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The First Scar

OneshotHumor, Familie / P12 / Gen
Grace / Mom Nr.2 / Diego Hargreeves / The Kraken Nr.4 / Klaus Hargreeves / The Séance Nr.5 / Five / The Boy Nr.6 / Ben Hargreeves / The Horror
17.04.2021
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Ben ist in dieser AU noch am Leben — und wenn es nach mir geht, stirbt er gar nicht — und Fünf verrennt sich erst viel später in der Apokalypse. Ich lasse ihn lieber noch ein paar Momente mit seinen Geschwistern erleben. Wenn diese auch gerade zugegebenermaßen nicht allzu angenehm scheinen. :’D Dafür sind sie wenigstens lustig. Hoffe ich. :D
Kann natürlich gelesen werden, wie man das jetzt speziell selbst bevorzugt, ob man irgendwelche Shippings hat oder nicht, ich habe mich bemüht, alle Türen offen zu lassen. :D
Über Reviews/Kommentare würde ich mich sehr freuen und werde sie natürlich beantworten, sobald ich dazu komme. Höchstwahrscheinlich per pm. Weil ich shy bin. :>
Außerdem würde es mich reizen, die andere Sicht zu schreiben. :D Wenn also Interesse besteht, lasst es mich gern wissen!









Fünf reagierte nicht sofort, selbst wenn das hektische Hämmern an seiner Zimmertür alarmiert und eilig klang. Als er bemerkt hatte, dass es Klaus war, der um Einlass bat, war er direkt wieder umgedreht und hatte sich seinen kleinen Übungsprojekten innerhalb seines Zimmers zugewandt. Glücklicherweise besaß keiner seiner Geschwister die Fähigkeit, die abgeschlossene Tür mit einem Sprung durch den Raum selbst zu überwinden. Wenn Luther die Tür nicht eintreten, oder Allison ihn nicht rumorn wollte, hätte Fünf eigentlich seine Ruhe haben müssen.

Eigentlich.

Das Problem war Klaus, der nicht den Eindruck erweckte, als habe er vor, mit dem penetranten Radau vor Fünfs Zimmertür aufzuhören.

Er überlegte, ob er nicht einfach — ohne Klaus’ Wissen — an irgendeinen Ort ganz weit weg von hier springen sollte, an irgendeinen Ort, wo er seine Ruhe haben würde. Aber er war zu stur dafür und er wollte seinen Bruder wissen lassen, dass er komplett ignoriert wurde. Fünf würde nicht aufgeben und Klaus musste einmal in seinem Leben lernen, dass er nicht mit allem durchkam, weil er Klaus war.

»Geh weg, Klaus, ich hör’ dir nicht mal zu.«
»Du bist der Einzige, den ich fragen kann!«
»Interessiert mich das?«
»Ich mache einen Monat lang Küchendienst für dich!«

Nun, damit kam Klaus der Sache schon näher. Zwar war Grace eine Maschine, ausgestattet mit einer Vielzahl von Funktionen, aber der Alte bestand darauf, dass weder sie noch Pogo Bedienstete waren. Zumindest dementierte Reginald, dass sie da waren, um die Kinder zu verhätscheln; und zwischen der vorgeschriebenen halben Stunde in der Woche, die ihnen für Spiel und Spaß erübrigt wurde, und dem anderweitig intensiven Training, fand sich für gewöhnlich immer die Zeit, die Kinder auch für Dinge wie den Abwasch sorgen zu lassen.

Fünf erhob sich und trat mit in den Taschen vergrabenen Händen auf die Tür zu, löste aber weder das Schloss, noch öffnete er sie direkt. »Zwei Monate.«

Er fühlte sich gönnerhaft und er wusste genau, dass er, wenn er wirklich wollte, mehr aus der Sache herauspressen konnte, als bloß für ein paar Monate die Füße hochzulegen. Klaus klang gerade verzweifelt genug, um alles in Kauf zu nehmen.

Fünf wusste nicht, warum er seinen Bruder nicht einfach ausquetschte wie eine überreife Zitrone und begnügte sich mit der Erklärung, dass er kein Folterknecht war.

Außerdem war er neugierig geworden. Was in aller Welt konnte so ernstzunehmend und furchtbar sein, dass Klaus so unnachgiebig nach Fünfs Hilfe bettelte und nicht irgendeinen der Anderen mit seinem Unsinn behelligte?

Tatsächlich zögerte Klaus nur kurz, bevor hervorpresste: »Uhg, in Ordnung..! Halsabschneider…«
Fünf verdrehte die Augen, löste das Schloss und öffnete die Tür einen Spalt breit.
»Schwörst du, dass du weder Dad, noch Mom, noch Pogo irgendwas davon sagst??«
»Was hast du angestellt?«
»Schwörst du?!«
»Zwei Monate. Und ich will mir vorher ansehen, was du ausgefressen hast«, verlangte Fünf und musste an sich halten, nicht zu erwähnen, dass es quasi selbstredend war, dass Dad nichts von dieser Sache erfuhr - was auch immer es war. Er schien mehr Verstand zu haben als die meisten anderen seiner Geschwister, aber er war kein Verräter.

Fünf hatte schon immer die Meinung vertreten, dass man den Alten nicht ständig behelligen musste, ganz davon abgesehen, dass Reginald Hargreeves ohnehin nicht ständig behelligt werden wollte. Und »nicht ständig« war in diesem Fall gleichbedeutend mit »nur, wenn es wirklich sein musste«... Wenn einer von ihnen etwas im Schilde führte, hintergingen sie sich in der Regel selten.

In einer Welt zwischen sechs Geschwistern mit außergewöhnlichen Kräften war Verrat zumeist eher unratsam. Es würde nur zu Reibereien führen, die den Aufwand am Schluss ohnehin nicht wert waren, und sie zankten sich auch so oft genug aufgrund von Kleinigkeiten.

»Okay-okay, komm einfach mit! Es ist dringend…!« Offenbar schien Klaus es bereits als Sieg zu verbuchen, Fünf aus seinem Zimmer gelockt zu haben.

Und wahrscheinlich hatte er recht, hoch zu pokern und sich darauf zu verlassen, dass Fünf ihn nicht verraten würde.

Jedoch griff er mit einem Mal nach Fünfs Handgelenk und zerrte diesen praktisch — unter lautstarkem Protest — die Treppen hinunter.
»Was soll das eigentlich werden??!«
»Pssst! Pogo ist wahrscheinlich in der Nähe! Ich will nicht, dass er uns hört.«
»Ich kann aber alleine gehen- Was zum Teufel habt ihr gemacht??«, zischte Fünf jetzt, als sie im Wohnzimmer angekommen waren. Er ließ Klaus einen strafenden Blick zukommen.
»Ich sagte doch, es ist dringend…«

»Klaus, warum hast du ausgerechnet ihn hergeschleppt?!« beschwerte sich die lauteste Stimme im Raum, dessen Träger nicht bloß angeschlagen klang, sondern auch mitgenommen aussah.
»Charmant, Diego. Mach so weiter, und ich geh wieder.«
»D-das wäre auch besser so…«, grummelte die Nummer Zwei, während er sich angestrengt den Kopf hielt.
»Fein«, sagte Fünf und machte Anstalten, sich umzudrehen und davonzuschlendern. »Aber vielleicht sag ich dem Alten was…« Es war nicht einmal eine sonderlich ernst gemeinte Drohung…
»Diego, jetzt stell dich nicht an! Ich habe jemanden gebraucht, der nicht zimperlich ist!«, jammerte Klaus und biss in nervöser Manier auf seinen Fingernägeln herum.

Wohl eher jemanden, der nicht sofort den Schwanz einziehen und zu Dad laufen würde, wie Luther, Allison oder Vanya das wahrscheinlich tun würden…, dachte Fünf mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen.

Er mochte Vanya. Wahrscheinlich war sie mit Abstand sein Favorit unter seinen Geschwistern. Weil Vanya eben Vanya war. Die stinknormale, immer schüchterne Vanya, die ihre Meinung für sich behielt und nicht dazu überging, sich anderen aufzudrängen, weil sie sich für etwas Außergewöhnliches hielt. Aber es war nun mal kein Geheimnis, dass Vanya zumindest versuchen würde, ihnen diese Aktion hier auszureden.

Was Allison und Luther anging… Nun, zumindest Luther wäre geneigt, direkt zum Alten zu rennen und ihm die ganze Geschichte brühwarm zu erzählen.

»So kann man es auch aus….- ausdrücken«, murrte Diego und verblieb dem Anschein nach nicht überzeugt. Außerdem war das Stottern schlimmer geworden.
»Das sieht ziemlich übel aus, willst du wirklich in die Hand beißen, die dich füttert?«, fragte der schüchterne Ben, der wahrscheinlich dazu verdonnert worden war, die ganze Zeit neben seinem Bruder Wache zu halten, bis Klaus zurückgekehrt war.
»Ist ja gut! Es tut m-m-mir... l-leid, okay?! E-es t-t-t-t-tut w-!«, knurrte Diego finster. Er hatte sich selbst unterbrochen, gut möglich, dass er frustriert war, weil er die Worte nicht über die Lippen bringen konnte.

Fünf wettete, dass ihm trotzdem der beißende Gedanke durch den Kopf gegangen war, warum er sich bei Fünf entschuldigen sollte.

Allen Manieren zum Trotz, schienen sämtliche seine Geschwister der Meinung zu sein, dass Entschuldigungen nichts waren, mit dem sie sich aufhalten mussten, wenn es um Fünf ging. Vielleicht wirkte er einfach nur zu seltsam auf sie.

Er lehnte sich zu Klaus hinüber und raunte dunkel: »Vier Monate.«
Erst sah die Nummer Vier aus, als wolle er ihn fragen, ob Fünf das wirklich ernst meinte, noch ein bisschen herumjammern; dann jedoch überlegte er es sich anders und nickte hektisch. »Ja, ja, mach einfach!« Klaus machte den Eindruck, sich auf die bloße Faust beißen zu wollen; in stiller Erwartung auf das, was noch kommen würde.

Sie benötigten wirklich jemanden, der nicht zimperlich war. Und jetzt machte es auch gleich viel mehr Sinn, warum niemand in dieser Situation Grace, Pogo oder den Alten behelligen durfte…

Vor Fünf, auf der Couch im Salon, saß die Nummer Zwei der Umbrella Academy, namentlich: Diego. Nummer Zwei passte allerdings in Fünfs Ansicht allzu oft und war mehr als ausreichend. Die Nummer Zwei, wenn es danach ging, wer dämlicher sein konnte — Luther oder Diego… Vielleicht würde ein bisschen Streetsmartness Diego aber zukünftig, im Gegensatz zu dem immerzu rechtschaffenen Luther, einen Vorteil verschaffen, wenn gewöhnliche Intelligenz schon oft nicht zu seinem Reportoire gehörte…

Neben ihm, mit etwas Abstand, saß Ben. Nummer Sechs. Der ihm emotionalen Beistand zu leisten schien, auch wenn Diego ins Leere stierte und den Unbesiegbaren markierte, dem der Schmerz nichts auszumachen schien.

Am ehesten stach einem wohl aber die Wunde ins Auge, die den Schmerz wahrscheinlich verursachte.
Eines von Diegos Wurfmessern steckte in seinem Gesicht fest. In der linken Gesichtshälfte, knapp oberhalb des Ohres ragte es in seine Wange hinein. Wobei, aus Diegos Perspektive war es wohl eher die rechte Gesichtshälfte. Die Nummer Zwei hatte die Hände angestrengt zu Fäusten geballt, daher wusste Fünf, dass er nicht ganz so unberührt von Was-auch-immer-passiert-war geblieben war. Er hatte die Fäuste in seinen Schoß gelegt und hielt sie krampfhaft, wo sie waren. Diegos Mund war zusammengepresst.
Definitiv nicht vom Schmerz unberührt gelassen…
Da trat zwar Blut aus der Wunde aus, jedoch waren es keine Unmengen. Es war schwierig zu sagen, wie tief die Klinge genau steckte, doch wenn Fünf raten müsste, nicht allzu sehr. Wahrscheinlich gerade so weit ins Fleisch gegraben, um stecken bleiben zu können, und hoffentlich nicht tief genug, um ernsthaften Schaden anzurichten. Auch wenn Fünf sich fragte, ob so viel Hirnschaden jemandem wie Diego Hargreeves noch ernsthaft etwas anhaben könnte.

»Was habt ihr gemacht??«, fuhr Fünf im Grunde genommen nur Klaus an, weil ihm hämisches Gelächter unhöflich vorkam, er aber außer einem irritierten Lachen nichts Anderes zustande bringen konnte. Das Bild von einem Diego, dem ein Messer im Gesicht steckte, war einfach zu abstrus.
»Also… wir haben nur ein bisschen… na ja, du weißt schon! Wir wollten...« Klaus hatte, im Gegensatz zu ihrer Nummer Zwei, für gewöhnlich kein Problem, Worte zu produzieren, die aneinander gereiht Sinn ergaben. Wenn Klaus etwas sagte, das keinen Sinn ergab — was recht oft der Fall war —, hatte das Problem für gewöhnlich einen anderen Ursprung.

Aber die Nummer Vier der Academy wusste vermutlich ganz genau, wo er einen Fehler begangen hatte. Was er ausgefressen hatte. Das hier war kein Versuch, möglichst viel Scheiß in möglichst wenig Zeit zu bauen, bemerkte Fünf; das hier war ein Unfall gewesen und Klaus hatte sehr wahrscheinlich die Kontrolle verloren.

Ungeduldig wandte Fünf sich Ben zu, hoffte an dieser Stelle auf eine Antwort, die wenigstens Sinn ergeben würde.
»Sie haben mit Diegos Messern gespielt«, sagte Ben geradeheraus. »Ich hab’ ihnen gesagt, dass das eine schlechte Idee ist.«
»Aber natürlich haben die Idioten nicht auf dich gehört«, ergänzte Fünf.
Die Nummer Sechs nickte kurz angebunden. Es war offensichtlich, dass Ben diese ganze Situation unangenehm war, genau so wie Ben in der Regel alles unangenehm zu sein schien, das mit ihren außergewöhnlichen Begabungen zusammenhing.

»Und wessen hirnverbrannte Idee war das genau??«
»Du klingst schon genau wie Dad...«, murrte Klaus.

Fünf wandte sich herum und Klaus ruderte ein wenig zurück. »Diego wollte es mir beibringen.«

Entweder, seine Geschwister schoben wirklich nur eine Hirnzelle untereinander hin und her, speziell Klaus und Diego, oder Fünf entging die simple Lösung auf die Frage, in welcher Welt dieses Verhalten Sinn ergeben und der Logik folgen würde, weil er zu kompliziert und verzwickt dachte. Also waren seine Geschwister nun unterbelichtet oder er ein hoffnungsloses Genie? Fünf wusste nicht, welche Antwort wahrscheinlicher war, aber er wusste, welche Antwort für beide Seiten schmeichelhafter gestaltet wäre.

»Mit Messern zu werfen, ist nicht deine Kraft«, hörte Fünf sich also sagen. Es hörte sich recht flach geraten an, sogar für ihn. Aber er fühlte sich immerhin auch, als würde er gerade mit einem 5-jährigen Kind sprechen, dass die Bedeutung von Konsequenzen noch nicht verinnerlicht hatte.

Dann wieder, hatte er so ein Gefühl recht oft bei seinem Bruder Klaus.

»Ich weiß!«, jammerte dieser, als wäre Fünf derjenige, der die Situation nicht fassen konnte. »Ohne Kräfte. Einfach nur… du weißt schon. Das Werfen!«
Fünf spähte von Klaus, zu Diegeo, zu Ben und wieder zurück. Er hatte soeben beschlossen, dass es keinen Sinn haben würde, weiter nachzuhaken, inwiefern das nun Sinn machte, und gab es einfach auf. »In Ordnung! Ich tue uns alle einfach mal den Gefallen und gehe nicht weiter darauf ein. Aber wie um alles in der Welt hast du es geschafft, ihn im Gesicht zu treffen? Wo hast du hingezielt??«
Klaus schabte mit dem Fuß auf dem Teppich unter ihnen herum. Er sah nicht aus, als könnte er sich erklären.
»Und du?« Fünf fuhr zu Ben herum.
Diego presste die Lippen nach wie vor krampfhaft aufeinander und weigerte sich, die Situation von sich aus zu erklären. Wenn Fünf raten müsste, würde Diego entweder in Tränen ausbrechen, sobald er den Mund aufmachte, oder er würde beginnen zu stottern. Beides würde dazu führen, dass Diegos Worte ohnehin unverständlich auf Fünfs Ohren treffen würden.
»Ich… könnt’s dir echt nicht erklären«, sagte Ben, unzufriedenstellend.
»Ich dachte, du warst auch dabei!«
»War ich ja auch…! Es ging nur so schnell und ich könnte es nicht wirklich beschreiben...«

Fünf versuchte den Drang zu ignorieren, sich entnervt den Nasensteg zu massieren. Er kam sich bei dem Gedanken daran vor wie ein alter Mann, aber verglichen mit seinen beinahe-hirntoten Geschwistern schien er geistig auch um einiges weiter… Zumindest war das sein Eindruck dieser ganzen Misere. »Von mir aus. Auch egal. Was wollt ihr jetzt von mir?«
Klaus und Ben tauschten einen Blick, bevor sie wieder Diego musterten.
Dieser erwiderte die suchenden Blicke nicht, starrte stur geradeaus und war klar damit beschäftigt, nicht in Tränen auszubrechen. Das wurde Fünf klarer, je länger er Diego im Auge behielt.
»Es… rausziehen?«, murmelte Klaus schließlich, einem Vorschlag gleich. Seine Stimme klang seltsam hoch, so entschuldigend fiepsig, dass es Fünf keine Zweifel ließ, dass die Nummer Vier genau wusste, dass eigentlich er es sein sollte, der seine eigenen Fehler ausbügelte…
»Wieso ich? Zieht mich doch nicht in euren Mist mit rein!«
»Klaus ekelt sich, er ist zu zimperlich...«
»Und wieso übernimmst du das dann nicht, Ben?!«
»Nichts auf der Welt könnte mich dazu bringen, diesmal auch wieder auszubügeln, was Klaus verbockt hat! Außerdem will ich Diego nicht wehtun...«
»Tja, ich fürchte, das wird sich nicht umgehen lassen!«, schnaubte Fünf altklug und stemmte die Hände in die Hüften.
»Deswegen haben wir ja dich gerufen!« Klaus versuchte sich an einem strahlenden Lächeln, aber obgleich ihrer derzeitigen Lage verfehlte es seine Wirkung bei Fünf.
»Ich werde aber nicht dazu in der Lage sein, es weniger schmerzhaft zu machen.«
»Nein, aber dir wär’s egaler als uns und du kannst durchziehen.«

Fünf versuchte gar nicht erst, Klaus darüber in Kenntnis zu setzen, dass das, was er gerade zu ihm gesagt hatte, wahrscheinlich eine bodenlose Frechheit war. »Ich werd’ mal noch ehrlicher als sonst zu euch sein: Das da« Fünf wies anklagend mit dem Finger in Diegos Richtung, »sieht übel aus. Ihr solltet Mom Bescheid geben…-«
»N-nicht Mo-Mom!«
»Bist du sicher, Diego? Wir wissen alle, dass du am liebsten in ihren Schoß heulen würdest. Und sie kann dich verarzten! Na, los!«
»Fick dich, Fünf!« Für den Bruchteil einer Sekunde war dieser das kleinste bisschen beeindruckt, weil Diego es fertig gebracht hatte, diese drei Worte vorzubringen, ohne zu stottern.

Dann wieder waren es nur drei Worte und einer davon war der Name seines Bruders.

Besagter Bruder schenkte Diego ein sarkastisches Grinsen.

»Sie würde es Dad erzählen«, sprang Ben jetzt ein, um zumindest zu versuchen, die Situation zu beschwichtigen.
»Ja. Würde sie. Und vielleicht wär’ Dad auch so freundlich, sie das Messer aus Diegos fetter Birne ziehen zu lassen!«
Fünf konnte einen unzufriedenen Laut seitens Diego vernehmen, aber vermutlich war es für den Anderen leichter, endlich die Klappe zu halten. So musste Fünf sein Macho-Gerede wenigstens nicht ertragen. Obwohl es sich wahrscheinlich auch mit einem Messer im Kopf und den Tränen nah schwierig Macho sein ließ…

»Oh Scheiße, was wenn er einen Hirnschaden hat??«, jammerte Klaus.
»Schlimmer als der, den er schon immer hatte, wird der schon nicht werden...«, sagte Fünf sarkastisch.
Diesmal bekam er eine Antwort in Form von Diegos Mittelfinger präsentiert. Zwar war die Antwort auch ohne Worte ausgefallen, aber es waren wohl auch keine nötig, um entziffern zu können, was die Nummer Zwei Fünf mitteilen wollte.

»Bitte, Fünf! Bitte-bitte?«, bettelte Klaus und schlug seine Hände in einer Gestik zusammen, als würde er für Zustimmung beten.
Fünf musterte die Nummer Vier unbeeindruckt wie auch eine Spur fassungslos.
»Wir haben Verbandszeug aus Dads Medizinschränken geklaut«, summte Ben, klar auf Klaus’ Seite (tragisch, Fünf hatte gedacht, er könnte immer auf Bens gesunden Menschenverstand zählen), und wies auf den Beistelltisch vor der Couch.

Tatsächlich waren dort Verbände, Tupfer, Taschentücher und sogar zwei kleine Pinzetten vorbereitet worden. Und in Ermangelung eines Desinfektionsmittels hatte jemand eine halbvolle, dicke Flasche »Jack Daniel’s« auf dem Tisch drapiert. Vermutlich Klaus. Und vermutlich war Klaus auch derjenige, der den goldbraunen, flüssigen Inhalt der Flasche bis zu diesem Punkt dezimiert hatte.

»Okay, fein, ein halbes Jahr! Fünf! Letztes Angebot!«, brummte Klaus irgendwann, als er genug von Fünfs unterkühltem Blick gestraft worden war.

Dessen Blick ließ sich zwar nicht erweichen; trotzdem wandte er ihn nach einer gefühlten Ewigkeit, in der klar wurde, dass weder Klaus noch Ben vorhatten, ihr »Angebot«, Diego und seine Wunde betreffend, zurückzuziehen, herum und trat mit unveränderter Miene auf die Nummer Zwei zu.

Diego musterte ihn mit schlecht verhohlener Feindseligkeit in den braunen Augen und hatte wohl gehofft, dass Fünf sich im letzten Moment selbst aus der Affäre ziehen würde. Vielleicht auch, dass Fünf einfach davon springen würde, durch den Raum selbst irgendwohin, an dem er sich nicht für die Probleme der anderen Hargreeves interessieren musste, nicht einmal Interesse heucheln musste.

Bei genauerer Überlegung wusste Fünf nicht mal, warum er das nicht getan hatte. Er schätzte, da war wohl zu viel Gutes in ihm — hinter der dicken Mauer, die aus altklugem sowie beißendem Sarkasmus bestand.

Ben sah ganz froh aus, als er sich endlich von dem Sofa lösen und an Klaus’ Seite, außer Sichtweite von Fünf, verschwinden konnte.
In Diegos Augen lag eine ganz klare Warnung, aber Fünf wusste, dass es nur heiße Luft war. Wenn er auch nur Anstalten machen sollte, ihn zu verletzen, was mit einem Messer im Kopf, das einem wahrscheinlich die Sicht blockierte, schwer genug war, würde Fünf einfach direkt in das Büro des Alten poltern und ihm brühwarm erzählen, was hier vorgefallen war. Das hatte nicht mehr viel mit Geschwister-Loyalität zu tun, soweit es Fünf betraf.
Dann wieder fühlte es sich auch nicht zu 100% nach einer Familie an, solange es Fünf betraf… Tatsache war, er hatte Familienbande nie als wichtig angesehen. Um Gottes Willen, er sah ja noch nicht mal Notwendigkeit in einem Namen statt einer Zahl; es war ihm schlicht egal.

Weil er sich nicht fühlte, als hätte er woanders sonderlich viel Bewegungsspielraum, nahm Fünf Bens Platz auf der Couch ein, ließ sich einfach unzeremoniell darauf fallen und musterte die Klinge, die sich in Haut gegraben hatte.
Diego sah aus, als wolle er zurückweichen, tat es aber dennoch nicht. Wahrscheinlich, um noch ein wenig länger den starken Mann markieren zu können. Sie würden sehen, wie lange das noch anhalten würde.
Von hier aus gesehen, sah es gar nicht so aus, als würde das Messer so tief feststecken; und das bisschen Blut, das ausgetreten war, war auch schon angetrocknet…

Fünf folgte mehr einem merkwürdigen Reflex, als er einfach die Hand an dem Messergriff ablegte und es mit einem probeweisen Ziehen versuchte.

Diego quittierte das mit einem gequält klingenden Zischen und Fünf musste wahrscheinlich nicht so weit in seiner Nähe sitzen, um zu merken, wie sehr der Andere sich gerade verkrampft hatte.

Fünf ließ ab und Klaus kommentierte: »Ehw, ehw, ehw! Eitert das?? Das eitert! Ih!«
»Hey, Schwachkopf! Das hilft hier gerade nicht...«, knurrte Fünf in Richtung seines empfindlichen Bruders, weil er es nicht gebrauchen konnte, dass Diego kalte Füße bekam oder zu zittern begann.
»Es eitert wirklich...«, flüsterte Ben, aber wenigstens klang er dabei nicht ganz so panisch.
»Es… nur ein bisschen«, sagte Fünf nüchtern und tat Diego wahrscheinlich einen Gefallen damit, nicht derart pikiert zu reagieren.
»Was heißt hier ›nur ein bisschen‹?«, presste die Nummer Zwei zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und schaffte es beeindruckenderweise tatsächlich, dabei nicht zu stottern.

»Was ich sagte. Ein bisschen eben. Aber das ist auch genau der Grund, warum das da raus muss. Wir machen das so…-«
»N-nein...« Diego klang merkwürdig mickirg für jemanden, der ansonsten gern den starken Mann spielte und in ständigem Konkurrenzkampf mit Luther stand.
»Hör nicht auf ihn, du machst das schon, Fünf...« Klaus klang wie ein Cheerleader. Wie ein sehr hibbeliger und unruhiger Cheerleader, der fürchtete, von ihrem Vater abgestraft zu werden. Wahrscheinlich wäre das auch der Fall, würde Reginald von dieser Sache erfahren. Außerdem sagte Klaus’ Cheerleading Fünf, dass Diego sich wahrscheinlich schon vorher mit Händen und Füßen gewehrt hatte, als Ben und Klaus den halbherzigen Versuch gemacht hatten, die Klinge zu entfernen.
»Okay, pass auf, ich zähl’ bis drei...«
»Nein, wirst du nicht! Du sagst mir, du zählst bis drei und du ziehst bei zwei! Verarsch mich nicht, Fünf!« Zwar hatte Diego seine Bedenken stotterfrei vorgetragen, aber sich dafür fast mit eigenen Worten überschlagen.
»Ich versprech’ dir was. Ich werde nicht bei zwei ziehen. In Ordnung??« Das Grinsen, zu das Fünf sich zwang, war keineswegs freundlich oder irgendwie versichernd. Es war falsch und das wussten sie beide. Aber er würde nicht gelogen haben.
Diego nickte misstrauisch.
Also legte die Fünf die Hand erneut um den Messergriff und versuchte dabei, nicht zu sehr zu wackeln.
Diego verzog das Gesicht noch weiter.
»Stell dich nicht an. Es ist gleich vorbei...«
Die Nummer Zwei brummte etwas zwischen zusammengepressten Zähnen, bevor er so aussah, als wäre ihm plötzlich siedend heiß eingefallen, dass er irgendwo den Herd angelassen hatte. »W-w-w…! Ziehst du auch bei drei??!«
»Eins!«, sagte Fünf jedoch unerbittlich und zog mit einem kräftigen Ruck.

Wenn Diegos Haut irgendein Geräusch von sich gegeben hatte, als die Klinge sich von seinem Fleisch gelöst hatte, hatte Fünf es nicht einmal gehört. Sein Blick war an der Wunde festgeeist; Blut trat aus ihr aus, und das nicht zu knapp, jetzt, da die temporäre Blockade sich aufgelöst hatte.

Und Diego begann zu brüllen wie am Spieß…

Fünf konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie Klaus und Ben beinahe Händchen haltend aufeinandergesprungen wären, sich nicht entscheiden könnend, wer in wessen Arme springt. Und er beobachtete Diego aus nächster Nähe, wie dieser sich die Schläfe haltend und brüllend zusammensackte.

Zu sagen, dass ihm die ganze Lage unangenehm war, wäre definitiv eine Untertreibung… während er daneben saß, untätig, wie ein Einfaltspinsel, und die Klinge noch immer stumpf in der Hand hielt, während sie traurig auf seinen Schoß tröpfelte, und es nicht viel fehlte, bis Diego sich zu seinen Füßen krümmen würde; während Klaus und Ben aussahen, als würden sie bald einen kollektiven Herzinfarkt erleiden.

Als Diego sich jedoch aufraffte und sich mit einem dermaßen finsteren, zerknitterten Gesichtsausdruck zu Fünf herumdrehte, glaubte dieser tatsächlich, den Anderen zum ersten Mal in seinem Leben wirklich ernst nehmen zu können. Vielleicht verspürte er sogar einen winzigen Anflug von Angst. Aber wenn dem so war, würde Fünf es sicherlich nicht zugeben.

»Fünf…«, raunte er.
Dieser war zuversichtlich in der Tatsache, dass er nicht halb so eingeschüchtert aussah, wie Diego wahrscheinlich geplant hatte. Er erwiderte nichts, starrte ihn einfach nur abwartend an, während Diego ihn wütend anstierte, seine Hand immer noch auf seine Schläfe presste.
»Ich mach’ dich ja sowas von fertig…«, drohte die Nummer Zwei.

»Komm, Benny-Boy, lassen wir Fünf in Ruhe von Diego ermorden… Wir haben nichts gesehen, Jungs!«
»Sollten wir nicht zuerst versuchen, seine Wunde zu verarzten…?«
»Oh, nein, glaub mir, wenn Diego Fünf jetzt umbringt, wollen wir davon nichts wissen…« Und außerdem hoffte Klaus wahrscheinlich, sich aus seiner Bezahlung für Fünfs kleine Gefälligkeit hier wieseln zu können, sollte Diego es ernsthaft wagen, ihn krankenhausreif zu prügeln.

Das bekam Fünf also dafür, zur Abwechslung ernsthaft versucht zu haben, einem seiner Geschwister unter die Arme zu greifen. Potentiell einen Aufenthalt im Familienkrankenzimmer. Traumhaft.

Fünf unterdrückte den Reflex, die Augen zu verdrehen.

Er weigerte sich, zu glauben, dass Diego überhaupt den Mumm besaß, ernsthaft Hand an ihn zu legen. Schmollen konnte er so viel er wollte, aber er würde Fünf sicher kein Haar krümmen. Schon gar nicht, wenn die Gefahr bestand, dass Grace mit einem enttäuscht-naiven Gesichtsausdruck auf ihn hinabstarren könnte.

Und apropos Grace… Fünf konnte ihre Absätze über die Holzdielen klackern hören.

Als ihr blonder, perfekt zurechtgemachter Haarschopf im Türrahmen erschien, warf Diego sich mit seinem vollen Körpergewicht auf Fünf, vielleicht in einem Versuch, das viel zu offensichtliche Blut in seinem Gesicht zu verbergen, ohne dass er sich an den Kopf fasste und das verräterische Rot zwischen seinen Fingern hervortrat.

Trotzdem musste das nicht heißen, dass Fünf den plötzlichen Überfall begrüßte. Ganz im Gegenteil sogar. Er sah nur davon ab, den Anderen einfach zu boxen, weil er quasi sein Einverständnis dafür gegeben hatte, Stillschweigen zu bewahren. Und weil der hirnverbrannte Idiot namens »Diego« wahrscheinlich für einen Tag genug Schmerz erlitten hatte und den Gefallen erwidern würde, wenn Fünf eine Grenze überschrat.

Der blutende Kopf jeweils pochte unter Fünfs Kinn und er ahnte, dass Diego dabei war, das schneeweiße Hemd seiner Uniform zu ruinieren.

»Was macht ihr Jungs denn hier?«, stellte Grace die unbescholtene Frage.
Aus dem Augenwinkel konnte Fünf sehen, dass Klaus sich unschuldig gab und praktisch in Grace’ Weg sprang, während Ben sich schuldbewusst vor dem Couchtisch aufstellte, um die behelfsmäßigen — und gestohlenen — Verbände zu verstecken.
»Ach, weißt du, liebste Mutter… Diego und Fünf…-«
»…trainieren!« mischte Ben sich notdürftig ein.
»Genau! Sie wrestlen…!«
Für einen winzigen Moment sah es aus, als würde Grace die Situation voller Skepsis analysieren. Doch dann formten die vollen, roten Lippen ein strahlendes Lächeln und sie nickte eifrig. »In Ordnung, Schatz, aber passt auf das Mobiliar auf. Ihr wisst, dass euer Vater das nicht gutheißen wird.« Sie strich mit dem Daumen dreimal über Klaus’ Wange, bevor sie Anstalten machte, den Raum wieder zu verlassen.
Klaus nickte vermeintlich pflichtbewusst und Fünf musste seinem Bruder nicht ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, dass das zuversichtliche Lächeln auf seinem Gesicht ein Fake war und seine Augen nicht erreichte.
Als Grace den Salon verließ, schüttelte sie seicht lächelnd ihren Kopf und murmelte etwas, das nach »Diese Jungs…« klang.

Fünf konnte Diegos Griff spüren. Und wie der sich schraubstockartig fester um ihn wickelte — in einem wütenden Zittern. Eine angesäuerte, unnachgiebige Umarmung, um die er sicher nicht gebeten hatte. Für einene Moment dachte Fünf wirklich daran, dass der Andere ernsthaft versuchte, ihn zu erdrücken. Dann fiel Fünf ein, dass Diego nicht Luther war, und dass er vor ihrer Nummer Zwei vermutlich weitaus weniger in diesem Bereich zu fürchten hatte als vor ihrer Nummer Eins.

Klaus ließ erleichtert die Schultern hängen, sobald Grace’ Gestalt verschwunden war und fuhr in die Hände klatschend zu seinen beiden Geschwistern herum. »Okay, Ladies, Zeit zu…- Diego, ich weiß, du bist tief drinnen ein richtiger Softie, aber du kannst jetzt aufhören, mit Fünf zu kuscheln. Sie ist weg.«

Ein stechender Schmerz fuhr durch Fünfs Nacken, an der Stelle wo Hals und Schulter aufeinandertrafen. Ein wütender Schmerz, der vermutlich sogar stark genug war, um in Blut zu enden. Diegos Wut schien noch nicht verraucht zu sein.

Fünf klopfte ihm hastig auf den Rücken; erst vorsichtiger, und als Diego nicht abließ, immer fester.

»Hey, siehst du das, Ben? Du schuldest mir zehn Mäuse, mein Bruder… Ich hab’ dir doch gesagt, er steht auf einen von uns! Hätte nur nicht gedacht, dass es Fünf trifft… Ey, Diego! Hör auf mit Fünf zu knutschen oder sucht euch ein Zimmer…!«
»Klaus… Ich glaube nicht, dass die knutschen… Außerdem: ih. Das sind unsere Geschwister.«
»Na ja. Luther und Allison scheinen sich auch nicht gerade wie Bruder und Schwester zu fühlen…«

»Er beißt mich, ihr Vollidioten!!«, presste Fünf die Worte irgendwann hervor, bevor er versuchte, den Anderen irgendwie von sich herunter zu bugsieren.

Aber es hatte keinen Sinn. Diego hielt ihn so sehr gefangen, dass Fünf keine Chance hatte, sich irgendwie herauszuwinden.
Es endete damit, dass sie beide schließlich hart auf dem Boden aufschlugen und in einem Knoten aus Gliedmaßen und wütendem Knurren über dem Boden herumrollten, jeder von ihnen hart um Kontrolle und die Oberhand kämpfend.

»Wenn ihr ihn nicht bald von mir herunterpflückt, werdet ihr euch wünschen, ich hätte euch bei Dad verpetzt, klar?!!«, fauchte Fünf aufgebracht.
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