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Zeitzeugen

KurzgeschichteRomance, Freundschaft / P12 / Gen
Mamoru Chiba / Tuxedo Mask / Endymion Usagi "Bunny" Tsukino / Sailor Moon / Serenity II
24.04.2021
21.09.2021
9
29.044
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25.04.2021 3.215
 
Unzählige Passagiere liefen an ihr vorbei. Ein kleiner Junge, kaum älter als acht Jahre stritt sich gerade mit seiner Mutter, an einem der Kioskstände, wegen einer Packung Gummibärchen. Sie hörte das wütende Fluchen der rothaarigen, großen Frau, die sich mehr verzweifelt als genervt mit beiden Händen durchs lockige Haar fuhr und die erboste Stimme des Kindes zu ihr hindurchdringen. Kurz ließ sich davon ablenken. „Du hattest heute Nachmittag bereits Süßes …“ Am liebsten wäre sie hingegangen, um dem kleinen Mann selbst etwas zu kaufen, als sie auch schon den Winzling antworten hörte. Tief holte er Luft und meinte dann: „Mama … ich glaube ... mir ist … schlecht!“ Es dauerte keine Sekunde und schon rauschten die Beiden an ihr vorbei, am Empfangsschalter vorbei zur Toilette und dann … sah sie IHN!!

Äußerlich hatte Mamoru sich nicht wesentlich verändert, aber etwas an ihm war anders. Als wären nicht nur Monate vergangen, sondern unzählige Jahre, so verhärtet war der Ausdruck in seinen Augen. Zwar wurde er noch von den Mädchen belagert und sie nahm an, dass er sie nicht sofort gesehen hatte doch ihr Gefühl sagte ihr, dass das wahrscheinlich das Gegenteil der Fall war. Müde und ausgelaugt aber mit einem stets freundlichen Lächeln auf den Lippen begrüßte er jede Einzelne von ihnen. Sogar Minakos Wasserfall an Fragen über seinen Überseeaufenthalt beantwortete er, ohne sich herausreden zu wollen. Als sie allerdings schlüpfrige Details über die amerikanischen Männer wissen wollte, lief er prompt hochrot an und wollte sich gerade hilfesuchend an Motoki wenden, als dieser zur Seite trat und den Blick auf sie freigab.

Wie paralysiert konnte sie kaum noch atmen. Hier standen sie also, alle zusammen, drei Jahreszeiten später und es fühlte sich auf einmal so an als wäre ihr Abschied noch nicht einmal fünf Minuten her, so als wären damals die Zeiger der Uhr stehen geblieben nur um heute, für sie, wieder weiter zu ticken!

Um sie herum wurde es augenblicklich mucksmäuschenstill. Motoki fing an sich nervös am Hinterkopf zu kratzen und sah fragend zu Makoto die ihren Blick wiederum durch die kleine Runde schweifen ließ, als Rei plötzlich und aus dem Nichts aufkreischte. „Gott oh Gott! Ich habe ganz vergessen, dass ich noch einen Termin beim Friseur habe!“ „Wirklich?!“, fragte nun Ami allen Ernstes. Usagis Gedanken überschlugen sich. War sie nicht erst letzte Woche bei ihrer Friseurin und so ganz nebenbei bemerkt: Seit wann war ihre Friseuse ein Mann!?  „Bei dem der so selten Zeit hat?!“, mischte sich nun auch Minako ins Gespräch. „Ich kann dich gerne fahren!“, und ohne eine Antwort abzuwarten, schwenkte Motoki schon seine Schlüssel in der Luft. „Wir sollten uns beeilen! Vielleicht hat er ja noch ein Plätzchen frei und schneidet mir die Spitzen!" fügte der Blonde noch rasch hinzu. "Bestimmt! Wenn er diesen grauenhaften Spliss sieht wird es ganz sicher kein Problem sein!", kam Reis vollkommen überstürzte Antwort.  Um Reis Aussage zu untermauern tastete sich Motoki tatsächlich durchs Haar. "Jaaa! Die sind aber auch besonders trocken! Wird sicher an dem neuen Shampoo von Makoto liegen!" Hää? Hatten sie das vorher geprobt, oder wieso sah das ganze nach ganz mies einstudiertem Theater aus???! Usagi verstand die Welt nicht mehr!

„Ich komme mit!“ „Ich auch!“ „Und ich muss sowieso noch lernen!“ Alle samt sprinteten sie Motoki und Rei, wie eine wild gewordene Hyänenmeute nach, die sich selbst gerade durch eine Schülergruppe drängten. „Heeeey! Wo wollt ihr denn alle hin!?!“, schrie Usagi ihnen verzweifelt hinterher. Sie durften sie nicht schon wieder allein lassen. Nicht heute!! Das würden sie niemals wagen!! Nervös grinsend blickte Ami noch rasch über ihre Schulter weg zu Usagi und rief über mindestens zehn Köpfe: „Zum Friseur!“ „Alle?????“ Keine Antwort. „Ist das euer verfluchter Ernst?!“ Ein älteres Ehepaar sah zu ihr hinüber. Usagi meinte gesehen zu haben, dass sie über ihren kleinen Ausruf die Köpfe schüttelten, aber gerade jetzt schmiss sie ihre guten Manieren über Board und brüllte sich die Seele aus dem Leib. Sollten die Anwesenden doch denken was sie wollten. Sie wurde gerade von ihren besten Freunden vorgeführt!!! Vor ihren entsetzten Augen blitzte neben dem Eck, an einem der Stände, Minakos blonder Haarschopf hervor und sie wagte es noch einmal kurz Hoffnung zu schöpfen als auch schon eine Hand aus der gleichen Richtung hervorschoss, vermutlich Reis, und sie am Kragen packte. So schnell ihre Freundin aufgetaucht war, war sie auch wieder verschwunden. Grundgütiger! Sie war geliefert!

Usagi sah genauso verloren aus, wie sie sich fühlte. Nun hatte sie keinerlei Wahl mehr als sich der Realität  zu stellen und Farbe zu bekennen. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, nahm sie ihren Freunden die inszenierte Flucht mehr als nur übel, doch andererseits hatte es auch etwas Gutes. So oder so wären sie eines Tages dieser schwierigen Situation ausgeliefert gewesen. Besser heute als morgen! „Die Arbeitszeit der Friseursalons hat sich beachtlich gesteigert seit meiner Abreise! Einmalig auf der Welt würde ich sagen!“ Selbstverständlich hatte er es gecheckt, schließlich war er nicht blöd. Überflüssigerweise ließ er sie trotzdem wissen, dass er sich im Klaren war, was die Clique damit bezweckte. Blieb nur noch zu hoffen, dass er nicht dachte, dass SIE über die Spontanaktion Bescheid wusste, oder Gott bewahre, sie sie selbst arrangiert hatte.

Zum ersten Mal seit seiner Abreise begegnete sie bewusst seinem Blick. Mamorus unrasiertes Gesicht wirkte fahl, seine blauen Irden leer… Beim Anblick seiner rotunterlaufenen Augen fragte sie sich unwillkürlich, ob er geweint hatte oder einfach nur gerädert von der langen Reise war. Nichts an ihm verriet ihr ob er sich nun freute sie zu sehen oder nicht, also sah sie noch genauer hin. Die Haut, die in der Ferne perfekt aussehen mochte, wies aus der Nähe erst die Makel auf, legte die Narben offen und verbarg dennoch, wie gut deckendes Make up, die Geschichte dahinter. Die Hoffnung in ihren Augen verwandelte sich rasch in eine Art Beklommenheit als sie bemerkte, dass ihr weder der Geruch von Freude noch Enttäuschung entgegenwehte, sondern unverblümte und ungeschminkte Gleichgültigkeit.

In ihrem jungen Leben waren ihr vielerlei Emotionen begegnet, einige davon hatte sie selbst erlebt, doch hier und heute betrat sie vollkommen neues Terrain. Ganz so als wäre er einer alten flüchtigen Bekannten begegnet, die er ab und an auf der Straße, im Vorbeigehen, grüßte. Die Bemerkung, die er beiläufig fallen lies wies auf einen Versuch von ungezwungener Konversation hin, aber wollte sie das?! Hatte sie überhaupt das Recht von ihm „irgendetwas“ zu wollen?! All ihre fünf Sinne fingen an auf Hochtouren zu arbeiten. Usagi fragte sich, ob ihr irgendetwas an seinen Worten entgangen war. Eine Art Warnung, ein erkennbares Alarmzeichen welches sie übersehen hatte?! Nein! Nichts! Bedeutungsleeres Schweigen legte sich über das ehemalige Pärchen, bis sie es schließlich war die die Stille zwischen ihnen durchbrach. Sie agierte aus purer Verunsicherung heraus ohne Plan und Ziel nur um diese unheimliche Situation irgendwie zu überbrücken. „Du kennst sie ja!“, war alles was sie zustande brachte, als ob damit alles erklärt wäre und zuckte dabei hilflos mit den Schultern. Gleichzeitig nahm sie die Verbitterung in ihrer Stimme wahr die sie selbst frösteln lies und schüttelte ganz fest den Kopf, um damit die aufsteigende Panik zu vertreiben. Sie wollte jetzt nicht anfangen zu denken, sondern diesen Abend so unbeschadet wie möglich einfach "nur" überleben. Auch junge Menschen konnten an einem Herzinfarkt erliegen! Das war Fakt!!!

Mamoru schien ihr Unbehagen zu bemerken. Ohne einen weiteren Gesprächsversuch griff er nach seinem Handgepäck und deutete ihr mit dem Kopf, ihm zu folgen. Blindlings gehorchte sie seiner stummen Aufforderung, ohne zu wissen, wo er nun hin wollte. Was sollte sie sonst tun!? Ihre Freunde hatten sie schließlich ganz alleine zurückgelassen. Schweigend beobachtete sie wie er das restliche Gepäck abholte, stakste ihm brav in die Tiefgarage hinterher, bis ein roter Sportwagen ihre Aufmerksamkeit erregte. Einige Schritte hinter ihm blieb sie stehen. „Wie kommt es, dass dein Wagen hier parkt?!“ „Motoki hat ihn mit dem Ersatzschlüssel hergebracht!“ Halt! Momenchen mal! Motoki hatte ihm den Wagen bereits hergebracht?! Wann soll das gewesen sein?! Sie waren alle mit dem Crown Firmenkombi hergefahren!?!! Schnell schlussfolgerte sie und zählte eins und eins zusammen. Diese heimtückischen, sogenannten Freunde, hatten sie wohlweislich in eine üble Falle gelockt und danach besaßen sie auch noch die Frechheit sich feige aus dem Staub zu machen. „Na wartet! Wenn ich euch in die Finger kriege!!“, zischte sie durch die zusammengebissenen Zähne. Indes hatte sich Mamoru unbemerkt zu ihr gedreht.

„Hast du etwas gesagt?!“ Erschrocken zuckte sie kurz zusammen nicht wissend, ob sie das eben nur gedacht oder auch gesagt hatte. Eine kurzzeitige ruckartige Bewegung ihres ganzen Körpers und dann kam eine Weile nichts mehr von ihr. Abermals übernahm Mamoru für sie beide das Sprechen. „Motoki hat ihn auf meine Bitte hin heute morgen hergefahren. Den Hauptschlüssel trage ich bei mir zusammen mit dem Wohnungsschlüssel!“, versuchte er ihr abermals zu erklären. „Oh ah so!“ So war das also! Pfff! „Komm steig ein!“ , unterbrach er sie beim ihrem neuerlichen Gedankenwirrwar, welches gerade dabei war sich in ihrem Kopfp zu manifestieren.

WAAAAAAAAAAAAAAS?! War das ein schlechter Scherz, ein Traum oder gar eine Fata Morgana?! Lag es an ihren Ohren?! „Du willst mich f-f-f-fahren?!“ Nur um sicher zu gehen fragte sie lieber mal nach. Am liebsten wäre sie vor lauter Verlegenheit in Grund und Boden versunken aber wie sonst hätte sie reagieren können?! Das alles überforderte sie maßlos. „Na von hier aus bis zu dir nach Hause ist es ein langer Weg und außerdem ist es mittlerweile ziemlich dunkel geworden. Auch die nächste U-Bahn-Station ist ein gutes Stückchen von hier entfernt und bei Nacht ganz sicher nicht der sicherste Ort, wo sich eine junge Frau aufhalten sollte!“ Japp! Er meinte es todernst! Mamoru wollte sie nach Hause chauffieren! Wie höflich! Also war sie ihm doch nicht gleichgültig! Kurz huschte ihr ein Lächeln über das angespannte Gesicht, gefror aber im gleichen Atemzug, nachdem sie Mamorus tiefe Denkfalte sah. Angenehm schien ihm diese Situation nicht zu sein, aber er hatte recht. Seine Mine wirkte so rätselhaft wie ihre letzte Englischklausur, weshalb sie sich beeilte, schnell einzusteigen. Frau konnte ja nie wissen! Was wenn er es sich anders überlegen würde!?!!  Dann lieber auf Nummer sicher gehen.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren startete er den Motor. Einige Schweigemomente später befanden sie sich schon auf der Autobahn. Mamorus Blick glitt von der Straße zu ihr. Er musterte sie kurz, ehe er wieder konzentriert nach vorne schaute. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren, verloren aber gegenüber dem immer stärker werdenden Schneesturm, den Kampf. In Usagis Inneren sah es so ähnlich aus. Der Straßenverlauf konnte man nur mehr erahnen. Soweit das Auge reichte war es ohne Unterlass weis. Usagi bemerkte nichts von all dem, denn sie selbst arbeitete gerade mit gezielten Atemübungen daran, ihren wild gewordenen Herzschlag zu besänftigen. BUM, BUM, BUM … immer schneller und lauter wurde dieses verdammte Organ. Einatmen und ausatmen, an etwas Schönes, Unbedeutendes denken, ermahnte sie sich selbst zum wohl eintausendsten Mal, aber das war leichter gesagt als getan. Alles in diesem Wagen entfachte alte Erinnerungen! Bereits in dem Moment des Betretens war es so als hätte sie die Tür zu ihrer Vergangenheit mit aller Gewalt eingetreten. Keine Chance mehr sie zu reparieren und davonlaufen konnte sie schon gar nicht!!!

Schmerz, Wut, unsäglicher Kummer ergossen sich über ihrem Kopf wie ein Schwall eiskaltes Wasser. Doch nicht nur das, sondern auch Glück, Freude, Verständnis, Freundschaft und Liebe, so unendlich viel Liebe wärmten sie auch von innen heraus. Und verflucht noch mal! Noch nicht einmal die gedacht vergessene Lust, die Erregung und die besten Knutscheinheiten ihres Lebens machten halt vor ihr. Gerade diese letzten Erinnerungen füllten die leere Hülle in ihrem Brustkorb mit flüssiger Lava! Was sollte das?! War sie Ebenezer Scrooge, der gerade Besuch von den drei Geistern bekam und wenn ja, würden sie sie auch der Reihe nach aufsuchen oder gleich alle zusammen?! Ausgerechnet diese Wärme flutete jetzt nicht nur ihren Körper sondern auch den kompletten Innenraum des Autos und wischte alles Schlechte hinfort. Augenblicklich hatte sie das Gefühl zu brennen. So viele Emotionen, unausgesprochene Worte und der Wunsch ihn zu Berühren ließen ihren Verstand Amok laufen. Wenn nicht bald etwas passieren würde oder er nicht anfing zu sprechen, dann wäre sie nicht in der Lage für irgendetwas zu garantieren. Durch den Mund einatmen, durch die Nase ausatmen, wieder durch die Nase einatmen und durch die Nase ausatmen oder wie war das gleich nochmal?! Durch die Nase einatmen, durch den Mund wieder ausat-!

„Fuck!“, hörte sie das wütende grollen seiner Stimme, welche von den Wänden des Autos mit voller Wucht an ihr abprallte! Kurz darauf vernahm sie das laute Quietschen von Reifen und sie kamen augenblicklich zum Stehen. „Wie, Wo, Was, Was ist passiert?!“ „Die ganze Gegend ist gesperrt! Hätte dieser beschissene Schnee nicht noch bis morgen warten können!“, knurrte ein wütender Mamoru, beide Hände um das Lenkrad gekrallt, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Schnee?! Sie riss beide Augen weit auf und nahm zum ersten Mal, seitdem sie im Wagen saß, ihre Umgebung richtig wahr. „Das ist ja der Waaaaaahnsinn!“, rief sie erfreut. Wie sehr liebte sie diese Jahreszeit  und das gleich so viel auf einmal fiel war ein wahres Wunder.

Der Flughafen auf dem Mamoru gelandet war, lag etwas außerhalb von Tokio, gehörte aber noch zur Peripherie, einer 100km weit entfernten Peripherie. Er wurde zwischenzeitlich als Haupthafen benutzt, da der Alte in der Stadt saniert wurde. Wie lange fuhren sie schon und seit wann konnte Schnee so schnell fallen?! Die Flocken waren ja fast größer als ihre ausgestreckte Hand., stellte sie erstaunt fest. Vollkommen fasziniert sah sie dem Treiben des Wintereinbruchs zu und schien für eine Nanosekunde vergessen zu haben, wo sie sich befand. Nur am Rande nahm sie den kilometerlangen Kolone wahr. Mamorus Stimme klang gedämpft zu ihr hindurch. „Es ist zwar ein Stau aber immerhin nicht der vollkommene Stillstand. Die Autos bewegen sich in Zeitlupentempo und falls wir es noch gute zehn Kilometer schaffen, dann nehmen wir eine Seitenstraße zu mir!“ Usagis Kopf schnellte erschrocken zu ihm. Wenigstens waren ihre Reflexe nicht abhanden gekommen! „Aber ich muss doch nach Hause!“, fiepte sie kleinlaut. Wohin zum Kuckuck war denn ihre Stimme verschwunden?!! „Usako, wenn wir zu dir wollen müssen wir kreuz und quer durch die Stadt fahren und wenn es bereits hier so aussieht, dann stell dir mal vor welches Chaos uns im Stadtinneren erwartet.“

Usako! Dieser Kosename! Schon so lange hatte sie niemand mehr so angesprochen und überhaupt nannte sie niemand so außer ihm. Er streute Salz in die noch offene Wunde die sich lang und breit über Herz zog! Sie war zwar alt und trug bereits die ersten Narben aber glänzte immer noch rot.  Beinahe hätte sie vor Schmerz laut aufgestöhnt. Wahrscheinlich konnte er ihre Verzweiflung deutlich ansehen, denn der Satz der nun kommen sollte stellte ihre ganze Welt auf den Kopf. „Keine Sorge! Ich werde nicht über die Vergangenheit sprechen noch über dich herfallen, falls es das ist, was dir Sorgen bereitet!“, ergänzte er überflüssigerweise. Wow! Das saß!! Wieso stieß er ihr nicht gleich ein Messer in die Brust!? „Autsch!“ Dieses nichtssagende und doch bedeutungsschwere Klagelaut verließ ihren Mund noch bevor sie Gelegenheit bekam darüber nachzudenken. Allein der entsetzte Ausdruck in seinem wunderschönen Gesicht gab Zeugnis davon, dass sie es laut ausgesprochen hatte. Nun! Jetzt war es zu spät sich über Dinge Gedanken zu machen, die sie ohnehin nicht länger beeinflussen oder gar lenken konnte. Obwohl es ihr schwer fiel es zuzugeben, war es richtig gewesen es aus sich herauszulassen. Schon bei seiner Ankunft hatte sie sämtliche Kontrolle über ihre Gedanken, ihren Körper verloren und sie war es leid darauf zu bauen sie irgendwie wiederzuerlangen. Zwecklos es erst überhaupt zu versuchen! Stattdessen akzeptierte sie das Bedürfnis ihrer trauernden Seele und beschloss ihr ein Ventil zu geben, ein Sprachrohr denn nur wenn das Unausgesprochene  ausgesprochen wird, würde sie die reale Möglichkeit bekommen abzuschließen. Leugnen war zwecklos!! Sie liebte diesen Mann immer noch wie am ersten Tag und vielleicht heute ein Stück weit mehr.

„Mamoru ich glaube, dass es ganz gut wäre wenn wir uns darüber unterhalten!“ So jetzt war es raus!! Ein Stein im Ausmaß eines ganzen Hauses fiel ihr augenblicklich vom Herzen. Alte, verpestete Luft entwich langsam aus ihren Lungenflügeln, was ihr einen erleichterten Seufzer entlockte. Einen Fluch unterdrückend starrte er sie verständnislos an. Seine Augen verzogen sich zu zwei winzigen Schlitzen zusammen. Er schien sauer, also beeilte sie sich weiterzusprechen. „Ich … wir … wir müssen darüber reden, weil … na weil es sonst immer zwischen uns stehen würde. Verstehst du?! Wenn du es schon nicht brauchst, dann tue es wenigstens für mich! Ich konnte damit noch nicht abschließen und darum brauche ich dieses Gespräch so sehr. Ich kann gar nicht anders! Vielleicht bedeute ich dir nicht mehr viel aber ...“ Den Rest des Satzes lies sie stumm in der Luft ausklingen! Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich selbst Einhalt gebieten. Beinahe hätte sie den Fehler begangen und gesagt „aber du mir die ganze Welt“. Es wäre nicht richtig gewesen ihm auch noch ein schlechtes Gewissen einzutrichtern!

Sie sah, wie er krampfhaft nach den richtigen Worten suchte. Sein Mund öffnete und schloss sich wieder. Wie ein Fisch auf dem Trockenen rutschte er auf dem Sitz hin und her. Sie hoffte inständig, dass er ihrem Vorschlag zustimmte. Nie im Leben konnte sie eine ganze Nacht bei ihm verbringen und dazu verdammt zu sein, zu schweigen. Es lag nicht in ihrer Natur und aus der anfänglichen Unbefangenheit erblühte Mut. Endlich hatte sie den Mut sich ihrer Vergangenheit zu stellen, einer Vergangenheit, an die sie vor langer Zeit ihr Herz verschenkt hatte. Er hatte des damals mitgenommen und auch noch heute trug er es bei sich. Usagi wusste das sie sich auf sehr, sehr dünnes Eis begab, aber sie wollte nicht von anderen hören, wie es ihn in Amerika ergangen ist, ob er dort eine Freundin hatte oder hat und ob womöglich SEIN Herz jetzt einer Anderen gehörte. Sie wusste, dass die Antworten, die sie erwarteten, ihr nicht alle gefallen würden, aber darum ging es nicht. Sie brauchte Klarheit! JETZT!!

„Unfassbar!“, stieß er plötzlich lautstark hervor und schlug mit geballter Kraft die Faust gegen das Lenkrad. Als Zeichen des Protestes durchbrach der groteske Laut der Autohupe den Frieden der Nacht. Ein Glück, dass dabei der Airbag nicht ausgelöst wurde! Usagis ganze Aufmerksamkeit galt allein dem Mann hinter dem Steuer! Kannte sie ihn jemals wirklich, doch lange ließ Mamoru nicht zu, dass sie darüber nachdachte! Augenblicklich wirbelte er zu ihr. Sein erzürnter Gesichtsausdruck traf sie unvorbereitet und mit voller Wucht! Selbst wenn sie sich am liebsten dem Vorwurf seines durchdringen Blickes entzogen hätte, hielt sie den Augenkontakt aufrecht. Das war sie ihm und auch dich selbst schuldig!! „Unfassbar! Du bist- Unfassbar!!!“ Sich selbst verwünschend stellte er die Ganggabel auf Parken, zog die Handbremse an, stieß die Tür auf und flüchtete regelrecht  aus dem Wagen.

Sie konnte durch die eingeschneiten Fenster nur vage erkennen, wie er energischen Schrittes auf und ab ging. Der Schnee fiel ihm ins erhitzte Gesicht und verflüssigte sich sogleich. Immer wieder murmelte er etwas vor sich her, was sie aus dieser Entfernung nicht verstand, aber wie es schien, führte er einen anregenden Monolog. Ein lautstarkes „Verdammt“ konnte sie aber ganz deutlich vernehmen und vermutlich hörte man es auch noch in Okinawa! Furcht machte sich in ihr breit! So außer Rand und Band hatte sie Mamoru noch nie erlebt. Ihr schwante Böses!!!
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