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Allianz im Osten: Das Jahr 2020

GeschichteSci-Fi / P12 / Gen
22.04.2021
11.06.2021
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Die Wurzeln der Nation von Liaoning gehen auf die Volksgruppe der Jurchen zurück. Deren Stämme lebten für Jahrhunderte als teils Jäger-Sammler, teils als semi-nomadische Hirten und teils als sessehafte Bauern in der Region nördöstlich vom Kernland der Han. Als Reiter und Bogenschützen berühmt waren die Jurchen immer wieder in Kriege gegen die Han, die Mongolen und die Koreaner verwickelt, aus denen sie mal als Herrscher und mal als Vasallen hervorgingen.  Die Geschichte der Jurchen sollte im späten 15. Jahrhundert eine entscheidene Wende nehmen, als der visionäre Häuptling namens Nurhaci die Jurchen-Stämme in dem System der Acht Banner vereinte und ihnen eine neue Identität gab: die Mandschu.  Im Verlauf des 17. Jahrhunderts sollte es Nurhaci und seinen Nachfolgern gelingen durch militärische Feldzüge und politische  Allianzen mit Fraktionen unter den Mongolen, Han und Koreanern die Ming-Dynastie von der Macht zu verdrängen und als die Qing-Dynastie zu den neuen Großkaisern von China aufzusteigen.

Unter der Qing-Dynastie sollte China einerseits seine größte territoriale Ausdehnung erreichen aber auch andererseits in eine Phase der Stagnation rutschen, die den riesigen Vielvölkerstaat zunehmend nach Außen hin angreifbar und im Inneren instabil machte.  In dieser Zeit stellten Mandschu die Mehrheit der höchsten zivielen und militärischen Ämter des Reiches, wodurch sie als Volk zunehmend für die  nationalen Probleme verantwortlich gemacht wurden.  Tatsächlich hatten sich  die Mandschu in ihren Acht Bannern über die Jahrhunderte mit den Han, den Mongolen und anderen Völkern des Reiches ethnisch und kulturell stark vermischt. In 19. Jahrhundert hatte die Qing-Dynastie sogar das alte Hauptsiedlungsgebiet der Mandschu (in den späteren Provinzen Liaoning, Jilin und Heilongjiang) zur Besiedlung für die Han freigegeben (zum Schutz gegen die drohende Annektion durch Russland).  Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass die Qing-Dynastie selbst das alte Siedlungsgebiet der Mandschu stets als "Die Drei Östlichen Provinzen" bezeichnete, während der Name der Mandschurei  vielmehr von den Europäern in Anlehnung an das Mandschu-Volk für die Region erfunden und verwendet wurde.  Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten die meisten Mandschu schon seit Generationen wie die Chinesen, sprachen im Alltag deren Sprache und hatten kaum noch etwas mit ihren Vorfahren zu den Zeiten von Nurhaci gemeinsam.

Ungeachtet dieser Integration wurden die Mandschu zu Beginn des 20. Jahrhunderts von vielen Han und deren Subkulturen (wie den Hakka, den Yue  und den Hui) als fremde Invasoren gehasst. So hatte Sun Yat-sen selbst in seinem politischen Programm die  Mandschu als tyrannische Barbaren bezeichnet, während sein Zeitgenosse Zou Rong gar zum offenen Völkermord an diesen aufrief. Solche Rhetorik fiel auf fruchtbaren Boden, als während der Chinesische Revolution in verschiedenen Provinzen Massaker an den Mandschu verübt wurden, deren Opferzahlen schätzungsweise allein in der Stadt  Wuhan rund 10.000 und in der Stadt Xi'an rund 20.000 betrugen. Zudem wurden viele Mädchen und Frauen verschleppt um als Ehefrauen/Sklavinnen zu dienen.  Gleichzeitig hatten viele liberal denkende Beamte und Offiziere unter den Mandschu die Revolution offen unterstützt. Nun aber fanden alle Mandschu sich in einem China wieder, wo es für sie ratsamer war sich offiziell als Han zu identifizieren, wenn sie keinen Ärger wollten und viele taten genau dies. Fairerweise muss erwähnt werden, dass Sun Yat-sen und andere Revolutionäre unter Eindruck dieser Ereignisse versuchten durch die neue Ideologie namens Harmonie der Fünf Völker die Mandschu neben den Han, den Hui, den Mongolen und den Tibetern als integrales Volk der chinesischen Nation und Kultur zu rehabilitieren. Doch diese änderte wenig daran, dass in der Kuomintang weiterhin ein aggressiver Han-Chauvinismus und offener Hass gegenüber den Mandschu mehr die Regel als die Ausnahme war. Viele Mandschu begannen damit sich in der Öffentlichkeit als Han zu identifizieren, um besser behandelt zu werden.

So war es natürlich dass in Reaktion auf den  neuen Han-Nationalismus ein neuer Mandschu-Nationalismus entstand. Dieser strebte freilich keinen reinen Mandschu-Ethnostaat oder eine Rückkehr zu der mandschurischen Gesellschaft vor den Acht Bannern an.  Dazu waren die Mandschu einfach zu eng mit den Han verbunden und diese stellten ohnehin bereits in der Mandschurei die klare Bevölkerungsmehrheit. Dennoch sah mit dem Ausbruch des Chinesischen Bürgerkrieges die japanische Regierung in den Mandschu eine gute Chance sich einen dankbaren Freund im Norden Chinas zu schaffen. Erste Ideen die Drei Östlichen Provinzen als einen offiziellen Heimatstaat für die Mandschu abzutrennnen, in Form einer Monarchie unter dem abgesetzten Kaiser Puyi, wurden schnell wieder fallen gelassen, nachdem die China-Experten in Tokio darauf hingewiesen hatten dass nicht einmal unter den Mandschu nennenswerte Unterstützung für so etwas zu finden sein würde.  Dennoch war die Option nicht vollends vom Tisch, einen nördlichen Splitterstaat zu schaffen, in dem die Mandschu eine sichere Zuflucht finden konnte. Mit dem Fortdauern des Chinesischen Bürgerkrieges und der Etablierung einer Regierung der rechtsgerichteten Kuomintang in Beijing wurde eine wachsende Zahl von Mandschu disillusioniert mit der Republik China.

Die Drei Östlichen Provinzen bzw. die Mandschurei waren mit Beginn des  Bürgerkrieg faktisch ein weiterer Warlord-Staat geworden, den die sogenannte Fengtian-Clique kontrollierte. Unter dieser stieg der ehemalige Bandit Zhang Zuolin zum starken Mann auf, einerseits die Loyalität gegenüber jedem schwor der gerade in Beijing herrschte und andererseits lukrative Geschäfte mit den Japanern machte. Hinter den Kulissen verhandelte Tokio bereits mit Vetretern der Acht Banner unter den Mandschu und den Han, um den selbsternannten "Alten Marschall" Zhang in der Region durch eine in den Augen der Weltöffentlichkeit "legitimere Regierung" ersetzen zu können. Zhang selbst lieferte durch seine wachsenden Expansionsgelüste gute Vorwände, die darin gipelten dass er sich durch einen erfolgreichen  Feldzug gegen Beijing im Jahr 1927  selbst zum Militärdiktator der Republik China machte. Dies erzeugte genug internationalen  Unmut, um im Jahr 1930 eine japanische Militärintervention gegen Zhangs Machtbasis in der Fengtian-Provinz zu rechtfertigen, während die  Kuomintang  von ihrer Hochburg Nanjing aus den "Alten Marschall" in Beijing stürtzten und dieser auf der Flucht getötet wurde.

Während Zhang Zuolin in Beijing residierte, hatte sein Sohn Zhang Xueliang in Fentian die Geschäfte geführt. Als jedoch die berühmte 7. Division der Kaiserlich-Japanischen Armee in Port Arthur landete setzte sich der "Junge Marschall" nach Heilongjiang ab, wo er seine eigene Harbin-Clique gründete. Diese etablierte schnell freundliche politische Beziehungen mit den Kuomintang in Beijing, während mit Korea und der Fernöstlichen Republik (und damit indirekt auch mit den Sowjetunion und Japan) die wirtschaftlichen Geschäfte weiter gingen.  Die Fengtian-Provinz wurde derweil von der japanisch-koreanischen Allianz mit wirksamer Öffentlichkeitsarbeit zu einer sicheren Zuflucht für die Mandschu und die mit ihnen assoziierten Han erklärt, was im Jahr 1933 deren Abtrennung als die Fengtian-Republik von der Republik China nach sich zog.

Dieser neue Staat war faktisch eine oligarchische Adelsrepublik für hochgeborene und/oder reiche Mandschu und Han, aber letzlich weder schlechter noch besser als die anderen Regionen bzw. Warlord-Splitterstaaten in China. Immerhin lebten in Fengtian gut die Hälfte aller registierten Mandschu und über die folgenden 20 Jahre wanderten hundertausende weitere Mandschu bzw  Mandschu-freundlichen Han aus der benachbarten Hubei-Provinz ein. Dies schuf die entscheidenen Grundlagen für eine mehrheitliche Zustimmung des neuen Staates unter der regionalen Bevölkerung. Die reichen Bodenschätze der neuen Nation und starkes japanisches Investment schufen noch vor Ausbruch des 2. Weltkrieg die Grundlagen für eine eigene nationale Schwerindustrie und Port Arthur (bzw. Lüshun, wie der wahre Name lautete) wuchs zu einem wichtigen Handelshafen. Ebenso erlangte die sogenannte "Südmandschurische Eisenbahn" in dieser Zeit internationalen Ruhm als ein Vorzeigeprojekt der Modernisierung in Asien.

Ab den frühen 1940ern zog der sowjetische Feldzug gegen den Sibirischen Fernen Osten und die Mongolei auch einen gemeinsam Versuch der Beijing-Kuomintang und der Harbin-Clique nach sich, die "abtrünnigen" Gebiete in der Inneren Mongolei und der Fengtian-Republik wieder zurück zu holen. Die nationalchinesischen Truppen wurden zwischen den Mongolen und den Mandschu zerschmettert, bevor die Japaner und Koreaner selbst im vollen Umfang eingreifen konnten. Mit dem offiziellen Friedenschluss im Chinesischen Bürgerkrieg wurden zwischen dem chinesischen Hubei und dem mandschurischen Fengtian einige Gebiete getauscht, um einerseits mehrere mehrheitlich von Mandschu bevölkerte Siedlungen an deren Splitterstaat anzuschließen und anderseits der Republik China einen dauerhaften Landzugang in ihre nordöstlichsten Provinzen Jilin und Heilongjiang zu ermöglichen (die später das Zentrum der zentral-chinesischen Schwerindustrie werden sollten).

Im Verlaufe des Kalten Krieges sollte sich die Fengtian-Republik, wie auch Japan und Korea, aus schierer Notwendigkeit  schrittweise zunehmend  liberalisieren und demokratisieren. Dies schloss auch eine Umbenennung des Staates in die Demokratische Republik Liaoning und seiner Hauptstadt von Mukden in Shenyang ein. Während die Idenität und Sprache der Mandschu im Verlaufe des Kalten Krieges an Bevölkerungszahl und Prestige gewann, folgte man insgesamt dem Beispiel der Fernöstlichen Republik in ihrem Selbstverständis als multiethnischer/multikultureller Staat. Wegen der Wichtigkeit der Küstenstädte  Lüshun und Dalian (die man in den frühen 1950ern zur gemeinsamen Großstadt Dalian vereinte)  als regionaler Handelshafen wurde ironischerweise die Republik China dauerhaft ein wichtiger Wirtschaftspartner, vor allem wenn es um den Gütertransfer von Jilin und Heilongjiang  mit dem Rest Chinas ging.

Das Ende des Kalten Krieges verbesserte die politischen Beziehungen zwischen  Liaoning und China. Der Traum der Wiedervereinigungsbewegung liegt aber aktuell noch in weiter Ferne, da man in Beijing beharrlich die historischen Massaker an den Mandschu herunter spielt und die Beteiliung verschiedener "Helden der nationalen Revolution" daran leugnet. Wenig verwundlich sind in  Liaoning hausgemachte Film- und Serienproduktionen über die historischen Errungenschaften und Leiden der Mandschu sehr populär und haben auch in anderen befreundeten Nationen eine lukrative Zuschauerschaft gefunden.
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