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das loch im himmel

von memoirst
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
23.04.2021
23.04.2021
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das loch im himmel






there is only me and you and the thing
that is trying to swallow us

-blasphemies at the 5th street station






Eli war sich sicher, dass das Loch gewachsen war.

Er hatte es für eine Gewitterwolke gehalten, anfangs – eine kleine, einsame Gewitterwolke im perfekten Azurblau des Sommerhimmels, vollkommen unbeeindruckt vom kräftigen Westwind, der die Zierblumen in Omas Garten ebnete. Aber dafür war es zu rund, zu ebenmäßig. Zu dunkel.
Nicht schwarz, nicht düster, sondern dunkel. Dunkel auf eine Weise, die ihm die Haare zu Berge stehen ließ.

Es war einfacher zu leugnen, als es noch nicht so aufdringlich gewesen war, als Eli es bloß mit einem Dreckfleck am Rand seiner Drahtbrille verwechseln konnte.

Papa und die anderen leugneten es schließlich oft genug.

Eli konnte verstehen, dass sie ängstlich waren – das war er auch, natürlich war er das, denn da war ein Loch im Himmel und es wurde größer. Mit jedem Tag schwand das Blau ein wenig mehr und das Loch fraß sich weiter vor.
Tief drinnen wusste Eli, dass es keinen anderen Ausdruck dafür gab als fressen. Irgendetwas da oben war wie ausgehungert.
Es grub seine Zähne in Wolkendecken und funkelnde Sterne gleichermaßen, sog Vogelschare ein und schloss das Maul um die Bergspitze in weiter Ferne, die Eli von seinem Kinderzimmer aus nun nicht mehr sehen konnte.

Und je mehr es schluckte, desto hungriger wurde es.

Trotzdem leugneten Papa und die anderen das Loch im Himmel.

Angst konnte Eli verzeihen, weil er sie verstand. Lügen nicht. Lügner noch weniger.
Wut war ein Ding mit hartem Kiefer, harten Zähnen, harten Fäusten, das sich aufbäumte und brüllte, wenn gelogen wurde. Sie mochten ihn so nicht, mit brennenden Augen und Strom in den Nervenbahnen, und Eli teilte ihre Abneigung.
Aber alles war besser als die Panik in seiner Brust, die Wellen über ihm schlug, wann immer er den Kopf in den Nacken legte.

»Seht ihr denn nicht?«, wollte Eli rufen, wollte sie alle fest am Ärmel packen, damit sie endlich hochschauten, statt betreten auf die eigenen Füße zu starren. »Da! Da oben!«

Es war ein Kunststück: Jemanden so fest in den Arm zu nehmen und trotzdem nichts zu fassen zu bekommen außer Schall und Rauch.
Was ein Trostpflaster sein sollte, kam ihm vor wie eine Augenbinde.
Eli wehrte sich gegen Umarmungen aller Art, wehrte sich gegen das Ach, Eli… und dagegen, wie Mundwinkel sich hoben, wenn sie doch nichts lieber tun würden als zu fallen.

»Ach, Eli«

Sie sahen ihn noch weniger als das Loch.

Der Himmel verschwand immer mehr und Eli wusste, wusste, wusste, dass sich das Loch nicht damit zufriedengeben würde. Dass es nicht eher ruhen würde, bis es sie alle mit Haut und Haar verschlungen hatte.

Keine Zeit für Tränen, keine Zeit für Angst.

Sollten sie doch lügen und leugnen, sollten sie doch blind sein.
Dann fiel es eben Eli zu, dem Loch Einhalt zu gebieten.







Dreckige Pflaster auf beiden Knien, das Kinn darauf abgelegt.
Das weiche Gras bog sich in der nächsten aufkommenden Brise und ließ die Kette des liegenden Fahrrads rasseln. Auf dem höchsten Hügel abseits der Kleinstadt, zwischen Wildblumen und Zikadenzirpen, lieferten sich Eli und das Loch einen Blinzelwettbewerb.

Es nahm immer dann einen besonders großen Bissen aus dem Himmelblau, wenn er nicht hinschaute, wenn er sich in Sicherheit wiegte.
Ein weiterer Beweis für seine These, dass das Loch nicht bloß eine Laune der Natur war – nicht wie Starkregen oder Sturmböen – sondern böse.

Ein von Grund auf böses Ding nahm mit jedem Tag mehr vom Himmel in Anspruch.

Eli griff den angespitzten Stock in seiner Faust fester und biss die Zähne zusammen.
Es war noch nicht nah genug, um nach der Hügelspitze schnappen zu können, aber viel fehlte nicht mehr. Und wenn es sich herabbeugen würde, dieses hässliche, hungrige, entsetzliche Loch, dann würde Eli zustechen. Einen selbstgebastelten Speer mitten in den Schlund.

Eli hasste das Loch.
Er hasste das Loch, wie er in seinem Leben noch nichts gehasst hatte.

Kettenrasseln, ganz ohne Wind.
Ein zweites Fahrrad kam neben dem ersten zu einem Stillstand, die Pedale noch immer in Bewegung.

»Hey, Champ.«

Er runzelte die Stirn, als Papa sich neben ihn fallen ließ, gerade genug außer Atem, dass Eli es bemerkte.
Champ war Anlässen wie einer Sporturkunde oder der Vier Plus in der Mathearbeit vorbehalten, die er mit Hängen und Würgen geschafft hatte. Champ war ein Spitzname, der von Haarewuscheln und breitem Grinsen begleitet wurde, von leuchtenden Augen und stolzschwerer Stimme.
Eli war an der Spitze der Welt, wenn man ihn Champ nannte.

Aber heute war alles anders.

Das Loch nahm ihnen so viel mehr als den Himmel.

»Hier alles klar?«
Eli nickte knapp, den Blick unentwegt auf den Horizont gerichtet.
»Oma hat nach dir gesucht.« Papa streckte die Beine aus und folgte Elis Blick, ohne zu sehen, was er sehen sollte. »Sie macht sich Sorgen, wenn du einfach verschwindest, ohne Bescheid zu sagen.«
»Tut mir leid«, murmelte er und meinte es gleichzeitig nicht wirklich und viel zu sehr.

Da war ein Moment der Stille.

Papa atmete aus und versuchte sich an einem Lächeln, das nicht ganz gelingen wollte. »Als ich so alt war wie du, habe ich den Platz auf dem Hügel auch geliebt. Die Aussicht ist toll, nicht wahr?«

Eli konnte es in seinem Magen brodeln spüren – leugnen, leugnen, leugnen – aber er zuckte bloß mit den Schultern, statt zu schreien. Statt zu schreien, wie er eigentlich schreien wollte, so wütend auf Papa, auf sich selbst und auf das Loch, auf das Loch, auf das verdammte Loch.

»Was machst du eigentlich hier oben?«
»Wache halten.« Er starrte trotzig zum Himmel hinauf. Das Loch starrte zurück. Dann, leise: »Es ist größer geworden. Schlimmer. Bald hat es uns.«

Papas Blick war nicht mal auf den Himmel gerichtet, aber trotzdem huschte ein trauriges Lächeln über seine Züge.
»Bald hat es uns«, machte er zustimmend, die Stimme leise, und drückte Elis Schulter.
Es erforderte alles, was er an beträchtlicher Willenskraft aufbringen konnte, die Hand nicht wegzuschlagen. Ein kleiner Teil von ihm wollte nichts lieber tun, als seinerseits die Hand auszustrecken.

Erneut Stille.
Im aufkommenden Wind lieferten sich pfeifende Grashalme und zirpende Zikaden eine Konzertschlacht. Der würzige Geruch nach Wildblumen löschte alles andere aus und er sog den Duft so tief ein, dass es in der Nase schmerzte.
Kein scharfes Desinfektionsmittel, kein Kantinenessen. Nicht hier, nicht auf dem Hügel.

»Opa und Oma sind startklar.« Mundwinkel wollten fallen, aber hoben sich gezwungenermaßen. »Wir sollten uns auf den Weg machen.«
»Geht nicht. Ich halte Wache.«
»Ach, Eli …«
»Es geht nicht.« Er wagte es nicht, den Blick vom Loch abzuwenden. »Wenn ich ihm jetzt den Rücken zukehre, wird es immer größer und größer und dann frisst es uns alle auf.«

Papa atmete aus. »Und wofür ist der Stock?«
»Speer«, korrigierte Eli verärgert. »Der ist dafür, wenn das Loch zu nahekommt.«
»Ich glaube nicht, dass ein Speer da helfen wird, Champ.«
Natürlich hatte er recht. Aber das hieß nicht, dass es Eli gefiel. »Zumindest tue ich etwas. Zumindest tue ich überhaupt etwas.«

Eine der lästigsten Eigenschaften seines Vaters war die Tatsache, dass er nicht wütend wurde. Dass er pampige Fragen nicht mit pampigen Antworten heimzahlte, dass er nur einsteckte, nie austeilte.
Papa war ein weicher Mensch, ein Marshmallow-Mann.
Das Loch rieb sich bei diesem Anblick die Hände, aber das würde Eli nicht zulassen. Das Ding da oben hatte ihm bereits zu viel genommen, als dass er es verantworten konnte, wenn es auch die gierigen Finger nach seinem Vater ausstreckte.

»Ich verstehe«, sagte Papa leise, »wie es dir geht, Eli. Wirklich. Aber sie fragt nach dir.«
Er stieß ein heiseres Lachen aus, hoch und falsch in seinen Ohren. »Letztes Mal hat sie mich Tom genannt.«
»Ich weiß. Ich hab’s gehört.« Papa schluckte schwer, ein viel zu lautes Geräusch in der dicken Stille, die entstanden war. »Wenn du sagst, dass du nicht mitkommen möchtest, dann ist das in Ordnung. Aber dann sag es bitte auch so.«

Wenn es doch nur so einfach wäre.

»Ich kann nicht mitkommen«, flüsterte Eli und wischte sich energisch über das Gesicht. Als er die Hand zurückzog, war da am Himmel ein bisschen weniger Blau. »Ich will mitkommen, aber ich kann nicht mitkommen, sonst verschluckt uns das Loch. Ich halte hier die Stellung, okay? Es muss noch etwas übrig sein, wenn Mama nach Hause kommt.«

Wenn Mama nach Hause kommt wurde vom Wind mitgetragen, brachte die Baumwipfel in Bewegung, verlor sich am Horizont.

Papa strich ihm über den dunklen Wuschelkopf. »… Ich glaube, du kannst das Loch im Krankenhaus besser in Schach halten als hier auf dem Hügel.«
Eli runzelte die Stirn. »Das macht gar keinen Sinn.«
»Ich schätze nicht.«
»Und du …« Seine Stimme verlor sich für einen Moment. »Du siehst es doch gar nicht.«

Er hatte es als Anklage gemeint, versuchte sich verzweifelt an dem wütenden Funken festzuhalten – eine Fackel gegen die ohnmächtige Angst, die ihn auf der Stelle festnagelte.

Doch was herauskam, war kein Vorwurf. Was herauskam, war so unfassbar klein.

»Vielleicht nicht.« Papa folgte erneut seinem Blick. »Nicht wie du. Aber ich weiß, dass es da ist.«
Da lauerte etwas Schweres in seiner Stimme und Eli spürte das Gewicht in seiner eigenen Kehle, in seiner eigenen Brust. Er spürte es so sehr und so heftig, dass es ihm schwerfiel zu atmen.
»Da ist ein Loch im Himmel. Und es wird größer.«

Grashalmpfeifen und Zikadenzirpen und irgendwo dazwischen kullernde Tränen, vollkommen lautlos.
Da war ein Arm um Elis Schulter und ein Kinn auf seiner Haarkrone, eine halbe Umarmung, gegen die er sich nicht mit Händen und Füßen wehren musste, die ihm genug Platz ließ. Die ihn nicht erdrückte, wie so vieles andere ihn zu erdrücken drohte.

Wildblumen einatmen, Wuttränen ausatmen.

Zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich Eli ein kleines bisschen weniger schwer.

»Ich hole mir auch so einen Speer«, sagte Papa nach einer Weile und fuhr sich über die Augen. Er sagte nicht Du musst das nicht allein schultern, nicht direkt. Aber das war auch gar nicht nötig.
»Ehrlich?«
»Ehrlich. Du musst mir nur sagen, wo ich hinstechen soll.« Er lächelte leicht, als Eli etwas entwich, dass vielleicht ein Schluckauf war oder vielleicht ein Lachen. »Kann ich dann auf deine Hilfe zählen? Im Krankenhaus?«

Eli biss sich auf die Lippe. »Aber das Loch-« Aber das Loch.

Das Loch würde weiter wachsen, weiter wuchern, weiter fressen, ob er es anstarrte oder nicht.
Und er starrte das Ding da oben an, seit es aufgetaucht war, seit seinen Tagen als Dreckfleck, als Gewitterwolke. Anstarren, bis es wegsah, bis Eli aus dem Blinzelwettbewerb als Sieger hervorgehen würde.

Keine Zeit für Tränen, keine Zeit für Angst.

Aber vielleicht war es nicht das Loch über ihren Köpfen, vor dem er am meisten Angst hatte.
Und vielleicht, vielleicht waren zwei Augenpaare besser als eins.

»Abgemacht?«

Er linste nach oben und holte tief Luft.

Eli hatte ein Retter in der Not sein wollen, mutig und bärenstark, die letzte Bastion gegen das Loch im Himmel, das er mit Speer und Kampfschrei zurückdrängen würde.
Was für eine ernüchternde Erkenntnis es war, dass er sich nicht in einer Heldengeschichte befand.
Welche Schlachten er auch immer zu überstehen hatte – sie würden nicht auf diesem Hügel ausgetragen werden, sondern im lichtdurchfluteten Krankenzimmer 143.

»… Abgemacht.«



»1834

für k.








aloha und vielen lieben dank fürs lesen!

der kleine text ist im rahmen des wettbewerbs für andere unsichtbar der spinatwachteln entstanden und ich habe der upload-phase schon ganz hibbelig entgegen gefiebert.

kleiner fun fact: die einzelnen ziffern 1-4-3 stehen für die zahlen der buchstaben in "I Love You".

mfg memo
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