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Annie Amseltod

von Bartifer
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Fantasy / P12 / Gen
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
23.04.2021
26.11.2021
21
62.040
5
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6 Reviews
Dieses Kapitel
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26.11.2021 927
 
Der Herbst ist eine besondere Jahreszeit für Annie. Sie verbindet ihn mit kalten Nachtwinden weit über den Waldwipfeln, mit braunen Birkenhainen und dicken, grünen Wollmänteln. Aber würde man sie fragen, würde Annie verneinen, jemals einen grünen Mantel besessen zu haben, in einem Birkenwald spazieren gewesen oder mitten in der Nacht über einen Wald geflogen zu sein. Der einzige Mensch, der je eine andere Antwort darauf erhalten hat, ist Annies Papa, aber das ist schon lange her und er hält die Geschichte über die Vogelmenschen heute für eine Kinderfantasie, über die sich ein gutes Buch schreiben ließe.

Das ist Annie auch ganz recht so, denn manchmal ist es wichtig, etwas nur für sich zu haben. So hat Annie nie wieder mit jemandem darüber gesprochen. Nicht mit ihrem Freundeskreis, nicht im Büro, nicht einmal mit dem Mädchen, in das sie in der Oberstufe sehr verliebt gewesen war. Ihr Papa hat ihr plötzliches Interesse an Gartenvögeln einfach akzeptiert und mit Annie die Tradition aufrecht erhalten, jedes Jahr am kalendarischen Herbstanfang zusammen Meisenknödel zu machen und in die Kastanienbaum im Gemeinschaftsgarten ihrer alten Wohnung im Vogelweg zu hängen. Was ihr Papa dann nicht weiß, ist, dass Annie die Tradition für sich damit weiterführt, sich auf ihren Balkon zu setzen und in eine kleine, hölzerne Pfeife zu blasen, die keinen Ton zu machen scheint. Meist kommt dann nach einer Weile ein erstaunlich zahmer, großer Kuckuck zu ihr geflogen und landet direkt neben Annie auf dem Balkongeländer. Manch ein Nachbar hat bereits ungläubig durch den Vorhang beobachtet, dass Annie diesen Wildvogel sogar anfassen und am Hals kraulen darf.

Heute hat Annie den Kuckuck noch nicht gerufen, denn ihr Papa ist noch zu Besuch. Es ist ein besonders kalter Herbst und Annie sitzt in eine dicke Decke gewickelt auf ihrem Balkon, während ihr Papa in ihrer Küche Kaffee aufkocht. Auf dem kleinen Balkontisch stehen schon zwei Teller mit Mohnkuchen, und in jedem Stück steckt eine winzige, goldene Gabel. Annie ist zufrieden und gemütlich und beobachtet aus halb geschlossenen Augen den Himmel über der Stadt. Ein paar Vögel ziehen vorbei in Richtung Süden. Und dort, war das nicht gerade ein großer Falke?

Laut schrillend klingelt es an Annies Tür.

“Ich geh schon”, ruft ihr Papa aus der Küche. “Hast du was bestellt?”

“Nein”, ruft Annie zurück.

Hier in der Stadt finden viele Menschen viele Gründe, um bei einem zu klingeln, also denkt sie sich nichts weiter dabei, bis ihr Papa ruft: “...Spätzchen? Deine Lieferung ist da, aber ich brauche etwas Hilfe damit.”

Jetzt legt Annie nachdenklich den Kopf schief, aber kann sich immer noch nicht erinnern, in letzter Zeit irgendetwas bestellt zu haben, das nicht in einen Briefkasten passen würde. Besonders nichts, was so groß ist, dass ihr fitter Papa es nicht bis in den Hausflur tragen könnte. Sie wickelt sich aus der warmen Decke und geht zu ihm in den Flur. Dann macht sie große Augen. Da steht niemand mit Uniform und Unterschriftengerät in der offenen Tür. Nur ihr Papa, und der zeigt ins Treppenhaus auf ein glänzendes, grünes Fahrrad.

“Ich wusste nicht, dass du wieder Fahrradfahren willst, jetzt, wo du das Auto hast”, sagt er und klappt den Ständer hoch, um es in die Wohnung zu fahren. “Hättest du was gesagt, hätte ich dir etwas dazu gegeben.”

Annie ist noch immer zu überrascht, um etwas zu sagen. Zusammen mit ihrem Papa fährt sie das Rad über die Schwelle in ihre Wohnung und schließt die Tür hinter sich. Dann schaut sie es sich genauer an. Obwohl das Fahrrad scheint und schimmert wie neu, ist es ein ganz altes Modell, mit Lederbändern um den Lenker gewickelt und einer großen Sturmlampe vorne dran. Annie fällt ein kleiner Zettel auf, den jemand in den Gepäckträger geklemmt hat. Sie zupft ihn vorsichtig heraus und faltet ihn auf. Darauf steht, in einer schönen, geschwungenen Handschrift:

Damit du ihn auch wirklich nicht verpassen kannst - jetzt ist der richtige Moment.

Annie wird ganz warm in der Brust und sie muss lächeln.

“Ist das die Rechnung?”, fragt ihr Papa.

“Nein”, antwortet Annie. “Das ist eine Nachricht von einem alten Freund.”

Annie und ihr alter Papa schieben das Rad erst einmal in Annies Wohnzimmer. Dann geht ihr Papa den Kaffee aufgießen und Annie verspricht gleich nachzukommen. Mit dem Zettel in der Hand läuft sie aber zuerst in ihr Zimmer. Dort öffnet sie die rechte Seitentür ihres Schreibtisches und zieht einen Karton heraus. Sie öffnet ihn und räumt vorsichtig einen Stapel alter Zeichnungen heraus, die allesamt Menschen mit Vogelköpfen zeigen. Unter diesem Stapel liegt ein altes, gelbes Päckchen. Vorsichtig legt Annie es auf ihren Schoß und öffnet die Schleifen und Knoten des braunen Paketbandes. Dann kann sie den gelben Stoff endlich auseinanderfalten und schaut nach all den Jahren nun endlich auf ihr Abschiedsgeschenk, das sie so lange gut verwahrt hat. Erst erkennt Annie gar nicht, was das sein soll. Es sieht aus wie ein seltsamer, brauner Sack. In dem Moment, in dem Annie das denkt, ahnt sie auch schon, was sie da bekommen hat.

Vorsichtig faltet sie die Maske auseinander.

Sie ist oval, mit schief genähten, großen Kiefern am unteren Ende und zwei knorrigen Ästen, die aussehen, wie lange Fühler. Dort, wo das Gesicht ist, eine Platte aus dünnem Holz mit zwei großen, schwarzen Insektenaugen an der Seite. Sie erinnert Annie an den Kopf eines Schmetterlings oder eines Grashüpfers. Und weil Annie sich ganz sicher sein will, schaut sie sich die Maske ganz genau an, von allen Seiten und auch von innen. Und tatsächlich - direkt an der inneren Naht findet Annie einen Aufnäher, auf dem in dicken Buchstaben ein einziges Wort steht:

WANDERHEUSCHRECKE.
 
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