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A Note I Wrote The Other Day

von Nialuna
GeschichteRomance / P12 / MaleSlash
Michael "Michi" Mohr Sven Hansen
26.04.2021
06.05.2021
6
30.296
 
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26.04.2021 6.603
 
Hallo, ihr Lieben!
Ich bin wieder da! Wahrscheinlich nicht für lang - aber hier ist endlich das Längere, auf das ihr alle seit MOnaten gewartet habt! (Sorry nochmal an dieser Stelle für den langen teaser)
Es ist einem prompt von fangirl entsprungen, die mehr über die "Entstehungszeit" lesen wollte - ihr wisst was ich meine. Also, by popular demand I present:

Fünf Ereignisse in den Leben von S. Hansen und M. Mohr, die entscheidend waren, und ein Moment, der nicht banaler hätte sein können.
Yay!

Ich habe sehr lang dran gesessen, und ihr wollt nicht wissen, wie viele verschiedene Versionen auf meiner Festplatte existieren, aber hier ist es nun. :) Ich werde alle zwei Tage ein neues Kapitel hochladen, es ist ja schon alles fertig.
Der Titel des Kapitels ist vom Lied "Tous les garcons et les filles" von Francois Hardy, checkt es unbedingt aus, es passt wunderbar zum Text finde ich.

Und der Titel der Geschichte ist aus dem Lied "You, Dear" von Eloise - ich fand ihn einfach schön :)
(btw die Geschichte ist ein neues "Universum" - ich muss irgendwann mal sortieren, welche meiner storys und Oneshots zusammengehören, doch dieser Tag ist noch nicht hier, also könnt ihr euch einfach aussuchen, was zusammengehört :) )

Das wars, jetzt viel Spaß beim Lesen! Und wie immer freue ich mich über jede Rückmeldung! :)
Nialuna

Disclaimer: Mir gehört nichts, nur ein paar Gefühle und eine gehörige Portion Fantasie, die mir ein paar Nebencharaktere und Settings geschenkt hat :)

******

Michael „Michi“ Mohr war ein einfacher Mensch. Er war ein einfaches Baby gewesen, ein einfaches Kleinkind und jetzt war er ein einfacher 15-jähriger Junge.  Das sagten andere und das gestand er sich selbst gerne ein – es war ja nichts Verkehrtes daran, nichts Schlimmes dabei. Einfach war gut, einfach war schön. Es bereitete anderen keine Probleme und einem selbst auch nicht.

Er war einfacher, leichter als seine Geschwister – Susanne war praktisch, aber nicht einfach, und Thomas dachte immer um mindestens fünf Ecken herum, bevor er zu einem Ergebnis kam. Wo Thomas verschlungen war, war Michi direkt, und wo Susanne aufbrausend sein konnte, war er geduldig. Er war fröhlich, fast so fröhlich, dass es unheimlich wurde, das hatte Nessie einmal gesagt, und wurde angetrieben von einer Hilfsbereitschaft, die nur den Mohrs angeboren zu sein schien, vor allem aber in ihm eine Heimat gefunden hatte. Manchmal wurde er dabei, wurden sie alle dabei übergriffig, nahmen anderen die Chance zu lernen und eigene Erfahrungen zu machen, und es war nicht selten der Auslöser für Krach und Schreie zwischen den Geschwistern.

Aber Michi fand, dass sie es doch als Familie recht gut getroffen hatten, wenn sie das größte Problem darin fanden, anderen zu sehr helfen zu wollen. Es machte ihn manchmal ein wenig stolz, und er konnte sagen, dass er glücklich war mit seiner Familie, ohne dabei ein einziges Mal lügen zu müssen.

Und da dockte sein Problem an.

Denn er war es nicht mehr – glücklich mit seiner Familie. Es war blöd, und komisch, aber er war nicht mehr wirklich er wenn er bei ihnen war. Es ärgerte ihn maßlos, dass er sich so fühlte. Aber er konnte nicht verhindern, dass er sich nicht mehr wohlfühlte, wenn einer von ihnen den Raum betrat, dass er sich befangen und gehemmt fühlte. Er wollte sofort die Flucht ergreifen, konnte kaum für mehr als eine Stunde bei ihnen sein. Und mit jedem Tag wuchs dieses Gefühl.

Er wusste warum. Er wusste es ganz genau, hatte es nur noch nicht anerkannt, es sich selbst nicht zugestanden. Wollte es immer noch als Spinnerei abtun, als Träumereien ohne Bezug zur Außenwelt, als haltlose Hirngespinste. Er verdrängte es.

Was war schon dabei, wenn die verschwitzten Muskeln des neuen Mechanikers seines Vaters mehr Gefühle in ihm wachriefen als die Models in den alten Modezeitschriften seiner Mutter?

Es war nichts, sollte nichts sein. So etwas dachte man nicht, so etwas fühlte man nicht, und das einzige Mal, wenn über so etwas gesprochen wurde, dann hinter vorgehaltener Hand und mit gesenkten Stimmen.

Doch obwohl er versuchte, es nicht wahrzuhaben, so wusste er doch ganz genau, was los war: Er war verliebt. In Alois.

Und der war eindeutig männlich.

---

Es war Sommerfest in Icking. Die kleine Stadt, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen konnte, hatte sich herausgeputzt. Rasen waren gemäht worden, Straßen gefegt, Fenster geputzt. Die Straßenläufe wurden nun von bunten Wimpeln überhangen, sie schwangen von einem Haus zum nächsten und bildeten ein farbenfrohes Dach. Darunter reihten sich Buden, Süßwarenstände, Handwerkerverkäufe. Sie führten zum Marktplatz, dem Epizentrum des Amüsements, auf dessen Mitte das alte, aber prächtige Riesenrad stand.

Die bunten Straßen schlängelten sich vom Marktplatz aus wie Adern, durchzogen den gesamten Ort und brachten mit sich Ausgelassenheit und Freude, bis an die äußersten Ränder. Eisverkäufer schenkten Kindern eine Kugel mehr, Fotoboxen wurden regelrecht von jungen, lachenden Mädchen geschwemmt, die noch eines und noch eines machen wollten. Der Schmied brachte Kinder mit seinen glühenden Metallstangen zum Staunen und verursachte begeisterte Ausrufe wenn er sie mit Zischen und Sprudeln im Wasser abkühlte. Alle Altersstufen stellten ihre Treffsicherheit bei den etlichen Dosenwerfständen unter Beweis, nahmen manchmal vergnügt Gutscheine für gebrannte Mandeln, Zuckerwatte und schokolierte Äpfel als Preise mit, und für drei Tage kam eine Tarot-Kartenlegerin aus Wolfratshausen zu Besuch. Mehrere Straßen, so auch der Schleicherweg, in dem auch ihr Haus stand, wurden nur für die Kreidemalereien der Kinder gesperrt und unter Entzücken voll ausgenutzt. Wenn das Fest vorbei war, sahen sie manchmal noch Tage später keinen grauen Asphalt vor ihren Fenstern, sondern helle, fantasievolle Kritzeleien und falsch geschriebene Botschaften, die nur die Autoren selbst zu lesen vermochten.

Michi liebte es. Er liebte die Menschenmengen, die für fünf Tage durch den kleinen Ort strömten, die so viel Lachen und Leichtigkeit und Freude mit sich brachten. Er wusste nicht, wie es dazu gekommen war, aber das Sommerfest von Icking war etwas Besonderes im gesamten Landkreis. Alle Menschen aus einem Umkreis von 90 km kamen für mindestens einen Tag zu Besuch, viele übernachteten. Als Michi und Thomas noch nicht geboren waren, und seine Eltern allein mit Susanne in dem Haus im Schleicherweg gelebt hatten, hatten auch sie Besucher aufgenommen. Sie hatten alle herzlich willkommen geheißen und taten es immer noch, auch wenn ihr Haus inzwischen wesentlich voller war und sie nicht mehr die Möglichkeit für Übernachtungen anbieten konnten. Manchmal veranstalteten sie jetzt Abende an ihrer Feuerstelle, mit Stockbrot, selbstgemachtem Apfelsaft von Michis Großeltern und Spielen. Oder sie stellten ein kleines Buffet im Garten auf, mit Schoko- und Johannisbeerkuchen, mit Marmor-Muffins und alkoholfreier Bowle und Apfelsaft und jeder, der Lust hatte, durfte durch das kleine Gartentor hereinkommen und sich an den kleinen Köstlichkeiten bedienen während die Kinder auf den Schaukeln bis in den wolkenlosen Himmel schwangen.

Dieses Jahr half Michi in einer der Attraktionen aus. Gesine und Alfons Göfer waren beide mittlerweile über 70 Jahre alt und konnten nicht mehr rund um die Uhr für ihr kleines Karussell da sein. Michi hatte sich gerne bereit erklärt dem Ehepaar etwas unter die Arme zu greifen und jeden Tag des Festes für ein paar Stunden die Karten zu verkaufen. Es war kein besonders schwieriger Job, bei dem man viele Menschen traf, was ihm immer gefiel. Freundliche Eltern, große Geschwister oder Cousins und Cousinen, und natürlich die strahlenden, juchzenden Kinder selbst. Es brachte ihm unglaublich viel Freude den Kleinen so einfach so viel Vergnügen zu bereiten. Er plauderte mit den Eltern, wenn die Kinder auf den alten, noch handgeschnitzten Pferden saßen und ein paar Runden dahindrehten. Manchmal knarzte es, oder es rumpelte unter den hölzernen Dielen. Die Eltern bekamen dann meistens großen Augen und fragten vorsichtig, ob das denn auch wirklich sicher war. Michi beruhigte sie jedes Mal – es war ganz normal. Das Karussell war schließlich schon sehr alt und manchmal wollte es eben seine Freude an den Kindern mit diesen teilen. Die Eltern lachten dann meist und wendeten sich wieder ihren Gesprächen zu.

Michi mochte wirklich diesen kleinen Job. Die Menschen, das Lachen, die schöne Stimmung.

Dass gegenüber des Karussells Jagel’s Zuckerl stand war Zufall. Dass der alte Jagel dieses Jahr eine Aushilfe engagiert hatte, war Zufall, genauso wie es Zufall war, dass eben diese Aushilfe Alois war.

Alles reiner Zufall.


Zum hundertsten Mal wanderte Michis Blick auf die andere Seite der Straße. Es war unvermeidbar, Alois war wie ein Magnet, seine  Anziehungskraft fast unerträglich. Michis Blick fiel auf ihn und blieb an ihm hängen, verfolgte jede Bewegung und jeden Handschlag des großen Jungen mit den braunen Augen. Seine Finger tanzten über den Tresen, suchten Tüten gefüllt mit gerösteten und karamellisierten Köstlichkeiten heraus, entwirrten Gummischnüre und die Aufhängungen von Lebkuchenherzen, verteilten das Geld gewissenhaft in der Kasse und wischten immer wieder über die Arbeitsfläche, wrangen den Lappen aus, machten weiter.

Er mochte seine Hände. Und seine Augen – er hatte noch nie in so gütige braune Augen gesehen. Sie waren wie geschmolzene Schokolade, sanft aber mit ruhiger Stärke, glatt und wunderschön.

Michi war verloren in seinem Glück. Er brachte es an diesem Tag kaum zustande, die richtigen Karten zu verkaufen, das Wechselgeld hatte er bereits dreimal falsch zurückgegeben. Er war eine unternehmerische Katastrophe auf zwei Beinen geworden.

Aber wer hätte auch ahnen können, dass man so gut beim Zuckerwattedrehen aussehen konnte? Einen Holzstab in heißen Zucker zu tauchen, ein paar Mal zu drehen und dann einem kleinen Jungen den aufgespießten rosa Wattehaufen in die Hand zu drücken war wirklich nichts Besonderes. Eigentlich. Jetzt hätte Michi sich nichts Romantischeres vorstellen können. Was waren schon Sonnenuntergänge am Starnberger See wenn man das vor sich hatte?

Michi war vollkommen eingenommen von ihm, verzaubert von seinen Bewegungen, die mit so viel Vorsicht und Sorgfalt geschahen. Seine Hände waren groß, größer als Michis, und doch so sanft und genau. Er liebte es, ihnen zuzusehen, hätte es den ganzen Tag, die ganze Woche machen können und wäre dem nicht müde geworden. Diese Hände mit ihren schlanken, langen Fingern, die so präzise waren und ganz wunderbar zu dem zukünftigen Chirurgen passen würden, ihm dienen und Leben retten würden.

Michi seufzte auf. Er stützte seine Ellenbogen auf den Tresen unter sich, das einfache Holzbrett, das schon so viel älter war als er, schon so viel mehr als er gesehen hatte, und legte sein Kinn in die Handflächen. Dann kippte er langsam aber stetig mit seinem Stuhl nach hinten, ließ ihn auf nur noch zwei Beinen stehen und balancierte sein Gewicht sorgfältig zwischen Armen und Stuhlbeinen.

Das Karussell erlebte gerade ein kleines Mittagsloch – die Gäste des Vormittags waren abgezogen, suchten sich irgendwo etwas zur Stärkung um dann mit neuer Energie weiter durch das Getümmel zu streifen oder zum See zu fahren, und die Gäste des Nachmittags würden wahrscheinlich erst frühestens in einer halben bis ganzen Stunde anfangen einzutrudeln, wenn das Mittagstief und die damit einhergehende Müdigkeit etwas verflogen waren.

Er hatte also genügend Zeit die Aussicht zu genießen.
Alois nahm gerade den Lappen aus dem Waschbecken hinter ihm, wrang ihn sorgsam aus und bückte sich über die kleine Popcornmaschine. Sie hatte vor fast einer Stunde angefangen, merkwürdige Gerüche abzusondern, die ihren Weg bis zu seinem kleinen Tresen auf der anderen Straßenseite gefunden hatten. Wenn Michi so recht überlegte, dann war das wahrscheinlich ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Entstehung der derzeitigen Kundenpleite gewesen, und nicht nur das Versprechen auf den kühlen See.

Michi beobachtete Alois genau, wie er vorsichtig und genau die Maschine begutachtete. Sein Blick wanderte langsam über die Teile, die Finger nahmen voller Vorsicht die Plastikabdeckung ab und-

Zwei übergroße, funkelnde blaue Augen sprangen in sein Sichtfeld.

„Michi!“

Mit einem Kreischen fielen Michi und sein Stuhl zu Boden. Es polterte laut durch die träge Mittagshitze.
Schockiert starrte er die Person vor sich an.

„Ach du- Alles in Ordnung?!“ Die blauen Augen seines Gegenübers waren mindestens genauso weit aufgerissen wie seine.

Einen Moment brauchte er noch, um den Schreck zu verdauen. Dann warf er ihr einen Blick zu. „Ja. Mann, Hanny, musst du mich so erschrecken?“

„Entschuldige, ich dachte, du hättest uns schon kommen hören.“ Immer noch schwang etwas Besorgnis in ihrem Blick.

Uns?

„Michi hatte wohl mal wieder nur Augen für einen ganz bestimmten Zuckerlverkäufer!“ rief es hemmungslos hinter Hanny.

Schon nach den wenigen Worten etwas genervt rappelte er sich auf und warf Nessie, die nun auch in seinem Blickfeld erschienen war, einen bösen Blick zu. „Ich weiß gar nicht, was du meinst.“

„Ich dafür umso mehr!“ Nessie grinste ihn breit an. „Wie läuft es denn so zwischen euch?“

Michis Gesicht wurde heiß und statt zu antworten beugte er sich hinunter und machte sich daran, den Stuhl wieder aufzustellen.

Nessie lachte und er spürte, wie er noch röter wurde.

„Na, komm, Nessie. Sei nicht so fies.“ Hanny rettete ihn. Er wollte ihr gerade einen dankbaren Blick zuwerfen da:
„Er wird es uns schon sagen, wenn er bereit ist, nicht wahr Michi?“

Beide drehten sich erwartungsvoll zu ihm.

‘Es‘? Was soll ich euch sagen?“

Plötzlich wurde aus seiner Irritation Wut. Sie hatten noch nie offen darüber gesprochen, über seine wahrscheinlich doch auffällige Neigung zum gleichen Geschlecht. Nessies Bemerkungen, hier und da fallen gelassene Worte und Andeutungen, waren das Einzige, was das Thema bisher berührt hatte.

Doch es war Nessie. Nessie ließ mindestens zehn dumme Sprüche am Tag ab, zog jeden auf, auf ihre freche und direkte Art, und dabei war es nicht ungewöhnlich, wenn es gar nicht stimmte, was sie da sagte. Oft konnte man es nicht wirklich einordnen, war es wirklich real oder nur ausgedacht, und sie hatten sich alle inzwischen damit abgefunden, so sehr, dass ihre ständigen Kommentare fast schon dazu gehörten und nicht mehr wirklich für voll genommen wurden. Es war halt Nessie. Sie sagte viel, wenn der Tag lang war. Kein großes Thema.

Doch als die Worte aus Hannys Mund gekommen waren, hatte sich etwas geändert. Denn es war nicht mehr nur Nessie gewesen, mit ihren ewigen Halbwahrheiten, die dieses heikle Thema angesprochen hatte, nein, jetzt hatte Hanny es auch offen anerkannt, es damit wesentlich realer gemacht.
Denn Hanny war anders als Nessie – ganz anders. Sie sagte nicht halb so viel wie ihre beste Freundin, und wenn sie etwas sagte, dann hatte das meist Gewicht, dann war da etwas dran. Sie hielt sich fast immer im Hintergrund, ihrem Blick entging jedoch nichts. Hanny beobachtete viel, schaute viel zu und sah so viel, dass sie meist die Erste war, die hinter Geheimnisse kam. Es war also eigentlich zu erwarten gewesen, dass sie wusste, was los war. Doch dass sie es aussprach, war eine andere Sache. Denn während Nessies Stimme kaum mehr mit den Worten anstellte, als sie kurz zu kolorieren, nur damit sie sofort wieder verpufften, hauchte Hanny ihnen Leben ein – sie kamen an die Luft, wurden frei gelassen und bekamen Raum und wurden größer. Sie wurden realer. Wurden auf einmal wahr.

Und auf einmal kochte die Wut in ihm hoch.

Wer gab ihnen das Recht einfach so mir-nichts-dir-nichts über sein tiefstes Geheimnis zu plaudern, vergnügt Anmerkungen in die Welt zu setzen, als würden sie über das Wetter reden? Es war sein Geheimnis, seine Sache zu wissen und zu erzählen. Er allein sollte es doch verkündigen können, und das, wann er wollte! Nicht beiläufig im Gespräch, in einer Anmerkung, im Nebensatz, von einer seiner Freundinnen erwähnt.

Es war ungerecht. Es war unglaublich ungerecht.

Wütend fauchte er die beiden an.

„Ich weiß wirklich nicht, was ihr wollt! Es gibt gar nichts zu erzählen, denn da ist nichts! Hört auf irgendwelche Theorien an den Haaren herbeizuziehen, nur damit ihr keine Langeweile habt und lasst mich mit euren blöden Anmerkungen in Ruhe! Ich habe schließlich noch was anderes zu tun, als nur faul rumzuliegen und mir irgendwelche dummen Gerüchte auszudenken, an denen kein Hauch wahr ist!“

Hanny schaute mit großen Augen zu ihm herüber. Nessies Grinsen war wie aus ihrem Gesicht gefegt. Einen kurzen Moment war Stille zwischen den Dreien, nur durchbrochen von Michis schwerem Atmen. Dann verengte sich plötzlich Hannys Augenbrauen und in ihrem Blick funkelte es.

„Weißt du was? Schön, dann lassen wir dich in Ruhe. Kommst du, Nessie? Ich habe besseres zu tun, als mir das gefallen zu lassen.“

Mit einem Ruck drehte sie sich herum, griff ihre Freundin am Ellenbogen und zog sie die Straße hinab, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nessies Schritten fielen fast sofort in Einklang mit ihren. Sie warf ihm noch einen bösen Blick aus dunklen Augen über ihre Schulter zu – dann waren sie auch schon verschwunden.

Michi ließ sich mit einem tiefen Seufzer zurück in den Stuhl sinken. Verschränkt legte er die Arme vor sich auf den Tresen und vergrub sein Gesicht in ihnen.

Wunderbar, Michi. Super.

Ihm war fast zum Weinen zumute. Jetzt hatte er auch noch seine zwei besten Freundinnen vergrault, nur weil er sich selbst nicht im Griff hatte. Aber er hatte sich provoziert gefühlt, herausgefordert. Sie hatten ihn vorgeführt, mit einem einzigen Handgriff enttarnt, wie hätte er denn reagieren sollen? Er war schließlich auch kein Heiliger – auch seine Geduld kannte Grenzen. Und sie hatten auf einen wunden Punkt eingestochen, den er vor allen versteckt halten wollte, der sein eigenes Geheimnis war, ein Geheimnis, das nur ihn etwas anging.

Seine Laune rutschte in den Keller, hin und hergerissen zwischen Rechtfertigung, Schuldgefühlen, Ärger und der stet anwachsenden Verzweiflung, dass sie es wussten, dass sie es aufgedeckt hatten.

Was sollte jetzt passieren? Würden sie es weitersagen? Seine Reaktion hatte wahrscheinlich das bestätigt, was sie vermutet hatten, hatte unbeabsichtigt den letzten Stein im Puzzle der Beweislage geliefert, es alles zusammengeführt und bejaht.

Für einen flüchtigen Moment überlegte er, es zu sagen. Es seinen Eltern und Geschwistern zu sagen, seinen Freundinnen und Freunden. Doch die Angst, die sich unmittelbar und mit aller Macht schon allein bei dem Gedanken anbahnte reichte ihm – er war schließlich nicht lebensmüde. Er würde hoffen, dass sich das mit Hanny und Nessie irgendwie so lösen würde, dass sie es unter sich regeln konnten, ohne dass er mehr von sich offenbaren musste als er es schon getan hatte, und seine Familie und der Rest ihrer Gruppe mussten nichts davon erfahren.  Dann würde er zu dem zurückkehren, wie es vorher gewesen war, eine risikofreie, normale Zeit, ohne die Gefahr, abgelehnt zu werden für das, was er war. Es würde schon in Ordnung so sein. Er konnte sich verstecken, verstellen, das hatte er schließlich die ganze Zeit gemacht, und es war besser, als die Wahrheit zu konfrontieren.

Michi merkte selbst, wie blöd der Plan war, doch er ignorierte das Gefühl. Es war besser so. Für alle.

Seine immer mieser werdende Stimmung machte sich nach diesem Zwischenfall durchgehend bemerkbar. Er ließ das Karussell ohne Bemerkungen an, lächelte nicht mehr ganz so breit, wenn die Kinder lachten, sprach nicht mehr ganz so animiert mit den Eltern, nahm stumm das Wechselgeld entgegen – und erlaubte es seinem Blick kein einziges Mal mehr zur anderen Straßenseite zu wandern.

Die Zeit verging wie in Zeitlupe. Jede Sekunde war ein Kampf, ein Ringen mit sich selbst, die Zeiger der Uhr krochen dahin wie Weinbergschnecken, deren Häuser zu schwer wogen, ihnen mehr Last als Zuhause waren. Jede Runde des Karussells war langsam, langsamer als die Vorherige, bis es endlich stehen blieb nur um wieder von vorne anzufangen, sich wieder zu drehen und zu drehen, die Zeit mit sich zu nehmen, zu reißen und sie wild in die Gegend zu schleudern, sie zu verschwenden ohne sie zu verringern. Mit jeder Drehung verkroch Michi sich in seinem Selbstmitleid, seinen Sorgen und seiner Angst.

Und kein einziges Mal ließ er Alois einen Augenblick dieser Zeit verschönern. Sein Blick blieb starr auf den Kindern und den hölzernen Figuren, dem Geld und dem Holztresen.

Als er das kleine Häuschen verließ, endlich fertig mit dem Kartenverkaufen und dem Fröhlichsein, war es immer noch so hell wie am Vormittag. Die Sonne schien lustig auf ihn herab, auf alle Buden und Dächer, zwischen den kleinen Wimpel und dem vollen Laub der Bäume hervor. Sie kitzelte ihm im Gesicht und er hätte sie am liebsten gegriffen und in eine schwere, dunkle Kiste gestopft, in die hinterste Ecke ihres Dachbodens verbannt. Die leichten, hellen Strahlen voller Licht machten sich über ihn lustig. Sie lachten ihn aus. Verspotteten sein Leid indem sie sich diesem nicht anpassten, absichtlich das Gegenteil seines chaotischen Selbst bildeten. Ganz so als würden sie ihm sagen – Schau, es kümmert keinen. Wir kommen auch ohne dich klar, deine Probleme gelten für uns nicht, deine Ängste sind allein dein. Du bist auf dich allein gestellt.

Michi hätte sich Regen gewünscht. Oder wenigstens dunkle Wolken, die alles grau und gleich machten. Was sollte er mit Sonnenschein? Er wollte Dunkelheit: Gewitter, schwarze Wolken und stürmischen Wind. Regen, bis alles unter Wasser lag, bis sie alle unter Wasser lebten und alles nur noch gedämpft war, alles ruhig und dunkel und traurig.

Doch es gab nur diesen gottverdammten Sonnenschein. Seine Freunde genossen wahrscheinlich gerade diesen. Freuten sich an ihm, lachten mit ihm. Sie wollten alle zusammen heute Abend zum See fahren.

Tja, da war wohl nichts draus geworden. Jedenfalls für Michi. Es war klar, dass er nicht mitfuhr.

Er war direkt nach Hause gegangen – die fünfzehn Minuten hatte er heute Morgen nicht mit dem Rad fahren wollen, das war ihm nicht die Mühe wert gewesen. Er hatte die Sonne genießen wollen.

Idiot. Denn das hieß, dass er jetzt jeden Schritt selbst tun musste, jeden Meter mit den eigenen Füßen zurücklegen, anstatt nach Hause zu sausen, an allem vorbei, all dieser Sonne und der Freude, hätte all das viel schneller hinter sich lassen können, aber nein, er hatte es ja so sehr geliebt heute Morgen.

Ohne einen Blick hatte er Jagel’s Zuckerl passiert, den Kopf gesenkt, einen Fuß vor den anderen, später dann möglichst am Rand der Straße um keinem der kleinen Straßenkünstler aus Versehen über's Meisterwerk zu laufen. Und dann war er endlich durchs Gartentor geschritten, auf direktem Weg und ohne sich umzuschauen, in sein Zimmer – Tür zu, Schlüssel im Schloss gedreht.

Endlich allein.

Dabei wollte er doch gar nicht allein sein – er wollte bei seinen Freunden sein, mit ihnen lachen, schwimmen. Das klare Wasser genießen, diese Sonnenstrahlen, die sich auf der Oberfläche brachen und in tausende kleine Funken zerstoben, unter der Wasseroberfläche den Boden beleuchtete, die kleinen Fische und Algen sehen ließen. Er wollte zusehen, wie Didi in den See sprang, viel zu gewagt dabei war, viel zu riskante Manöver machte, um Alina aus der Stufe über ihnen zu beeindrucken, die ohne Zweifel auch dort sein und kein einziges Mal zu ihnen hinüber schauen würde. Er wollte eines der mitgeschmuggelten Biere probieren, nur um zum wiederholten Mal festzustellen, dass er diesen Geschmack wohl nie wirklich mögen würde. Er wollte es weitergeben, unter dem Lachen der Anderen zur Himbeerlimo greifen. Sie nur halb austrinken und dann ‚vergessen‘, neben Nessie stehen lassen und aus dem Augenwinkel ihr kleines, dankbares Lächeln sehen, wenn sie ‚aus Versehen‘ die Flasche mit ihrem Bier verwechselte und trank, während er sich eine Zweite holte.

Er wollte mehr in dieses Lächeln interpretieren können, denn das wäre so viel einfacher. Und einfach war schließlich seine Schiene, sein Ding. 'Einfach' passte zu ihm, war ihm wie auf den Leib geschnitten, war er. Er liebte doch das Einfache, wieso konnte er es jetzt nicht sein?

Aber schon allein bei der Vorstellung schüttelte es ihn. Und Nessie wahrscheinlich auch.

Was sollte er denn tun? Es war alles so verdammt anstrengend.

Er wollte wieder Teil der Anderen sein. Wollte wieder ganz normal mit seiner Familie am Essenstisch sitzen, ohne diesen ewigen Fluchtinstinkt. Wollte wieder mit Robert scherzen, mit Alfred und Didi herumspinnen und Streiche planen, von denen sie nur ein Drittel wirklich umsetzen würden. Über Nessies Kommentare lachen und still neben Hanny sitzen, die Arme auf den angezogenen Knien verschränkt, der Blick in den Himmel – die Wolken, die Farben, die Vögel, das Licht, alles durch ihre Augen sehen und staunen. Mit Hanny konnte man so gut staunen. Er wollte die unsichtbare Mauer, die sich über die Zeit zwischen ihm und dem Rest der Welt aufgetürmt hatte, einreißen, überwinden und hinter sich lassen. Wieder leben, und sich nicht verstecken und entfremden müssen.

Er wollte das alles gar nicht. Es zerriss ihn förmlich.

Ein Schluchzer entkam seiner Kehle und durchbrach die Stille seines Zimmers.

Und noch einer. Und noch einer.

Sie entflohen seinem Körper wie Schmetterlinge, die ihr Leben lang gefangen gehalten waren in einem Käfig und nun endlich frei gelassen wurden – zuerst zögerlich, und dann immer schneller und schneller, bis alle so schnell wie sie konnten hinausströmten, aufgeregt übereinander purzelten und fielen und flatternden. Sein ganzer Körper bebte mit jedem Atemzug, sein Brustkorb hob und senkte sich, hob und senkte sich, hob und senkte sich. Tränen überzogen seine Wangen, sein Kinn, sein Gesicht und auf einmal war sein Schmerz riesengroß.

Er fiel auf sein Bett, vergrub sein Gesicht in Kissen und Armbeugen, der Rücken zur Tür, die Schluchzer betäubten alles andere, verschlangen ihn in ihrer Verzweiflung.

An diesem Abend schlief er weinend ein – und hörte weder das zaghafte Anklopfen an seiner Tür, noch das verräterische Rascheln eines Papieres, das durch einen Türspalt hindurchgeschoben wurde.

---

Am nächsten Morgen weckte ihn entferntes Vogelgezwitscher und es war alles in Ordnung, es war alles gut. Die Taube in ihrem Kirschbaum gurrte mit der im Nachbarsgarten hin und her, und für ein paar Momente war das alles, was seine Welt war.

Dann kamen die Gedanken und mit den Gedanken die Erinnerungen. Und es war nicht mehr so leicht und nicht mehr so schön. Nicht mehr so einfach. Seine Augen waren unangenehm zugequollen und die Haut auf seinen Wangen war empfindlich als er sie mit den Fingerspitzen berührte.

Alois‘ Fingerspitzen waren bestimmt sanfter, weicher.

Seine Augenlider pressten nach unten.

Hör auf, hör auf sowas zu denken! Konnte er denn nicht normal sein?

Verzweifelt drehte er sich auf die Seite, öffnete die Augen wieder um sich abzulenken. Zuerst ging sein Blick ins Leere, hing irgendwo zwischen Parkett und Luft. Doch nach ein paar Sekunden entdeckte er es: ein kleines weißes Rechteck, fast einen Meter von der Tür entfernt.

Hatte ihm ernsthaft jemand eine Botschaft geschrieben? Das hatten sie seit Jahren nicht mehr gemacht.

Mit gerunzelter Stirn stand er langsam auf und ging zu dem Papier. Noch bevor er einzelne Worte ausmachen konnte, erkannte er die gerade Handschrift seiner Schwester.


Lieber Michi,

Du hast nicht aufgemacht – ich habe dich trotzdem gehört. Wenn du reden möchtest, bin ich da, wenn nicht, hab ich dich nicht weniger lieb. Wir sind alle bei dir, stehen an deiner Seite.

Susanne



Für einen Moment verschwamm seine Sicht. Er blinzelte. Merkwürdigerweise tat es fast schon weh diese sorgenvollen Worte zu lesen.

Er wollte es ihr doch sagen, wollte es doch tun. Aber er konnte nicht. Er durfte es nicht - was würden sie schon sagen? So wie er - so war man nicht. Das machte man nicht. Das hatte er oft genug aus dem Mund ihres Pfarrers gehört, er wusste es. Und doch fühlte er sich wie sein eigener Gefangener.

Einen Moment starrte er noch auf die Zeilen.

Dann stieg auf einmal Wut in ihm hoch. Das Blatt in seiner Hand zitterte, das Weiß verschwamm mit dem Dunkelblau des Füllfederhalters.

Mein Gott, jetzt reichte es aber! Was tat er denn hier – suhlte sich in seinem Selbstmitleid bis er alles andere vergessen und sich selbst bis ins Unerkenntliche eingeigelt hatte! So konnte es wirklich nicht weitergehen! Er war ja gar nicht mehr er selbst.

Und es war ihm auf einmal glasklar: Er musste dazu stehen. Er musste zu sich selbst stehen, wenn er er selbst sein wollte. Wenn er sein eigenes Leben wieder führen wollte.

So einfach war das.

---

Vorsichtig klopfte er an die Tür.

„Susanne?“

Er hörte gedämpfte Schritte, dann stand sie vor ihm. Ihre Augen weiteten sich um Haaresbreite als sie ihn sah.

„Michi!“

In einer kleinen Geste hielt er den Zettel, den sie ihm geschrieben hatte, in die Luft.

„Darf ich...?“

Jetzt wurden ihre Augen noch größer.

„Ja, klar, komm rein!“

Er trat ein – und wusste nicht, wohin mit sich. Er war noch nie so unsicher und befangen in ihrem Zimmer gewesen. Normalerweise pflanzte er sich immer brezelbreit auf ihren Schreibtischstuhl, ihr Bett, fläzte sich auf ihren Fußboden, ohne groß darüber nachzudenken. Jetzt stand er nicht mal einen Meter von der Tür entfernt und wusste nicht wohin mit sich. Seine Hände und Finger kreisten um das Stück Papier in seiner Hand, zupften und drehten, falteten und entfalteten.

Es gab wohl wirklich für alles ein erstes Mal.

„Setz dich doch.“ Ihre Stimme war warm. Sie deutete auf ihr Bett, ging selber hin – Michi folgte ihr.

Zuerst sagte keiner etwas. Sie musterte ihn ein wenig, schaute ihn an, wartete, dass er sprach, und ihr Blick war dabei so offen und geduldig, dass Michi auf der Stelle wieder hätte losweinen können.

Er schaute auf seine Hände, das Papier in ihnen, der Schoß, auf denen sie lagen.

In ihm wuchs eine Spannung heran, wurde mit jeder Sekunde größer und größer, doch er brachte keinen Ton heraus.

Er blickte starr auf seine Finger.

Und dann erschien vor seinem inneren Auge ein anderes Paar Hände – mit anderen Fingern. Lang und schmal, so vorsichtig und so liebevoll zu allem und jedem, was sie berührten, so sanft und gewissenhaft.

Alois.

Und dann sprang es aus ihm heraus.

„I-Ichglaubichbinschwul!“

Er hatte seine Augen zusammengekniffen, denn das war der Moment. Der Moment, der ihm solche Angst eingejagt hatte, wegen dem er so viel nicht getan hatte. Alles entschied sich hier. Er wollte sie nicht ansehen, wenn sie doch gerade sein Herz in ihren Händen hielt, wollte ihr nicht dabei zuschauen, wie sie die Entscheidung traf, es leben zu lassen oder nicht.

Doch wenn er es getan hätte, dann hätte er ihren Blick gesehen – verwirrt, aber genauso gutmütig wie zuvor. Und ein belustigtes Lächeln auf ihren Lippen.

Nach einem Augenblick hörte er sie: „Was?“

Ihr Lächeln hatte sich auch in ihre Stimme geschlichen.

Michi versuchte, still zu bleiben. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust und er hatte das Gefühl, wenn er einen falschen Atemzug tun würde, würde er zusammenbrechen.

Er sagte nichts.

Ein Moment verging.

„Michi, ich hab dich nicht verstanden. Kannst du’s mir noch mal sagen?“

Oh.

Er nahm einen tiefen Atemzug. Sein Blick immer weiter auf seinen Schoß gerichtet, starr fixiert. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Als er sprach klang seine Stimme klein und leise in den Raum hinein.

„Ich bin schwul.“

Einen Moment geschah nichts.

Hände, Papier, Schlafanzughose. Hände, Papier, Schlafanzughose. Hände, Papier, Schlaf-

„Okay.“

Sein Kopf schoss nach oben – ‚Okay‘?

Das war alles? Nach all den Ängsten und Sorgen, nach all den Qualen, die er in den letzten Jahren durchstanden hatte, war es geradezu lachhaft.

Mit gerunzelter Stirn schaute er sie an.

„Danke, dass du’s mir gesagt hast.“

Sie schien das alles ja sehr leicht zu nehmen. Er war hin- und hergerissen zwischen Empörung und Erleichterung.

Sie sah es ihm an, denn sie sagte: „Michi, ich danke dir wirklich, dass du das mit mir geteilt hast. Und ich verstehe, dass das für dich ‘ne große Sache ist – aber das ist doch alles okay. Es ändert doch kaum was, oder? Okay, du bist schwul – und? Du bist doch immer noch du.“

Und das schien einen Damm zu brechen – bevor er es wusste kullerten heiße Tränen seine Wangen herunter und ein Schluchzer bahnte sich seinen Weg hervor. Er schloss die Augen.

Warme Arme legten sich um seine Schultern, zogen ihn sanft in eine liebevolle Umarmung.

Und so saßen er wieder da, wieder auf einem Bett, weinte wieder seinen Schmerz hinaus, wie am vorherigen Abend. Nur war er jetzt nicht mehr allein.

---

Zwei Tage später schlich sich das fast komplett gleiche Gefühl wieder an. Er hatte Angst, sein Herz pochte und am Frühstückstisch bekam er keinen Bissen hinunter. Seine Finger waren klamm als er seine Schulbücher einpackte und die Haustür hinter sich ins Schloss fallen ließ.

Er hatte es ihnen gesagt. Angefangen mit Susanne, und mit ihrer Unterstützung hatte er seinen Mut zusammengenommen, und es dem Rest der Familie gesagt. Er hatte den Sprung gewagt, sich fallen gelassen – und war aufgefangen worden. Statt von Verzweiflung, Wut und Trauer gepackt zu werden, war er umarmt worden mit Akzeptanz, Respekt, vielleicht etwas Unsicherheit, aber vor allem – Liebe. Seine Familie hatte es akzeptiert, es angenommen. Hatte ihn ohne zu blinzeln angenommen.

Er schwebte wie auf Wolke Sieben. Das gesamte Wochenende war schiere Erleichterung von ihm geströmt wie ein reißender Fluss, hatte seine Welt in eine Welt voller Leichtigkeit und Freude verwandelt. Er hatte das Gefühl endlich wieder Luft zu bekommen. Er war frei, durfte wieder er sein, ohne Angst vor irgendwelchen Konsequenzen haben zu müssen, ohne sich verstecken und klein machen zu müssen.

Er war wieder er.

Es waren zwei der schönsten Tage seines Lebens gewesen.

Bis er dann am Montag aufgewacht war – und ihm siedend heiß Nessie und Hanny wieder in den Sinn gekommen waren.

Sie waren bestimmt noch wütender, jetzt wo er sich zwei Tage lang nicht gemeldet hatte, sich scheinbar nicht um sie und ihren Streit am Freitag gekümmert hatte. Wenn er sie gleich treffen würde, würden sie ihm bestimmt feindselige Blicke zuwerfen, die Gesichter in zornige Grimassen mit funkelnden Augen geschnitten, und sich dann von ihm wegdrehen – sich umdrehen und ihn für den Rest des Tages links liegen lassen, ignorieren.

Au backe.

Er musste sich unbedingt bei ihnen entschuldigen. Und es ihnen sagen.

‚Es‘. Wie das klang. Nein, er würde ihnen sagen, dass er schwul war. Dass er homosexuell war. Dass er auf Männer stand.

Die Leichtigkeit, mit denen diese Worte plötzlich durch seinen Kopf geisterten, brachte ein Lächeln auf seine Lippen. So mühelos war auf einmal das, was er noch vor drei Tagen mehr gefürchtet hatte als alles andere.

Wie einfach es war, wenn man sich erstmal getraut hatte!

Jetzt musste er das nur noch den richtigen Menschen sagen.

Die Ungeduld und Aufregung in ihm hatten ihn im Griff. Er flog förmlich aus dem Haus, mit einem flüchtigen ‚Bis später!‘ auf den Lippen und einer noch halb offenen Schultasche über der Schulter.

Während er lief versuchte er die Schnalle, die immer klemmte, in ihre Halterung zu drücken – mit wesentlich mehr Gewalt als dafür eigentlich vorgesehen war. Ohne zweiten Blick stürmte er durch das Gartentor, die Straße hinunter und um die Ecke und-

Er prallte hart gegen etwas.

Seine Tasche fiel zu Boden, ihr Inhalt ergoss sich über den gesamten Bürgersteig. Hefter, Bücher, Stifte verstreuten sich und überdeckten den grauen Stein mit bunten Farben.

„Ja, kruizifünferlnochmal! Mist, so eine Scheiße, Mist, Mist, Mist!“ Ohne aufzusehen kniete er sich hin und versuchte in Rekordzeit alles wieder aufzusammeln.

Ein Schatten fiel über ihn, dann gesellten sich plötzlich ein Paar Hände zu Seinen. Sie waren rund, gleichförmig – und die Narbe am linken Daumen erkannte er sofort.

Überrascht schoss sein Kopf nach oben.

„Nessie?“

Sie schaute konzentriert auf seine Sachen, legte ein Buch auf das Andere. Sie mied seinen Blick, das merkte selbst er. Doch es verbarg nicht ihre irritiert zusammengekniffenen dunklen Augenbrauen und die Röte in ihren Wangen.

„Du bist wirklich ein wahrer Gentleman, Michi, rennst hier rum und unschuldige Leute über den Haufen.“

„Oh, äh, entschuldige.“ Wie von selbst wurde auch sein Gesicht rot. Doch ablenken ließ er sich nicht. „Was machst du denn hier?“

Sie sammelte weiter seine Habseligkeiten ein.

„Ich hab auf dich gewartet, ist das nicht offensichtlich?“

„Warum?“ Er überging ihre Spitze.

Jetzt seufzte sie auf. Sie ließ sich nach hinten fallen, setzte sich auf die Hacken ihrer Füße.

„Ich wollte dich abpassen. Und mit dir reden. Du warst so...komisch am Freitag.“ Ihre Augen hatten sich bei ihren letzten Worten verengt. „Und Hanny hast du ordentlich wütend gemacht.“

Sofort fühlte er sich schlecht. „Ja, ich weiß. Und es tut mir wirklich, wirklich leid!“ Die Worte sprudelten auf einmal aus ihm heraus. „Ihr habt da einen wunden Punkt getroffen, quasi noch Salz in die Wunde gestreut, und es war einfach zu viel. Weißt du, der letzte Tropfen im Fass – tut mir echt leid, dass ich so explodiert bin! Das war doof, und unfair und ich hätte es nicht tun sollen. Ihr habt alles Recht, wütend zu sein, es tut mir wirklich leid.“

Einen Moment sagte Nessie nichts. Sie sammelte seine restlichen Sachen auf und reichte sie ihm. Er verstaute sie in seiner Tasche, diesmal sorgfältiger, und schloss beide Schnallen.

Sie richteten sich wieder auf.

„Ich kann es verstehen. Warum du so ausgerastet bist.“ Jetzt senkte sich ihr Blick. „Wenn ich ehrlich bin, hab ich es ein wenig absichtlich gemacht – also es so weit getrieben. Ich wollte wissen, was passiert, wenn du deine Grenzen erreichst.“ Sie schnitt eine kleine Grimasse. „Du bist ja immer so geduldig und alles... Aber das war auch blöd und tut mir auch leid. Ich weiß gar nicht so recht warum mich das so gereizt hat.“

Michi wusste nicht genau, wie er darauf reagieren sollte. „Äh, hm... Nimmst du denn meine Entschuldigung an?“

„Hmmm...“ Sie legte einen Finger an ihr Kinn, tat so als würde sie überlegen – und gleichzeitig breitete sich ein Grinsen auf ihren Lippen aus. „ Aber nur, wenn du meine annimmst.“

Ein erleichtertes Lachen brach aus ihm hervor.

„Okay, wir haben einen Deal.“

Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug herzhaft ein. Das Klatschen ihrer Handflächen schallte die ganze Straße hinunter.

„Mei, da bin ich jetzt aber wirklich froh!“ Er unterstrich seine Erleichterung mit einem tiefen Seufzer. Sie lächelte zurück, jedoch wieder etwas verhaltener – etwas schien sie noch zu bedrücken.

Sie setzten sich langsam in Bewegung. Nach ein paar Metern erhob sie schließlich noch einmal ihre Stimme.

„Du, Michi?“

Er machte ein unbestimmtes Geräusch.

„Ähm... Wie ist das denn jetzt eigentlich? Also, damit, worum es am Freitag ging...“

Michis Erleichterung wurde wieder etwas gedämpft – die Angst, dieser ungebetene und doch beständiger Begleiter der letzten Monate, stieg wieder in ihm hoch.

Er räusperte sich.

„Wo ist denn Hanny? Ich wollte da eigentlich sowieso mit euch beiden drüber sprechen.“

Ihre Augen weiteten sich ein wenig.

„Die ist schon in der Schule, wir wollten uns heute erst da treffen, ich hatte ja noch was vor...“ Sie wedelte mit der Hand in einer eher unbestimmbaren Geste in der Luft.

„Oh, okay.“ Michi wusste nicht so recht, wie er nun weitermachen sollte. Sollte er es ihr jetzt sagen? Oder sich lieber an seinen Plan halten, es ihnen gemeinsam sagen? Dann würde er jedoch immer noch warten müssen. Und jetzt, wo sie sowieso schon beim Thema waren...

Er nahm einen tiefen Atemzug.

„Nessie?“

„Ja?“

„Ich bin schwul.“

Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihren roten Lippen aus, die Augen sanft – und eher er es sich versah hatten sich zwei dunkle Arme um seine Schultern geschlungen.

Noch bevor er reagieren konnte war sie schon wieder weg.

Doch ihr Lächeln blieb für einen weiteren kleinen Moment – bis plötzlich ein Funkeln in ihre Augen trat und ihr breites Grinsen weiße Zähne zum Vorschein brachte.

„Und? Weiß Alois schon Bescheid?“

Ein überraschtes Lachen entkam seiner Kehle – die Erleichterung, die sich in ihm bei ihren Worten ausbreitete, übertrumpfte dabei jegliche Irritation über ihren Kommentar. Er rollte nur mit den Augen, spiegelte ihr Grinsen wider und ging weiter. Sie fiel neben ihm mühelos in Gleichschritt.

„Na komm, ich sehe das doch! Die Zuckerstangen sind dieses Jahr schließlich nicht das Einzige bei Jagel’s, das zum Anbeißen ist!“

„Oh mein Gott, Nessie!“

Ihr heiteres Lachen klang die Straße hinunter. Sie hakte sich bei ihm ein und zusammen gingen sie durch das morgendliche Dorf. Vorbei an Stockrosen und Obstbäumen, gerahmt von kleinen Gartenzäunen aus Holz, der blaue Himmel über ihnen. Kleine Wolken tanzten darauf herum, wie die Lämmer auf den Weiden um Icking im Frühling, und sie trugen Michis Sorgen und Gedanken Wolke für Wolke, Windstoß für Windstoß davon, lösten sich von ihm und zerstreuten sich in alle Richtungen. Zurück blieben ein erleichtertes Lächeln und ein Herz voller Zuversicht.

Alles wird einfacher. Irgednwann, irgendwann, wurde alles einfacher.
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