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Auf Wolfspfaden

von Liskaya
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Het
OC (Own Character)
17.04.2021
04.06.2021
3
5.815
4
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30.04.2021 1.450
 
„Herr Efferd, Unergründlicher, ich verstehe wohl, dass du es gut mit den Bauern hier meinst, doch wenn die Felder weiterhin so absaufen, hat wirklich niemand etwas davon!“

Lucretian schnaubte und zog sich die Kapuze seines Wachsmantels tiefer ins Gesicht. Es schüttete schon seit drei Tagen wie aus Kübeln. Die meiste Zeit verbrachte er drinnen, in einem Gasthaus oder als Gast eines Bauern der ihn, gemäß Travias Gesetzen, aufnahm... doch je länger er in einem Haus in dieser Gegend verweilte, desto sympathischer wurden die matschigen Straßen. Dieses götterverlassene, elendige Land...

Lange Wochen der Reise lagen hinter ihm, und langsam war er es leid. Seine Rückseite schmerzte, obwohl er den besten Sattel bekommen hatte, den Thallian auf der heimischen Burg hatte finden können. Die Stute war schon etwas älter, gutmütig und ertrug viel, doch selbst dieses Pferd schien nun langsam die Mähne voll zu haben von dieser Gegend.

Und erst die Namen der Leute und Orte! Wie oft er nun schon mit einem Boris gesprochen hatte? Und das eine Dorf, in dem er nur kurz Halt gemacht hatte... irgendwas mit Gurken? GURKEN! Diese Menschen hatten wahrlich KEINEN Sinn für Kultur! Nur saufen konnten sie. Offenbar ertrugen sie das Leben hier auch nicht anders...

Lucretian lenkte das Pferd einen Karrenweg entlang und murrte. Er sehnte sich nach einem heißen Bad, einer Massage, einem guten Wein aus dem Yaquirtal... und die Gesellschaft einer hübschen jungen Maid würde alles ebenfalls erträglicher machen! Doch die meisten Mädchen hier waren eher das Gegenteil, und wenn es doch eine gab... war sie verheiratet, wurde gut bewacht oder hatte solchen Schneid, dass er glatt Angst bekam!

Bisher hatte er dennoch überall eine gute Figur gemacht, trotz aller äußerst schwierigen Umstände. Einem von Wolfsthal sollte man auch nichts Schlechtes nachsagen! Er würde Cornelia, wie versprochen, bald einen Brief schicken. Ein paar mehr Erfahrungen musste er noch machen. Doch in der nächsten Ortschaft gab es hoffentlich etwas Interessantes zu sehen, über das es sich auch zu schreiben lohne. Irgendetwas...

Das Pferd schnaubte plötzlich, legte die Ohren an und stockte im Schritt. Ärgerlich packte Lucretian die Zügel fester. Die Mähre sollte sich nicht so anstellen! Er sah sich um, doch durch den Regen konnte er kaum etwas erkennen. Missmutig trieb er das Pferd weiter an, und es machte einen Satz, der ihn heftig durchschüttelte. Er musste sich sputen! Nächtigen unter freiem Himmel kam absolut gar nicht in Frage. Bisher hatte er sich immer irgendwo einquartieren können... und wenn es auch noch viele Stunden zum Reisen gegeben hätte. Nein, lieber Vorsicht als Nachsicht. Schließlich war er fremd in diesen Landen.

Im nächsten Moment pfiff etwas an seinem Ohr vorbei, und ein lautes Geräusch neben ihm ließ das Pferd scheuen. Erschrocken packte er die Zügel und kniff die Augen zusammen, als das Tier durchging. Vor ihm tauchte etwas aus dem Regen auf, und das Pferd, ebenso erschrocken wie sein Reiter, stoppte hastig und stieg auf die Hinterläufe.

Lucretian fiel, schreiend und um sich schlagend, landete hart und wimmerte. Nun lag er im Matsch, in diesem furchtbaren Land, und… er versuchte sich aufzurichten, doch seine Beine gehorchten ihm erst nicht. Fluchend robbte er ein wenig zur Seite, nach wenigen Sekunden schon nass wie eine Reuse, und rappelte sich auf, zog sein Schwert und fuchtelte wild damit herum.

„Wagt es nicht, mich anzurühren, ihr Gesinde! Fort mit euch!“, gab er keifend von sich.

Die vier Männer, die ihn mittlerweile umringten, wirkten eher unbeeindruckt. Ein fünfter hatte bereits das Pferd eingefangen und wartete etwas abseits.

Lucretian drehte sich im Kreis, so aufrecht wie möglich, und blickte in vier äußerst hässliche Gesichter. Banditen! Mördervolk! Gottloses, verlaustes Land!

„Verschwindet, sage ich! Die Götter werden euch strafen, ihr hässliche Bande!“

Vereintes Grinsen antwortete ihm. Sprachen diese Burschen kein Garethi? Lucretian schnaubte. Innerlich schrie er um Hilfe, bereits in Todesangst. Doch er durfte sich keine Blöße geben! Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit – so oft hatte ihm diese Devise schon gut geholfen!

Herr Praios, errette mich von diesem ehrlosen Gesindel! Ich werde deine Gebote mehr ehren als bisher schon, alle Eide bluternst nehmen!

Nie zuvor hatte er so inbrünstig zum Fürsten Alverans gebetet.

„Mach ihn kalt, Boris“, spuckte einer der Männer schließlich mit knurriger Stimme aus.

Lucretian verdrehte die Augen.

„Hier heißt doch echt wirklich jeder Zweite Boris! Boris, Boris!“, äffte er den starken Dialekt des Mannes nach. „Seid ihr vielleicht sogar allesamt Geschwister?“

Nun grinsten sie nicht mehr. Immerhin, verbal hatte er die Oberhand!

Doch rasch verging Lucretian das Lachen. Brutal stürmten sie auf ihn ein. Alle vier zugleich! Wie unehrenhaft! Er parierte und schlug um sich so gut er vermochte, doch bald schon spürte er schmerzende Wunden und seine Kleidung färbte sich rot.

Herrin Rahja! Steh mir bei! Erbarme dich, so will ich nicht enden...

Seine letzten Gedanken und das in Todesangst geflehte Gebet an die Schöne Göttin wurden nur wenige Sekunden später von kalter Dunkelheit verschluckt.

* * *

Zahllose Bilder wirbelten durcheinander. Das Begräbnis des Vaters. Cornelias erste Hochzeit. Seine erste rahjanische Erfahrung. Folmians missgünstige Worte. Eine Theateraufführung in Gareth. Die Reise ins Bornland. Thallians Abschied. Das Rauschen von schwarzen, gewaltigen Schwingen...

Mit einem Stöhnen erwachte er. Sein Körper bestand aus reinem Schmerz. Klagend wimmerte er und blinzelte schließlich, als seine Muskeln ihm nach und nach wieder gehorchten.

Wärme umfing ihn. Der Geruch von Kräutern lag in der Luft. Eine Decke aus Holzbalken. Mehrere Wolldecken auf ihm. Er drehte den Kopf, nasse Strähnen rutschten ihm ins Gesicht. Eine Bewegung in der Nähe fing seine Aufmerksamkeit. Kerzenlicht schimmerte auf rotem Haar.

Unweit des Bettes, in dem er lag, saß ein Mädchen auf dem Boden. Sie mochte keine zwanzig Götterläufe alt sein... also nur ein klein wenig jünger als er. Ihr langes, rotes Haar war offen und fiel bis weit über ihre Schultern, glatt und schimmernd im Kerzenlicht. Ihre Haut war hell, ihre Kleidung einfach, aus Fell und Leder. Ihr Blick war auf ihre Hände gerichtet, die an einem Kleidungsstück arbeiteten, das auf ihrem Schoß ruhte. Ein Hemd, das Lucretian sehr bekannt vorkam... es war sein eigenes.

Er stöhnte erneut, als sich seine geschundenen Glieder wieder bemerkbar machten. Da blickte das Mädchen auf. Ihre Augen waren ein wenig schmal, anders als die der meisten Menschen, denen Lucretian bisher begegnet war. Und nicht nur die Form... auch die Farbe war seltsam. Der Kerzenschein konnte trügen, doch... eines der Augen war blau wie wolkenloser Himmel. Das andere... grün wie sommerliches Blätterwerk.

„Ihr seid wach!“, sprach sie nun. Eine leise, sanfte Stimme. Ein starker Akzent, doch nicht so, wie er es bisher kannte. Eine andere, ihm bisher unbekannte Sprache mochte dem zugrunde liegen.

„Wo...“, setzte er an und hustete.

„Ihr seid sicher. Die Adepta hat Euch geheilt. Euch vor dem Tode bewahrt. Euer Pferd ist auch sicher.“ Nun ruhten ihre Hände, sie schien ihn zu mustern, ihr Blick war sorgenvoll, aber auch voller Güte.

Lucretian besann sich und mühte sich, nicht ganz so... zerschlagen drein zu blicken. Langsam sortierten sich seine Gedanken. Eine Magierin hatte ihm geholfen. Das konnte teuer werden. Zumindest das Pferd war noch da... und vielleicht war auch sein Geld nicht verloren...

„Eure Kleidung ist ganz zerrissen... ich habe angefangen, sie zu reparieren. Das ist mein Handwerk“, fuhr das Mädchen leise fort. In ihren Augen stand Neugierde. Sie wirkte freundlich. Hilfsbereit. Aufgeschlossen. Lucretian wollte sich bedanken. Wollte nach ihrem Namen fragen. Und danach, wie es nun weiter ging...

„Ich habe ihr nicht erlaubt, meine Sachen anzufassen.“ Eisig kalt kamen die Worte aus seinem Mund. Ebenso hart war sein Blick.

Erschrocken zog das Mädchen die Hände an sich. In den verschiedenfarbigen Augen stand ein großer Schreck.

„Was wagt sie es... ungefragt...“, murrte Lucretian und stützte sich ein wenig auf. Sein Körper schmerzte noch immer... doch es waren nicht allzu viele Verbände an ihm, wie er nun bemerkte.

„Verzeihung...“, brachte das Mädchen hervor und schob das Hemd von sich.

Lucretian schnaubte. Ihm war schwindelig. Seine Kehle war staubtrocken. Und hungrig war er auch.

„Hole sie mir etwas zu Trinken.“ Herrisch gesprochen, diese Worte. Er klang mehr wie Folmian als er selbst...

„Jawohl...“, kam es leise, kaum hörbar. Das Mädchen zog die kleine Nadel, mit der sie wohl bis eben gearbeitet hatte, aus dem Hemd, legte es auf den Haufen Kleider neben dem Bett und verließ den Raum. Fast schon in Panik.

Lucretian sah ihr nach und schnaubte leise. Dieses götterverlassene Land! Diese dummen, ungehobelten Menschen! Was für eine dämliche Reise! Keinen Schritt mehr würde er tun! Sollte sein Bruder sich das Maul zerreißen und den Stecken im Hintern weiterhin stolz umhertragen! Mürrisch starrte er an die Decke.

Das Mädchen kam nicht zurück. Dafür aber jemand anderes. Und Lucretian begriff, dass sein Gebet an den Götterfürsten wohl erhört worden war. Doch die Folgen... würden alles andere als angenehm werden. Vor allem nicht für ihn...
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