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Picking Up The Pieces

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Andrew Minyard Neil Josten
25.04.2021
25.04.2021
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5.934
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Hallo ihr Lieben!

Mich hat es mal wieder überkommen. Die Idee für eine weitere, kleine Andreil-Story, die ich einfach so schnell wie möglich niederschreiben musste. Vorweg möchte ich eine kleine Triggerwarnungfür canontypische Themen aussprechen, die besonders Andrews Vergangenheit betreffen. Es ist nichts explizites, aber schwingt dennoch im Hintergrund mit. Die genauen Themen findet ihr unten. (Danke an
AlexClaain für die Idee, die Liste unten aufzuführen!)

Das hier ist ne Menge Hurt, aber auch ebenso viel Comfort. Ich hoffe, es gefällt euch! :)


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Picking Up The Pieces

Es begann immer mit einer Frage.

»Ja oder nein?«

Auf den ersten Blick erschien sie simpel, geradezu banal, aber es steckte so viel mehr dahinter, wenn man es vermochte zwischen den Zeilen zu lesen.

Alles. Diese Frage bedeutete alles.

Neil zögerte nicht mit seiner Antwort. Das tat er nie.

»Ja«, hauchte er mit einem verräterischen Zittern in der Stimme. Jeder Zentimeter seines Körpers bebte in vorfreudiger Erwartung. Sein Kopf schwirrte angenehm, aber dunkelbraune Augen waren der Anker, der ihn im Hier und Jetzt hielt.

Andrews Blick war intensiv und einnehmend, wie die Geheimnisse die auf seiner Seele lasteten. Seine Augen suchten eindeutig nach einer Lüge, aber Neil hatte schon lange keinen Grund mehr dafür. Ganz besonders nicht, wenn es darum  ging. Das hatte und würde er nie. Es wäre wohl eines der grausamsten Dinge, die man Andrew antun konnte.


Sie waren in einem billigen Hotelzimmer, irgendwo in Lexington. Das Bett war alt und knarzte unter jeder noch so kleinen Bewegung oder nur dem Gedanken daran. Auch der Geruch im Zimmer war muffig und lag irgendwo zwischen Lavendel und Mottenkugeln. Die bräunliche Tapete war im vergangenen Jahrhundert vermutlich einmal weiß gewesen und schälte sich in den Ecken von den Wänden ab.

Es war der Inbegriff einer Absteige, aber sie hätten sich auch im teuersten Hotel der Welt befinden können und es hätte keinen Unterschied gemacht. Es ging nicht um das wo. Es ging um sie. Nichts anderes.

Nichts…

Dieses Wort hinterließ immer die Idee eines nostalgischen Lächelns auf Neils Lippen.


Spontane Roadtrips wie dieser waren zu einer Art Gewohnheit geworden. Neil genoss jede Sekunde ihrer kurzen Reisen. Die vertraute Stille. Die Zigarettenpausen. Die Küsse hier und da. Das Sonnenlicht auf seiner Nasenspitze, wenn er den Kopf aus dem Fenster lehnte und den Wind in den Haaren spürte. Die alten Rocksongs im Radio. Andrew warf ihm zwar immer wieder einen finsteren Blick zu, wenn er es wagte, Musik anzumachen, aber ließ sie am Ende doch immer laufen.

Es fühlte sich nach Freiheit an, statt der einsperrenden Angst, die ihn früher wie ein Schatten begleitet hatte. Er rannte nicht mehr davon, sondern auf all das zu, was ihre Reisen bereithielten.

Es war aufregend. Es war heilsam. Es war eine Art von Glück, an die er nie gewagt hatte zu glauben.

Doch jetzt gehört es ihm. Gehört ihnen.


Mit einer geschmeidigen Handbewegung zog Andrew ihm das Shirt über den Kopf. Neil versuchte die Sache zu erleichtern, indem er leicht den Oberkörper anhob und die Arme ausstreckte. Seine Armstulpen lagen bereits irgendwo vergessen auf den Laken. Vor Andrew brauchte er sie ohnehin nicht.

Seinen Oberkörper frei zu zeigen, entstellt von den hässlichen Erinnerungen an seine blutgetränkte Vergangenheit, war so einfach wiedas Atmen selbst, wenn es vor Andrew war.
Er zögerte nicht. Dachte nicht einmal mehr darüber nach. Es gab nichts, was er verstecken musste. Andrew kannte jeden Zentimeter der brutalen Narben, die seine Haut in einen verstörenden Flickenteppich verwandelten, doch davor war Andrew nie zurückgeschreckt. Nicht einmal für die Ahnung einer Sekunde.  

Er hatte Neil so angenommen, wie er war, mit all seinen Mängeln und Fehlern und Rissen und Neil wollte das gleiche für Andrew tun. Allerdings gab es einen gravierenden Unterschied zwischen ihnen: Während Andrew ihm niemals vollständig glauben konnte, blieb Neil gar keine andere Wahl. Man konnte niemanden anzweifeln, der einzig für seine Versprechen lebte. Und vielleicht konnte man jemanden, der sein Leben lang verraten worden war, nicht so einfach davon überzeugen anders zu sein. Doch Neil meinte es ernst und er würde niemals aufgeben zu versuchen ihm das zu beweisen.

Das hier war real. Sie  waren real. Und eines Tages, da würde auch Andrew das glauben können.


Neil rührte sich nicht. Lag still da, die Hände über dem Kopf auf der Decke ausgebreitet, damit Andrew sie jederzeit sehen konnte. Kurzzeitig schien die Zeit anzuhalten. Sie sahen sich an, ohne, dass einer von ihnen etwas sagte.

Neil beobachtete ihn ganz genau. Andrews Gesichtsausdruck gab wie üblich nicht viel preis, aber in seinen ausdruckslosen Augen lag etwas Kühles, Distanziertes. Dann, ganz plötzlich, als ob sich ein innerer Schalter umlegte, stürzte Andrew sich auf seine Lippen. Stahl ihm Atem und Sinne gleichermaßen. Der Kuss war ungestüm, fast schon verzweifelt.

Er spürte, wie kühle Finger sich um seine Hände schlossen und sie unnachgiebig in die Matratze drückten. Fester, fester, immer fester.

Er verstand den Wink. Verstand, warum Andrew diese Form der Kontrolle gerade so dringend brauchte und ließ seine Hände wohlweislich wo sie waren, als Andrew schließlich von ihnen abließ.

Bedächtig fuhr er über die feinen Linien und Kreise auf Neils Armen. Erinnerungen an den Kuss einer scharfen Klinge und das zerstörerische Feuer eines Zigarettenanzünders, auf ewig in seine Haut eingraviert. Die Berührung war sanft – auch, wenn Andrew das geleugnet hätte –, aber gleichsam von Leidenschaft erfüllt.

Abrupt löste er sich von Neils Lippen, um sich stattdessen seinem Hals zuzuwenden. Bedachte ihn mit verlangenden Küssen, bis hinunter zu seinem Schlüsselbein. Unnachgiebige Hände folgten dem Weg nach unten und erkundeten jeden Zentimeter seiner Haut.

Neils Welt begann und endete unter Andrews Berührungen. Das Gefühl von seinen Fingerspitzen auf seiner Haut; seinen Lippen auf seinem Brustkorb; die feuchte Zungenspitze, die ohne Vorwarnung damit anfing, seine Brustwarze zu umkreisen, mit trägen, geradezu neckenden Bewegungen.

Ein leises Keuchen entwich Neils Lippen. Er ballte seine Hände unwillkürlich zu Fäusten, nur, um sie sogleich wieder zu entspannen. Dabei bewegte er sie keinen Millimeter vom Fleck. Ließ sie genau da ruhen, wo sie waren.

Andrews Hände erreichten den Bund seiner Hose und er stoppte sofort ab, als ob sie eine unsichtbare Barriere darstellte. Ruckartig hob er den Kopf, um zu ihm aufzublicken.

Neil nickte, bevor Andrew die Frage überhaupt stellen konnte. Flüsterte ein kaum hörbares, aber deutliches »Ja«, in die Luft.

Andrew betrachtete ihn weiterhin eingehend. Ließ den Augenkontakt nicht einen Wimpernschlag lang abbrechen, als er begann, den Knopf seiner Hose zu öffnen. Der Reißverschluss folgte keine Sekunde später. Das Geräusch jagte ihm einen kurzen Schauer über den Rücken. Ungefragt entwich Neil ein abgehakter Atemzug, als sich die unangenehme Enge um seine Erektion endlich ein wenig löste.

Finger schoben sich unter den Bund seiner Shorts. Da war eine weitere Pause. Ein weiterer intensiver Blick. Eine weitere stumme Frage. Erneut nickte Neil ohne zu Zögern, angetrieben von dem Verlangen nach mehr. Mehr Küsse, mehr Berührungen, mehr von allem, was Andrew bereit war, ihm zu geben.

Sie waren immer noch dabei herauszufinden, wie das Ganze funktionieren konnte. Intimität war für keinen von ihnen eine einfache Angelegenheit, doch was für Neil lediglich etwas Ungewohntes war, das ihn überforderte oder schlimmstenfalls mit einem kleinen, unangenehmen Stechen in der Brust zurückließ, nahm bei Andrew gänzlich andere Dimensionen an.
Für ihn war es ein von Grund auf bedrohliches Konzept, das ihn verletzlich machte und vollkommen hilflos zurückließ, wenn es alte Wunden aufriss und Erinnerungen hervorholte, die zu grausam waren, um sich daran zu erinnern.

Jede falsche Bewegung, jeder falsche Blick oder Atemzug streute nur mehr Salz in die knochentiefen Wunden auf seiner Seele, aber Andrew war entschlossen, dagegen anzukämpfen. Entschlossen, kein Gefangener seiner Vergangenheit zu sein und sich den vielen Dämonen zu stellen, mit denen er im Laufe seines bisherigen Lebens konfrontiert worden war.
Und Neil wollte ihm dabei helfen, mit allem, was er hatte. Er würde niemals irgendetwas von Andrew verlangen, aber dankbar alles annehmen, was er ihm anvertraute.

Es war nicht leicht. Manchmal zeichnete sich Andrews innerer Kampf so deutlich auf seinem Gesicht ab, dass es geradezu grausam erschien, ihn nicht sofort dazu zu bringen aufzuhören. Doch Neil wusste, dass er das weder konnte, noch sollte. Es war Andrew Art um zu heilen oder es zumindest zu versuchen und Neil war wahrlich nicht in der Position, um darüber zu urteilen. Niemand war das. Weil niemand die Dunkelheit gesehen hatte, die Andrew erlebt hatte.


Die Luft fühlte sich kühl auf seiner Haut an, die Andrew Stück für Stück weiter freilegte. Er beobachtete Neil dabei wie ein Habicht, dem keine einzige Regung entging. Setzte sich rittlings auf seine Oberschenkel, nachdem er ihm auch das letzte Stück Stoff ausgezogen hatte.

Eine feine Gänsehaut breitete sich auf Neils Körper aus, begleitet von einem aufgeregten Kribbeln, das ihm bis in die Haarspitzen schoss.

Vollkommen entblößt und schutzlos vor jemandem zu liegen sollte eigentlich Panik in ihm auslösen, aber bei Andrew fühlte er sich sicher. Er wusste, dass er niemals etwas tun würde, was ihm schadete. Niemals etwas tun würde, was Neil nicht wollte. Andrew würde ihn nicht küssen oder berühren oder überhaupt ansehen, wenn er ›nein‹ sagte.

Aber das hier war kein ›nein‹. Es war ein ja, immer ein ja und mit Andrews vertrautem Gewicht auf seinen Beinen und diesem eindringlichen Blick, der ihn praktisch auf dem Bett festnagelte und innerlich erzittern ließ, kam ihm die Ermutigung zum Weitermachen fast wie von selbst über die Lippen.

»Berühr mich«, sagte, flüsterte, flehte Neil und schluckte das ›Bitte‹ herunter, bevor es alles zerstören konnte, was sich gerade zwischen ihnen aufgebaut hatte.

Andrews Stirn legte sich in leichte Falten. Ein wachsamer Ausdruck zuckte über sein Gesicht. Ihre Augen blieben aneinanderhängen. Neils Atem war schwer und ungleichmäßig, aber er spürte, wie seine Mundwinkel sich zu einem kleinen Lächeln verzogen. Es war voller Wärme und Zuneigung. Sagte Dinge wie ›Ich liebe dich. Ich vertraue dir. Ich fühle mich sicher bei dir.‹

Andrews Miene verdüsterte sich, aber er legte seine Hände vorsichtig auf Neils Hüften ab. Spreizte ganz langsam seine Finger und die federleichte Berührung sandte einen unwillkürlichen Schauer über Neils Rücken.

Er schloss die Augen. Konzentrierte sich auf das Gefühl von Andrews Fingerspitzen auf seinem Bauch, seinen Seiten, seiner Brust. Auf das sanfte Kribbeln, das sie auf seiner Haut hinterließen.

Ein leises Stöhnen entwich seinen Lippen, während sein Kopf immer stärker zu schwirren begann. Es war süßeste Folter und Neil konnte nicht genug davon bekommen.

Andrew veränderte seine Position ein wenig und beugte sich nach unten, um ihn mit einem harschen Kuss zum Schweigen zu bringen. Seine Handflächen pressten sich dabei flach gegen Neils Brustkorb. Brachten so viel Abstand zwischen sie, wie Andrew es brauchte. Der Rest seines Körpers berührte ihn praktisch nicht und er streifte nur flüchtig über Neils empfindliche Erektion.

Neil keuchte in seinen Mund. Seine Hände verkrampften sich erneut, aber da war nichts als Luft, woran er sich festhalten konnte. Der Drang, stattdessen Andrew unter ihnen zu spüren, wurde schier übermächtig und sobald seine Lippen für eine Sekunde freigegeben wurde, fragte er mit rauer Stimme: »Ist Haare anfassen okay?«

Andrew murmelte ein ›ja‹ und haschte mit den Zähnen nach Neils Unterlippe, bevor er ihn in einen weiteren leidenschaftlichen Kuss verwickelte.

Neils ließ sich nicht lange bitten. Ohne zu zögern vergrub er seine Finger in den weichen, blonden Strähnen, dankbar, endlich etwas zu haben, woran er sich festhalten konnte.
Ihre Zungen umkreisten sich, gierig, wild, ungestüm. Als ob ihn das nicht schon genug aus dem Konzept brachte, ließ Andrew sich plötzlich ohne Vorwarnung mit seinem vollen Gewicht auf ihm niedersinken. Neils Griff verstärkte sich unwillkürlich und er spürte den Wunsch nach mehr in sich aufkeimen. Mehr von Andrew.

»Hüfte?«, fragte er atemlos und versuchte genug Luft in seine Lungen zu bekommen, um einen vollständigen Satz zu formen. »Ist Hüfte anfassen okay?«

Andrew hielt inne. Sein heißer Atem streifte Neils rotgeküsste Lippen. Eine kleine, dunkle Furche wurde zwischen seinen Augenbrauen sichtbar und etwas in Neil zog sich schmerzhaft zusammen. Trotzdem wusste er ganz genau, dass Andrew wollte, dass er sich nicht zurückhielt mit seinen Fragen. Wenn er etwas wollte, sollte er es sagen. Immer.
Schweigen würde Andrews Ärger nur unnötig verstärken. Würde dafür sorgen, dass er dachte, dass Neil ihn für schwach hielt, obwohl Andrew in seinen Augen eine der stärksten Personen war, die er kannte. Doch das war eine Wahrheit, die er niemals glauben würde.

Nach einer Zeitspanne, die sich wie eine scherzhafte Ewigkeit anfühlte, bekam er schließlich ein weiteres ›ja‹ und Neil wagte es nicht, auch nur eine Sekunde zu zögern. Sogleich hob er seinen Arm, so, dass Andrew die Bewegung ganz genau verfolgen konnte und legte seine Hand schließlich auf seiner Hüfte ab. Ganz leicht drückte er zu und hoffte, dass es einen beruhigenden statt bedrohlichen Effekt hatte.
Andrew sagte nichts dazu. Stattdessen drückte er ihre Münder erneut aufeinander, um ihm auch noch die letzten Reste seines Verstandes zu rauben.

Sie küssten sich, als ob ihr Leben davon abhing. Als ob sie es, als ob sie sich  wie die Luft zum Atmen brauchten. Neils Griff verstärkte sich noch ein wenig und als Andrew sich abrupt von ihm löste, um sich aufzusetzen, hatte er kurz die Befürchtung, womöglich eine Grenze überschritten zu haben.

Bevor er die Frage, die ihm schon auf der Zungenspitze lag, jedoch aussprechen konnte, kam bereits eine harsche Aufforderung. »Dreh deinen Kopf zu Seite. Und schau weg.«

Neil schluckte und versuchte zu verstehen, was das zu bedeuten hatte, aber seine Gedanken waren langsam und zäh wie Honig. Dennoch entging ihm nicht, wie Andrew seine Hände zu zitternden Fäusten um den Saum seines T-Shirts geballt hatte.

Zittern.  Seine Hände zitterten und in diesem Moment verstand Neil, was er vorhatte.

Es war nicht das erste Mal, dass er das machte, aber Neil wusste, dass es immer wieder bewusster Anstrengung bedurfte, diesen Schritt zu gehen. Sich vor jemandem in einer intimen Situation wie dieser auszuziehen, bedeutete mehr Verletzlichkeit und weniger Kontrolle. Bedeutete, mehr zu entblößen, mehr direkte Berührungen, mehr Gefahr.

Wortlos drehte Neil seinen Kopf wie befohlen zur Seite und sagte nichts zu dem offensichtlichen Zittern in Andrews Händen. Er wollte das hier nicht noch schwerer als ohnehin schon für ihn machen oder den Moment zerstören. Also musste er einfach darauf vertrauen, dass Andrew nicht zu viel von sich selbst verlangte.

Andrews T-Shirt landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Bett, am Rande seines Sichtfeldes. Neil wartete darauf, dass er sich wieder über ihn beugte oder dazu aufforderte, ihn wieder anzusehen, aber nichts passierte.
Fast machte er den Fehler, seinen Kopf ein wenig zu drehen, aber dann war da plötzlich ein Geräusch, das ihn sogleich erstarren ließ. Das Rascheln von Stoff war zu hören. Ein Reißverschluss, der langsam geöffnet wurde. Doch das, was klirrendkaltes Eis durch seine Venen hindurch sandte, waren Andrews abgehackte Atemzüge.

Es war ein verstörender Klang. Erinnerte an ein eingesperrtes Tier, das kopflos im Kreis herumrannte und verzweifelt versuchte, seinem Jäger zu entkommen.

Eine kalte Faust schloss sich um sein Herz. Neil wollte sich aufrichten, das hier abbrechen, Andrew aufhalten, ihm sagen, dass es okay war, dass er das nicht tun musste, doch er zwang sich dazu, still liegen zu blieben.

»Andrew«, begann er stattdessen, in einem leisen Versuch, ihn zu beruhigen, doch es war zu spät. Das vertraute Gewicht auf seinem Körper war bereits verschwunden. Das T-Shirt wurde eilig vom Bett geklaubt und peitschte zischend durch die Luft.
Andrew verschwand so schnell wie er konnte, jeder Schritt schwer von kalter Wut. Kurz darauf wurde eine Tür zugeschlagen. Die Wucht ließ Neil heftig zusammenzucken.

Fahrig schnellte er hoch und blinzelte verwirrt in den nur spärlich beleuchteten Raum hinein. Er war vollkommen durch den Wind, die Gedanken immer noch benebelt von aufkommender Erregung. Sein Herz überschlug sich förmlich, im Gleichklang mit seiner beschleunigten Atmung. Sein Glied war so hart, dass es schmerzte, aber gerade kümmerte ihn das herzlich wenig.


Neil suchte eilig seine Sachen zusammen und schlüpfte direkt in seine Boxershorts und Hose hinein. Das T-Shirt zog er sich im Gehen über den Kopf.

Andrew konnte nicht allzu weit weg sein und es gab nur drei mögliche Optionen: Das Badezimmer, die Zimmertür oder der Balkon.

Bevor er jedoch darüber nachdenken konnte, wo er zuerst suchen sollte, erfüllte das kreischende Geräusch von etwas, das in tausend Teile zersprang, die Luft. Damit hatte er seine Antwort.

Neil hastete zur Badezimmertür und kündigte sich mit einem kurzen Klopfen an. »Andrew?«, begann er und schluckte den bitteren Geschmack in seinem Mund herunter.

Er bekam keine Antwort.

Probeweise drückte er die Klinke herunter, aber war nicht überrascht festzustellen, dass die Tür verschlossen war.

»Andrew«, versuchte er es ein weiteres Mal. »Mach die Tür auf.«

Erneut bekam er nichts als ohrenbetäubend laute Stille.

Neil nahm einen tiefen Atemzug. »Andrew.« Aller guten Dinge waren drei, nicht wahr? »Lass mich rein.«

Natürlich tat er nichts dergleichen. Es gab auch keine Antwort.

Neil presste seine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Er wollte Andrews Privatsphäre respektieren, aber der Drang, nach ihm zu sehen, war unerträglich. So konnte er ihn unmöglich alleine lassen, ganz egal, wie überzeugt Andrew auch davon war, gerade nichts anderes zu verdienen. Es war nicht richtig.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mir wehtun werde, wenn ich versuche, mit Gewalt reinzukommen«, dachte Neil laut und unterzog die Tür einer genaueren Musterung.

Es fühlte sich falsch an in so einer Situation an Andrews Beschützerinstinkt zu appellieren und natürlich war er in jedem Fall bereit, diese verdammte Tür einzutreten, wenn es sein musste, aber er würde es dennoch bevorzugen, wenn Andrew von sich aus herauskam.

Ein paar Sekunden vergingen ohne, dass etwas passierte.

Neil fluchte leise und bereitete sich innerlich schon auf den Aufprall vor. Er war nicht sicher, ob es effektiver wäre, sich mit der Schulter dagegenzustemmen oder es mit einem gezielten Tritt zu versuchen, aber bevor er eine Entscheidung treffen konnte, wurde die Tür abrupt geöffnet.

Überrascht blinzelte er Andrew entgegen und starrte ihn mit großen Augen an. Im ersten Moment war er zu überrumpelt, um etwas zu sagen, aber ein Blick auf Andrew reichte aus, um für ein hässliches Stechen in seiner Magengegend zu sorgen.

Sein Blick war leer. Teilnahmslos. Tot. Sein Mund eine harte, unnachgiebige Linie. Er schaute Neil nicht an, sondern vielmehr durch ihn hindurch. Als er wortlos an ihm vorbeirauschte, rempelte er ihn mit voller Absicht zur Seite.

Neil taumelte zurück, die Augen fest auf die Scherben gerichtet, die wild auf dem Badezimmerboden verstreut lagen. Es waren die Überbleibsel eines Spiegels, der voller Wut und Verzweiflung zertrümmert worden war. Ein Akt, der nach Selbsthass schrie.

Die kalte Faust, die sein Herz immer noch umklammert hielt, drückte mit voller Brutalität zu. Raubte ihm die Luft zum Atmen. Sandte eine Welle von Schmerz durch ihn hindurch, der weder greifbar, noch sichtbar war, aber unerträglich erschien.

Neil musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen. Auch, wenn er wusste, dass er das nicht konnte. Niemand konnte das. Aber er musste es trotzdem versuchen. Jemand musste es für Andrew versuchen. Und er wollte diese Person sein.

Er drehte sich um und sah gerade noch, wie Andrews Rücken durch die Balkontür verschwand. Statt dem Drang nachzugehen, ihm auf dem Fuße zu folgen, hielt er noch einen Moment lang inne. Zählte auf Englisch, Deutsch und Französisch bis zehn, um sich selbst runterzubringen und Andrew ein wenig Abstand zu geben. Dann folgte er ihm nach draußen.


Die Abendluft war warm und schwer vom Staub der Stadt. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen und tauchte den Himmel in warmes Orange und helles Weiß. Die Farben der Foxes.

Andrew lehnte am Geländer, eine Hand in seiner Hosentasche vergraben, vermutlich auf der Suche nach seinen Zigaretten. Die andere war zu einer wütenden Faust geschlossen, die achtlos an seiner Seite baumelte.

»Verschwinde«, sagte Andrew ungerührt und gab ihm nicht einmal einen müden Seitenblick. Seine Stimme war ebenso ausdruckslos wie seine Miene, aber die tosende Wut, die darunter verborgen lag, war für Neil so sichtbar wie rote Tinte auf weißem Papier. Andrew konnte ihm nichts vormachen und im Gegensatz zu vielen anderen ließ Neil sich davon nicht einschüchtern.

»Du weißt, dass ich das nicht tun werde«, antwortete Neil ruhig und nahm seine Faust genauer in Augenschein, als er näherkam.

Er entdeckte dunkle Linien, die sich wie Spinnweben über Andrews Handrücken und die Finger erstreckten. Blut,  realisierte er.
Jetzt bemerkte Neil auch die kleinen Glassplitter, die wie abgebrochene Zähne aus seiner Haut herausragten. Andrew wirkte so, als ob ihm nichts egaler sein konnte.

Neil ignorierte das Stechen in seiner Brust und stellte stattdessen heraus: »Du blutest.«

Vorsichtig streckte er eine Hand nach ihm aus, was ihm einen gelangweilten Blick seitens Andrew einbrachte, doch er drehte seinen Kopf fast sofort wieder weg.
Als er Andrews Faust schließlich in seine Hände nahm, ballte er sie kurz fester zusammen, aber es kam kein ›Nein‹ über seine Lippen.

Neil besah sich den Schaden unterdessen genauer. Seine Knöchel waren aufgeschürft und blau. Feine Schnitte bedeckten seinen Handrücken und die Finger. Drei kleine Glassplitter steckten in seiner Haut, aber es wirkte nicht tief. Allerdings blutete er immer noch recht stark und Neil bemerkte erst jetzt, dass Andrews Faust sich fest um eine weitere Glasscherbe schloss. Sie war wesentlich größer als die anderen und er drückte sie mit voller Absicht in sein Fleisch hinein.

Ein widerliches Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.

»Andrew«, sagte Neil leise, aber mit Bestimmtheit. »Lass los.«

»Sag mir nicht, was ich tun soll.« Andrew zog seine Faust zurück und warf ihm einen warnenden Blick zu.

Neil presste seine Lippen fest aufeinander. Das hier gefiel ihm ganz und gar nicht und da war ein Teil in ihm, der Andrews Faust auf sofortigem Wege auseinanderdrücken und die verdammte Scherbe aus seiner Haut ziehen wollte, aber er wusste, dass er das nicht tun konnte. Andrew musste von sich aus loslassen.

»Ich hole einen Erste-Hilfe-Kasten«, verkündete Neil schließlich. Er wollte nicht gehen. Wollte ihn nicht alleine lassen. Schon gar nicht so. Aber vielleicht brauchte Andrew gerade ein paar Minuten für sich.


Neil machte sich eilig auf den Weg ins Badezimmer. Der Spiegel lag immer noch zerbrochen am Boden. Sein eigenes Gesicht spiegelte sich in den Scherben. Ergab ein verstörendes, kaputtes Bild. Doch so war Neil nicht mehr.

In dem kleinen Schrank unter dem Waschbecken fand er schließlich eine kompakte Tasche, die mit einem dicken Sanitätskreuz markiert war. Zusätzlich schnappte er sich noch eines der steifen Hotelhandtücher und tauchte es in kaltes Wasser.

Als er auf den Balkon zurückkehrte, begrüßte ihn der wohlbekannte Geruch von Rauch. Eine fadendünne Spur stieg von Andrews Zigarette in den Himmel empor. Seine blutige Hand ruhte nun auf dem Geländer. Das Rot gab einen starken Kontrast zum Weiß des Untergrunds.

»Gib mir deine Hand«, bat Neil und streckte ihm seine offene Handfläche entgegen. »Oder willst du dich selbst darum kümmern?« Um seine Worte zu untermauern, hob er das Erste-Hilfe-Set in die Höhe.

»Ich will, dass du verschwindest«, blockte Andrew sofort ab, aber Neil erkannte eine Lüge, wenn er sie hörte.

»Nicht, bevor deine Hand behandelt ist. Außerdem sollten wir darüber reden.«

»Ich habe dir nichts zu sagen.«

»Deine Hand«, beharrte Neil und hob seine Handfläche direkt in Andrews Sichtfeld, um zu zeigen, dass er nicht lockerlassen würde.

Andrew packte sein Handgelenk mit blutigen Fingern und drückte es mit mehr Kraft als nötig nach unten, während er ihn wortlos in Grund und Boden starrte. Neil zuckte nicht zurück und erwiderte unbeugsam seinen Blick.

Innerlich war er erleichtert zu sehen, dass Andrew in der Zwischenzeit von der Scherbe abgelassen hatte. Auch die anderen Glasstückchen steckten nicht mehr in seinem Handrücken. Das war ein Anfang. Ein Zeichen dafür, dass Neil vielleicht doch zu ihm durchgedrungen war. Zumindest wollte er glauben, dass es so war.

Vorsichtig begann er mit dem feuchten Handtuch das Blut von Andrews Handrücken zu tupfen. Als er versuchte, seine Hand aus Andrews gnadenloser Umklammerung zurückziehen, ließ er es nach wenigen Sekunden geschehen. Gleichzeitig drehte er seinen Kopf sofort wieder weg von ihm, wie um zu verdeutlichen, dass Neil seine Aufmerksamkeit nicht mehr wert war.  

Dennoch ließ Andrew widerstandslos zu, dass er sich um seine Wunden kümmerte. Neil wusste, wie viel das bedeutete. Als jemand, der selbst die längste Zeit seines Lebens niemals in die Freundlichkeit anderer Menschen vertraut hatte, wusste er, wie schwer es war jemanden auf diese Weise an sich heranzulassen. Anzunehmen, dass jemand sich um einen kümmerte. Ganz besonders, wenn man sich gerade nicht so fühlte, als ob man irgendeine Form von Zuneigung verdient hatte... und Neil musste keine Gedanken lesen können, um zu wissen, dass es so war.

Vielleicht konnte Andrew es deswegen akzeptieren. Weil er wusste, dass Neil diese Dinge verstand. Oder vielleicht wollte Andrew ihm einfach nicht das volle Ausmaß seines Selbsthasses zeigen. Vielleicht wollte er ihn davor beschützen. So, wie er immer alle anderen beschützte, mit Ausnahme von sich selbst.


Neil arbeitete still und konzentriert. Nachdem er das Blut weggewischt hatte, säuberte er die Schnitte mit Desinfektionsmittel. Es musste höllisch brennen, aber Andrew zuckte nicht einmal mit der Wimper.

Der Schnitt in seiner Handfläche war nicht so tief, wie Neil befürchtet hatte. Nach kurzer Begutachtung klebte er ein Pflaster darüber und schützte die Wunde zusätzlich mit einem kleinen Verband. Das war alles, was er gerade tun konnte und er hoffte einfach, dass es nicht genäht werden musste, denn er war sich sicher, dass Andrew gerade niemand anderen an sich heranlassen würde.

Zum Abschluss strich er behutsam über einen unverletzten Teil von Andrews Handrücken, bevor er seine Hand schließlich wieder freigab.

Andrew sagte rein gar nichts dazu. Zeigte nicht einmal den Hauch einer Reaktion.

Unterdessen ließ Neil das blutbesudelte Handtuch zu Boden gleiten, direkt neben das Erste-Hilfe-Set. Dann lehnte auch er sich über das Geländer und blickte auf die gegenüberliegende Häuserfassade. Obwohl Andrew nur wenige Zentimeter neben ihm stand, fühlte es sich gerade so an, als ob sie Welten voneinander entfernt waren.

Normalerweise hatte die Stille zwischen ihnen etwas Beruhigendes an sich. Es war ein sicherer Ort, ohne irgendwelche Erwartungen oder Forderungen. Doch gerade wirkte sie wie eine Gefahrenzone, gespickt mit unsichtbaren Landminen und Neil hatte keine Ahnung, wo er zuerst hintreten sollte. Vielleicht wartete Andrew nur darauf, dass er eine ungewollte Detonation auslöste. Vielleicht führte kein Weg daran vorbei.

Zu seiner großen Überraschung war es jedoch Andrew, der die Stille schließlich als Erster durchbrach.

»Ich habe genug von diesem Schwachsinn.« Die Bitterkeit, die in seiner Stimme lag, schnitt tief wie eine Klinge.

Neil war nicht vollständig sicher, was er damit meinte, aber seine Antwort blieb dennoch dieselbe.

»Ich nicht.«

»Noch nicht.« Andrew sagte es so, als ob es sich um eine unausweichliche Tatsache handelte.

»Hör auf damit«, verlangte Neil mit ernster Miene und spannte seinen Kiefer unwillkürlich an. Eine Welle der Wut fuhr durch ihn hindurch, aber sie galt nicht Andrew; sie galt all den Menschen, die ihn dazu gebracht hatten, so zu denken.

»Sonst was?«, forderte Andrew ihn heraus, die Miene ungerührt wie eh und je. »Du bist zwar ziemlich dumm, aber selbst du wirst irgendwann kapieren, dass das hier vollkommener Bullshit ist. Es funktioniert nicht. Niemand will das. Und erspar mir die Lüge, dass es nicht so ist.«

Andrew Worte trieften vor Grausamkeit. Er konnte nichts anderes tun, als grausam zu sein, weil er es gerade nicht ertrug, dass jemand nett zu ihm war. Dass Neil nett zu ihm war. Andrew wollte, dass er hässlich wurde. Ihm alles bestätigte, was er über sich selbst und andere Menschen dachte.
Gerade wollte er die Wahrheit nicht hören. Aber Neil war das Lügen so verdammt leid.

»Das hier basiert nicht auf Sex«, stellte er klar, statt in irgendeiner Weise auf die Dinge einzugehen, die Andrew ihm gerade ins Gesicht geknallt hatte. »Das hat es nie. Das weißt du.«

»Das hier«, spuckte Andrew förmlich aus, als ob ihn der bloße Gedanke anwiderte.

»Ja«, sagte Neil stur. »Das hier.« Er gestikulierte zwischen ihnen hin und her. »Du und ich. Zusammen.« Er erwiderte stoisch Andrews erbarmungslosen Blick und zuckte nicht vor der Dunkelheit zurück, die er im warmen Braun seiner Augen entdeckte. »Mir waren diese Dinge nie wirklich wichtig. Warum denkst du, dass sich das plötzlich geändert hat?«

Es folgte ein Moment der Stille, schwer und niederdrückend wie Beton. Andrews Gesicht war eine harte, ausdruckslose Maske, die rein gar nichts über seine Gedanken preisgab. Aber Neil war ohnehin noch nicht fertig.

»Ich sage nicht, dass es mir nicht gefällt. Es fühlt sich unglaublich an. Aber ich brauche es nicht zwangsläufig, damit das hier funktioniert. Du musst dafür nicht über deine Grenzen – «

»Sei still«, unterbrach Andrew ihn harsch, die Stimme scharf wie die Scherben des zerbrochenen Spiegels im Badezimmer. »Du bist offensichtlich zu dumm, um es zu kapieren. Ich werde keinen weiteren Atem an dich verschwenden.«

»Andrew – «

»Bist du plötzlich taub? Ich habe gesagt, sei still. Lass mich in Ruhe. Ich habe gerade keinen Nerv für deine grenzenlose Dummheit.«

Das ›nein‹ war wie ein Schlag mitten in die Magengrube. Neil zuckte innerlich zurück vor dem Treffer, aber er konnte wahrlich nicht sagen, dass er es nicht hatte kommen sehen. Es war ein Wunder, dass Andrew überhaupt bereit gewesen war, ihm so lange zuzuhören, wo er doch gerade damit beschäftigt war, einen erbitterten Krieg gegen sich selbst zu führen. Es war ein Privileg, das nicht viele hatte. Neil wusste das. Trotzdem brannte die Zurückweisung wie Säure in seinem Brustkorb.

Er wollte nicht gehen, aber verstand gleichermaßen, dass Andrew sein Limit erreicht hatte. Wenn er noch weitere, verständnisvolle Worte zu hören bekam, würde er wirklich  hässlich werden und ihm brutalste Verletzungen entgegenschmeißen, für die er sich im Nachgang nur noch mehr hassen würde. Andrew wollte ihn beschützen. Wollte sie  beschützen. Und Neil hoffte inständig, dass irgendetwas von dem, was er gesagt hatte, die Macht besaß, auch Andrew ein wenig zu beschützen...


»Eine halbe Stunde«, sagte Neil schließlich und sah ihm direkt in die Augen. Er wollte, dass Andrew verstand, dass er spürte,  wie ernst es ihm damit war. »Wenn ich in einer halben Stunde nichts von dir gehört habe, komme ich nochmal, um nach dir zu sehen.«

Es war ein Versprechen, keine Drohung. Neil hoffte, dass Andrew es auch als solches verstand.

Er ließ das Geländer los und steuerte geradewegs die Balkontür an, doch bevor er nach drinnen verschwand, hielt er noch einmal inne und wandte sich zu Andrew um.

»Du musst da nicht alleine durch, Andrew«, sagte Neil mit einer Gewissheit, die sonst nur der Tod bereithielt. »Besser, du vergisst das nicht.«  

Er konnte Andrews Gesicht nicht sehen. Wusste nicht, ob seine Worte ihn überhaupt erreichten. Doch Neil musste ihn das wissen lassen, bevor er ihn gegen seine Dämonen kämpfen lassen konnte.

Er wusste, dass es nicht viel war. Aber wenn aus nichts  so etwas werden konnte, wie das, was sie heute hatten, reichte es vielleicht aus, um ihm zumindest ein wenig da durch zu helfen.


Neil warf einen Blick auf die Uhr, die auf dem Nachtzimmerschrank stand und prägte sich die Uhrzeit genaustens ein, ehe er sich ins Bett legte und wartete. Er überbrückte die Zeit damit, das Ziffernblatt anzustarren. Unter keinen Umständen würde er sein Wort brechen. Eine halbe Stunde. Das hatte er gesagt. Also würde er es auch genau so machen.

Aber Andrew wartete nicht darauf, ob er sein Versprechen hielt oder nicht. Nach exakt vierundzwanzig Minuten schallte das Geräusch der sich öffnenden Balkontür durch den Raum.

Neil spannte sich ein wenig an und spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Andrew sagte kein Wort. Wie ein Geist lief er durchs Zimmer und löschte das Licht. Hinterließ nichts als pechschwarzer Dunkelheit.

Neil wartete stumm ab. Achtete auf jede Bewegung, jedes Geräusch, das er machte.
Als er sah, wie Andrews Silhouette schließlich zielstrebig auf das Bett zukam, entspannte er sich ein wenig. Er war ein gutes Zeichen, glaubte er. Hoffte er.

Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er wollte Andrew fragen, ob es ein wenig besser war. Ob es etwas gab, was er tun konnte.

Er wollte ihm sagen, dass es ihm egal war, ob sie mittendrin beim Sex abbrachen, weil die bloße Tatsache, dass Andrew ihm genug vertraute, um überhaupt zu versuchen diese Dinge zusammen mit ihm zu erleben mehr war, als er jemals erwartet hatte zu verdienen.

Er wollte ihm sagen, dass er in seinen Augen eine der stärksten und mutigsten Personen war, die er kannte und, wie sehr er Andrew bewunderte.

Er wollte ihm sagen, dass er das, was sie hatten, für nichts in der Welt jemals eintauschen wollte und er wollte, dass Andrew ihm glaubte.

Aber Neil konnte ihm nichts davon sagen, weil Andrew gerade in keinem Zustand war, um wohlgemeinte Worte akzeptieren zu können.


Neil spürte, wie die Matratze ein wenig unter Andrews Gewicht auf der anderen Seite des Bettes nachgab. Bevor er sich jedoch zu ihm umwenden konnte, zerschnitt seine Stimme die Luft.

»Dreh dich nicht um«, befahl er ebenso knapp wie ruppig.

Neil gehorchte und fokussierte sich wieder darauf, jeder seiner Regungen zu lauschen. Er hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass Andrew überhaupt mit ihm redete und erst wenige Sekunden später verstand er, warum er ihn aufgefordert hatte zu bleiben, wo er war.

Andrew begann sich langsam hinter seinem Rücken zu bewegen. Rutschte immer näher an ihn heran, Zentimeter, für Zentimeter, für Zentimeter. Neil hörte es am Rascheln der Decke. Spürte es an der Art und Weise, wie das Bett immer weiter einsank.

Er berührte Neil nicht. Verharrte in einem gewissen Sicherheitsabstand hinter ihm. Seine rauen Atemzüge waren deutlich hörbar, fast schon spürbar.

Und Neil verstand, dass es Andrews Versuch war, sich auf ihn und seine Worte einzulassen. Auf seine eigene, verquere Art versuchte er, ihm zu glauben. Versuchte, das hier in seinem Leben zu akzeptieren. Es zu verdienen.

»Nimm meine Hand«, flüsterte Neil und streckte einen Arm hinter seinem Rücken aus, ohne sich zu ihm umzudrehen. Dabei ließ er seinen Arm harmlos in der Luft zwischen ihnen verharren, um Andrew die Entscheidung zu überlassen, ob er es wollte oder nicht. Vielleicht war es ihm zu viel. Vielleicht konnte er es nicht. Wollte es nicht. Doch nach wenigen Sekunden legten sich schmale Finger in seine Handfläche.

Die Berührung war warm und sanft und ganz langsam begann Andrew seinen Griff zu verstärken. Sich an ihm festzuhalten. Trost in einer Art und Weise zu akzeptieren, die er ertragen konnte.

Neil erwiderte den Griff und drückte vorsichtig zu. Dann, nachdem er ihm ein paar Minuten gegeben hatte, um sich daran zu gewöhnen, zog er seine Hand ein wenig zurück, ohne seinen Griff zu lockern. Deutete an, dass er sich Andrews Arm um die Hüfte legen wollte, um ihn noch ein wenig näher bei sich zu haben, ohne, dass es ihm zu viel wurde.

»Ist das okay?«, fragte Neil leise. Andrew hatte sich bisher zwar nicht beschwert, aber er wollte absolut sichergehen.

Er spürte ein scharfes Nicken an seinem Rücken, gefolgt von einem knappen: »Ja.«

Erleichterung flutetet seinen Brustkorb wie frische Luft zum Atmen, nachdem man zu lange unter Wasser gedrückt worden war.
Er legte Andrews Hand behutsam auf seinem Bauch ab, die Finger locker ineinander verwoben. Neil war bedacht darauf, ihn nicht zu stark festzuhalten. Ihm genug Raum zum Atmen zu geben. Die Möglichkeit, sich jederzeit zurückziehen zu können, wenn es zu viel wurde.

Eine Weile lang lagen sie einfach nur stumm so da und obwohl eigentlich rein gar nichts okay war, war es trotzdem irgendwie okay. Sie bekamen das hin oder waren zumindest auf dem Weg dahin. Auf ihre eigene, zerbrochene Weise bekamen sie das hin.

»Du bist so unfassbar dumm«, ließ Andrew ihn irgendwann wissen. Seine Stirn hatte er gegen Neils Rücken gelehnt. Sein Arm war ein angenehm vertrautes Gewicht auf seiner Hüfte.

Neil antwortete, indem er behutsam mit dem Daumen über Andrews Handrücken fuhr. Er spürte, wie sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete, weil er die wahre Bedeutung hinter diesen Worten kannte.

Es war ›Danke.‹


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Triggerliste: implizierte Missbrauchserfahrungen,
selbstverletzendes Verhalten, Narben
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