelehnt und machte einiges her mit dem weißen Hemd und den langen schwarzen Haaren. Daran konnte auch die hässlichste Sonnenbrille aller Zeiten in giftgrün mit Pyramidenform nichts ändern. Die Autofahrt verging schneller als gedacht, weil sie alle so viel zu erzählen hatten. Nur nebenbei kamen sie darauf zu sprechen, dass sie ja als Nominierte in eine feine Abendgesellschaft gingen. Bernard dachte an Mirelles Vorschlag – was bestimmt daran lag, dass sie etwas blass und schwach aussah – und hielt zwischendurch an einem italienischen Restaurant an. Danach fuhr er etwas gemütlicher als sonst, ließ sogar Rentner überholen, damit Mirelle und Claude Calzone und Pizza Tonno essen konnten. Wie sich herausstellte, hatten sie alle vor Aufregung kaum Frühstück gemacht. Julie aß keine vollständige Mahlzeit, bekam aber zwei Stücke Pizza von Claude ab. Sie murmelte irgendwas von wegen Diät. Dafür trank sie Fanta für zwei Personen. Bertrand wehrte nur mit den Händen ab und schüttelte den Kopf.

Die Leute der Award Gala hatten sich wirklich Mühe gegeben. Anstatt wie in anderen Jahren auf eine Mehrzweckhalle auszuweichen, hatte man sich in diesem Jahr für ein altmodisches Restaurant gegenüber eines Bahnhofes entschieden. Das Gebäude war ursprünglich als luxuriöses Hotel für gut  betuchte Zuggäste erbaut worden und glich als architektonischer Zwilling äußerlich der Bahnhofshaupthalle. Eine mächtige Klinkerfassade mit vielen Aussparungen und Überhängen bei den Simsen demonstrierte das nationale Bewusstsein für Macht und Dominanz der Jahrhundertwende. Lang gezogene Fenster gähnten protzig vor sich hin oder spiegelten an guten Tagen aufreizend im Sonnenlicht. Irgendwann hatte man eine der Zwischendecken entfernt, weil das Aufkommen der Fluglinien und die Nutzung der Züge für die Mittelklasse den vornehmen Teil der Gesellschaft zunehmend abgeschreckt hatte. Der Luxus war auf Privatjets und große Yachten umgestiegen, und einige Häfen und Flugplätze schmückten sich mit teuren fünf Sterne Hotels in direkter Anbindung. Die Zuggesellschaften mussten dagegen schauen, wie sie alleine zurecht kamen, und nachdem das Gebäude eine zeitlang mehr schlecht als recht als Museum für antiquierte Dampflokomotiven und deren Technik gedient hatte, war es schließlich einem Gastronomen in die Hände gefallen. Zusammen mit einigen Geschäftsleuten in Goldgräberstimmung hatte man sich auf das alte Konzept aus Entertainment, stilvollem Ambiente, gutem Essen und reichlich Alkohol besonnen.

Die große Doppelflügeltür war nur noch Deko, und eine kleine Seitentür mit Glasvorbau und inklusiver Rampe für Rollstuhlfahrer führte in den ehemaligen Nebenraum für Dienstpersonal. Dort stand heutzutage eine moderne Rezeption mit der heiligen Allianz der internationalen Speisekultur bestehend aus Werbung für Coca Cola, Langnese und Carlsberg Bier. Mirelle schaute sich verstohlen um, weil sie sichergehen wollte, ob sie von der Wahl der Kleidung in diese Location passte. Wäre es wie in der Vergangenheit eine Auszeichung in einer der üblichen Stadthallten gewesen, hätte sie ihr schwarzes Ballkleid erneut wie eine treue Rüstung gegen jegliche Unbill der Welt anziehen können. Mit 17 hatten die Leute ihr gesagt, wie gut sie darin aussehe, schlicht aber elegant. In ihren Zwanzigern hatte sie dann gelernt, auf das Haarspray und den billigen Lippenstift in Erdbeerrot zu verzichten. Sie hatte sich im Laufe der Zeit dezent angepasst. Erst ein Kleid, das nicht von der Stange war und einige schöne Rüschen hatte, die elegant ein bisschen was von ihren Oberschenkeln preisgaben. Von irgendwo kamen dann noch zwei silberne Ohrringe und eine passende Halskette hinzu, die man nur wahrnahm, wenn man auf solche Details achtete. Die Farbe der Fingernägel war immer wieder eine neue Fundgrube mentaler Verwerfungen. Bei den letzten zwei Gastauftritten fürs lokale Radio hatte Mirelle sogar ganz darauf verzichtet. Mit Mitte 30 fand sie sich zu alt, um mit zerschlissenen Röhrenjeans, XXL Wollpullover und schwarz umrundeten Augen aufzutauchen. Sie wollte nicht wie ein launischer Teenager mit wilder Sexualität um Aufmerksamkeit buhlen, sondern mit ihrer Kunst ernstgenommen werden. Am liebsten wäre es ihr gewesen, die Veranstaltung hätte auf einer Burg oder in einer abgelegenen Scheune stattgefunden. Dann hätte sie ihr ultramarinblaues Gewand mit den zehntausend Fransen überstreifen können. Vielleicht noch ein Diadem oben drauf, und mit der Harfe neben sich, hätte es unter all den Szeneleuten der Mittelaltermärkte schon irgendwie gepasst.

Aber das hier war eine andere Sache. Der Prix de la musique folklorique war ein Bindeglied zwischen den kommerziellen und äußerst erfolgreichen Pop und Rock Awards auf der einen Seite und dem sich gegenseitigen Abfeiern in obskuren Underground Magazinen auf der anderen Seite. Natürlich wurde von den Teilnehmer:innen erwartet, dass sie sich authentisch gaben, um ihre Nische und die Andersartigkeit gegenüber dem Mainstream zu betonen. Gleichzeitig durfte man aber nicht zu struppig und unangepasst wirken, schließlich wurden die Awards live übertragen, es gab Interesse von Medienkonzernen und Journalisten. Es gab zwar keine bindenden Regeln für die fachgerechte Anwendung dieser Heuchelei, jedoch schwebte eine Wolke der Erwartung durch den Raum. Wer nicht fotogen aussah oder politische Eigenheiten an den Tag legte, der wurde möglicherweise nicht nominiert. Eine andere Variante war es, die Leute zwar mit einer Nominierung zu würdigen und einen Clip für die Fans abzuspielen, sich aber nicht zu beschweren, wenn dieser oder jener Künstler aus privaten Gründen für die Veranstaltung in diesem Jahr leider keine Zeit erübrigen konnte.

Die Nacht wurde lang. Es gab viele Auftritte namhafter Leute aus der Szene. Die Redebeiträge gingen von Insiderwitzen für alte Hasen, bis hin zu modernen Phrasen ohne konkreten Inhalt. Hauptsache, jeder liebte jeden und fand sich, die Veranstaltung und das anwesende Fernsehteam fabelhaft. Carey Anne mit ihrer wilden roten Mähne und den gewagt knappen Hotpants durfte gleich zweimal auftreten. Dafür wurde sie mit Preisen geradezu überhäuft. Einige alte Haudegen spielten Country und Ragtime Klassiker auf Gitarre und besudeltem Klavier. Irgendjemand trat mit Dudelsack auf. Und in der Pause einer Irish Folk Band, die ausgelassen fröhlich spielte, traten ein paar junge Puppen auf, die sehr ernst und introvertiert von Liebe sangen. Es passte nicht wirklich ins Programm. Dann wurden der Reihe nach die Awards verliehen. Im Grunde gewann eigentlich jeder irgendwas, da die Folk Szene viel kleiner war, als zum Beispiel die bedeutend größere Pop Szene. Jeder kannte jeden und war irgendwo als Saisonarbeiter involviert. Mirelle klatschte brav Beifall und freute sich für die Menschen um sie herum. Sie war sichtlich froh, auf ein aufgetakeltes Kostüm verzichtet zu haben und fühlte sich jede Minute wohler in der schwarzen Stoffhose und dem blauen T-Shirt mit dem Nirvana Smiley drauf. Es war casual und doch cool. Bequem auf der einen Seite, und doch provokant ätzend genug, um ihrem schlechtem Ruf gerecht zu werden. Daher überraschte es sie enorm, als sie beim Independent Album des Jahres gewann. Mit ordentlich Weißwein im Körper und nervöser Zerstreutheit stammelte sie irgendetwas ins Mikrofon. Sie konzentrierte sich auf ihre eigenen Leute und fand halt bei einem erhobenen Daumen vor einem Walrossbart.

Der Rest des Abends verschwamm danach in vielen Farben und Eindrücken. Mirelle bedankte sich artig bei den vielen herzlichen Gratulanten, und überspielte ihr Unbehagen mit einem Lächeln, als sich einige unangenehme Gestalten der Förmlichkeit halber bei ihr Blicken ließen. Auch Laurent war unter ihnen, ein Fashion-Model im Schlepptau, das verdächtig nach einer der introvertierten Puppen aussah, die nicht zum Thema Folk passten. Nicht weit entfernt von ihnen stand eine Kamera, also tat Mirelle ihr Bestes, um souverän und glücklich auszusehen. In Gedanken war sie jedoch bei Gaston, der Zuhause bestimmt schon ganz traurig auf dem Bett lag und darauf wartete, von ihr gekrault zu werden.

Das Gute an Awardabenden war, dass es mehr als einen Preisträger gab, und so stand Mirelle nicht allzu lange im Mittelpunkt. Nachdem ihr rund zwanzig Personen die Hand geschüttelt hatten – darunter Carey Anne, sie sich ehrlich freute, und sie abseits jeder Etikette mit einer wilden Umarmung fast beschämte – fand sie sich in gewohnter Manier als unbeachtete Teilnehmerin wieder. Der kleine Freundeskreis versammelte sich recht schnell an einem Tisch in der Ecke und genoss das analoge Beisammensein. Sie redeten kaum, weil sie sich sowieso über Internet und Telefon ständig austauschen konnten. Stattdessen sog jeder die Atmosphäre auf. In der Mitte des Tisches standen mehrere Trophäen, weil eigentlich jeder von ihnen in mehreren Projekten involviert war. Claude hatte auf mehreren Alben Bass gespielt und bei der Realisierung eines Festival-Filmes mitgewirkt. Julie lebte abseits der Musik ihren Traum als Fotografin, und mehrere ihrer Fotos waren Teil von erfolgreichen Mehrfach-Preisträger-Projekten. Nur Bertrand wirkte wie ein leicht übergewichtiger Hausmeister im Ruhestand, der aufgrund langjähriger Verdienste höflich toleriert wurde. Seine roten Pausbacken, die schütteren, grauen Haare und der leere Blick verrieten überhaupt nicht, was für ein Workaholic er eigentlich war. Nur Mirelle wusste darüber Bescheid, dass er seit zwei Jahren an einem Projekt mit drei Alben, zwei Filmen und einem Buch arbeitete und dabei um die halbe Welt gereist war. Doch Bertrand war den Leuten in der Jury und den Journalisten gut bekannt. Seine markante Fusion aus Folk, Blues und französischer Lebenslust vom Lande hatte schon vor zwanzig Jahren sämtliche Preise von Rang und Namen abgeräumt. Seither existierte er als ramponiertes Möbelstück im Zwielicht der dritten oder vierten Reihe des Showbusiness. Man nahm ihn zur Kenntnis, aber urteilte über seine Werke in einer Art, als sei seine Schaffenskraft selbstverständlich.

So saßen sie noch einige Stunden nach Ende der Verleihung beisammen, ehe Bernards Bauchgefühl einsetzte. Andere Leute, die sich sehr wichtig nahmen, waren gleich nach Ende der Veranstaltung abgehauen, ohne sich noch mal in der Szene zu zeigen und Gespräche aus früheren Jahren wieder aufzunehmen. Und nach Mitternacht würde der Alkohol mächtig werden, und es bestünde die Gefahr, unverschuldet in irgendeine Sache verwickelt zu werden, die dann in den Zeitungen erschien.

Sie fuhren alle zusammen die drei Stunden zurück, hörten Musik, aßen Pudding und fluchten über Laurent und Madeleine. Die Diskussion drehte sich über den Wert und die Essenz von Kunst, den Widerspruch zwischen gutem Marketing und politischer Meinung, über Sexualität, Sternzeichen, Käsekuchen und einen Winnie Pooh Film. Sie prusteten und scherzten, irgendjemand, vermutlich Julie, weinte, weil der Leistungsdruck für mindestens ein Jahr weg war. Irgendwann fing Claude an zu schnarchen, und sie mussten ihm ordentlich Champagner über das Gesicht gießen, damit er vor seiner Wohnung wieder wach wurde. Eine Weltreise und drei Nervenzusammenbrüche später – irgendjemand musste kurz aussteigen und sich übergeben – saßen nur noch Mirelle und Bernard im Van. Als schließlich vertraute Umrisse eines kleinen Ortes mitten im Nirgendwo auftauchten, fiel sämtliche Anspannung von Mirelle. Sie würde sich noch eine warme Milch machen und aufs Sofa lümmeln. Sie würde Gaston vom Blödsinn der Medienwelt mit ihren Hitparaden, Verkaufszahlen und oberflächlichen Model-Menschen ohne Tiefe und Substanz erzählen. Wenigstens er würde ihr ohne Murren zuhören. Wie jedes Jahr.

Nur um sicherzugehen, dass sie das Narrativ der Mainstream-Medien mitbekam, schaltete sie kurz den Laptop ein. Es gab nichts Schlimmeres auf der Welt, als von findigen Journalisten zur falschen Tageszeit mit Informationen und Fangfragen bombardiert zu werden. Sie konnte auch gleich schon mal erste Notizen für das nächste Marketing-Meeting mit Universal Music machen. Live-Quoten, Sendezeit im Bild, Preise, die Art, wie sie präsentiert wurde – das alles hatte eine Auswirkung auf ihre Reputation, auf die Verkaufszahlen und vor allem darauf, wie viel Freiheit sie für ihr nächstes Projekt bekam. Mit dem Independent-Album des Jahres hielt sie alle Trümpfe in der Hand, um ihr nächstes Album und die nächste Tour experimentell gestalten zu können. Ohne Empfehlungen und Ratschläge der Manager und Producer aus dem Business-Bereich beachten zu müssen. Wie zu erwarten waren die Beiträge voll von Carey Anne Masters, Königin der Folkszene. Album des Jahres, Song des Jahres, Bestes Musikvideo. Sie dominierte die Schlagzeilen, aber vor allem gab es jede Menge Fotos und Videos von ihr. Mit lasziven Blicken schaute sie den Betrachter durch ihre grünen Augen an, die wilden roten Locken fielen verspielt wuschelig über eine Lederjacke. Mit quirliger Begeisterung und Lebensfreude, an der jeder teilhaben wollte, erklärte sie den Journalisten, dass sie nie damit gerechnet hätte und wie sehr sie sich geehrt fühle. In einem Nebensatz erwähnte sie Claude und Mirelle, wurde aber direkt wieder durch eine Frage zu ihrem Musikvideo abgelenkt. Es folgten einige Scherze und Gerüchte über das Interesse von Regisseuren aus Hollywood. Natürlich ging es nur um ihre künstlerische Qualität. Keiner der Anwesenden erwähnte ihre schönen, großen Brüste oder die perfekt sitzende Jeans.

Sie scrollte ein wenig, klickte von einem Nachrichtenportal zum nächsten. Völlig verdattert sah sie einen Erklärtext unter einem Foto: „Wunderkind findet zurück zu alter Stärke. Am Abend gewann Mireille Delacroix völlig zurecht das Independent Album des Jahres beim Prix folklorique. Nach der unrühmlichen Schlammschlacht und dem Seelenstriptease des dritten Albums, und der soliden, aber unauffälligen Performance ihres vierten Albums erstrahlt Frankreichs Königin der Elfen wieder in altem Glanz“.

»Genug Internet für heute, was Gaston?«, sagte sie mit einem Seufzen und klappte den Laptop zu. »Zeit, sich die richtige Welt anzuschauen.« Die schlimmste Episode ihres Lebens war für das Boulevard also ein Seelenstriptease. Dabei hatte sie ihren ganzen ehrlichen Schmerz in all seinen Facetten besungen. Ihren Namen hatten sie auch wieder einmal mit zwei i geschrieben. Es war ja nur ihr fünftes Album und ihr dritter hart verdienter Preis. Aber wenigstens hatten Carey Annes Hüften einen guten Kontrast erhalten. Soweit sie wusste, hatte Carey ebenfalls Pech mit den Männern. Im Unterschied zu ihr, war sie jedoch bi und hatte damit noch alle Chancen auf eine erfüllende Beziehung in der Hinterhand. »Na hoffentlich findest wenigstens du dein Glück, Carey.« Mirelle setzte ein schiefes und halbherziges Lächeln auf. »Ach, genug jetzt mit der sentimentalen Kacke. Na los, komm her Gaston, jaa bist ein Guter, ohh du freust dich doch mich zu sehen, he?« Und damit ging sie, Gaston gleich neben sich, mit der Tasse Milch in der Hand raus in den winzigen Garten. Sie setzte sich in den Schneidersitz und schaute in den Sternenhimmel, bis sie müde wurde, ins Haus schlurfte und sich neben Gaston auf das Doppelbett warf.
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast