Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

DEATH IN PARADISE - 01. Doppelfehler

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Krimi / P12 / Gen
Catherine Bordey OC (Own Character) Selwyn Patterson
29.04.2021
01.05.2021
8
31.154
1
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
29.04.2021 4.346
 
1

Neuanfang


    Die karibische See schien heute unruhiger zu sein, als es für gewöhnlich der Fall war. Bereits vor mehreren Stunden hatte sich die Sonne hinter dichte Wolkenbänder versteckt. Seitdem frischte der Wind konstant auf, was wohl auch der Grund dafür war, dass sich heute Vormittag kaum jemand der Fähre anvertraut hatte. Die meisten Touristen warteten offensichtlich lieber auf die Fähre, die am Nachmittag dieselbe Strecke fahren würde. Das Wetter sollte nach der Mittagszeit besser werden.
    In den fast schwarzen Augen der Frau, die allein auf dem Vordeck, am Bug der Katamaran-Fähre stand, spiegelte sich eine Mischung aus Trauer und Sehnsucht, seit die dunkle Linie der Insel am Horizont aufgetaucht war. Ihre gepflegten Hände hielten das Geländer des Vordecks fest umklammert, da der Seegang die Fähre spürbar krängen ließ. Diese seitlichen Schaukelbewegungen der Fähre waren der Hauptgrund dafür, dass keiner der wenigen anderen Passagiere sich hier oben aufhielt. Trotz des böigen Windes trug die Frau nur ein dünnes, dunkelblaues Trägerkleid und dazu passende Sandaletten.
    Von der Steuerbordseite des Decks aus nahm die Frau den Anblick in sich auf. Die Insel am Horizont war ihre Heimat. Vor einem Jahr hatte sie diese Insel verlassen, um auf Martinique zu leben. Sie hatte geglaubt, dadurch die finsteren Erinnerungen daran, was passiert war, hinter sich lassen zu können. Sie hatte gehofft, es wäre irgendwann vorbei. Der erste Blick auf die Insel Saint Marie hatte sie eines Besseren belehrt. Sie war immer noch am Leben, Patrice immer noch tot. Es war nicht vorbei.
    Florence Cassell schloss die Augen und atmete tief die salzig schmeckende Seeluft ein. Sie wusste nicht zu sagen, wie lange sie so allein auf dem Vordeck zugebracht hatte, als sie plötzlich angesprochen wurde.
    „Ziemlich rauer Seegang, Miss. Ist das in diesen Breiten öfter der Fall?“
    Florence Cassell öffnete die Augen wieder und wandte sich zu dem Mann um, dem die sonore Stimme gehörte. Sie erblickte einen sportlichen Mann, den sie auf Mitte dreißig schätzte. Vielleicht war er auch älter, ohne dass man ihm das ansah. Er trug eine elegant wirkende, dunkle Hose, ein kurzärmeliges, fliederfarbenes Hemd und dunkle, modische Lederschuhe. Sein Blick wirkte teils neugierig, teils interessiert und abschätzend. Das sanfte Lächeln, das sich auch in seinen grau-blauen Augen wiederfand, verlieh ihm eine pfiffige Note. Das kurze, dunkelblonde Haar passte zum Rest seiner Erscheinung. Insgesamt wirkte dieser offenbar durchtrainierte Mann auf Frauen, wie Florence befand. Dazu trug sicherlich auch seine leicht gebräunte Haut bei.
    Florence Cassell wandte sich ihm ganz zu, lehnte sich mit der Hüfte gegen das Geländer und erwiderte angedeutet das Lächeln des Mannes. Mit weicher, klarer Stimme antwortete sie: „Meistens ist die See, rund um Saint Marie, ziemlich ruhig, Mister.“
    Das Lächeln des Mannes, der sich ähnlich wie Florence rücklings gegen das Geländer lehnte und sich seitlich mit beiden Händen daran festhielt, vertiefte sich. An seinem Platz stehen bleibend meinte er: „Ich mag es, wenn das Wetter spürbar ist. Ich mag, wenn der Wind etwas heftiger weht oder wenn es regnet. Letzteres nicht zu stark natürlich.“
    Es blieb für einen Moment lang still zwischen ihnen, bevor Florence sich ihrerseits erkundigte: „Was verschlägt Sie dann nach Saint-Marie? Dort scheint an dreihundert Tagen im Jahr die Sonne.“
    Die Miene des Mannes wurde übergangslos ernster. „Ich beginne dort ein neues Leben. Morgen nehme ich dort meinen Dienst auf. Was ist mit Ihnen, Miss?“
    „Ich kehre nach Hause zurück. Seit einem Jahr war ich nicht mehr dort. Nach einem schweren persönlichen Verlust habe ich es damals nicht mehr dort ausgehalten.“
    Der Fremde nickte in Gedanken. „Ja, das kenne ich.“
    Im Gesicht der Frau zeichnete sich eine deutliche Veränderung ab. Zorn funkelte in den dunklen Augen und bevor der Mann mehr sagen konnte, fuhr sie ihn an: „Sie haben doch keine Ahnung von dem, was ich erlebt habe! Wie können Sie sich anmaßen, zu behaupten, Sie würden das verstehen? Ist das etwa eine schräge Anmache?“
    Echte Überraschung spiegelte sich auf dem Gesicht des Fremden. „Es lag nicht in meiner Absicht…“
    „Wissen Sie was? Vergessen Sie es einfach, Mister!“
    Die Frau verließ rasch das Vordeck und etwas verwirrt sah ihr der Mann hinterher, ohne dass sie es mitbekam. Sie fragte sich, was diesem arroganten Kerl überhaupt einfiel?

* * *

    Derrick Faulkner verzichtete darauf, seinem ersten Impuls folgend, hinter der Frau herzueilen. Stattdessen wandte er sich nach einem Moment um und richtete seinen Blick auf den Horizont, wo die Insel unmerklich größer geworden zu sein schien. Dabei verdüsterte sich sein Blick, darüber grübelnd, welche seiner Worte diese heftige Reaktion bei der ihm unbekannten Frau ausgelöst haben mochten. Hatte sie wirklich geglaubt, dass er sein Verständnis nur vorgespielt hatte? Er hielt der Unbekannten zugute, dass sie vielleicht Schlimmeres erlebt hatte, als er ahnte. Das wäre eine Erklärung für ihr Verhalten. Vielleicht hatte der Ring etwas damit zu tun, den sie an einer goldenen Kette um den Hals trug.
    Dabei hatte er selbst etwas Schlimmes erlebt. Vielleicht sogar schlimmeres als ein einzelner Mensch auszuhalten in der Lage war. Bei diesem Gedanken fuhr seine Rechte zu jener Stelle seines Hemdes, unter der ebenfalls ein Ring an einer goldenen Kette hing. Er wusste, was Verlust bedeutet. Tief durchatmend nahm er seine Hand wieder weg und ließ seine Gedanken in die Vergangenheit schweifend.
    Nach dem schrecklichen Verlust, den er erlitten hatte, war ein fast einjähriger Krankenhausaufenthalt sein Schicksal gewesen. Danach musste er mühsam wieder das Gehen erlernen. Bis er das hinter sich gebracht hatte und wieder Sport treiben durfte, war ein weiteres Jahr verstrichen. Durch das, was diese Ereignisse nach sich gezogen hatte, nicht mehr in der Lage, seine Tätigkeit für die National Crime Agency, kurz NCA, weiterhin wahrzunehmen. Darum hatte man seiner Rückversetzung zum Metropolitan-Police-Service zugestimmt. Jener Polizeibehörde, für die er zuvor viele Jahre lang gearbeitet hatte. Zuletzt im Rang eines Detective-Inspectors. Als er nach einigen Monaten davon gehört hatte, dass der Posten des Polizei-Chiefs, auf der Insel Saint-Marie, die auch heute, im Jahr 2021, zu den britischen Überseegebieten gehörte vakant war, hatte er um seine Versetzung dorthin gebeten. Um dort vielleicht völlig von vorne beginnen zu können. Doch Derrick Faulkner war sich nicht sicher, ob das überhaupt möglich sein würde. Fakt war jedoch, dass er sein altes Leben in London nicht so weiterführen konnte und vielleicht auch nicht weiterführen wollte.
    Wieder tief durchatmend fragte sich der hochgewachsene Mann, ob seine Entscheidung mutig war, oder ob sie feige war, weil er möglicherweise nur vor der Vergangenheit davonlief. Vielleicht fand er es auf der Insel heraus, zu der ihn seine spontane Entscheidung verschlagen hatte.
    Je näher die Fähre der Insel kam, desto mehr wurde Faulkner von einem inneren Kribbeln erfasst. Schon morgen Früh würde er seinem neuen Chef gegenüberstehen. Er dachte dabei an die Unterhaltung mit seinem Superintendent zurück. Der hatte den Commissioner der Royal Saint-Marie Police, Selwyn Patterson, als harten Hund bezeichnet, dessen Führungsstil, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig sein sollte. Im gleichen Atemzug waren auch Begriffe gefallen, wie: charmant, intelligent und gewieft. Auch was davon zu halten war, würde er zweifellos erst auf der Insel herausfinden.
    Zu dieser Unruhe gesellte sich nach einer Weile die Vorfreude, seine zukünftigen Kollegen und Kolleginnen kennenzulernen und neue Bekanntschaften zu machen. Es war ihm stets leichtgefallen neue Freundschaften zu schließen.
    Bei diesem Gedanken verzogen sich die Lippen seines Mundes zu einem spöttischen Grinsen. Der erste Versuch, eben hier vorne an Deck, strafte ihn Lügen, denn diese hübsche, dunkelhäutige Frau, die ihm die kalte Schulter gezeigt hatte, kennenzulernen war gründlich schiefgegangen. Was man noch als eine schmeichelhafte Untertreibung ansehen durfte.
    Derrick Faulkner hakte das Ereignis schnell unter der Rubrik Künstlerpech ab und richtete seine Gedanken auf das, was vor ihm lag. Sein Vorgesetzter hatte ihn bei dem letzten Briefing vor seiner Abreise damit vertraut gemacht, dass er ein erst kürzlich brandneu zusammengewürfeltes Team übernehmen würde. Keine eingespielte Mannschaft, die bereits gemeinsam Fälle bearbeitet hatte. Als Rechte Hand sollte ihm zwar ein weiblicher Detective-Sergeant namens Florence Cassell dienen. Sie hatte bereits einige Jahre bei der Polizei von Honoré gedient, doch die übrigen beiden Teammitglieder sollten ihr ebenso unbekannt sein, wie ihm. Das hatte ihm zumindest sein Vorgesetzter mitgeteilt, der ihm gleichfalls eine knappe, schriftlichen Zusammenfassung der Dienstakte von Florence Cassell zukommen ließ.
    Derrick Faulkner machte sich jedoch keine allzu großen Sorgen. Nach der einhelligen Meinung all seiner bisherigen Kollegen galt eine gute Menschenführung als eine seiner hervorstechenden Eigenschaften. Konnte schon sein. Zumindest war es ihm immer leichtgefallen, andere Menschen für seine Ziele einzuspannen und zu begeistern.
    Zu seinen weniger hervorstechenden Eigenschaften zählte hingegen seine gelegentliche Ungeduld und seine Sprunghaftigkeit. Zudem sagte man ihm eine gelegentliche Launenhaftigkeit nach, auch wenn er versuchte, diese Schwächen zu minimieren.
    Als Saint-Marie nur noch etwa einen Kilometer vor der Fähre lag, wandte sich Derrick Faulkner vom Anblick der grünen, hügeligen Insel ab. Es wurde Zeit, das Gepäck zu holen und sich auf das Verlassen der Fähre vorzubereiten. Dabei ergab sich vielleicht eine Gelegenheit, nochmal mit der hübschen Frau von vorhin zu reden und vielleicht das Missverständnis zwischen ihnen auszuräumen. Dieser Gedanke stimmte ihn zuversichtlich.

* * *

    Schneller, als Derrick Faulkner es erwartet hatte, machte die Fähre im Hafen von Honoré fest. Beim Verlassen der Fähre entdeckte der Mann jene Frau, mit der er auf dem Vordeck aneinandergeraten war. Seinen Rucksack angelegt und die riesige Reisetasche geschultert schritt er rasch aus, um an ihre Seite zu gelangen.
    Auf der gleichen Höhe mit der Unbekannten räusperte sich Faulkner und sagte höflich: „Entschuldigen Sie bitte, Miss. Ich wollte Sie oben auf dem Vordeck ganz bestimmt nicht beleidigen oder ihre Gefühle verletzen.“
    Gemeinsam zu den beiden Taxen marschierend sah die Frau ihn an. Unwillig, jedoch ohne das wütende Funkeln von vorhin in ihren Augen, gab sie zurück: „Tut mir leid, Mister, aber ich bin in Eile. Einen schönen Tag noch.“
    Damit wandte sie sich von ihm ab und hielt auf das vordere Taxi zu. Ohne sich noch einmal zu ihm umzusehen, bat sie den Fahrer, ihr Gepäck im Kofferraum zu verstauen. Gleich darauf war das Taxi außer Sicht.
    „Das war wohl nichts“, murmelte Faulkner missgelaunt und hielt dann auf das zweite Taxi zu. Erst jetzt bemerkte er, dass dieses Taxi offensichtlich von einer Frau gefahren wurde.
    Zuvor noch dem abfahrenden Taxi hinterher winkend, lehnte sie nun gegen das eigene Taxi. Die schlanke, sehnig wirkende Frau sah ihn an. In ihren dunklen Augen funkelten sowohl Enttäuschung, als auch Schadenfreude, als sie vergnügt meinte: „Was haben Sie denn angestellt, dass meine Freundin Florence Sie so offensichtlich abblitzen lassen hat?“
    „Nur ein Missverständnis“, gab Derrick Faulkner in Gedanken zurück. Erst nach einem Moment horchte er dem Klang der Worte nach und sah die Fahrerin direkt an.
    „Sagten Sie eben Florence? Doch nicht Florence Cassell?“
    Etwas überrascht erwiderte die Frau mit den kurzen Haaren seinen Blick. „Ich habe Sie noch nie auf dieser Insel gesehen, Mister. Woher kennen Sie Florence?“
    „Oh, so kann man das wirklich nicht nennen“, antwortete Faulkner ausweichend. „Ich kenne bisher nur etwas mehr, als ihren Namen. Jetzt würde ich gerne etwas von der Insel sehen. Was halten Sie davon, mich einmal um die Insel zu fahren?“
    Die Frau grinste breit. „Das wird aber teuer, Mister. Das wird Sie mindestens zweihundert Ostkaribische Dollar kosten.“
    „Sagen wir dreihundert und Sie lassen sich etwas Zeit, damit ich die Schönheit der Insel genießen kann“, machte Faulkner einen Gegenvorschlag.
    Das Grinsen der Frau wurde um eine Spur breiter. „Sie sind aber ein lausiger Geschäftsmann, Mister. Na, dann laden Sie ihr Gepäck nur schnell in den Kofferraum, damit wir losfahren können, bevor Sie es sich noch anders überlegen.“
    Derrick Faulkners Laune besserte sich spürbar, nachdem das Taxi Honoré hinter sich gelassen hatte. Zunächst schweigend aus dem Fenster sehend fragte er nach einer Weile die Frau am Steuer des Taxis: „Kennen Sie Florence schon lange?“
    Es dauerte einen Moment, bis die Frau erwiderte: „Seit unserer gemeinsamen Schulzeit. Wir waren in demselben Jahrgang.“
    Faulkner musterte die Frau kurz und meinte: „Ist Ihre Freundin immer so kurz ab?“
    „Nein. So ist Florence normalerweise nicht. Vielleicht hat sie sich aber auch deutlich verändert, seit unserer Schulzeit.“
    „Vielleicht ist ja etwas passiert, durch das sie meine Worte auf der Fähre missverstanden haben könnte“, entfuhr es Faulkner. „Das würde es vermutlich erklären.“
    Auf den fragenden Blick der Frau hin erklärte Derrick Faulkner ihr, in knapper Form, was sich auf der Fähre abgespielt hatte. Als er Ihren missbilligenden Blick bemerkte, fügte er düster an: „Leider ist es eine Tatsache, dass ich wirklich etwas erlebt habe, das ziemlich extrem gewesen ist. Doch darüber möchte ich im Augenblick wirklich nicht sprechen.“
    „Okay“, erwiderte die Fahrerin unbekümmert. „Dann reden wir darüber, was Sie auf diese Insel verschlagen hat. Sind Sie ein Tourist?“
    „Nein, ich bin nicht zu meinem Vergnügen hier.“
    Die Frau sah ihn kurz an und orakelte: „Dann sind Sie bestimmt der Schlauch-Jockey, der in Honoré schon sehnsüchtig erwartet wird.“
    Derrick Faulkner machte ein wenig geistreiches Gesicht. „Ich fürchte, ich bin mit dem hiesigen Insel-Slang noch nicht vertraut.“
    Die Frau lachte vergnügt. Das schien sie überhaupt viel und gerne zu tun. „Ich meinte, Sie sind der neue Chief, richtig?“
    „Richtig“, bestätigte Faulkner, ohne zu ahnen, dass die Frau an seiner Seite etwas ganz anderes gemeint hatte. Dann murmelte er nachdenklich: „Schlauch-Jockey?“
    Die Landschaft änderte sich und Faulkner vergaß das kurze Intermezzo. Die nun etwas hügeliger werdende Landschaft und die Weite der Ostkaribischen See nahmen ihn gefangen. Vereinzelt erkannte er kleinere, vorgelagerte Inseln; kaum mehr als größere Felsen, die aussahen, als habe sie ein Riese hier wahllos ins Meer geworfen.
    Erst als die Straße etwas von der Küste weg durch einen Waldstreifen führte, ergriff Faulkner wieder das Wort. „Es ist wunderschön hier, Miss.“
    „Seien Sie nicht so übertrieben förmlich und sagen Sie einfach Céline.“
    Derrick Faulkner gefiel die ungezwungene Art der Frau. „In Ordnung, Céline. Dann sagen Sie ihrerseits einfach Derrick zu mir.“
    Céline erwiderte das Lächeln des Mannes. „Abgemacht. Übrigens machen Sie nicht den Eindruck eines typischen Engländers auf mich.“
    Derrick Faulkner schmunzelte, bevor er meinte: „Das mag daran liegen, dass ich kein so typischer Engländer bin. Meine Kindheit und Jugendzeit habe ich in Deutschland verbracht. Erst mit Beginn meines Studiums kehrte ich nach England zurück.“
    Der Mann sah für einen Moment zur Seite und wechselte dann abrupt das Thema, indem er sich erkundigte: „Meine Recherchen über diese Insel haben ergeben, dass immer noch rund dreißig Prozent der Inselbevölkerung französischer Abstammung sind, stimmt das in etwa?“
    Die Frau an seiner Seite nickte. „Ja, das kommt hin. Die Insel wurde den Briten zwar vor fünfzig Jahren zurückgegeben, doch wie sie erkennen können, wird hier immer noch rechts gefahren. Auch die Nummernschilder der Autos sind nach wie vor französisch. So, wie die Namen vieler Personen auf dieser Insel.“
    „Hoffentlich denke ich daran, sobald mein Fahrrad, zusammen mit meinen übrigen Sachen, hier eingetrudelt ist. Wäre fatal, wenn ich mich als Geisterfahrer betätige.“
    Die Frau musterte ihn taxierend und erwiderte dann: „Sie scheinen eine Menge Sport zu treiben, Derrick. Ist in Ihrem Job bestimmt nicht verkehrt?“
    „Ja, mitunter ist es ganz nützlich“, stimmte der Mann zu. „Es hilft, wenn man schneller ist, als die Bösen.“
    „Ah, ich verstehe. Sie meinen die Brandstifter.“
    „Nicht nur die“, gab der Mann zurück. „Auch Diebe, Mörder und andere Ganoven.“
    Céline sah den Mann neben sich irritiert an. „Moment, was hat ein Feuerwehr-Chief denn mit Dieben, Mördern und anderen Ganoven zu tun?“
    Jetzt war die Reihe an Derrick Faulkner irritiert dreinzublicken. „Gar nichts.“
    Erst nach einem langen Moment begriff der Mann endlich und stöhnte auf: „Jetzt verstehe ich endlich, was Sie mit Schlauch-Jockey gemeint haben. Nein, ich bin kein Feuerwehrmann, sondern der neue Detective-Inspector der Polizei von Honoré. Na ja, vielleicht nicht mehr ganz so neu, wenn man es genau nimmt.“
    Die Taxifahrerin lachte amüsiert. „Na, da haben wir vorhin ja schön aneinander vorbeigeredet, Derrick. Nur gut, dass ich Ihnen bis jetzt noch nichts von meinen illegalen Nebeneinkünften erzählt habe.“
    Die Frau nickte todernst, bis sie das verblüffte Gesicht des Mannes zum Lachen reizte. „Hey, das war nur ein Spaß.“
    „Das hoffe ich für Sie, Céline“, knurrte Faulkner gespielt finster. „Ich bin vielleicht ein lausiger Geschäftsmann aber dafür ein sehr guter Ermittler, müssen Sie wissen.“
    Der Rest der Fahrt verlief heiter und erleichtert befand Derrick Faulkner, dass zumindest der zweite Kontakt zu einer Einwohnerin dieser Insel positiv verlaufen war.

* * *

    Nachdem sie wieder in Honoré angekommen waren, hatte sich Derrick Faulkner vor dem Polizeirevier absetzen lassen. Sein Vorgesetzter hatte ihm vor seiner Abreise erklärt, dass sein zukünftiger Detective-Sergeant wusste, wo man ihn unterzubringen gedachte. Er hatte von einer Art Dienstvilla gesprochen jedoch dabei gleichzeitig anklingen lassen, dass es sich bei dieser Standardunterkunft wohl eher um eine bessere Hütte handelte.
    Nachdem sich Céline mit einem überraschend kräftigen Handschlag von ihm verabschiedet hatte, sah sich der Mann um. Das Revier machte einen freundlichen Eindruck. Weitaus weniger kalt und abweisend, als es bei europäischen Einrichtungen dieser Art der Fall war. Vielleicht lag es daran, dass alle drei Türen, die ins Innere der Polizeistation führten, weit geöffnet waren. Man erreichte sie über eine Steintreppe, die dann über eine kleinere Holztreppe im oberen Bereich zu der vorgelagerten, überdachten Veranda hinaufführte. Über den beiden großen Schildern an der Wand mit den Worten HONORÉ POLICE entdeckte Faulkner das Wappen der Polizei von Honoré. Ein gelber Papagei vor der französischen Trikolore und dem weißen Schriftzug Police Saint-Marie.
    Links der Polizeistation führte eine Straße hinauf quer von Norden nach Süden, über die Insel. Auf der anderen Seite dieser Straße lag die katholische Kirche von Saint-Marie, dicht an einen der kleineren Hügel geschmiegt, die Honoré zur Inselmitte hin umgaben.
    Nach der Fahrt um die Insel schulterte der Mann gutgelaunt Rucksack und Reisetasche und stieg rasch die Treppe zur Veranda hinauf. Oben angekommen überlegte er kurz, ob er anklopfen sollte. Er entschied sich dagegen und trat ganz ungezwungen ein.
    Das Erste, was ihm ins Auge sprang, war der knallgelbe Farbton der Wände, im Innern der Station. Das schien ihm gewöhnungsbedürftig zu sein. Ebenso wie der im gelb-grünen Schachmuster geflieste Boden. Zusammen mit der weißen Decke des Raumes, unter der ein halbes Dutzend Deckenventilatoren surrten, und der Einrichtung aus dunklem Holz wirkte der Raum nicht unbedingt wie ein Polizeibüro auf ihn. Vielleicht war es genau das, was ihm sofort daran gefiel.
    Er sah sich rasch um und schritt dabei zwischen drei der Schreibtische. Florence Cassell entdeckte er nicht, dafür eine uniformierte Frau, mit den drei silbern-weißen Winkeln eines Sergeants auf den schwarzen Schulterklappen ihrer himmelblauen Uniformbluse. Dazu trug sie eine nachtblaue Uniformhose, die von einem weißen Gürtel, mit Messingkoppel gehalten wurde. Unter dem rechten Ärmel der kurzärmeligen Bluse hindurch, zog sich eine weiße Kordel. Die bis kurz über den Gürtel herabhängende Schnur der Kordel endete in einer fingerlangen, silbernen Ziernadel. Von der Klappe der linken Brusttasche hing ein rundes Abzeichen der Polizei von Saint-Marie, identisch mit jenem Wappensymbol, das Faulkner draußen an der Wand gesehen hatte.
    Etwas weiter hinten im Raum sah ein junger Mann in einer identisch aussehenden Uniform in einer der Schubladen Akten durch. Er nahm keinerlei Notiz von ihm.
    Als die Uniformierte, die Faulkner auf Mitte bis Ende dreißig schätzte, fragend von ihrem Platz aus zu ihm aufsah, sprach er sie an: „Ach, entschuldigen Sie, Sergeant. Können Sie mir sagen, wo ich Detective-Sergeant Florence Cassell finden kann?“
    Die Polizistin erhob sich langsam hinter ihrem Schreibtisch, der dem Eingang, den er benutzt hatte, am nächsten stand. Erst jetzt wurde ersichtlich, dass sie deutlich höher gewachsen war, als die Frau, nach der er sich bei ihr erkundigt hatte.
    Bevor die Polizistin auf Derrick Faulkners Frage antworten konnte, nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung zu seiner Rechten wahr. Als er in diese Richtung sah, erkannte er Florence Cassell, die von der Veranda aus die Station betrat. Anscheinend war sie in der Ortschaft unterwegs gewesen.
    Mit einem Lächeln meinte er zu dem Sergeant: „Hat sich schon erledigt.“
    Damit wandte er sich zu Florence Cassell, die ihn in demselben Moment wiedererkannte. Mit finsterer Miene schritt sie zu ihm hin, sah sie ihn an und fragte gereizt: „Was machen denn Sie hier, Mister? Sollten Sie nicht woanders sein?“
    Fragend sah Faulkner die Frau an und stellte sein Gepäck ab. Dabei spürte er ein leichtes Magengrummeln. „Wo sollte ich denn Ihrer Meinung nach sein?“
    Florence Cassell wandte sich ihm zu. „Nun, am anderen Ende der Insel.“
    „Ach“, machte Faulkner. „Verraten Sie mir auch, warum ich ausgerechnet dort sein sollte? Vielleicht deshalb, weil Ihnen meine Nase nicht passt?“
    „Nein, weil es dort brennt!“
    „Ist das mein Problem?“
    Sie fuhren beide gleichermaßen herum, als eine Bassstimme vom Eingang der Station her fragte: „Guten Morgen, Team. Von welchem Problem ist hier die Rede?“
    Detective-Sergeant Florence Cassell fasste sich zuerst und antwortete dem Mann, in der hell-beigen Uniform, der bedächtig seine schwarze Dienstmütze vom Kopf nahm und sie unter den linken Arm klemmte, diplomatisch: „Guten Tag, Commissioner. Wir waren gerade dabei, das herauszufinden.“
    Zur gelinden Verwunderung der Frau, sah ihr Gegenüber den massigen Chef der Royal Saint-Marie Police an und sagte zu ihm: „Commissioner Patterson, ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich weiß, dass Sie mich erst für morgen Früh erwartet haben, doch ich bin einen Tag früher angekommen, um mich in Ruhe einrichten zu können.“
    Der Commissioner erlaubte sich ein breites Grinsen und erwiderte: „Das finde ich sehr löblich, Chief.“
    Seine Stimme etwas anhebend sagte der Commissioner laut in die Runde: „Team, ich bitte um einen Moment Aufmerksamkeit. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen den zukünftigen Leitenden Ermittler der Polizei von Honoré vorzustellen. Detective-Inspector Derrick Faulkner, von der London Metropolitan Police.“
    Die Reaktion der Anwesenden fiel sehr verschieden aus. Während der hochgewachsene, sportlich wirkende Officer von seinen Akten abließ und sich neugierig näherte, setzte der weibliche Sergeant ein verlegenes Lächeln auf. Florence Cassell ihrerseits sah ungläubig vom Commissioner zu dem dunkelblonden Mann, der sie, mit seinen mindesten 1,90 Metern Körpergröße alle überragte.
    Kurz zu Florence Cassell blickend flüsterte Faulkner ihr zu: „Sie dachten bestimmt, ich sei der neue Feuerwehr-Chief, stimmt´s?“
    Sich zu Selwyn Patterson wendend meinte Falkner deutlich vernehmbar: „Ich bin froh hier zu sein, Commissioner Patterson. Ich denke, Sie wissen warum.“
    Der Commissioner nickte mit ernster Miene. Unbestimmt erwiderte er: „Ja, Inspector. Sehen Sie es als einen Neuanfang. Willkommen im Paradies.“
    „Vielen Dank, Sir.“
    Patterson nickte knapp. „Dann darf ich Ihnen jetzt das Team vorstellen, Inspector. Die junge Kollegin, mit der sie bereits so intensiv diskutiert haben, ist Detective-Sergeant Florence Cassell. Eine ausgezeichnete Polizistin, die ich persönlich erst vor wenigen Tagen angefordert habe. Ich bin froh, sie wieder hier zu haben. Das hier, rechts neben mir, ist Sergeant Sarah Dechiles. Der junge Mann zu Ihrer Linken ist Officer Wellesley Karr.“
    Faulkner reichte seinen zukünftigen Kollegen und Kolleginnen die Hand, wobei er nach den Rängen vorging. Danach wollte er das Wort ergreifen, doch das Klingeln des Telefons unterbrach ihn.
    Es war Sarah Dechiles, die den Anruf entgegennahm, da sie dem Telefonapparat am nächsten stand. Ihre Miene wurde übergangslos ernst. Als sie den Hörer wieder auflegte, sah sie zu Patterson und erklärte: „Es gibt einen Toten. Nach Aussage der Anruferin ein Unfall.“
    Patterson seinerseits wandte sich zu Derrick Faulkner. „Ich weiß, dass sie offiziell Ihren Dienst erst morgen beginnen, Inspector. Doch vielleicht kann ich Sie dazu überreden, einen Tag früher zu beginnen?“
    Faulkner nickte zustimmend. „Natürlich kann ich sofort beginnen, Commissioner. Das ist doch selbstverständlich.“
    Selwyn Patterson machte ein zufriedenes Gesicht. „Ausgezeichnet, Inspector. Detective-Sergeant Cassell wird Ihnen später zeigen, wo wir Sie unterbringen werden. Jetzt möchte ich Sie und Ihr Team nicht weiter aufhalten. Guten Tag.“
    Damit setzte der Commissioner seine Dienstmütze auf und verließ, gemessenen Schrittes, das Büro der Polizeistation.
    Florence Cassell wandte sich an ihre beiden Untergebenen, ließ sich die Adresse geben, erkundigte sich nach den Eckdaten und wies ihre beiden Untergebenen danach an, mit dem Dienstmotorrad vorauszufahren. Als die beiden Uniformierten die Station verlassen hatten, sah Florence peinlich berührt ihren neuen Vorgesetzten an und suchte nach den passenden Worten.
    Derrick Faulkner kam ihr zuvor, indem er meinte: „Hören Sie, Florence. Ich habe nicht vor, Ihnen wegen der harschen Worte auf der Fähre irgendwie einen Strick zu drehen. Wir werden das machen, was Sie selbst vorhin vorgeschlagen haben. Wir vergessen das einfach. Allerdings möchte ich Sie darum bitten, Ihnen später erklären zu dürfen, was ich auf der Fähre damit meinte, als ich sagte, dass ich das kenne. Was sagen Sie?“
    Erleichtert sah ihn die Frau an. „Klingt nach einer guten Idee. Vielen Dank, Sir.“
    Der Detective-Inspector lächelte schwach. „Kein Problem, ich bin nicht nachtragend. Doch jetzt sollten wir uns beeilen. Unser erster gemeinsamer Fall wartet.“
    „Ich fahre, Sir.“
    Derrick Faulkner schmunzelte unterdrückt. „Natürlich fahren Sie, Florence. Ich kenne mich doch noch gar nicht aus, auf der Insel. Da würden wir doch sonst wo landen.“
    Gemeinsam verließen sie die Polizeistation und Derrick Faulkner hoffte inständig, dass sich die Spannungen zwischen ihm und Florence Cassell schnell abbauen lassen würden.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast