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Der Schnitter trägt taubengrau

von Swoobat
Kurzbeschreibung
OneshotFantasy, Freundschaft / P16 / Gen
24.04.2021
24.04.2021
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Ohne zu viele Worte verlieren, präsentiere ich meinen Beitrag zum Wettbewerb Für andere unsichtbar.
Vielen Dank an meine bezaubernde Beta-Leserin Amurnatter. :*


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Der Schnitter trägt taubengrau


Tod bedauerte es nicht, als das Rad der Zeit ins Stocken geriet.
Viele Male schon hatte er den Stillstand erlebt. So viele Male, dass er des Zählens müde geworden war.
Mit einer Gleichgültigkeit, die ihn vor einigen Äonen selbst erschrocken hätte, registrierte Tod, wie die Grenzen der Existenz bröckelten. Ein leises Seufzen entkam ihm, als die Farben verblassten und das Sein aus seiner Form lief.
Das Universum starb. Er starb.

Die zerfallenden Himmelskörper rissen Löcher ins Firmament, als es Tod zum Mittelpunkt zog. Zur letzten Stütze, die den Komplex namens Schöpfung zu halten wusste. Über die schiere Masse an dahinscheidenden Wesen, über all die Seelen, die ihr irdisches Leben ließen, fühlte er sich beschwingt, allerdings war das hier keine Leichtigkeit, die er zu genießen wusste. Die Trunkenheit war von unangenehmer Natur, denn wenn es den Raum entzweibrach, war das nicht mit dem friedvollen Einschlafen einer Kreatur zu vergleichen. Selbst er – Tod, der einzig wirklich Ewige – fühlte sich von der einprasselnden Energie wie fortgespült.
Eben das rückte in den Hintergrund, als sich ihm ein Bild darbot, mit dem er nicht gerechnet hätte. Irritation, fast schon Verblüffung, säte sich in ihm aus, als er dieses junge, ungestüme Ding sah, das auf seinen eigenen Vater einstach.

Die Luft war getränkt von Furcht, als Tod stummer Zeuge davon wurde, wie er – Gott, der Allmächtige – von seinem eigenen Blut gerichtet wurde.

Mit dem letzten Atemzug des Unsterblichen verschallte das einsame Ticken der Zeit im zerfallenden Raum. Die Welt stand still, während die Tinte des abschließenden Wortes trocknete. Das finale Kapitel war geschrieben und das Buch dieses Kosmos schloss sich, um das Wissen des Inhaltes im Nichts vergehen zu lassen.

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir;
weiche nicht, denn ich bin dein Gott.
Ich stärke dich, ich helfe dir auch,
ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
Jes 41, 10


Er weinte.
So viele von seinesgleichen hatte Tod kennengelernt. So viele, deren Welten er erblühen und wieder vergehen sah. Irgendwann waren sie zu einer gleichförmigen Masse verkommen. Zur immer selben Geschichte, die Tod immer wieder aufs Neue begleitete. Er aber schien anders, denn er war der Erste, der Tränen um das Leben vergoss, das er ausgelöscht hatte.

„Ich wollte das nicht“, schluchzte er, wobei Tod sich nicht sicher war, ob er sich angesprochen fühlen sollte. Gemeinhin war er kein großer Redner. Er sah sich eher als stiller Beobachter.
„Waren dir die Folgen deiner Taten nicht bewusst?“ Eine leichte Kühle lag in seinem Tonfall.
„Wie hätten sie das?“, erhielt Tod eindringlich gesprochene Worte zur Erwiderung. „Wenn ich das gewusst hätte--“ Er unterbrach sich selbst, um neu anzusetzen: „All das, was nun in Trümmern liegt, habe ich mit jeder Faser meines Herzens geliebt.“
„Eine Schöpfung ist an ihren Schöpfer gebunden“, sagte Tod belehrend, war gleichzeitig von der schieren Naivität verblüfft, die sein Gegenüber ausstrahlte. Naivität, begleitet von so viel mehr ungezügeltem Gefühl, dass es Tod fast schon schwerfiel, sich auf seine Worte zu konzentrieren. Da war so viel Wut, Trauer, vor allem aber Furcht. All das gebündelt in einem Leuchtfeuer, das den einzigen Ankerpunkt im Chaos darstellte, das die untergegangene Existenz hinterlassen hatte.

„Dann war mein Vater dieses Bundes nicht würdig.“ Seine Antwort glich einem Ausbruch. Ungesehene Farben, die ihre ziellosen Bahnen inmitten der Finsternis zogen, vereisten zu schimmerndem Nebel. Blitze jagten durch den Äther, ehe sich die gebündelte Energie wieder zerstreute. „Er war grausam. Erschuf nicht um des Lebens Willen, sondern allein um zu herrschen.“

Tod musste an sich halten, dass ihm kein belustigtes Schnauben entfloh und hielt stattdessen seine stoisch gleichgültige Aura aufrecht.
„Und die Grausamkeit deiner eigenen Tat?“, hakte er recht unspezifisch nach, denn er war interessiert an dem, was diese junge Gottesgestalt aus seinen Worten schließen mochte.
„Ich wollte sie schützen!“, ereiferte jener sich und Tod war von der Emotionalität überrascht, die sich zwischen den Tönen versteckte. „Die Ketten zerschlagen und Freiheit schenken.“ Er schluchzte abermals. Der Nebel bauschte sich zu Wolken zusammen, hingegen seine Tränen im Nichts vergingen.

Tods Amüsement wich Bestürzung. Er hatte die versteckte Ironie gemocht, denn so wie er viele seiner Art kennengelernt hatte, hatte er ebenso einen Blick auf ihre Motive erhaschen können. Edle Gemüter waren wenige darunter gewesen. Der Zyklus war eindeutig: so wie die Schöpfung an ihren Schöpfer gebunden war, erhob sie sich früher oder später in Form eines Individuums gegen jenen. Und nun? Nun hatte er ihn vor sich. Er strotzte vor Unsicherheit. Vor Reue. Scham. Schuld. Er schien aus ehrlicher Überzeugung gehandelt zu haben – einer Tugend, der Tod schon viel zu lange nicht mehr begegnet war.

„Wie nennt man dich, junges Lichtwesen?“
„Eloah“, erwiderte er zögerlicher Stimme, wiederholte sich dann allerdings mit festerem Tonfall: „Mein Name ist Eloah.“

Tod wusste nicht, wieso ihn ausgerechnet jetzt eine gewisse Sentimentalität überkam. Noch weniger war er sich darüber im Klaren, was für eine Meinung er sich über diesen unerfahrenen, wie scheinbar idealistischen Gott bilden sollte.
Allein in einer Sache war er sich sicher: fürs erste würde er diesen Burschen unter seine Fittiche nehmen, denn gänzlich allein würde er an der Bürde, der er sich mit der Ermordung seines Vaters unbewusst angenommen hatte, zerschellen.

„Nun denn, Eloah“, setzte Tod gutmütig an. „Du wirst einiges zu lernen haben.“

~~~


Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit,
damit wir die Erstlinge seiner Geschöpfe seien.
Jak 1, 18


Tod blinzelte gegen die blendende Sonne an und war froh, als sich behäbig eine Wolke vor den Himmelskörper schob.

„Es ist nett geworden“, sagte er ruhigen Tonfalls, worüber Eloahs erwartungsvoller Blick in Entgeisterung verfiel.
„Nett?“, wiederholte jener, wirkte beinahe beleidigt. „Nur nett? Es ist großartig!“ Er machte eine ausladende Geste. „Es ist perfekt. Die Erde ist wahrlich perfekt. Von den tiefsten Meeren über die dichtesten Wälder bis zu den höchsten Bergen wird sie ein Paradies für das Leben sein.“

Tod ließ den Blick über die weite Steppe schweifen, zu der Eloah ihn geführt hatte und öffnete sich gegenüber den Eindrücken, die auf ihn einprasselten. Er erschauderte über die leichte Kühle, die der Wind mit sich trug und strich mit den Fingern über die Spitzen der halbhohen Gräser, die sich unter der Brise bogen und tänzelten. Tief atmete Tod ein, nahm den frischen Geruch in sich auf, der in der Luft lag.

„Man kann sagen, dass ich allzu deutlich deine Handschrift erkenne“, sagte er und wiegte den Kopf über die sichtliche Freude, die Eloah zu empfinden schien. Ein kleines Lächeln legte sich auf die fahlen Lippen von Tod.
Kaum ein paar Millionen Jahre waren ins Land gegangen und doch war er der Meinung, dass dem jungen Gott seine Entwicklung anzusehen war. Er hatte sich seiner Aufgabe angenommen. Hatte Himmel wie Erdenreich geschaffen, um seinen Platz im Zyklus einzunehmen. Er trug seinen Teil zur Symbiose von Leben und Sterben bei, konnte dadurch sogar seine Schuld hinter sich lassen, denn Eloah hatte verstanden: Der Tod war nicht das Ende. Weder das Phänomen selbst, noch die Personifizierung dessen, die ihn mittlerweile als seinen Freund betrachtete.

„Aus deinem Mund klingt es fast wie ein Kompliment“, lachte Eloah, worüber Tod lediglich die Schultern hob. Ja, das war es tatsächlich.

Er sah wieder hinauf ins blaue Firmament, dessen Unbeflecktheit hier und da von weißen Wolken gebrochen wurde. Tod würde es ihm nicht direkt sagen, aber die Wahrheit war, dass allein Eloahs Anwesenheit ein kleiner Genuss für ihn geworden war.
In ferner Vergangenheit hatte er seine Faszination verloren. Seine Leidenschaft für das Licht des Lebens, dass mit jeder Geburt erstrahlte. Stoisch war er seinem ihm zugelosten Schicksal nachgegangen, hatte sich der Energie der Dahingeschiedenen angenommen, um das Gleichgewicht zu wahren. Welten waren an ihm vorübergezogen. Ganze Universen mitsamt ihrer Ideengeber. Aufgeflammt und wieder erloschen. Über sein eigenes Desinteresse war er einsam geworden. Sehr, sehr einsam.
Bis jetzt.

„Welche Form wirst du dem Leben geben?“, fragte Tod, wandte sich damit wieder Eloah zu, der einige Halme ausgerissen hatte, um sie zusammenzuflechten.
„Ich will kein starres Muster verfolgen, wie einst mein Vater“, antwortete er ihm und Tod kam nicht umhin festzustellen, dass ihm trotz seiner Reife noch immer eine gewisse Kindlichkeit anhaftete. „Ich will kein Herrscher sein oder angebetet werden. Ich will... überrascht werden, verstehst du? Ich will, dass sich das Leben seinen eigenen Weg sucht. Ich will Entwicklung, keinen immerwährenden Stillstand.“

Tod hob eine Augenbraue und musste zugeben: damit hatte er ihn überrascht.
„Das sind ambitionierte Ziele. Wie gedenkst du sie zu erreichen?“ Eloah ließ sich einen Moment Zeit mit einer Antwort, knüpfte dabei weiter die Gräser zusammen. Mit einem Mal schien ihn Unsicherheit zu umfangen, dessen Ursprung Tod nicht zu deuten wusste.
„In jedes noch so kleine Lebewesen will ich einen Funken meiner Kraft legen“, sagte Eloah schließlich. „Auf dass es nicht nur durch Fortpflanzung neues Leben schaffen kann, sondern auch durch Wandel. Durch Evolution.“ Er hob seinen Blick, lächelte Tod schief, vor allen Dingen entschuldigend an. „Du hältst mich jetzt sicher für einen hoffnungslos überambitionierten Tropf, oder?“
„Das tue ich seit der ersten Sekunde“, antwortete Tod ihm reichlich lakonisch. „Aber damit hebst du dich von all den dir Vorhergegangenen ab. Das lässt mich fast daran glauben, dass du der Erste seit langem sein wirst, der etwas von Bedeutung schafft.“ Eloah hielt irritiert in seinem Tun inne.
„Ist Leben nicht immer von Bedeutung?“ Tod schnaubte.
„Allmächtigkeit ist nichts, womit man mich zu beeindrucken weiß, so wie geschaffenes Leben nicht automatisch mit entsprechender Bedeutsamkeit einhergeht.“
„Ich glaube, du siehst die Dinge manchmal etwas zu eng“, erwiderte Eloah leichthin, wofür Tod ihm einen ungnädigen Blick schenkte.
„Ich habe zu vieles gesehen, Bursche. Es ist der natürliche Drang des Obersten, das Leben zu schaffen und kein Ausdruck von reiner Barmherzigkeit.“ Eloah schien einen Moment zu überlegen, nickte dann.
„Es ist ein Drang, viel mehr ein Zwang, weil sich der kosmische Zyklus fortsetzen will. Okay. Wo aber siehst du die Bedeutungslosigkeit?“

Nun nahm Tod sich ebenso einige Sekunden, um sich seine Antwort zurechtzulegen. Die von ihm erlebten Äonen ließ er Revue passieren, dachte an die unzähligen Götter, von denen sich jeder zugeschrieben hatte, der einzig Einzigartige zu sein.
„Dir ist der Kontrast zu deinem Vater wichtig. Oft hast du das betont. Sehr oft über die vergangenen Jahrmillionen. Meine Erfahrung sagt, dass seine Unterjochung kein Einzelfall ist. Keine Ausnahme, denn Machtgier hatten sie alle gemein. Allein mit der bloßen Idee ihrer intelligenten Lebewesen sprachen sie deren zukünftigen Dasein einen Sinn und Zweck zu. Sie erwarteten ein bestimmtes Verhalten und entrissen dem Leben damit seine Bedeutung.“
„Weil... das Leben nicht geordnet ist“, versuchte Eloah ihm zu folgen und seinen Gedankengang zu beenden. „Im Gegenteil: Das Leben ist Chaos. Und der Raum – das Sein – das dem allem eine Grenze setzt, ist der Versuch, dieses Chaos zu bändigen.“

Nach diesen Worten breitete sich ein kleiner Funken von Stolz in Tod aus. Er hatte es verstanden. Ausgerechnet er. Der, dem Tod bei ihrem ersten Aufeinandertreffen nicht viel zugetraut hätte.
„Es erleichtert mich zu sehen, dass meine Zeit mit dir nicht gänzlich verschwendet war.“
„Ich glaube, das ist das größte Lob, dass ich je von dir erhalten habe“, lächelte Eloah, worüber Tod abwiegelnd den Kopf neigte.
„Vielleicht weißt du mich ja in Zukunft noch ein kleines bisschen mehr zu überraschen.“
„Davon gehe ich stark aus!“ Die Euphorie war ihm deutlich anzuhören, ehe er gesetzter fortfuhr: „Die Erde bildet meinen Raum. Meine Grenzen. Aber weißt du was? Ich brenne darauf zu erfahren, was meinem Wurzelwerk entspringen wird! Wie sich mein Chaos entwickelt. Denn...“ Er stockte, schien mit einem Mal wieder verlegen. Zögerlich beendete er das Verflechten der Gräser, dass sie einen Kreis bildeten. Dann sah Eloah wieder auf. „Ich habe mir etwas ganz Besonderes überlegt, so als Krone der Schöpfung. Ich möchte beseelte Wesen schaffen, die meinem Abbild entsprechen.“ Über Tods skeptischen Gesichtsausdruck schien Eloah das Gefühl zu haben, sich erklären zu müssen, weswegen er hastig fortfuhr: „Nicht aus Arroganz, falls du mir das unterstellen möchtest. Ich möchte Nähe erzeugen. Will unter ihnen sein und das ohne, dass sie sich dessen bewusst sind. Ich will ein stiller Beobachter werden und einfach nur genießen. So wie du.“

Ergeben seufzte Tod, legte Eloah zugleich eine Hand auf die Schulter. Sachte drückte er zu, während die Innenfläche seiner Rechten über die bloße Berührung kribbelte.
Oh Eloah“, dachte er bei sich. „Vielleicht wirst du ja der einzig Einzigartige, der sogar über mich hinauswächst

~~~


Denn Staub bist du und zum Staub wirst du wieder zurückkehren!
1. Mose 3, 19


Beide Tauben gurrten auf und hektisches Flügelschlagen erfüllte die Luft, als sie sich auf die Krümel stürzten.
Tod beobachtete das Gepicke, rührte währenddessen in seiner Tasse. Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr und seufzte. Eloah war zu spät. Wieder einmal.

Er griff nach dem Zuckerstreuer, um seinen Kaffee noch ein kleines bisschen zu verfeinern, konzentrierte sich darüber hinaus wieder auf die Vögel. Das weiß gefiederte Tier hatte sich gegenüber seinem wildfarbenen Konkurrenten geschlagen gegeben und stakste weiter um den Tisch herum, an dem Tod saß.
Er nahm einen Schluck und stellte mit Zufriedenheit fest, dass er den exakten Grad an Süße erwischt hatte. Tod hob den Blick, ließ ihn über den Platz schweifen, an dessen südlichem Rand sich der Außenbereich des kleinen Cafés erstreckte. Keinem bestimmten Muster folgend fokussierte er einzelne Menschen. Individuen, die sich in ihrer Bedeutung des Lebens und des Freien Willens ergingen.

Tod überließ den Tauben ein paar weitere Krümel seines Kuchenstückes, die sie dieses Mal ohne großes Gezeter, dafür umso schneller aufpickten. Das Antlitz der Welt hatte sich geändert – so wie ihr Gott.

Gemeinhin neigte er nicht zum Grübeln. Tod hatte sich immer etwas darauf eingebildet, die Dinge ungeschönt zu sehen. Allmählich zweifelte er allerdings an sich selbst und eben das empfand er als absurd.
Das Leben war im steten Wandel. Natürlich. Sollte es ihn – den Tod – als Gegenpol dann nicht zur einzigen Konstante in der Existenz machen?
Nicht nur die Welt mitsamt ihrem Gott hatte sich geändert. Selbst ihr Schnitter war dieser  Wandlung unterworfen.

Ehe er ernsthaft in Betracht ziehen konnte, sich als versetzt anzusehen und zu gehen, trat Eloah an seinen Tisch. Mit einem entschuldigenden Lächeln setzte er sich unaufgefordert, murmelte etwas von: „Der Verkehr in der Innenstadt ist um die Uhrzeit die Hölle.“ Die Aussage ignorierend bedachte Tod seinen Freund mit einem prüfenden Blick.
„Du siehst schlecht aus“, stellte er monotonen Tonfalls fest, worüber Eloah seufzte.
„Wir haben kaum drei Worte gewechselt und schon überfällst du mich damit?“ Als Reaktion hob Tod lediglich die Augenbraue, dem Eloah nicht einmal Beachtung schenkte. Stattdessen hielt er nach der Bedienung Ausschau, bei der er sogleich eine heiße Schokolade bestellte.

Ganz in sich zusammengesunken saß Eloah da. Mit hängenden Schultern löffelte er die Sahne, die auf der Oberfläche seines Heißgetränkes trieb. Deutliche Schatten zeigten sich als stumme Erinnerung für seinen schlechten Schlaf unter seinen Augen. Dass er überhaupt schlafen musste, war an Absurdität nicht zu übertreffen. Anfänglich hatte Tod seine Sorge um ihn als albern empfunden. Mittlerweile sah er sich in ihr bestätigt.

„Ich bin ja bei weitem nicht von allen Erfindungen der Menschen überzeugt, aber diese Sache mit dem Kakao... Die gefällt mir wirklich gut.“
Angestrengt atmete Tod durch. Ihm stand nicht der Sinn nach Smalltalk, ließ Eloahs Versuch eines zwanglosen Geplänkels daher unbeantwortet im Raum stehen. Jener räusperte sich nach einigen Sekunden der Stille.
„Gut. Du... bist nicht zu Gesprächen aufgelegt?“ Tod verengte die Augen. Nein. Das war er absolut nicht.
„Du stirbst, Eloah.“

Eloah gefror in seiner Bewegung. Schrecken breitete sich auf seinem Gesicht aus, den er nur stümperhaft zu kaschieren wusste.
„Findest du nicht, dass du damit ein kleines bisschen sehr mit der Tür ins Haus fällst?“, scherzte er. Über den Blick, den er seitens Tod dafür erntete, verlor sich sein Lächeln.
„Mit jedem Wesen auf dieser Erde, das sein Leben lässt – mit jedem Menschen, Tier, Käfer... sogar mit jeder Pflanze, die eingeht, stirbt ein kleines bisschen deiner Göttlichkeit.“ Die Anspannung, die in Tod brodelte, spiegelte sich in seinem Tonfall wider. Seine Beherrschung bröckelte.

Er wandte seinen Blick ab, schaute wieder auf die Tauben. Während das graue Tier noch immer nach Futter pickte, erhob sich das weiße in kräftigen Flügelschlägen in die Lüfte, um Schutz in der Krone eines Baumes zu suchen, der unweit des Platzes Teil einer anschließenden Allee war.

Für einige Minuten herrschte bedrückende Stille, während der Tod versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Er war sich der Vergänglichkeit, der selbst Eloah unterworfen war, immer bewusst gewesen. Nie hatte er einen Hehl daraus gemacht, hätte es gar als heuchlerisch empfunden, etwas anderes zu behaupten. Nun aber musste er sich eingestehen, dass er sich einer Sache konfrontiert sah, mit der er nicht umzugehen wusste: er fürchtete sich. Tod fürchtete sich vor dem Stillstand, vor dem Ende des Zyklus, vor dem Versterben seines Freundes.

„Ich bereue meine Entscheidung nicht“, sagte Eloah schließlich traurig lächelnd. „Wirf mir keine mangelnde Voraussicht vor, denn auch wenn du mir unentwegt eine gewisse Naivität andichtest, war mir schon damals die Tragweite meines Handelns bewusst.“ Obwohl er seine Worte nachdrücklich wählte, blieb er bei seinem üblich sanften Tonfall. Tod schloss für einen kurzen Moment die Augen und seufzte. Ehe er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, fuhr Eloah fort: „Ich habe nie daran geglaubt, dass die Schöpfung Huldigung gegenüber ihrem Schöpfer zu zeigen hat – im Gegenteil. Ich war und bin dankbar, der Ursprung für all das hier zu sein. Für eine Welt mit ihren kleinen und großen Wundern, die Dinge hervorgebracht hat, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Über Schnabeltiere bis  zu weißen Erdbeeren, die nach Ananas schmecken, war jedes dieser Wunder mein Opfer wert.“

Tod ließ diese Worte einen Moment unbeantwortet im Raum stehen, während er einen Schluck seines Kaffees nahm.
Er hatte sich selbst immer als unparteiisch verstanden. Hatte nicht über die Wesen geurteilt, die der Idee des Allmächtigen entsprangen. Vor dem Sensenmann waren immerhin alle gleich, oder nicht?

„So träumerisch, wie du immerzu von diesem Planeten spricht, könnte man fast annehmen, dass wir den Frieden auf Erden hätten.“ Selbst für Tod war diese Aussage unglaublich zynisch. Kaum, dass die letzte Silbe ausgesprochen war, bereute er seine Antwort. Verstohlen sah er zu Eloah, der sichtlich irritiert bis verletzt war.
„Woher dieser Ärger?“, fragte er so leise, dass Tod ihn kaum verstand. „Ich bin mir der Fehler der Menschen bewusst, falls es das ist, worauf du anspielst. Ihrer Habgier. Zerstörungssucht. Ihrem Hunger nach Besitz und Triumph. Ebenso weiß ich, welche Schuld sie mir anlasten. Dass sie fragen, wie ein ach so gnadenvoller Gott 'so etwas' zulassen kann. Glaube mir, wenn ich dir sage, dass ihre Enttäuschung wehtut.“

Eloah schwieg. Tod schwieg. Die Taube gurrte, ehe sie sich ebenso in die Lüfte aufschwang.

„Du stirbst, Eloah“, wiederholte Tod sich schließlich. Eine so enorme Trauer schwang in seinen Worten mit, dass Scham in ihm aufkam. „Du stirbst für eine Ansammlung von Wesen, die sich deines Opfers nicht einmal bewusst sind.“
„Und das müssen sie auch nicht.“ Tod sah auf, augenblicklich gefangen von Eloahs Lächeln. „Denn das ist der Preis ihres freien Willens. Sie entscheiden sich dafür. Nicht als Individuum, sondern als Ganzes. Als Menschheit entscheiden sie sich für ihre Vergehen, für ihre guten Taten – und dafür, sich von ihrem Schöpfer loszusagen.“ Tod seufzte.
„Du bist wirklich ein hoffnungslos überambitionierter Tropf.“ Eloah hob eine Augenbraue und schenkte ihm einen abschätzenden Blick – ehe auflachte. „Teile dein Amüsement doch mit mir, mein junger Freund“, forderte Tod ihn auf. Schmunzelnd rührte Eloah wieder in seiner heißen Schokolade.

„Mir ging gerade nur ein reichlich absurder Gedanke durch den Kopf“, erzählte er im Plauderton, wobei der plötzliche Stimmungswechsel reichliche Verwunderung in Tod auslöste. „Ich habe gedacht, dass es fast danach klingt, als ob du – ausgerechnet du – eifersüchtig bist. Weil ich ein Ende durch das, was ich selbst geschaffen habe, einer Unendlichkeit mit dir vorziehe. Das aber würde bedeuten, dass du dir meiner Zuneigung nicht bewusst bist und das ist der Punkt, den ich absurd finde.“ Tod musste schlucken, wusste nichts zu erwidern. Eloah schien aber auch keine Antwort zu erwarten, denn nach einigen Momenten fuhr er fort: „Ich sehe uns nicht als Gegensätze. Als Leben und Tod, Licht und Schatten, schwarz und weiß. Du bist Teil meiner Schöpfung, denn du bist mein taubengrauer Schnitter. Irgendwann, wenn auch mein Sein vergehen wird, wird es in Frieden geschehen. Wenn ich sterben werde, tue ich es mit dem Wissen, etwas Bedeutendes geschaffen zu haben. Mit und durch dich.“

Tod schloss die Augen. Er holte Luft, wobei sein Atem vor Anspannung zitterte. Er hatte ihn unterschätzt. Er hatte ihn wirklich unterschätzt.

Für die Menschen mochte der Tod etwas Unvorstellbares sein. Ein notwendiges Übel, dem es zu entkommen galt.
Für die Welt mochte der Schmerz des Todes unsichtbar sein – nicht aber für Eloah, für den wahrlich einzig Einzigartigen.
So griff er tröstend nach Tods Hand, als sich dessen Augen mit Tränen füllten.
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