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Von den Lebenden und den Toten

GeschichteKrimi, Freundschaft / P16 / Gen
André Fux Andrea Schäfer Anna Engelhardt Ben Jäger OC (Own Character) Semir Gerkhan
25.04.2021
25.07.2021
91
93.921
3
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23.07.2021 1.063
 
Und da ist er wieder! Der Freitag, der das Wochenende einleitet! :)
Hoffe sehr, eure Woche war gut!
GLG SpeedBird
*****



24. September 2020

Neue PAST, 17:00 Uhr



Auch wenn er seiner damaligen Chefin versprochen hatte, mit auf Leonie aufzupassen, war nach dem Tod der Mutter der Kontakt zu ihr und auch zu ihrem Vater leider recht zügig weniger geworden und schließlich ganz abgebrochen.
Direkt nach der Beerdigung hatte André sie für mehrere Wochen mit nach Avignon genommen, um ihr ganz in Ruhe Zeit zu geben, sich an die neue Realität zu gewöhnen.
In Absprache mit der Tante, dem Opa und Leonie selber hatten sie jedoch beschlossen, dass sie weiterhin in Deutschland zur Schule gehen würde.
Allerdings nicht in Köln.
André, Christina und Holger hatten sich lange Gedanken darüber gemacht, ob es besser oder schlechter für das Mädchen sein würde, aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen zu werden.
Letztlich hatte auch hier Leo die Entscheidung mit beeinflusst, nachdem sie sich immer öfter weigerte in die Schule zu gehen.  
Christina Engelhardt hatte zu der Zeit eine lukrative Stelle in der Staatsanwaltschaft in Berlin angeboten bekommen und so kam es, dass Leonie im Januar 2009 mit ihr dort hinzog, um in Berlin die Schule zu besuchen und dort neu anzufangen.
Daraufhin war auch André Fux nicht mehr nach Köln gekommen, da er, mehr denn je, möglichst viel Zeit mit der Tochter verbringen wollte. Er war sogar kurz davor gewesen in Frankreich alles zu verkaufen und wieder ganz nach Deutschland zu ziehen, was er dann jedoch doch nicht getan hatte, als er gesehen hatte, wie glücklich Leo in den sechs Wochen Sommerferien in Frankreich gewesen war.
   
Zur Ablenkung und um das kurz entstandene Schweigen zu durchbrechen, deutete Semir in die Richtung, wo sich einmal das Büro der Dienststellenleitung befunden hatte.
„Ich kann mich noch ziemlich genau daran erinnern, wie mir deine Mutter da drüber in ihrem Büro erzählt hat, das sie mit dir schwanger ist...“ Er grinste.
„Mein Gesicht muss damals ziemlich lustig anzuschauen gewesen sein, da ich aus allen Wolken gefallen bin!“
Leo lachte erneut. „Oh ja, das glaube ich dir gerne! Das war ja auch alles eine recht... Interessante Geschichte. Als Paps mir vor ein paar Jahren erzählt was damals alles passiert ist, war ich selber etwas baff. Aber hey: Das wäre 1A Material für eine Soap-Opera gewesen!“
Semir grinste ebenfalls, allerdings veränderte sich sein Gesichtsausdruck recht schnell und er wirkte nachdenklich als er sagte: „Soap-Opera oder ein Drama...“
Leonie musterte ihn kurz, schüttelte dann aber entschieden mit dem Kopf und lächelte.
„Nein, kein Drama!“ nach einer kurzen Pause erklärte sie:

„Weißt du, ich vermiss Mama jeden Tag und würde alles dafür geben, sie noch hier bei mir zu haben. Und ich habe als Teenager auch eine Phase durchlebt, in der ich Gott und die Welt dafür gehasst und verflucht habe, dass sie mir so früh die Mutter genommen haben. Aber ich konnte eigentlich nie sagen, dass ich ein schlechtes Leben hatte oder habe. Natürlich waren da schwere Zeiten, aber ich bin bei Christina und ihrem Mann super toll groß geworden und sie haben mich wie ihr eigenes Kind behandelt, wenn ich bei ihnen in Berlin war. Ich habe zwei coole Cousins, die für mich wie Brüder sind, hab einen Opa der mich noch immer nach Strich und Faden verwöhnt und mit meinem Vater habe ich über die Jahre so viel lustige und verrückte Dinge gemacht, das ich immer etwas zu lachen und zu erzählen hatte. Ich habe vielleicht eine etwas ungewöhnliche, aber tolle Familie, die hinter mir steht! Deswegen kann ich mich eigentlich also wirklich nicht beschweren. Da haben es andere sehr viel schlimmer getroffen.“

Semir war unglaublich positiv überrascht und gleichzeitig unendlich erleichtert.
Das fröhliche und gut gelaunte Mädchen, dass immer für irgendeinen Blödsinn zu haben gewesen war, hatte überdauert und war zu einer Frau herangewachsen, die genauso positiv in die Zukunft blickte und für die das Glas halb voll und nicht halb leer zu sein schien.
Die Welt war also doch kein so finsterer Ort, wie er es in den letzten Wochen und Monaten gedacht hatte.
„Und jetzt bist du hier...“
„Ja, jetzt bin ich hier. Ich habe aber lange überlegt, ob ich das machen soll. Also zur Polizei zu gehen. Eigentlich wollte ich Pilotin werden, wie Opa. Nach einem Schulpraktikum bei der Polizei war für mich dann aber doch klar, dass ich einen anderen Weg gehen werde. Ich wollte eh hierhin zurück nach Köln und die Akademie hat mich dann auch gleich beim ersten Versuch angenommen.“ Sie grinste. „Das ich ausgerechnet hier mein erstes Praktikum mache, war aber reiner Zufall. Denn zur Autobahnpolizei möchte ich dann doch nicht.“
„Was?“ Semir tat gespielt entsetzt. „Wie kann man nicht zur Autobahnpolizei wollen?“
„Du, ich hätte mit Sicherheit Spaß daran hier Dienstwagen am fließenden Band zu schrotten! Autostunts habe ich ja immerhin schon im Kindergarten kräftig geübt. Aber trotzdem. Ich will später in eine andere Abteilung.“
Bei der Vorstellung mit den Dienstwagen musste Semir schmunzle.
Der Gedanke gefiel ihm.
Endlich mal eine Engelhardt auf der ‚Dunklen Seite‘ der Macht. Wobei natürlich nicht zu vernachlässigen war, dass sie ja auch eine halbe Fux war.
Das könnte vielleicht auch schon während ihres Praktikums sehr interessant werden. Vielleicht sollte man sie besser nicht Autofahren lassen...

„An welche Abteilung hattest du denn gedacht?“, fragte Semir schließlich interessiert.
„Interne.“
Das war nicht unbedingt die Abteilung, wo die meisten hinwollten und auch Gerkhan war durchaus überrascht.
Bei genauerem überlegen, machte es aber durchaus Sinn und Leonie bestätigte Semirs Gedanken, als sie hinzufügte:
„Bei der Internen Ermittlung kann ich den Polizeiapparat von innen heraus aufräumen. Korrupten Kollegen sind wie ein Krebsgeschwür, das jedes Jahr mehr Schaden anrichtet! Ich will diese Kollegen finden und sie aus dem Verkehr ziehen, schon bevor sie wirklich Schaden anrichten können!“
„Verstehe...“ Der Wunsch machte bei ihrer Geschichte natürlich durchaus Sinn.
Hätte vor 12 Jahren jemand Robert Meyer rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen, würde ihre Mutter heute vermutlich noch leben...
„Ich bin mir zu 100 % sicher, dass du einen ziemlich guten Job machen wirst! Und es bei der Polizei allgemein sehr weit bringen wirst.“
„Hallo? Natürlich! Chefin sein habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Mama war noch keine 43 als man sie zur Kriminalrätin befördert hat! Ich strebe an, sie darin zu unterbieten.“ Leonie zwinkerte Semir frech zu.
Gerkhan war sich ziemlich sicher, wenn das eine schaffen konnte, dann das ‚kleine Monster‘.
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