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Ein melancholischer Sommer

von jojo-san
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P16 / Gen
19.04.2021
19.04.2021
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Hier ist mein Beitrag zum Wettbewerb "Für andere unsichtbar". Viel Spaß beim lesen!





"And I want a moment to be real
Wanna touch things I don't feel
Wanna hold on and feel I belong"
- I'm still here (Treasure Planet)




Ich spüre immer noch die Hitze in meinem Gesicht, das Schmelzen des Asphalts unter meinen Füßen und rieche die aufsteigenden Dämpfe des grauen Monsters. Die Kiesel knirschen und die Luft schimmert über den Boden, ein Verlangen überkommt mich, einfach sich auf die Straßen zu setzten und mich vom nächsten Auto überfahren zu lassen. Ich blicke auf und hinab, kein Fahrzeug in Sicht. Ich laufe weiter, meine Füße gehorchen mir nicht. Ich will mich fallen lassen, aber ein Instinkt treibt mich weiter.

Rechts geht ein kleiner Sandweg vom Pfad ab, dem ich in einen Kiefernwald folge. Schnell wandelt sich der gelbe Pfad zu schwarzem mit Wurzeln durchzogenen Sand über welche man leicht fallen könnte. Mein Körper jedoch kennt den Weg in- und auswendig, die reinste Muskelerinnerung. Wie beim Piano spielen. Meine Faust ball sich zusammen und ein stechender Schmerz durchzuckt meine Knöchel. Rasch lockere ich meine Finger und versuche bewusst nicht an das Klavierspielen zu denken. Stattdessen trotte ich weiter den Weg entlang, an einem Sandabhang vorbei, bei welchem man über den Wald blicken kann, dann links und wieder links einen Abhang hinunter.

Man hört sie schon von weitem. Die Musik, das Lachen und Gejohle, es dringt unaufhaltsam in mein Trommelfell und verspottet mich. Ich gehe immer weiter bis ich den Baggersee erblicke und die Menschen, die dort am Strand und im Wasser feiern. Freudig hängen sie einander um den Hals, stoßen ihre Bierflaschen aneinander und spritzen sich Wasser ins Gesicht. Überall dieses Lachen auf ihren Gesichtern. Ich lehne mich an einen Baum und lausche dem Treiben, mein Kopf wippt dabei zum Beat der Musik. Ich umklammere meine Arme und halt mich an meiner Selbst fest, damit ich nicht umkippe. Meine aufgeplatzten Knöchel beschweren sich, doch diesmal lasse ich zu wie der Schmerz Besitz von mir ergreift und mich im Hier und Jetzt behält.
Mein Blick wandert zu meinen Freunden, oder das was davon übrig ist. Ich gehörte einst dazu, nie habe ich mich fehl am Platz gefühlt, immer war ich mitten drinnen. Doch irgendwas hat sich verändert, bin ich es oder sie? Ich höre sie über die gleichen Dinge reden, über die wir immer geredet haben, ich sehe, wie sie über die gleichen Dinge lachen und scherzen, und ich rede, lache und scherze mit. Ich klopfe ihnen auf die Schulter und stützte mich an ihnen ab. Ich bin Teil der Gruppe und zugleich fühle ich mich als würde ich in einem Schneesturm stehen. Ich kann es nicht definieren. Ich bin dort aber auch nicht. Ich verstehe was sie mir sagen, aber ihre Botschaft kommt nicht mehr bei mir an. Immer mehr fühle ich mich als Außenseiter, und sie fangen es auch an zu merken und behandeln mich anders. Ich bekomme nicht mehr alles gesagt, ihr Lächeln ist belächelnd und sie haben Insinders bei denen ich ein Outsider bin. Sie legen immer noch ihre Arme um mich und essen mit mir, aber ich werde nicht mehr zu allem eingeladen.

Bin ich es also oder sind sie es? Wer verändert sich und warum muss das geschehen? Hätten wir nicht immer alle so bleiben können, ein Team, unschlagbar auf ewig Freunde.

Ich gehe zum Strand und merke wie meine Füße mit jedem Schritt tiefer in den Sand versinken. Sie erblicken mich und kommen zu mir. Ihre nassen Arme schlingen sich um mich und drohen mich zu verschlingen. Meine Augen sind Richtung Himmel gerichtet und folgen den Wolken in ihrer Freiheit. Sie lassen mich wieder los und ziehen mich zu ihren Handtüchern. Ich kriege eine Flasche in die Hand gedrückt und ehe ich mich versehe, habe ich das Bier halb geleert und stehe mit hoch gekrempelten Hosenbeinen im Wasser, während ich mir eine Geschichte von einem Familientreffen von Marcie anhöre. Von hinten versucht sich Eric anzuschleichen. Ich lasse ihn. Er schüttelt mich und versucht mich zum Fallen zu bringen. Diesmal lasse ich ihn nicht. Ich greife mir einfach sein Bier und drehe mich aus seiner Umklammerung heraus. Ich spüle meine Melancholie mit den zwei Bieren herunter und werfe sie auf den Strand, bevor ich durch das Wasser entlang den Strand wate.
Aus der Gruppe löst sich Lenora und kommt zu mir. „Alles in Ordnung mit dir?“
Ist es das? Ich fahre durch mein Haar, um die Antwort hinauszuzögern.
„Was ist mit deiner Hand passiert?“ Sie greift danach und untersucht die aufgeplatzten Stellen.
„Ist halb so schlimm. Ich hab nur gegen eine Wand geschlagen, die Wand hat eindeutig den Kürzeren gezogen“, versuche ich Lenora zu beschwichtigen. „Es tut kaum weh, wirklich.“
„Wieso schlägst du gegen eine Wand? Und noch so dolle?!“
Ja warum habe ich das getan? Um mich zu versichern noch in der richtigen Realität zu sein? Sicherzugehen, dass ich noch was fühle? Zu schauen, ob ich blute?
„Das Piano spielen fühlt sich in letzter Zeit nicht mehr richtig an. Ich wurde wohl etwas wütend. Kein Grund zur Sorge.“
Sie atmet schwer aus und lässt endlich meine Hand los. „Weißt du, dass wir sehen, wie du dich zurückziehst? Wie es uns zu denken gibt, ob du dir was antust oder ob wir was falsch gemacht haben?“ Sie versucht es zu verbergen, aber ich sehe die Tränen in ihren Augenwinkeln aufsteigen. Ob aus Traurigkeit oder Zorn bleibt mir ein Rätsel.

Sie steht ein Schritt zu weit entfernt. Früher war sie immer direkt in meinem Gesicht gewesen aber jetzt behandelt sie mich wie ein verletztes Tier. Und vielleicht sollten sie sich Sorgen machen, vielleicht ist es zum Teil ihre Schuld. Vielleicht sollte ich mich aber auch glücklich schätzten, Freunde zu haben die mich scheinbar so gut kennen und sich sorgen um mich machen. Vielleicht wünsche ich mir jedoch in Ruhe gelassen zu werden, und mich nur um meine eigenen Tränen kümmern zu müssen und nicht noch um ihre. Noch immer sieht sie mich mit diesem flehenden Ausdruck an. Ich kann ihn nicht ausstehen, so wende ich mein Blick ab und schaue lieber auf meine Finger.

„Alles gut.“ Ihre Hoffnung zerbricht und Trauer und Sorge wandelt sich definitiv zu Ungeduld und Zorn. Ich kann ihren Kopf arbeiten sehen und anstatt mir etwas vorzuwerfen, dreht sie sich um und geht wortlos davon. Ich wünschte ihren Ausdruck sehen zu können, was würde ich wohl erblicken? Hat sie mich aufgegeben und schaut sie mit dem gleichen seelenlosen Blick in den Augen in die Welt wie ich? Ist es das was die anderen sehen?

Ich trete mit dem Fuß in den Sand, ärgere mich über mich selbst und meiner selbst zugeschriebenen, emotionalen Isolation. Wieso kann ich ihr nicht sagen, wie ich mich fühle? Würde sie es überhaupt verstehen? Versteht irgendeine arme Seele auf dieser Erde, wie ich mich fühle? Mit den Händen in den Hosentaschen trete ich meinen Walk of Shame zurück zu meinen Freunden an. Lenora steht bei Marcie und Eric und tuschelt mit ihnen, sie sehen mich an und ich kann ihren Blick nicht ertragen. Plötzlich steigt eine rasende und alles verschlingende Wut in mir auf, ich stiefle zielgerichtet zu ihnen hin und richte mich vor ihnen auf.

„Wenn ihr ein Problem mit mir habt, wäre ich euch sehr verbunden, wenn ihr mir das direkt ins Gesicht sagt.“
Sie schweigen und gucken mich mit großen, verblüfften Augen an. Ich schnaufe verachtend, greife mir meine Schuhe und verschwinde wieder im Wald. Die Sonne steht im Zenit und doch dringt kaum ein Sonnenstrahl auf den Waldboden. Ich lasse mich auf eine umgekippte Kiefer nieder und ziehe meine Schuhe über. Mein Zorn fängt an zu verrauchen und Scham und Schuldgefühle steigen in mir auf, sodass mein Kopf sich mit Blut füllt und ich bis an die Ohren errötet bin. Nun werde ich wieder wütend. Warum sollte ich so verlegen sein, wegen etwas wofür ich nichts kann. Warum sollte ich mich schuldig fühlen, wenn sie es sind, die über mich hinter meinem Rücken reden? In Wirklichkeit bin ich nur auf mich selbst zornig, dass ich eben so unverhältnismäßig reagiert habe. Hatte Lenora nicht gesagt, sie würden sich alle Sorgen um mich machen?

„Arrgh“, brülle ich in meine Hände und trete mit der Ferse gegen den Baumstamm. Jetzt müsste nur noch eine alte weise Person auftreten oder eine winzige Fee aus den Büschen kriechen und mir eine Lektion übers Leben erteilen. Am liebsten eine, bei der ich am Ende realisiere was für ein Arsch ich war und alles wieder gut wird. Wenn ich doch nur wieder in der Schule sitzen könnte mit einem Bleistift zischen den Zähnen und Marcie, Eric und Lenora neben mir. Aber hatte es nicht bereits dort begonnen? Die Momente, in denen sie miteinander tuschelten, ohne nach mir zu schauen taten am Anfang besonders weh. Mein Blick huschte zu ihnen und es sammelten sich ungewollt Tränen in meinen Augenwinkeln. Wütend wischte ich sie mir aus den Augen und zwang meine Aufmerksamkeit nach vorne zur Tafel. Trafen sie sich ohne mich, bin ich nicht mehr gut genug für sie? Solche Fragen kursierten mittlerweile jeden Tag in meinem verrückten Kopf umher. Verrückt wie wahnsinnig? Nein, viel mehr wie verschoben. Die Teile passen nicht mehr, sie kanten aneinander und umso mehr ich versuche sie wieder in Ordnung zu bringen, desto schmerzhafter wird es. Dann fühlt es sich so an, als würde ich eine glühende Maske aufs Gesicht gedrückt bekommen und alles in meinem Inneren zieht sich zusammen und ich will schreien. Nur noch schreien, brüllen und kreischen. Um mich schlagen und Sachen zerstören und zerfetzen.  

Wieder trete ich gegen den Baum, auf dem ich sitze. Was ist nur los mit mir? Diese Leere und plötzlich auftretende Wut. Es ist anstrengend und ermüdend. Ich rutsche auf den Erdboden und grab meine Finger in den schwarzen, sandigen Boden. Schweiß läuft mir an den Schläfen hinab und ich wische die Tropfen mit meiner dreckigen Hand fort. Ob ich nun schwarze Schlieren auf der Stirn habe?
Ich versuche mich auf meine Sinne zu konzentrieren und atme tief die Waldluft ein. Langsame und beständige Atemzüge befreien meine Brust von dem Druck, der scheinbar in letzter Zeit dauernd darauf zu lasten scheint. Die Schweißtropfen laufen weiterhin an meiner Stirn und Nacken hinunter und ich schließe meine Augen. Kiefern und warmer Boden steigen mir in die Nase und ich spüre die Rinde des Baumes in meinem Rücken, sie ankern mich im Hier und Jetzt und mein Herzschlag wird ruhiger.

Meine Knöchel schmerzen und ich öffne zögerlich meine Augen, um meine Verletzung zu begutachten. Feine Staubpartikel und schwarze Erde haben sich in den offenen Stellen gesammelt und verunreinigen die Wunde. Ich sollte sie wohl besser bandagieren, doch find ich keine Energie aufzustehen. Dafür müsste ich nach Hause zurückkehren und mich sowohl meinen Eltern als auch dem verdammten Piano stellen. Da haben wir noch ein weiteres Problem. Egal wie oft ich es spiele, es fühlt sich nicht mehr richtig an. Wobei das der falsche Ausdruck ist, es fühlt sich weniger falsch an als viel mehr nach nichts. Die Lieder, die mir einst Freude oder Trauer entlockt haben, sind nun nicht viel mehr als leere Schalen. Gefäße, die vor nicht allzu langer Zeit meine Emotionen beinhalteten und nun leer sind. Als hätte sie jemand ausgeschüttet und achtlos zurückgestellt, bevor sie wieder gefüllt waren.

Die Musik entgleitet mir und ich kann nichts dagegen tun. Nur zuschauen und die häufigen Wellen des Zornes über mich hinweg schwappen lassen. Jeder Ton, den ich dem Piano entlocke, ist tot und flach. Jedes Lied, welches ich höre, bedeutet nichts mehr und die Melodien schaben in meinem Kopf wie ein unangenehmer Kopfschmerz. Was tut man also, wenn die Beschäftigung, die einem einst Freude, Schwerelosigkeit und Sinn gegeben hat, für einen plötzlich unzugänglich wird? Man schiebt den flammenden und vernichtenden Zorn, der scheinbar eine Konstante in einem geworden ist, zu der Enttäuschung, die wie kaltes Wasser in einem riesigen Strudel im Inneren herrscht, und sieht dabei zu wie das Feuer gelöscht wird und von etwas Kaltem ersetzt wird. Dann wartet man, bis das nächste Feuer des Zornes erwacht und das Spiel von neuem beginnt. Ich hoffe, die Flammen werden irgendwann nicht mehr aufglühen und der Strudel wird austrocknen, doch anscheinend nähren sich die beiden gegenseitig. Ich verliere immer mehr und immer häufiger meine Kontrolle über meine Emotionen. Mir ist bewusst, dass ich dabei nicht nur mich selbst verletzte, sondern auch andere. Wie meine Freunde eben am Strand. Nur dann rufe ich mir wieder in Erinnerung, wie sie sich von mir zurückgezogen haben und mich ausschließen. Oder bin doch ich es und nicht sie? Ich werde wütend und wieder stehe ich am Anfang meiner Fragen.

Ausgelaugt von all dem Tumult und Zorn lasse ich mich zur Seite fallen und liege auf dem nadelübersäten Boden. Wieder schließe ich die Augen und lasse mich dankend in die Umarmung der Dunkelheit fallen. Der Schlaf ist mir Trost und Flucht.
Als ich das nächste Mal die Augen öffne ist der Wald dunkler, aber ich erkenne noch den roten Schein des Himmels zwischen den Baumkronen. Stöhnend setzte ich mich auf und drehe meinen Rücken und Nacken, um den starren Schmerz aus den Gelenken zu bekommen. Ich setze mich in den Schneidersitz und atme wieder tief ein und aus. Ich sollte wohl wirklich langsam nach Hause gehen. Ich stemme mich hoch und mache mich schlurfend auf den Weg, durch den Wald, ein Stück entlang der Landstraße, bis ich unweigerlich irgendwie vor meiner Haustür zu stehen komme. Mittlerweile ist die Sonne vollständig untergegangen und die Nacht beginnt die Macht an sich zu reißen, also schätze ich es auf fast 22 Uhr.

Gedankenschwer schließe ich die Tür auf und schlüpfe lautlos hindurch. Ich stülpe mir die Schuhe von den Füßen und tapse durch den schmalen Flur, der durch eine kleine Schirmlampe erhellt wird. Ich trete in die Küche und sehe meine Mutter im Wintergarten mit einer Flasche Wein sitzen. Die Lichterketten sind an und erhellen sanft den Raum in ein warmes Licht, die wellenden Haare meiner Mutter sind offen und ich kann die entspannten Schultern von hinten erkennen. Kurzerhand greife ich mir ein Weinglas und setze mich auf die andere Seite des Tisches im Wintergarten. Ich drehe meinen Stuhl damit ich ebenfalls in unseren Garten blicken kann und schenke mir- nach einem Fragenden Blick in Richtung meiner Mutter - ein halbes Glas des Grauburgunders ein. Meine Mutter hat noch kein Wort geäußert, nur einmal zu mir geguckt, und ich genieße die Stille und den Wein. Das Weinglas klirrt auf dem Glastisch, wann immer ich es abstelle, doch ansonsten kann man nur das Rufen einiger Eulen hörten. Es ist ein Moment des Friedens, der zeitlich begrenzt ist. Das weiß ich, doch wer kann mich schon verurteilen diese Minuten des Friedens auszunutzen und die Ruhe in meinem Geist beibehalten zu wollen?

Dann höre ich das Kratzen eines Stuhls über den steinernen Boden und ich mache mich gefasst. Überraschender Weise kommt jedoch nichts und ich schaue zögerlich über meine Schulter zu meiner Mutter. Sie hat den Stuhl an den Tisch gezogen, ihren Kopf auf ihre Hände abgelegt und schaut mich nachdenklich an. Ich wende mich wieder ab und versuche den durchdringenden Blick zu ignorieren. Ohne Erfolg. Die Wut fängt wieder an hochzusteigen und droht überzukochen. Bevor ich jedoch ein Wort äußern kann, kommt mir meine Mutter zuvor.
„Weißt du, jeder Ort auf dieser Welt hat etwas erlebt. Es gibt kein Stück dieser Erde, der unbefleckt ist. Jeder Ort speichert diese Erinnerung. Wir wandern in einem beschriebenen Buch und beschreiben die Seiten weiter.“ Sprachlos schaue ich sie an, woher kam das denn? Ich wusste schon immer, dass meine Mutter etwas exzentrisch ist, kein Wunder mit dem Beruf eines Künstlers, aber damit hatte ich nicht gerechnet. Vielleicht eine Tirade zum Thema aus dem Haus stürmen und erst Stunden später wieder auftauchen, aber keine derartig philosophische Aussage.
Sie streich sich eine Strähne hinters Ohr und fährt fort: „Demnach leben wir in vergangenen Momenten, die um uns existieren und gespeichert sind. Denkst du nicht auch?“

Wir hatten schon lange keine Philosophierunde mehr. Früher, vor Jahren, als mir noch nicht alles peinlich war, hatten wir Kinder mit unseren Eltern mindestens einmal in der Woche eine Runde, in der jeder eine existenzielle Frage stellen konnte und wir sie daraufhin diskutiert haben. Darauf kann ich mich einlassen, es ist immerhin besser als ausgeschimpft zu werden.
„Wir leben ja aber nicht nur in einem Raum. Wir bilden und bestimmen ihn, somit leben wir nicht nur in der Vergangenheit, sondern kreieren auch gleichzeitig die Zukunft.“ Ich greife nach meinem Glas und nehme noch ein Schluck. Der Wein fängt an mir in den Kopf zu steigen, da ich seit Stunden nichts mehr gegessen habe. Keine so gute Idee. „Ich komm gleich wieder“, sage ich zu meiner Mutter und gehe zum Kühlschrank. Ich hole einen Block Käse, einige Cracker und ein Brett mit Messer und bringe alles in den Wintergarten. Während ich mir Käse Stücke abschneide und mit der Messerspitz in den Mund schiebe, werde ich wieder von der Seite aus gemustert.

„Jede Emotionen, die du zurzeit verspürst, hat jemand vor dir bereits gefühlt und irgendein Ort hat sie konserviert.“ Ich schlucke schwer und schaue in die Augen meiner Mutter, die unter ihrem Pony hervor luschern. Doch wohl keine Philosophierunde.
„Ich weiß, dass Kinder das nie hören wollen, aber auch ich kenne deinen Zorn, er war einst mein ständiger Begleiter. Ich war wütend auf die Welt, auf die Ungerechtigkeiten, meine Freunde und Familie. Ich wusste nicht was mit mir los war, nur dass diese Entrüstung und Erbitterung auf einmal anfingen und Monate lang an meiner Seite gingen.“ Ich kann ihren Blick nicht mehr standhalten und fummele mit dem Stiel meines Glases herum und schwenke den Wein herum. „Das schlimmste jedoch war die Wut auf mich selbst und die Hilflosigkeit nichts ändern zu können.“

Nun greift sie nach ihrem Glas und nimmt ein Schluck. „Keine Logik half. Nicht all die Schönen Dinge auf der Erde, noch meine zerstörerischen Anfälle konnten mein Gemüt besänftigen. Ich war gefangen in meiner Spirale und dachte täglich in meinem Malstrom an Gefühlen eines Tages zu ertrinken.“ Ihre Finger stehlen ein vergessenes Käsestück, das sie auf einen Cracker legt und genüsslich davon abbeißt. „Deshalb musst du mir vertrauen, wenn ich dir sage: Auch das geht vorüber. Diese Veränderung kannst nur du sehen und deinen Weg musst du allein beschreiten.“  

Ich sitze da und starre in den dunklen Garten. Der Hortensienbusch an der Wintergartentür, die in den Garten führt, wird ein wenig beschienen und man kann die spiegelnde Oberfläche unseres Gartenteichs erkennen. Es war tatsächlich nichts was ich hören wollte. Wie könnte irgendeine Seele auf der Welt mich verstehen? Aber sie hatte recht. Milliarden von Menschen existieren auf der Welt und viele weitere Milliarden haben hier einst gelebt.
„Ich werde versuchen daran zu denken.“
„Mehr kann ich auch nicht verlangen mein Schatz.“ Sie fasst nach meiner Hand und streichelt behutsam über die wunden Knöchel.
Ich rücke meinen Stuhl zurück und stehe vom Tisch auf. „Ich geh ins Bett.“ Die Snacks und den Wein lasse ich stehen, nur mein Glas stelle ich in die Spüle. Dann schleiche ich ein Stockwerk nach oben und hinein in mein Zimmer. Mit noch immer betäubter Stimmung ziehe ich mich um und mache mich im Badezimmer bettfertig.

Als ich vor meinem geöffneten Fenster neben meinem Bett stehe, höre ich den leisen Gang meiner Mutter auf der Treppe und wie die Badezimmertür verschlossen wird. Ich stehe wie erstarrt in der Dunkelheit meines Zimmers und lasse mein Blick über unseren Garten streifen. Die Nacht ist klar und ich kann sogar die Milchstraße erkennen, ein Anblick, der mich schon immer meine inneren Wunde balsamiert hat. Wie eine Statue bewege ich mich keinen Zentimeter für etliche Minuten und genieße die Leere in meinem Kopf. Dann überkommt mich ein seltsames Bedürfnis und eine Gefühlswelle, die ich seit langer Zeit nicht mehr gespürt habe. Ein kleines Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. Ich werfe einen Blick auf meinen Wecker, er zeigt halb zwölf an. Oh, meine Familie wird nicht begeistert sein, aber das ist mir in dem Moment egal.
Meine barfüßigen Sohlen bleiben kleben als ich unten im Wohnzimmer übers Parkett husche und mich auf dem Hocker vor unserem Piano fallen lasse. Ich setzte meinen rechten Fuß auf das Pedal und strecke meine Finger, bevor ich sie auf die Tasten niederlasse. Hauchzart streiche über die weißen und schwarzen Tasten. Kurzerhand fege ich die Noten vor mir herunter und mein Grinsen wird breiter. Meine linke Hand fängt mit schweren Akkorden an, bis endlich meine rechte Hand mit einer unbekannten Melodie einsetzt.

Nur der Mondschein erhellt den Raum, aber ich brauche meine Finger nicht zu sehen. Ich weiß genau, wo sie sind und endlich habe ich das Gefühl Herr meiner Lage zu sein. Ich muss nicht mehr zugucken wie meine Gefühle außer Kontrolle geraten, sondern kann sie steuern. Ich lasse meinen Zorn in schweren und tiefen Tönen durch das Piano erklingen, bis er sich langsam legt und Platz für anderes macht. Meine rechte Hand wird schneller und ich bekomme Probleme mitzuhalten. Sie bewegt sich von allein und erklimmt die höheren Noten, bis sie sich zu einer Melodie einpendelt. Ich schließe kurz die Augen und atme tief ein. Unvergossene Tränen der Erleichterung brennen unter meinen Lidern und als ich sie öffne fließt eine unverhohlene Träne an meiner Wange hinunter. Mein Grinsen ist zwischenzeitlich nur breiter geworden. Ich ziehe das Tempo an und meine Finger fliegen über den Tasten und erfüllen das Haus mit einem Lied, das aus meinem Herzen kommt.

Meine Knöchel und Finger schmerzen, aber der Schmerz könnte nicht weiter weg sein. Ein Sturm tobt in mir und verweht alle belanglosen und unwichtigen Zweifel. Ich kann endlich den Moment genießen und begebe mich dankend in eine Trance und schaue dabei zu wie sich mein Geist läutert. Die Musik der Wirbelsturm, der stärker über mich hinwegfegt und mächtiger ist als jeder Funken, der sich neu entzünden könnte. Jeder Ton schallt mit einem ohrenbetäubenden Krach und die Erde öffnet sich und das Wasser wird in die unendliche Tiefe gesogen und versiegt in meinem Inneren.

Meine linke Hand krabbelt nach oben und überkreuzt meine rechte Hand als würden beide miteinander ringen. Ich kann nicht aufhören und spiele immer weiter. Musik erklingt und weckt jedermann, doch auch diese Erkenntnis könnte nicht weiter weg sein. Ich bekomme mit wie Licht im Flur angeht, aber meine Konzentration bricht nicht ab. Die linke Hand wurde zurückgedrängt und spielt wieder begleitende Akkorde. Keiner unterbricht mich also höre ich auch nicht auf. Das Piano spricht zu mir und ich antworte mit einer verzweifelnden Begierde, als ob das Instrument eine Oase und ich eine verdurstende Person in der Wüste sei.
Ich spiele und spiele, wie besessen. Mit jeder Minute wird mein Herz leichter und ich kann freier atmen. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung und es wird eines Tages tatsächlich besser sein, wie meine Mutter sagte. Nun jedoch will ich keine Gedanken an Zukunft oder Vergangenheit verschwenden. Ich will nur im hier und jetzt existieren. Das reicht.






AN: Tada! Ich hoffe es hat euch gefallen! Ach ja das Erwachsen werden, Coming of Age, die Pubertät. Es sind eben nicht nur die Äußerlichkeiten, die sich verändern. Viel subtiler und gleichzeitig wie ein Sturm ist es nämlich auch das Innere - für andere eben unsichtbar.
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