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Annie Amseltod

von Bartifer
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Fantasy / P12 / Gen
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
23.04.2021
26.11.2021
21
62.040
5
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Dieses Kapitel
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19.11.2021 3.061
 
Annie war in ihrem kurzen Leben erst auf einer einzigen Beerdigung gewesen. Da haben auch alle Schwarz getragen und waren den ganzen Tag sehr traurig. Keiner hat gesprochen, außer die Pastorin und Annies Oma, die beide gesagt haben, Annies Opa würde das so wollen. Das hat Annie gar nicht verstanden, weil ihr Opa ein sehr fröhlicher Mensch war, der alle zum Lachen gebracht hat. Annie ist sich sicher, die Trauerfeier von Frau Amsel hätte ihm viel besser gefallen.

Nachdem der Zaunkönig die Trauerfeier eröffnet hat, waren zwar alle noch ein wenig still, aber dann hat Frau Tafelente den Leichenschmaus auftragen lassen und die Freude darüber war sehr groß. Es gab dampfende Knödel mit einer dicken Kräutersauce, aufgeschnittenes, herrlich süßes Obst und Beeren, Haferbrei, Nüsse und leckere Mohntörtchen von Frau Mehlschwalbe. Dazu gab es für die Erwachsenen roten Wein zu trinken und für die Küken Traubensaft und kaltes Quellwasser so klar, dass es auf den ersten Blick aussah, als sei der Becher leer. Als dann die Rohrsänger auch noch eine schöne Tanzmusik angestimmt haben, ist selbst dem grimmisten und traurigsten Gast plötzlich eine schöne Geschichte über Frau Amsel und Frau Drossel eingefallen. Annie, die die beiden ja gar nicht kannte, hat sich anfangs ein wenig unwohl gefühlt, aber ihre Murmelfreunde und alle Dompfaff-Küken haben sie sofort in ihre große Gruppe kleiner Vogelkinder aufgenommen. Und das, obwohl Annie ihre Maske gar nicht wieder aufgesetzt hat! Als die Sonne dann langsam untergegangen war und die großen Raben die Särge wieder weggetragen haben, um sie zu Herrn Uhu zu bringen, haben ihr alle mit traurigen Augen, aber fröhlichen Gesichtern hinterher gewunken. Annie ist sich sicher, am Ende sind alle mit dem Gefühl nach Hause gegangen, Frau Amsel und Frau Drossel gebührend verabschiedet zu haben.

Der Zaunkönig ist mit seinen Säbelschnäblern und mit viel Prunk aus der Stadt gezogen und diesmal durfte Annie auch Blüten aus den großen Blumenkörben von dem Wiedehopf auf die Straße werfen.

Jetzt, wo langsam wieder Ruhe in die kleine Stadt der Vogelmenschen einkehrt, muss sie an ihren eigenen Abschied denken. Sie verabschiedet sich bei all ihren Vogelfreunden und drückt alle, die von Annie gedrückt werden wollen. Frau Brieftaube und das Ehepaar Turteltaube werfen ihr Luftküsse nach, Herr Konstabler macht einen Salut und der lachende Hans lacht sein schönstes Lachen. Sogar die Galgenvögel, die nicht auf der Beerdigung waren, winken Annie aus einer Gasse heraus zum Abschied, und Annie winkt zurück. Dann umarmt sie jedes einzelne der Dompfaff-Küken und muss versprechen, immer nur die besten Meisenknödel aufzuhängen, wenn sie sie besuchen kommen. Nur Annies Kuckucksfreund sagt nichts dazu und schaut nur schwermütig zu Boden. Und noch mehr Vogelmenschen sind geblieben um Annie zu verabschieden und ihr für die Rückreise das Beste zu wünschen. Der Buntspecht klopft sogar dreimal auf Holz für sie. Dann geht Annie zusammen mit dem Wanderfalken und Frau Mehlschwalbe zurück zur Bäckerei.

Dort kocht Frau Mehlschwalbe erst einmal drei Tassen guten Kräutertee auf, den sie, eng zusammengerückt an dem kleinen Tisch vor dem Schaufenster, Schluck für Schluck trinken. Jetzt ist Annie wieder mollig warm und sie ist sich sicher, außer zu Hause bei ihrem Papa gibt es keinen Ort der Welt, wo sie sich jetzt wohler fühlen würde.

“Ach, Spätzchen…”, seufzt Frau Mehlschwalbe ganz schwermütig. “Ich werde dich sehr vermissen. Auch, wenn du uns alle ziemlich erschreckt hast, bist du mir doch an mein zartes Herz gewachsen.”

Als sie “zartes Herz” sagt, gluckst der Wanderfalke in seinen Tee.

“Du bist still”, mahnt ihn Frau Mehlschwalbe. “Nachdem du mir ein Menschenkind ins Haus gebracht hast, ohne mich einzuweihen! Und sowieso hoffe ich, du hast eine gute Erklärung für deine Wundermasken.”

“Oh, die habe ich”, antwortet der Wanderfalke. “Aber ich fürchte, ich werde sie euch nicht geben können.”

Gereizt verdreht Frau Mehlschwalbe die Augen. “Sieht dir ja mal wieder ähnlich, du alter Geheimniskrämer. Das kannst du vielleicht mit mir machen, aber glaub nicht, dass Konstabler Eichelhäher so schnell klein beigibt.”

Dann werden ihre Züge wieder ganz warm und sie schiebt ihren Stuhl nach hinten um aufzustehen. “Na, sei’s drum. Der Abschied ist unvermeidlich. Ich werde euch beiden eine Wegration einpacken, es sind noch Mohnkuchen übrig. Zieht euch dick an.”

Da fällt Annie ein, dass ihre lange Hose und der Wollpullover ja eigentlich Frau Mehlschwalbe gehören, aber die energische Vogelfrau besteht darauf, dass Annie die Kleidung behalten muss und sofort anziehen soll, weil draußen der kalte Herbstwind bläst. Das lässt sich Annie nicht zweimal sagen und wechselt schnell aus ihrem Trauerkleidchen in die warme Wollwäsche. In dem Hinterhof der kleinen Bäckerei drückt Frau Mehlschwalbe ihr und dem Wanderfalken dann je eine große Brötchentüte in die Hand, die bis zum Rand mit Keksen und Mohntörtchen gefüllt sind. Sie verabschiedet Annie mit vielen guten Wünschen und großem Dank für ihre Hilfe. Auch Herr Kernbeißer kommt dazu und nach so vielen Wünschen und Ratschlägen ist Annie dankbar für seine schweigende Umarmung.
Mit ihren starken Mehlschwalbenarmen hebt Frau Mehlschwalbe Annie auf den Gepäckträger des Fahrrads. Dort macht Annie es sich auf den Masken so gemütlich, wie sie kann und zieht ihren Mantel ganz eng um sich. Den Wanderfalken verabschiedet Frau Mehlschwalbe damit, ihn dafür auszuschimpfen, dass er die Stadt schon wieder verlässt, wo er doch gerade erst angekommen ist, und Annie hat das Gefühl, auch das ist eine Art von Liebe und “aufeinander achten”.

Frau Mehlschwalbe winkt ihnen noch durch das große Schaufenster nach, bis der Wanderfalke das Fahrrad mit Annie darauf über den ganzen großen Platz geschoben hat und die kleine Bäckerei nicht mehr zu sehen ist. Er schiebt das Rad genau den Weg entlang zurück, den sie auch gegangen sind, als Annie vor einigen Tagen in der Stadt der Vogelmenschen ankam. Einige Tage… die Zeit kommt Annie so viel länger vor. Vielleicht, weil sie sonst immer viel länger braucht, bis ihr etwas nicht mehr fremd vorkommt. Jetzt, genau einmal einige Tage später, hat Annie überhaupt kein mulmiges Gefühl mehr. Stattdessen bekommt sie ein ganz großes Heimweh nach dem Ort, an dem sie jetzt gerade ist und zieht ihre Knie eng an ihren Körper.

Die Wachtelschwestern am Stadttor machen große Augen bei Annies Anblick, aber als eineer der großen Herren Turmfalken ihnen die ganze Geschichte erzählt, machen sie Annie und dem Wanderfalken bereitwillig Platz und verabschieden Annie sogar sehr freundlich. Der Wanderfalke schiebt sein Fahrrad ein Stück den Weg entlang. Kurz, bevor sie den Birkenhain betreten, bleibt er stehen und schaut mit Annie zurück auf die große, hölzerne Mauer der Vogelstadt.

“Ich muss sagen, Spätzchen, du hast mich über alle Maßen beeindruckt”, sagt der Wanderfalke stolz.

Annie blinzelt überrascht. “Wie denn?”

“Mit deiner Intuition, Kleines. Ich hatte so eine Ahnung, dass in dir detektivisches Talent steckt, aber ich hätte nie erwartet, dir so wenig dabei unter die Arme greifen zu müssen, es zu entdecken. Du bist genau das, was ich gesucht habe.”

“Gesucht…?” Annie erinnert sich, dass der Wanderfalke so etwas schon einmal angedeutet hat und legt den Kopf schief. “Wofür denn gesucht?”

“Nun, kleine Annie…” Der Wanderfalke macht jetzt wieder sein bedeutungsvolles Gesicht und stellt sich vor Annie, als würde er ihr einen Vortrag halten wollen. “Wie deinem scharfen Verstand nicht entgangen sein dürfte, bin ich weit mehr als nur ein einfacher Wanderfalke.”

“Du trägst auch eine Maske, hast du gesagt”, erinnert sich Annie. “Also bist du ein Mensch.”

Der Wanderfalke lacht leise und wiegt dann den Kopf hin und her, als sei er unsicher. “Mensch genug. Aber es geht in der Tat auch weniger um das, was ich bin, als um das, was ich tue. Was, Annie, ist eine Bestimmung?”

Annie legt den Kopf schief. “Das ist, wenn jemand dafür auserwählt wird, etwas zu tun.”

“Und wer wählt?”

“Das Schicksal.”

Der Wanderfalke legt den fedrigen Kopf in den Nacken. “Die Sache mit dem Schicksal ist verzwickt, denn es existiert nicht in allen Welten. Aber was Bestimmungen überall gemeinsam haben, ist, dass ein Wesen, das das Glück hat seines zu finden, einen Moment erlebt, in dem es weiß.”

“In dem es was weiß?”

“Es weiß einfach. Und dann nimmt es sich der Aufgabe an. Ob die Eingebung dafür nun vom Schicksal, der eigenen Hartköpfigkeit oder aus einem schönen Zufall heraus kommt, spielt dabei keine Rolle. Vor vielen Jahren habe ich meine Bestimmung gefunden - oder besser noch; sie hat mich gefunden. Seitdem erfülle ich an der Seite anderer, die sind wie ich, eine wichtige Aufgabe, die stetig wächst, und wir mit ihr. An Erfahrung und an der Zahl. Darum, kleine Annie, halten wir stets die Augen offen nach denen, die sich für unsere Sache eignen und dann spielen wir Schicksal.”

Der Wanderfalke schweigt das Schweigen, das er schweigt, wenn er will, dass man eine Erkenntnis hat. Also denkt Annie über seine Worte nach.

“...Ich soll Masken verkaufen?”, fragt sie.

Der Wanderfalke lacht. “Verkaufen, kaufen, leihen, vermieten, zerstören, erschaffen. Die Masken sind nur eines der vielen Werkzeuge eines Hüters um unbemerkt zu reisen. Wir sind Abenteurer und Vagabunden, Händler und Reiseleiter, Beschützer und Begleiter mutiger Reisender von einer Welt in die andere. Aber wir sind, und das allem voran, Hüter. Detektive. Streitschlichter, wenn es sein muss. Stille Beschützer aller Welten, wenn du so willst.”

Annie kann gar nicht glauben, was sie da hört.

“Wie viele Welten gibt es denn?”, fragt sie, denn sie kennt ja nur ihre Welt und die der Vogelmenschen. “Und wie viele… Hüter? Und wie viele Masken?”

Der Wanderfalke lacht leise und schaut in den bewölkten Herbsthimmel. “Mehr, als die Menschenwelt Geschichten hat.”

Er sagt Annie zwar nicht, auf welche ihrer Fragen er damit geantwortet hat, aber Annie ahnt, dass es alle davon sind.

“Und du glaubst, sowas kann ich?”, fragt sie vorsichtig.


“Ich denke, du kannst es mit der richtigen Ausbildung. Und ich kenne zufällig einen Hüter, der sich für sehr geeignet hält.” Der Wanderfalke zwinkert ihr zu. “Also, kleine Annie, wie würde es dir gefallen, wenn ich dich zu einer Hüterin machen würde?”

Auf einmal bekommt Annie ein ganz seltsames Gefühl in ihrem Bauch. Es hat ein wenig Ähnlichkeit mit Angst, aber es ist gleichzeitig sehr angenehm und kribbelig warm in ihren Fingerspitzen. Annie ahnt, dass sich so ein Abenteuer anfühlen muss. Und vielleicht sogar eine Bestimmung. Sie horcht in sich hinein. Und obwohl sie noch nicht weiß, ahnt sie.

Weil sie nicht sofort antwortet, spricht der Wanderfalke einfach weiter, denn er mag keine Stille. “Nun… deine Entscheidung an dieser Stelle ist natürlich nicht endgültig, du bist ja noch jung. Ich würde dich ohnehin nicht gleich aus dem Nest schmeißen. Das Weltenreisen erfordert eine lange und schwierige Ausbildung, und vielleicht möchtest du mich ja auch gar nicht als deinen Mentor, und-”

Jetzt fällt ihm nichts mehr ein und er muss doch den Schnabel halten. Annie muss schmunzeln.

“Ja”, sagt sie dann. “Ich möchte das machen.”

Das erfreut den Wanderfalken so sehr, dass er entschlossen in die Hände klatscht und ihm dabei fast das Fahrrad, das er am Lenker festgehalten hat, zur Seite weggekippt wäre. Er klappt den Ständer aus und öffnet dann seine Reisetasche, um mit beiden Händen darin herum zu wühlen.

“Ausgezeichnet! Ich habe mir herausgenommen, auf diese Antwort zu hoffen, und habe dein Abschiedsgeschenk entsprechend gewählt. Denn ich werde dir… Nur, damit du es schon hast… Wo hab ich denn… Na also!”

Zufrieden zieht er ein kleines, gelbes Päckchen heraus, das mit Schnüren zugebunden ist, und reicht es Annie.

“Auf dieses Paket musst du sehr gut achten, kleine Annie”, beschwört er sie. “Behalte es stets an einem Ort, wo du es schnell finden kannst, aber sonst niemand. Und öffne es auf keinen Fall bis zum richtigen Moment, wie lange es auch dauern mag.”

Annie drückt das Paket ganz fest an sich und nickt eifrig. “Woher weiß ich denn, wann der richtige Moment ist?”

Der Wanderfalke streicht ihr über das Haar. “Keine Sorge. Ich werde es dich wissen lassen.”

Annie nickt noch einmal und schiebt das Päckchen unter ihren Mantel, damit es nicht aus Versehen herausfällt, falls sie auf der Fahrt zurück nach Hause einschlafen sollte. Die Sonne steht inzwischen so niedrig über dem Birkenhain, dass die schlanken Bäume ganz lange Schatten auf die Wiesen werfen. Gerade will der Wanderfalke sein Fahrrad mit Annie darauf weiter in den Wald hinein schieben, da hört Annie hinter sich ein lautes Rufen. Sie schaut sich um und der Wanderfalke tut das auch, und beide sehen eine kleine Gestalt mit Vogelkopf wild winkend den Weg entlang rennen. Als er sie beinahe erreicht hat, sieht Annie, dass es ihr Kuckucksfreund ist! Sofort springt sie vom Gepäckträger und läuft den Rest des Weges auf ihn zu.

“Spätzchen!”, ruft der Vogeljunge und kommt ganz außer Atem zum Stehen. “Du darfst noch nicht gehen!”

“Ist etwas passiert?”, fragt Annie ganz besorgt.

Der Kuckucksjunge stützt sich auf seinen Knien ab und schüttelt keuchend und schnaufend den Kopf. “Nein. Aber ich habe dich doch gar nicht richtig verabschiedet!”

Er nimmt einen ganz tiefen Atemzug und steht dann wieder gerade. Annie sieht, dass er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt und gar nicht so recht weiß, was er sagen soll. Also sagt Annie stattdessen: “Ich werde dich wirklich sehr vermissen.”

Der Kuckucksjunge nickt traurig. “Ich dich auch. Ich hatte nie zuvor so eine gute Freundin wie dich.”

Das Vogelkind und das Menschenkind umarmen sich sehr lang. Da fällt Annie etwas ein. Mit flinken Fingern durchsucht sie ihre Hosentaschen und zieht die Pfeife heraus, die das Rotkehlchen ihr gegeben hat. Sie reicht sie ihrem Vogelfreund. “Hier! Hättest du sie den Galgenvögeln nicht geliehen, hätten sie mich bestimmt nicht gefunden. Aber jetzt brauchst du sie wieder.”

“Wozu?”, fragt das Kuckuckskind bedrückt. “Du gehst doch sowieso weg.”

Annie lächelt. “Du hast die Pfeife den ganzen Weg aus dem dichten Wald bis in die Stadt gehört. Vielleicht funktioniert sie ja auch auf eine noch viel größere Entfernung.”

Darüber muss der Kuckucksjunge einen Moment nachdenken. Dann aber nickt er freudig und hängt sich seine Holzpfeife wieder um den gefiederten Hals. Die beiden umarmen sich nochmal, und schließlich ist Annies bester Vogelfreund der letzte, der ihr nachwinkt, bis der Wanderfalke, sein Fahrrad, seine Masken und Annie im Birkenwald verschwunden sind.

Als die Stadtmauer nicht mehr zu sehen ist, steigt der Wanderfalke schließlich auch auf sein Fahrrad.

“Halt dich gut fest, kleine Annie. Ich bringe dich jetzt zurück nach Hause.”

Und Annie hält sich gut fest. Wie bei ihrem Hinflug auch, braucht das Fahrrad nur ein paar starke Tritte in die Pedalen, bevor es sich quietschend und holpernd vom Boden erhebt. Und wie bei ihrem Hinflug pocht Annies kleines Herz, als sie bis weit hinauf schweben und Annie ganz klein unter sich die Lichter der Stadt sieht und die weiten Wiesen und die dunklen Wipfel der Bäume. Weil Annie weiß, dass es eine sehr lange Flugfahrt wird, lehnt sie ihren müden Kopf gegen den Rücken des Wanderfalken, vergräbt ihre Beine tief in dem Berg Masken, um nicht herunterzufallen und schließt die Augen. Und wie es immer ist, wenn man auf einem Rückweg ist, schläft sie schnell ein.

Als der Wanderfalke sie weckt, ist es heller geworden. Annie glaubt, es muss früher Morgen sein, denn das blaue Licht sieht so aus, wie es nur aussehen kann, wenn es ganz früher Morgen ist. Unter ihr zieht eine Stadt mit grauen Straßen und großen Häusern vorbei, die Annie sehr gut kennt.
“Ich bin wieder zu Hause!”, ruft sie und entdeckt auch schon das große Haus am Ende des Vogelweges, in dem sie mit ihrem Papa wohnt.

Das Fahrrad des Wanderfalken fliegt über den großen Gemeinschaftsgarten hinweg auf das Haus zu, in dem noch alle Fenster dunkel sind. Eines dieser dunklen Fenster, hoch oben im achten Stock, ist weit geöffnet. Auf dieses Fenster fliegt der Wanderfalke zu und landet das Fahrrad sanft mit dem Vorderreifen auf dem Fenstersims. Dort bleibt es dann, wie von einer magischen Hand gehalten, mitten in der Luft stehen. Der Wanderfalke dreht sich zu Annie herum und hebt sie von dem Gepäckträger in ihr Zimmer. Dort steht sie jetzt auf ihrem Schreibtisch und schaut den Wanderfalken mit ganz großen Augen an.

“Kommst du denn gar nicht mit rein?”, fragt sie.

Der Wanderfalke schüttelt den Kopf. “Ich kann nicht, Spätzchen. Das ist das Los der Hütenden, wir müssen stets von einem Ort zum nächsten. Wir sind Vagabunden, vergiss das nicht.”

Annie nickt und nimmt sich vor, ihren Papa zu fragen, was ein “Vagabund” eigentlich ist. Aber jetzt will sie sich erstmal von dem Wanderfalken verabschieden. Vorsichtig steigt sie auf den Fensterrahmen und umarmt ihren Freund, so fest sie kann.

“Vielen Dank”, murmelt sie und vergräbt ihr Gesicht wieder in seinen Schal, weil sie ahnt, dass sie das erst einmal eine ganze Weile nicht mehr tun kann. “Ich werde dich sehr vermissen.”

Der Wanderfalke streicht ihr zum Abschied über das Haar. Dann macht er einen ähnlichen Salut wie Konstabler Eichelhäher und sagt: “Keine Sorge, kleine Annie. Wir sehen uns wieder.”

Mit einem Ruck löst er das Fahrrad von Annies Fenstersims, wendet in der Luft und fliegt schließlich auf seinem Fahrrad zurück in den blauen Morgen. Annie schaut ihm nach, bis er nur noch ein schwarzer Punkt am hellen Himmel ist, an dem langsam die Sonne aufgeht. Dann schließt sie das Fenster. Als sie vom Schreibtisch klettern möchte, raschelt Papier unter ihrer Hand. Es ist das Bild der toten Frau Amsel, das Annie gemalt hat. Annie schaut es sich sehr genau an, und plötzlich gefällt es ihr gar nicht mehr. Also knüllt sie es zusammen und wirft es in ihren Mülleimer. Als sie das tut, hört sie auch schon ein Geräusch durch ihre Tür. Es klingt wie das Klappern von Pfannen und Töpfen! Sofort läuft Annie aus ihrem Zimmer und schnurstracks direkt in die Küche. Dort steht ihr Papa. In seinem Schlafanzug und mit wilden Morgenhaaren steht er am Herd und brät duftende Spiegeleier. Annie ist so glücklich, ihn zu sehen, dass sie gar nicht weiß, was sie sagen soll.

“Oh, guten Morgen, kleiner Spatz”, sagt ihr Papa, als er sie im Türrahmen bemerkt. “Wieso bist du schon auf? Das Frühstück ist doch noch gar nicht-”

Annie lässt ihn seinen Satz gar nicht zu Ende sprechen, denn sie muss einfach auf ihren Papa zulaufen und ihn ganz fest umarmen. Ihr Papa ist sehr verdutzt und Annie kann das verstehen, denn er weiß ja gar nicht, dass sein kleines Kind viele Tage lang weg war. Das weiß nur Annie.

“Ich weiß jetzt endlich, was ich für Herrn Grimm malen will”, sagt sie glücklich.

“So?”, sagt ihr Papa und küsst ihr die Haare. “Was denn?”

“Einen Falken.”
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