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Long Story Short - OS Sammlung

SammlungLiebesgeschichte, Erotik / P18 / MaleSlash
Jakob Lundt Klaas Heufer-Umlauf Thomas Schmitt
27.04.2021
04.05.2021
2
5.789
15
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
04.05.2021 3.469
 
Ihr Lieben, ihr wisst schon, dass ihr mir mit jedem Herzchen,  jedem Sternchen und jedem Review den Tag versüßt habt? Bin absolut geflashed von euren Rückmeldungen und hoffe, dass ich euren potentiellen Erwartungen überhaupt gerecht werden kann.  Ihr seid doch verrückt. Hier nun der zweite Teil vom kleinen Thomas / Thomas Szenario. Ich hab ein Herz für die beiden. Dieses Kapitel ist von heißem Kakao mit Zimt und Koriander gesponsort. Wisst ihr Bescheid ;)


Right there where you left me (Teil 2)

„Pizza wie immer?“ seufzte Thomas genervt, von sich selbst und all den gottverdammten Umständen, und ließ den Gurt des Fahrersitzes geräuschvoll zurückschnellen.

„Diavolo, groß mit extra Knoblauch.“ Martiens blickte nicht mal von seinem Smartphone auf, als er mit monotoner Stimme seine Bestellung aufgab. Thomas konnte es ihm nicht mal verdenken. Wenn man sich einmal durch Reddit scrollte, hörte man erst damit auf, wenn zu lange Ladezeiten einen daran erinnerten, womit man hier gerade seine Zeit verplemperte. Also wer war er zu urteilen.

„Ich weiß.“ Und ein bisschen froh war er auch darüber, diese gottverdammte, knisternde Stimmung von vorhin wieder losgeworden zu sein. Ein klingelndes Handy. Arne, der ihn daran erinnert hatte doch bitte nochmal zu kontrollieren, ob sein Büro auch abgeschlossen und sein Computer heruntergefahren war, hatte gereicht um Thomas wieder Sauerstoff und Blut in den Kopf zu prügeln. Im Ignorieren und Aushalten ihres merkwürdigen Schwebe Zustandes waren sie zudem ungeschlagene Meister.

„Ja dann, hopp mein Häschen. Und bring Bier mit.“ Martiens biss sich auf die Unterlippe und senkte das Handy ein Stück, so dass es auf seinem Schoss lag, ohne den Blick abzuwenden.

Thomas rollte mit den Augen, konnte aber nicht anders als ihn einen Moment zu lange anzusehen bevor er sich durch die Autotür ins Freie drückte. Der Laden, in dem sie immer Pizza holten, war nicht weit von seiner Wohnung entfernt. In etwa so italienisch wie eine Ikea Filiale, aber immerhin wusste er was er hier bekam. Gleichbleibende, mittelmäßige Qualität und einen Pizzabäcker, den er sich gerne ansah, weil er so verflucht viel Ähnlichkeit mit dem Mafia Boss auf Scarface hatte. In stillen Momenten des Wartens hatte er sich schon Geschichten ausgedacht, die er gerne verfilmt hätte. Die Pizzeria als Umschlagplatz für Drogen. Ein dunkles Geheimnis, eine Affäre. Er hatte schon alles mit dem armen Mann in seinem Kopf durchgekaut. Naja, immerhin war alles besser gewesen und war auch jetzt noch besser als darüber nachzudenken, dass Martiens in seinem Auto saß. Mal wieder. Und wie gut er roch. Nach seinem unverwechselbaren Eigengeruch und nach Stunden im Büro. Und dass er sich bereits mehrere Tage nicht rasiert hatte, machte die ganze Nummer auch nicht einfacher. Er lie… er mochte jedes Haar an seinem Körper. Wenn er mit den Fingern durch seine Brusthaare streichen konnte während er auf ihm saß und… nein stop. Er konzentrierte sich stattdessen auf den verführerischen Duft, der die Pizzeria erfüllte.

„Si?“ grunzte ihn Alfredo an, der nicht wirklich Alfredo hieß. Thomas hatte ihm schließlich einen Namen geben müssen. Für seine Oscar verdächtige Performance.

„Äh. Hallo. Ich hätt’ gern eine große Salamipizza und eine große Diavolo mit extra Knoblauch. Und Bier.“

„Ein Bier?“ Alfredo wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Thomas dachte nach. Mit nur zwei Bieren würde der Abend ungemütlich werden. „Nee, machen Sie mal vier. Bitte.“

„Si. Dauert Moment mit Pizza.“

„Klar.“ Die Zeit hatte er jetzt wohl auch noch.

Aus Reflex zog Thomas sein Handy aus der Tasche, hatte aber zu seinem Unbehagen keine neue Nachricht, mit der er sich hätte ablenken können. Und während er auf seine Pizzabestellung wartete, fiel ihm ein älterer Typ auf, der mit einem halb vollen Bierglas am Rande des einzigen Raumes des Fast Food Lokals saß und sich eine Zigarette drehte. Er trug eine Jeanskutte, die mit unzähligen Aufnähern übersäht war. Ein klassischer Altrocker.

Sein Anblick ließ Thomas schmunzeln und er konnte nicht anders, als daran zu denken, wie es mit ihm und Martiens angefangen hatte. Diese … Sache. Dieser Dreh. Rock am Ring. Und weil sie die Bands mochten und jung und aufgedreht und dem Alkohol so zugetan waren, hatten sie beschlossen noch ein wenig länger da zu bleiben. Und Thomas und Alkohol war schon immer so eine Sache gewesen.
Und dann war alles auf einmal ganz schnell gegangen und Martiens hatte ihn an der Hand genommen, mit sich gezogen, und war mit ihm in ihrem gemeinsamen Zelt verschwunden. Er hatte sich über Thomas gebeugt, während die Bässe der Konzertes den Boden zum Vibrieren gebracht hatten, während die Welt da draußen getobt hatte, hatte sie sich hier im Zelt aufgehört zu drehen.
Martiens hatte seine Lippen auf Thomas’ gelegt und er hatte nach Bier geschmeckt, nach Zigarettenrauch und Schweiß gerochen. Seine Hände hatten sich in Martiens schweißnasses Shirt gekrallt, ihn näher gezogen, seine Zunge seine Lippen geteilt, waren in den feuchten Mund eingedrungen. Sie hatten sich geküsst, bis das Lied zu Ende gewesen war, ja, sogar, bis die Band sich von der tobenden Menge verabschiedet hatte. Sie hatten sich geküsst bis ihre Augen schwer, ihre Lippen wund und ihre Küsse träge geworden waren. Niemand von ihnen hatte sich getraut weiter zu gehen, in diesem fragilen Moment der Zweisamkeit.
Er war letztendlich in Martiens Armen eingeschlafen und nach einer Nacht wie im Fieberrausch, in der er immer wieder aufgewacht war, und kurz hatte überlegen müssen, wieso er hier lag, wie er lag. In seinen Klamotten und mit einem muskulösen Arm, der ihn festhielt. Und am nächsten Morgen? Da war er alleine im Zelt aufgewacht, hatte nach seinem Handy getastet und gesehen, dass es noch früh war. Sauerstoff. Und er hatte den Reißverschluss des Zelteingangs ein Stück geöffnet, Licht und die bittere Erkenntnis hereingelassen, dass jemand mehr zu mögen, als man sollte, ab jetzt ein großes Problem werden würde.

Heute würde er nicht schwach werden. Er hatte seinen Standpunkt schließlich deutlich gemacht. Und Martiens hatte ihm zugestimmt. Sie waren beide erwachsen und hatten ihre hormongesteuerte Zeit doch hinter sich.
Und Martiens wollte ihn nicht. Nicht so, wie Thomas ihn wollte. Mit Knutschereien auf Konzerten, mit Frühstück im Bett an trägen Sonntagen und gemeinsamen Roadtrips durch Großbritannien, bei denen sie einen Pub nach dem anderen hinter sich lassen würden, um dann im Hotelzimmer solange zu vögeln, bis ein aufgebrachter Zimmernachbar an die Wand klopfen würde. All das wollte Thomas. Sogar geheiratet hätte er ihn. Damals. In Las Vegas. Als ihm der Schnaps zu Kopfe gestiegen war. Nein. Das musste aufhören. Nein, das hatte bereits aufgehört, ermahnte er sich.
Dankend nahm er die beiden warmen Schachteln, die jetzt schon großartig und verführerisch dufteten entgegen, ebenso wie die dünne Plastiktüte, die dem Gewicht des Bieres tapfer standhalten musste und reichte Alfredo einige Scheine über den Tresen, murmelte ‚Stimmt so‘, war ja schließlich fast Weihnachten und trat umständlich die Tür auf, um den Weg zum Auto anzutreten. Es schneite noch immer.

Bis nach Hause hatten sie keine lange Fahrt mehr vor sich. Als Thomas ins Auto gestiegen war, hatte Martiens bereits das Handy weggesteckt, die Pizzen und das Bier entgegen genommen und Thomas angelächelt. Dass sein Puls trotz seiner mahnenden Gedanken in die Höhe stieg, ignorierte er geflissentlich.

„Du kannst so stolz auf dich sein.“ stichelte sein Unterbewusstsein wenig später, als sie gemeinsam auf seiner Couch saßen und sich die fettige Pizza schmecken ließen. Bisher hast du ihm weder deine Zunge in den Hals gesteckt, ihn nicht angebettelt für immer bei dir zu bleiben oder dich von ihm über die Sofalehne legen lassen. Du hast auch keine Kerze am Adventskranz angemacht, sondern nur die grelle Deckenlampe brennen lassen. Er sollte schließlich nicht denken, sie würden sich einen romantischen Abend machen. Er sollte seine Pizza fressen, dem Film eine von zehn möglichen Kackwürsten geben und sich anschließend wieder verpissen. Oder bei ihm bleiben. Dann aber für immer. Ach, fuck. Lange hatte sie bei der Filmauswahl nicht überlegt. Aus nostalgischen Gründen, und weil er eben gerade sowieso im Fernsehen lief, schauten sie „Das Wunder von Manhattan.“

„Danke, nochmal. Thomas.“ sagte Martiens und ließ das vorletzte Stück seiner Pizza ein Stück sinken, in die Schachtel, die er im Schneidersitz auf seinem Schoß platziert hatte. „Das ist… nicht selbstverständlich… dass du…“

„Ja, ja. Halt die Fresse jetzt.“ grummelte Thomas, lehnte sich vor und biss ein extra großes Stück ab, damit seine Zähne nicht mit der Salamischeibe darauf würden kämpfen müssen.

„Hast du Nachtisch da?“ fragte Martiens augenblicklich, nachdem er das letzte Stück Pizza heruntergeschluckt, mit einem Bier nachgespült und den Karton achtlos neben das Sofa geschmissen hatte.  Männer, dachte Thomas grinsend und schüttelte den Kopf. Und jetzt, wo er satt war, hatte er selbst keine Lust mehr auf die grelle Beleuchtung, die ihn blendete, seine Augen anstrengte. Er rieb kurz seine krümeligen Hände aneinander und griff nach seinem Smartphone, um den Raum per Appsteuerung in ein warmes rötliches Licht zu tauchen.

„Was’n das für ne Puff Beleuchtung?“ lachte Martiens sofort auf und zeigte mit dem Zeigefinger in Richtung Decke. „Das meinte ich jetzt eigentlich nicht mit Nachtisch.“

„Du musst dich ja nicht direkt angefasst fühlen, nur weil ich keinen Bock mehr auf OP Beleuchtung hab. Schonmal was von Weihnachtsstimmung gehört?“ keifte Thomas ihn, eher halbherzig an und ließ nun auch seinen Pizzakarton neben dem Sofa verschwinden, erntete ein kurzes, aber lautes Protest Mauzen von Fine, die sich neben Thomas’ Sofalehne bereits bequem gemacht hatte. „Was liegst du da auch so ungünstig.“ sagte Thomas genervt, was ihm allerdings sofort Leid tat, denn seine Kleine konnte nun wirklich nichts dafür, dass er so unentspannt und so schrecklich dämlich gewesen war.

„Nee, alles gut. Ist ja auch irgendwie… kuschelig.“ sagte Martiens und blickte in Richtung Deckenlampe, als wäre sie ein Mistelzweig. Wie das rote Licht auf seinem Gesicht leuchtete erinnerte Thomas an unzählige Abende in den Punkrock Clubs Berlins, in denen sie gemeinsam die Nacht zum Tag gemacht hatten. Er blickte verstohlen an Martiens Brust hinab, am weißen Shirt mit diesem breiten Ausschnitt, das seine Schultern so schön betonte. Die helle Jeans und dieser Nietengürtel, den Thomas bereits häufiger als er stolz darauf war, geöffnet hatte. Mal hektisch, weil er nicht länger hatte warten können, mal ganz langsam und bedächtig, wenn er sich einbilden wollte, dass sein Freund… nein sein Kollege, so etwas wie Gefühle für ihn übrig hatte.

„Was ist denn jetzt mit Nachtisch?“ sagte Martiens, mit leicht geöffneten Lippen und einem schüchternen Grinsen, kratzte sich am Bart, hatte sehr wohl bemerkt, wie Thomas ihn angesehen hatte. Die schmachtenden Blicke waren nicht neu. Sie hatten ihn letztlich verraten.

„Guck halt da in die Schublade. Da ist der Süßkram drin. Sonst hab ich nix.“

„Du hast eine Snackschublade? Schmitti! Und das bei deinen zierlichen 20kg. Ich bin schockiert.“

„Immerhin kann ich noch Größe M tragen im Gegensatz zu dir.“

„Also meckern kannst du ja viel, aber zu schwer war ich dir ja wohl nie, mein Schatz.“ sagte Martiens beiläufig und kniete sich neben die offene Schublade von Thomas’ Wohnzimmerschrank. „Ganz im Gegenteil.“ sprach er seelenruhig weiter und warf eine Packung Dominosteine auf den Couchtisch. „Du fandest es doch immer ganz geil, wenn du dich unter mir nicht mehr bewegen…“

„Ja. Ist gut jetzt.“ sagte Thomas schnell, denn er fühlte bereits, wie ihm wieder warm wurde und griff nach der Fernbedienung. Die Werbung war vorbei. Thank god. „Wirf mal die Lebkuchenherzen rüber.“

„Mit Aprikosenzeug gefüllt oder ungefüllt?“ Er hielt zwei Packungen in die Höhe, während er weiter interessiert auf den viel zu üppigen Süßwarenvorrat schielte.

„Hab ich ungefüllte gekauft?“ Thomas runzelte die Stirn.

„Hier ist eine Packung gefüllte und eine ungefüllte.“ Wie er noch einmal mit beiden Packungen wackelte brachte Thomas zum Schmunzeln. Herr je. Warum konnte er so süß sein?

„Dann war die eine ein Versehen. Kauf immer nur die gefüllten.“

„Ich auch. Find es klingt immer so traurig. Lebkuchenherzen. Unerfüllt.“

„Gefüllt.“

Ein Grinsen schlich sich auf Martiens Gesicht. Thomas kannte dieses Grinsen zu gut. 3, 2, 1…  „Und du so? Bock auf Füllung oder eher…“

„Martiens.“

„Keine Scherze darf man hier machen.“
Er richtete sich auf, kickte in einer lässigen, aber viel zu heftigen Bewegung die Schublade zu und breitete seine Ausbeute auf dem Couchtisch aus. Und bevor Thomas danach greifen konnte, hatte Martiens auch schon die Packung mit den kleinen Herzen aus Lebkuchen in der Hand und öffnete sie, begleitet von einem vertrauten, knisternden Geräusch. Sofort steckte er seine Nase hinein und atmete tief durch. Er ließ sich, viel zu nah neben Thomas, wieder im Schneidersitz auf dem Sofa sinken.

„Boar. Das ist der Duft von Weihnachten. Ick sag’s dir.“ Er hielt Thomas die Packung nun auch  unter die Nase, der widerwillig einen Zug nahm. Gott ja. Das roch gut. Und kombiniert mit Martiens Duft wurde sich Thomas seines schleichenden Untergangs mit jeder Minute bewusster.

„Der Duft von Weihnachten sind ja wohl Vanillekipferl.“ murrte er trotzdem und griff in die Tüte, die Martiens spielerisch wegzog, ihm nicht den Vortritt lassen wollte. Stattdessen langte er selbst hinein und überreichte Thomas ein Herz. Welch Ironie, dachte dieser noch, bevor er unzeremoniell abbiss.

„Vanillekipferl sind mega trocken. Und langweilig. Das muss so richtig schön saftig sein. Hier wie diese vorzüglichen Dominosteine aus der Kaiserstadt Aachen.“ sagte Martiens kauend und deutete auf eine rechteckige dunkelrote Verpackung auf dem Tisch. Thomas sah ihn an, wie er kaute und sich, noch nicht mal mit einem fertig, direkt das nächste aus der Tüte zog. Durch die großen Boxen drang leise Weihnachtsmusik, die den Film, den sie nur halbherzig ansahen, so atmosphärisch machte und für einen kurzen, aber verhängnisvollen Moment ließ Thomas das Gedankenspiel zu, wie es wohl wäre, wenn sie wirklich zusammen wären. Ein Paar. Vor Weihnachten. Und keine Zweckgemeinschaft. Dann würde er tatsächlich die Kerzen am Adventskranz anmachen. Und ihn küssen. Ganz lange küssen, und sich dabei nicht zurückhalten. Und dann zerbrach sein Herz. Aufs Neue. Und mit Anlauf.

„Martiens?“ fragte Thomas leise, mit klopfendem Herzen.

Und der Angesprochene drehte den Kopf zu ihm, hatte sehr wohl bemerkt, dass sich etwas in Thomas’ Tonfall geändert hatte.

„Wie geht das weiter, hm?“ Die Tüte mit den Lebkuchen sank, bis sie neben Martiens auf dem weichen Sofa Platz gefunden hatte. Und auf einmal spürte Thomas, wie dessen Hand plötzlich auf seiner eigenen lag. Wie sie seine Finger umschloss. So warm und groß. Und wie sein Daumen über Thomas’ blasse Haut strich. Fast liebevoll. Er musste seine Frage nicht erklären. Und das machte es nicht besser.

„Ich weiß es nicht.“ Immerhin war er ehrlich, dachte Thomas bitter, brachte es jedoch nicht über sich seine Hand wegzuziehen, weg von ihm.

„Kannst du mir nur eine Frage beantworten?“ Er griff nach seiner Fernbedienung, schaltete den Fernseher auf stumm.

„Was?“

„War es das wert?“

Martiens Augen funkelten ihn an. Ihr Blick ineinander verwoben.

„Thomas… ich. Wollten wir heute nicht einfach…“

„Dir wird nie etwas genug sein, hab ich Recht?“ sagte Thomas leise. „Ist dir irgendwann mal in den Sinn gekommen, dass ich auch Gefühle habe? Wie so ein richtiges menschliches Wesen?“

Martiens runzelte die Stirn, schien nicht zu verstehen, was er meinte oder eben viel zu sehr und biss sich auf die Lippen, bevor er sprach.

„Thomas, ich hab dir nichts.…ich hab dir nie was versprochen. Du hättest doch nicht….du hättest das doch nicht mitmachen müssen wenn du nicht…“

Freudlos lachte Thomas auf, griff nach der Tüte mit dem Lebkuchen, auch wenn ihm jetzt eher schlecht war, als alles andere. Das war doch alles zum kotzen. Hätte er doch besser den Mund gehalten.

„Sorry, das war…“ begann Martiens, aber Thomas fiel ihm ins Wort.

„Asozial? Herzlos? Ja. Stimmt.“

Martiens sagte nichts, rieb seine Hände aneinander und starrte auf den Couchtisch. Sein Bein wippte.

„Aber weißt du was?“ Thomas griff nach seiner Bierflasche und nestelte am Etikett. „Ja. Ich hab mitgemacht. Es wäre nur schön, wenn, wenn ich mich zur Abwechslung mal im Spiegel angucken könnte, wenn du wieder gehst. Aber… da kannst du ja auch nichts zu…“

Eine zeitlang war es still. So unfassbar still. Und aus dem warmen, roten Licht, dass sie noch Minuten zuvor in Geborgenheit gehüllt hatte, wurden grelle Warnsignale. Stop. Anhalten. Ab hier auf keinen Fall weitermachen.

„Möchtest du, dass ich gehe?“ fragte Martiens schließlich, ungewohnt ernst.

„Ich will bei dir sein. Das ist ja mein Problem.“ sagte Thomas leise und kauend und würgte das letzte Stück Lebkuchen hinunter. Er hatte dieses Mal ein Herz ohne Füllung erwischt. Manchmal schlichen sie sich in die falsche Tüte.

„Dass du immer gleich die Stimmung so killen musst.“ sagte Martiens leise und versuchte ein schelmisches, ansteckendes Lächeln.

„Du kannst mich mal.“ seufzte Thomas und konnte nicht fassen, dass Martiens ihn trotz ihrer ganzen beschissenen Lage zum Schmunzeln bringen konnte. Er und sein gottverdammter Galgenhumor. Der Typ könnte sich aus einer Mordserie rauswieseln, wenn er seinen Charme spielen ließ.

„Ja, was denn jetzt?“ flüsterte Martiens und entkam seiner Starre, sehr zu Thomas’ Leidwesen und legte eine Hand auf seinen schmalen Oberschenkel.

„Alter. Hast du mir gerade nicht zugehört?“ Und doch ließ er sie liegen. Unternahm nichts.

„Doch. Hab ich. Aber… ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du mich so anschaust.“

„Okay. Zum zweiten Mal du Arschloch; wie schau ich dich denn angeblich an?“

„So halt als wär ich die letzte Raviolidose bei Rewe.“ Thomas blinzelte und runzelte die Stirn. „Oder eine per App steuerbare Kaffeemaschine. Gratis Packung Kippen oder… keine Ahnung.“

„Was zum Fick redest du da, Martiens?“

„Du schaust mich halt an, als wärst du in mich verliebt. So. Keine Ahnung.“ Und wieder fand Martiens Hand seine eigene. Und wieder verschränkte er ihre Finger ineinander, aber dieses Mal strich ihm Thomas mit dem Daumen über den Handrücken. Über die dunklen Haare. Und betrachtete die einzelnen lackierten Fingernägel.

„Gott, bist du frustrierend.“ seufzte Thomas und hatte genug. Endgültig genug. Er beugte sich vor und drückte Martiens seine Lippen auf. Und als er spürte, wie dieser den Druck erwiderte, wie er keuchend seinen Mund öffnete und seine warme, feuchte, nach Lebkuchen und Schokolade schmeckende Zunge empfing schwor er sich etwas. Ein allerletztes Mal. Das müsste das allerletzte Mal werden. Weil Weihnachten war. Sein guter Vorsatz fürs neue Jahr. Sein Geschenk an sich selbst nach diesem beschissenen Jahr des Spießrutenlaufs. Er wollte ihn. Ein letztes Mal.

Martiens wehrte sich nicht, als Thomas sich auf seinem Schoß niederließ, ihn küsste, als würde sein Leben davon abhängen.
Thomas zog erst sich, dann ihm das Shirt über den Kopf, genoss es zu spüren wie schnell er unter ihm hart wurde, wie sich seine Fingernägel in seine Seiten krallten und er keuchte, wenn Thomas  eine Spur zu fest an den Ohrringen an seinem Ohrläppchen zog.
Martiens umfasste seine Hüfte, hob ihn hoch und küsste ihn weiter, als Thomas seine Beine um ihn wickelte, sich ins Schlafzimmer tragen ließ. Sie wussten beide was kam. Was kommen musste. Sie waren ein eingespieltes Team.
Fuck. Er hatte ihn so vermisst. Seine Nähe, mit den Fingerspitzen über seine Tattoos zu fahren und an der bunten Haut zu lecken, zu saugen und sich von ihm in Position bringen zu lassen. Er liebte es so sehr, wie Martiens ihn festpinnte, sich auf seinen schmalen Brustkorb setzte und ihn aufforderte es ihm mit dem Mund zu machen. Tief und feucht und gierig. Er liebte es, wie der große, schwarzhaarige Mann dann in seine Haare griff und wie seine Brille beschlug, wenn Martiens seinen Mund fickte.
All das hatte er vermisst. Die liebevollen Gesten zwischendurch, die versichernden Küsse. Das ‚Ich pass auf dich auf.‘ Das Vertrauen können, wenn es darum ging, was sie hier miteinander verband. Und er hatte vermisst sein Gesicht im Kissen zu vergraben, haltlos zu stöhnen, während Martiens hinter ihm kniete und ihm nicht gerade den Mund zuhielt, weil er sich vor lauter brennender Lust nicht mehr im Griff hatte. Er kam schnell, ohne dass er sich hätte anfassen müssen und als Martiens Sekunden später mit einem allerletzten Stoß, tief in ihm abspritze wäre er gerne gestorben. Einfach, um dieses Gefühl zu behalten. Diese Erfüllung, diese Ekstase. Die Liebe, die er sich einbildete.

Keuchend lagen sie dann da. Thomas an der breiten Brust seines, im Gegensatz zu ihm, doch erstaunlich muskulösen Freundes, der ihn streichelte, wieder von seinem Hoch runterholte und liebevoll die Haare aus der Stirn strich. Mit jeder Sekunde wurde Thomas schmerzhaft bewusst, dass er sich wieder einmal selbst belogen hatte. Mit jedem Atemzug, mit jedem Herzschlag, mit jedem zarten Kuss, den Martiens auf seine Stirn drückte lichtete sich Nebel in Thomas' Kopf und gab die Sicht auf die fürchterliche  Wahrheit frei. Er liebte ihn. Und nichts… nichts in der Welt würde ihn davon abhalten können. Nicht mal Weihnachten. Nicht mal gute Vorsätze. Er würde warten. Da, wo Martiens ihn zurücklassen würde. Jedes verdammte Mal. Dann, als er dachte, der Mann, der ihn festhielt, sei schon eingeschlafen, hörte er seine Stimme, ein raues Flüstern, warm und süß. Wie heiße Milch mit Honig.

„Fröhliche Weihnachten, mein Schatz.“


*****
Die musikalische Inspiration sei auch noch erwähnt:
https://www.youtube.com/watch?v=Ur_wAcYDnuA
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