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Debattenkultur

OneshotAllgemein / P12 / Gen
Kriminalhauptkommissar Felix Murot Magda Wächter
25.04.2021
25.04.2021
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Hinweis: In dieser Geschichte unterhalten sich zwei fiktive Charaktere in einer fiktionalen Welt. Jedwede Ähnlichkeit mit realen Personen, Orten, Ereignissen etc. ist rein zufällig. Die Charaktere gehören dem Hessischen Rundfunk, ich habe sie mir nur ausgeliehen.



Debattenkultur



23.04.2021

„Ist das Ihr Ernst?“, kommentierte Murot in genervtem Tonfall.
„Bitte?“, gab Magda verwirrt zurück. Alles, was sie getan hatte, war, ihn zu sich an den Schreibtisch zu bitten, damit sie ihm die gerade erhaltenen Beweisfotos des aktuellen Falls zeigen konnte.
„Wächter, das bin nur ich. Sie brauchen nicht zwei Meter zurückzuspringen, nur weil Sie mir etwas zeigen wollen. Abgesehen davon dachte ich, Sie hätten die Seuche schon gehabt. Letzten Februar, wenn ich mich richtig erinnere“, setzte er hinzu, als hätte sie das vergessen können.
„Und ich bin nicht sonderlich scharf darauf, Sie womöglich noch mal zu kriegen“, entgegnete sie und lehnte sich stur in ihrem Stuhl zurück.
„Geht das überhaupt?“
„Man hat schon von Leuten gehört, denen das passiert ist, und ich weiß auch nicht, ob ich es nicht doch auch noch übertragen kann, also, bitte, halten Sie einfach Abstand.“
„Ja, ja, schon gut. Schicken Sie mir die Bilder einfach. Ach ja, haben Sie das eigentlich mitbekommen mit der ganzen Aufregung gestern?“, fragte Murot, als er an seinen eigenen Schreibtisch zurückkehrte.

„Hm?“ Sie ahnte, worauf er hinauswollte, und sie ahnte nichts Gutes.
„Diese Satire-Aktion von den Schauspielern“, erklärte er, wippte in seinem Bürosessel ein wenig hin und her, „um auf den Niedergang der Kulturbranche aufmerksam zu machen.“
„Ja, habe ich mitbekommen“, antwortete Magda knapp und versuchte durch ihren Tonfall deutlich zu machen, dass sie diese Diskussion nicht unbedingt jetzt bei der Arbeit führen wollte, auch wenn sie wusste, dass sie letztlich unvermeidlich war.
„Und, was sagen Sie? Ich persönlich fand die ja richtig gut gemacht“, fuhr er grinsend fort, ohne eine Antwort von ihr abzuwarten.
Unweigerlich fragte sie sich, warum sie genau das schon gestern beim Lesen der Meldungen vermutet hatte. Sie biss die Lippen zusammen, um ihm nicht den Gefallen zu tun, ihre Gedanken laut auszusprechen. Stur klickte sie sich durch die Beweisfotos, versuchte sich zu konzentrieren.

„Diese Satire, dieser kreative Protest, genau das hat es jetzt gebraucht“, behauptete er, „diese feine Ironie in der Debatte–“
„‘Feine Ironie in der Debatte‘?“, wiederholte Magda fassungslos, wandte ruckartig den Kopf zu ihm; seinem zufriedenen Blick nach hatte er auf die Diskussion gehofft. „Welche ‚feine Ironie‘ denn? Ich habe da keine in den Videos gefunden. Und welche Debatte denn? Über die Frage, ob all diese Prominenten nur naiv oder schon rechts sind? Falls das das Ziel der Aktion war, würde ich sagen, vollkommen erreicht, aber ein dämliches Ziel, wenn Sie mich fragen. Falls nicht… tja, klar verfehlt, was immer das Ziel war.“
Er starte sie an, als könne er nicht glauben, dass sie ihm nicht zustimmte. „Das Ziel war es, auf die Missstände aufmerksam zu machen! Auf die Menschen, die unter den Maßnahmen leiden und in ihrer Existenz gefährdet sind!“
„Ach, das haben Sie da rausgehört?“
„Ja, natürlich, was denn sonst?“
„Merkwürdig“, entgegnete sie mit gespieltem Erstaunen, „denn alles, was ich gehört und gesehen habe, waren eigentlich Parolen, wie ich sie nur von sogenannten ‚Querdenkern‘, Nazis und sonstigem rechten Klientel kenne.“
„Das war satirisch gemeint und Satire muss auch nicht witzig sein, sie muss auch nicht von jedem verstanden werden–“
„Ach ja? Und wenn ich die Aktion nicht toll finde, muss das dann bedeuten, dass ich zu doof bin, sie zu verstehen?“, gab sie scharf zurück.
Er öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn dann wieder. „Das war doch Kunst!“ Eine bessere Erwiderung schien ihm nicht mehr einzufallen.

„Selbstverständlich. Kunst ist Kunst und Kunst darf alles, weil die Kunst frei ist. Aber vielleicht sollte man sich vorher überlegen, ob man alles, was man darf, auch tun sollte.“
„Nun, es ging ums Aufrütteln, das ist doch notwendig. Um was könnte es denn auch sonst gegangen sein?“
„Um es jetzt mal zugespitzt zu formulieren: Entweder war ihnen langweilig und sie wollten Aufmerksamkeit oder sie wussten keinen andren publikumswirksamen Weg, um sich mit den Rechten zu solidarisieren.“
„Oh bitte, die Beteiligten an der Aktion sind doch nicht automatisch alle rechts, nur weil ihnen auch rechte Spinner zustimmen.“
„Nein, das stimmt. Aber wenn einem die Rechten derart Beifall klatschen, sollte man sich ganz dringend fragen, was man falsch gemacht hat. Und wenn man an der eigenen Meinung nichts Verwerfliches finden kann, sollte man sich fragen, was mit der Art und Weise der Meinungsäußerung nicht stimmt. Oder das eigene Weltbild hinterfragen“, setzte sie hinzu. „Ein Film kann nichts dafür, von wem er beklatscht und bejubelt wird. Ich bin mal einem AfD-Politiker begegnet, dessen Lieblingsfilm nach eigener Aussage ‚Casablanca‘ war, auch wenn in seiner Zusammenfassung der Handlung keine Nazis vorkamen, was mir–“
„Wahrscheinlich die deutsche Fassung aus den Fünfzigern“, warf Murot ein, vermutlich ein Automatismus bei ihm.
Genervt verdrehte sie die Augen. „Darum geht es nicht. Ich meine, dass man einem Kunstwerk nicht vorwerfen kann, was später daraus gemacht wird. Aber – und das ist meine persönliche Meinung und für die dürfen Sie mich auch gerne kritisieren, wenn Sie wollen – sich jetzt in dieser Situation als prominenter und – mit Verlaub – finanziell privilegierter Mensch hinzusetzen und Videos zu posten, die vor Hohn gegenüber den Menschen, die wirklich Not leiden, nur so triefen, sich des Duktus von Verschwörungstheoretikern zu bedienen und sich dann rauszureden mit ‚das ist doch Satire, das ist doch Kunst‘… Ich persönlich als Magda Wächter kann Ihnen sagen, dass ich das nur erbärmlich finde.“ Sie atmete tief durch. „Und ehrlich gesagt auch irgendwie enttäuschend, weil ich all die daran beteiligten Personen immer für recht intelligente Leute gehalten habe, die nicht so naiv oder kurzsichtig wären, bei so einem Treiben mitzumachen, das doch mit Ansage danach schreit, den Rechten in die Hände zu spielen.“

Murot schwieg einen Moment lang; auf einmal wirkte er fast hilflos. „Wächter, die Kultur stirbt“, sagte er eindringlich, „und ohne Kultur ist der Mensch nur ein aufrecht gehender Affe in Kleidung.“
„Glauben Sie, das weiß ich nicht? Aber wissen Sie, wer noch an Corona gestorben ist? Rund 80.000 Menschen allein in dem Land, in dem wir leben. Haben Sie die weltweiten Zahlen noch im Kopf? Ich nicht, aber das sind alles Menschen, die unter anderen Umständen noch leben könnten. Ja, vielleicht sind da auch Menschen darunter, die ohnehin gestorben wären, weil ihre Zeit einfach gekommen war, Menschen, deren Angehörigen jetzt so oder so um diesen geliebten Menschen trauern würden. Aber soll ich Ihnen mal was sagen? Es geht gar nicht um diese beschissene bescheuerte Frage, ob jemand ‚an‘ oder ‚mit‘ Corona gestorben ist. Es geht darum, dass wir uns alle als Gesellschaft vielleicht mal fragen sollten, was aus uns geworden ist, dass so verächtlich über Menschenleben gesprochen wird. Wie sagen Sie immer so schön: Es nimmt kein gutes Ende mit denen, die keinen Respekt vor den Toten haben.“

„Das ist doch etwas vollkommen Anderes“, widersprach er.
„Ist es nicht“, entgegnete sie beherrscht. „Zählen Sie die Kultur ruhig zu den Toten dazu. Aber eine vernünftige Debatte zu einem wichtigen Thema beginnt man nicht auf dem Rücken der Menschen, die tagtäglich auf den Intensivstationen um die Kranken kämpfen. Man beginnt sie nicht, indem man die Angehörigen der Opfer der Pandemie verhöhnt.“ – Er schien etwas einwerfen zu wollen, sie ließ sich nicht unterbrechen – „Denn niemand hat das Recht darüber zu entscheiden, wann sich jemand anders verletzt fühlen darf. Man beginnt sie nicht, indem man sich über Maßnahmen lustig macht, die Menschenleben schützen sollen. Ja, die Maßnahmen sind verspätet, sie sind verzweifelt, und ja, bevor Sie fragen, ich finde auch nicht alles toll. Ich würde wahnsinnig gerne mal wieder ins Kino gehen oder ins Theater. Ich war noch nie so lange nicht mehr in einem Museum. Mir fehlt das Vereinsleben, ich würde mich auch so gerne mal wieder einfach mit jemandem auf einen Kaffee treffen und mich nicht fragen müssen, ob es mein Lieblingscafé nach dem nächsten Lockdown noch gibt oder wie lange mein Lieblingskino noch durchhält. Glauben Sie, ich weiß nicht, dass die Schließungen Existenzen bedrohen, glauben Sie, ich sehe das nicht?“
„Gut, dass Sie es sehen.“ Sein scharfer Ton wies für Magda deutlich darauf hin, dass ihm ihre lange Rede nicht sonderlich gefiel. „Aber diese Menschen sind auch Opfer der Pandemie und ich habe das Gefühl, das wird gerne mal vergessen.“

„Da stimme ich Ihnen ja auch zu“, antwortete sie, „aber ich fürchte, in diesen Videos wurde genau das auch vergessen.“
„Herrgott nochmal, das war Satire!“
„Ist Ihnen eigentlich mal aufgefallen, was heute alles unter dem Deckmantel der Satire rechtfertigt wird? Kritik darf, soll, muss man äußern, aber man sollte sich immer fragen, wen man damit kritisieren will und wen es am Ende wirklich trifft. Ich bin wahnsinnig froh, dass ich damals nicht ins Krankenhaus musste. Ich habe Angehörige, ich habe Bekannte, um die ich mir Sorgen mache. Haben Sie eigentlich noch jemanden, um den Sie Angst haben? Sie brauchen nicht zu antworten, das geht mich schließlich nichts an. Aber vielleicht sollten Sie mal darüber nachdenken, warum Menschen diese Videos so abstoßend finden.“

„Was war denn da überhaupt so Schlimmes dabei?“ Vielleicht meinte er es wirklich so, vielleicht wollte er ihren Diskurs aufrechterhalten oder auch einfach nur das letzte Wort haben. Magda konnte es nicht sagen. „Das wird man doch wohl alles noch sagen dürfen.“
„Ja. Das dürfen Sie sagen. Und erinnern Sie sich, warum? Weil wir hier in einer Demokratie leben. Ich muss es aushalten, was Sie sagen und wie Sie Ihre Meinung vertreten. Ich muss es aushalten können, wenn Sie herumnölen, weil ich mit Maske im Büro sitze und auf den Abstand achte. Aber wissen Sie was? Sie müssen das auch aushalten, wenn ich mit Ihnen nicht einer Meinung bin. Denn wer nur ‚Meinungsfreiheit‘ schreit, diese aber auch nicht anderen zugestehen will, der hat meiner Meinung nach nicht so ganz verstanden, wie Demokratie funktioniert. Ich bin… Ich war mir eigentlich immer sicher, dass Sie nicht zu diesen Leuten gehören. Aber ich glaube, Sie sollten mal ganz dringend darüber nachdenken.“ Sie stand auf, ging zur Kaffeemaschine und schenkte sich eine Tasse ein; sie fühlte seinen abschätzenden Blick dabei auf sich ruhen. „Sie haben Recht, genau das haben wir gebraucht. Eine Aktion, die nur noch mehr spaltet und nur noch mehr Hass hervorbringt. Das war Ironie“, fügte sie hinzu, „nur zur Sicherheit, damit es hier keine Missverständnisse gibt.“
„Aha. Vielen Dank für die Information“, gab er kühl zurück. „Soll ich rausgehen, damit Sie zum Kaffeetrinken Ihre Maske abnehmen können oder geht der Kaffee auch durch die Maske durch?“
„Nein, danke, nicht nötig. Ich gehe damit auf den Raucherbalkon.“ Sie atmete tief durch, bemerkte, dass die Tasse in ihrer Hand zitterte, dass sie am ganzen Leib zitterte. „Ich brauche eine Pause von Ihnen.“
 
 
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