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Mit Elisabeth und dem Tod in Shanghai

GeschichteRomance / P12 / Div
Mark Seibert OC (Own Character) Roberta Valentini
27.04.2021
07.05.2021
14
8.387
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04.05.2021 487
 
Das Ticket für Mozart! hängt an meiner Pinnwand. Wie ein Magnet scheint es meinen Blick anzuziehen. Morgen ist die Vorstellung. Eine Woche voller Unruhe und Schlaflosigkeit liegt hinter mir. Das Ticket ist ganz klar eine Einladung, aber ich weiß nicht, ob ich Mark in die Augen schauen kann. Ich schäme mich für mein plötzliches Verschwinden und für das Verdrängen der Erinnerung. Es hat eine wundervolle Begegnung zu einem schmutzigen Geheimnis gemacht. Auf eine gewisse Art ist meine Welt tatsächlich zerbrochen, aber es ist ganz allein meine Schuld. Und so wichtig kann diese eine Nacht ja wohl kaum gewesen sein, rede ich mir ein. Im letzten Jahr war ich auf einigen Dates und mit Toni, der großen schlanken Brünetten mit den grauen Augen und dem lauten fröhlichen Lachen, habe ich mich in Berlin sogar einen ganzen Monat lang getroffen, bis wir uns eingestanden haben, dass wir nicht mehr als Freunde sein werden. Danach habe ich aufgegeben und alle potentiell Interessierten auf Distanz gehalten. Die Sehnsucht nach einer Verbindung, wie ich sie mit Mark und Roberta gespürt habe, liegt ebenfalls weggesperrt in dieser hintersten Ecke meines Herzens. Mir wird klar: Ich muss hingehen, und wenn auch nur, um mich zu entschuldigen. Vielleicht kann ich dann mit der Sache abschließen.
Das Freitagnachmittagsseminar für den Masterstudiengang zur Textsortenanalyse zieht sich wie Kaugummi und mehr als einmal müssen mich die Studierenden aus meinen Gedanken reißen. Endlich ist es vorbei und nachdem ich noch einigen Papierkram im Büro erledigt und in der Mensa eine Schüssel Malatang gegessen habe, ist es Zeit mich zum Ausgehen fertig zu machen. Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und starre auf die Kleiderbügel. Welches Outfit sagt nochmal, “ich hab einen Riesenfehler gemacht, es tut mir leid, bitte sei nicht böse auf mich”? Mein Blick bleibt an einem dunkelblauen Kleid mit weißem Spitzenbesatz am Ausschnitt hängen. Genau dieses Kleid hatte ich vor zwei Jahren zum Fan-Meeting getragen. Ich schlüpfe hinein und während ich den Reisverschluss hochziehe, schließe ich die Augen und wünsche mir, dass ich in der Zeit zurückreise.
Es klappt natürlich nicht und ich mache mich auf den Weg zum Shanghai Culture Square. Das Theater hat sich in den zwei Jahren nicht verändert und ich halte mich nicht groß auf und gehe gleich auf meinen Platz. Die erste Reihe fühlt sich viel zu nah an der Bühne an, obwohl der Orchestergraben noch dazwischen liegt. Der Vorhang ist geschlossen und ich überlege, wie viel man von der Bühne aus wohl von den Zuschauern erkennen kann. Ich lehne mich zurück und betrachte die Decke und die Täfelung der Wände zwischen den Rängen. Das Auditorium ist in dunkelrot, beige und Goldtönen gehalten, aber nicht auf eine barocke sondern eine modern Art. Die Reihen füllen sich, der letzte Gong erklingt und die Türen werden geschlossen. Als die Lichter ausgehen und der Dirigent den Taktstock erhebt, zieht sich mein Magen zusammen. Aufregung, Nervosität, Vorfreude und sowas wie Angst machen mich leicht schwindelig.
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