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Sieh, die Sterne bluten

von Aalbeere
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / MaleSlash
29.04.2021
06.05.2021
5
6.168
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04.05.2021 1.221
 
„Dann erschießt die Taube.“



Schneeweiß ragten die zahlreichen Türmchen und Erker des Palastes hinter der massiven grauen Mauer auf und streckten sich der Sonne entgegen, die an einem selten wolkenlosen Himmel strahlte, als hätte nicht gestern einer der schlimmsten Sommerstürme der letzten Dekade gewütet. Allein die dampfenden Straßen zeugten von der übrigen Nässe und die vereinzelten Pfützen auf den Wegen. Stolz präsentierte sich die neçarische Flagge auf den beiden vordersten Ecktürmen und blähte sich immer wieder in einer zarten Brise.
Teshalonicor brauchte den Wachen vor dem Tor nur zuzunicken, damit sie den Befehl zum Öffnen der beiden schweren Flügel gaben. Zu oft war er schon in den Palast beordert worden, als dass noch jemand seinen Passierschein einforderte.
Als er durch den schmalen Spalt trat, um den das Tor für ihn geöffnet wurde, schwand die Tristesse der Stadt und machte dem strahlenden Palastgarten Platz. Eine gepflasterte Allee, die sich mit Platanen säumte, führte direkt auf die Residenz des Kaisers zu und gepflegte Rasenflächen wurden unterbrochen von Blumenbeeten, die von Regen und Sturm etwas geknickt waren, aber dennoch erahnen ließen, wie prunkvoll sie sein mochten, wenn sie erst einmal wieder hergerichtet waren. Auch die Hecken, die als Trennung von verschiedenen Teilen des Gartens dienten hatte das Unwetter zerfleddert.
Zahlreiche Bedienstete waren damit beschäftigt, den Garten wieder herzurichten. Abgebrochene Äste wurden aufgesammelt, Laub zusammengekehrt und die Blumen, die am schlimmsten beschädigt waren, ausgetauscht. Doch Teshalonicor hatte weder Zeit noch Muße, dabei zuzusehen.
Er eilte die Allee hinauf. Bevor er jedoch den Palast erreichen konnte, hielt ihn eine vertraute Stimme aus einem der Seitenwege, die von der Allee abzweigten und noch nass waren und matschig, gerade dort, wo das Licht der Sonne sie noch nicht erreicht hatte, auf. Er stoppte die schnellen Schritte und wandte sich um zu Kaiser Cymalien, dem dritten seines Namens.
„Guten Morgen, eure kaiserliche Majestät“, grüßte Teshalonicor mit einer tiefen Verbeugung, welche er hielt, bis er den Befehl bekam, sich aufzurichten, dass er wieder größer war als der Kaiser.
Mit nur einem Wedeln einer schlanken, beringten Hand verscheuchte Cymalien die beiden Gardisten, die seine Eskorte bildeten, bevor seine Aufmerksamkeit sich wieder seinem Berater widmete, was aber auch nicht von langer Dauer sein würde.
„Begleitet mich ein Stück, Lord en Jysced und berichtet mir von den Neuigkeiten, die Ihr aus Charys bekommen habt“, forderte er Teshalonicor auf, während er sich wieder in Bewegung setzte und in den Schatten einer hohen Hecke abbog.
Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken, für einen Moment die feuchte Kühle genießend, die ihm der Schatten spendete, bevor er eine Antwort gab. „Vor sieben Tagen ist es gelungen, die Charyi-Rebellen von ihrem nördlichsten Außenposten zu vertreiben und wieder gen Süden zu drängen. Allerdings haben sie sich erbittert gewehrt und uns mehr Tote beschert als ihnen, bevor sie ihre Niederlage eingesehen haben.“
Viel wichtiger aber war der Sieg den sie errungen und nicht, wie viele Soldaten sie verloren hatten, solange sie den Rebellen nicht zahlenmäßig unterlagen. Und noch hatte Teshalonicor genug Schachfiguren, die er einsetzen konnte, um das Spiel zu gewinnen, obwohl ihm der Chrysis-Abkömmling keine leichte Partie lieferte. Sonst wäre es schon vor Jahren aus gewesen mit den Aufständischen.
„Wir haben also endlich wieder die Oberhand?“ Cymalien drehte den silbernen Siegelring an seinem Zeigefinger hin und her, wenn er sich seiner Sache nicht vollkommen sicher war und exakt diese Handlung ließ sich auch jetzt beobachten. Der Kaiser konnte so unverständig sein wie ein kleines Kind, wenn ihn etwas nicht interessierte und die Rebellen waren für ihn eine Art nebensächliches Problem, weil er es ihm überlassen hatte.
Teshalonicor nickte langsam. „Ganz Recht, wir haben nach wie vor die Oberhand. Mir einige Gemmi zu überlassen war eine weise Entscheidung, Majestät, sie haben sich als ausgesprochen nützlich erwiesen, zumal die Charyi die Magie nicht auf ihrer Seite haben.“ Zumindest hatte ihn noch keine Nachricht von Gemmi unter den Widerstandskämpfern erreicht. „Wir sind ihnen weit überlegen und sobald wir es schaffen, Chrysis aus dem Weg zu räumen, stehen sie ohne Anführer und Hoffnungsträger da.“
„Ihr seid sicher, dass Chrysis allein der Schlüssel ist?“ Der Kaiser pflückte die pastellene Blüte einer jener Tulpen, die noch gerade standen und begann, sie auseinanderzunehmen, nur eine weitere Nebensache für ihn, der sich nicht darum zu kümmern hatte, wie es in seinem Garten aussah, sondern nur die richtigen Befehle geben musste, damit sich jemand anderes damit beschäftigte.
„Sie nennen ihn die Taube“, erwiderte Teshalonicor trocken, spuckte den Titel des Widerstandskämpfers aus wie ein misslungenes Gericht. „Das sagt leider zu viel aus. Das einzige, was wir tun müssen, ist, die Taube zu erschießen.“
„Dann erschießt die Taube.“ Ein kleiner Satz von vier Worten bemächtigte ihn, einen Menschen zu töten und Cymalien dachte wahrscheinlich nicht einmal darüber nach. Es war das Privileg eines Kaisers, andere für sich denken lassen.  
Teshalonicor nickte zum Dank für die Ermächtigung, die er nicht einmal hätte einholen müssen. Aber als unterwürfiger empfunden zu werden, hatte niemals Nachteile, wenn man nicht die höchste Instanz war, sondern sich nur mit ihr abgab.
„Ich werde die nötigen Maßnahmen sofort einleiten, Majestät“, versprach er nach einem Moment des Schweigens, in welchem er damit rechnete, schon fortgeschickt zu werden und exakt die typische wegwerfende Handbewegung erfolgte.
„Etwas anderes erwarte ich auch nicht, Lord en Jysced. Je schneller die Taube erschossen ist, desto besser. Widmet Euch Euren Verpflichtungen und lasst Euch nicht weiter bei Hofe aufhalten.“ Cymalien wedelte mit der Hand. Seine beringten Finger erinnerten weniger an die eines Mannes von nunmehr vierzig Jahren als an die eines jungen Mädchens.
Teshalonicor verneigte sich zum Abschied noch einmal tief und wandte sich dann dem Gehen zu. Nun wagten sich auch die ersten Höflinge hinaus in den späten Morgen. Er hatte nichts als ein verächtliches Kopfschütteln übrig für die bunten Vögel, mit denen sich der Kaiser umgab und die um die Gunst des Herrschers warben. Welches von den Mädchen er wohl an diesem Abend in seinem Bett liegen haben würde?
„Lord en Jysced“, erklang eine zarte Stimme hinter ihm, begleitet vom leisen Klappern hochhackiger Schuhe. Sie gehörten der einzigen Frau, die sich heute nicht das Bett mit Cymalien teilen würde.
„Kaiserin Naratenia! Welch eine Freude Eure süßen Worte wieder einmal zu vernehmen.“ Die Etikette gebot es ihm, auch die Kaiserin mit einer Verneigung zu grüßen, obwohl sie ihn schon so oft gebeten hatte, es nicht zu tun.
„Mein Lord, solche Rede steht Euch nicht“, erwiderte Naratenia mit einem koketten Kichern und zupfte mit behandschuhten Fingern an dem bestickten Tuch um ihre Schultern, dessen Enden sich über ihr Dekolleté legten. Teshalonicor hatte ihre Hände noch nie ohne jene dünnen Handschuhe gesehen, die die filigranen Finger seidig glänzend umschmeichelten. „Leistet Ihr mir etwas Gesellschaft oder hat mein Gemahl Euch in eiliger Sache fortgeschickt?“
„Verzeiht, doch mir wurde aufgetragen, so schnell wie möglich auszuführen, was mir befohlen. Wenn Ihrer Majestät aber beliebt, werde ich später am Tage wiederkehren, um ihr ihren Spaziergang zu gewähren.“
„Ich zwinge Euch doch zu nichts, Lord en Jysced.“ Die Kaiserin unterbrach sich mit einem hellen Auflachen, nicht weniger falsch als Teshalonicors unterwürftige Freundlichkeit. „Und ich halte Euch nicht auf. Neshtaan lasse Eure Aufgaben gelingen.“
„Danke, Majestät. Genießt den schönen Tag. Auf dass Teleros sich noch nicht nach Euch sehnt.“
Naratenias glockenartiges Lachen hallte ihm nach, als er sich auf den Weg machte, um den Bogen zu spannen, mit dessen Hilfe sie die Taube erschießen würden.
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