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Waffenbrüder Staffel 2 - 14. Schuld (P&A)

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Aramis Athos Captain Treville D'Artagnan Porthos
16.04.2021
16.04.2021
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Hallo, meine lieben Leser – altbekannte und vielleicht neu dazugekommene!

Heute gibt es eine weitere Kurzgeschichte in der Waffenbrüder-Reihe, und zwar zur Folge 2x03 „Angst um den Dauphin“/The good Traitor“. Wie so oft birgt die Folge eine Menge wunderbarer Plotbunnies, aus denen ich mir einen herausgepickt habe. Für die, die die Serie (oder Staffel 2 *zu Mücke rüberzwinkere*) nicht kennen, hier nochmal zur Erinnerung: Ende Staffel 1 hatte Aramis eine einzige, leidenschaftliche Nacht mit Königin Anne. Das Produkt war Ludwig XIV. (so zumindest die Serie – historisch mag das dann doch etwas anders abgelaufen sein ;-), der Thronfolger unseres Louis XIII. Wie schon einmal erläutert wurde der französische Thronfolger zu dieser Zeit mit dem Begriff „Dauphin“ betitelt. Natürlich darf niemals bekannt werden, wer der wahre Vater ist; und außer Aramis und der Königin ist nur Athos eingeweiht.

Trotzdem geht es in dieser Geschichte nur am Rande um den Dauphin – dafür ganz viel um Aramis :-).

Wie immer versuche ich, die Geschehnisse der Folge so zu schildern, dass auch die Nicht-Serienkenner alles verstehen können.

Nun stelle ich mal Croissants und Kaffee und Tee bereit, dazu vielleicht eine Packung Mitleids-Toffifee (die Ihr selbst verzehren oder an Protagonisten verteilen dürft) und wünsche kurzweilige Minuten.

LG

Ann

 

Schuld

13.12.2020


„Was war los, Aramis?“

Athos’ Frage, zwar angespannt, doch ohne jeden Vorwurf, traf Aramis dennoch bis ins Mark und nahm ihm die Luft. Sekundenlang war er nicht in der Lage, zu antworten, starrte nur über den Marktplatz, auf das Chaos von Verletzten, die durch den Pulverdampf wankten, von Menschen, die verzweifelt nach ihren Angehörigen riefen, Musketieren, die umher eilten und zu helfen versuchten, und sein Blick blieb an d’Artagnan hängen, der gerade mit erschütternd starrer Miene die Leiche einer jungen Frau zu drei weiteren auf einen hölzernen Karren hob.

Das alles ist meine Schuld! schoss es ihm durch den Sinn.

Die Nacht mit der Königin...

Der Dauphin...

Wie er jede Erzählung von Constance, die seit einiger Zeit im Dienst der Königin stand, begierig wie ein Verdurstender aufsog...

Wie er Marguerites Vertrauen und ihre unverhohlene Zuneigung zu ihm missbrauchte, das Kindermädchen des Dauphins sogar verführte, nur, um dem Knaben nahe zu sein...

All das hatte ihn abgelenkt, hatte im alles entscheidenden Moment dazu geführt, dass er nicht geschossen hatte, als der Spanier Baltasar genau vor dem Lauf seiner Muskete gewesen war. Alles wäre glimpflich ausgegangen, hätte er dem Plan entsprechend seine Pflicht getan.

Der spanische General Tariq Alaman, ein Maure, war von seinem Land derart enttäuscht, dass er bereit war, eine geheime Formel für ein völlig neuartiges Schießpulver mit verheerender Sprengkraft an Frankreich zu verkaufen. Seine einzige Bedingung war, dass die Franzosen ihm halfen, seine Tochter zu befreien, die sein früherer spanischer Hauptmann Baltasar irgendwo in Paris gefangen hielt und als Druckmittel gegen ihn verwendete. Aus diesem Grund hatten sie Baltasar und seinen Männern auf dem Marktplatz mitten in Paris eine Falle gestellt, indem sie einen fingierten Austausch arrangierten: Die Formel gegen Tariqs Tochter Samara. Der Plan war gewesen, dass Aramis von einer verdeckten, erhöhten Position aus Baltasar unschädlich machen sollte, so dass seine Brüder Samara befreien konnten. Simpel, aber effektiv.

Doch dann war da dieser Säugling gewesen, greinend auf dem Arm seiner Mutter, die gerade, als er hatte schießen wollen, an Baltasar vorbei gegangen war – und er hatte an den Dauphin gedacht... seinen winzigen, perfekten Sohn... der schwerkrank fiebernd im Palast lag – und er hatte einfach nicht schießen können...

„Aramis!“ Athos’ eindringliche Stimme riss ihn aus der quälenden Erinnerung, zwang ihn, zu antworten: „Tariq verdeckte Baltasar. Ich hatte kein freies Schussfeld.“ Das war nicht gelogen... Zumindest war es so gewesen, nachdem er seine Sinne wieder beisammen gehabt hatte, nur wenige Sekunden später. Wenige Sekunden zu spät...

Und das Ergebnis war ein Marktplatz, der sich von einer Sekunde auf die andere in ein Schlachtfeld verwandelt hatte; in eine Todesfalle für etliche unschuldige Bürger. Er hatte seine Brüder in Gefahr gebracht, den Plan zerstört, und Porthos...

Er biss die Zähne zusammen, um nicht gequält aufzustöhnen. Doch das vertrieb nicht das entsetzliche Bild, wie Porthos vom Pfeil einer spanischen Armbrust in den Oberschenkel getroffen in die Knie ging; wie er verletzt trotzdem noch mehrere Gegner ausschaltete, bevor ihn zwei der spanischen Handlanger niederschlugen und wegschleppten.

Mit einem Mal lag Athos’ Hand schwer auf seiner Schulter. „Gib dir nicht die Schuld...“

Aramis wollte schreien, wollte, dass Athos ihm die Faust ins Gesicht schlug, wollte alles, nur nicht dieses unverdiente Verständnis. Doch bevor er irgendetwas sagen konnte, wandte sich Athos ab und ging zu d’Artagnan, der von der großen Anzahl unschuldiger Opfer sichtlich erschüttert dringend Athos’ stummen Trost und Beistand brauchte...

... ihn verdient hatte...

Wenn die beiden um seine Schuld wüssten... Aramis erhob sich leise schwankend und ging. Zurück in die Garnison, um Tréville und später dem erzürnten König Rede und Antwort zu stehen. Um immer wieder die gleiche Halbwahrheit von sich zu geben... Um immer wieder seine Schuld zu verbergen. Denn die Wahrheit konnte – durfte er nicht sagen, weil er damit alle, die er liebte, ins Unglück stürzen würde. Den Dauphin, die Königin, und nicht zuletzt seine Brüder...

 

Am nächsten Tag fanden sie Baltasars Unterschlupf, in dem Samara und Porthos gefangen gehalten wurden. Tariq hatte sich ohne Zögern bereit erklärt, sich ausliefern zu lassen, um eine Spur zu legen, der sie folgen konnten. Er war bereit, alles zu tun, um seine Tochter zu retten.

Nachdem König Louis XIII. über das Blutbad am Tag zuvor mehr als erbost war, hatten sie nun von ihm persönlich den strikten Befehl, behutsam vorzugehen, kein Aufsehen zu erregen. Zum einen, um keinen diplomatischen Eklat mit den Spaniern heraufzubeschwören, zum anderen, um nicht erneut ein Schlachtfeld mitten in Paris zu hinterlassen. Und aus diesem Grund waren ihnen zunächst die Hände gebunden. Sie konnten nur beobachten...

Aramis wartete gemeinsam mit d’Artagnan und Athos verborgen in der Nähe des Hoftores, das zu dem Anwesen führte, in dem nun auch der spanische General festgehalten wurde, und die bange Frage, wie es Porthos ginge, zermürbte ihn.

„Wir sollten das Haus stürmen“, schlug d’Artagnan ungeduldig vor. „Was, wenn sie Porthos nicht mehr brauchen und ihn los werden wollen?“

Er sprach Aramis damit so sehr aus dem Herzen, dass er ihm gerade zustimmen wollte, als Athos gefasst antwortete: „Wir sorgen uns alle um ihn. Aber wir sind Musketiere, d’Artagnan, wir haben eine Pflicht. Und die besteht darin, Tariq und die Schießpulver-Formel für den König sicher zu stellen, in Ordnung?“

D’Artagnan brummte unwillig, erwiderte dann aber mit einem leisen Seufzen: „Ich weiß, dass du recht hast, aber es gefällt mir nicht!“

„Mir auch nicht!“, murmelte Aramis so leise, dass er nicht sicher war, ob seine Brüder ihn gehört hatten. Doch Athos’ Hand, die mit einem Mal mitfühlend auf seine Schulter lag, belehret ihn eines Besseren.

„Wir verlieren ihn nicht!“, erklärte der Ältere fest, und Aramis konnte lediglich nicken. „Tréville wird bald mit der Verstärkung hier sein, und mit dieser Übermacht sollten wir ohne Gefahr das Haus einnehmen können“, fügte Athos, halb an d’Artagnan gewendet hinzu – als sie mit einem Mal Schüsse im Innern des Gebäudes hörten.

Augenblicklich war alle Vorsicht vergessen: Für die drei gab es kein Halten mehr. Der Plan und ihr Bruder waren in Gefahr, und so stürmten sie das Haus. Sie trafen auf mehr Widerstand, als sie erwartet hatten, doch sie kämpften sich verwegen durch die Reihen der spanischen Wächter, die Treppe hinauf - bis sie dem spanischen Botschafter Perales und Hauptmann Baltasar gegenüber standen.

„Halt“, kommandierte Baltasar überheblich, hielt seine Waffe an Tariqs Schläfe – und stoppte so die drei Angreifer erschreckend wirkungsvoll, denn der König brauchte Tariq lebend.

Während Athos verhandelte, sah sich Aramis hastig aus den Augenwinkeln heraus um – und nahm all seine Willenskraft zusammen, um nicht erleichtert aufzuseufzen: Rechts von ihnen stand Porthos. Auf wackligen Beinen, blass wie ein Laken mit einer Schulter an die Wand gelehnt, aber lebend. Die junge maurische Frau, die ihn auf der anderen Seite stützte, musste Tariqs Tochter Samara sein.

„So nehmt euren Musketier und das Mädchen – und verschwindet. Tariq bleibt allerdings hier. Euer König wünscht mit Sicherheit keinen weiteren diplomatischen Zwischenfall“, entschied der Botschafter gerade kalt. Er konnte es sich leisten, weil alle im Raum wussten, dass er recht hatte.

„Wir ziehen uns zurück“, kommandierte Athos, und nur wer ihn sehr gut kannte bemerkte die kalte Wut unter seiner beherrschten Fassade. Er griff nach Samara, die sich sträubte, ihren Vater zu verlassen, während Aramis sich endlich Porthos zuwandte und lediglich heraus brachte: „Komm, stütz dich auf mich!“ Ohne Zögern nahm Porthos das Angebot an und ließ sich in grimmigem Schweigen die Treppe hinab helfen, während d’Artagnan ihnen für alle Fälle den Rücken deckte. Der Botschafter folgte ihnen, ließ Tariq damit in der Gewalt des grausamen Baltasar.

Voller Zorn, weil sie sich wie geprügelte Hunde zurückziehen mussten, sammelten sie sich im Hof, als Tréville endlich mit der Verstärkung eintraf. Während Athos dem Hauptmann von den Ereignissen im Innern berichtete und sie ihr weiteres Vorgehen beratschlagten, setzte Aramis seinen verletzten Freund vorsichtig auf dem Rand eines Brunnens ab und wollte sich Porthos’ Verletzung ansehen. Doch dieser winkte ungeduldig ab, hatte nur Augen für das Haus und für die junge Frau, die verzweifelt Tréville davon zu überzeugen suchte, ihren Vater zu retten. Gerade bemühte er sich, erneut aufzustehen, um zu Samara zu kommen. Nur Aramis’ beherztem Zugreifen war zu verdanken, dass er nicht einknickte, als er das verletzte Bein belastete, und mehr aus Sorge denn aus Wut heraus fuhr Aramis ihn an: „Nun bleib doch sitzen und lass mich einen Blick darauf werfen!“

Voll verletztem Zorn erwiderte Porthos: „Nicht jetzt, verdammt! Du hast ja keine Ahnung!“

Schockiert von dem ungewöhnlich rüden Tonfall, den Porthos ihm gegenüber so noch nie angeschlagen hatte, wich Aramis zurück.

Doch Porthos hatte jedes Recht, wütend auf ihn zu sein – schließlich hatte er ihn auf dem Marktplatz im Stich gelassen.  Und so antwortete er resigniert: „Dann tu, was du willst!“

Und tatsächlich beachtete Porthos ihn nicht weiter, humpelte mit zusammengebissenen Zähnen die wenigen Meter zu Samara hinüber, während Tréville kommandierte: „Angriff!“

Und in dem Moment passierte es: Mit einem ohrenbetäubenden Knall explodierte das Haus, schleuderte die Musketiere, die sich bereits nahe an der Eingangstür befunden hatten, mit brutaler Wucht mehrere Meter durch die Luft und riss die übrigen von den Beinen.

Tariqs Schießpulver...

Sie hatten gesehen, welch verheerende Wirkung selbst eine nur wenige Unzen betragende Menge hatte... Kein Wunder, dass ihr König um jeden Preis der Rezeptur habhaft werden wollte.

Benommen rappelte Aramis sich auf, suchte mit hastigem Blick seine Brüder. Zu seiner immensen Erleichterung schienen alle drei so weit unversehrt. Und während alle schockiert auf das verheerende Bild starrten, kämpfte Porthos darum, die schreiende und um sich schlagende Samara davon abzuhalten, in die brennende Ruine des einstmals stolzen Herrenhauses zu stürzen. Niemand, der sich darin befunden hatte, konnte der gewaltigen Zerstörung entgangen sein – auch nicht ihr Vater...

 

Ihre Gesichter waren von Pulverdampf und Explosionsstaub geschwärzt, ihre Mienen versteinert, als die Musketiere endlich zurück in die Garnison ritten. Wie Aramis geahnt hatte, war von Tariq und Baltasar nichts als verkohlte Leichenteile übrig geblieben. Der Explosionsherd musste sich in ihrer unmittelbaren Nähe befunden haben. Einige ihrer Kameraden waren so schwer verletzt worden, dass sie sie direkt ins Hôpital de la Charité gebracht hatten; die mit leichteren Blessuren waren anschließend mit den vier Unzertrennlichen gemeinsam zur Garnison zurückgekehrt, während Tréville die undankbare Aufgabe übernommen hatte, dem König vom Fehlschlag der Mission zu berichten. Das einzig Positive war, dass durch Tariqs Tod nun wenigstens auch die Spanier nicht in den Besitz des hochgefährlichen Schießpulvers gekommen waren. Der General hatte sich geopfert, um die Formel zu schützen...

Erschöpft und niedergeschlagen stiegen die vier von ihren Pferden, wobei Athos Porthos behilflich war. Gerade entschloss sich Aramis, zu den beiden zu gehen und Porthos noch einmal anzubieten, sich die Verletzung anzusehen, als der nächste Schlag auf sie wartete.

„Tréville...“, raunte d‘Artagnan mit besorgtem Unterton, und die drei anderen wandten sich ebenfalls dem Hauptmann zu. Tréville stand mitten im Hof, hielt ein Schriftstück in den Händen, und seine Miene war nur mühsam beherrscht. Als er die vier mit fragendem Blick auf sich zukommen sah, erklärte er tonlos: „Es ist nicht eure Schuld. Denkt das nicht...“

Inzwischen waren auch die anderen Kameraden aufmerksam geworden und traten zu ihnen heran. Verwirrt über die seltsame Aussage wechselten die Unzertrennlichen besorgte Blicke, bevor Athos argwöhnisch fragte: „Was habt Ihr da?“

„Ein Schreiben vom König“, entgegnete Tréville, sah endlich auf und vervollständigte mit seltsam distanzierter Ruhe: „Ich bin nicht länger euer Hauptmann...“

Zunächst herrschte fassungsloses Schweigen unter den zurückgekehrten Musketieren, doch dann brach heftiger, wütender Tumult aus – den Tréville jedoch augenblicklich unterband, indem er die Hand hob und mit einem Anflug seiner altvertrauten Strenge forderte: „Ihr seid Musketiere des Königs – nicht die meinen! Also benehmt euch auch dementsprechend!“

Die Männer gehorchten – doch wütendes Gemurmel konnte Tréville nicht unterbinden. Er wechselte einen langen Blick mit Athos, bevor dieser tief Luft holte und mit aller Beherrschung, die er aufbringen konnte, nachhakte: „Es ist wegen der fehlgeschlagenen Mission, nicht wahr?“

Tréville zuckte die Schultern, mied jedoch seinen Blick, als er erwiderte: „In den letzten Wochen haben wir uns in den Augen des Königs einen Fehlschlag nach dem anderen geleistet. Dies ist nur der letzte Tropfen...“

„Rochefort...“, unterbrach Porthos ihn wütend, und endlich sah Tréville auf. „Das mag sein, Porthos...“, fing er an, stockte, betrachtete den dunkelhäutigen Musketier genauer und entschied dann: „Aramis: Bringt ihn in sein Quartier und kümmert euch um seine Verletzung!“

„Mir geht es gut!“, grollte Porthos und wollte offenbar noch etwas hinzu fügen, als Aramis ihn kurzerhand am Arm mit sich zog. Der Ruck, den diese plötzliche Bewegung verursachte, ließ Porthos unwillkürlich schmerzerfüllt aufzischen, so dass Athos seine Hand begütigend auf dessen Arm legte und bat: „Geh!“

Mit finster zusammengezogenen Augenbrauen sah Porthos zwischen Athos und Tréville hin und her - und gab schließlich nach. Allerdings entzog er Aramis seinen Arm und humpelte stattdessen aus eigener Kraft vor ihm her zur Treppe.

Aramis’ ungutes Gefühl verstärkte sich: Porthos gab ihm die Schuld an allem, was nach dem Fiasko auf dem Marktplatz geschehen war. Und schließlich hatte er recht damit...

Er schluckte hart – und folgte Porthos dennoch. Allen persönlichen Spannungen zum Trotz brauchte sein Freund gerade jetzt seine Fähigkeiten als Wundarzt, sollte die Verletzung keinen bleibenden Schaden hinterlassen. Auf dem Weg nach oben rief er einem der Kadetten zu: „Besorg mir eine Schüssel heißen Wassers und saubere Tücher von Serge! Bring alles in Monsieur Porthos’ Kammer!“ Der Junge nickte nur und sprang davon.

Schweigend gingen sie in Porthos’ Quartier, wo sich der große Musketier mit einem erleichterten Aufstöhnen auf den Stuhl sinken ließ, das verwundete Bein von sich streckte und erschöpft die Augen schloss.

„Ich hole nur schnell meine Wundausrüstung“, erklärte Aramis, wartete Porthos knappes Nicken ab, bevor er sich in sein benachbartes Zimmer begab und in Windeseile zurück war. Er ließ die Tür einen Spalt offen, trat zu Porthos, kniete neben ihm nieder und legte die zur Versorgung der Verletzung notwendigen Utensilien neben sich auf dem Fußboden bereit. Dann berührte er sacht das Bein ein Stück von der Wunde entfernt und fragte in ruhigem Ton: „Darf ich...?“

„Natürlich“, erwiderte Porthos, ohne die Augen zu öffnen, und fügte mit leisem Sarkasmus hinzu: „Ich vermute, du wirst mir die Hose vom Leib schneiden?“

Wieder schluckte Aramis, dachte an die vielen Male, an denen er Porthos schon auf die ein oder andere Weise entkleidet hatte. Häufig getrieben von Leidenschaft, aber auch schon viel zu oft aus einem ähnlichen Grund wie jetzt. Dann seufzte er nur leise und erwiderte nüchtern: „Es wird sich nicht vermeiden lassen.“

Porthos nickte und verlangte knapp: „Dann fang an!“

„Ich warte noch auf das heiße Wasser und...“, erklärte er gerade, als es von der Tür her rief: „Monsieur Aramis? Soll ich die Sachen rein bringen?“

„Ja, natürlich!“, erwiderte Aramis, sprang auf, um dem Jungen die Tür zu öffnen und ihm dann auf den Tisch weisend zu zeigen, wo er seine Last hinstellen sollte. „Braucht Ihr sonst noch etwas?“, fragte er höflich.

„Nein, das ist im Moment alles“, entgegnete Aramis. „Geh, und hilf Serge bei der Versorgung der anderen Verletzten.“

Der Kadett nickte, verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Andere Verletzte?“, fragte Porthos mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Schau erst nach ihnen – sie brauchen sicher dringender deine Hilfe als ich.“

Doch Aramis schüttelte den Kopf. „Hier in der Garnison bist du der am schwersten Verwundete, mein Freund.“

Porthos stieß einen unartikulierten Laut aus, halb Protest, halb erschöpfte Resignation und schloss wieder die Augen. Aramis nahm dies als Zeichen, dass er beginnen konnte. Er griff nach einer Schere und begann, so behutsam es ihm möglich war, Porthos’ Reithose von unten her aufzuschneiden, bis er sie über der Wunde beiseite schlagen konnte. Dann wusch er das Blut und den Schmutz ab, bevor er die Wundränder mit möglichst kleinen Stichen zusammennähte und anschließend noch einmal mit Alkohol säuberte.

An sich war die Verletzung nicht besonders schwer, Porthos hatte schon Schlimmeres überstanden. Doch dadurch, dass die Wunde seit gestern unbehandelt geblieben war, waren die Ränder bereits ausgefranzt und leicht entzündet; das Nähen musste höllische Schmerzen verursachen, obwohl Aramis seinem Patienten eine ordentliche Portion Branntwein zugestanden hatte und seine geschickten Finger behutsam und zügig arbeiteten. Dennoch gab Porthos außer hier und da einem scharfen Einsaugen der Luft keinen Laut von sich, rührte sich nicht, und Aramis’ Anspannung stieg von Minute zu Minute. Sonst fluchte und schimpfte und jammerte Porthos bei wesentlich unbedeutenderen Wunden – und nun: kein Wort, kein Blick...

Aramis beendete seine Arbeit, und erst jetzt erlaubte er seinen Fingern, leise zu zittern, als er seine Utensilien säuberte und sorgfältig wegpackte. Nach wie vor herrschte eine fast beklemmende Stille.

Als er sich endlich wieder seinem Patienten zuwendete erschrak er unter dem eindringlichen Blick, den Porthos ihm zuwarf. Und sofort drängte alles in ihm, dem Freund seine Schuld einzugestehen, ihn um Verzeihung zu bitten – als er eine Träne in Porthos’ Auge glänzen sah.

„Ist alles in Ordnung?“, hinterfragte er sofort besorgt, doch Porthos wendete sein Gesicht ab und erklärte mit nahezu zornigem Trotz: „Ich weiß, wer ich bin! Ich bin Franzose... Ein Musketier des Königs... Ich... ich gehöre hier her, nach Paris... “ Der viele Alkohol, die Erschöpfung und die Schmerzen, die er haben musste führten dazu, dass seine Stimme etwas verwaschen klang, doch die Qual darin war trotzdem für Aramis unüberhörbar. Und augenblicklich war er wieder an Porthos’ Seite, berührte ihn am Oberarm und verlangte sanft zu wissen: „Wovon redest du, mein Freund?“

Porthos weigerte sich immer noch, ihn anzusehen, doch Aramis kannte ihn viel zu gut, um nicht auch so zu erkennen, dass ihn etwas umtrieb, mit dem er nicht alleine fertig wurde. Und tatsächlich, nach nur einem kurzen Augenblick des Schweigens legte er die Hand über die von Aramis, die immer noch auf seinem Arm ruhte und bekannte leise: „Sie hielten uns gefangen wie...Hunde. Das wenige Essen, das Baltasar Samara und mir brachte, kippte er auf den Boden. Das sei gut genug für... für Leute wie uns...“

Aramis war sich immer noch nicht sicher, wovon sein Freund sprach, doch das Zittern des großen Körpers unter seiner Hand zeugte von der heißen, hilflosen Wut, die Porthos empfand.

„Leute wie...euch?“

Endlich sah Porthos ihn an, und in seinem Blick loderte eine Mischung aus blindem Zorn und tiefer Verletztheit, als er hervor stieß: „Mauren, Aramis... Schwarze!“

Völlig überrascht öffnete Aramis den Mund, wollte verwirrt entgegnen: Du bist doch weder Maure noch schwarz! Doch dann schloss er ihn wieder.

Es kam nicht häufig vor, weil Porthos sich längst einen guten Namen und einen legendären Ruf erworben hatte, doch hin und wieder begegnete er Menschen, die ihn nicht als Ihresgleichen betrachteten, die sich für etwas Besseres hielten, nur, weil Porthos’ Mutter eine Afrikanerin gewesen war, weil seine Haut deshalb eine Spur dunkler, sein Haar schwärzer und lockiger war als das anderer Franzosen. Bisher hatte Aramis immer erlebt, wie Porthos die darauf folgenden Schmähungen und Verunglimpfungen an sich abprallen ließ wie ein Fels, der von Fliegen umschwärmt wird. Selbst in seinen ersten Wochen bei den Musketieren, an dem Abend, an dem sie ihre Freundschaft begründet hatten, als Vijomer ihn in dieser Taverne einen schwarzen Bastard geschimpft hatte, war Porthos ruhig geblieben; Aramis war es gewesen, der den Kameraden verteidigt hatte.

Doch dieses Mal war irgendetwas anders als all die Male davor. Zum ersten Mal trafen Porthos die rassistischen Ressentiments, verletzten ihn auf eine Weise, die Aramis tief ins Herz schnitt. Ohne Nachdenken kniete er vor Porthos nieder, nahm sein Gesicht in beide Hände, suchte seinen Blick und versicherte voll dunkler Leidenschaft: „Du bist mehr wert als zehn Baltasars, als hundert Leute von seiner Sorte, das weißt du, mon Cher? Du bist unser Freund, unser Bruder... Du bist mein Halt und mein Schutz – und wäre Baltasar nicht bereits in tausend Stücke zersprengt, würde ich ihm das Herz aus dem Leib reißen für das, was er dir angetan hat!“

Porthos war seinem Blick nicht ausgewichen, hatte ihm gebannt zugehört, und Aramis’ letzte Worte zauberten tatsächlich ein wenn auch noch so winziges Lächeln um seine Mundwinkel, während er seine Stirn gegen die des Freundes sinken ließ.

Mon Ami“, murmelte er voll Wärme. „Das würdest du tatsächlich tun.“

„Natürlich!“, bekräftigte Aramis und strich über Porthos’ Wange bis in dessen Haar, und Porthos schloss die Augen, gab sich ganz der Berührung hin.

„Es war nicht nur Baltasar“, murmelte er mit einem Mal fast unhörbar, und Aramis’ Bewegung stoppte, als er nachhakte: „Was meinst du damit?“

„Samara“, bekannte Porthos leise, lehnte zugleich seinen Kopf stärker in Aramis’ Berührung, so als könne sie ihn von der Erinnerung befreien.

Aramis war verwirrt. Wie sollte die junge Frau, die selbst maurischer Herkunft war, seinen Freund wegen seiner Abstammung oder Hautfarbe beleidigt haben?

Er schob Porthos sacht ein Stück von sich. „Du solltest dich erst einmal hinlegen“, bat er dann – zum einen, um Zeit zu gewinnen, aber auch, weil Porthos’ Erschöpfung mit Händen greifbar war. Der Freund antwortete zunächst nicht, nickte dann aber und stützte sich schwer auf Aramis, um sich von ihm zum Bett hinüber und aus den Überkleidern heraus helfen zu lassen, ohne das verletzte Bein allzu sehr zu belasten.

Als er endlich lag, bat er leise: „Bleibst du bei mir, `Mis?“

„Natürlich!“, entgegnete dieser sofort, überlegte kurz, doch da Porthos’ Miene nach wie vor angespannt war, setzte er sich auf die Bettkannte und fragte behutsam nach: „Was hat Samara gesagt?“

Porthos atmete einmal tief ein, stieß dann in einem Seufzer die Luft wieder aus, so, als sei er erleichtert, dass Aramis bereit war, diese Bürde mit ihm zu teilen und erklärte dann bereitwillig: „Sie sagte, dass ich nicht hierher gehöre. Dass ich nach Afrika gehen solle, so, wie sie es für sich plant. Dass ich hier in Paris niemals glücklich werden könne, weil ich immer ein verachteter Außenseiter sein würde...“

Aramis schwieg. Dieser Gedanke, aus dem Mund der dunkelhäutigen jungen Frau hatte für Porthos bei weitem mehr Gewicht als jede Hetze eines rassistischen Europäers. Wahrscheinlich war es das, was sie erlebt hatte: Ausgrenzung, Anfeindung, Hass. Doch – war es auch das, was Porthos empfand? Oder was er fürchtete?

Verzweifelt suchte er nach den richtigen Worten, und doch fiel ihm nichts anderes ein als mit einer seltsamen Verletzlichkeit in der Stimme zu fragen: „Bist du denn nicht glücklich hier?“

Porthos sah ihn an, und für einen Moment zeigte seine Miene Verwunderung, bevor sein Blick weich wurde. Seine Hand suchte Aramis‘ Unterarm, hielt ihn, als er bekannte: „Doch, das bin ich, Aramis. Ich gehöre hier her. Zu meinen Brüdern, zu dir. Ich weiß, wie ihr mich seht und dass ihr mich liebt und schätzt, wie ich bin. Dass ihr immer zu mir haltet...“ Seine Stimme wurde leiser, verwaschener, als er zuletzt hinzu fügte: „...selbst gegen solch widerwärtige Scheißkerle wie Baltasar.“

„Ich hätte den Hund erschießen sollen, als ich es konnte...“, murmelte Aramis gedankenlos – und erstarrte.

„Und? Warum hast du nicht?“ Porthos’ Stimme klang schläfrig, wenig interessiert, doch Aramis durchfuhr die Schuld erneut wie eine Messerklinge. Hier war sie, die Gelegenheit, Porthos die Wahrheit zu beichten. Den Grund, warum er seine Freunde in Gefahr gebracht hatte, seine Schwäche.

Aber dann ging ihm auf, dass es unrecht wäre, selbstsüchtig, davon zu sprechen, nur um sein Gewissen zu erleichtern. In diesem Moment war das einzig Wichtige, Porthos beizustehen, ihm das Gefühl von Freundschaft und Liebe und Akzeptanz zu vermitteln.

Und so erwiderte er nach einem kurzen Moment: „Gerade, als ich abdrücken wollte, ging eine Frau mit einem Säugling an ihm vorbei...“

Porthos schwieg, und Aramis’ Anspannung wuchs.

„Du hast richtig gehandelt“, ertönte da Porthos’ Stimme leise, schlafschwer. „Du konntest es nicht riskieren...“

Aramis brummte. Es konnte Zustimmung sein oder auch Skepsis, doch bevor Porthos darauf reagieren konnte bat Aramis sacht: „Schlaf jetzt. Das hilft gegen die Schmerzen.“

„Mhm...“, summte Porthos, und dann vernahm Aramis nur noch tiefe Atemzüge.

Er zog sich den Stuhl neben das Bett, bereit, diese Nacht über Porthos zu wachen. Und während er so Stunde um Stunde da saß, Porthos ruhigen Atemzügen lauschte und hin und wieder sacht über seine Stirn strich und so nach einem Zeichen von Fieber Ausschau hielt, überdachte die Vorfälle der letzten Tage.

Seine Schuld war da, würde nicht von ihm weichen. Doch er würde damit leben – denn sie einem seiner Brüder aufzubürden war der falsche Weg. Er konnte mehr für sie tun, wenn er sich nicht in dieser Schuld ertränkte, sondern nach vorne blickte und mit allem, was er war und konnte, für seine Brüder einstand. Ihr Wohl kam an erster Stelle.

Einer für alle...

 

 

Aus der Folge stammen die Geschehnisse auf dem Marktplatz, die Befreiung von Porthos und Samira und leider tatsächlich auch Trévilles Abberufung als Hauptmann. Ich begann, Louis XIII. immer mehr zu hassen... ;-)

Vor allem aber stammt Baltasars rassistisch-verachtendes Verhalten seinen Gefangenen gegenüber und Samiras Rede an Porthos, er gehöre nicht nach Frankreich, aus der Serie. Am Ende erklärt Porthos der jungen Frau in einem netten Gespräch, dass er in der Garnison zuhause ist – was mir aber zu wenig war ;-).

Die Dialoge in diesen Szenen sind z.T. wörtlich, z.T. sinngemäß aus der Folge.

Nun bin ich sehr gespannt, was Ihr hiervon haltet und freue mich auf einen regen Austausch! Die noch ausstehenden Review-Antworten von letzter Woche werden wie immer selbstverständlich noch nachgeholt *zu Laila und Tina rüberwinke*.

Nächste Woche startet eine etwas längere Geschichte (4 Kapitel + Epilog) zur Folge 2x05  „Adel verpflichtet“. Wenn Ihr wollt, lesen wir uns da wieder. Bis dahin wünsche ich eine gute Woche, lasst Euch nicht unterkriegen und bleibt gesund!

GLG

Ann

 

Fakten:

*das Hopital de la Charité wurde für mich sehr passend im Jahre 1621 eingeweiht und in Betrieb genommen. Ich hielt es für sinnvoller, schwer verwundete Musketiere dort hinzubringen als in die Garnison. Porthos dagegen hat sich mit Sicherheit gewehrt :-)

Fotos:

Athos mit Aramis:

https://ic.pics.livejournal.com/suzie_shooter/11677047/986723/986723_original.jpg

D’Artagnan mit toter Frau:

https://www.pinterest.de/pin/297659856603732848/

General Tariq:

https://www.film-rezensionen.de/wp-content/uploads/2016/05/Musketiere-Staffel-2-Szene-6.jpg

Porthos gefangen und verletzt:

https://images6.fanpop.com/image/photos/39400000/2-03-The-Good-Traitor-Stills-porthos-the-musketeers-39488672-800-533.jpg

https://ic.pics.livejournal.com/suzie_shooter/11677047/989424/989424_original.jpg

Tariq und Samara werden von Perez und Baltasar bedroht:

https://s-cdn.serienjunkies.de/the-musketeers/galerie/2x03/136501.webp?_ga=2.126429453.1845701912.1615747180-1955789749.1615747180

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