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Tales of Starlight 1: Anothers Life

Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Schmerz/Trost / P16 / FemSlash
Chibi-Usa / Sailor Chibi Moon / Serenity III Pegasus / Helios Seiya Kou / Sailor Star Fighter Taiki Kou / Sailor Star Maker Usagi "Bunny" Tsukino / Sailor Moon / Serenity II Yaten Kou / Sailor Star Healer
25.04.2021
06.02.2022
46
232.945
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Dieses Kapitel
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21.11.2021 6.050
 
Er konnte einfach nicht mehr. Weder weinen noch einen klaren Gedanken fassen. Wie lange er bereits zusammen mit Len, Taiki und Yaten im Musikzimmer saß, wusste er nicht mehr. Irgendwann waren die Tränen jedoch versiegt und hatten einer schweren Müdigkeit Platz gemacht, bei der Seiya am liebsten einfach zur Seite gekippt und an Ort und Stelle eingeschlafen wäre. Alles blubberte nur in seinem Kopf dahin. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Noch bevor Seiya fragen konnte, wie es nun weiter ging, öffnete sich die Tür des Musikzimmers und eine ziemlich mitgenommen aussehende Frau mittleren Alters, trat ins Zimmer.
„Mum.“ Len war sofort auf den Beinen. Auch die ThreeLights erhoben sich. Sie deuteten eine kurze Verbeugung an, immerhin waren sie trotz allem nur Gast in diesem Haus.
„Wir möchten Ihnen unser Beileid aussprechen“, sagte Taiki höflich und ohne viel TamTam. Die Frau sah so aus, als hatte sie für rein gar nichts mehr Nerven, auch nicht für eine anständige Vorstellung. Und da sie laut Len das Konzert ebenfalls gesehen hatte, wusste Lens Mutter sicher auf Anhieb wer sie waren.
„Danke. Ich bin Rin, Lens Mutter. Kommt ihr bitte mit ins Foyer. Der Sarg wird gleich abtransportiert“, sagte sie mit belegter Stimme. Sie wartete keine Antwort ab, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.
„Na los.“ Len seufzte und nickte mit dem Kopf zur Tür. „Granny wird jetzt für die morgige Totenwache fertiggemacht. Dort können wir dann auch von ihr Abschied nehmen.“ Damit beantwortete Len Seiyas unausgesprochene Frage. „Alles andere erkläre ich euch nachher.“
„Okay.“ Die ThreeLights nickten und folgten Len nach draußen ins Foyer. Sofort schnürte der Anblick Seiya die Brust zu. Alle Lichter waren gelöscht, mit Ausnahme des Lichts in Shinkos altem Zimmer. Die Familie hatte sich im Foyer aufgestellt. Jeder hielt eine Kerze. Da alles nur spärlich beleuchtet war, konnte Seiya nur tiefe Schatten in ihren Gesichtern erkennen. Aber er musste all die Gesichter nicht sehen, um zu wissen, dass Tränen flossen. Rin drückte auch ihnen je eine brennende Kerze in die Hand. Sie selbst nahm ein Bund Räucherstäbchen. Weihrauch. Seiya wurde leicht übel. Das lag wahrscheinlich weniger an dem Rauch, als an seinen überreizten Nerven und der tiefen Trauer, die ihn übermannte. Er hatte Angst. Er fürchtete den Moment, wenn die Bestatter den Sarg aus Shinkos Zimmer trugen. Auch wenn er wusste, dass der Moment jeden Augenblick kommen würde, erschrak er trotzdem, als der erste Totenträger in der Tür erschien. Plötzlich schien die Erdanziehung zugenommen zu haben, denn Seiya spürte einen unsagbaren Druck auf seinem Körper. Er war wie paralysiert. Es war totenstill im Foyer und doch wieder nicht. Die leisen Schluchzer und Gebete klangen in seinen Ohren so laut, als würde ihn jemand anbrüllen. Er spürte, wie sich Yatens freie Hand in seinen Ärmel krallte. Seiya nahm sie einfach. Im Dunkeln sah es doch eh keiner. Auch wenn Seiyas Augen den Sarg jeden Millimeter folgten, war er erleichtert, sich auf etwas anderes konzentrieren zu können. Yaten traf das von ihnen drein wahrscheinlich am schwersten, da er vor nicht allzu langer Zeit seiner eigenen Großmutter das letzte Geleit gegeben hatte. In Anbetracht dessen, wunderte es Seiya nicht, dass Yatens feingliedrige Hand zitterte. Diese wenigen Minuten, die die Überbringung zum Leichenwagen dauerte, fühlten sich an wie ein nimmer enden wollenender Film. Auf der einen Seite wollte Seiya nicht, dass Shinko das Haus verließ. Der Gedanke, dass sie niemals wiederkehren würde, war zwar da, aber er versteckte sich noch in einer dunklen Ecke seines Hirns, bereit zur ungünstigsten Zeit hervorzubrechen. Auf der anderen Seite wünschte Seiya sich, dass es einfach zuende war. Dass er dieser Stimmung entfliehen konnte. Das war einfach zu viel. Nach diesem Tag war er einfach fix und fertig mit der Welt.
Dann war es wirklich vorbei. Rin verabschiedete den Bestatter, schloss die Tür und schaltete das Licht wieder an. Für ein paar quälend lange Sekunden standen alle nur niedergeschlagen im Foyer. Keiner wusste so recht, was er tun konnte, um die ganze Situation aufzulösen. Len war der Erste der seine Kerze ausbließ. Er atmete einmal tief durch und putzte sich geräuschvoll die Nase. Letzteres schien alle aus ihrer Starre zu lösen, denn das Foyer erwachte wieder zum Leben. Also zumindest bewegten sich die Leute. Rin kam auf sie zu.
„Danke“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln, während sie Yaten ein Taschentuch anbot. Diese nahm es nickend entgegen. „Ihr ruht euch jetzt am besten erst einmal aus. Euer Konzert war bestimmt anstrengend.“ Sie sah einen nach dem anderen an. „Meine Mutter bestand darauf, dass ihr hier weiter wohnen könnt. Wir haben alle auch nichts dagegen, allerding müssen wir noch kurz über die Zimmeraufteilung reden. Die nächsten zwei Tage findet die Totenwache statt. Das bedeutet, dass immer zwei oder drei von uns Shinko auf ihrer letzten Reise begleiten. Heute übernachten mein Mann und ich bei ihr und morgen Mamoru, Len und Lea. Die restliche nächste Woche müssen wir alle etwas zusammenrücken. Vielleicht könnt ihr euch, solange wir hier sind auf nur Zwei Zimmer aufteilen?“
„Natürlich“, sagte Taiki sofort. „Das ist kein Problem. Wir werden uns morgen gleich darum kümmern.“ Wobei Seiya hellhörig wurde. Mamoru? Also war er tatsächlich gekommen? Kurz huschten seine Augen durch den Raum. Doch Mamoru war nirgends zu sehen.
„Habt vielen Dank.“ Sie verbeugte sich.
„Rin kommst du?“, rief ein Mann von der Tür aus.
„Einen Augenblick, bitte.“ Sie wandte sich ihrem Sohn zu. „Ihr kommt auch wirklich klar?“
„Ja, Mum...“ Len nickte. „Wir sind ja nicht alleine... und außerdem sind wir alle mittlerweile wirklich müde... Morgen ist ein neuer Tag.“
„Na gut, mein Schatz.“ Sie hauchte Len einen Kuss auf die Wange und nahm ihn in den Arm. „Wir sehen uns morgen. Wenn etwas ist, ihr habt die Telefonnummer.“ Sie nickte den ThreeLights noch einmal kurz zu und folgte dann ihrem Mann hinaus.
„Wollt ihr auch einen Tee?“, fragte Len leise. „Ich glaube Lea und Mamoru kochen schon Wasser.“
„Gerne... obwohl mir eher nach nem Schnaps ist...“, gestand Seiya halb im Scherz.
„Das glaube ich dir. Mir auch...“ Len seufzte und strebte die Küche an. Die ThreeLights folgten ihm einfach. Lea sah auf, als sie eintraten. Dass Len und sie verwand waren, konnte wirklich keiner abstreiten. Seiya kramte in seiner reichlich vernebelten Gedankenwelt nach einer Information, ob die beiden Zwillinge waren? Die Ähnlichkeit war verblüffend, vor allem da Lea ihre Haare ebenfalls kurz trug. Mamoru sah ganz genauso wie auf dem Foto aus. Er bereitete gerade Teetassen vor. Dann sah er ebenfalls zu ihnen, ein schwaches Lächeln auf den Lippen.
„Mein Beileid“, sagte Seiya ganz automatisiert. Was anderes fiel ihm nicht ein, denn er erachtete alles andere irgendwie als unangemessen, auch wenn er wusste, dass es Quatsch war. Sie konnten doch normal miteinander reden.
„Danke.“ Lea lächelte traurig. „Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge.“ Sie stellte die Teedose beiseite und trat zu den ThreeLights. „Ich bin Lea. Lens Zwillingsschwester.“ Sie sah einen nach dem anderen neugierig an. „Es ist schon krass, dass Granny mit den ThreeLights zusammen gelebt hat... den ThreeLights!!!!“
„Lea ist ein Fan“, kommentierte Len das ein wenig tonlos.
„Ihr habt so einen schönen Song für Granny geschrieben.... vielen Dank.“ Sie legte ihre Hände aufs Herz.
„Nicht dafür.“ Seiya schüttelte den Kopf. „Es war das Mindeste... na du weißt schon … egal... ich bin Seiya.“
„Taiki.“
„Yaten“, nuschelte der Kleinste der ThreeLights.
„Na ja... Es ist schön, dass ihr … äh … da seid...“ Lea seufzte. Mamoru, der mit seinem rabenschwarzem Haar, so ganz anders als die Geschwister aussah, legte trösten eine Hand auf Leas Schulter.
„Es ist eine wirklich merkwürdige Situation. Können wir uns darauf einigen, uns einfach normal zu unterhalten? Ich bin Mamoru. Ich hätte mir zwar gerne andere Umstände gewünscht euch kennenzulernen, aber so ist das nun nal ...“
„Natürlich, gerne.“ Das war Seiya nur Recht. Er wollte niemandem auf den Schlipps treten, aber das Herumgedruckse war einfach nur anstrengend. „Darf ich eine Frage stellen?“
„Nur zu“, antwortete Len, der den Tee aufgoss.
„Was hat es mit der Totenwache auf sich. Wo schlafen eure Eltern heute?“ Das hatte Seiya sehr verwirrt. „Wir kommen ja nicht von hier... na ja... es hat mich nur verwundert.“
„Alles gut Seiya.“ Len lächelte nun und stellte die Kanne auf den Tisch. Sie setzten sich alle an den Küchentisch, während Len Seiyas Frage beantwortete. „In Japan ist es Brauch, dass die Verstorbenen verbrannt werden...“ Er atmete einmal tief durch, um Kraft für die nächsten Worte zu finden. „Vor der Einäscherung wird Granny noch einmal aufgebahrt. Morgen den ganzen Tag können Familie und Freunde kommen und Abschied nehmen. Damit Granny nicht alleine auf ihrem letzten Weg ist, begleiten wir sie. Nach der Tradition übernachtet man in einem angrenzenden Raum, um sicher zu gehen, dass das Licht und der Weihrauch nicht erlischen...“
„Oh okay.“ Bei aller Liebe wusste Seiya nicht, ob er da wirklich Schlaf finden würde.
„Irgendwie gruselig“, nuschelte Yaten.
„Ein wenig“, gab Lea zu. „Aber es gehört dazu und wir machen es gerne. Granny war immer für alle da, nun können wir es auch noch einmal sein.“
„Richtig. Es ist üblich zur Abschiedsfeier Blumen und Geld mitzubringen. Aber es verlangt keiner von uns, dass ihr Letzteres beigebt....“ Seiya hob nur eine Augenbraue. Jetzt wo er Geld hatte, würden er einen Teufel tun und darauf verzichten. Natürlich hatte Shinko von seiner Gabe nichts mehr, aber er wollte die Familie dennoch unterstützen. Yaten und Taiki nickten, als hätten sie Seiyas Gedanken gelesen. Ihre wortlose Kommunikation funktionierte also noch. Len legte nur den Kopf schief. „Seiya... Vielleicht rufst du mal Kikai an. Ich bin mir sicher sie möchte sich auch verabschieden. Sie kann morgen gerne herkommen und euch mitnehmen. So kann sie das einplanen.“
„Jetzt noch?“ Seiya nahm seinen Tee und erhob sich. „Fuuh...“ Er ging ins Foyer, schnappte sich das schnurlose Telefon und setzte sich auf eines der Sofas im Wohnzimmer. Mittlerweile kannte er Kikais Nummer auswendig. Ob Kikai überhaupt noch wach war? Es dauerte eine Weile bis sie abnahm.
„Wer stört?“, brummte Kikai ins Telefon. Auch wenn es wenig freundlich klang, erhellte Kikais Stimme Seiyas dunkle Nacht.
„Hey, ich bins Seiya... Tschuldige, dass ich dich wecke...“, sagte Seiya reuevoll.
„Oh... Seiya...“ Sofort änderte sich Kikais Tonfall ein wenig. „Ist alles okay?“ Seiya hörte wie Kikai am anderen Ende der Leitung herzhaft gähnte. „Hat sich deine Befürchtung bewahrheitet?“, fragte sie vorsichtig.
„Na ja ...“ Seiya schluckte. Irgendwie fielen ihm die Worte sehr schwer. Auch er gähnte, angesteckt von Kikai.
„Seiya?“ Da Kikais Stimme so besorgt klang, versuchte Seiya sich zusammenzureißen.
„A-alles okay. Sie haben Shinko weggebracht... Sie ist....“ Seiya seufzte. „Morgen ist Totenwache. Du möchtest dich doch bestimmt auch von Shinko verabschieden... Ich dachte ich sage dir gleich bescheid.“
„Natürlich... oh Seiya... tut mir so leid... Ich weiß wie sehr ihr an Shinko gehangen habt...“
„Danke... Geht schon. Aber da Len, Mamoru und Lea morgen wohl recht eingespannt sein werden, Holst du uns ab?“
„Wann?“
„Nachmittag. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.“ Trotz des niederschmetternden Abends hatte Seiya keine Zweifel daran, in den Schlaf zu finden. Er war so müde, dass das Gedankenkarussell gar keine richtige Chance hatte in Fahrt zu kommen. Und jetzt wo er hier auf dem bequemen Sofa lag, merkte er schon, wie sein Körper runterfuhr. So langsam konnte er sich auch nicht mehr wirklich konzentrieren.
„Gut. Ich bin dann gegen drei da. Morgen steht ja nichts weiter an. ... Ach Mensch, Seiya...“ Kikai klang ein wenig geknickt. „Ich würde dich jetzt gerne in den Arm nehmen.“
„Du bist süß, danke Kikai...“ Die Worte zauberten Seiya ein Lächeln ins Gesicht. Auch er konnte sich nun ein lautes Gähnen nicht mehr verkneifen. „Ich bin echt durch.... das Konzert war ja schon anstrengend, aber dann jetzt noch das....“ Kikais Stimme einfach zuzuhören war sehr angenehm. Es lenkte seine müden Zellen noch mehr von belastenden Gedanken ab.
„Das glaube ich dir sofort. Ich bin wirklich stolz auf euch... auf dich, dass ihr das alles so gut gemeistert habt. Die Fans lieben euch“, erzählte Kikai leise.
„Du auch?“, fragte Seiya schon fast im Halbschlaf. Er merkte, wie seine Lider wirklich schwer wurden. Doch irgendwie wollte er das Telefonat noch nicht beenden.
„Natürlich. Ihr wisst doch, dass ich euch liebe...“
„Und mich?“, nuschelte Seiya nur noch vor sich hin.
„Dich liebe ich am meisten...“ Bei den Worten wurde das Lächeln auf seinen Lippen breiter und er ließ zu, dass sich seine Augen endlich schlossen.
„Das... wolch hörn...“

Was Kikai darauf antwortete, hatte Seiya schon nicht mehr mitbekommen. Als er am Morgen wach wurde, hatte ihm jemand das Telefon aus der Hand genommen und zugedeckt. Ihm war wahnsinnig warm, schließlich trug er noch seine Klamotten vom Vortag. Der Schwarzhaarige gähnte herzhaft und fuhr sich über die noch trägen Augen. Da das helle Tageslicht ihn blendete, ließ er sie noch geschlossen. Beim telefonieren eingeschlafen. Das passierte ihm aber auch nur mit Kikai. Das war irgendwie ihr Ding. Dennoch würde Kikai ihm nachher bestimmt einen Kommentar an den Kopf werfen. Nachher... Bevor sich Seiya versah, überspülte ihn eine Flut an Erinnerungen. Ihm blieb kurz die Luft weg.
Shinko war tot. Sie würden nie wieder miteinander reden, lachen oder Musik machen. Sie würde nie wieder durch diese Räume gehen. Shinko würde Kakyuu nicht kennenlernen können. Seiya schluckte. Er hätte sich gewünscht, dass die beiden sich einmal getroffen hätten. Aber das würde niemals geschehen. In nicht mal 48 Stunden würde von einem ganzen Menschen nicht mehr viel übrig bleiben. Irgendwie kamen ihm Sailor Oppetta und Kastella in den Sinn. Diese hatten sie auch mit einem Angriff pulverisiet. Bei ihnen hatten sie nicht einmal die Zeit wirklich zu trauern oder das zu verarbeiten. Seiya seufzte schwer, setzte sich auf und hievte sich von der Couch. Er brauchte dringend frische Luft. Die Erinnerungen schnürten ihm die Brust zu. Die Chancen standen gut, dass Kastella und Oppetta irgendwann in anderen Körpern wieder auftauchten, sollte Galaxia besiegt werden. Shinko jedoch blieb tot. Das war einfach unfair. Aber so war das Leben. So waren die Regeln auf jedem Planeten. Niemand lebte ewig. Auch er selbst würde irgendwann nicht mehr sein. Das würde nicht heute und nicht morgen der Fall sein, aber er konnte es sich so gar nicht vorstellen. Seiya atmete die frische Luft des Frühlings ein. Wie sich das wohl anfühlte? Als würde er ewig schlafen? Was passierte danach? Ging es irgendwie weiter? Auf Kinmoku glaubten sie an Wiedergeburt. Starb ein Mensch, wurde seine Seele in die Unterwelt geführt, wo sie bis zu ihrer erneuten Geburt verharrte. Ein wirklich tröstender Gedanke. Wer wusste schon wie oft er schon wiedergeboren wurde? Vielleicht war er so alt wie Kinmoku?
„Oh man...“ Seiya raufte sich die Haare. Er hatte keine Angst vor dem Tod. Das würde ihn als Krieger nur behindern, vielmehr war es Respekt vor dieser Übermacht.
„Was beschäftigt dich denn?“, fragte eine Stimme, die plötzlich neben ihm aufgetaucht war. Seiya zuckte ein wenig zusammen. Er wandte den Blick vom Himmel ab und blickte in ein paar grüne Augen.
„Guten Morgen Yaten.“
„Morgen ist gut. Es ist bereits nach zwölf.“ Yaten verschrenkte die Arme hinterm Kopf und sah zu Seiya hinauf. „Du bist während des Telefonierens eingeschlafen. Aber ich glaube Kikai auch, denn als wir kurz darauf in den Hörer sprachen, hat keiner mehr geantwortet.“ Auf Yatens Lippen erschien ein schmales Lächeln. „Habt ihr euch selbst in den Schlaf geredet?“
„Ich war einfach so fertig.“ Seiya ging nicht weiter darauf ein. „Habt ihr mich zugedeckt?“
„Ja. Taiki. Kurz hatten wir überlegt dich auszuziehen, aber haben es dann doch lieber bei den weiten Sachen gelassen.“
„Ich war mir nicht sicher, ob wir uns nicht bei völliger Erschöpfung zurückverwandeln“, sagte Taiki leise, der sich zu ihnen gesellte.
„Hm. Darüber habe ich auch noch gar nicht nachgedacht“, überlegte Seiya.
„Das hat keiner von uns“, gab Taiki zu. „Es wäre jedoch nicht von Vorteil, wenn du dich vor Lens Familie in eine Frau verwandelst...“
„Komm ja nicht auf die Idee!“, warnte Yaten und knuffte Seiya in die Seite.
„Keine Sorge.“ Dieser seufzte nur. „Ich habe nicht vor, jemanden einzuweihen. Wir haben im Augenblick andere Sorgen.“ Auch wenn er immer noch der Meinung war, dass er, wenn er es für richtig hielt, jemanden weiteres einweihen würde, war jetzt nicht der Moment dafür. Len und Kikai wussten wer sie waren. Das reichte. Mamoru war Magie zwar wahrscheinlich nicht unbekannt, aber jetzt über diese Träume zu sprechen war einfach unangebracht. Sie alle hatten andere Sorgen. Und mal ganz davon abgesehen, hatte Shinkos Vergangenheit als Schicksalsstern, sie nicht vor dem Tod bewahrt. All diese Erinnerungen, die da womöglichen noch geschlummert hatten, nahm Shinko nun mit ins Grab.
„Richtig. Und deswegen sollten wir uns langsam mal landfein machen“, sagte Taiki. „Lea, Mamoru und Len kümmern sich ums Mittagessen.“
„Ja... ich könnte eine Dusche gebrauchen.“ Da Seiya in seinen Klamotten geschlafen hatte, fühlte er sich etwas schmutzig. Außerdem sehnte er sich danach einfach mal kurz er selbst zu sein. Als Frau. Mit Brüsten. Seiya schüttelte diese immer noch irgendwie schrägen Gedanken ab. Auch wenn sie sich so daran gewöhnt hatten, war es immer noch etwas Besonderes.
„Ich bin übrigens bei dir eingezogen“, sagte Taiki möglichst beiläufig.

„Mir ist schlecht“, murmelte Yaten als sie im Vorraum der Aufbahrungshalle standen.
„Ich habe mich auch schon einmal wohler gefühlt“, gestand Seiya. Er hatte schlichtweg Angst. Wie würde es sein, Shinko so leblos dort liegen zu sehen? Aber vielmehr verunsicherte es Seiya, weil er nicht einschätzen konnte wie er auf diesen Anblick reagieren würde. Er drückte den Blumenstrauß etwas mehr an seine Brust. Es war viel weniger ein richtiger Strauß als drei Rosen in den Farben der ThreeLights. Rosen waren Shinkos Lieblingsblumen und sie war immer ganz hin und weg gewesen, wann immer sie die Blumen in der Brusttasche der ThreeLights hatte richten dürfen. Auch wenn sie gerne als ThreeLights in ihren Anzügen sich von ihr verabschiedet hätten, verzichtete sie darauf. Mittlerweile waren sie doch sehr bekannt, vor allem das Konzert hatte sie noch einmal richtig gepusht. Sie wollte der Familie die Zeit zum Trauern lassen und nicht noch irgendwelche Journalisten mit anschleppen. Als Sailorkriegerinnen konnten sie auch nicht Abschied nehmen, so wie sie es auf Kinmoku getan hätten, so blieb ihnen nur noch angemessene dunkle Kleidung.
Seiya trat nervös von einen Fuß auf den anderen. Er wollte es eigentlich nur noch hinter sich bringen. Schon seid einer halben Stunde las ein buddhistischer Mönch irgendwelche Gebete vor, die Seiya nicht kannte und auch nicht wirklich verstand. Es drangen nur Bruchstücke hinaus in den Vorraum. Die Leute gingen immer alleine oder paarweise hinein, um Abschied zu nehmen. Als nächstes waren Taiki und Yaten an der Reihe. Yaten trat in die Halle, als wurde er zum Galgen geführt. Aber Seiya konnte es verstehen. Yaten traf es einfach besonders hart. Und wahrscheinlich hatte Yaten von ihnen allen Shinko am meisten gemocht, eben weil Shinko schon ein wenig seine verstorbene Großmutter in gewisser Weise zurück gebracht hatte. Aber alles verging.
„Join the harvest of hundred fields hearty and tame. All going back to one single grain. Offer light to the coming day, inspire a child. Water the field, surrender to the earth“, sprach Seiya leise vor sich hin.
„Was ist das?“, flüsterte Kikai.
„Das ist eines der Gebete, die wir auf Kinmoku zu Beisetzungen singen. Irgendwann werden wir alle wieder zu der Erde, aus der wir entstanden sind. Doch bis es soweit ist, bringen wir der Welt das Licht, Inspiration und eine Zukunft für unsere Nachkommen. Wir danken dem Verstorben dafür, dass er dies uns und dem Planeten gegeben hat, wie das näherende Wasser für eine erfolgreiche Ernte...“
„Krass...“, hauchte Kikai. Sie fasste Seiyas Hand. „Sprechen wir es für Shinko?“
„Ja.“ Seiya drückte die Hand etwas fester, als ihm bewusst wurde, dass sie nun an der Reihe waren. Hand in Hand betraten sie langsam die Halle, in deren Mitte ein Sarg stand. Ringsherum waren schon eine Menge Blumen aufgestellt worden. Er stellte die Blumen zu dem Umschlag, den Taiki von ihnen hingelegt hatte. Auch Kikai packte einen Umschlag mit Logo des Labels dazu. Seiya mochte nicht darüber nachdenken, wie viel Geld darin war. Aber das war im Augenblick auch gar nicht wichtig. Seiya schluckte und versuchte den Knoten im Magen durch ruhiges Atmen etwas zu lösen. Gemeinsam traten sie zum Sarg, in dem eine Scheibe eingelassen war. Sie verbeugten sich erst vor der Familie. Len lächelte traurig und nickte ihnen zu. Seiya war froh, dass Kikai ihnen die Traditionen etwas erklärt hatte. Er machte einfach das, was Kikai tat und hoffte dabei nicht in irgendein Fettnäpfchen zu treten. Nun verbeugten sie sich vor Shinko. Deren Gesicht sie durch die, in den Sarg eingelassene, Scheibe sehen konnten. Ohne Vorwarnung schossen ihm Tränen in die Augen. Shinko sah so friedlich aus, als hatte sie kein Leid auf der Welt erlebt. Ihre Gesichtszüge waren entspannt und jemand hatte sie etwas geschminkt. Sie falteten die Hände wie zum Beten, nahmen anschließend, noch immer ein wenig nach vorn gebeugt, ein wenig Weihrauch zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger. Sie führten es in Richtung Stirn, und dann zum Weihrauchbrenner. Das wiederholten sie zweimal, bevor sie für Shinko beteten.
Shinko... Wie ein Film zog das letzte Jahr vor seinem inneren Auge vorbei, wie Shinko sie aufgenommen hatte, sie sich langsam angenähert hatten, Len aufgetaucht war und sie die ThreeLights formten. Du hast uns so viel gegeben, aber vor allem Hoffnung..., sagte Seiya in Gedanken und unter Tränen. Zusammen mit Kikai sprach er kaum hörbar das kinmokische Gebet, bevor sie sich ein weiteres Mal vor Shinko und der Familie verbeugten.
Seiya war wirklich froh, als er die Halle für einen Augenblick verlassen konnte. Die Stimmung darin war zum greifen angespannt und emotional. Als er hinaus zu Yaten, Taiki und einigen anderen Angehörigen trat, hatte er das Gefühl endlich wieder richtig atmen zu können. Doch niemand sagte etwas. Was denn auch? Für Smalltalk war gerade der möglichst ungünstigste Zeitpunkt. Alle warteten schweigend, auf den nächsten Punkt des Rituals. Seiya wäre am liebsten geflohen. Diese Stille schaffte eine Menge Raum für Gedanken, die er immer versuchte fortzuschieben. Unweigerlich fragte er sich wie viele Trauerfeiern auf Kinmoku auf ihn warten würden? Welche würden ihn persönlich betreffen? Er wusste, dass die bittere Erkenntnis noch auf ihn wartete, doch wollte er es einfach nicht wahr haben. Wenn ihn Shinkos Tod schon mitnahm, wie würde es bei seiner eigenen Familie sein? Er versuchte die Hoffnung nicht zu verlieren, aber in solchen Momenten, half selbst ein Licht der Hoffnung nicht.
„Bitte...“ Der Mönch, der vorhin die Sutren gelesen hatte, bat sie nun alle wieder hinein. Dieses mal traten sie zu viert hinein. Wieder verbeugten sie sich vor der Familie und vor Shinko. Auch wenn Seiya wusste, dass der Sarg nun offen war, blieb ihm für einen Augenblick das Herz stehen. Wenn es denn ginge war die Stimmung in der Halle noch erdrückender. Auch wenn es tatsächlich ein paar schöne Traditionen waren, waren sie für Seiya einfach ein Qual. Als Taiki die Köpfe ihrer Rosen abschnitt und sie in den Sarg legte, lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Anschließend legte Yaten ihr gemeinsames Foto hinein. Kikai hatten den Songtext von „Hikari No Umi De‟ noch einmal schön abgeschrieben und Seiya legte die Noten von „Hallelujah“ dazu.
Hallelujah, Shinko, dachte Seiya, während er einen letzten Blick auf die Frau warf, die sie gerettet hatte. Er schluckt ein paar Tränen herunter und trat dann zu den anderen Angehörigen, die sich um den Sarg aufgestellt hatten. Dort standen sie so lange, bis wirklich jede Blume ihren Kopf verloren hatte und diese den Sarg samt Shinkos Lieblingsdingen füllten, sodass nur noch das Gesicht zu sehen war.
Das alles mit anzusehen, war schrecklich. Seiya wusste nicht was er denken sollte. Seine Kopf war voll und doch irgendwie wie leer gepustet. Langsam wurde er unruhig. Die ganze Stimmung und Shinko so liegen zu sehen, machte ihn mürbe. Sein Blick wanderte durch den Saal, seine Gedanken folgten ihm, nur um nicht mit der Endgültigkeit konfrontiert zu werden. Gerade als Seiya noch einen letzten Blick riskieren wollte, spürte er, wie Kikais Druck an ihren verkreuzten Händen stärker wurde.
„Seiya‟, flüsterte sie kaum hörbar. „Sieh mal!‟ Seiya sah erst Kikai verwundert an, dann folgte sein Blick in die Richtung, in die ihr Kopf möglichst unauffällig nickte. Wie Geister, kaum sichtbar, wie ein Lufthauch, schritt Helios mit zwei Frauen in den Raum, die Seiya nicht kannte. Sie schlängelten sich zwischen den Reihen hindurch, ohne von den Angehörigen wahrgenommen zu werden.
„Helios‟, murmelte Yaten neben ihm. Seine Gefährten sahen das also auch. Schnell sah er zu Len und Mamoru. Beide hatten überrascht die Augen aufgerissen. Mamoru sagte etwas, woraufhin Len nickte. Doch die anderen Menschen nahmen es nicht wahr. War der Anblick nur ihnen vorbehalten? Was machte Helios hier? Wollte er dem Mitternachtsstern die letzte Ehre erweisen? Und wer waren diese Frauen mit Duttfrisur? Plötzlich war sein Geist wieder voll da und eine Menge Fragen in seinem Kopf.
„Alter...‟, hörte er Yaten flüstern. Einen Augenblick später sah er auch, was Yaten so zu Schaffen machte. Der Mönch trat wieder vor. Was er sagte, bekam Seiya nicht mit, denn was an Shinkos Sarg passierte forderte seine gesamte Aufmerksamkeit. Helios und die beiden Frauen verbeugten sich tief vor der Familie. Einen Augenblick sah Helios genau in Mamoru und Lens Richtung. Dann wandte er sich ab, um sich vor Shinko zu verbeugen. Anschließend lehnten sich kurz über den noch offenen Sarg. Ihre Münder bewegten sich. Seiya wüsste zu gerne, was sie sagten. Aber am Ende war das egal. Die beiden Frauen ließen ein paar Mal die Hände über den Sarg gleiten, als plötzlich ein grelles Licht erschien. Es war so hell, dass Seiya die Augen zunkiff. Spätestens das mussten die anderen doch gesehen haben. Doch es blieb still im Raum. Nur das eintönige Gemurmel des Mönchs, erfüllte den Raum. Len sah geschockt in ihre Richtung. Seiya zuckte nur mit den Schultern.
„I-Ist das ihre Seele?‟, fragte Taiki fassungslos. Als Seiya zurück zum Sarg sah, verschlug es ihm fast die Sprache. Eine helleuchtende Lichtkugel, umgeben von feinem Nebel schwebte von Shinkos Körper in Helios Hände. Dieser hielt sie geborgen, während er sich noch einmal vor Len und Mamoru verbeugte, die angestrengt versuchten sich nichts anmerken zu lassen. Alle anderen schienen immer noch nichts zu bemerken. Ob Helios und seine Begleiterinnen wirklich da waren? Wie auch immer sie das anstellten, sie führten Shinkos Seele weg. Als Helios auf ihrer Höhe war, trafen sich ihre Blicke.
„Wir werden gut auf sie aufpassen‟, hörte sie Helios sanfte Stimme. Seiya nickte kaum merklich. Er hatte Gänsehaut bis zum kleinen Zeh und Tränen in den Augen. Es brauchte all seine Körperbeherrschung, Helios nicht nachzusehen. Das könnte er nicht ertragen. Er hatte so schon Probleme, das alles zu verarbeiten. Er spürte, wie Kikai einen Arm um ihn legte. Eine sehr kleine Geste, die ihn aber wieder etwas zurück in Jetzt holte. Helios war verschwunden und Shinkos Körper lag immer noch im Sarg. Es war als wäre nie etwas gewesen. Nur sein rasendes Herz erinnerte ihn daran. Dieses wurde schwer, als der Mönch und ein paar der Sargträger vortraten. Am liebsten hätte er „Nein‟ geschrien, aber er konnte es einfach nicht verhindern. Nach einem weiterem Gebet, wurde der Sarg wieder geschlossen.
Das war's.
Morgen würde Shinkos Körper den Flammen übergeben werden.
Einfach so.
Endgültig.

Bevor sie die Halle verließen, verbeugten sie sich noch einmal vor Shinko und vor der Familie. Mittlerweile war Seiya ein wenig schwindlig von all dem Räuchern und Verbeugen. Doch hoffte er, dass der Weihrauch all diese Erinnerungen ein wenig vernebelte, damit sie nicht mehr so weh taten.
Schnell verkrochen sie sich wieder in Kikais Auto.
„Mir ist immer noch übel, aber dieses Mal von all dem Weihrauch“, stöhnte Yaten. Dieser sah genauso fertig aus, wie Seiya sich fühlte.
„Mich wundert es, dass niemand der anderen Helios gesehen hat‟, meinte Kikai.
„Was will er denn mit Shinkos Seele? Soll sie bei ihm warten bis sie wiedergeboren wird?‟, fragte Yaten leise.
„Möglich.‟ Taiki zuckte nur mit den Schultern. „Vielleicht waren es auch die Überreste des Mitternachtssterns.‟
„Mamoru und Len haben es auch gesehen.‟ An einer roten Ampel sah Kikai die Jungs an. „Sie haben zumindest miteinander gesprochen. Ob Len ihm alles erzählt?‟
„Das wird er uns dann sagen. Seiya alles okay?‟, fragte Taiki, der neben den Schwarzhaarigen auf der Rückbank saß.
„Das war heftig...“, antwortete Seiya nur und fuhr sich geschafft über's Gesicht. Jetzt mit etwas Abstand aklimatisierte er sich zwar, dennoch würde es noch eine Weile dauern, bis er das verarbeitet hatte. Niemals hatte er bei der Flucht von Kinmoku gedacht, dass er jemals so um einen Menschen eines anderen Planeten trauern würde, dass sie so lange hier waren, dass sie solche Verbindungen aufbauen konnten. Kein Wunder, dass sich Yaten und Taiki immer so dagegen gewehrt haben. So wertvoll Freundschaften und Liebe auch war. Irgendwann kam der Punkt, an dem beides einfach nur weh tat.
„Es wird nie mehr dasselbe sein“, stellte Taiki fest, als sie nun das leere Anwesen betraten. Fast erwartete Seiya, dass Shinko aus einen der angrenzenden Räume kam und sie freudig anlächelte. Aber niemand war da. Nur die große Standuhr im Foyer schug unaufhörlich vor sich hin, als zählte sie auch ihre Lebenszeit ab.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Seiya und stand unentschlossen im Raum.
„Also ich ziehe mich jetzt erst einmal um. Ich rieche wie eine Weihrauchpflanze“, murrte Yaten und verschwand nach oben, als flüchtete er vor der Untätigkeit. Auf Yatens Worte hin, roch Seiya einmal an seinen Klamotten. Er rümpfte die Nase.
„Yaten hat recht.“
„Dann zieht ihr euch doch mal um und ich mache uns was zu Essen“, schlug Kikai vor.
„Ich habe zwar keinen sonderlichen Appetit, aber was im Magen zu haben, ist sicher nicht verkehrt.“ Seiya atmete einmal geräuschvoll aus. „Danke dir, Kikai.“
„Ach was.“ Kikai zwinkerte Seiya zu und ging dann in die Küche.
„Na komm.“ Taiki legte eine Hand auf Seiyas Schultern. Seiya nickte und folgte ihm nach oben. Am Treppenabsatz wäre Seiya beinahe in Yaten gelaufen, der wie angewurzelt einfach im Flur stand.
„Was hast du?“, fragte Taiki besorgt. „Wolltest du dich nicht umziehen?“
„Ja... aber...“ Yaten hatte Tränen in den Augen. „I-ich kann hier nicht mehr wohnen...“, fiepte er. „Alles hier erinnert mich an sie. Als würde sie jeden Augenblick zum Essen rufen.“
„Ich weiß, was du meinst.“ Seiya ließ sich einfach auf die oberste Treppenstufe sinken. Sie ächzte unter seinem Gewicht. Nach diesem Jahr wusste er haar genau, welche Stufen knarzten, welche ein wenig schief waren und dass die Unterste etwas höher war als die anderen, was ihn auch heute noch manches Mal aus den Tritt brachte. „Ich weiß auch nicht, ob ich es aushalte. Spätestens wenn Len zurück zur Uni nach Tokyo geht, wären wir hier alleine.“
„Warum gehen wir dann nicht auch nach Tokyo?“, gab Taiki zu bedenken, setzte sich zu Seiya und zog Yaten einfach mit sich. „Ongaku hat es doch schon Ende des Jahres vorgeschlagen. Zumal ich mir wirklich blöd vorkommen würde, wenn Len geht und wir hier bleiben. Er ist sehr gutgläubig, aber das muss nicht sein.“
„Das hatte ich, ehrlich gesagt, ganz vergessen“, sagte Seiya und lehnte den schweren Kopf gegen das Geländer.
„Es muss ja nicht gleich morgen sein, aber wir könnten sein Angebot annehmen.“
„Ich denke, Taiki hat recht. Vielleicht ist jetzt wirklich der Punkt gekommen, das hier-“ Yaten machte eine ausladende Handbewegung „alles abzuschließen und einen weiteren Schritt in Richtung Prinzessin zu machen.“
„Richtig.“ Taiki nickte. „Deswegen sind wir hier. Und Hand aufs Herz: eigentlich waren wir doch nur noch wegen Shinko hier...“
„Ich weiß.“ Seiya linste durch den Abstand zwischen zwei verzierten Holzteilen am Geländer hinab ins Foyer. In diesem Haus hatten sie so viele Erinnerungen gesammelt, hatten Zuflucht gefunden. Es war ein Zuhause auf Zeit geworden und das war eigentlich niemals beabsichtigt gewesen. „Vielleicht ist es besser.“ Bevor sie sich noch schwerer trennen konnten.
„Also, Anführer...“ Yaten sah Seiya eindringlich an. „Tokyo?“
„Tokyo!“ Seiya nickte, richtete sich aber wieder auf, als Kikai unten an der Treppe erschien.
„Was hockt ihr denn da? Wolltet ihr euch nicht umziehen?“ Seiya schmunzelte. So mit dem Kochlöffel in der Hand und die Arme in die Seiten gestämmt, sah sie schon etwas aus wie eine Mutter, die ihre Kinder ermahnte.
„Krisenrat!“, antwortete Taiki schlicht.
„Und was habt ihr beraten?“ Kikai hob eine Augenbraue.
Nun erhob sich Seiya und sah ihren Gefährten in die Augen.
„Dass wir Ongakus Angebot annehmen und nach Tokyo gehen.“
„Oh...“, machte Kikai, als der Beschluss der ThreeLights zu ihr duchdrang. Sie sah einen nach dem anderen abschätzend an. „Seid ihr euch sicher? Aus dem Affekt jetzt so etwas zu beschließen, ist nicht immer gut.“
„Ich denke es ist zu unserem Vorteil, wenn wir in die Hauptstadt ziehen?“, fragte Taiki mit schief gelegtem Kopf. „Habt ihr uns doch gesagt.“
„Ja das haben wir. Auch ich bin immer noch der Meinung, dass es eure Chancen verbessert, eure Prinzessin zu finden, weil ihr mehr machen könnt. Dennoch will ich, dass ihr das beschließt, weil ihr davon selbst überzeugt seid und nicht aus Trauer. Schlaft ein paar Nächte drüber und lasst erst einmal alles sacken. Len wird auch nicht gleich seine Zelte abreißen. Wenn ihr dann immer noch wollt, kümmere ich mich um alles.“
Seiya seufzte. Kikai hatte Recht. Auch wenn er sich sicher war, dass er in ein paar Tagen noch genauso darüber denken würde, sollten sie sich Zeit nehmen, dass alles einmal abzuschließen. „Ja Mutti...“, antwortete Seiya schließlich und grinste Kikai sehr schief an. „Aber ich gehe nicht ohne dich nach Tokyo...“ Auch wenn es klar war, dass Kikai sie als Managerin begleiten würde, wollte er es noch einmal aus ihrem Mund hören.
„Damit du weiter an meinem Rockzipfel hängen kannst?“ Kikai und Seiya grinsten sich an.
„Du trägst doch gar keine Röcke...“, stellte Seiya einmal fest.
„Du kennst die Antwort doch...“
„Ich gehe mich umziehen“, grummelte Yaten und erhob sich ebenfalls. „Diskutiert das mal aus.“
„Lassen wir sie alleine.“ Taiki verdrehte nur die Augen. Seiya sah seinen Gefährten mit erhobenen Brauen nach, dann ging er nach unten zu Kikai. Auf der letzte Stufe verwandelte sich Seiya zurück. Nur für einen Augenblick, wollte sie sie selbst sein.
„Bist du schon so abhängig von mir“, fragte Kikai lächelnd und steckte den Kochlöffel in ihre hintere Hosentasche.
„Das nicht, aber wer weiß, was ihr euch noch so alles überlegt. Nachher müssen wir irgendwleche ominösen Werbespots drehen und ekliges Zeug probieren...“
„Tatsächlich...“, überlegte Kikai.
„Was?“
„Nur Spaß. Werbespots gibt’s noch keine. Kann aber alles noch kommen.“ Kikai versuchte besonders unschuldig dreinzusehen. Seiya kannte den Blick. Jetzt wo das Thema Tokyo wieder im Raum stand, hatte sie bestimmt schon einige Ideen, wie sie ihre Schäfchen fordern konnte.
„Ich sage dir: Wenn wir irgendwas Ekliges probieren müssen, zwinge ich dich, das ebenfalls zu trinken!“ Seiya beugte sich etwas zu Kikai und piekste ihr mit dem Zeigefinger auf die Stirn.
„Mimimimi“, machte Kikai und schnappte nach Seiyas Hand. „Halt' einfach den Mund und küss' mich!“
„Hm … na gut...“ Seiyas Grinsen wurde breiter, kurz darauf trafen sich ihre Lippen. Wenns nur das war...


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Heute ist Totensonntag. Es ist reiner Zufall, dass dieses Kapitel auf genau diesen Tag fällt. Aber es ist wirklich passend. Das war nun das zweite „schwere‟ Kapitel.
Ruhe in Frieden, Shinko!

Auch hier habe ich trotzdem noch ein paar kleine Anmerkungen.
Der Titel dieses Kapitel setzt sich aus zwei wunderbaren Songtitel zusammen.
„Farewell‟ von Apocalyptica und „Time to go‟ von Mono Inc. Letzterer wude geschrieben, als der ehemalige Sänger von Mono Inc. bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Beide Songs sind auf meiner Soundtrack-Playlist, wer sie sich anhören möchte.


Das Gebet, was Seiya aufsagt, hätte ich sehr gerne selbst geschrieben, aber es stammt von der fabelhaften Band Nightwish. Einfach zauberhaft was sie alles in Worte packen können. The Harvest

Die Zeremonien finden teileweise noch genauso in Japan statt.
Wer mehr über Totenriten in Japan erfahren möchte, kann hier Lesen:
Japanische Beerdigung
Totenriten
Auch wenn es natürlich schwere Themen sind, ist es auch spannend, die Unterschiede zu sehen. Als ich vor Jahren mit meinem Mann in Wien war, waren wir sogar in einem Bestattungsmuseum... da die Wiener ja eine ganz besondere Verbindung zum Tod und den Riten haben. War wirklich spannend. Und ich finde diesen Weg … die letzte Begleitung des Toten einen sehr wichtigen Schritt, um richtig Abschied nehmen zu können. Und jede Kultur tut es auf ihre Weise.
Auf Inas und meinem Instagram-Accoount "talesofmoonandstarlight" könnt ihr heute noch einmal ein Bild von Shinko sehen. Schaut doch mal vorbei.

Eure Anki
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