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In Liebe, dein Vaterland

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P18 / Het
24.04.2021
23.06.2022
15
59.215
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23.06.2022 3.534
 
4. August 1939, Berlin


Marie




„Marie?“

Ein kurzer Blick in das Gesicht ihres Mannes genügte Marie Schäfer. Im ersten Moment sah er überrascht, ja beinahe überrumpelt aus, aber dann fasste er sich wieder. Im nächsten Moment sah er sie wütend an.
„Was machst du hier?“
Ihr Herz zog sich bei diesen Worten schmerzhaft zusammen.
Was hatte sie denn erwartet?
Es war töricht gewesen, unangekündigt hier in aller Frühe aufzutauchen. Ihre blaugrünen Augen senkten sich schnell Richtung Fußboden und hefteten sich an die Fußmatte. Sie fühlte sich unendlich müde. Die Reise hatte sie erschöpft.

Sie war in Hannover mitten in der Nacht abgefahren, um Wilhelm noch vor seinem eigentlichen Arbeitsbeginn abzupassen.
Der kühle Tonfall ihres Mannes und das wachsende Gefühl unerwünscht zu sein prallten ihr mit voller Wucht entgegen und holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Es schnürte ihr den Magen zu. Selbst in Berlin würde sich nichts für sie ändern. Natürlich nicht.
„Willi …-“

Bereits auf der Zugfahrt waren ihr Zweifel an ihrem handeln gekommen. Aber ihr Schwiegervater hatte sie pausenlos dazu gedrängt. Sie hatte keine andere Wahl gehabt, als herzukommen. Sie strich sich fahrig eine Haarsträhne aus der Stirn.
Das hellbraune Haar hatte sie sich erst letzten Montag blond färben lassen. An die neue Haarfarbe und den neuen Schnitt musste sie sich erst noch gewöhnen. Ständig kitzelte sie eine vorwitzige Haarsträhne im Gesicht.  

„Ich kann dir das erklären.“
Sie versuchte ihm in die Augen zu sehen.
Sie war das viele Warten leid.
Schließlich gab es bereits Gerede über Wilhelm, der mit einer anderen Frau in Berlin zusammenlebte. Sie hatte sich bemüht das zu ignorieren. Es hatte sie mehr verletzt, als sie sich eingestehen wollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas wahres an diesem Gerede daran war, konnte sie nicht so leicht von der Hand weisen.

Das Gerücht war schließlich auch ihrem Schwiegervater zu Ohren gekommen. Gustav von Reichenhall hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie mit Wilhelm diese Angelegenheit unverzüglich zu klären hätte. In ihrer Familie gab es keine Scheidungen oder problematische Beziehungen und noch viel weniger außereheliche Kinder. Und nun stand sie hier vor seiner Tür und brachte fast keinen Ton raus. Sie war sich vollkommen im Klaren darüber, dass Wilhelm immer noch seltsam still war.

„Darf ich hereinkommen?“, fragte Marie vorsichtig.
„Ja, natürlich“, sagte Wilhelm nach einer kurzen Weile. Für einen kurzen Moment zögerte er jedoch beiseitezutreten, um sie reinzulassen. Marie nahm ihm die Entscheidung schließlich ab und ging an ihm vorbei in den Wohnungsflur.
„Ich habe aber nicht viel Zeit, Marie. Ich muss gleich los zur Arbeit“, sagte er, als er die Tür wieder schloss und sie in Richtung der Küche lotste. Sie drehte sich zu ihm um. „Was machst du hier?“, fragte er noch einmal. „Ist etwas mit Louisa?“
Sie hatte sich hundert Sätze zurechtgelegt, aber jetzt fiel ihr kein einziger mehr ein. Wie erklärt man seinem Ehemann, warum man sich über seinen Willen hinweggesetzt hat? Denn genau hatte sie getan. Sie hatte sich seinem Willen widersetzt. Wohlwissend, dass er sie im Moment nicht sehen wollte, geschweige denn hier brauchte.

„Nein, Louisa geht’s gut. Ich hätte dir Bescheid geben sollen, Willi. Bitte entschuldige. Es gibt Gerede über uns. Gustav verlangt das wir das klären“, begann sie leise. Sie blinzelte nervös und musste ihren Blick abwenden.
Das Gefühl bei ihm unerwünscht zu sein, bestätigte sich, als er ihr einen erleichterten Blick schenkte und antwortete: „Was für Gerede gibt es denn über uns, Marie?“

Sie gingen den Flur entlang.

„Ich …- Die alte Schubert erzählt überall herum, dass wir uns Scheiden lassen und du mit einer anderen Frau hier lebst. Die halbe Nachbarschaft redet über uns. Gustav hat es bei seinem letzten Besuch von der Schubert im Treppenhaus unter die Nase gerieben bekommen, dass du ein Ehebecher bist. Sie hat behauptet, du hättest uns im Stich gelassen um in Berlin in saus und braus zu leben.“
„Reizend. Das klingt eindeutig nach mir und mein Vater glaubt der Alten ihre Märchengeschichten?“, brummte Wilhelm verstimmt. „Gustav hätte dich deshalb nicht mitten in der Nacht durch das halbe Reich schicken müssen. Erst recht nicht allein. Warum hat er mich nicht angerufen?“

Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Oh, er hat versucht dich zu erreichen. Als er dich mehrfach nicht erreicht hat, wollte er mich herfahren. Er wollte ein paar Tage hier bei uns in Berlin bleiben, aber ich habe das abgelehnt und ihm gesagt wir würden das unter uns klären. Ihr beide streitet euch in letzter Zeit zu oft. Und ich wollte das vermeiden.“
„Ich fasse es nicht, dass ihr beide euch von der Schubert so verrückt machen lasst. Wir lassen uns nicht scheiden und ich habe auch keine andere Frau.“
Marie musterte ihn.

„Du solltest mich nicht anlügen. Wenn du könntest, wie du wolltest dann …-“
„Es gibt kein dann“, wies Wilhelm ab. „Wie könnte ich das Louisa erklären?“
Marie gab ein Schnauben von sich.
„Du meinst eher, wie könnte ich das meinen Vater erklären. Louisa ist da doch nur zweitrangig.“
„Das entspricht nicht der Wahrheit. Unsere Tochter bedeutet mir alles, Marie.“
„Tut sie das? Man würde meinen deine Arbeit bedeutet dir alles und Louisa kommt erst sehr weit danach.“

„Hat mein Vater dir das eingeredet?“, fragte Wilhelm scharf.
„Gustav hat nichts dergleichen gesagt. Er erwartet, dass wir uns wieder miteinander arrangieren. Am liebsten in Form eines weiteren Enkelkindes. Für ihn wäre die Sache damit erledigt“, gab Marie leise zurück.
„Es wird kein weiteres Kind geben. Du weißt, warum das so ist. Denk dir etwas aus, dass du ihm erzählen kannst, um das ein für allemal zu erklären.“
Marie biss sich auf ihre Zunge und senkte den Blick. Seine Worte trafen sie unvorbereitet.

Sie sah ihn entrüstet an.
„Warum nicht? Vielleicht sollten wir das versuchen …“
Sie bemerkte seinen Blick und verstummte.
„Marie … Ich werde mit dir keine weiteren Kinder bekommen“, erklärte er ruhig und fuhr sich mit seiner linken Hand über das Gesicht.  
Sie schloss ihre Augen.
„Also gibt es doch eine andere Frau? Ich würde dir keinen Vorwurf machen. Ich will es nur wissen“
„Wie kommst du darauf?“, fragte er verwirrt.
„Weil es das naheliegendste ist und ich keine Idiotin bin, Wilhelm.“
„Es gibt keine andere Frau.“

Sie sah sich um. Seine Wohnung ähnelte nicht einmal ihrer gemeinsamen Wohnung in Hannover. Sie hatte sich vorgestellt, wie er ohne sie in Berlin lebte. Das es keinerlei Hinweise auf seine Familie geben würde. Keine Fotos an der Wand, keine Anzeichen für ein Privatleben.
Es überraschte sie, wie nah ihre Fantasie der Realität kam. Sie hatte sich unzählige Male vorgestellt, wie er in Berlin leben würde. Das hier ziehst du
also deiner Familie vor, dachte sie, als ihr Blick zu ihm zurück glitt.
„Ich war am überlegen, ob du hier kommen solltest“, sagte Wilhelm plötzlich. „Aber du kennst die Gründe, die dagegen sprechen …“
Marie sah ihn überrascht an.

Sie war hier in der Charité als Esther Levi zur Welt gekommen. Aufgewachsen war sie dann aber in einem kleinen Ort in Ostpreußen. Sie war nach dem Tod ihrer Eltern nach Hannover gegangen, weil dort ein Freund ihres Vaters lebte, der ihr Schutz vor den Nationalsozialisten angeboten hatte. Sie hatte sich schwer getan sich in Hannover einzuleben und zurechtzufinden. Ständig hatte sie sich auf ihren Heimweg von ihrer Anstellung als Schneiderin verlaufen. Eines Tages war sie dann Arno über den Weg gelaufen. Er hatte ihr angeboten, sie nach Hause zu bringen und natürlich hatte sie dankbar und nichts ahnend angenommen.  Er hatte Zivilkleidung getragen. Dementsprechend erschrocken war sie bei ihrer zweiten Begegnung am nächsten Tag gewesen als er seine Uniform getragen hatte.

Sie hatte seine Bitte um eine Verabredung nicht ausgeschlagen. Zunächst nur, weil sie es sich nicht leisten, konnte einen SS-Mann zu verärgern und dann war sie weiter mit ihm ausgegangen, weil sie ihn zu mögen anfing. Arno war freundlich und zuvorkommend gewesen. Bis zu ihrer ersten Begegnung mit Wilhelm hatte sie darüber nachgedacht mit Arno vielleicht so etwas, wie eine Beziehung führen zu können. Aber es war anders gekommen. Ihre Begegnung mit Wilhelm hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Sie hatten sich ineinander verliebt, auch wenn Wilhelm das jetzt verleugnete.

Ihr war bewusst, dass sie von Anfang an einen Fehler begangen hatte. Sie hätte sich von beiden fernhalten sollen. Wie konnte sie sich in einen SS-Mann verlieben?
Ebenso wenig verstand sie, dass es niemanden bei den Behörden aufgefallen war, dass sie die Identität einer Toten angenommen hatte, um als arisch zu gelten somit der Verfolgung zu entgehen. Sie fragte sich, ob Wilhelm versucht hatte Nachforschungen anzustellen, um herauszufinden wie er in diese unglückliche Lage hatte kommen können.

Sie bereute bis heute ihm die Wahrheit erzählt zu haben. Aber sie war blind gewesen. Sie hatte nicht wahrhaben wollen, dass Wilhelm stolz auf seine Arbeit war. Dass er Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden als Abschaum ansah. Sie haben verdient, was sie bekommen, hatte er oft gesagt, nachdem sie verheiratet waren. Vorher hatte sie derlei Dinge nie aus seinem Mund gehört, was natürlich mit Nichten bedeutete, dass er es nicht schon immer gedacht hatte. Ihr war es nur einfach nie aufgefallen.

Marie nahm sich Zeit ihren Ehemann genauer unter die Lupe zu nehmen. Ihr Blick blieb schließlich an sein Hemd haften. Es war zerknittert und definitiv nicht frisch. Sie runzelte nachdenklich die Stirn.
„Musst du heute arbeiten? Es ist doch Samstag.“
„Du weißt, dass ich regelmäßig samstags Dienst habe. Selbst Gustav könnte mich nicht davon abhalten.“
„Ja, das weiß ich. Ich dachte nur, du könntest vielleicht heute eine Ausnahme machen. Für mich?“, fragte sie mit einem unsicheren Lächeln auf den Lippen. „Wir müssen doch miteinander reden.“

Sie steckte den Arm aus und zupfte leicht an dem Ärmel seines Hemdes.
Wilhelm zwang sich zu einem Lächeln. Er registrierte ihre Bemühung, schüttelte sie ab und fuhr sich mit der Hand durch seine zerzausten Haare.
„Das geht nicht so einfach und das weißt du.“
„Aber so gehst du nicht zur Arbeit, oder?“, meinte sie zaghaft und deutete auf sein Hemd und berührte ihm am Arm. „Dein Hemd sieht furchtbar aus. Hast du darin geschlafen?“
Wilhelm entzog sich ihr mit einer schnellen Bewegung und verzog seinen Mund zu einem schmalen Strich.
„Nein. Ich war mit Arno aus und natürlich habe ich darin nicht geschlafen“, gab er murrend zurück. „Setz dich doch.“

Marie ließ ihren Blick streifen und bemerkte, wie spartanisch auch die Küche eingerichtet war. Daheim hatte sie sich bemüht ihnen ein schönes Heim zu schaffen. In Berlin jedoch würde es kein uns geben, hatte Wilhelm ihr gesagt. Sie hatte an seinem Blick gesehen, dass er es ernst meinte und zum ersten Mal waren ihr Zweifel an ihrem Leben und ihrer Ehe gekommen.
„Wie geht’s Arno?“, fragte Marie, als sie sich setzte.
Wilhelm ließ sich auf der anderen Tischseite auf dem Stuhl nieder, der ihr am weitesten entfernt war.
„Oh, ihm geht’s blendend“, gab Wilhelm beinahe eisig zurück. „Er wird sich freuen dich zu sehen.“

Marie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Wilhelms Miene war steinern.
„Bist du immer noch wütend auf mich?“
Wilhelm schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist es nicht. Arno hat sich unglücklich verliebt. Er ist wehleidig und anstrengend, aber ansonsten geht’s ihm gut.“
„Arno ist verliebt, sagst du?“, fragte Marie leicht verwirrt. „So schnell?“
Wilhelms Blick lag forschend auf ihr.
„Du kennst ihn doch. Und wie man es von ihm gewohnt ist, ist die Frau“, er sah Marie lange an, bevor er weitersprach, “… schwierig. Sie ist verlobt. Sie würde ihn nur unglücklich machen.“
„Oh, ich verstehe.“
Wilhelm seufzte. Er beugte sich zur Anrichte rüber, schob die Schublade auf und holte eine Zigarettenschachtel hervor.
„Er kommt zurecht. Erst recht, wenn du dich um ihn kümmern kannst.“

Er nahm eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie sich mit einem Streichholz an.
„Wie meinst du das?“
„Du wirst mit Louisa hier bei mir leben. Das wäre trotz der Dinge, die dagegen sprechen am einfachsten.“
Er stieß die Qual seiner Zigarette langsam aus und beachtete, wie der Qualm langsam zur Decke stieg.
Marie blinzelte nervös.
Hatte sie ihn richtig verstanden? Sie sollte Louisa herholen und bleiben?

„Für wie lange?“
„Ich weiß noch nicht. Zumindest so lange wie man mich hier in Berlin braucht. Du hattest, recht, ich kann vor meinen Problemen nicht länger davonlaufen.“
Marie runzelte die Stirn. Sie war das Problem. Sie schluckte.
„Bist du dir sicher?“, fragte sie steif.
Wilhelm warf ihr einen leicht spöttischen Blick zu und legte seine Zigarette im Aschenbecher auf dem Tisch ab.
„Aber Liebling, bist du nicht deshalb hergekommen?“

Marie zog ihren Kopf ein und nickte verunsichert. Sie fragte: „Ja, aber ich dachte … - Woher kommt dein plötzlicher Sinneswandel? Du warst fest entschlossen mich und Louisa in Hannover zu lassen.“
„Ich habe meine Meinung geändert. Ich hoffe, Berlin wird dir und Louisa gefallen. Wir werden hier eine lange Zeit leben, Marie“, antwortete Wilhelm. Er klang kühl und abgeklärt.
Marie schluckte, als ihr klar wurde, dass sie zwar ihren Willen bekam sich aber nichts für sie ändern würde.

„Du wirst deinen Eltern und Gustav bescheid geben, dass sie nicht vor Neujahr mit einem Besuch rechnen können.“
„Ich verstehe, aber du solltest Gustav selbst anrufen. Er will mit dir sprechen.
Er ist wütend auf dich, weil du dich bislang noch nicht gemeldet hast.“
Sie sah, wie Wilhelm genervt die Augen rollte und seine Zigarette nahm.
„Na gut. Wenn’s denn unbedingt sein muss.“

„Ja, muss es. Er ist wegen dir unausstehlich. Du und Arno, ihr beide seid seine Lieblinge. Er erwartet, dass ihr beide euch wie gute Söhne benehmt und euch um ihn sorgt. Auch wenn eure Verpflichtungen euch von ihm fernhalten, so könnt ihr euch wenigstens regelmäßig bei ihm melden. Arno hat bereits für dich eine Ausrede erfunden bei seinem letzten Telefonat, um dich bei ihm zu entschuldigen. Zwing mich nicht es ihm gleichzutun.“
Sie schweigen beide.
„Und erzählst du mir, was dich zu deiner Einsicht verleitet hat?“, fragte sie vorsichtig.

„Das müssen wir auf heute Abend verschieben. Ich muss gleich los“, wiegelte Wilhelm ab, als er ihr in die Augen schaute. „Mach dir keine Sorgen. Es wird heute nicht spät. Ich melde mich nachher noch bei Gustav.“
Marie sah zu ihm. Besorgt runzelte sie die Stirn.
„Du siehst so müde aus. Möchtest du heute wirklich arbeiten?“
Wilhelm stand auf, drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus.
„Ich gehe noch schnell unter die Dusche und dann kümmere mich hier noch um … ein paar Dinge. In der Zwischenzeit solltest du deine Eltern anrufen und ihnen sagen, dass du gut angekommen bist. Grüß die beiden von mir und sag Louisa, dass wir uns bald sehen.“


Wilhelm



Im Waschraum der Prinz-Albrecht-Straße 8 rückte er seinen Hemdkragen zurecht. Sein Spiegelbild blickte ihm grimmig entgegen, als er den Blick hob. Die kalte Dusche am Morgen hatte ihre erhoffte Wirkung verfehlt, ebenso wie das kalte Wasser, das er sich eben verzweifelt ins Gesicht geschaufelt hatte. Er fühlte sich ausgelaugt und unendlich müde. Daran hatte auch die dritte Tasse Kaffee nichts ändern können. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er darüber nach, ob er sich nicht in letzter Zeit etwas überarbeitet hatte. Er arbeitete sechs Tage die Woche. Morgens um acht ging er aus dem Haus und war selten vor zweiundzwanzig Uhr wieder zuhause.

Zudem hatte ihn Maries plötzliches Auftauchen kalt erwischt. Am liebsten hätte er ihr im ersten Moment die Nase vor der Tür zugeknallt. Aber das ging natürlich nicht so einfach… Die Nachbarn hätten das sehen können und er konnte sie nicht auf die Straße setzen in einer Stadt, die sie nicht einmal kannte.
Er seufzte schwer. Sie hatte ihm die Entscheidung abgenommen und jetzt gab es kein zurück mehr für sie. Sie würde hier bei ihm bleiben.

Das Telefonat mit seinem Vater schob er vor sich her. Es war noch nicht einmal Mittag und er dachte nicht im Traum daran seinen Vater vor vier Uhr anzurufen. Um vier Uhr pflegte sein Vater im heimischen Salon Tee zu trinken und sich dabei Wagners Klängen hinzugeben. Heute würde sein Vater das ein klein wenig abkürzen müssen. Wenn er schon unbedingt mit ihm reden musste, dann zu seinen Bedingungen.

Er verließ den Waschraum und kehrte schlecht gelaunt in sein Büro zurück. Der Samstag verlief bislang ruhiger als er erwartet hatte. Er brauchte dringend Kaffee, wenn er diesen Samstag überstehen wollte. Seine Zigaretten lagen daheim auf dem Küchentisch und dementsprechend gereizt war er. Brühl hatte ihm zudem gleich zu Dienstbeginn sehr unverblümt erklärt, dass es bislang nichts neues im Fall Seller gab.
Weder die Geschwister noch Fräulein Rosenzweig wurden in den letzten vierundzwanzig Stunden in Berlin gesehen.

Insgeheim fragte er sich, ob sich die Geschwister mit der Rosenzweig nicht schon längst aus dem Staub gemacht hatten. Schließlich würde er das an ihrer Stelle so machen. In Berlin wurde die Luft für sie kontinuierlich dünner. Sie müssten verschwinden, wenn sie nicht verhaftet werden wollten. Was wiederum hieß, dass ihnen die Zeit davonlief.
Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Sein Blick wanderte kurz über seinen aufgeräumten Schreibtisch, auf der Suche nach der Abschrift vom Verhör von Frau Seller.

„Gibt es schon etwas Neues von Fräulein von Lichtenstein?“, fragte er, als er Brühl dabei ertappte, wie dieser sich um die Ecke davonschleichen wollte. Er beendete seine Suche. Die Abschrift war nicht da. Wilhelms Blick bohrte sich in Brühls Rücken.
Der Junge blieb abrupt und wie angewurzelt in der Tür stehen.
„Nein, Herr Obersturmbannführer.“
Wilhelm ließ langsam den Kopf sinken.
„Verdammt. Ich kann sie doch nicht verlegt haben“, murmelte er, als er noch einmal in seinen Schubladen nachsah, ob die Akte dort war.  

Aber die Akte war nirgendwo zu finden. Er ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken und rieb sich die müden Augen.
„Was suchen Sie denn?“, fragte Brühl.
Er schaute nervös zu Wilhelm.
Wilhelm musterte ihn misstrauisch.
„Wo wollen Sie eigentlich so schnell hin?“, fragte Wilhelm, ohne auf Brühls Frage einzugehen.
Die Gesichtsfarbe des jungen Mannes nahm plötzlich einen dunklen Rotton an.
„I-ich …. Ich wollte nur kurz nach unten. Sie brauchen mich doch nicht, oder?“

Wilhelm zog eine Augenbraue hoch. Skeptisch beäugte er den jungen Mann.
Das jugendliche Gesicht passte nicht zur Ernsthaftigkeit und dem messerscharfen Verstand des jungen Mannes. Und die rote Gesichtsfarbe war Wilhelm gänzlich neu und machte ihn misstrauisch.
„Um was zu tun, Brühl? Wie kommen Sie überhaupt darauf, dass ich Sie hier nicht brauche?“

„Fräulein Winter ist heute nicht zum Dienst erschienen deshalb hat mich Fräulein Weiß gebeten ihr zu helfen… vorausgesetzt Sie brauchen mich nicht.“
Wilhelm verdrehte die Augen. Die interne Angelegenheit mit Hauptsturmführer Schneider und Fräulein Winter ging ihm langsam, aber sicher auf die Nerven.
„Paul, ich gebe Ihnen einen gut gemeinten Rat, lassen Sie das bleiben. Sie sind Kriminalassistentenanwärter und keine Tippse.“
„Aber …-“

„Wie war das?“
Wilhelm gab Brühl mit einem unmissverständlichen Blick zu verstehen, dass er keinen Widerspruch in dieser Angelegenheit dudelte.
„Jawohl, Herr Obersturmbannführer“, murmelte Brühl bedröppelt.
„Gut, nachdem wir das geklärt hätten, wo zum Teufel stecken Gerdes und Scholz? Und hatte ich nicht gesagt, dass die Abschrift vom Verhör von Frau Seller brauche?“, knurrte Wilhelm, nach dem er das zweite Mal seinen gesamten Schreibtisch abgesucht hatte.

„Die beiden sind in der Stadt unterwegs... hoffe ich zu mindestens. Die Abschrift sollte auf Ihren Tisch liegen. Fräulein Weiß hat sie vorhin raufgebracht.“
Herr im Himmel, dachte Wilhelm säuerlich, gibt es hier auch noch andere Sekretärinnen außer Fräulein Weiß und Winter?
Da bemerkte er, wie Brühl den Kopf zur Seite drehte und den Flur entlang schaute.
„Die Abschrift ist nicht da, Brühl. Wo ist sie hin?“, hakte Wilhelm scharf nach. „Das kann doch nicht wahr sein …“, er verstummte, als ihm da ein Gedanke kam. „War außer Fräulein Weiß noch jemand hier als ich weg war?“

Brühl sah ihn entrüstet an.
„Aber das hätte ich Ihnen doch gesagt!“
„So, hätten Sie das?“
Brühl sah ihn gekränkt an.
„Ja, natürlich.“
Wilhelm dachte über die letzten Tage nach. Er verkniff sich sämtliche Bemerkungen über seine Vermutungen zu Walter von Braun.
Der Obersturmbannführer hatte sich gestern auch im Flur herumgetrieben, obwohl es dazu keinerlei ersichtlichen Grund gegeben hatte. Aber noch war es weithergeholt, zu behaupten, dass von Braun seine Ermittlungsarbeit sabotierte.

Schließlich konnte Brühl sich auch geirrt haben oder, was am wahrscheinlichsten war, Fräulein Weiß hatte die Abschrift gar nicht dabeigehabt.
„Da Sie das Dokument nicht entgegengenommen haben und es nicht hier aufzufinden ist, kann ich wohl davonausgehen, dass es nie seinen Weg auf meinem Schreibtisch gefunden hat, richtig?“
Brühl sah ihn widerstrebend an.

„Nein, vermutlich nicht. Dabei war ich mir sicher, dass Fräulein Weiß …“, gab Brühl leise zu.
„Paul“, unterbrach Wilhelm ihn und bemühte sich nicht allzu wütend zu sein, „Fräulein Weiß hat nichts hierhergebracht. Sie wollte Sie bloß fragen, ob Sie ihr helfen und da haben Sie vergessen sie um die Abschrift zu bitten, nicht wahr?“
Wilhelm schenkte Brühl einen strengen Blick. Bis auf die verpatzte erste Hausdurchsuchung der Sellers war dem jungen Gestapo-Beamten noch keine Fehler unterlaufen.

„Und jetzt gehen Sie sie bitte persönlich holen.“
Brühl stieg die Schamesröte ins Gesicht. Er senkte den Blick auf den Fußboden und sagte: „Jawohl.“
„Und noch was, Brühl, so etwas wie eben kommt nie wieder vor. Ich dulde keine Widerworte und erst recht keine Lügen.“
Brühl sah ihn kurz wortlos an. Wilhelm bemerkte den verschlossenen Blick von Brühl.
„Habe ich mich klar ausgedrückt?“, fragte Wilhelm scharf.
„Jawohl“ gab der junge Mann zerknirscht zurück und machte sich von dannen.
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