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I Never Told You What I Do For A Living

von Die Hand
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteThriller, Tragödie / P16 / Gen
24.04.2021
24.04.2021
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Und obwohl ich weiß, dass sich die anderen einen Scheißdreck um mich scheren, ist es meine größte Angst, entdeckt zu werden. Das aber im Grunde normal, wenn man als Auftragskillerin arbeitet. Versteht mich nicht falsch, man bemerkt mich schon noch, nur manche meiner Taten nicht…

„Kassandra, du hast da etwas vergessen!“, fauchte Andrey, während er er mir die Bestellung der Station auf das ungeöffnete Paket klatschte, dessen Inhalt ich gerade kontrollieren wollte. „Schau mal- hier wurden bei vier Artikeln eine Menge eingetragen!“
„Andrey, die Mülltüten da…“
Er drehte das Blattbündel um und zeigte auf den angetackerten Warenabgangslieferschein.
„Und hier steht, dass nur drei Artikel gebucht wurden…“
Wenn es ihm so wichtig ist, warum biegt er es nicht persönlich gerade, anstatt mich zu der Zeit, in der sich die Lieferanten die Klinke in die Hand geben, deshalb auszuquetschen?
„Andrey, ich will ja nichts sagen, aber…“
„Vergreif dich nicht im Ton, junge Dame! Buch…“
„Hallo?“, kam es von der Wareneingangstür. „Kann mir bitte jemand von euch gegenzeichnen, dass ich die Pakete hier abgeliefert habe?“
„Naja, buch halt den letzten Artikel bitte auch noch im System ab!“ Und an den Lieferanten gewand: „Hey, du Sackgesicht! Willst uns wohl wieder mit Arbeit belästigen!“

Was für ein Heuchler. Zum Glück wird er am Ende der Woche nicht mehr leben.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem Stephen tränenüberströmt in das Büro (auch, wenn es genaugenommen mehr ein Hinterzimmer des Hinterzimmers war) meiner Agentur getaumelt kam. Ich war nur rein zufällig anwesend, da ich mir gerade die Belohnung für einen Mord abholen wollte, und bekam so mit, wie er einen oscarwürdigen Nervenzusammenbruch vorführte. Erst nach zwanzig Minuten verstanden wir, was sein Problem war: Er fühlte sich von Andrey Mahs gedemütigt.

Genau daran dachte ich nun, als ich die Bestellung der Station auf Andreys Platz legte und daneben einen Notizzettel klebte, der erklärte, dass ich die erwähnten Mülltüten deshalb nicht buchen konnte, weil sie kein Lagerartikel, sondern ein Durchläufer wären, also direkt nach der Bestellung bei einem der vielzähligen Lieferanten an die Station geliefert wurde, anstatt zuerst einen Zwischenschritt über das Lager zu machen. Ich fühlte ich zwar nicht direkt gedehmütigt von ihm, aber ich verstand, warum Stephen ihn nicht leiden könnte. Wäre Andrey nämlich fast 40 Jahre jünger, wäre er bestimmt einer von diesen nichtswissenden Klugscheißern, die unironisch „Nobody is perfect and I am nobody“ sagen würden, denn ich habe in meinem ganzen Leben nie eine Person gesehen, die ihre Fehler so sehr ausblendet, wie er es tut.

„W-wisst ihr? Ich habe jetzt schon so oft versucht, ihm zu erklären, dass er nicht über mich, sondern für mich entscheiden soll, aber er hört einfach nicht auf mich!“, schniefte Stephen an diesem Tag. Ich und mein Boss tauschten vielsagende Blicke aus. Nur, weil sich jetzt jemand übergangen fühlt oder seine Position in der Rangordnung nicht akzeptieren kann, bringen wir keinen um!
„Er besteht immer darauf, dass er weiß, was ich tun kann, und rechtfertigt so die Tatsache, dass er mir ununterbrochen Aufgaben gibt… Wisst ihr, ich arbeite seit August als Bufdi im Krankenhaus- im Lager, um genau zu sein. Die meisten Kollegen sind zwar nett zu mir und lassen mir meinen Freiraum, doch nur bei Andrey Mahs ist das nicht so… Er spielt sich so auf, als wäre ich sein Sklave und lässt mich nie das erledigen, was ich für Richtig halte. Es kam schon mehrmals vor, dass sich im Wareneingang die Pakete stapelten und er mir trotzdem verbat, dem Kollegen zu helfen, weil er Hilfe bei irgendwelchen Kommissionierungslisten von mir einforderte. Da war es ihm scheißegal, dass es in diesen Situationen sogar mehrmals vorkam, dass ein oder zwei andere Kollegen auch im Lager unterwegs waren, die gerade nicht so ausgelastet waren, dass sie ihm nicht helfen könnten- Hauptsache, ich durfte in dem Moment meinen freien Willen nicht nutzen! Sollte er jedoch für den Wareneingang eingeteilt worden sein, zwingt er mich immer dazu, die Pakete zu erledigen, die er für mich raussuchte, selbst, wenn ich bereits wusste, was ich machen sollte. Es kam auch mehrmals vor, dass er sagte, dass wir jetzt ein Paket zusammen machen könnten, nur, damit er mich das Ganze am Ende alleine machen lassen ließ. Oh, und habe ich erwähnt, dass er das gleiche ei den Kommissionierungslisten abzieht? Ab und zu hat er mir auch vorgegaukelt, dass ich mir heraussuchen dürfte, welche Bestellung ich machen könnte, nur, damit er am Ende mit einem ‚Stephen, die und die Bestellung hättest du doch gar nicht machen sollen, denn die sind doch viel zu schwer für dich- es gibt einen Grund, warum ich dir sage, was du tun sollst‘ ankommt.“
Es ist Februar und trotzdem denkt er, es gibt Bestellungen, die für ihn zu schwer wären?
„Bist du dir sicher, dass letzteres kein Missverständnis ist?“, fragte ich ihn, doch er schüttelte nur den Kopf.
„Dachte ich anfangs auch, aber selbst, nachdem ich ihm mehrmals sagte, dass ich jetzt die Bestellung einer bestimmten Station machen würde, kam er schon wieder im Nachhinein damit. Ich habe mich ihm sogar mehrmals in ein Gespräch verwickelt, in dem ich erwähnte, was ich vorhatte, um wirklich sicher zu sein, dass er wusste, was ich wollte, aber… Er ist halt so hinterhältig, und ich habe ihn trotz mehrmaliger Kritik nicht dazu gebracht, sich zu ändern.“

Was der letzte Satz bedeutete, musste ich persönlich erfahren, als ich anfing, im Lager zu arbeiten.
Vor einigen Monaten endete eine lange Serie von Ereignissen damit, dass im ein einer der Lagermitarbeiter ein Tumor entdeckt wurde. Da ich einerseits sowieso sein Umfeld infiltrieren sollte und ich andererseits sowieso mehr Geld wollte, bewarb ich mich auf die Stelle, die kurz nach seiner Krankschreibung ausgeschrieben wurde. Zwar ist sie fürs erste nur befristet, aber ich kann mir gut vorstellen, dass mich die Personalabteilung anflehen wird, zu bleiben, wenn jetzt noch ein Lagerlogistiker ausfällt… Dass manche Mord immer noch schlecht finden, obwohl er die Guten vor der Arbeitslosigkeit rettet und die Schlechten vom Antlitz der Welt bannt, ist mir ein Rätsel.

Liebe deinen Nachbarn so wie dich selbst. Ich kenne vielen, deren Eltern ihnen dieses Gebot mitgegeben haben, aber so wie Andrey drauf ist, würde es mich nicht wundern, wenn er das Gebot entweder nicht kennt oder sich nicht dafür interessiert.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte eine Stimme neben mir. Ich drehte mich zur Seite und erblickte diesen Sklaventreiber, der mit seinem blauen Pullover seine Rebellion gegen die obere Hälfte der Dienstkleidung feierte.
„Ja, Andrey, laut dem System sollten diese Monovetten hier gelagert werden, aber irgendwie kann ich sie nicht finden…“, entgegnete ich und drückte ihm die Packung mitsamt dem draufklebenden Post-It in die Hand. Er musterte erst die Packung, dann das Regal, dann erhob er seinen Arm… Und legte die Monovetten an den falschen Ort, während er leise stöhnte.

„Ähm, Andrey… Du hast den Artikel MON020 ins Fach vom MON009 gelegt.“
„Aber auf dem Zettel stand doch…“

Ich holte die Packung aus dem Fach, hielt sie ihm unter die Nase und zitierte: „Em-Oh-En-Null-Zwei-Null, gelagert in De-Null-Neun.“
„Ach so… Ich hatte nur das Ende von Dora-Null-Neun gelesen!“
Wenn er einen Fehler macht, ist er irgendwie ganz friedlich…
Während er mir die Packung aus der Hand riss, fragte ich mich, warum er nie fähig war, einfach kurz den Buchstaben zu sagen, anstatt einfach mal kurz ein Wort aus ihm zu formen. Einmal hatte er mir sogar erklärt, dass er mit Worten schneller fertig wäre als mit Buchstaben, aber da war ich mir auch nicht sicher, ob er sich in dem Moment nicht einfach selber verarschen wollte. Er kann einfach so oft, wie er will, hirnlos ‚Dora‘ oder ‚Konrad‘ schreien, wäre aber trotzdem schneller fertig, wenn er einfach nur ‚D‘ oder ‚K‘ sagen würde.

Er musterte kurz das Regal, dann stöhnte er etwas lauter, während er die Packung an den richtigen Ort hievte. Dabei fragte ich ihn: „Wenn dir schon das Hochheben so eines leichten Teiles solche Schmerzen verursacht, dass du stöhnen musst- solltest du dich dann nicht lieber zuhause auskurieren, anstatt hier zu arbeiten?“
„Die Schmerzen habe ich nicht wegen den Monovetten, sondern wegen einer Entzündung im…“
Er hielt inne, als er realisierte, dass die Lagerleiterin nach ihm rief, dann zog er ab, während ich mich fragte, wie jetzt so eine Antwort mein Argument, dass er nicht arbeiten sollte, während er Schmerzen hatte, entkräftigen sollte. Aber was erwartete ich eigentlich von so einem Abschaum wie ihm? Schimpfte sich Ausbildungsleiter,…


„...macht sich aber nicht die Mühe, mich aber auch tatsächlich auszubilden“, erklärte er mir, nachdem er von Andrey einige Stunden später dafür kritisiert wurde, Waren falsch auf eine Palette geladen zu haben. „Er wurde extra von der Lagerleitung ausgewählt, mein und der Ausbildungsleiter aller Bufdis und Bufdinen hier zu sein, damit er mir so etwas erklärte, aber er hat sich jetzt in der Hinsicht nie wirklich hervorgehoben. Es waren immer nur andere, die mich einarbeiten mussten, während er immer nur dann kam, wenn ich einen Fehler gemacht hatte, damit er mir erklären konnte, wie man es richtig machen würde! Ich weiß nicht mal, warum die Lagerleiterin so versessen darauf ist, ihn als Ausbildungsleiter einzusetzen, denn die Tatsache, dass er mal in einem Pfadfindercamp für Kinder gearbeitet hat, ändert nichts daran, dass er irgendwie schlecht mit Menschen umgehen kann… Es kam übrigens schon mehrmals vor, dass er seine Bevormundung damit rechtfertigte, dass er eh am Besten wisse, was ich tun könne, und, dass andere eh zu ihm kommen würden, wenn ich einen Fehler machen würde. Jetzt bestraft er mich sogar schon dafür, dass andere mich fürchten!“
„Ein Dilemma…“, murmelte ich. „Um beweisen zu können, dass du eigene Entscheidungen treffen kannst, müsste er dir auch freie Hand lassen, aber solange er dir keine Chance dazu gibt, wird er sich weiter daran aufgeilen, dass er es besser als du weißt- doch mit welchem Recht entscheidet er für dich?“


Ich hielt inne, dann philosophierte ich: „Eine Beziehung ist ein ständiges Geben und Nehmen von beiden Seiten, doch er nimmt dir nur deinen freien Willen, ohne dir im Gegenzug zum Beispiel Dankbarkeit zu geben.“
In unser Schweigen brüllte Andrey aus der Ferne einen Krankenpfleger an, dass im Moment nur zwei Personen hier unten zu finden wären, und erklärte das damit, dass Bufdis nie zum Personal gehörten und das auch nie werden.

„Auch ich werde bald einer Person etwas nehmen, in der Hoffnung, dass mir dafür etwas gegeben wird.“
„Keine Sorge, Kassandra“, erwiederte Stephen auf meine kryptische Erklärung. „Ich bin zum Beispiel auch bereit, zu geben…“

Als ich mich dann etwas später zum Umziehen bereit machen wollte, hörte ich, wie Andrey seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schreien, nachging.

„...Wenn ich sage, dass du zu mir kommen sollst, wenn du nichts zu tun hast, dann meine ich das auch ernst genug, dass du dem nachzufolgen hast“, fauchte er.„Da ist es egal, ob Camilla so aussieht, als ob sie jetzt Hilfe gebrauchen könnte, oder, ob jetzt Bestellungen von den Stationen im Lager auf silberne Wägen verladen werden könnten!“
Ich stand auf, verließ den Pausenraum und bog um mehrere Ecken, bis ich im Lager landete.

Angelehnt an einen Tisch stand der Sklaventreiber, der mehrere Kommissionierungslisten in der rechten Hand hielt und dem zitternden Stephen erklärte: „Weißt du… Ich weiß nicht ohne Grund, was ich dir zutrauen kann, und…“
„Aber ich kenne meine Fähigkeiten doch auch!“, unterbrach der Bufdi ihn. „Warum muss ich dir das überhaupt beweisen? Die anderen wollen doch auch nicht, dass ich mir das Recht, Entscheidungen zu treffen, erst erarbeite!“
Andrey sah seinen Kollegen mit einem durchdringenden Blick an. Was ihm wohl durch den Kopf ging? Entschuldige dich dafür, dass du fast drei Monate vor dem Auslaufen deines Vertrages nicht mehr wie ein Neuling behandelt werden willst?
Auf jeden Fall meinte er nach einem zehn sekündigen Schweigen nur: „Stephen, mach die Listen!“

Nachdem er sie ihm die Hand gedrückt und ihn beobachtet hatte, wie er zwischen den Regalen verschwand, wandte er sich an mich: „Weißt du… Bufdis sind wie die eigene Ehefrau oder die eigenen Kinder… Ihnen muss man sagen, was sie zu tun haben, damit sie wissen, was ihr Platz ist.“
Woah. Ich berührte meine Brüste. War ihm nicht klar, dass er mit seinem Sexismus vor einer Frau angab?
„Denkst du nicht, dass er etwas Freiraum verdient hat? Er geht ja schon Ende Juli, außerdem scheint er ein Problem mit dir zu haben…“
„Problem? Das sollte er mir besser erklären, als dich vorzuschicken! Wie soll er denn die Sache lernen, wenn er nur genervt reagiert?“
Ich verdrehte die Augen, und entgegnete: „Er hat sich gerade erst bei dir darüber beschwert, dass du ihm scheinbar die Freiheiten, die er gerne hätte, vorenthältst, und du reagierst nur, indem du deine Befehle wiederholst. Wenn ich er wäre, hätte ich auch keine Lust mehr, mit
dir zu diskutieren- warum auch? Du schickst ihm die ganze Zeit gemischte Signale, und wie soll er dir denn glauben, dass du dich interessierst, wenn du ihm gleichzeitig zeigst, dass es dir doch egal wäre! Und warum muss er überhaupt immer den ersten Schritt tun und seine Gefühle offenlegen? Es ist schon mehrmals passiert, dass er nicht gerade erfreut reagiert hat, wenn du etwas von ihm wolltest. Warum kannst du nicht von dir aus auf ihn zugehen und ihn fragen, ob du ihn verärgert hast?“

Mit verzehrter Fratze sah ich ihn an. Komm… Zeig, dass etwas Gutes in dir steckt!
„Kassandra…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich mag den Kleinen wirklich sehr, aber… Ich weiß wirklich nicht, wie ich ihn anfassen soll, denn wir hatten die letzten paar Jahre nur Bufdinen im Lager!“
„Wie wäre es, wenn du ihn dann so behandelst, wie du die Bufdinen behandelt hast?“ Gerade noch konnte ich verhindern, dass ich noch ein ‚Du Pedo‘ dranhing. Ich bin mir sicher, dass Stephen solche Berührungen nicht verschwiegen hätte… „Du musst wissen- die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind nur in deinem Kopf!“


Was machte ich hier überhaupt? Sollte die Polizei doch herausfinden, dass er an einem unnatürlichen Tod gestorben ist, würden sie mich eh verdächtigen, weil sie früher oder später eh von diesem Streit erfahren würden!

Andrey lachte auf: „Ihr Femnazis geht mir so etwas von auf dem Sach! Am Körper eines Menschen darf man das Geschlecht nicht festmachen, denn dann wäre man transphob, doch gleichzeitig soll man das auch nicht an irgendwelchen Charaktereigenschaften machen, weil man dann sexistisch wäre! Wie soll man dann wissen, was männlich und was weiblich ist?“
„Du bist lustig! Stellst hier Fragen über Femznazis einer Feministin!“
„Ach?“


Unwillkürlich musste ich plötzlich an eine Frau denken, die einst in eine Diskussion mit mir verwickelt war. Die begründete ihren ihrer Meinung nach nicht vorhandenen Sexismus gegenüber Männern auch immer damit, dass ihr Vater und ihr Bruder ja wüssten, dass sie ja nicht alle Männer meinen würde, wenn sie irgendwelche Argumente mit „Alle Männer…“ beginnen würde. Beide wollten wohl A meinen, sagten aber trotzdem B.

„Andrey, wenn du auf diese Frage wirklich eine Antwort willst, solltest du mich nicht als Femnazi beschimpfen. Ist dir überhaupt klar, dass dieses Wort ein Widerspruch in sich ist? Feministen wollen Gleichheit und Gerechtigkeit, während Nazis eine Welt begehren, in der eine Elite aufgrund von rassistischen Vorurteilen lebt! Aber genug davon- ich habe bald einen Zahnarzttermin und sollte mich deshalb echt umziehen…“

Das war jedoch nur eine Halbwahrheit, denn meine Zahnärztin Luca hatte sich dieser Tätigkeit nur nebenberuflich verschrieben. Hauptberuflich war sie Giftmischerin.

„Also… Was weißt du noch einmal über das Opfer?“, fragte sie, während ich mich auf dem Stuhl in ihrem Büro breitmachte. Sie wusste zwar genügend über Andrey, da ich ihr in den letzten Monat genügend Informationen über ihn geliefert hatte, aber mit der Zeit hatte es sich trotzdem bei uns eingespielt, dass ich ihr noch einmal die wichtigsten Fakten über mein Zielobjekt vor meinem Mord noch einmal lieferte.
„Er ist etwas über fünfzig, mehrmals geschieden und Vater von zwei Söhnen und einer Tochter. Schon seit langem plagen ihn mehrere Krankheiten, zum Beispiel hat er Herzprobleme und leidet unter einer Entzündung im Halsbereich und Atemschwierigkeiten. Mehrmals ließ er deswegen auch schon die Arbeit liegen, um wegen seinen Wehwehchen eine medizinische Fachkraft aufzusuchen, doch wirklich freigenommen, um sich auszukurieren, hat er sich noch nicht. Als Ausbildungsleiter im Lager des Krankenhauses ist er eigentlich dafür zuständig, die Bufdis und Bufdinen in ihre Aufgaben einzuarbeiten- ich sage eigentlich, da für ihn dieser Titel mehr symbolische Kraft hat. Lauf den Aussagen mehrerer Lagerkräfte hat er sich in besagter Einarbeitung nie wirklich hervorgehoben und musste sogar mehrmals dazu gezwungen werden, seinen Untergebenen etwas zu erklären- erst vor einigen Wochen zum Beispiel musste ihn die Lagerleiterin dazu zwingen, unserem Auftraggeber Stephen das Nutzen der elektrischen Ameise beizubringen.
Trotz allem aber fordert er von den Rangniedrigeren bedingungslosen Gehorsam und den Willen, nicht seine Heuchelei zu hinterfragen, denn es kam mehrmals vor, dass er von den anderen Sachen forderte, die er nie im Leben persönlich tun würde. Es kam schon einmal vor, dass er von Stephen forderte, die vom Betrieb gestellte Jacke zu tragen, obwohl er statt einem weißen Kasack, der zur Betriebskleidung gehört, immer nur einen blauen Pulli trägt, oder Stephen mehrmals darüber aufklärt, dass er eine Aufgabe nach der anderen tun soll- außer, Andrey hat im Moment nicht das Interesse daran, etwas zu erledigen, denn dann soll Stephen alles stehen und liegen lassen, damit er es nicht tun muss.
Dieses Verhalten führt dazu, dass Stephen immer genervter mit ihm wurde und sich am Ende regelrecht gedemütigt von ihm fühlte, weil ihm das vorenthalten wurde, was er sich so sehr wünscht: Freiheit. Mehrmals hatte der junge Mann schon versucht, Andrey zu erklären, was ihm an seinem Verhalten nicht gefiel, doch trotz allem tut der Sklaventreiber so, als ob er nicht wüsste, was Stephen gegen ihn hätte.“
„So, wie sich das anhört, ist es ein Wunder, dass die Lagerleiterin noch zulässt, dass er sich um die Freiwilligen kümmert… Ich weiß, er hat scheinbar schon früher noch mit Kindern gearbeitet, aber trotzdem scheint es mir unwahrscheinlich, dass nur dir und Stephen das Verhalten nicht gefällt.“
„Er ist wohl nicht der einzige, für den die eigene Heuchelei unsichtbar ist… Aber es ist gut, dass Stephen uns auf ihn angesetzt hat, denn ich will nicht wissen, wie eine Person auf ihn reagieren wird, die geistig nicht ganz so stabil ist wie Stephen… Aber wenn Andrey sich nicht selber ändern will, na dann…“

„Es scheint fast schon zu sein, dass er von anderen erwartet, formbar wie Knetmasse zu sein, während er ein Felsen bleiben soll. Wenn er jedoch den Widerstand der heucheleihassenden Helden als eine brennende Kerze im Wind ansieht, dann dürfen wir das selbe allerdings auch mit seinem Leben tun…“
„Aber mal davon weg… Was für ein Gift hast du heute für mich vorbereitet?“


Luca zog zwei Phiolen aus einem Fach und überreichte sie mir.


„Ich nenne das Gift… Aspasia. Schon kleinste Mengen können einen Herzinfarkt auslösen, und da Andrey schon immer Herzprobleme hatte, wird es für Außenstehende so aussehen, als ob sich die Tatsache, dass er sich lieber in die Arbeit stürzte, anstatt sich einer rettenden Operation zu unterziehen, Medikamente zu nehmen oder sich wenigstens eine körperlich weniger anspruchsvolle Arbeit zu suchen, schließlich gerächt hat. Und selbst wenn seine Leiche untersucht wird- seine Blutwerte werden sich durch das Gift so minimal verändern, dass niemand eine Manipulation vermuten wird!“
„Aber… Was wäre, wenn jemand versucht, ihn wiederzubeleben? Ich kann ihn schlecht so liegen lassen, wenn er vor meinen Augen zusammenbricht- weißt du überhaupt, wie verdächtig es wirken würde, wenn ich nur zuschauen würde, wie er stirbt?“
Keine Sorge, das Gift beschleunigt die negativen Effekte eines Herzinfarktes. Und selbst wenn er überleben würde, glaube ich nicht, dass so schnell wieder zum Möchtegern-Ausbildungsleiter wird. Ob sich Stephen jedoch damit zufriedengeben wird, ist jedoch eine andere Frage… Woher hat er denn überhaupt das Geld, um sich dich leisten zu können?“
„Ich…“

Gute Frage. Er verdiente mit knapp 715 Euro pro Monat etwas mehr als der Durchschnittsfreiwillige, aber trotzdem ist es irgendwie ein Wunder, dass er sich überhaupt eine Assassinin leisten kann. Meine Agentur verlangte selten weniger als 20.000 Euro pro Mord, und die Tatsache, dass wir aufgrund der langen Vorlaufzeit noch Extragebühren verlangten, konnte Stephen im Grunde froh sein, dass wir nur knapp 80.000 Euro von ihm verlangten- und wir waren die Billigsten in einem Umkreis von 15 Kilometern! Im Grunde wusste ich nicht mal, woher er das Geld für den Vorschuss hatte…

„Guter Einwand. Da er allerdings fähig war, die Vorauszahlung zu überweisen, wollte ich jetzt seine Geldquellen nicht hinterfragen. Mach dir keine Sorgen, du bekommst deinen Anteil vom Gewinn!“

Ich konnte es Luca nicht verübeln, geldgierig zu sein. Während der Corona-Pandemie, in der Luca noch eine einfache Schülerin war, verloren sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater ihre Jobs und sie standen mehrmals kurz davor, obdachlos zu werden. Kein Wunder, dass sich Luca schon in der zweiten Welle nach kriminellen Möglichkeiten umsah, mit denen sie ihren Geldbeutel füllen konnte..

„Hast du dir jetzt eigentlich Neo Cab schon geholt?
Sie schüttelte den Kopf, und ich stöhnte.

„Ich hab dir jetzt bestimmt schon mehrmals das Spiel empfohlen, woraufhin du mir immer versprochen hast, es zu kaufen!“
„Hmpf. Sobald Andrey tot umfällt, vielleicht. Ich hab von meinem Vater schon genügend fragwürdige Geschichten aus seiner Taxizeit gehört, dass das Spiel noch warten kann…“
„Lass dich davon nicht unterkriegen, denn das Spiel hat echt vielseitige Charaktere…“


Als ich am Tag darauf aufwachte, waren es nur noch zwei Tage bis zu Andreys geplanten Tod. Ich wollte ihm zwar am Donnerstag das Gift in sein Mittagessen, dass er immer bis zur Mittagspause fahrlässig im Kühlschrank lagerte, mischen, aber Vorbereitungen für einen Notfall wollte ich schon trotzdem heute treffen…

„Stephen, hör auf damit!“
Ich kam gerade rechtzeitig aus dem D-Gang, um zu sehen, wie Stephen, der gerade eine Kiste auf einen silbernen, flachen Wagen stellen wollte, mitten in der Bewegung innehielt und sich daraufhin zu Andrey umdrehte, der aus dem Wareneingang geschossen kam.

„Dein Platz ist draußen an meiner Seite, wo du die gelieferten Pakete mit mir kontrollieren sollst. Für die Leute im Lager sollst du nicht die Arbeit erledigen!“
„Aber… Kassandra war doch bis gerade eben noch hinten und hat nicht bemerkt, dass der Transportdienst diesen Waren zurückgebracht hat, und du warst zu beschäftigt, um mir den freien Willen wegzunehmen, weil du den DHL-Typen anbrüllen wolltest!“
„Stephen, ich weiß, was du kannst, also fang gefälligst keine Diskussion an!“

„Ich kenne aber meine Fähigkeiten aber auch!“
„Nein, nein!“
„Doch, doch!“, rief ich, während ich näher kam. „Stephen, hör nicht auf ihn- ich bin dir sehr dankbar, dass du mir hilfst!! Andrey, kommst du mal kurz…“


Am anderen Ende des Lagers sah ich ihn enttäuscht an. „Du solltest Stephen echt in Ruhe lassen. In knapp vier Monaten hat er schon seinen letzten Arbeitstag- musst du ihn da echt noch jeden Schritt vorschreiben oder gleich so wütend werden, wenn er mal nicht das tut, was du willst? Ich habe schon mehrmals mit ihm gesprochen und er hat wirklich das Gefühl, dass du ihn für irgendetwas bestrafen willst!“
„Das will ich nicht, du musst nur wissen… Ich habe schon früher mit jungen Erwachsenen gearbeitet, weshalb
unsere Chefin mich zum Ausbildungsleiter ernannt hat!“
„Du hast meine Frage gerade beantwortet, ohne sie zu beantworten. Sag, hast du die anderen Leute auch immer zum Weinen gebracht? Erst letztens musste ich Stephen trösten, weil du vor der Lagerleiterin rumgenörgelt hast, dass du letzten Freitag keine Hilfe bekommen hattest, uns als Stephen dazukam und dich daran erinnerte, dass er dich an diesem Tag auch fleißig unterstützt hatte, hast du ihn nur zusammengeschissen, weil er gelauscht hatte! Schlimmer noch- mehrmals
bist du zu ihm gekommen, um ihm zu erklären, was für ein schlimmer Vertrauensbruch das wäre, und damit angegeben, dass du anders als die angeblich zu blumige Welt nie damit aufhören willst, offen und ehrlich zu sein, hast du auch noch! Ist dir denn nicht klar, dass das das Schlimmste ist, was man einer Person sagen kann, die wegen dir sowieso schon weint?“
„Wenn diese Schneeflocke das schon so schlimm findet, dass sie sich bei dir ausheulen muss- warum beschwert sie sich dann nicht bei mir persönlich?“
„Warum sollte er das schon wieder machen? Wie oft hast du ihn jetzt absichtlich so stark verletzt, dass er nur noch heulen konnte, weil es dir egal war, dass er dich kritisierte? Und wie oft hat er dich jetzt schon gebeten, dass du mit ihm entscheidest und nicht für ihn? Er will gleichberechtigt sein, nicht dein Sklave und Boxsack! Verdammt noch mal, er ist volljährig, wenn er also sagt, dass er seine Fähigkeiten kennt, dann glaub ihm das auch und widersprich ihm gefälligst nicht!“

„Ich habe mehrere eigene Bufdinen begleitet und auch eigene Kinder großgezogen, sag mir also nicht, wie ich arbeiten soll!“
„Gestern hast du noch behauptet, dass du aufgrund seines Geschlechtes nicht wüsstest, wie du ihn behandeln sollst! Wechselst du deine Meinung mit jeder Erdumdrehung oder hast du mit dem Wort ‚berühren‘ tatsächlich sexuelle Belästigung gemeint? Wenn ja, dann sage ich dir im Namen von mir, Stephen und allen anderen Bisexuellen, dass du eine Schande…“
„Kassandra?“, tönte es von hinter mir. Ich drehte mich um und erblickte die Lagerleiterin. „Kann das warten? Auf der Rampe außerhalb des Wareneingangs wartet jemand auf dich…“


Während die Handschellen meine Handgelenke umschlossen, konnte ich die Polizistin nur verwirrt anstarren, erst danach entflog mir ein „Hä?“
„Frau Kassandra Blofeld, Sie werden hiermit aufgrund des dringenden Tatverdachts…“
„Sie haben mir bereits erklärt, was ich Ihrer Meinung nach vielleicht gemacht haben könnte. Aber wie kommen Sie gerade auf mich?“
„Da sollten sie sich bei Stephen beziehungsweise bei Ruslan, wie er eigentlich heißt, beschweren. Das war sein letzter Fall, bevor er sein Dasein als Untercover-Ermittler an den Nagel hängt, und offenbar kann er mit einem Knall gehen…“

„Da hat sie recht. Wir waren eurer Agentur schon seit einer Weile auf der Spur, also hat man mich aufgrund meines jugendlichen Aussehens ausgewählt, euch eine Rolle eines Bufdis, der mit seinem Ausbildungsleiter unzufrieden ist, vorzuspielen“, ergänzte Stephen- oder Ruslan?
„Und… Andrey?“
„Er arbeitete tatsächlich hier. Gemeinsam mit den anderen Lagermitarbeitern hat er geholfen, die Illusion aufrecht zu erhalten.“
„Aber…“
„Keine Sorge, im echten Leben ist er ein ganz Netter, auch, wenn ich sagen muss, dass er stellenweise schon etwas von einem Kontrollfreak hat… Ähnlich ist es bei mir. Das Einzige, was ich mit meiner Rolle gemeinsam habe, ist meine Sexualität,  mein Geschlecht und meine feministische Neigung…“

„Aber… Meine Agentur…?“
„Wir haben schon deinen Boss und diese Luca eingefangen, bei einigen anderen Assassinen sind wir schon auf der besten Spur. Da wir auch ohne meine Erfahrungen genügend Beweise wie zum Beispiel Audio-Aufnahmen oder Rechner…“

„Leute!“ Ein anderer Polizist kam auf die Rampe gerannt. „Andrey ist zusammengebrochen!“
„Aber wie…“
„Die Hauptdosis des Giftes wollte ich am Donnerstag in sein Essen mischen. Für den Fall, dass er an diesem Tag nichts von Zuhause mitbringt, habe ich ihm heute Morgen etwas Gift in seine unzählige Wasserflaschen im Spind geschüttet- da hat er sich wohl die falsche Flasche gegriffen… Mit etwas Glück überlebt er es, aber selbst dann könnte es sein, dass man dich trotzdem ins Gefängnis schickt, weil du mich zum Mord angestiftet hast, Ruslan!“

Ich lächelte in die Runde: „Ihr hättet mich Monate früher festnehmen sollen!“

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Hi,
diese Geschichte habe ich im Rahmen des Wettbewerbs Für andere unsichtbar geschrieben! Ich hoffe, sie gefällt euch, auch, wenn sie größtenteils düsterer als das ist, was ich sonst schreibe...
Grüße,

Omega aka Die Hand
 
 
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