Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Allgemein / Tammi

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Tammi

von unwichtig
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
16.04.2021
11.06.2021
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14.027
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11.06.2021 2.463
 
Als ich dann mit Sammi an der mir von der Maklerin genannten Adresse ankam, glaubte ich zu träumen. Das Objekt übertraf meine kühnsten Erwartungen. Zwei Häuser lagen in einer Bauminsel derart hinter Sträuchern und alten Bäumen hingeduckt und versteckt, dass sie von der kleinen Strasse aus kaum zu sehen waren. Ich war erstmal daran vorbeigefahren, bis mir klar wurde, dass ich wieder zurück musste. Ich fuhr weiter bis zur nächsten Abzweigung, wendete dort und erst auf dem Rückweg sah ich dann die beiden Zufahrten, von denen die eine bereits mit drei Autos zugeparkt war. So dass ich meinen Wagen lieber auf der Straße stehen ließ. Als ich dann die kleine Auffahrt entlang lief, stockte mir fast der Atem. Verwunschener hätte sich das Häuschen kaum in das Grün ducken können. Es lag neben einem eigenen, versteckt gelegenen Stellplatz, norddeutsches Fachwerk, eingeschossig, das Dachgeschoss ausgebaut, man sah die Gauben im reetgedeckten Dach, ganz im norddeutschen Stil gehalten. Während ich noch stand und staunte, tastete Sammi nach meiner Hand. “Wooow,” war sie wohl mindestens so beeindruckt wie ich.
Was sich aber während der Besichtigung recht schnell gab. Sie hatte bereits sämtliche Räume inspiziert, während ich noch im Erdgeschoss die Küche bewunderte, die zwar abgeschlossen aber dafür so groß war, dass man problemlos einen Esstisch für vier Personen unterbringen konnte. Wie früher bei meiner Großmutter mütterlicherseits, fiel mir plötzlich ein. Und hatte auch schon das Bild von ihr vor Augen, wie sie in der Küche hantierte, während ich am Tisch saß und Hausaufgaben machte. Essen und arbeiten in der Küche. Wie früher.
Dafür war das Wohnzimmer kleiner als gedacht. Aber für vier Personen allemal ausreichend. “Die Räume hier unten sind alle nach Süden ausgerichtet,” erklärte uns die Maklerin. “Daher hell und sonnig. Nur oben im Dachgeschoß, die beiden Schlafzimmer gehen nach Norden. Was sie im Sommer etwas kühler bleiben lässt. Wofür auch das Reetdach sorgt. Es gibt kaum eine bessere Isolierung als Reet.” “Und das dritte Zimmer?” wollte ein Mitbewerber wissen. “Das Arbeitszimmer? Das ist wieder nach Süden ausgerichtet, mit einem kleinen Balkon.”
Ich konnte mich von dem Häuschen schier nicht trennen. Während alle Mitbewerber bereits schon wieder gegangen waren. Ich war völlig in Gedanken, als ich auf den kleinen Platz trat, von dem aus die Zufahrt abging. “Und? Wie gefällt Ihnen das Haus?” wollte die Vermittlerin wissen. “Gut,” musste ich zugeben. “Sehr gut sogar. Ein Traum. Nur, dass es deutlich teurer und weiter weg von Cuxhaven ist, als von mir geplant,” schaute ich ein wenig sehnsüchtig zurück. “Ja,” nickte sie, während sie die Haustür abschloß. “Freistehend, eigene Zufahrt mit Stellplatz, reetgedeckt, das hat seinen Preis. Sie können es sich ja in Ruhe noch ein paar Tage überlegen.” Sie lächelte, während sie den Schlüssel wegsteckte und sich etwas notierte. “Ich habe jetzt noch einen anderen Termin, muss weiter. Aber Sie dürfen sich gerne noch ein wenig umsehen. Wenn Sie hier den kleinen Weg am Haus vorbei laufen, kommen Sie in den Garten.” “Ich will nicht weiter stören,” schüttelte ich den Kopf, was sie aber nicht gelten ließ. “Das ist kein Problem. Der Vermieter weiß Bescheid, dass heute Interessenten vorbei kommen. Und würde Ihnen mit Sicherheit noch mal das Haus zeigen, wenn Sie noch Fragen haben sollten. Sie müssten nur da drüben klingeln.” Sie zeigte zu dem anderen Haus hinüber, das hinter all den Büschen und Bäumen kaum zu sehen war. “Folgen Sie den Trittplatten,” zeigte sie auf einen kleinen, unscheinbaren Weg, der mir vorhin gar nicht aufgefallen war, während sie ins Auto stieg und auch schon verschwunden war. Derweil ich noch da stand und nicht recht wusste, wohin mit all meinen Eindrücken, die erst einmal zu verarbeiten suchte.
“Hier bist Du,” riß mich Sammis Silberstimmchen aus meinen Gedanken. Ich sah, wie sie den Plattenweg entlang kam, den mir gerade noch die Maklerin gezeigt hatte. Wobei sie irgendjemanden ungeduldig an der Hand hinter sich her zog. Ich sah bloß nicht gleich wen. Erst als auch er um die Ecke gebogen war, erkannte ich ihn. Cedric.

Unser Wiedersehen fiel zunächst ein wenig steif aus. Bis Sammi uns verkündete, sie hätte hinter dem Haus Kinder mit einem Pony entdeckt. Ob sie dahin dürfe. “Dann musst Du halt fragen, ob Du mitspielen darfst.” Cedric führte uns durch den Garten an das hintere Ende, wo sich eine Tür im Zaun befand. Er zeigte Sammi, wie sie die Tür öffnen könne und gab ihr einen kleinen, aufmunternden Klaps. “Na los, frag sie. Sie werden Dich schon nicht beißen.” Ich beobachtete meine kleine Schwester, wie sie auf die Kinder zulief, zwei Mädchen, ungefähr in ihrem Alter. Die, als Sammi vielleicht noch zehn oder zwanzig Meter von ihnen entfernt war, ungefähr so schüchtern reagierten, wie sie. “Das sind Emilia und Melanie, die Zwillingstöchter vom Nachbarn, Klaas Hansen. Ihm gehört der Hof da drüben,” erklärte mir Cedric und zeigte in die Richtung, in der ich Cuxhaven vermutete. Ich nickte und schaute den Mädchen zu, wie sie einander beschnupperten und zunehmend die Scheu voreinander ablegten. Und musste insgeheim grinsen. Wie Kinder sich zunächst vorsichtig 'beschnupperten' und dann, nach wenigen Minuten, intuitiv wussten, ob sie sich auf den anderen einlassen wollten oder nicht. “Ich glaube, das passt schon mit den dreien,” überlegte Cedric, während er auf seine Armbanduhr schaute. “In einer halben Stunde werden Emilia und Melanie zum Mittagessen gerufen, dann wird auch Sammi wieder kommen. Möchtest Du solange etwas trinken?” “Du?” Ich war ob dieser vertrauten Anrede doch ein bisschen irritiert. “Oh, entschuldige bitte. Natürlich nur, wenn Dir das recht ist. Aber wir dürften ungefähr gleichaltrig sein und Du bist die Einzige hier in der Gegend, die ich noch aus den USA kenne.” “Schon O.K.,” nickte ich. “Ein Glas Wasser wäre wirklich gut.” “Dann komm,” meinte er. “Sammi findet uns von ganz alleine. Wollen wir wetten?” Was mich nur lachen ließ. “Auf die Wette lasse ich mich besser nicht ein. Sammi findet noch ganz andere Dinge als nur uns.”
Er brachte mich in seinen Garten, zu einer Hollywoodschaukel. “Ich hole schnell was zu trinken,” wies er einladend auf die Sitzgelegenheit und war im selben Moment auch schon in seinem Haus verschwunden. Das wie die etwas größere Ausgabe des eben von mir besichtigten wirkte. “Ich freue mich, dass Du den Vorfall in Harvard offenkundig gut überstanden hast,” kam er mit zwei Flaschen und drei Gläsern auf einem Tablett zurück. “Ich habe noch Apfelsaft mitgebracht. Frisch vom Mostbauern ein paar Orte weiter. Falls Du möchtest. Oder nachher Sammi, wenn sie zurück kommt” beantwortete er meinen fragenden Blick. Während ich nickte. “Ich bleibe bei Wasser. Und ja, ich bin wirklich froh, dass ihr mir damals geholfen habt. Vielen Dank nochmal dafür.” “Das ist schon O.K.” schüttelte er leise den Kopf. “Du hattest Dich ja damals schon bedankt und das auch noch wesentlich netter als manch andere Zeitgenossen, das reicht. Die Hilfe ist ja Sinn und Zweck der Stiftung. Sammi hat von der ganzen Sache nichts mitgekriegt?” “Nein, zum Glück nicht.” “Sie dürfte auch noch ein bisschen zu klein sein, um das zu verstehen,” überlegte er. “Ich wäre froh, wenn sie nichts davon erfahren müsste,” bestätigte ich ihm. “Von mir nicht.” “Das ist schön, Danke. Es war schon schwer genug, ihr zu erklären, warum Du nicht noch mal vorbeigekommen bist.” “Das glaube ich,” nickte er nachdenklich. “Ich hatte sogar ein paar Mal daran gedacht, aber ständig kam irgendetwas dazwischen. Damals nahm der Prozess mit meinen Geschwistern ja gerade erst so richtig Fahrt auf. Die gegnerischen Anwälte bombardierten mich mit Schreiben, die umgehend beantwortet werden mussten, dann benötigten meine eigenen Anwälte Weisungen, dann standen Gerichtstermine an, die Firma sollte trotz allem ja auch noch weiterlaufen, und, und, und. Das war wirklich keine gute Zeit.” Er schwieg einen Moment, bevor er nachsetzte. “Weiß Sammi davon? Oder gar wer ich bin?” “Nein. Ich habe ihr immer nur erklärt, dass Du ganz viel Arbeit hättest. Und Ärger. Was manchmal einfach zusammengehören würde.” Cedric lächelte leise. Und nickte. “Es wäre schön, wenn das so bleiben könnte. Ich bin nicht ganz ohne Grund hierhin gezogen. Hier kennt mich niemand, hier kann ich einen Neuanfang versuchen. Weitestgehend unbelastet.” “Ich weiß von nichts,” lächelte ich ihn an, “quid pro quo?” “Quid pro quo,” lachte er leise, “dann ist ja alles gut.” Ich trank einen Schluck Wasser, bevor ich nachfragte. “Dann war es reiner Zufall, dass Du hier gelandet bist?” “Nicht ganz,” schüttelte er den Kopf. “Meine Mutter kam hier aus dem Raum.” “Könnte Dich dann nicht doch jemand erkennen?” wunderte ich mich. “Wie denn das?” Er schaute mich etwas irritiert an. “Das ist über vierzig Jahre her, dass sie mit ihren Eltern in die Staaten ging. Und ich bin hier mein Lebtag lang noch nie gewesen. Wie sollte da jemand von mir wissen?” “Stimmt,” musste ich zugeben. “Also suchst Du nach Deinen Wurzeln?” “Was ja manchmal nicht verkehrt ist,” lachte er mich an. Während ich nachdenklich wurde. “Meine Eltern stammten beide hier aus der Gegend. Was denkst Du? Ob sich Deine Mutter und meine Eltern vielleicht sogar gekannt haben?” Er dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. “Theoretisch möglich,” nickte er mir zu. “Eine nette Vorstellung.”
Um dann das Thema zu wechseln. “Wie gefällt Dir das Cottage da drüben?” Er wies mit dem Kopf zu den Büschen in die Richtung, in der es lag. “Es ist ein Traum," gab ich zu, “aber für Sammi und mich zu teuer. Und auch weiter weg von Cuxhaven, als gedacht." “Schade." Er schien ehrlich enttäuscht. Weshalb ich versuchte, ihn ein wenig aufzumuntern. “Du würdest Dich bedanken, wenn Sammi hier wohnte. Nicht nur, dass sie ein kaum zu bändigender Wildfang ist, sie kann auch ganz schön laut sein. Und das, wo Du bei Deinen Mietern doch ziemlich wählerisch zu sein scheinst." “Wer sagt denn so etwas?" wunderte er sich. “Die Maklerin hatte da so etwas angedeutet?" “Hat sie das?" Cedric schmunzelte vor sich hin. “Dass ich nicht jeden Mieter zu nehmen bereit bin, stimmt schon. Aber das hat andere Gründe. Ich versuche hier gerade, ein eigenes Ingenieurbüro aufzubauen. Da bin ich schon mal häufiger weg. In der Regel nicht sehr lange, nur ein paar Tage hier, ein paar Tage da. Aber dafür dann recht unverhofft, von jetzt auf gleich. Da wäre ich froh, wenn die Mieter ein wenig nach dem rechten schauen würden, ich ihnen vertrauen könnte. Darum geht es mir. Dir würde ich vertrauen," schaute er mich ganz erwartungsvoll an. “Danke für die Blumen. Trotzdem,” beharrte ich, “für Sammi als Mieterin würdest Du Dich bedanken." “Glaube ich kaum. Es hat genug Kinder auf den umliegenden Höfen. Da würde sie den Kohl auch nicht mehr fett machen. Zumal sich die Kinder hier zwischen all den Feldern und am Deich völlig ungestört austoben können. Meist hört man sie kaum. Ich würde mich über Euch als Mieter freuen. Und über die Miete könnten wir nochmal reden. Die ist mir ziemlich egal. Da finden wir schon eine Lösung. Nur das Finanzamt muss irgendwie mitspielen." “Das ist trotzdem nicht so einfach," versuchte ich ihm meinen Standpunkt begreiflich zu machen. Wenngleich auch schweren Herzens. “Ich habe mein Café in Cuxhaven. Und Sammi geht dort zur Schule. Und jeden Tag eine halbe Stunde Autofahrt hin und nochmal zurück, das ist ganz schön viel." Cedric hörte mir geduldig und voller Interesse zu, fragte nach meinem Café, nach den Öffnungszeiten, wo es läge, wo Sammi zur Schule gehen würde, wo wir jetzt wohnen würden, nur um mich anschließend anzulächeln und den Kopf zu schütteln. “Das sind alles keine Gründe, Tammi, das sind Ausflüchte." Es war das erste Mal, dass er mich beim Vornamen nannte. “Ich kann und will Dich zu nichts zwingen, aber ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr hier einziehen würdet. Überlege es Dir. Bitte."
Wir saßen vielleicht schon eine Dreiviertelstunde bei ihm auf der Schaukel, als Sammi zurückkam. Natürlich vor Begeisterung überschäumend für ihre neuen Freundinnen und vor allen Dingen für das Pony. “Dann kommt doch in den nächsten Tagen noch mal vorbei,” schlug Cedric vor. “Emilia und Melanie werden sich mit Sicherheit freuen. Und wir könnten uns weiter unterhalten,” schaute er mich an. “Wenn Du ein paar Nächte darüber geschlafen hast.”

Seine letzte Bemerkung war die pure Gemeinheit. Weil Sammi sie mitgekriegt hatte und jetzt natürlich wissen wollte, worüber ich denn bitte ein paar Nächte schlafen sollte. Und mir ununterbrochen zusetzte, nachdem sie spitz gekriegt hatte, worum es ging. Was ja völlig klar war, bei dem Narren, den sie an ihm gefressen hatte. “Ich will zu Cedric,” maulte sie beinahe viertelstündlich. “Das ist so ein Glück, dass wir ihn hier getroffen haben, er jetzt endlich wieder Zeit für uns hat. Und das Haus hat Dir so gut gefallen. Warum willst Du dann nicht dahin?" Selbst meine gute Seele im Café, Lina, redete mir zu. “Solch ein Glück wird sonst immer nur anderen zuteil,” erklärte sie mir. “Und jetzt hast Du es mal. Dann greif doch zu. So wie Du erzählst, geht es ihm ja gar nicht ums Geld. Oder hast Du Angst, dass er sich als Gegenleistung etwas anderes erhofft?” Was ich nun wirklich nicht glaubte.

Eine Woche nach meiner Besichtigung des Cottage stand Cedric auf einmal bei mir im Café. “Ich wollte mal sehen, wo Du arbeitest,” erklärte er mir, während ihn Sammi schon mit Beschlag belegte, bevor er sich überhaupt hatte setzen können. Eine Tasse Kaffee, zwei Tassen Kakao nebst zwei Stück Kuchen für Sammi und eine knappe Stunde später ging er wieder. Sehr zum Leidwesen meiner kleinen Schwester. “Ich habe mit meinem Steuerberater gesprochen,” verriet er mir zum Abschied. “Deine Wunschmiete ginge schon in Ordnung. Zur Not, meinte der, könntest Du auch mit Kuchen zahlen. Nur müsste ich den dann als geldwerten Vorteil versteuern,” zwinkerte er mir zu. Was mich grinsen ließ. Da hatte wohl jemand Humor.
Auch wenn ich wusste, wer er war und dass es ihm nicht ums Geld ging. Was mich letztlich bewogen hatte, doch zuzugreifen, weiß ich bis heute nicht so genau. Drei Wochen nach Cedrics Besuch im Café schafften Sammi und ich unsere ersten Habseligkeiten in unser neues Domizil, weitere zweieinhalb Monate später waren wir gänzlich umgezogen. Woraus sich so eine Art Wohngemeinschaft entwickelte. Ich hütete bei Cedric ein, wann immer er nicht da war und kochte für ihn einige Male die Woche mit, was er sich sehr zu schätzen wusste und genoß. Im Gegenzug passte er manches Mal auf Sammi auf, wenn ich nicht konnte, holte sie von der Schule ab, beaufsichtigte ihre Hausaufgaben und übte mit ihr. Was sie in vollen Zügen genoss. Ich glaube, spätestens bei unserem ersten Wiedersehen hatte sie ihn bereits endgültig adoptiert. Als Vater, Bruder, Spielgefährten, was auch immer. Widerstand zwecklos. Und nicht nur sie profitierte von ihm. Auch ich. Weil ich mit Cedric jemanden hatte, mit dem ich reden konnte. Über alles und jeden. Ein unausgesprochener Deal, den ich bis heute nicht bereute.
 
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