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Sieh, die Sterne bluten

von Aalbeere
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Mix
29.04.2021
13.06.2021
7
9.261
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06.05.2021 1.821
 
„Aber sie kommen nicht in die Astraca.“



Das dunkel glitzernde Band des Veyt zog sich schier endlos durch die beigen Sandsteinhügel, bis es am Horizont verschwand, wo bald das Meer begann. Der Fluss war schon tief ins Gestein eingegraben und bildete einen schroffen Canyon, der zu durchsegeln war, wenn man Rhend erreichen wollte.
Wenige Schiffe waren auf dem Wasser unterwegs und keines von ihnen trug die erhoffte schwarz-goldene Beflaggung, die die Herkunft aus Dscha’fen verriet. Finarcel überschattete seine Augen mit einer Hand und kniff sie zusammen, um sich bessere Sicht zu gewähren. Doch einzig erkannte er Rot und Dunkelgrün aus Codlin und das avionische Blau. Aus Avion und Codlin aber kam kein einziger Soldat und nicht eine Waffe.
Zwei Tage waren es nun, dass sich die Schiffe verspäteten und selbst Fallandras, der sich am besten mit sämtlichen Schiffsrouten von Rhend auf den Südkontinent auskannte, wurde langsam nervös, weil die Dscha’fen nicht kamen. Und sie ließen sich auch nicht herbeistarren, tauchten nicht aus der flirrenden Hitze auf.
Ein leises Ächzen überkam Finarcels Lippen, während er sich an den Kopf griff, mit Zeigefinger und Daumen über seine Schläfen rieb, als könnte das die Kopfschmerzen zurückweisen. In der Hitze des Sommers waren sie besonders schlimm, hämmerten von hinten gegen seine Stirn, als wollte jemand seinen Schädel von innen heraus aufbrechen. Der Lärm der überfüllten Stadt machte das auch nicht besser.
Dicht an dicht schoben sich Menschen durch die Stadt, drängelten und schubsten, besonders auf der breiten Straße, die vom nördlichen Hafen auf den Zentralplatz führte. Und immer mehr Menschen wollten hinein nach Rhend, doch die Stadt war nicht groß genug, um sie alle aufzunehmen. Das schrille Kreischen und Lachen von Kindern übertönte alles, gemeinsam mit der Musik, die die Luft über dem Basar erfüllte und zu ihm hinübergetragen wurde.
Die leichte, zart stinkende Brise vom Fluss blähte die zahlreichen bunten Tücher, die die Straßen, auf denen der Basar wimmelte, überspannten, auf. Doch Finarcel erreichte sie nicht. Seine Haut glänzte vor Schweiß und überall dort, wo seine Kleidung es wagte, die Haut zu berühren, klebte sie fest. Vielleicht wäre er gar in den Veyt gesprungen, um sich ein wenig Abkühlung zu verschaffen, aber so verzweifelt, das Dreckloch als Badewanne zu benutzen, war er noch nie gewesen.
„Finarcel?“, drängte sich eine zarte Stimme durch all die anderen Geräusche hindurch, die seinen Kopf verstopften. „Finarcel! Du kannst nicht den ganzen Tag hier herumstehen und warten, dass die Dscha’fen auftauchen!“, begann sie, ihn zu schelten, als er nicht reagierte.
„Vestasca“, seufzte er und wandte sich nun doch zu der kleinen, dunkelhäutigen Frau um, deren lange schwarze Locken ihren Kopf pompös umwallten. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und funkelte ihn an, wirkte aber weniger wütend. Eher wie eine aufgeplusterte Henne, die versuchte, sich zu behaupten.
Ein schiefes Lächeln zeichnete sich auf Finarcels Lippen ab. „Nicht, dass ich eben gerade noch unten war. Du übertreibst, meine Liebe. Ich wäre schon rechtzeitig zur Sitzung gekommen.“ Er warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob nicht doch dscha’fennsche Schiffe am Horizont auftauchten. Das Schielen tat ihm hinter den Augen weh.
„Du bist zu besessen von der Ankunft dieser Schiffe, Finarcel.“ Vestasca schüttelte den Kopf und trat etwas näher. „Es ist doch nicht deine Aufgabe, dich damit zu beschäftigen. Syrthander kümmert sich um die Schiffe.“
„Ich muss mich auch mit unseren Allianzen befassen. Fallandras macht die nicht allein. Wenn die Dscha’fen nicht kommen, haben wir wirklich schlechte Chancen gegen das Heer des Kaisers. Noch schlechtere, das mein ich damit.“ Er kniff die Augen zusammen, als die Kopfschmerzen besonders zustachen. „Ach, das verstehst du eh nicht“, winkte er dann mit wenig Nachdruck ab.
„Du hast Recht, ich verstehe nicht viel von Allianzen und deinen Strategien.“ Vestasca zauberte eines ihrer süßesten Lächeln auf ihre Lippen. Die Südländerin war nicht dumm, nur lagen ihre Qualitäten in anderen Bereichen als der Kriegsführung und das wusste sie genau. „Aber ich könnte dich ein bisschen ablenken, was denkst du?“
Noch während sie sprach, machte sie sich an dem dunkelroten Tuch zu schaffen, das südländisch freizügig als einziges ihren Busen bedeckte und nahm es ab, ohne eine Antwort von Finarcel abzuwarten. Sie wusste nur zu gut, dass ihre Ablenkungen ihm stets willkommen waren.
Ein ohrenbetäubender Gongschlag hallte über die Stadt hinweg, dröhnte in seinem Kopf und riss ihn aus der Betrachtung von Vestascas vollen, unbedeckten Brüsten. Kaum war der erste Schlag vergangen, erklang der zweite, dann der dritte und schließlich der vierte. Die vierte Stunde war angebrochen und damit war es Zeit für die Sitzung des Oberkomitees der Charyi-Rebellen.
„Später“, meinte Finarcel also, löste sich von der steinernen Brüstung des Daches und ließ es sich nicht nehmen, im Vorbeigehen doch noch kurz über die Brust der Südländerin zu streichen. Bevor Rhend annektiert worden war, war sie nichts als eine Hure gewesen und hatte inzwischen vermutlich schon mit dem halben Aufgebot der Widerstandskämpfer geschlafen. Einschließlich ihm. Aber sie war wirklich wundervoll, das musste man ihr lassen.

Unten im Haus war es kühler als auf dem Dach. Schon auf der schmalen Treppe, die ins Erdgeschoss führte, schlug es ihm angenehm kühl entgegen, ließ ihn aber auch ein wenig frösteln nach dem Ausharren in der sommerlichen Hitze.
Um den runden Holztisch im Zentrum des Raumes, der beinahe das ganze Haus ausmachte, hatten schon alle zwölf anderen Mitglieder des Oberkomitees auf ihren Hockern Platz genommen. Ihre dunklen Gesichter waren voller Sorge und es gab unzählige Gründe dafür.
Beklommenheit ergriff Besitz von Finarcel, schuf Enge in seiner Brust und begann, mit den Kopfschmerzen zu ringen, als er sich ebenfalls setzte. „Nun“, stieß er zum Auftakt hervor und legte die Hände übereinander auf den Tisch. Die schmutzigen Ränder der bis auf die Haut abgeknabberten Fingernägel schrien ihm anklagend entgegen.
„Die Schiffe aus Dscha’fen.“ Er wandte sich Fallandras zu, der die Ellenbogen auf der hölzernen Tischplatte und das Kinn auf den Daumen abgestützt hatte und ihn durchdringend aus seinen grauen Augen ansah. „Gibt es Nachricht, außer dass sie nicht kommen?“
Der Südländer erhob sich und holte tief Luft, um sich gerade aufzurichten, was dem ehemaligen Steinbrucharbeiter unleugbar Probleme bereitete. „Ja“, meinte er nach einem unangenehmen Moment des Schweigens und nickte dabei. „Ja, das gibt es. Die Taube kam gerade an, ich hatte keine Zeit mehr, jemandem Nachricht zukommen zu lassen.“ Fallandras schluckte. Seine Finger bebten leicht, als er in die Brusttasche seines Hemdes griff und eine kleine Rolle hervorholte. „Die Schrift sieht hektisch aus. Das ist beunruhigend. Du kannst lesen, Chrysis.“
Die Rolle wurde bis zu Finarcel gereicht, der sich erhob, während Fallandras wieder Platz nahm. Er strich das raue Pergament glatt. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, waren hektisch und manchmal mit dscha’fennischen gemischt. Er versuchte, das fehlerhafte Neçarische bestmöglich zu vervollständigen.
„Die Schiffe mit den roten Schlangenflügelsegeln halten auf uns zu. An der Reling hängen Schilde. Sie wollen uns den Weg abschneiden. Wir sind in der Unterzahl. Gut möglich, dass wir verlieren.“ Er knallte das Pergament auf den Tisch. „Sie kommen jetzt von Süden. Und sie haben unsere Verbündeten überfallen.“ Das hieß keine Soldaten und keine Waffen in absehbarer Zeit, aber eine neue Bedrohung aus der anderen Richtung.
Das war nicht gut. Finarcel schob sich den Daumennagel zwischen die Zähne, doch sie schabten nur nutzlos darüber. Jetzt den Kopf zu verlieren wäre ja noch schöner. „Wir müssen die südlichen Außenposten verstärken. Wie viele Schiffe haben wir? Und wie viele Leute, die so gut schwimmen können, dass sie es im Meer schaffen?“
„An der Küste liegen fünfzig Schiffe und der Kaiser wird wohl kaum seine gesamte Armada geschickt haben“, schaltete sich die dunkle, selten erklingende Stimme Cystenian Elvorans ein. Sie beruhigte ihn ein wenig. „Ich werde sofort nach Schwimmern schicken lassen und  Soldaten nach Süden schicken.“ Soldaten, die hoffentlich rechtzeitig ankamen, bevor die Truppen des Kaisers landeten.
Finarcel nickte knapp. „Die Kaisertruppen werden noch etwas brauchen, bis sie vor unserer Küste landen können, wenn sie erst die Dscha’fen aufhalten“, verkündete er, obwohl er sich nicht vollkommen sicher war. „Verfallen wir also keineswegs in Hektik. Wir haben gute Chancen.“
„Aber der Norden benötigt auch Verstärkung“, warf die einzige Frau der Runde ein, die genauso als Mann durchgehen konnte, trüge sie nicht die Kleidung einer Frau. Niafloda Jovkasks rauchige Stimme gab ihren Worten so viel Gewicht, dass Finarcel nicht einfach mit den südlichen und städtischen Angelegenheiten fortfahren konnte.
„Falls es dir entgangen ist, Chrysis, weil zu zu beschäftigt warst, Vestasca zu vögeln: Unser nördlichster Außenposten wurde zerschlagen. Vor sieben Tagen schon. Der Kaiser drückt von Norden und da brauchen wir auch ein Bollwerk. Rhend ist sowieso überfüllt. Die Soldaten bringen uns hier in der Stadt rein gar nichts. Genau wie die Gemmi. Warum lässt du sie hier herumgammeln? Wir haben einen Saphir, lass ihn mit nach Süden gehen. Wir haben eine Rubin, schick sie nach Norden. Wir müssen ihnen zeigen, dass die Steine auch auf unserer Seite sind. Und dann hast du immer noch einen Gemme hier, um die Kinder durchzusieben und auszubilden. Wenn du sie alle hier behältst, kommt es dazu vielleicht gar nicht, weil wir vorher überrollt und tot sind.“
Als er abermals nickte, konnte Niafloda eine gewisse Überraschung nicht verbergen. Mit einem angespannten Grinsen deutete er auf die Südländerin. „Genau!“, rief er dabei aus. „Genauso wird der Kaiser reagieren, wenn wir auf einmal mit Gemmi ankommen. Der Zeitpunkt ist perfekt.“ Er konnte die Magier nicht mehr lange vorenthalten, so lange, wie Jovkask schon die Rubingemma einforderte. Irgendwie musste er das Komitee bei der Stange halten.
„Die Entlastung durch weniger Soldaten wird nicht lange andauern“, gab Laurél zu bedenken. „Es kommen immer mehr Flüchtlinge aus dem Norden in die Stadt, und die ist ohnehin überfüllt. Wir müssen sie irgendwie aufhalten oder umlenken. Ich dachte daran, alle auszusuchen, die kampftauglich sind und den Rest in die Astraca zu schicken. Die äußere Astraca ist vollkommen ungefährlich, da können wir ein Lager einrichten.“
Rufe wurden laut, bis man nicht mehr hören konnte, wer für ein Flüchtlingslager im Dschungel war und wer sie lieber in Rhend behalten wollte, bis Finarcel die Faust auf den Tisch donnerte, der unter dem Schlag erzitterte, während Schmerzen in sein Handgelenk stachen.
„Hört gefälligst auf zu schnattern! Hebt die Hände, wenn ihr für ein Lager in der äußeren Astraca seid!“, brüllte er gegen das Stechen in seinem Kopf an und gegen den Lärm, der auf einmal entbrannt war und in dem selbst sein Geschrei beinahe unterging.
Der Vorschlag von Erathessyn Laurél wurde mit acht Stimmen von dreizehn abgelehnt. Fünf wollten die Flüchtlinge der Astraca ausliefern. Auch Finarcel sprach sich dagegen aus. „Selbst die Zweytrer Holzfäller kommen manchmal nicht aus dem Dschungel zurück. Wir können keine Frauen und Kinder dort hinschicken. Wir lassen die Stadt offen. Im besten Fall richten sie sich davor ein. Oder wir können etwas mit den Dscha’fen aushandeln, wenn die Passage wieder frei ist.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber sie kommen nicht in die Astraca. Das ist zu gefährlich. Nicht in die Astraca.“
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