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Blumen, Lieder und Süßes

von Tomlinson
Kurzbeschreibung
OneshotAngst / P16 / Gen
Inej Ghafa Kaz Brekker/Rietveld
17.04.2021
17.04.2021
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2.380
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17.04.2021 2.380
 
Die harten Kanten der hochragenden, schiefen Gebäude Ketterdams lagen verborgen in einem dichten, feuchten Nebel, der sanft über das dunkle Wasser bis zu dem Rand ihres Schiffes glitt. Es war das erste Mal seit sieben Monaten, dass Inej ihren aufmerksamen Blick über die Stadt, ihre einstige Heimat, gleiten ließ. Nun war die See ihre Heimat, die düsteren Häfen von Ravka, Novyi Zem, Fjerda und viele anderen versteckte Anlegegebiete ihr Jagdgebiet, der unbarmherzige Wind in den Segeln ihres Schiffes ihr Segen und der Fluch ihrer Opfer.

Inej wusste nicht, wie viele Opfer die Spitzen ihrer Dolche gefordert und wie viel Blut sie vergossen hatten. Verfluchtes, geschändetes Blut – die Seelen der Männer, dessen Leben sie beendete, waren schon lange verwelkt und befleckt von deren Sünden und Vergehen. Sie kostete die widerhallenden Schreie der Sklavenhändler aus, deren Eingeweide die glatte Holzoberfläche ihrer unscheinbaren Schiffe bedeckten, als Inejs Mannschaft sie von Bauchnabel bis Schlüsselbein aufschlitzen. Männer, die ihren Profit aus den gestohlenen und verkauften Körper unschuldiger Mädchen schöpften, welche nicht die Stärke hatten, sich zu wehren.

Einst war sie selbst diesem Schicksal erlegen. Und einst wurde sie von der feinen Seide der Menagerie befreit, die sie wie Fesseln an Tante Heleen banden. Gerettet von einem Bastard aus dem Barrel, dessen dämonisches Grinsen und markantes Gesicht geschlagen aus hartem Stein stets einen Weg zurück in ihre Gedanken fand.

The Wraith glitt nun in sanften Wellen über das flache Wasser des Hafens von Ketterdam und steuerte auf den für sie vorbestimmten Liegeplatz an, Nummer 22. Wie oft war Kaz’ Blick über die leere Bucht geglitten und wie oft waren auch seine Gedanken zu ihr gewandert?

Inej versuchte, nicht zu oft an ihn und all die Erinnerungen zu denken, die sie in Ketterdam zurückgelassen hatte. Wenn sie nun an ein Wiedersehen mit Kaz, Jesper und Wylan dachte, spürte sie ein leichtes Ziehen in ihren Bauch – ob aus Aufregung oder Freude konnte sie nicht sagen.

Die Monate auf See hatten ihren Tribut gefordert, doch der Abschied von ihren Eltern war der schwerste gewesen. Nachdem sie ihren Vater und ihre Mutter nach über einem Jahr endlich wieder in ihre Arme schließen konnte, wollte Inej sie gar nicht mehr loslassen aus Angst sie erneut aus ihrem Griff zu lassen – Angst, nicht länger die beruhigenden Berührungen ihrer Eltern auf ihrer Haut zu spüren und zu wissen, dass sie wirklich frei war.

Frei von den gierigen Fingern der Männer der Menagerie und all jenen, deren Blick einen Moment zu lang auf Inejs Körper lag. Sie musste diese Form von Gewalt und Grausamkeit nicht länger ertragen und war nicht gezwungen, sich und ihren Willen zu verkaufen, um einen Weg aus ihrem Leid zu finden.

In ihr existierte ein Teil, der ihre Eltern nicht zurücklassen und sich niemals von ihnen verabschieden wollte. Ein Teil, der an den weisen Worten ihres Vaters und an den sanften Berührungen ihrer Mutter festhielt, verkrampft wie ein ängstliches Kind, das sich vor der Dunkelheit und den Monstern fürchtete, die dort lauerten.


Doch Inej war die Dunkelheit. Sie war düster und brutal, mit einer Reputation als ein Phantom, welche ihr in die dunklen Häfen dieser Welt vorauseilte. Sie wurde neugeboren in den Gassen Ketterdams, wo Gier und Grausamkeit die Straßen regierten. Inej hatte ihre Schatten konfrontiert und konnte nicht länger sehen, wo sie aufhörte und die Dunkelheit begann.

Und so hatte sie ihre Eltern sicher auf dem Grund ihrer Heimat abgesetzt und einen leisen Abschiedsgruß gemurmelt, bevor sie erneut auf ihr Schiff zurückkehrte und sich dem Horizont entgegenwandte, um die sanfte Brise ihrer neugefundenen Freiheit einzuatmen.

Das Gefühl, das sie durchfuhr, wenn ihr Blick sich auf den schier endlosen Horizont legte und ein schmales Lächeln an ihren Lippen zuckte, war alles, wonach Inej sich die lange Zeit in der Menagerie gesehnt hatte. Die Wärme der ersten Sonnenstrahlen am Morgen auf ihrer Haut, die salzige Seeluft, die an den losen Strähnen ihres geflochtenen Haares zog, die dankbaren Gesichter jener Mädchen, die sie aus den Bäuchen der Sklavenschiffe von ihren Handschellen befreite.

Dies waren die Sachen, in denen Inej den Segen ihrer Heiligen erkennen konnte, zu denen sie jeden Tag betete. Sie zog ihre Magie aus dem Alltäglichen, aus dem Banalen, aus der reinen Freude des Lebens und der Freiheit. Dies war, was Mädchen wie sie taten – Tag für Tag erneut.

Doch Inej sah sich gezwungen, eine Balance zu finden zwischen dem Schutz, den sie den geschändeten, müden Mädchen bot, dessen Knochen aus ihrer Haut hervorstachen, und der Grausamkeit, die sie über die Männer brachte, die die Mädchen aus ihrer Heimat und von ihrer Familie gerissen hatten. Eine Balance zwischen einem Blutbad auf dem Deck ihrer Schiffe, während die Schreie zu einem Wimmern wurden und in einer beängstigend sanften Geste von dem Wind der See über das stille Wasser hinfort getragen wurden, bis das letzte Licht die leeren Augen der Männer verlassen hatte, und Gnade, die Inej einem einzigen Mann walten ließ.

Ein einziger Überlebender, der das Feuer der Schreckensgeschichte des Phantoms anspornen konnte und Geschichten erzählte von The Wraith – ein stilles, düsteres Geisterschiff, dessen Kapitänin einen Pakt mit der Dunkelheit geschlossen hatte, dessen Dolche furchteinflößend in dem Mondlicht glitzerten und die die Sklavenhändler bis an den Rand dieser Meere jagen würde.

Inej sah schon lange nicht mehr die Balance zwischen Gerechtigkeit und Rachsucht, zwischen Gnade und Zerstörung. War es Güte oder Grausamkeit, wenn sie aus der Dunkelheit hervorkam, um Rechenschaft und einen Preis einzufordern, für all die Leben, die die Sklavenhändler verwirkt und verkauft hatten?

Mit jedem neuen Tag, der auf der See in den goldenen Farben des Sonnenaufgangs anbrach, wuchs ihr Schatten und griff mit langen düsteren Krallen nach ihr. Inej nahm Leben – und bezahlte mit Albträumen, finsteren Gedanken und einem Schatten hinter ihrer eigenen Gestalt, dessen Gewicht auf ihr lastete und drohte, sie unter die Wellen ihres eigenen Schiffes zu ziehen.

Ihr Schatten wartete auf sie in den späten einsamen Stunden, wenn sie alleine in ihrer Kabine saß und über Seekarten brütete, während ihre Gedanken dem vertrauten Klopfen eines schweren Gehstocks nachhingen und dem beruhigenden Blick dunkler Augen, die Inej stets an die intensive Farbe frisch gebrühten Kaffees erinnerten.


Inej trat nun über das wohlbekannte Kopfsteinpflaster des Barrels. Ihre Füße fanden wie von selbst den Weg zu ihrer alten Heimat, durch die dunklen Gassen und verborgenen Ecken und Nischen, in denen sie so oft gelauert hatte. Es kam ihr merkwürdig vor, nicht über die Dächer Ketterdams zu schwingen wie eine Spinne, um in das kleine Zimmer im Club zurückzukehren, das ihr Zuhause geworden war, nachdem Kaz sie aus der Menagerie freigekauft hatte.

In Ketterdam war der Winter eingebrochen, der Nebel war kalt und beißend, die Straßen waren feucht und glatt. Jene, die zu dieser späten Stunde noch Anliegen in den gefährlichen Straßen des Barrels hatten, trugen dicke Mäntel und hatten die Krägen bis zu den Nasen hochgezogen. Es dauerte nicht lange, bis Inej das vertraute Gebäude erblickte und ihre Finger die kleinen Einrisse in der Fassade fanden, um die Wand zu erklimmen, hinauf zu dem obersten Fenster, wo noch immer ein schwaches Licht brannte.

Ein schmales Lächeln glitt über ihre Lippen, als sie seine über die Papiere auf seinem Schreibtisch gebeugte Gestalt erkannte. Eine Öllampe stand neben seinen bloßen Händen, die in dem schwachen Lichtschein beinahe wächsern wirkten. Seine ledernen Handschuhe lagen vergessen neben dem kleinen Waschbecken im hinteren Teil des Zimmers neben seinem Bett.

Sein Blick zuckte hoch, als ihre Finger mit schnellen Griffen das Schloss öffneten und sie sich geräuschlos durch das geöffnete Fenster schwang. Mit einem sanften Aufprall landete sie auf dem Holzboden und begegnete seinem Blick. Kaz schien nicht überrascht zu sein, sie hier zu sehen und Inej musste die aufkommende Hitze in ihren Gliedern unterdrücken.

Sieben Monate war sie nicht mehr in Ketterdam gewesen, hatte seine dunklen Augen nicht auf ihr gespürt. Nun da sie vor ihm stand, nur wenige Schritte von ihm getrennt, kam eine plötzliche Unsicherheit in ihr auf und jene Worte, die sie sich auf dem Weg vom Hafen bis zum Barrel zurechtgelegt hatte, waren vergessen.


„Inej“, erklang schließlich seine Stimme, rau und düster wie ein ungeschliffenes Messer, das sich mit einem Ruck in ihr Herz bohrte. „Du bist zurückgekommen.“

Kaz schob seinen Stuhl zur Seite und trat um den Schreibtisch herum. Er kam vor ihr zum Stehen – der Abstand zwischen ihnen schien gleichzeitig unüberwindbar und einengend. Inej atmete zittrig ein, ehe sie erneut zu ihm aufschaute. „Du scheinst nicht überrascht.“

„Ich habe auf dich gewartet. Sieben Monate lang lag die Bucht leer, bis ich diesen Abend gehört habe, dass ein dunkles Schiff auf Ketterdam zusteuert. Ich wusste, dass du zurückkommst.“

Inej versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Kaz hatte auf sie gewartet – die verlassene Bucht beobachtet und auf die Rückkehr von The Wraith gewartet. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, während die schwach leuchtende Öllampe auf seinem Schreibtisch flackernde Schatten auf ihre beiden Gesichter warf. Sie erkannte die Schatten in seinen Augen und kämpfte mit dem Drang ihre Hand um seine Wange zu legen und ihn in eine Umarmung zu ziehen.

Doch sie wusste es besser. Sie wusste, dass Kaz noch immer mit seinen eigenen Dämonen kämpfte – mit dem dunklen Wasser, das stetig um ihn schwappte und drohte, ihn hinunterzuziehen – so wie sie mit ihren Schatten kämpfte. Schatten, die bei dem Anblick seines markanten Gesichts, den scharfen Umrissen seiner Gestalt, weniger bedrohlich wirkten.

Von Inejs Lippen löste sich ein tiefer Atemzug, ein leises Seufzen, als Kaz seine bloßen Hände Stück für Stück gegen ihre streifen ließ, bis ihre Finger sich ineinander verflochten wie damals an einem grauen Morgen im Hafen Ketterdams. Die sanfte Berührung, Haut an Haut, ließ Erleichterung durch ihren Körper pulsieren, eine greifbare Erlösung der Anspannung, die Inej seit Monaten verfolgte.

Sie spürte Kaz’ Nähe, genoss die Vertrautheit zwischen ihnen, und schloss ihre Augen, als sein warmer, zittriger Atem ihr Gesicht streifte. Sie konnte beinahe die bedrohlichen Wellen des düsteren Wassers um Kaz herum hören – Wasser, das drohte, ihn von ihr zu trennen. Alles in ihr weigerte sich, erneut Abstand zwischen sie zu bringen, doch sie wollte Kaz nicht einengen. Seine Nähe war genug.


Lange bevor sie Ketterdam verlassen hatte, hatte Inej Frieden damit geschlossen. Kaz würde niemals einfach sein – nichts war einfach zwischen ihm und ihr. Sie würde nicht vergebens versuchen, ihn zu heilen, zu retten, ihn von seinen Dämonen zu befreien, solange er sich willentlich in seinen Schatten suhlte und weiterhin der Bastard aus dem Barrel sein wollte.

Sie war nicht wütend oder verbittert darüber. Sie wusste, dass es nicht ihre Entscheidung und Verantwortung war, Kaz aus den Fängen dieser Stadt zu befreien, so wie er sie befreit hatte. Doch sie konnte ihn nicht zwingen, jemand anderes zu werden für sie, egal wie sehr sie sich dies manchmal wünschte.

Er würde selbst entscheiden, wann er wachsen wollte, wann er sich ändern wollte. Für sie. Doch bis dann war es nicht genug.

Inej liebte Kaz auf ihre eigene Art, aus der Ferne.


Sie blieb bei ihm bis die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages durch das Fenster schienen und sie wusste, dass es Zeit war, zu ihrem Schiff zurückzukehren. Doch für wenige kostbare Momente blieb sie neben ihm auf seinem Bett sitzen und versuchte sich das Gefühl seiner Finger einzuprägen, die in langsamen Bewegungen über ihr geflochtenes Haar strichen, hinunter bis zu ihren Spitzen, wo sie verweilten und die sanften Locken umwickelten.

„Du gehst wieder?“, fragte Kaz, als sie schließlich aufstand und mit leisen Schritten auf das Fenster zutrat. Sie wandte sich zu ihm, doch sein Gesicht war versteinert und sie konnte nicht erkennen, ob er wollte, dass sie noch bei ihm blieb.

„Ich wollte noch Jes und Wylan besuchen“, erwiderte Inej nach einer Weile und beobachtete, wie seine Finger über die Falten seines hochgekrempelten Hemdes glitten. Als sie auf seinen Blick traf, spiegelte sich die aufgehende Sonne in seinen Augen. Die Farbe von stark aufgebrühtem Tee, welche sie an schwierigere Zeiten in Ketterdam erinnerte.

„Wann verlässt du die Stadt?“, fragte er nach und stand auf. Er ließ Abstand zwischen ihnen, seine Hand umfasste seinen Gehstock.

Inej haderte mit ihren Worten. Die Nähe zu Kaz in den letzten Stunden hatte ihre eigenen Schatten zurückgedrängt und sie musste sich zwingen, nun das vertraute Zimmer wieder hinter sich zu lassen, um zu ihrem Schiff zurückzukehren. „Heute Nacht. Ich breche nach Ravka auf, um Nina noch einmal zu sehen.“

„Sag, dass du wiederkommst.“

Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Das weiche Licht der Sonnenstrahlen, seine gebeugte Gestalt, die Hand auf dem Stock – Kaz wirkte nicht wie der gefährlichste Junge in Ketterdam. In diesem gemeinsamen Moment zwischen ihnen war er nur der Kaz, der Inej aus der Menagerie gerettet und der ihre blutigen Verbände gewechselt hatte.

„Kaz. Ketterdam ist ein Teil von mir und ich werde immer wieder zurückkehren. Hier gibt es einige Dinge, die mich festhalten und die ich nicht verlieren möchte.“

Er erwiderte ihr Lächeln. Sie wartete nicht auf seine Antwort, ehe sie sich von ihm abwandte und aus dem Fenster verschwand. Vieles blieb ungesagt und würde es vielleicht auch immer bleiben. Während Inej mit leichten Schritten zum Hafen zurückging, hingen ihre Gedanken den Worten ihres Vaters nach.

Viele Jungen werden dir Blumen bringen. Aber eines Tages wirst du jemanden treffen, der deine Lieblingsblumen, dein Lieblingslied und Lieblingssüßigkeit lernen wird. Und selbst wenn er zu arm ist, um dir etwas davon zu schenken, spielt es keine Rolle, denn er hat sich die Zeit genommen, um dich so kennenzulernen wie kein anderer. Nur dieser Junge verdient dein Herz.

Die letzten Jahre hatte sie in dem Glauben verbracht, dass sie niemanden finden würde, der ihre Lieblingsblumen, Lieder und Süßigkeiten lernen würde – für sie. Sie hatte gelernt, diese Dinge mit Liebe zu verwechseln.

Kaz gab ihre diese Dinge nicht – keine Blumen, doch er hatte ihr einen Neubeginn geschenkt, sie aus der Menagerie befreit, als sie nicht die Stärke fand, sich selbst zu retten. Er schenkte ihr keine Lieder, doch er hatte ihr ihre geliebten Dolche gegeben, ein Zeichen des Vertrauens in sie. Dolche, von denen ein Echo ihrer Opfer widerhallte. Er schenkte ihr keine Süßigkeiten, doch er hatte ihr ein Schiff gegeben, ein Versprechen der Freiheit, und ein Wiedersehen mit ihren Eltern.

Auch jetzt spürte sie den salzigen Wind des Hafens, der in ihren Ohren rauschte, als sie über die Holzbalken trat und Ketterdam hinter sich ließ. Zumindest für die kommenden Monate. Bis ihr Weg sie erneut hierher führen würde, zu Kaz.
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