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Broken Strings

von Chiyoku
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
27.04.2021
03.06.2021
43
144.215
13
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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04.05.2021 3.145
 
[Triggerwarnung für dieses Kapitel!]

Die Stunden bis zum Auftritt heute Abend vergingen viel zu schnell für meinen Geschmack. Ich erwischte mich immer dabei, wie ich anfing, an den Nägeln zu kauen oder mit den Zähnen knirschte. Kyle versuchte mir immer wieder zu sagen, dass das schon werden würde, doch auch seine Nervosität wuchs mit jeder Stunde, die verging. Ich war bereits dreimal duschen, da ich immer wieder schwitzte. Wie zu einer Salzsäule erstarrt, saß ich auf der Couch und vergaß zwischenzeitlich, wie man atmete, bis mein Handy vibrierte. Mit bebenden Fingern griff ich danach.

Chatverlauf

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, dass er mir schrieb, als wäre nie etwas passiert. Mein Magen fühlte sich nur noch flauer an, als zuvor. Jetzt hatte ich auch noch den Druck, ihn nicht zu enttäuschen. Als ich aufstand, um mir den schwarzen Anzug mit dem weißen Hemd anzuziehen, wurde mir schlecht. Die Krawatte schnürte mir unangenehm die Luft ab und ich lockerte sie, was nichts brachte. Kyle hatte sich auch umgezogen, als ich zurück ins Wohnzimmer ging und ich konnte nicht anders, als ihn, beinahe sabbernd, anzustarren. Der Anzug saß perfekt an seinem Körper, auch wenn er relativ schlicht war, sah er darin aus, wie ein junger Gott. Die langen Haare hatte er zu einem ordentlichen Dutt zusammengebunden, nicht so wie sonst und das Piercing hatte er auch rausgenommen. Sein kurzer Bart sah gepflegter aus, als ich es von ihm kannte, und seine grünen Augen strahlten nur noch mehr, durch den dunklen Stoff der Anzugjacke. „Wieso guckst du so, ich fühl mich sowieso schon unwohl genug“, murrte er und zupfte sich nervös die Fussel vom Ärmel. Ich kam wieder in die Realität zurück und wurde rot. „Anzüge stehen dir“, sagte er, als er einen Blick auf mich warf. Ich nickte bewundernd, um ihm das Kompliment zurückzugeben. „Ich fühl mich, als würde ich gleich heiraten.“ Kyle seufzte schwer. „Dann lass uns mal gehen.“

Vor dem Landestheater hatten sich schon sehr viele Menschen versammelt. Ich umklammerte fest den Griff meines Geigenkoffers, als wir eintraten. „Da sind Sie ja, ich dachte schon, dass Sie kneifen!“, rief Mr. Watson, der Aiden im Schlepptau hatte. Aidens Augen leuchteten auf, als er mich sah. „Ihr seht gut aus“, sagte er, eher zu mir gewandt, als zu Kyle. Ihn zu sehen machte mich nur noch nervöser. Beide trugen ebenfalls Anzüge, bei Mr. Watson spannten die weißen Hemdknöpfe bedrohlich an seinem dicken Bauch, sodass ich instinktiv einen Schritt zurückging. Aiden hingegen trug einen schwarz-grauen Anzug mit schwarzem Hemd und grauer Fliege. Wieder einmal hing mir beinahe der Sabber aus dem Mund. Wieso waren Anzüge bei Männern nur so attraktiv? Ich versuchte mich zusammenzureißen und schob meine gedanklichen Ausscheidungen auf die Nervosität. „Ihr seid in dreißig Minuten dran, ich hoffe, Sie haben wenigstens noch ein bisschen geübt“, mahnte Mr. Watson herrisch. Ich presste schuldbewusst die Lippen aufeinander. „Wir kriegen das schon hin“, sagte Kyle monoton. Alles in mir schrie, dass ich einfach zurück nach Hause gehen, mir die Decke über den Kopf ziehen und das alles vergessen sollte. Mein Herz pochte unangenehm, als Mr. Watson uns auf die Hinterbühne führte. „Sie kriegen das Signal, wenn es losgeht“, meinte er und ließ uns allein. Wie festgefroren stand ich da, während in meinem Kopf die ganze Zeit der Satz „Ich kann das nicht“ kreiste. „Noch können wir abhauen“, meinte Kyle leise. Ich war nicht fähig dazu, mich in irgendeiner Form zu  bewegen. „Oder wir spielen einfach etwas anderes, wie wäre es mit Vivaldi oder so? Das mögen die Leute doch.“ Ich nickte. Lieber nahm ich die Blamage auf mich, als die 20. Nocturne zu spielen. „Wir können eine der vier Jahreszeiten spielen.“ Ich hielt ohne nachzudenken zwei Finger hoch. „Sommer? Okay.“ Er spielte auf einem Luftklavier und kratzte sich den Kopf. „Frühling wäre besser“, gab er schüchtern zu. Ich nickte erneut. Es war mir ehrlich gesagt egal, was es war, Hauptsache nicht das geplante Stück. „Tate, kann ich einen Moment mit dir sprechen?“, erklang die Stimme Aidens aus der Tür. „Nein, kannst du nicht. Mach ihn nicht noch nervöser, als er sowieso schon ist“, keifte Kyle. Ich warf ihm einen schnellen Blick zu, bevor ich Aiden folgte. „Du musst es spielen“, sagte Aiden stumpf. Energisch schüttelte ich den Kopf. „Wenn du es nicht für dich machst, mach es wenigstens für ihn. Und für mich.“ Ich blieb stehen und starrte ihn fassungslos an. Wieso musste er mich nur noch mehr unter Druck setzen? Ich wollte umdrehen und gehen, doch er hielt mich am Unterarm fest. „Du kannst dem nicht für immer entkommen. Es wird immer mal so eine Situation aufkommen, die dich an alte Dinge erinnern, aber du musst dich dem auch stellen und nicht immer davor weglaufen.“ Seine grauen Augen durchdrangen mich beinahe und ich fühlte mich, als wäre ich nackt. „In erster Linie solltest du es für dich tun, aber wenn das nicht geht, mach es für uns. Ich würde dich sehr gerne dieses Stück spielen hören…“ Er strich mir die Haare zurecht und mich durchzog eine Gänsehaut. „Du schaffst das, Tate.“ Mit aufmunterndem Lächeln schickte er mich zurück auf die Hinterbühne, wo ich mich zitternd auf einen Stuhl sinken ließ. „Was wollt der von dir? Hat er dich belästigt oder so? Ich würd zu gern den Druck an seinem Gesicht auslassen…“ Ich schüttelte nur den Kopf. „Und nun haben wir zwei ganz besondere Menschen bei uns zu Gast. Sie sind die ersten Erstsemestler des Curtis Institute of Music, die es geschafft haben, eine eigene Aufführung als Duett…“ Ich konnte dem Moderator nicht mehr zuhören, sondern schnappte mir nur meine Geige, ging zu Kyle und griff ängstlich nach seiner Hand. „Das wird schon“, sagte er, eher zu sich selbst. „Lass uns die Nocturne spielen“, schrieb ich mit dem Daumen in seine Handfläche, während meine Finger schwitzig in seinen verschlungen waren. „Bist du dir sicher?“, fragte er und riss überrascht die Augen auf. Ich nickte knapp. „Tate… Du musst das nicht für mich tun, wenn es nicht geht, geht es eben nicht.“ „Ich tue es für mich“, schrieb ich und krampfte meine Hand nur noch mehr in seine. Kyle sah mich voller Stolz und Bewunderung an und strich mir die Strähne aus dem Gesicht, die Aiden zuvor so sorgfältig platziert hatte. Mein Herz raste. „Ich bin stolz auf dich“, sagte er inbrünstig. In meinem Körper breitete sich wieder dieses wohlige Kribbeln aus und ich wünschte, er würde mich umarmen. Wir stiegen die Treppe zur Bühne hoch, deren Vorhang uns immer noch verbarg. Ich wollte Kyles Hand loslassen, doch er hielt sie fest im Griff. „Ich sorge dafür, dass deine schlechte Erinnerung an dieses Lied eine schöne wird“, hauchte er und drückte noch einmal meine Hand, bevor er sie losließ. „Begrüßen Sie mit mir, Mr. Tate Taylor mit der Violine und Mr. Kyle Turner am Klavier, wie sie uns Chopins Nocturne Op. 20 in Cis-Moll vorführen!“ Der Vorhang klappte auf und das Licht blendete mich beinahe. In dem Saal saßen um die vierhundert Menschen, die uns alle gespannt ansahen. Ich schaffte es nicht mehr, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.

F. Chopin - Nocturne Op. 20 in C-sharp minor

Kyle blickte mich abwartend an, als ob er sich noch einmal vergewissern wollte, dass es für mich okay war. Ich nickte zittrig, klemmte mir die Violine unter das Kinn und er fing an zu spielen. Kaltes Eis breitete sich in meinen Adern aus, während er die schmerzhaften Töne spielte. Ich stieß die Luft aus, legte den Geigenbogen auf die Saiten und fing an zu spielen. Meine Lippen bebten und ich versuchte, die wild klappernde Schublade in meinem Kopf mit aller Gewalt zuzudrücken. Beinahe verpatzte ich einen Ton, doch schaffte es noch, mich zu retten. Und dann platzte die Schublade auf. Die Erinnerung kochte überschwemmend in mir hoch, während ich sanft zu Kyles Melodien strich.

„Mama?“, rief ich und stieg die Treppen des alten Hauses hinunter. Durch das ganze Haus hallte ein melancholisches Klavierstück, welches mir Angst machte. Seit Kurzem lebten nur meine Mutter und ich hier, denn mein Vater hatte nun eine andere Familie. Als ich im Wohnzimmer ankam, sah ich meine Mutter, die vollkommen aufgelöst auf dem Teppichboden saß. „Mama, was ist denn los? Sprich mit mir, was hast du denn?“, fragte ich verängstigt. „Tate, kannst du nicht ein einziges Mal ruhig sein?“, kreischte sie verzweifelt und fuchtelte mit etwas in ihrer Hand herum. „Siehst du nicht, dass ich dich gerade nicht mehr ertrage?!“ Ihr roter Lippenstift war verwischt, genau wie ihre Wimperntusche und ich roch den Alkohol, der schwer in ihrem Atem mitschwang. Ich fing an zu weinen und wollte sie umarmen, doch sie stieß mich weg, sodass ich hinfiel und dadurch noch mehr weinte. „Halt die Klappe!“, schrie sie und raufte sich die zerzausten schwarzen Haare. „Wärst du nicht gewesen, wäre er noch hier! Du bist daran Schuld, dass er weg ist! Du bist Schuld, dass wir in Schulden versinken, weil er unbedingt dieses Haus für dich kaufen wollte, du bist an allem Schuld! Ich wünschte, du würdest endlich ruhig sein!“ Ihre Stimme brach und sie heulte laut auf. Ich schlug mir die Hände vor den Mund, um das Schluchzen zu unterdrücken, damit ich sie nicht noch wütender machte, was aber nicht half, denn es kam aus meiner Kehle. „Ich ertrage das nicht mehr…“, flüsterte sie, während das Klavierstück abklang. Sie hielt sich die Pistole an den Kopf und nach einem lauten Knall wurde meine Welt in Stille gehüllt.

Tränen liefen mir unaufhörlich über das Gesicht und ich schluchzte leise, während ich all die Gefühle, die mir diese Erinnerung gab, in meine Musik einfließen ließ. Ich versuchte, das Blut meiner Mutter wieder zurück in ihren Körper zu schieben. Die ganze Trauer, die seit so vielen Jahren in mir saß, strömte in meine Hände und es war, als würden sie von selbst spielen. Ich schaffte es nicht, es floss immer mehr Blut aus ihrem Kopf und mittlerweile war auch ich voll mit ihrem Blut. Trotz dem, dass meine Hände zitterten, spielte ich nun jeden Ton sauber und perfekt, selbst die schnellen und schwierigen Töne. Ihre letzten Worte echoten immer wieder in meinem Kopf. Du bist an allem schuld. Du bist an allem schuld. Du bist an allem schuld. Ich konnte vor lauter Tränen nichts mehr klar sehen und das Schluchzen wurde immer intensiver, bis mein gesamter Körper anfing zu vibrieren. Ich wünschte, du würdest endlich ruhig sein… Ich ertrage das nicht mehr. Die kurze Pause des Liedes trat ein und ich fühlte mich, als würde ich einen lebensrettenden Atemzug nehmen, bevor ich wieder ansetzte und die Folter weiterging. Es war, als wäre der Geigenbogen meine Verzweiflung und die Saiten mein Herz. Immer mehr sägte ich in das Fleisch meines Herzens, und spülte mit der Melodie die Verzweiflung hinein, sodass es beinahe unaushaltbar schmerzhaft war. Als ich blutüberströmt zu den Nachbarn rannte, brachte ich keinen Ton hervor. Ich legte all meine Verzweiflung in die hohen Töne und brach beinahe zusammen, doch das Wissen, dass Kyle sich auf mich verließ, hielt mich auf den Beinen. Als die Gerichtsmediziner meine Mutter in einem schwarzen Sack aus dem Haus trugen, und die Sanitäter mich untersuchten und befragten, konnte ich nicht sagen, was passiert war. Ich schwor mir, dass ich nie mehr sprechen würde und somit auch nie mehr die Gefahr lief, etwas zu sagen, was andere zu einer solchen Tat verleiten könnte. Außerdem schwor ich mir, nie mehr Chopins Nocturnen zu hören, oder selbst zu spielen. Ich ließ das Stück mit einem letzten, qualvollen Ton ausklingen und ließ die Geige und den Kopf sinken. Vollkommene Stille im ganzen Raum, man spürte, wie jeder den Atem angehalten hatte. Ich kniff die Augen zusammen, um endlich wieder etwas sehen zu können und blinzelte zu Kyle, der mich voller Entsetzen und mit Tränen in den Augen ansah. Ganz langsam klatschte es und plötzlich brach tosender Beifall aus. Die Menschen waren alle aufgestanden und sahen uns mit gerührten Blicken an, während sie uns eifrig Beifall spendeten. Ich erkannte Mr. Watson, der sein puterrotes Gesicht hinter einem gepunkteten Stofftaschentuch verbarg und laut dröhnend hineinschnäuzte. Neben ihm war Aiden, der ebenfalls ein gerötetes Gesicht hatte, mich jedoch zufrieden anlächelte und auch er klatschte. Ich konnte sogar Jake und Ethan sehen, die uns laut zujubelten. „N-nun, das war… ein s-sehr emotionaler Auftritt“, sagte der Moderator mit brüchiger Stimme. „Kyle Turner und Tate Taylor vom Curtis Institute of Music. Eine wunderschöne Performance. Vielen Dank!“ Der Beifall hielt selbst dann noch an, als die Vorhänge sich schlossen. Ich sank auf die Knie und vergrub mein Gesicht in den Händen, während ich laut anfing zu weinen. Kyles Arme schlangen sich um mich und hoben mich schweigend vom Boden auf. Ohne mich zu wehren, ließ ich mich von ihm wie ein kleines Kind tragen. Er strich mir immer wieder über den Kopf. Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter und konnte immer noch nicht aufhören zu heulen. Ich wusste nicht, wohin er mich trug, doch es war mir egal, ich wollte nur, dass dieses schmerzhafte Gefühl aufhörte. „Mr. Taylor, Mr. Turner, das war eine Glanzleistung! Sie können mir nicht erzählen, dass Sie nicht geübt…“, hörte ich Mr. Watsons Stimme aus der Ferne sagen, doch Kyle ignorierte ihn und ging wortlos mit mir auf dem Arm an ihm vorbei. Eine weitere Person ging plötzlich neben uns her. Ich hob den Blick und sah in Aidens besorgte Augen. Es wunderte mich, dass Kyle ihn nicht wegschickte, wie sonst auch. Die frische Luft legte sich beißend auf mein nasses Gesicht, über welches immer noch heiße Tränen kullerten und Kyle hielt etwas abseits des Theaters an. Er setzte sich auf eine Bank, ohne mich auch nur eine Sekunde loszulassen und strich mir weiterhin wie in einem Mantra über den Kopf. Auch Aiden setzte sich neben uns. Eine Weile saßen wir nur stumm da, bis Aiden die Stille unterbrach. „Wie fühlst du dich?“, fragte er vorsichtig. „Sieht man das denn nicht?“, giftete Kyle und drückte mich beschützend fester an sich. Ich bekam fast keine Luft. Aidens Gesicht machte einen grimmigen Ausdruck. „Ist es okay, wenn ich ihn frage, was passiert ist?“, fragte Kyle nun sanft zu mir gewandt. Ich nickte. Kyle drehte den Kopf zu Aiden und sah ihn ungeduldig an. „Bist du dir sicher, Tate?“, meinte Aiden zaghaft. Zittrig griff ich nach seiner Hand. „Bitte“, schrieb ich hinein und unterstrich es mit flehendem Blick. Kyle schob genervt den Kiefer nach vorne, als er meine Finger auf Aidens Hand sah, sagte jedoch nichts. Ich drückte mir die Handflächen auf die Ohren, als Aiden ihm erzählte, was damals vorgefallen war und beobachtete dabei Kyles Gesicht. Seine Augen weiteten sich und ich konnte sehen, wie sich eine Träne aus seinem Auge loslösen wollte. Er hielt mich immer noch fest umklammert, obwohl ich bereits aufgehört hatte zu weinen. Als Aiden fertig war, legte ich meine Ohren wieder frei. Kyle sah mich nur traurig an und ich wünschte mir, er würde etwas sagen, doch das tat er nicht. Wieder ergriff Aiden das Wort. „Du hast übrigens wirklich fabelhaft gespielt. Die Emotionen konnte man in jedem Ton fühlen. Noch nie habe ich dich so gut spielen hören“, sagte er und wollte mein Gesicht berühren, doch Kyle zog mich vor der Berührung weg. Aiden ließ mit verletztem Gesichtsausdruck die Hand sinken. „Übertreib nicht“, knurrte Kyle. „Ihr seid jetzt also ein Paar?“, murmelte Aiden leise. Ich schüttelte eifrig den Kopf und wurde rot. „Wie kommst du jetzt darauf?“, fragte Kyle verwirrt. „So wie du ihn festhältst und immer beschützen willst, kann man ja nur darauf schließen.“ Wie automatisch öffneten sich Kyles Arme und ich fiel beinahe zu Boden. Ich setzte mich mit gesenkten Schultern zwischen die beiden. „Das war nur, weil ich ihn trösten wollte und du ein pädophiler Perversling bist“, stieß Kyle hervor und warf ihm einen zornigen Blick zu. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das traf. Aber was erwartete ich? Dass er ohne Grund Ja sagte? „Verstehe“, entgegnete Aiden nur. „Und auch wenn ich dich absolut nicht leiden kann und du mir mächtig auf die Eier gehst, muss ich mich bei dir bedanken, dass du mir das erzählt hast“, nuschelte Kyle verärgert. Aiden schien genauso überrascht darüber zu sein, wie ich, dass Kyle ihm gegenüber dankbar war. „Äh, ja kein Problem“, sagte er. „Gut, dann kann ich dich jetzt ja wieder Scheiße finden. Wir sollten gehen, du bist bestimmt fertig“, meinte Kyle zu mir gewandt. Ich nickte und warf einen Seitenblick auf Aiden, der sich seltsam verkrampfte. „Tate“, rief er, als wir aufstanden, um zu gehen. Ich drehte mich zu ihm um. „Ich werde auf dich warten. Ich kann dich nicht aufgeben, ohne um dich zu kämpfen.“ Als seine Worte in meinem Hirn ankamen, riss ich die Augen auf. „Nimm dir die Zeit, die du brauchst, aber sobald du zu mir kommst, werde ich dich nicht mehr wegschicken.“ Kyle zischte und zog mich hinter sich her, ohne dass ich etwas darauf erwidern konnte.


Kyle schimpfte den ganzen Weg nach Hause über Aiden. Selbst als wir zu Hause ankamen, hörte er nicht auf mit seinen Hasstiraden. „Dieser elendige Hund…“, murmelte er erbost und schritt im Wohnzimmer hin und her. „Macht dich noch einfach viel verwirrter, gleich nach diesem Auftritt, absolut kein Feingefühl…“ Ich seufzte und stoppte ihn, indem ich mich vor ihn stellte. „Entschuldige, der regt mich einfach nur auf.“ Ich schüttelte den Kopf. Sein Gesicht wurde plötzlich todernst. „Es tut mir so leid, was dir passiert ist“, sagte er leise und drückte mich so fest an sich, dass ich einen quietschenden Laut von mir gab. „Oh, sorry.“ Er lockerte die Umarmung etwas. „Dich so zu sehen, nachdem wir gespielt haben… Das hat mich ziemlich…“ Kyle verstummte. „Ich wollte eigentlich eine schöne Erinnerung daraus machen, aber ich konnte nicht.“ Ich löste mich von seiner Umarmung und nahm seine Hand. „Wärst du nicht gewesen, hätte ich es nicht durchgezogen.“ Seine grünen Augen blickten mich warm an und es wirkte, als würden sie in der Dunkelheit leuchten. Ein Kribbeln wanderte durch meinen gesamten Körper, als er seine Hand, die nicht in meiner lag, um meine Krawatte schloss und sanft darüber strich. „Du bist etwas ganz Besonderes für mich“, flüsterte er kaum hörbar. Das Kribbeln wurde wärmer und mein Herz pochte. „Wie ein kleiner Bruder, den ich nie hatte.“ Es war, als hätte man mir einen zehn Tonnen Backstein an den Kopf geworfen. Ich wusste, dass ich die Enttäuschung nicht verbergen konnte, als ich mich von ihm zurückzog. „Was ist los?“, fragte Kyle verwirrt. Ich schüttelte den Kopf und winkte ihm nur zu, bevor ich die Schlafzimmertür hinter mir schloss. Verärgert riss ich mir die Krawatte vom Hals und pfefferte sie in die Ecke, genau wie die Anzugjacke. Wie dumm war ich eigentlich?

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d r a m a! Ach wie ich dieses Genre liebe... :D Es geht einfach nicht ZU dramatisch! Bei mir zumindest nicht, hehe. Hoffe die Zwischenerinnerungen beim Auftritt waren nicht zu verwirrend :)
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