Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Von den Lebenden und den Toten

GeschichteKrimi, Freundschaft / P16 / Gen
André Fux Andrea Schäfer Anna Engelhardt Ben Jäger OC (Own Character) Semir Gerkhan
25.04.2021
24.07.2021
90
91.921
3
Alle Kapitel
218 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
22.07.2021 948
 
Huhu und Hallo!
Leider nähern wir uns immer weiter dem Ende der Geschichte! Aber ich hoffe sehr, das ihr die letzten Kapitel noch genießen könnt!
GLG SpeedBird
*****


Ein langer Weg



24. September 2020

Neue PAST, 16:34 Uhr



Semir Gerkhan parkte müde seinen Dienstwagen auf dem Parkplatz vor dem Revier der Autobahnpolizei.
Keine zwei Stunden zuvor hatten er und seine junge Partnerin, Vicky Reisinger, einen Mordanschlag auf den Hauptbelastungszeugen im Falle der rassistischen Kollegen aus Dortmund vereitelt.
Vicky war dabei an der Schulter angeschossen und zur Behandlung der Verletzung in ein Krankenhaus gebracht worden.
Etwas ungelenk stieg er schließlich aus dem BMW und musste sich erst einmal strecken.
„Du wirst alt, Gerkhan...“ dachte er mürrisch bei sich.
Die Schläge, die er bei dem Einsatz hatte einstecken müssen, steckte er nicht mehr so leicht weg, wie noch vor fünf oder zehn Jahren, soviel war sicher.  
Mit einem kaum merklich humpelnd schritt er schließlich zum Eingang und ging in die PAST hinein.
Als er das Büro betrat, stellte er erneut fest, dass ihm das neue Konzept des Großraumbüros, das sein Chef, Roman Kramer, eingeführt hatte, noch immer nicht wirklich gefiel.
Er vermisste sein eigenes Büro.
Überhaupt tat er sich mit den doch sehr, sehr starken Veränderungen, die während seines langen Aufenthaltes in der Türkei stattgefunden hatten, schwer.
Hin und wieder erwischte sich Semir bei dem ‚Damals war alles besser‘-Gedanken, nur um sich sofort zur Rasant zu rufen. Für den Spruch war er dann doch noch ein bisschen zu jung. Glaubte er zu mindestens.

Als er jetzt durch das Büro schritt, kam seine Tochter, Dana, sofort auf ihn zugestürmt.
„Ist alles in Ordnung? Ich habe das von Vicky gehört!“
„Mir geht’s gut und Vicky ist hart im Nehmen! Sie ist zwar im Krankenhaus, aber laut eigener Aussage hat sie nur einen kleinen Kratzer und sie ist im nun wieder diensttauglich.“ Gerkhan grinste kurz und auch Dana nickte mit einem erleichterten Grinsen.
Ja, das klang ganz nach Vicky!
Semir wollte eigentlich noch etwas ausführlicher berichten, wurde jedoch von etwas abgelenkt, das er im ersten Moment nicht so richtig einordnen konnte, es ihm jedoch merkwürdig vertraut vorkam und ihn kurz irritierte.
Der kleine Polizist sah an seiner Tochter vorbei in Richtung des etwas abgetrennten Bereiches, wo sein Chef seinen Schreibtisch hatte.
Krama saß in seinem Rollstuhl nicht direkt am Schreibtisch, sondern ein Stück davor und unterhielt sich mit einer Kollegin in Uniform, die er jedoch nicht erkannte, da sie ihm den Rücken zuwandte.
Irgendetwas...

Semir ließ die etwas perplex Dana mitten im Raum stehen und ging auf seinen Chef zu.
„...ah, da ist er ja!“ verkündete Kramer, als Gerkhan auf die zwei zukam und die Kollegin drehte sich zu ihm um.
Semir Gerkhan erstarrte wie vom Blitz getroffen, stolperte anschließend und hätte sich beinahe der Länge nach hingelegt!
Er fühlte sich mit einem Mal um 20 Jahre in der Zeit zurückversetzt und rief automatisch und ungläubig:
„Chefin?!“ nur um im nächsten Moment verwirrt den Kopf zu schütteln und noch ungläubiger zu fragen: „Leonie...?“
Die angesprochene lachte herzhaft und trat mit offenen Armen auf ihn zu.
„Hallo, ‚Onkel‘ Semir!“    
Noch immer vollkommen erstaunt und verwirrt umarmte er die junge Frau seinerseits und konnte es zeitgleich nicht fassen.
Leonie Engelhardt stand tatsächlich, nach all den Jahren, vor ihm und das auch noch in dunkelblauer Polizeiuniform!
Die Abzeichen auf ihren Schultern verrieten ihm zwar, dass sie erst Kommissaranwärterin und noch in der Ausbildung war, aber das zählte im Augenblick nicht.
Anna Engelhardts, inzwischen erwachsene Tochter, stand vor ihm, offensichtlich kräftig dabei in die Fußstapfen der Mutter zu treten!

„Ich hoffe, dass mein plötzliches Auftauchen hier, kein zu großer Schock für dich ist, Semir.“ Leo klang fast ein wenig entschuldigend, als sie jetzt Semir musterte, der sie noch immer anstarrte, als hätte er eine Erscheinung.
„Nein, nein ganz und gar nicht! Im Gegenteil! Es ist eine Überraschung der besten Sorte!“
Kramer hatte die Szene abwartend beobachtet und verkündete jetzt:
„Frau Engelhardt hat Ihr erstes Ausbildungsjahr an der Akademie hinter sich gebracht und wird ihr erstes Praktikum bei uns machen. Ich hatte eigentlich vorgehabt sie schon vor einigen Tagen darüber in Kenntnis zu setzen, aber die Gelegenheit hatte sich einfach nicht ergeben.“
Semir nickte, noch immer nicht wieder ganz bei sich. An Leonie gewandt sagte der Chef:
„Das wäre es dann auch erst mal für heute. Wir sehen uns pünktlich morgen Früh zu Dienstbeginn.“
„Jawohl, Chef!“ die junge Polizistin nickte. „Hast du noch Zeit für einen Kaffee?“ Sie sah Semir lächelnd an.
Oh ja, das hatte er ganz sicher!

15 Minuten später hatte Leo die Uniform gegen ihre private Kleidung eingetauscht und saß Semir in der Kaffeeküche der PAST gegenüber.
Gerkhan war noch immer ein wenig von der Rolle und schüttelte zum 1000 Mal mit dem Kopf.
Er hatte vorhin wirklich für ein paar Sekunden geglaubt, seine ehemalige Chefin sei von den Toten auferstanden. Was sich bei ihr als Kind schon angedeutet hatte, war ganz eindeutig eingetreten:
Leonie Engelhardt war nahezu eine 1:1 Kopie ihrer Mutter. Von den Augen einmal abgesehen.
Das wurde noch deutlicher, als sie ihm jetzt mit offenen Haaren gegenübersaß und sie nicht, wie zur Uniform, zum Zopf zusammengebunden hatte.
Selbst ihre Stimme klang  ähnlich, wie die der Mutter. Das war es auch gewesen, was ihn vorhin auf sie aufmerksam gemacht hatte.
„Ich kann es ehrlich gesagt noch immer nicht so richtig fassen... Gott, bist du groß geworden. Und erwachsen!“
Leo grinste, und jetzt erkannte Semir auch ein wenig vom Vater in ihr. Das verschmitzte Fux- Grinsen war unverkennbar. „Ich hatte auch ordentlich Zeit zu wachsen und erwachsen zu werden. Es ist lange her.“
Das war es in der Tat und Semir überkam ein Anflug von Reue.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast