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Ich sehe was, was du nicht siehst

von Nymphen
Kurzbeschreibung
OneshotFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
30.04.2021
30.04.2021
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Trad sah sich sein Gesicht in dem ruhigen Bereich des Baches an. Es sah immer noch so aus wie vor einer Stunde. Mit einer Ausnahme. Nun thronte eine Narzisse aus gelber Tinte in der Mitte seiner Stirn – direkt oberhalb seiner Nase. Nur, dass es keine Tinte war.
Trad hob seine Hand und strich mit ihr über die Stelle. Es fühlte sich nicht anders an. Komisch. Er wusste genau, was es war, aber er hatte damit gerechnet, dass er sich anders fühlen würde. Mächtiger.
Das auf seiner Stirn war ein drittes Auge.
Leute wisperten davon, wenn sie dachten, dass man sie nicht hören konnte. Flüsterten davon, wie die Personen, die damit gesegnet waren, Dinge sahen, die für sie selbst unsichtbar waren.
Trad sah die Welt immer noch wie sie wirklich war und fragte sich, ob die alten Gerüchte nicht einfach genau das waren. Gerüchte.
Aber warum sonst sollte die Königin sich eine Ratssammlung halten, die alle genauso ein Auge besaßen. Und woher kam das Ding eigentlich?
Trad trat auf das Wasser. Sein rechter Schuh wurde dadurch zwar durchtränkt, aber zumindest musste er das blöde Symbol so nicht mehr sehen.
Er hatte es gerade erst entdeckt und fühlte ... Was? Was fühlte er? Sollte er stolz sein oder ängstlich? Im Grunde war er nur verwirrt, weil er tausend Fragen hatte, aber nicht wusste, wer ihm die Antworten darauf geben könnte. Nie im Leben hätte er mit einem dritten Auge gerechnet, aber hier war er. Und was jetzt?
Sein erster Impuls wäre, zu seinem Elternhaus zu eilen. Aber heute hatte er sich extra früh rausgeschlichen, um der schweren Arbeit des Hofes zu entgehen. Zudem war er schon fünfzehn!
Trad plusterte sich auf und ließ dann die Schultern sinken.
Das Problem war, dass sein erster Impuls auch seine einzige Idee war.
Sein Elternhaus war es also.
Sicherheitshalber schlang er sich aber noch den Schal um den Kopf. Es sah zwar beschissen aus, aber er musste seine Eltern ja nicht sofort erschrecken.

Von seiner Idee nicht ganz überzeugt, schlurfte er eher an sein Zuhause heran, als wirklich zu gehen. Das war sein Glück, denn so erkannte Trad gerade noch rechtzeitig die fremden Pferde, die an den kleinen Brunnen in der Mitte ihres Hofes angebunden wurden. Seine Schritte wurden automatisch langsamer, solange bis er vor dem Fenster zum Stehen kam und lauschte. Die Fensterläden waren zum Glück zu, obwohl sie leicht schief hingen. Dadurch war er verdeckt und hörte jedes Wort.
„Wir suchen ihren Sohn“, erklärte eine weibliche Stimme bestimmt und unterkühlt. Sie klang so, als hätte sie es schon mindestens hundertmal sagen müssen.
Aber das erregte nicht Trads Aufmerksamkeit. Er konnte einen Aufschrei gerade so verhindern, denn plötzlich sah er klar vor sich: Sie suchten ihn.
Es hatte es zwar auch gehört, aber jetzt ... sah er es auch. Es war schwer zu beschreiben und Trad würde es wohl nicht gelingen, aber die Absicht lag klar vor ihm.
„Er ist gerade aus dem Haus“, erklärte sein Vater grummelnd.
Wieder! Absicht: Die Fremden loswerden.
„Darf ich Euch etwas zum Trinken anbieten?“, fragte seine Mutter unsicher. Ihre Absicht lag klar vor Trad: Sie wollte die Fremden besänftigen. Sie machten ihr Angst.
„Wann kommt er zurück?“, wollte ein Mann wissen. Er klang nicht nur freundlicher als seine Kollegin, sondern geradezu überfreundlich. Als erlebte er gerade den besten Tag seines Lebens.
„Das wissen wir nicht. Vermutlich, wenn die ganze schwere Arbeit erledigt ist.“
Sein Vater kannte ihn wirklich gut.
„Darf ich fragen, was ihr von ihm wollt?“, bat seine Mutter gerade zu.
„Nein“, antwortete die Frau. Ihr Partner antwortete leider gleichzeitig mit einem „Wir wollen nur reden.“
Und ... das stimmte nicht. Er log, um seine Mutter zu beruhigen und das machte Trad Angst. Das bedeutete, dass die Fremden nicht nur reden wollten.
Er sah noch einmal zu den Pferden.
Gut genährt, kräftig und mit teuren Ledersatteln. Auf der Reisetasche prägte das Symbol der Königin.
Kurzerhand nahm Trad die Beine in die Hand.
Seine Eltern würden sich Sorgen machen, aber Trad wollte nicht herausfinden, was die Königin von ihm wollte, was nicht ‚nur reden‘ war. Rennen war die beste Option aus Ermangelung besserer Optionen.

Trad blieb keuchend vor dem Fluss stehen und verfluchte seinen Plan, wenn man das überhaupt einen Plan nennen konnte. Er hätte einfach mit den Leuten reden sollen. Wäre weniger Arbeit gewesen und er hätte zumindest die Gewissheit gehabt, dass sie wirklich nichts Gutes mit ihm vorhatten. Was war das überhaupt gewesen?
Das war wirklich ganz toll! Kaum bewegten sich seine Beine nicht mehr, schaltete sich sein Kopf wieder ein und stellte Fragen, auf die er keine Antworten wusste.
„Wo zum Teufel steckt er?“, schrie eine wütende Stimme und Trad zuckte zusammen. Das war eindeutig die Frau.
Sein Kopf schellte hin und her. Er konnte sie nicht sehen, also musste die Luft das Geräusch getragen haben. Aber weit konnten sie nicht sein. Er musste schnell hier weg und zwar so leise wie möglich. Wenn er sie hören konnte, dann hörten sie auch ihn.
„Jetzt reg dich mal ab, Mera“, stöhnte der Mann, „Wer hätte ahnen können, dass er abhaut? Wenn wir das gewusst hätten, dann hätten wir gleich Zag mitgenommen.“
Ein Knurren, das fast nicht menschlich klang, war die Antwort.
„Ich meine es ernst, Mera.“
Oh, das klang auch so. Aber wenn Trad ehrlich war, wollte er nicht herausfinden, wer diesen Streit gewann. Und diesen Zag wollte er auch nicht kennenlernen.
Er sah sich im Wald um. Der Fluss war zu weit und vermutlich zu tief. Das würde nicht gut gehen. Also blieb nur noch diese Fluchtmöglichkeit.
Schmerz.
Trad konnte gerade noch so einen Aufschrei verhindern und schaute auf den Boden, wo der unschuldige Stein lag, der ihn so eben auf die Schädeldecke geschmissen worden war. Er sah sich nach dem Verantwortlichen um und sah am anderen Flussufer ein Mädchen in seinem Alter, welches anfing ein Brett über das Ufer zu schieben. Sie mühte sich ab, aber das war bei ihrer zierlichen Gestalt auch kein Wunder. Zudem waren ihre braunen Haare zu einem Pony geschnitten, der ihr bis in die Augen hing und ihr einfach die Sicht rauben musste. Das Brett stieß an sein Ufer, kam aber über die Schwelle nicht drüber.
Trad blinzelte verwirrt und kniete sich dann hin, um das Brett zu sich zu ziehen. Jetzt lag es da wie eine schlechte Brücke.
Eine Handbewegung von der Fremden, die symbolisierte, komm schon.
Ihre Absicht war es zu helfen. Er konnte ihr vertrauen. Also balancierte er über das Brett, dass leider rutschiger und schmaler war als gedacht. Gerade als er ans andere Ufer sprang, stieß das Mädchen auch schon das Brett ins Wasser.
Sie möchte die Erreichbarkeit eingrenzen.
„Verdammt!“, brüllte die Frau wieder.
Und als sich Trad umdrehte, sah er zum ersten Mal seine Verfolger.
Beide waren in edle Reitgewänder gekleidet und besaßen ein drittes Auge.
Die Frau hatte eine gelbe Nelke auf der Stirn und der Mann eine Sonnenblume. Sie waren wunderschöne, aber lenkten nicht von der erzürnten Stimmung seiner Feinde ab.
Noch ehe sie etwas rufen konnten, zog seine Retterin ihn in den Wald, sodass sie im Gestrüpp untergingen.

Sobald ihm die Puste ausging, riss Trad sich los.
„Okay. Warum hast du mir geholfen?“, fragte er.
Das Mädchen sah ihn verwirrt an.
„Sprichst du meine Sprache nicht?“
„Doch“, zuckte sie mit den Schultern, „Aber du keuchst so stark, dass es schwer ist, dich zu verstehen.“
Unrecht hatte sie nicht, aber er war nicht gerade in der Stimmung sich wegen seiner Kondition auch noch niedermachen zu lassen.
„Warum du mir geholfen hast, habe ich gefragt.“
Wieder zuckte sie mit den Schultern: „Ich dachte, dass du vermutlich auf der Flucht bist und Hilfe benötigen könntest.“
Damit zeigte sie auf seine Stirn.
Trad fluchte. Irgendwo auf der Flucht musste er sein Tuch verloren haben und er hatte es noch nicht einmal bemerkt.
„Keine Sorge“, schob sich die Kleine ihre Haare aus dem Gesicht. Auf ihrer Stirn prangte eine rote Amaryllis und plötzlich verstand Trad die ungünstige Frisur. Das Mädchen sah zwar nicht so gut, aber dafür konnte sie sich immer sicher sein, dass ihre Stirn auch bedeckt war. Nur leider war das keine Option bei seinen kurz geschorenen Haaren.
„Ich weiß gar nicht, was hier vor sich geht!“
Wow. Trad war von sich selbst enttäuscht. Er klang einfach nur fertig und den Tränen nahe und dass er zu Boden ging, ließ ihn auch nicht gerade wie ein Held darstellen.
„Ich habe auch gebraucht“, begab sich die Fremde auf eine Augenhöhe mit ihm.
Sie wollte ihn beruhigen. Ihn trösten. Und irgendwie sorgte das dafür, dass er sich nicht mehr zusammenriss und den Tränen freien Lauf ließ.
„Was hat es mit dem dritten Auge auf sich? Wer sind diese Leute? Warum jagen sie mich? Und wer bist du?“ Die Fragen prasselten aus ihm heraus und wenn er jetzt keine Antworten erhalten würde, dann würde er vermutlich einfach zurückgehen, um sie von seinen Gegnern zu erhalten. So könnte er sich zumindest die Arbeit sparen.
Das Mädchen atmete einmal kurz durch. Sie wollte sich sammeln.
„Mein Name ist Banne und ich habe ein drittes Auge seit ungefähr einem Jahr. Es ist etwas, das wie eine Blume einfach erblühen kann. Die Leute, die dich jagen, wollen, dass du deine Fähigkeit für sie einsetzt. Sie gehören zum Rat der Königin und sind damit die größte Ansammlung von Leuten mit unseren speziellen Fähigkeiten. Sie wollten mich abwerben, ich wollte nicht. Also verstecke ich mich jetzt und helfe Leuten, die so sind wie ich. Die so sind wie du.“
„Ich dachte, die Königin ist gut“, war Trad nur noch verwirrter.
„Ist sie“, bestätigte Banne, „Aber es ist meine Fähigkeit und deswegen gehört sie mir. Ich bestimme, was ich damit mache und das gebe ich nicht an eine andere Person ab.“ Sie ließ etwas aus, um sich Tränen zu sparen. Trad tat ihr den Gefallen und wechselte das Thema.
„Was kannst du denn machen?“
Banne biss sich kurz auf die Lippe. Schlussendlich gewann ihr Drang, ihn in Sicherheit mit der Wahrheit wiegen zu wollen.
„Das dritte Auge ermöglicht es dir, eine Sache zu sehen, die niemand sonst sieht.“
„Und was siehst du?“, ermunterte Trad sie, als sie nicht weitersprach.
„Je nachdem, wie stark ich mich konzentriere, kann ich die Vergangenheit sehen. Zum Beispiel sehe ich, wie an dem Ort, wo du jetzt sitzt, gleichzeitig ein Baum wächst. Er ist so schön und groß und jetzt kommt ein Mann und holzt ihn ab. Es bleibt nur noch der Baumstamm übrig. Leute kommen vorbei, setzten sich auf ihn und dann sind da wir und auch du nutzt ihn als Sitzmöglichkeit.“
Ihre Absicht war klar gewesen, aber Trad fühlte sich nicht beruhigt. Ehrlich gesagt hatte er Angst.
„Und was kannst du?“

...

Das war eine wirklich gute Frage. Und natürlich hatte er mal wieder keine Antwort darauf.
Banne musste sein Unbehagen aufgefallen sein, denn sie stieß sich vom Boden ab und hielt ihm die Hand hin.
„Dann bringen wir dich mal in Sicherheit, oder?“
Er ließ sich mitschleifen, weil das momentan der Weg des geringsten Widerstandes war und er nicht die Kraft für mehr besaß.
Der Wald pochte um ihn herum in Grün. Er war lebendig. Jedes noch so kleine Geräusch verhieß ein Tier, dessen Ruhe sie gerade durch ihre Anwesenheit störten. Trad hätte sich möglicherweise schuldig gefühlt, wenn die Geräusche ihn nicht jedes Mal aufs Neue an seine Verfolger erinnert hätten.
Die Frau hatte nicht freundlich geklungen und der Mann stand definitiv unter ihrer Fuchtel. Da vertraute er lieber Banne. Sie hatte sich immerhin vorgestellt und ihm geholfen. Ihre Absicht war es zu helfen und das würde er nutzen.
„Wie vielen hast du bisher geholfen?“, unterbrach Trad die Stille, als er sich aus dem Trott des stumpfsinnigen Folgens losreißen konnte.
„Meine Kräfte sind erst vor einem Jahr erwacht“, erinnerte das Mädchen ihn, „Du bist bisher also erst der Zweite.“
„Wer war der Erste?“
Das Mädchen stieß Zweige beiseite, die den Eingang zu einer kleinen Bruchbude verbargen und grinste. „Du wirst ihn gleich kennenlernen.“

Das „Haus“ war zwar eine Bruchbude und war auch klein, aber es war auch gut versteckt. Die Bäume umschlossen es, als gehörte es zum Wald dazu. Zudem fühlte es sich heimisch an, kaum das Trad über die Schwelle getreten war.
„Trad, das ist Cornfeld. Cornfeld, das ist Trad.“
Banne zeigte stolz auf einen Jungen, der gute fünf Jahre jünger war und am Küchentisch saß. Schwarze Haare ließen ihn bleich aussehen, während er in seinen breiten Klamotten beinahe ertrank. Cornfeld sah auf. Trad war so gefesselt von der gelben Butterblume auf der Stirn des Kindes, dass ihm erst danach auffiel, dass sich die Augen seines Gegenübers nicht fixierten. Sie starrten ins Leere.
„Du bist blind.“
Wow. Toll gemacht, Trad. Du hast gerade bewiesen, was für ein riesengroßer Idiot du doch bist.
„Wow“, entkam es Banne fassungslos.
„Und du bist ein Weichei“, giftete Cornfeld ihn an.
Und das war ... Trad hatte es nach seinem Fehltritt von Sensibilität möglicherweise verdient, aber er fand es doch ziemlich fies. Vor allem, weil er genau wusste, dass Cornfeld die Worte gewählt hatte, um zu verletzen.
„Cornfeld“, seufzte Banne, „Sei nett. Er hat eine stressige Flucht hinter sich.“
Der Bursche schüttelte seinen Kopf: „Ich kann es sehen. Er ist ein Weichei. Er macht sich nie Mühe und erspart sich Arbeit, wo er nur kann. Ich kann es sehen, Banne. Dieser Kerl hat nicht nur eine Schwäche, sondern mehrere und sie laufen alle darauf hinaus, dass er sich am Ende denen anschließen wird.“
„Wie bitte?“, wollte Trad wissen, der plötzlich das Gefühl bekam, dass er etwas Wichtiges nicht wusste. Da musste doch noch mehr dahinter stecken, als dass Cornfeld ihn loswerden wollte.
Banne sah ihn entschuldigend an: „Cornfeld hier sieht die Schwächen und Stärken von Menschen klar vor sich.“
„Aber er ist blind.“
„Wow“, machte Banne dieses Mal lautlos, während Cornfeld ein Kissen in seiner Nähe packte, warf und um mehrere Meter verfehlte.
„Ein drittes Auge funktioniert auch bei Blinden oder Sehbehinderten oder Alten“, rief das Kind empört und sah dabei ziemlich niedlich aus.
Trad hob abwehrend seine Hände: „In Ordnung. Ich habe es verstanden. Tut mir leid.“
Nichts davon meinte er wirklich ernst. Aber für einen Streit fehlte ihn die Motivation.
„Siehst du“, fauchte Cornfeld Banne an, „Ein Weichei.“
„Du willst Banne doch nur für dich alleine haben“, knurrte Trad jetzt doch. Er mochte das Wort „Weichei“ nicht. Es machte ihn wütend und verletzte ihn. Wenn Cornfeld das machen durfte, dann konnte er sich ja wehren.
„Ihr seid seit einer Ewigkeit nur zu zweit und du hast Angst, dass ein neuer Spieler sie von dir wegholen könnte. Also versuchst du von Anfang an mich zu verjagen und Banne von meiner Nutzlosigkeit zu überzeugen.“
Beide starrten ihn an.
„Woher ... Woher weißt du das?“, kam es über zittrige Lippen, „Das war mir noch nicht einmal bewusst.“
Trad zuckte mit den Schultern: „Deine Absichten waren ziemlich offensichtlich.“
Banne schüttelte den Kopf: „Nein. Nein, das waren sie nicht. Ich habe es nicht erkannt und ich kenne Cornfeld länger und besser als du ihn.“
Oh. OH. Ein Grinsen breitete sich über Trads Gesicht aus. „Sieht so aus, als hätten wir meine Sicht gefunden. Die Absichten jedes Menschen sind klar ersichtlich für mich.“
Und irgendwie legte es den Streit beiseite, sodass sie zusammen zu Abend essen konnten.

Normalerweise hätte er sich nach dem Essen schlafen gelegt, aber es war noch nicht alles besprochen und so würde er nicht schlafen können.
Also seufzte Trad einmal tief.
„Wie sieht der Plan aus?“
Weder Banne noch Cornfeld schienen zu verstehen, was er meinte.
„Ihr könnt doch nicht ernsthaft vorhaben, euch euer Leben lang zu verstecken!“
„Doch“, meinte Cornfeld, während Banne den Kopf schüttelte.
„Nein“, kommentierte sie bestimmt, „Mein Plan beinhaltete, jeden zu finden, der in dieselbe Situation gerät, wie wir.“
„Und uns dann zu verstecken.“ Wow. Cornfeld klang ziemlich schnippisch. Trad hätte vermutlich gelacht, wäre er nicht so entsetzt.
„Verstehe ich das richtig?“, unterbrach er also die Streithähne, „Du erwartest, dass wir ein Leben lang weglaufen und unsere Eltern nie wieder sehen?“
Banne blickte ihn unbeeindruckt an. „Was hattest du den vor, als du die Flucht ergriffen hast? Fünf Tage durchrennen und zur Messe wieder zuhause sein?“
Und darauf konnte Trad nichts erwidern, weil Banne Recht hatte. Er war gerannt, ohne seinen Kopf anzustrengen. Er hatte keinen Plan und besaß jetzt auch noch die Frechheit, den „Plan“ der anderen schlechtzureden? Eine tolle Leistung. Kein Wunder, dass Cornfeld Vorbehalte ihm gegenüber hatte.
„Du hast recht“, gab er also zu, „Ich habe es nicht überdacht, aber jetzt mache ich es und sage dir: Das ist kein Plan!“
Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Trad jetzt von Bannes Augen erdolcht worden.
„Er hat nicht Unrecht, weißt du.“
Trad blinzelte. Hatte ausgerechnet Cornfeld ihm gerade zugestimmt? Das Mädchen konnte es anscheinend auch nicht so recht glauben, so verraten wie sie gerade dreinschaute.
„Wir können zwar ewig so weiter machen, aber wenn ich ehrlich bin, dann haben weder du noch ich die Ausdauer dafür. Irgendwann werden wir an unserem Plan zweifeln und uns wünschen, wir hätten gleich von Anfang an einen anderen Weg eingeschlagen.“
Banne klappte den Mund einige Male auf und zu. Kein Ton kam über ihre Lippen und am Ende stampfte sie nur wie ein trotziges Kind auf dem Boden auf. Trad wollte schon lachen, aber es blieb ihm im Hals stecken, als sich Banne einfach umdrehte, in die Ecke setzte und vor sich hinstarrte. Sie blendete die Gegenwart aus, erkannte er seufzend.
„Das macht sie öfters“, erklärte Cornfeld, „Keine Sorge. Früher oder später wird die Logik meiner Worte sie einholen und dann werden wir uns was einfallen lassen.“
„Die Logik deiner Worte?“, fragte Trad ungläubig.
Der andere grinste ihn frech an: „Klar. Du hattest zwar die Idee, aber deine Verpackung hatte genauso viele Fehler wie du.“
„Vielen Dank auch!“

Trad war irgendwann eingeschlafen. Dies wurde ihm erst bewusst, als er unsanft aus dem Schlaf geweckt wurde. Wer warf auch schon mit einem Rucksack nach ihm?
Wütend funkelte er Banne an.
„Was?“, fragte sie unschuldig, „Du wolltest doch handeln, also handeln wir.“
Das ließ ihn aufhorchen und zu seiner Besänftigung gab es sogar ein Frühstück mit frischem Obst.
„Wie sieht der Plan aus?“, fragte er zwischen zwei Bissen.
„Bist du im Stall aufgewachsen?“, rümpfte Cornfeld die Nase, „Kau runter, bevor du sprichst.“
Trad tat ihm den Gefallen und schluckte: „Ich bin halt ein Bauer. Was ist mit dir, dass du dich darüber aufregen darfst? Ist ja nicht so, als würdest du es sehen können.“
Cornfeld warf einen Apfel nach ihm, der verfehlte und direkt in Bannes Hand landete.
„Er ist in einem feinen Haus von einem Gutsherrn aufgewachsen. Seine Eltern waren nicht begeistert von seinen Augen und als sie die Blume sahen, haben sie ihn gleich vor die Tür gesetzt.“
Trad fühlte sich automatisch wie ein Scheißkerl.
„Erzähl ihm doch gleich meine Leidensgeschichte“, knurrte Cornfeld und versuchte damit seine Scham zu überspielen, wie Trad traurigerweise feststellen musste.
„Schon geschehen“, streckte Banne ihre Zunge raus.
„Tut mir leid“, meinte Trad und versuchte Banne mit seinen Augen zu danken. Er wusste selber nicht warum, aber allein durch diese Information konnte er den anderen Jungen besser verstehen. Und das war wichtig.
„Der Plan“, lenkte Cornfeld erfolgreich ab, denn Banne sprang energisch auf und gestikulierte wild, während sie ihren „Geniestreich“ erklärte.
„Wir gehen in das Hauptgebäude des Rates, indem wir unsere Fähigkeiten nutzen und wenn wir erst einmal dort sind, suchen wir uns eine Information heraus, mit denen wir sie ein Leben lang erpressen können.“
Weder Trad noch Cornfeld waren überzeugt.
„Der Plan ist beschissen“, kommentierte Cornfeld, während Trad mit einem entschuldigenden Lächeln bestätigend nickte.
Banne ließ sich geknickt auf den Holzstuhl fallen. „Dann macht es besser, ihr Kritiker.“
„Wir starten ein Ablenkungsmanöver, das uns erlaubt, das Gebäude zu betreten“, schlug Trad vor, „Und ab da machen wir deinen Plan so weiter. Nur sollten wir die Beweise jemanden anvertrauen, der es im Fall unseres Todes weitergibt. Das ermöglicht es uns, dass sie uns wirklich in Ruhe lassen.“
Cornfeld nickte: „Und wenn wir schon dabei sind, dann lassen wir den blinden Jungen lieber nicht bei den Aktionen zu, die es erfordern, zu rennen.“
Das war ein guter Punkt und von diesem Standpunkt aus, formte sich ein geschmeidiger Plan, der nur noch aufgehen musste.

„Seid ihr sicher, dass das eine gute Idee ist?“
Trad bereute die Frage sofort, als er sie gestellt hatte. Die ungläubigen Gesichter seiner Mitstreiter waren eindeutig.
„Ich sagte doch, dass er ein Weichei ist“, murmelte Cornfeld, während Banne nicht widersprach und damit alles sagte.
„Gut, gut“, beschwichtigte Trad die beiden, „Ich meinte nur, dass wir uns alle sicher sein sollten. Immerhin gibt es danach kein Zurück mehr.“
„In der Hütte wäre die Zeit für Skrupel gewesen“, meinte Banne bestimmt. Trad fand das ein wenig ungerecht, immerhin ging er lieber behutsam als übereilt vor. Daran war nichts falsch.
„Überlasst mir einfach die Ablenkung“, entfernte sich Cornfeld von ihnen und ging langsam die Mauer entlang Richtung Markt.
Wenn er die Ablenkung übernahm, dann sollte auch er sicher sein. Zumindest war das der Plan. Trad hoffte nur, dass der Blinde seine Kappe nicht verlieren würde, die sein drittes Auge verbarg. Das würde einiges verkomplizieren.

Banne spielte nervös mit ihren ausgeleierten Ärmeln. Trad war kurz davor, ihr auf die Hände zu schlagen, denn die Absicht – ihre Nervosität zu lindern – klappte eindeutig nicht und machte ihn ganz hibbelig.
Ein markerschütternder Schrei ertönte vom Markt und wenige Sekunden sprang die Tür des Ratssaales auf.
Drei Leute stürmten raus und zwei schlichen hinein.

Trad stieß wütend einen Stuhl um.
„Nichts! Das kann doch nicht sein! Ich dachte, dass alle Politiker Leichen im Keller haben.“
Vor ihm war ein runder Tisch mit zahlreichen Landkarten und Briefen. Aber nichts davon schrie „korrupt“ oder „Erpressungsmaterial“.
„Lass uns noch nicht aufgeben“, beschloss Banne.
„Wir haben nicht ewig Zeit und hier ist nichts“, schüttelte Trad den Kopf, der nichts riskieren wollte. „Jetzt hetz nicht herum. Wenn dem so ist, hättest du dich gleich im Hof deiner Eltern schnappen lassen können.“
„Wo könntest du jetzt noch suchen?“, giftete Trad zurück. Er schätzte es gar nicht, dass Banne ihn immer wieder an diesen Punkt seines Lebens erinnerte, nur damit er standhaft blieb. Er schätzte es nicht, weil es eine Manipulation war, die funktionierte, obwohl man sie durchschaute.
„Nicht in dieser Zeit.“
Oh. Dadurch, dass die Haare ihr drittes Augen verbargen, hatte er ganz vergessen, dass dies eine Option war.
„In Ordnung. Aber halt mich auf dem Laufenden.“
Banne bekam einen leeren Blick und schaute sich im Raum um.
„Sie stehen im Raum vor Landkarten. Sie reden von Frischfleisch. Sie wissen nicht, wo sie suchen sollen, nachdem sie das Mädchen – ich glaube, dass sie mich meinen – verloren haben. Mera – die Frau, die dich gejagt hat – schreit, weil Zag – den kenne ich nicht – mit Fieber im Bett liegt und deswegen keine Spuren lesen kann.“
„Mach weiter vor“, schlug Trad vor, der besorgt feststellen musste, dass kein Gebrüll mehr vom Markt kam.
„Nein. Gleich“, schüttelte das Mädchen entschlossen den Kopf, „Das muss gleich wichtig werden. Das spüre ich.“
„Das kannst du nicht spüren!“
Aber Banne hörte ihn gar nicht mehr, sondern sprach weiter: „Mera. Sie nutzt ihre Gabe. Da ist ein Junge auf einem Hof. Scheiße. Sie beschreibt dich.“
„Wie kann sie das denn?“, verstand Trad gar nichts mehr, „Das ist doch in der Vergangenheit.“
„Scheiße!“, fluchte Banne und riss sich aus der Vergangenheit.
Ihr Atem ging so schnell, dass Trad ihr am liebsten eine Tüte zum Reinatmen gegeben hätte.
„Was ist?“
„Sie hat mich angesehen!“
Das Fragezeichen auf seinem Gesicht spiegelte sich auf ihrem Gesicht wider.
„Hallo, Kinder. Hattet ihr Spaß?“
Die Stimme von Mera ließ sie zu den drei Ratsmitgliedern herumfahren. Nur, dass Cornfeld eingeschüchtert zwischen den Gestalten stand.
„Kuhmist“, entfuhr es Trad. Er wusste doch, dass sie es übereilt hatten.

„Die Ablenkung war echt nicht von schlechten Eltern.“
Der Typ, der Trad verfolgt hatte, brach als Estes die dramatische Pause und besaß dabei die Frechheit zu grinsen. Das schlimmste war, dass Trad genau erkannte, dass dieser Typ alle fröhlich stimmen wollte. Er rubbelte sogar anerkennend durch Cornfelds Haare.
„Klappe“, brummte die Frau, Mera. Sie war regelrecht angeekelt von der Laune ihres Freundes. Zumindest wenn man ihrem Gesicht glaubte. Trad vertraute da auf seine Fähigkeit und die sprach genau das Gegenteil: Das war ihre Art sich zu bedanken.
Anscheinend verstand das der Typ, denn er sprach einfach weiter.
„Ich bin übrigens Tu-pin und habe die wunderbare Fähigkeit Auren zu sehen. Also lasst euch nicht von Mera einschüchtern. Eigentlich ist sie gerade super drauf.“
Er zeigte danach auf seinen Partner.
„Und das da ist Zag. Er kann Spuren sehen. Also unser Spürhund. ... Ups. Das hat ihn wütend gemacht.“
Ja, Zag sah auch tatsächlich wütend aus.
„Wir gehen jetzt besser. Tut uns leid, wegen des Streiches“, lächelte Banne, aber Trad hätte es ihr selbst ohne seine Fähigkeit nicht abgekauft.
„Nein“, erklärte Mera und schloss die Tür, „denn so wie ich es einschätze, versteckt ihr alle eine schöne Blume auf eurer Stirn.“
Zum Beweis zog der „Spürhund“ Cornfeld die Kappe vom Kopf. Die Butterblume saß verräterisch auf seiner Stirn.
„Ich bin der Einzige!“, entkam es Cornfeld.
Trad musste traurig feststellen, dass der Kleine es wieder gut machen wollte, dass er die Ratsmitglieder nicht lange genug abgelenkt hatte.
„Ähm, Kleiner. Das glaubt dir hier keiner. Tut mir leid“, sah Tu-pin tatsächlich betroffen aus. Trad stellte innerhalb einer Sekunde fest, dass dieser Mann ein offenes Buch war und alles so meinte, wie er es sagte. Er wirkte gar nicht ... feindlich.
Aber Meras „Freundlichkeit“ reichte auch für zwei.
„Wir haben euch ewig gesucht.“
„Wieso konnten sie mich in der Vergangenheit sehen?“
Die Frage platzte aus Banne heraus, ohne dass sie es wollte. Es sollte nicht wichtig sein, aber die Dringlichkeit in der Frage zeigte, wie dringend das Mädchen das Rätsel lösen wollte.
„Das ist meine Fähigkeit, Göre. Ich kann in die Zukunft sehen.“
Bannes Augen weiteten sich und sie sah entschuldigend zu Trad. „So haben sie dich gefunden. Ich habe vorhin erwähnt, wo sie dich finden werden. ... Es tut mir so leid.“
Die Tränen in ihren Augen ließen seine Füße vor seinem Kopf reagieren und er legte ihr einen tröstenden Arm um die Schulter.
„Nicht deine Schuld“, flüsterte er und wartete nur darauf, dass die Erwachsenen wieder das Gespräch an sich reißen würden. Etwas, was sie kurz darauf auch taten.
„Ich verstehe gar nicht, warum ihr weggerannt seid.“
Das war der erste Satz, den Zag aussprach. Seine Stimme klang rauer, als es seine blasse, in sich zusammengefallene (besser konnte es Trad nicht beschreiben) Gestalt vermuten ließ. Sein Blick war der eines Jägers und den Jugendlichen gefiel es gar nicht, dass sie die Beute sein sollten.
„Ihr habt meinen Eltern gesagt, dass ihr nur reden wollt. Aber das war gelogen“, erklärte Trad.
Mera blinzelte: „Natürlich war das gelogen. Wir wollen euch abwerben!“
„Wir wollen aber nicht eure Marionetten sein“, murrte Cornfeld.
„Wir würden euch nicht zwingen!“, entrüstete sich Tu-pin. Und das war ... komisch, das war wahr. Trad bemerkte keine Absicht der Tücke oder der falschen Sicherheit. Aber ... konnte das stimmen?
„Mein Bruder wurde gezwungen.“
Trad drückte Banne noch fester an sich, aber sie stieß ihn von sich. Obwohl sie weinte und ihre Beine zitterten, brachte sie noch irgendwo die Kraft auf, einen Finger anklagend auf Mera zu richten.
Die Frau sah zum ersten Mal traurig aus.
„Das war unsere Generation“, nickte sie, „Wir wurden alle gezwungen und wenn wir nicht wollten, dann endete es tödlich.“
Zum ersten Mal war auch ihr Partner sichtlich niedergeschlagen. „Nur mit der Zeit konnten wir die Regeln so ändern, dass niemanden dasselbe passieren würde wie uns.“
Zag nickte.
„Ich spüre keine Täuschungsversuche“, gab Trad ehrlich zu.
Banne ließ ungläubig ihren Finger fallen und kurz darauf gaben ihre Beine nach. Ihr Anblick erinnerte ihn an eine Marionette, der man gerade die Fäden durchgeschnitten hatte.
„Es ist eure Entscheidung“, murmelte Mera leise, „Ihr entscheidet, ob ihr zu unseren Nachfolgern ausgebildet werden wollt.“
Tu-pin legte ihr eine Hand auf die Schulter: „Wir lassen euch jetzt alleine und geben euch Bedenkzeit.“
Das Trio verließ den Raum und zurück blieben drei Teenager, die nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten.




„Ich will die nicht als Nachfolgerin“, beschwerte sich Cornfeld, „Sie ist eine Heulsuse.“
„Du hast mich auch ständig Weichei genannt, als wir damals zu den neuen Ratsmitgliedern ausgebildet worden sind“, erinnerte Trad müde.
Banne grinste frech: „Das hat er schon davor gesagt. Und er hatte übrigens recht. Du warst der Erste von uns, der das Angebot angenommen hat.“
Cornfeld grinste stolz.
Trad seufzte: „Ihr habt doch auch zugesagt. Außerdem ist das lange her.“
„Lass uns noch ein wenig in der Vergangenheit schwelgen“, bat Banne, „Immerhin wird es langsam anstrengend, Nachfolger zu suchen.“
„Kein Wunder, dass Mera immer so schlecht drauf war“, stimmte Trad zu.
„Ein Wunder, dass Tu-pin immer so gut gelaunt war“, gab Cornfeld zu bedenken.
Die Dreiergruppe saß an einen runden Tisch und redete. Redete bis tief in die Nacht. Die Ereignisse der Vergangenheit waren beinahe verblasst, aber das war auch gut so. Immerhin mussten sie bald nach vorne schauen. Mithilfe aller drei Augen.
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