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Die grenzenlose Weite

von Wyandra
Kurzbeschreibung
OneshotFantasy / P12 / Gen
16.04.2021
16.04.2021
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10.320
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16.04.2021 10.320
 
Mein Beitrag zum Wettbewerb „für andere unsichtbar“. Viel Spaß beim Lesen!

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into the great wide open
under them skies of blue
out in the great wide open
a rebel without a clue
(Tom Petty & The Heartbreakers)





Wäre sie Einhornpflegerin geworden, wäre so etwas nicht passiert.

Missmutig starrte Lyssa auf die Liste in ihrer Hand. Alle 8743 Namen waren fein säuberlich abgehakt, ganz so, wie es sein musste – alle bis auf Nummer 8699. Hubert Dettmer, 43 Jahre, Immobilienmakler. Der Name sprang ihr so vorwurfsvoll entgegen, dass er genauso gut mit Leuchtfarbe hätte geschrieben sein können und nicht mit einem der schwarzen Kugelschreiber, die das gelangweilte Verwaltungspersonal aus Klasse Vier so gerne benutzte.

Hubert Dettmer, 43 Jahre, Immobilienmakler (nicht besonders erfolgreich). Dass er seine Ehefrau gleichzeitig mit seiner Sekretärin und mit der Kassiererin aus dem McDonald’s neben seinem Büro betrog, stand nicht auf der Liste, aber das war auch nicht nötig. Lyssa musste den Namen nur ansehen, um genau zu wissen, wer Hubert Dettmer war – wie er aussah, was er am liebsten aß, welches Aftershave er benutzte, wie oft er den Müll rausbrachte, und, vor allem, wie oft er seine Frau anlog. An diesem Tag hatte er es ganze elf Male getan. Die Grenze dafür, wann ihm ein nächtlicher Besuch der unangenehmen Art von Lyssa drohte, lag bei sieben oder acht, je nachdem, wie die Entscheidungsträger aus Klasse Eins aufgelegt waren.

Der Job als Traumbringerin war nicht Lyssas erste Wahl gewesen, aber sie hatte gewisse Ansprüche an sich selbst. Dass ihr ein Name durchgerutscht war, war unverzeihlich. Wenn sie sich zu viele solcher Schludrigkeiten leistete, würde sie nie eine Stelle als Einhornpflegerin ergattern.

Immerhin hatte sie ihren Fehler rechtzeitig bemerkt. Obwohl eine Veränderung in der Textur der Nacht erahnen ließ, dass Lyssas Kollegen aus der Tageszeiten-Abteilung den Morgen pünktlich wie immer in die Welt der Menschen entlassen würden, würde sie es noch schaffen, das Versäumte nachzuholen. Hubert Dettmers Wecker würde erst in eineinhalb Stunden klingeln, und Zeit war ohnehin etwas, worüber Wesen wie Lyssa nur müde lächelten. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie sich noch eine Unendlichkeit lang in dieser düsteren Nebenstraße aufhalten können und wäre dennoch nicht zu spät nach Hause zurückgekehrt. Das Problem war, dass sie nicht wollte, nicht in dieser Nacht, nicht in dieser Gegend.

„Trottel“, sagte Lyssa in die Dunkelheit hinein. Sie war sich nicht sicher, ob sie damit Hubert meinte, sich selbst, das Universum im Allgemeinen oder den angetrunkenen jungen Mann, der soeben an dem Hauseingang vorbeitorkelte, in dem Lyssa für ihre Bestandsaufnahme innegehalten hatte.

Der Junge würdigte sie keines Blickes, natürlich nicht. Sie hätte schreien können und er hätte sie nicht bemerkt. Das war der Fluch und Segen ihres Berufs: Sie sah alles, wusste alles, bemerkte alles (nun gut, meistens), aber niemand sah sie. Sie konnte sich vor den Menschen so sehr zum Narren machen, wie sie wollte, niemand würde sich dafür interessieren; nur die Entscheidungsträger aus Klasse Eins würden sie vielleicht irgendwann fragen, wieso sie ihre Schicht mit sinnlosen Blödeleien füllte. Vielleicht. In den letzten Jahren hatte niemand mehr ein wirkliches Interesse an dem gezeigt, was Lyssa während ihrer Dienstzeit trieb. Auch das war Fluch und Segen zugleich.

Es half nichts. Sie konnte keine unvollständige Liste abgeben. Ilami, die für sie zuständige Aufseherin, zeigte zwar noch weniger Interesse an ihrer Arbeit als die Einser, aber sie konnte einfach nicht mit einer unvollständigen Liste zurückkehren. Ein bisschen Stolz hatte sie sich bewahrt.

Der Wind, mit dem sich die Kollegen aus der Wetter-Abteilung schon die ganze Nacht über vergnügten, wurde stärker, als Lyssa aus dem Hauseingang trat. Sie konzentrierte sich ein wenig, und dann spürte sie ihn – Wind, der ihr über die Haut strich, an ihren Haaren zupfte und ihr ein Lächeln ins Gesicht malte. In Momenten wie diesem wünschte sie sich, dass sie Flügel gehabt hätte, doch Flügel waren für die standardisierten humanoiden Körper für Klasse Drei nicht vorgesehen. Das höchste der Gefühle war, dass man sie selbst bestimmen ließ, welche Statur, welche Haarfarbe und welchen Teint sie haben wollen.

Dennoch liebte Lyssa es, den Wind zu spüren, irgendetwas aus der Menschenwelt zu spüren, und manchmal bereute sie es, dass sie sich aktiv darauf besinnen musste. Wenn sie sich nicht konzentrierte, kam es vor, dass sie gedankenverloren durch Mülltonnen, Bäume oder sogar Menschen hindurchging, weil ihr Bewusstsein es gewohnt war, an eine andere Dimension gekoppelt zu sein. Das war eine weitere Nebenwirkung ihres Berufs – und wie jeder wusste, bestimmte dein Beruf dein ganzes Wesen, zumindest wenn man eine Fee war. Für Feen der Klasse Drei, wie Lyssa eine war, bedeutete das, dass sie zwar die Menschenwelt betreten durften, aber nicht auf direkte Weise mit ihr interagieren durften. Arbeit ja; Vergnügen nein.

Der betrunkene Junge war längst um die Ecke verschwunden, als Lyssa sich an ihre Aufgabe erinnerte und widerwillig den Wind Wind sein ließ. So einfach es für sie gewesen wäre, aus dem linearen Fluss der Zeit auszutreten und sich so lange vom Wind liebkosen zu lassen, wie sie wollte – der Teil von ihr, der immer noch fürchtete, von den Einsern für ihre Ineffizienz gerügt zu werden, drängte zum Aufbruch, angespornt durch den anderen Teil von ihr, der sie mit allgemein bekanntem Wissen verängstigte: Für Feen war es gefährlich, sich zu lange in der Menschenwelt aufzuhalten.

Lyssa seufzte, eine Handlung, die sie sich erst neulich von einem übermüdeten Arzt an einer Straßenbahnhaltestelle abgeschaut hatte. Nur noch Hubert Dettmer, 43 Jahre, Immobilienmakler, dann konnte sie sich wieder ungestört in Träumereien verlieren; und um Punkt sechs Uhr menschlicher Zeit würde ihre Kollegin von der Tagesschicht die hoffnungslosen Fälle übernehmen, die tagsüber schliefen.

Als Einhornpflegerin hätte sie sich garantiert nicht gewünscht, ihre Arbeit so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Lyssa schloss die Augen, konzentrierte sich ein wenig mehr, schloss die Augen noch einmal, und als sie sie wieder öffnete, fand sie sich in Hubert Dettmers Schlafzimmer wieder. Die Feen aus Klasse Zwei, die direkt mit Menschen zu tun hatten, benutzten glitzerndes Zauberpulver, um zwischen Orten und Dimensionen hin und her zu wechseln. Natürlich diente es keinem anderen Zweck als dem der Selbstdarstellung, doch es hatte unbestreitbar Stil, und manchmal wünschte sich Lyssa, dass auch ihre Klasse sich derartige Ausschweifungen erlauben dürfte. Ihr selbst blieb nur das gute, alte aus-dem-Nichts-Auftauchen übrig. Nicht dass Hubert sich für den Unterschied interessiert hätte; er schnarchte so laut, dass der Lärm vor Lyssas Augen förmlich physische Gestalt annahm, und ein dünner Faden aus Speichel rann ihm aus dem Mund.

Angewidert blickte Lyssa auf ihn hinab. Im Prinzip mochte sie Menschen, nur bei manchen von ihnen fiel ihr das bedeutend schwerer als bei anderen. Bei Einhörnern hätte sie dieses Problem nicht gehabt. Wenigstens sah seine Frau (Anika, 44 Jahre alt, Apothekerin) sehr sympathisch aus, wie sie dort zusammengerollt auf ihrer Seite des Bettes lag, Ohrstöpsel in den Ohren, die Decke wie einen Schutzzauber um sich geschlungen.

„Dein Mann betrügt dich“, teilte Lyssa ihr mit. Sie griff dabei nicht in Anikas Träume ein – nicht autorisiertes Traumbringen war keine weise Entscheidung, wenn man nach der nächsten Sprosse der Karriereleiter greifen wollte –, aber sie sagte es nachdrücklich genug, dass Anika in ungefähr siebenundzwanzig Minuten mit einem unguten Gefühl aufwachen würde. Wenn sie danach die Ausreden ihres Mannes etwas kritischer hinterfragen sollte, nun, dann war das sicher nicht Lyssas Schuld.

Der Hauptgrund ihres Besuches schnarchte selig weiter, umgeben von Ikea-Kissen, Ikea-Wandfarbe, Ikea-Bilderrahmen mit generischen Ikea-Landschaftsfotografien, einem Ikea-Wäschekorb und einem überdimensionalen Alf-Plüschtier, das von einer Ikea-Kommode aus über das Schlafzimmer wachte. Das Plüschtier war das Deprimierendste an der Szenerie, und plötzlich konnte Lyssa gar nicht schnell genug von diesem Ort fortkommen. Zum Glück musste sie nicht lange über ihr Geschenk an Hubert nachdenken; sie hatte sich bei ihrer Vorbereitung schon überlegt, womit sie ihn bedenken sollte. Sie hatte nur vergessen, es tatsächlich zu tun, was in gewisser Weise schlimmer war, als wenn sie sich zuvor überhaupt keine Gedanken über Huberts Träume gemacht hätte.

Wie gesagt: Bei Einhörnern wäre ihr das nicht passiert. Lag es etwa an ihr, dass kaum noch Bedarf an Einhornpflegern bestand, weil in diesen modernen Zeiten wiederum kaum noch Bedarf an Einhörnern bestand, die leichtgläubige Jungfrauen in Fallen lockten?

„Du träumst, dass du beim McDonald’s mit der Kassiererin flirtest, als plötzlich alle deine Zähne ausfallen, dein Körper zu verfaulen beginnt und alle dich auslachen“, sagte sie hastig. Eigentlich musste sie es nicht aussprechen, damit der Traum seine Wirkung entfaltete, doch sie tat es trotzdem. Banshees und Butzemänner legten ständig eine überzogene Dramatik an den Tag, wieso also sollte Lyssa das nicht auch dürfen? Dass sie die Hoffnung hegte, irgendjemand würde sie eines Tages tatsächlich hören, gab sie sogar sich selbst gegenüber nur widerwillig zu.

Der Einzige, der sie nun zu hören schien, war der Plüsch-Alf. Weil sein lebloses Starren sie irritierte, drehte sie sich von ihm fort und stieß dabei – noch immer gefangen in ihrer Blase der Konzentration, die sie fest in dieser Dimension verankerte – gegen den Wäschekorb; der Wäschekorb wiederum stieß gegen die Kommode, was Alf zum Anlass nahm, um dramatisch langsam hinunterzufallen und dabei Huberts Nachttischlampe umzustoßen.

Hubert hatte nicht so viel Glück wie Anika mit ihren Ohrstöpseln. Mitten im Schnarchen schreckte er hoch, sah sich in der Halbdunkelheit um und richtete dann den Blick genau auf die Stelle, an der Lyssa verharrte.

„Hallo“, sagte sie übertrieben fröhlich.

Er runzelte die Stirn, richtete seine Aufmerksamkeit auf Alf und die Lampe und runzelte die Stirn noch ein wenig mehr.

„Du bist ein egozentrischer Arsch“, ließ Lyssa ihn wissen. Natürlich hätte sie ihn mit einem einfachen Gedanken wieder einschlafen lassen und die Spuren ihres Malheurs beseitigen können, aber dafür war ihr ihre Energie zu schade. Die Verwaltung hatte nicht einmal etwas dagegen, wenn man bei besonders harten Fällen die Albträume durch ein wenig Chaos im Zimmer verstärkte – ein verrückter Bilderrahmen hier, aufgezogene Vorhänge dort; nicht so viel, dass die Menschen an ihrem Verstand zweifelten, aber genug, um ein leichtes Unwohlsein aufkommen zu lassen –, und Hubert würde sich eine Erklärung zurechtlegen, mit der sein kleines, eingeschränktes menschliches Gehirn zurechtkam.

Natürlich sah und hörte er sie nicht. Selbst wenn er aufgestanden wäre und sie angerempelt hätte, hätte er sie nicht bemerkt, denn Berührungen waren noch einmal eine kompliziertere Angelegenheit als andere Empfindungen. Lyssa konnte Menschen zwar anfassen, musste sich dafür jedoch sehr viel mehr konzentrieren als bei Gegenständen und tat es darum nur als Begleitung zu den fiesesten Albträumen.

Ohne auf sie zu achten, setzte Hubert den Alf wieder auf die Kommode, stellte die Lampe auf, ließ sich zurück auf die Matratze fallen und war innerhalb einer Minute eingeschlafen.

„Du bist verabscheuenswert“, sagte Lyssa der guten Ordnung halber zu ihm. Sie griff in die Luft, zog ihren Kugelschreiber hervor, hakte Hubert Dettmers Namen ab, ließ den Kugelschreiber wieder verschwinden, sah ein letztes Mal auf das schlafende noch-Ehepaar hinab und verschwand dann aus dieser Dimension. Die Blicke des Plüsch-Alfs begleiteten sie.

~°~


Die Liste für die nächste Nacht umfasste tausend Namen mehr als beim letzten Mal.

„Vollmond“, sagte Ilami nur, während sie Lyssas abgearbeitete Liste entgegennahm, obwohl Lyssa nicht nach einer Erklärung verlangt hätte. Sie war keine Anfängerin, danke sehr; jeder wusste, dass die Menschen bei Vollmond in der Regel weniger schliefen, aber wenn sie schliefen, hatten sie lebhaftere Träume. Lyssas Aufgabe war es, genau dafür zu sorgen.

Die Zahnfeen holten Milchzähne gegen Bezahlung ab, die Banshees kündigten bevorstehende Tode an, die Butzemänner erschreckten kleine Kinder, und Lyssa brachte Träume. Auf ihre verschiedenen Arten trugen sie alle dazu bei, dass die Welt, wie die Menschen sie kannten, weiter existierte. Irgendjemand musste es schließlich tun. Jeder wusste, dass die Menschen nicht besonders gut darin waren, sich um ihre Welt zu kümmern; und jeder wusste, dass es Glaube war, der die Welt zusammenhielt, wie auch immer man ihn auslegen mochte. Glaub daran, dass die Sonne aufgeht, und sie wird aufgehen. Glaub an Märchen, um dir die Wirklichkeit zu erklären, und glaub an abstrakte Konzepte, um etwas zu haben, das dir Halt gibt.

Für die Menschenwelt musste gesorgt werden – das war das Erste, das Wesen wie Lyssa lernten, sobald sie zum ersten Mal Form annahmen. Sie musste behütet werden, bis ihr Ende kam, das allumfassende Ende, das zugleich ein Anfang wäre, weil die Dimensionen verschmelzen und sowohl Feenwesen als auch Menschen ihre wahren Berufungen erfüllen würden.

Worin genau ihre wahre Berufung bestand, wusste Lyssa nicht, doch sie hatte den vagen Verdacht, dass sie entgegen ihrer Hoffnungen nicht dazu bestimmt war, nach dem Ende der Welt Einhörner zu pflegen. Sie hatte nie nachgefragt; beziehungsweise hatte sie nach den ersten paar hundert Malen aufgegeben, zu fragen, weil ihr ohnehin nie jemand zuhörte, und selbst wenn man ihr zugehört hätte, hätte man ihr keine Antwort gegeben. Die Einser machten sich über fundamentale Regeln und Gesetzmäßigkeiten Gedanken, beschäftigten sich mit Dingen wie Kausalität und Zeit und dem großen Warum. Dreier wie Lyssa hatten zu tun, was ihnen aufgetragen wurde.  

Falls Ilami sich gelegentlich mit ähnlichen Fragen herumschlug, so sah man es ihr nie an. Desinteresse war die einzige Gefühlsregung, die Lyssa jemals an ihr wahrgenommen hatte; auch jetzt, als sie Lyssas bearbeitete Liste sorgfältig abheftete, wirkte sie, als wäre sie am liebsten eingeschlafen, und das, obwohl Feen nicht einmal schliefen. Gerüchte besagten, dass Ilami einmal eine Drei oder sogar eine Zwei gewesen war, dass sie als Drachenhüterin oder vielleicht auch als Schlossgespenst gearbeitet hatte – und dass sie einen Unfall verursacht hatte, der vertuscht werden musste und der den Einsern jede Menge Probleme verursacht hatte. Die Gerüchte besagten weiter, dass Ilami deshalb degradiert worden war und nun als warnendes Beispiel für die ambitionierten jungen Dreier diente. Als Vier war sie für eintönige Verwaltungsaufgaben zuständig, diente als Sprachrohr der Einser und fand das alles offensichtlich ätzend, um ein Wort zu benutzen, das Lyssa in der vorherigen Woche in der Menschenwelt aufgeschnappt hatte.

„Ich hatte heute seit Langem mal wieder einen kleinen Zwischenfall“, meinte sie im Plauderton, um Ilami ein wenig aufzumuntern.

„Hm.“

„Hab versehentlich was umgeworfen. Ist mir schon ewig nicht mehr passiert. Aber der Kerl hatte es verdient.“

„Hm.“

„Rückblickend betrachtet war es eigentlich ganz lustig.“

„Hm.“

Lyssa wartete ein wenig, doch als Ilamis einzige Reaktion darin bestand, ein paar weitere Listen auf ihrem Schreibtisch zu sortieren, gab sie es auf. Ilami hatte sich seit Jahrhunderten nicht mehr für das interessiert, was jenseits ihres kleinen Schalters vor sich ging; sie hatte sich noch nie die Mühe gemacht, Lyssa anzusehen, und sie würde diesmal nicht damit beginnen.

~°~


Womit verbringen Feen ihre Freizeit?

Keiner der Menschen, die Lyssa besucht hatte, hatte sich je diese Frage gestellt. Hätten sie es getan, wären sie von der Antwort vermutlich enttäuscht gewesen: Feen verbrachten ihre Freizeit damit, ihre nächsten Schichten vorzubereiten, und sie verbrachten sie liebend gerne mit Tratsch und Klatsch.

„Ich hab schon ewig nichts mehr von Ori gehört“, sagte Damian. „Es gibt Gerüchte, dass er ...“ Er macht eine bedeutungsvolle Pause, in der sich seine Zuhörerschaft in verschiedenen Stadien der Ungeduld näher zu ihm lehnte. „... dass er verblasst ist.“

Schockierte Mienen folgten dieser Spekulation. „Wirklich?“, fragte Tanya. Als antikes Grabgespenst hätte sie sich eigentlich mit Schrecken jeder Art auskennen sollen, doch selbst sie blickte angespannt drein.

Verblassen … Es war der Albtraum einer jeden Fee, oder es wäre zumindest ein Albtraum gewesen, wenn Feen geschlafen und geträumt hätten. Die Sache war die: Obwohl die Menschenwelt auf Feen angewiesen war, waren Feen nicht dafür gemacht, zu viel Zeit in ihr zu verbringen. Kehrten sie zu lange nicht in ihre eigene Dimension zurück – den Ort, an dem Raum und Zeit keine Bedeutung hatten und Gedanken physische Form annahmen –, dann vergaßen sie irgendwann, wer sie eigentlich waren. Sie verloren ihre Fähigkeiten, sie verloren den Grund ihrer Existenz, sie wurden, um es brutal auszudrücken, wie Menschen. Und wer wollte so etwas schon?

Menschen waren so einfache Wesen, zumindest wurde das immer und immer wieder behauptet. Freiwillig zu einem von ihnen zu werden, war undenkbar. Sicher, es gab Geflüster über Feen, die gegangen waren, die die Feenwelt aus eigenem Willen verlassen hatten, aber bestätigt wurde all das nie. So etwas kam nicht vor, behaupteten die Einser, und mit den Einsern diskutierte man nicht, also blieb es bei Gerüchten.

„Vielleicht wurde er einfach nur aufgehalten“, wandte Chija (Klasse Vier, zuständig dafür, die von den Zahnfeen eingesammelten Zähne zu verwahren) ein. „Oder die Einser haben ihn auf eine geheime Mission geschickt. Oder er wurde befördert. Oder –“

„Oder er ist verblasst“, schnitt Damian ihm das Wort ab, nicht gewillt, sich seinen Moment der Aufmerksamkeit kaputtmachen zu lassen.

Damian war das, was die Menschen als angesagt bezeichneten, oder zumindest hielt er sich dafür, und es funktionierte: So gut wie alle Feen in Lyssas Bekanntenkreis hätten sich für eine Beförderung übergehen lassen, um Damians Interesse zu erwecken. Chija und Lyssa waren die einzigen Ausnahmen; Chija, weil es nicht viel für Dinge übrighatte, die nicht klein, weiß und zahnförmig waren, und Lyssa, weil Damian sie zu sehr an Leute wie Hubert Dettmer erinnerte und sie außerdem nicht verstand, was so toll an Geistern war. Wenn man es genau nahm, waren sie doch auch nur bessere Nebelwolken.

„Ich habe Ori eigentlich auch schon ewig nicht mehr gesehen“, sagte sie dennoch, um sich zumindest ein wenig am Gespräch zu beteiligen.

Niemand achtete auf sie. „Wenn Ori nicht mehr auftaucht, dann wird ja eine Stelle bei den Zweiern frei“, sagte Tanya hoffnungsvoll und warf sich einen Zipfel ihres Leichengewands über die Schulter.

„Wer will denn schon eine Zwei sein?“, murmelte Chija. Als vielleicht einzige Fee überhaupt strebte es nicht nach einer Beförderung, aber auch das reichte nicht aus, dass es Lyssa ansah, als sie ihm beipflichtete: „Genau. Als Zwei kann man sich nicht um Einhörner kümmern.“

Auch diesmal achtete niemand auf sie, und das, obwohl sie sogar mit einem „Einhörner sind uncool“ zufrieden gewesen wäre. Alles war besser, als ignoriert zu werden; doch die traurige Wahrheit bestand darin, dass Lyssa offenbar nicht interessant genug war, um in Gespräche einbezogen zu werden. Diese Gespräche stellten meistens die einzige Abwechslung dar, die die Feenwelt zu bieten hatte. Eine andere Antwort auf die Frage nach den Feen und ihrer Freizeit wäre nämlich gewesen: Feen langweilen sich. Sie bereiteten die Arbeit für ihre nächste Schicht vor, sie sehnten sich nach Beförderungen, sie versuchten, sich vor anderen zu profilieren, und sie langweilten sich.

Die Feenwelt war nicht wie die Welt der Menschen mit ihren festen Strukturen. In der Feenwelt hatte kaum etwas Gültigkeit, sie bot unendlich viele Möglichkeiten, und genau darin bestand das Problem. Es gab so vieles, das man theoretisch tun könnte, dass man meistens gar nicht wusste, wo man anfangen sollte, und am Ende doch nur tatenlos vor sich hin existierte.

Viele Feen zogen es vor, ihre Freizeit in nicht-körperlichem Zustand zu verbringen, als losgelöstes Bewusstsein, das sich mal hierhin, mal dorthin treiben ließ. Für alle anderen gab es genügend Orte, an denen sie in ihrer körperlichen Form herumlungern konnten.

Die Bar, in der Lyssas Gruppe sich regelmäßig nach getaner Arbeit versammelte, war einer von Lyssas bevorzugten Aufenthaltsorten, seitdem man ihr gedroht hatte, sie zur Vier zu degradieren, wenn sie sich noch öfter auf den Einhornfarmen blicken ließ. Sie ahmte ein illustres Establishment der Art nach, wie sie in reicheren Menschenstädten zuhauf zu finden waren, nur dass es hier kein Essen und kein Trinken und keine kaum bekleideten jungen Frauen gab, die für Unterhaltung sorgten. Dafür hatte irgendjemand eine Diskokugel heraufbeschworen, die einsam unter der Decke schwebte und Damian mit bunten Lichtflecken besprenkelte.

„Du bist doch nur neidisch“, sagte er, was ungefähr das Sinnloseste war, das man über Chija behaupten konnte. Tanya pflichtete ihm dennoch enthusiastisch bei. „Genau! Du willst uns allen weismachen, dass Zähne so großartig sind, wo doch jeder weiß, wie eklig sie sind! Du willst uns alle nur täuschen!“

„Ich hatte heute einen Zwischenfall auf der Arbeit“, sagte Lyssa, bevor die Diskussion ausarten konnte. Es schadete nicht, es noch einmal mit ihrer Geschichte zu versuchen. Wenn sie sie nur oft genug erzählte, hörte irgendwann vielleicht sogar jemand zu.

„Weil es ja so viel besser ist, als Wolke durch die Gegend zu schweben und ab und an Bu-Huuu zu rufen“, stichelte Chija.

Über ihren Köpfen löste sich die Diskokugel in Nichts auf. Lyssa gab auf. Irgendwann würde ihre Zeit kommen.

Sie zog ihre Liste für die nächste Schicht aus der Luft, lehnte sich in ihren Stuhl zurück und begann zu überlegen, womit sie die 9801 Menschen in der nächsten Nacht beglücken würde. Um sie herum entwickelte sich eine hitzige Debatte zwischen Chija auf der einen und Tanya und Damian auf der anderen Seite, doch die Worte spülten wirkungslos über sie hinweg. Es war egal. Es war alles wie immer. Es machte keinen Unterschied. Keiner der anderen hatte sich jemals die Mühe gemacht, Lyssa mehr als unbedingt nötig anzusehen, und sie würden diesmal nicht damit beginnen. Es war in Ordnung.

~°~


Reiterhöfe waren die Einhornfarmen der Menschenwelt, und Pferde waren im Grunde nur verkleidete Einhörner. Manchmal fragte Lyssa sich, ob Pferde nicht sogar das bessere Los gezogen hatten. Sicher, ihnen fehlten magische Fähigkeiten und sie mussten sich bisweilen mit ahnungslosen Menschen herumschlagen, aber soweit sie wusste, hatte es bislang kein Pferd geschafft, sich beim Umdrehen versehentlich mit dem eigenen Kopf aufzuspießen. Bei Einhörnern kam so etwas durchaus vor.

Rosa Nagats Reiterhof, gelegen in einem ruhigen Vorort, der gerade noch in ihren Zuständigkeitsbereich fiel, war einer von Lyssas liebsten Orten in der Menschenwelt. Meistens waren ihre Besuche positiver Art. Rosa war ein durch und durch fröhlicher Mensch, immer mitfühlend, immer auf die Bedürfnisse aller Lebewesen in ihrem Umfeld achtend, und sie tat selten etwas, das einen Albtraum rechtfertigte. An diesem Tag hatte sie einem kleinen Jungen aus einer Flüchtlingsfamilie eine kostenlose Zehnerkarte für Reitstunden geschenkt und außerdem einen ebenso renitenten wie groben Freizeitreiter in seine Schranken verwiesen, und damit hatte sie sich einen angenehmen Traum verdient.

„Du hast so ein Glück“, sagte Lyssa zu ihr, nachdem sie ihr einen Traum über Ausritte am Strand und eine erfolgreiche Fohlenzucht beschert hatte. „Du kannst den ganzen Tag tun, was du liebst, du hast nie Zweifel, ob das, was du tust, das Richtige für dich ist, und jeder mag dich. Und du hast Pferde.“

Rosa lächelte im Schlaf und obwohl Lyssa wusste, dass das in keiner Weise mit ihren Worten zu tun hatte, lächelte sie zurück. Sie blieb noch ein wenig in Rosas unordentlichem Schlafzimmer, betrachtete die von Reitschülern gemalten Bilder an den Wänden und beobachtete, wie Rosas Partnerin im Schlaf einen Arm um Rosa schlang, bevor sie sich nach draußen transportierte. Die Nacht war warm und zur Abwechslung einmal windstill und Rosas Pferde standen auf den Paddocks vor ihren Boxen. Wann immer Lyssa hier war, nahm sie sich ein wenig Zeit dafür, zu den Pferden zu gehen. Keines von ihnen zuckte auch nur mit den Ohren, als sie an die Paddocks trat. Anfangs hatte sie gehofft, dass zumindest Pferde, die als sehr sensible Tiere galten, sie wahrnehmen würden, aber auch in dieser Hinsicht war sie enttäuscht worden. Entweder spürten die Pferde Lyssa wirklich nicht, oder sie taten es zwar, interessierten sich jedoch nicht im Geringsten für sie. Lyssa war sich nicht sicher, welche der beiden Möglichkeiten deprimierender war.

Ab und an kam ihr die unausgegorene Idee, die Tiere zu streicheln, doch bislang hatte sie sich jedes Mal zusammengerissen. Auch diesmal zwang sie sich, nicht die Hand nach dem nächsten Pferd – eine große, mürrische Fuchsstute namens Tschuna – auszustrecken. Obwohl sie, sehr zu ihrem Missfallen, noch nie viel mit Pferden zu tun gehabt hatte, konnte sie sich denken, dass es ihnen sehr suspekt vorgekommen wäre, von jemandem getätschelt zu werden, den sie nicht sahen.

Tschuna döste vor sich hin, der Rappwallach im Paddock neben ihr zupfte an einem Heunetz herum, irgendwo hinter dem Stall rauften zwei Katzen lautstark miteinander und Lyssa wünschte sich, ewig in diesem Moment zu verharren. Wenn sie einfach aufhörte, ihre Listen abzuarbeiten, wenn sie nicht in die Feenwelt zurückkehrte, wenn sie alles aufgab, was sie je gekannt hatte, dann ... dann ... Sie verbot sich, diesen Gedanken zu Ende zu führen. Feen, die so dachten, wurden niemals Einhornpfleger.  

„Du hast auch Glück“, ließ sie Tschuna wissen. Die Stute döste ungerührt weiter, nicht belastet durch Existenzkrisen oder Zukunftsängste, und Lyssa wandte sich mit einem Seufzen ab. Die 214 übrigen Menschen auf ihrer Liste warteten.

~°~


„Du kennst dich doch mit Verwaltungskram und so was aus.“

„Hm.“

Ilami sah nicht hoch, aber Lyssa ließ sich nicht beirren. „Wenn ich noch mal eine Initiativbewerbung an die Einhornfarmen schicke ... Was glaubst du, wie hoch sind die Chancen, dass die mich doch noch nehmen?“

Ilami gab ein Geräusch von sich, das fast ein Prusten war, allerdings nur fast. Lyssa war kurz davor, ihr den Kugelschreiber wegzunehmen und an den Kopf zu werfen, um wenigstens irgendeine Reaktion zu erhalten. Selbst ein Prusten wäre besser gewesen als die ewige Gleichgültigkeit. War sie selbst auch so desinteressiert gewesen, als sie noch eine Vier gewesen war? Sie wollte gerne glauben, dass die Antwort Nein lautete.

„Der war gut“, sagte Ilami, ohne eine Miene zu verziehen.

Lyssa gab auf.

~°~


Diesmal machte sie sich nicht die Mühe, zu den anderen in die Bar zu gehen. Eine düstere Vorahnung verriet ihr, dass sich das Gespräch um Damians und Tanyas Karrierepläne drehen würde und darum, wie viel besser Klasse Zwei war, und darauf konnte sie verzichten. Sie wolle sich einfach nur in Ruhe in eines der magischen Waldgebiete der Kobolde zurückziehen, sich auf die nächste Schicht vorbereiten und an Einhörner denken.

Dieser Plan funktionierte genau so lange, bis sie auf Seite vier der neuen Liste ankam. Ein unbekannter Name war hinzugekommen. Tess Miller. Das war erst einmal nichts Ungewöhnliches, immerhin zogen ständig neue Menschen in Lyssas Zuständigkeitsbereich; doch sobald Lyssa diesen auf den ersten Blick so gewöhnlichen Namen ansah, fühlte sie sich, als sei sie mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wand gerannt.

Sie wusste nichts über Tess Miller. Nichts. Rein gar nichts. Weder was für eine Person sie war noch woher sie kam noch was sie getan hatte, um einen Besuch durch Lyssa zu rechtfertigen. Alle bisherigen Routinen, alle Fähigkeiten und Talente versagten angesichts dieser wenigen Buchstaben. Tess Miller war wie ein unbeschriebenes Blatt, als hätte jemand alles ausradiert, was sich zu wissen lohnte, als blockierte jemand Lyssas Sinne.

Sie starrte auf den Namen. Sie starrte ein wenig mehr auf den Namen. Sie starrte zwei Kobolden hinterher, die in einer wilden Verfolgungsjagd an ihr vorbeihetzten, und dann schloss sie die Augen, konzentrierte sich mit all ihren Sinnen und öffnete sie wieder.

Sie wusste immer noch nichts über Tess Miller.

In Ordnung. Den Einsern war ein Fehler passiert. So etwas kam vor. Dass es zum allerersten Mal ausgerechnet bei Lyssa vorkam, war ihr ganz persönliches Glück. Sie wusste also nichts über eine Person auf ihrer Liste. Das war, wie die Menschen es ausgedrückt hätten, kein Weltuntergang. Fehler konnten behoben werden. Und dennoch ... Irgendetwas fühlte sich sehr seltsam an.

~°~


„Ilami, mit der Liste stimmt was nicht.“

„Hm?“

Hartnäckig wedelte Lyssa mit der Liste vor Ilamis Gesicht herum. Tess Millers Name, mehrfach mit Leuchtfarben markiert, schien sie auszulachen. „Dieser Name hier. Ich sehe nicht, wer die Person ist. Ich weiß nichts über sie. Da muss ein Fehler passiert sein.“

„Hm.“

„Ich kann so nicht arbeiten, Ilami!“

Ilami legte eine Akte beiseite und für einen Moment dachte Lyssa, dass sie tatsächlich aufschauen würde, doch dann griff sie nur nach der nächsten Akte. Immerhin ließ sie sich diesmal zu einer ausführlicheren Antwort herab. „Schätzchen, ich habe gerade wirklich andere Probleme. Ein paar der Zahnfeen haben ihre Kundenkarteien vertauscht und die Werwölfe streiken mal wieder, also wieso bringst du dieser Person nicht einfach irgendeinen Standardtraum und wir kümmern uns ein anderes Mal darum, ja?“

Lyssa kratzte die letzten Reste ihrer Selbstbeherrschung zusammen, verfluchte die Tatsache, dass es hier anders als in der Menschenwelt keine Türen gab, die man hinter sich zuknallen konnte, und verschwand ins Nichts. Nicht angesehen zu werden, war eine Sache. Nicht angesehen zu werden und dabei auch noch „Schätzchen“ genannt zu werden, war viel schlimmer.

~°~


Vielleicht stellte sie sich zu sehr an. Vielleicht hängte sie sich zu sehr an Kleinigkeiten auf. Vielleicht hatte Ilami recht und sie verschwendete nur die Zeit ihrer Kollegen. Vielleicht war es das Beste, niemanden mehr mit ihren banalen Anliegen zu belästigen und die nächste Schicht einfach auf sich zukommen zu lassen.

Genau das tat Lyssa letztendlich. Sie hatte nicht viel mit anderen Traumbringern zu tun und aus ihrer üblichen Gruppe hätte vermutlich niemand eine Erklärung parat gehabt, wieso hätte sie auch noch ihre eigene Energie verschwenden sollen? Am einfachsten war es, ihren Job zu erledigen und dabei nicht zu viele Fragen zu stellen. Dennoch verlangte es ihr alles an Willensstärke ab, Tess Miller nicht entgegen der Bearbeitungsreihenfolge ihrer Liste gleich zu Beginn der Schicht aufzusuchen, und je näher sie dem mysteriösen Namen kam, desto nervöser wurde sie.

Endlich, nach 304 ereignislosen Traumlieferungen, stand sie vor dem Mietshaus im Zentrum der Stadt, in dem Tess Miller wohnte. Mit Bedacht hatte Lyssa sich nicht direkt in Tess‘ Schlafzimmer transportiert, sondern auf den Parkplatz neben dem Haus, um aus der Gegend vielleicht schon einmal Rückschlüsse auf ihre mysteriöse neue Kundin ziehen zu können. Es gelang ihr nur eingeschränkt. Welche großartigen Erkenntnisse gaben einem schon parkende Autos, Straßenlaternen und Thujahecken? Nicht einmal der Balkon im zweiten Stock, der zu Tess‘ Wohnung gehören musste, bot ihr irgendeinen Anhaltspunkt; das Auffälligste an ihm war der rundum ums Geländer gewickelte, verblasste und sehr geschmacklose Sichtschutz, der, wie Lyssas Instinkte ihr verrieten, noch vom Vormieter stammte.

In Ordnung. Es war an der Zeit. Immerhin hatte sie sich lange genug etwas Abwechslung in ihrem Job gewünscht ... Sie umklammerte ihre Liste wie einen Schild, schloss die Augen und fand sich im nächsten Moment in Tess Millers Schlafzimmer wieder.

Poster an den Wänden. Das war das Erste, was Lyssa auffiel. Fast jeder Quadratzentimeter war mit Postern beklebt worden; Darth Vader blickte ihr von einer Wand entgegen, Spock von der zweiten und Aragorn von der dritten, und Lyssa war sofort erschlagen von der chaotischen Farbenpracht, die sich dadurch im Raum entfaltete.

„Meine Güte“, murmelte sie, einfach weil sie irgendetwas sagen musste, um ihre Gedanken in eine logische Form zu zwängen.

Der Rest des Zimmers war minimal konventioneller. Ein Kleiderschrank, ebenfalls mit Postern tapeziert, ein Heimtrainer-Fahrrad, das nicht danach aussah, als hätte es in den vergangenen Monaten einem anderen Zweck als dem der Kleiderablage gedient, eine vertrocknete Pflanze, die auf der Fensterbank vor sich hin starb ... Und in der Mitte des Raumes ein Bett, das viel zu groß wirkte für die schmale Gestalt, die sich dort unter einem Berg an Decken zusammengrollt hatte.

Tess Miller hatte kurze Haare. Das war das Einzige, was Lyssa mit Bestimmtheit über sie sagen konnte, denn noch immer blockierte irgendetwas ihre Wahrnehmung. Sie hatte kurze Haare und auf dem winzigen Teil ihres Schafanzugs, der unter dem Deckenberg hervorlugte, waren Raumschiffe aufgedruckt, und sie schlief tief und fest – zumindest so lange, bis Lyssa näher an ihr Bett herantrat und mit einer Mischung aus Neugierde und Hilflosigkeit auf sie hinab starrte.

Tess Miller setzte sich so ruckartig auf, dass Lyssa erschrocken zurückwich, bis sie direkt durch die Türen des Kleiderschranks hindurchging. Sie zwang sich, die Fassung zu bewahren, trat wieder aus dem Schrank hervor und blieb bewegungslos stehen. Es bestand kein Grund zur Sorge. Tess konnte sie nicht sehen; sie würde sich vielleicht kurz wundern, wieso sie wach geworden war – den Grund dafür verstand Lyssa selbst nicht; sie hatte nichts getan, um ihre Anwesenheit zu verraten –, und dann würde sie sich wieder hinlegen und weiterschlafen.

Unbeeindruckt von Lyssas innerem Monolog schaltete Tess Miller die Nachttischlampe ein. Immer noch kein Grund zur Sorge, beruhigte Lyssa sich selbst; niemand konnte sie sehen, auch diese junge Frau nicht, auch nicht, wenn sie Lyssa direkt in die Augen blickte, sich ein wenig nach vorne beugte und – und –

„Traumbringerin, oder?“, fragte sie.

~°~


Im ersten Moment fragte Lyssa sich, ob sie nicht selbst träumte. Vielleicht erlaubte sich das Universum einen Scherz mit ihr oder die Einser wollten ihr eine Lektion wegen ihrer mangelnden Motivation erteilen oder einer ihrer Kollegen spielte ihr einen Streich. Während sie gedanklich noch die verschiedenen Möglichkeiten auslotete, platzte ganz von selbst die nicht sehr intelligente Gegenfrage aus ihr heraus: „Du ... du kannst mich sehen?“

„Mhm.“ Tess Miller zog die Beine an, bis sie im Schneidersitz auf dem Bett saß. Sie musste eine Kollegin im Inkognito-Modus sein, das war die einzige Erklärung. Kein Mensch wäre je so gelassen gewesen, wenn plötzlich ein übernatürliches Wesen in seinem Schlafzimmer auftauchte.

Und trotzdem ... irgendetwas fühlte sich komischer denn je an und legte nahe, dass die Antwort nicht ganz so einfach war; und das bewog Lyssa dazu, hinzuzusetzen: „Aber ... aber für alle anderen bin ich unsichtbar. Immer!

Tess ging nicht darauf ein. „Ich fand das Traumbringen immer interessant, so als Job“, sagte sie. Ihre Augen nahmen einen abwesenden Ausdruck an, als erinnerte sie sich an etwas, das in einem anderen Leben geschehen war. „Da kann man immerhin noch ein bisschen kreativ sein. Die Arbeit als Zahnfee zum Beispiel stelle ich mir ziemlich stumpfsinnig vor. Und stell dir vor, du bist ein Grabwicht – den ganzen Tag lang nur in modrigen Grüften herumhängen, wo sich doch heutzutage kaum noch wer für alte Grabstätten interessiert. Da hätte ich Angst, dass ich irgendwann wegrationalisiert werde. “

Ihr ruhiges Selbstbewusstsein ließ nur den einen, endgültigen Rückschluss zu. „Du bist eine von uns.“ Es war eine Feststellung, keine Frage; Lyssa sprach es mit hundertprozentiger Sicherheit aus, obwohl sie noch immer nichts über Tess wusste.

„Nee.“

Situationen wie diese wurden in den Einweisungen für neue Traumbringer nicht besprochen. Niemand kann euch sehen. Das war die allgemeingültige Regel, unter deren Schutzschirm alle Traumbringer operierten. Sie nun so unverblümt auf den Kopf gestellt zu sehen, war beinahe mehr, als Lyssa verarbeiten konnte. Ihr fiel keine Erwiderung ein, keine spitzfindige Bemerkung und kein nonchalanter Kommentar, also tat sie das Einzige, was ihr übrigblieb: Sie starrte Tess, dieses mysteriöse, so gelassene Wesen, einfach nur an, bis Tess die Augen verdrehte. „Wäre ich dann etwa hier?“

Lyssa war sekündlich verwirrter. Tess konnte kein Mensch sein, aber sie war auch keine Kollegin – was blieb dann noch? „Aber ... aber du weißt über Leute wie mich Bescheid. Und du kannst mich sehen.“

„Ich bin keine von euch. Ich war es mal“, sagte Tess, als hielt sie es für das Selbstverständlichste überhaupt, Themen von solch weltumspannender Bedeutung nachts in einem unaufgeräumten Schlafzimmer mit einer Fremden zu besprechen.

„Du ... du warst mal eine von uns.“ Lyssa war egal, dass sie immer noch keinen übermäßig intelligenten Eindruck erweckte. Tess kam ihr nicht wie jemand vor, der sich gerne über andere lustig machte.

„Jup. Banshee.“ Sie strich mit dem Finger über eines der Raumschiffe auf ihrem Schlafanzugärmel. „War die perfekte Vorbereitung für die Karriere als Opernsängerin, die ich mir gerade aufbaue.“

„Du warst mal eine Banshee.“

„Jup.“

„Und du bist ... verblasst?“

Tess runzelte die Stirn. Wie sie dort auf der Matratze saß, mit zerzausten Haaren und in ihrem Raumschiffschlafanzug, sah sie nicht aus wie ein ehemaliges übernatürliches Wesen, sondern einfach nur wie ein Mensch. Ein etwas seltsamer Mensch, aber durch und durch ein Mensch.

„Das Wort hab ich nie gemocht. Verblassen. Ich meine, was soll das schon bedeuten? Ich bin einfach nur ausgestiegen. Hab einen anderen Karriereweg eingeschlagen. Na gut, ich hab meine magischen Fähigkeiten und die quasi-Unsterblichkeit aufgegeben, aber wenn du mich fragst, war das kein großer Verlust, wenn man sich die Kosten-Nutzen-Rechnung anschaut. Als Mensch zu leben, ist einfach viel interessanter.“

Zum ersten Mal in ihrer Existenz verstand Lyssa, was die menschliche Äußerung „Ich glaube, ich muss mich setzen“ bedeutete, und in dem Wissen, dass die Situation nicht unbeholfener als ohnehin schon werden konnte, nahm sie all ihre verbliebene Konzentration zusammen und ließ sich auf Tess‘ Bettkante nieder. Höflich rutschte Tess ein Stück nach hinten. „Ich würd dir ja ein Glas Wasser anbieten, aber Essen und Trinken sind auch Dinge, die dir als Fee entgehen.“ Sie wartete ein wenig, und als Lyssa nichts erwiderte, fragte sie: „Verrätst du mir deinen Namen?“

„Lyssa“, murmelte sie automatisch und war froh, dass sie sich damals einen so schlichten Namen ausgesucht hatte und keinen der pompösen, lächerlichen Namen wie Serafina oder Anastasia, die bei manchen ihrer Kollegen in Mode waren.

„Lyssa. Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Tess, aber das weißt du ja schon.“

Stille schlich sich in den Raum, unterbrochen nur von Tess‘ Atemzügen und dem aus dem Nebenraum dringenden Ticken einer Uhr. Wenn man nicht gerade so überrumpelt war, dass man kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, war das hier kein schlechter Ort, um ein neues Leben zu beginnen, nahm Lyssa an.

„Ich ... ich habe nicht gewusst, dass es so einfach ist“, sagte sie stockend. „Dass man einfach aufhören kann und dann als Mensch weiterlebt.“

Tess zuckte mit den Schultern. „Als einfach würd ich es jetzt nicht bezeichnen. Die Umstellung ist schon heftig. Für mich war’s das Richtige, aber das geht sicher nicht jedem so. Und ich als jemand, der von vornherein in einem Körper unterwegs war, der einem Menschenkörper ähnelt, hatte es sowieso leichter als andere Kollegen.“

Es war alles immer noch zu viel und zu schnell und Lyssa blieb nichts anderes übrig, als sich an alte Grundsätze zu klammern. „Niemand spricht wirklich jemals über die, die ... ausgestiegen sind. Niemand weiß genau, wie das ... funktioniert.“

Wieder ein Schulterzucken. „Na, ist doch klar. Sie wollen nicht, dass zu viele abspringen. Die Leute, die es tun, werden einfach aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht – aus den Augen, aus dem Sinn. Die Einser haben Besseres zu tun, als verlorenen Schäfchen nachzurennen, aber sie wollen natürlich auch niemanden ermutigen. Ist immer schlecht, wenn sich zu viele von uns zu sehr in die Menschenwelt einmischen. Ein paar der Leute, die ungefähr um dieselbe Zeit herum wie ich ausgestiegen sind, machen gerade Karriere als Verschwörungstheoretiker, und in den Sechzigern haben ein paar ehemalige Vampire die Hippie-Bewegung ins Leben gerufen. Solange es nicht arg viel wilder wird als das, lassen die Einser einem das durchgehen. Und wenn man dann endgültig wie ein Mensch geworden ist, haben sie sowieso kaum noch Macht über einen.“

Geduldig wartete Tess ab, bis Lyssa all diese Informationen verdaut hatte, völlig geplättet von der Redeflut – und von der Aufmerksamkeit, die Tess ihr schenkte. Niemand zuvor hatte sie je auf diese Art angesehen; eine Art, die vermittelte, dass Lyssa tatsächlich von Bedeutung war.

„Sie lassen dich einfach so vor dich hin leben?“, fragte sie irgendwann, als die Stille zu laut wurde.

Tess schenkte ihr ein Lächeln. Auch das war etwas völlig Neues. „Klar. Viel anrichten kann man ohne seine Fähigkeiten ja nicht. Und Leute, die von Feen und magischen Welten faseln, gibt es auch unter den Menschen genug. Da bist du nichts als ein Spinner von vielen.“ Sie legte eine Pause ein, in der sie ihrerseits eine innerliche Bestandsaufnahme zu machen schien. „Und ich hab keine Ahnung, wieso ich dir das alles erzähle.“

Diesmal war es Lyssa, die mit den Schultern zuckte, und Tess benötigte offenbar keine eloquentere Reaktion. „Irgendwie erinnerst du mich an mich selbst“, sagte sie. Lyssa war sich nicht sicher, ob das ein Kompliment darstellen sollte oder nicht, und fragte aus Angst vor der Antwort nicht nach.

„Wie lange bist du schon ... ausgestiegen?“, wollte sie stattdessen wissen. Langsam ebbte die Verwirrung ab; an ihre Stelle trat eine morbide Faszination. Das könntest du sein, flüsterte eine Stimme in ihrem Unterbewusstsein, die sie gekonnt ignorierte.

Tess zog ihre Beine unter der Decke hervor und rutschte ebenfalls zum Rand der Matratze vor, bis sie direkt neben Lyssa saß, so nahe, dass Lyssa ihre Körperwärme spürte. Die Faszination wuchs. Fühlten Menschen sich die ganze Zeit über so?

„Zwei Jahre. Kommt mir aber länger vor“, erzählte Tess freimütig. „Es gibt so viel zu entdecken als Mensch. Ich meine, allein mein Körper! Ich werde jetzt hungrig und bekomme meine Periode und altere, das ist echt spannend.“

Das konnte Lyssa sich nur allzu gut vorstellen. Sie hatte sich oft gefragt, wie die Menschen mit ihren sich verändernden Körpern klarkamen, allerdings nie zu genau darüber nachgedacht, weil es etwas war, das für immer außerhalb ihrer Reichweite lag. Angeblich. Vielleicht? Vielleicht nicht? Während sie nach einer passenden Erwiderung suchte, schlich sich zum ersten Mal eine Spur von Strenge in Tess‘ Gesicht. „Sag bloß niemandem, dass du mich getroffen hast. Ich hab keine Lust darauf, dass sich doch noch irgendwer für mich interessiert. Ich mag mein Leben, wie es jetzt ist.“

„Keine Sorge. Mir würde eh niemand zuhören“, sagte Lyssa, bevor sie sich beherrschen konnte. Und wieso sollte sie es nicht aussprechen? Immerhin entsprach es der Wahrheit.

Tess tat ihr den Gefallen, sie statt mit Mitleid nur voller Sympathie und vielleicht auch Verständnis anzusehen, bevor sie sich nach hinten auf den Rücken fallen ließ. „Na dann. Ich will dich nicht länger aufhalten. Außerdem hab ich morgen – das heißt, heute früh ein Vorsingen und will dafür ausgeschlafen sein.“

Widerwillig stand Lyssa auf. Sie wollte nicht gehen. Sie wollte hier in diesem bunten Raum bleiben und sich mit dieser bunten Persönlichkeit unterhalten, und vor allem wollte sie nicht in die Feenwelt zurückkehren, wo sie wieder nur unsichtbar wäre. Tess‘ gesamtes Wesen legte nahe, dass sie jeden mit derselben Offenheit behandelt hätte, aber das änderte nichts daran, dass Lyssa sich dank ihr zum ersten Mal in ihrer Existenz besonders fühlte; und das war ein Gefühl, das sie so schnell nicht wieder aufgeben wollte.

Das Dumme war nur, dass sie keine Wahl hatte. Sie hatte noch mehrere Seiten ihrer Liste zu bearbeiten, und wenn sie ihre Schicht zu sehr überzog, würden Fragen gestellt werden. Vermutlich. Vielleicht. Vermutlich würde sie sich dadurch sämtliche Chancen, Einhornpflegerin zu werden, zunichtemachen. Vielleicht. Und wollte sie wirklich alles aufgeben, was sie je gekannt hatte, den größten Wunsch, den sie je gehabt hatte? Sie wusste es nicht. Sie wusste in diesen Momenten sehr wenig.

„Wenn du deine Fähigkeiten verloren hast, wie kommt es dann, dass du mich sehen kannst? Und dass ich über dich nichts weiß?“, fragte sie, um das Unvermeidliche aufzuschieben.

Tess starrte zur Decke hinauf. Erst jetzt fiel Lyssa auf, dass auch dort Poster hingen und außerdem phosphoreszierende Sterne, wie sie sonst nur in Kinderzimmern zu finden waren. Wahrscheinlich war das Tess‘ Art, etwas nachzuholen, was sie nie gekannt hatte.

„Keine Ahnung. Echt nicht. Ich sehe manchmal Dinge, die andere nicht sehen. Bin mir aber nicht sicher, ob das daran liegt, dass ich doch noch einen winzigen Hauch meiner Magie behalten habe, oder ob es einfach an mir liegt. Und was die zweite Frage angeht ... auch keine Ahnung.“

Obwohl diese Antwort nicht viel erklärte, gefiel sie Lyssa. Sie stellte sich gerne vor, dass jedes Wesen etwas hatte, das ganz ihm gehörte und es zu etwas Besonderem machte. Wenn es Tess‘ besonderes Talent war, Dinge zu sehen, die sonst niemand sah ... nun, dann war das umso besser für Lyssa.

„Ich werde dir einen schönen Traum schicken, ja?“, versprach sie.

„Perfekt, danke. Und viel Erfolg noch, Lyssa.“

„Dir auch“, murmelte Lyssa.

Tess‘ Lächeln verfolgte sie die gesamte restliche Nacht lang und bis in die Feenwelt zurück.

~°~


„Du, Ilami?“

Keine Reaktion. Die neuesten Akten waren sehr viel spannender als Lyssa. Sie blieb dennoch hartnäckig, weil sie das Gefühl hatte, verrückt zu werden, wenn sie mit niemandem über ihre letzte Schicht sprach.

„Hattest du schon mal mit Leuten zu tun, die verblasst sind? Oder ... ausgestiegen? Kennst du dich zumindest ein bisschen damit aus?“

„... hm?“

„Ich meine, du als Verwaltungsfee hast doch mit allen möglichen kuriosen Fällen zu tun“, fuhr Lyssa zunehmend verzweifelt fort. Sie fragte sich, ob man sie auf der Stelle degradieren würde, wenn sie Ilami an den Schultern packte und heftig schüttelte. „Weißt du, wie genau so was funktioniert? Ob man einmal die Entscheidung trifft und dann ist sie unumkehrbar? Oder ...“ Hilflos brach sie ab, weil sie nicht wusste, wie sie das Wirrwarr in ihren Gedanken in Worte fassen sollte.

„Hm.“

„Und wie genau stehen denn die Einser –“

„Schätzchen, das ist alles sehr interessant, aber ich habe gerade absolut keine Nerven dafür. Die Buhmänner haben sich dem Streik angeschlossen und die Trolle fangen an, sich gegen die Kobolde zusammenzurotten, und ein paar kleptomanische Zahnfeen weigern sich, die eingesammelten Zähne abzugeben ... Können wir wann anders weiterreden?“

Ilami bückte sich unter ihren Schreibtisch, um einen Berg neuer Akten hervorzuziehen. Fein säuberlich platzierte sie ihn neben den zwei schon bestehenden Stapeln; Lyssa musste die letzten Reste ihrer Selbstbeherrschung zusammenkratzen, um sie nicht allesamt umzustoßen.

„Klar. Sicher.“

Eine weitere Akte fand ihren Weg auf den Tisch. Der größte Stapel geriet gefährlich in Schieflage.

„Damit wäre das auch geklärt“, murmelte Lyssa im Gehen.

~°~


Diesmal ging Lyssa zu den anderen in die Bar. Irgendwann mussten sie ihr zuhören, und sie hatte die Hoffnung, dass nun dieser Tag war. Sie hätte es besser wissen müssen.

Zuerst dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis Damian mit seinen Erörterungen über die Vorteile der Existenz in Klasse Zwei fertig war, und danach dauerte es eine weitere gefühlte Ewigkeit, bis Tanya mit ihren Beschwerden über die neuesten modischen Entwicklungen für Grabgespenster fertig war. Ausgerechnet Chija, Lyssas einziger potentieller Verbündeter, war nicht da; vermutlich schlug es sich mit den kleptomanischen Zahnfeen herum und bewachte seine heilige Sammlung an Zähnen, und das bedeutete, dass sich Lyssa ganz alleine dem Desinteresse ihrer Kollegen stellen musste.

Wie bei Ilami versuchte sie es trotzdem. „Wir haben doch neulich über Ori geredet“, warf sie ein, als sich endlich eine Gesprächspause ergab. „Ich halte es jetzt für gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass er einfach verblasst ist. Oder einfach ausgestiegen. Dass er ein Leben in der Menschenwelt angefangen hat.“

Tanya schnaubte. Ihr neues Leichengewand war mit unappetitlichen Flecken besprenkelt und so groß, dass es ihr ständig von den Schultern rutschte. „So was sind nur Legenden.“

„Nein, eben nicht. Ich habe letzte Nacht jemanden getroffen, bei dem so was vielleicht passiert ist.“ Sie konnte sich den letzten Satz nicht verkneifen, tröstete sich allerdings damit, dass er vage genug war, um Tess nicht in Gefahr zu bringen. Tanya hatte etwas an sich, das einen permanent in Rechtfertigungen ausbrechen lassen wollte.

„Haha, sehr witzig. Da hat dich jemand ordentlich verarscht“, sagte sie, sich einmal mehr einen losen Zipfel ihres Gewandes über die Schulter werfend.

„Nein, wirklich. Sie –“

„Mir hat neulich einer von den Vampiren einen Streich gespielt“, fiel Damian ihr ins Wort, offensichtlich nicht zufrieden damit, dass sich das Gespräch mehrere Sätze lang nicht um ihn gedreht hatte. „Hat sich als Tourist verkleidet und ist runter in mein Kellergewölbe gekommen und dann, als ich ihn so richtig schön erschrecken wollte, hat er getan, als würde er tot umfallen, und dann, als ich mich über ihn gebeugt habe, ist er aufgesprungen und hat so getan, als wollte er mich beißen, das war so eklig.“

„Nein, ich schwöre, das war echt!“, rief Lyssa. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals zuvor so laut geworden zu sein, doch die Wirkung hielt sich in Grenzen. Niemand zeigte eine Regung, weder Tanya noch Damian noch die Diskokugel über ihren Köpfen.

„Mir ist so was auch schon mal passiert“, sinnierte Tanya. „Da war diese Gruppe von Archäologen, ich schwöre, die hatten Drogen oder so was genommen ...“

Resigniert blendete Lyssa Tanyas in Pathos getränkte Erinnerungen aus und ging dazu über, die Diskokugel anzustarren. Eigentlich, tröstete sie sich, waren die anderen selbst schuld, wenn sie ihr nicht zuhörten.

~°~


In der nächsten Schicht dachte Lyssa an kaum etwas anderes als ihre Begegnung mit Tess. Dasselbe galt für die übernächste und überübernächste Schicht. Tess‘ Worte, ihre ruhige Bestimmtheit und ihre Freundlichkeit gingen ihr nicht aus dem Sinn, bis sie am Ende der überüberübernächsten Schicht beschloss, ein wenig rebellisch zu sein. Bisher hatte sie sich immer an die Vorschriften gehalten, und wenn andere Kollegen streiken durften, durfte sie sich wohl ebenfalls ein wenig kreative Freiheit gestatten. Die Angst, sich durch zu lange Aufenthalte in der Menschenwelt selbst zu verlieren, war längst nicht mehr so ausgeprägt wie früher, und außerdem – wann hatte ihre Regeltreue ihr jemals etwas gebracht?

Sie musste sich kaum konzentrieren, um zu Tess Millers Wohnung zu gelangen, und wenn das kein Zeichen war, dann wusste sie auch nicht weiter. Seit ihrem letzten Besuch hatte sich Tess‘ Schlafzimmer ein wenig verändert. Der Kleiderstapel über dem Heimtrainer war gewachsen, eine zweite Pflanze leistete nun der ersten Gesellschaft und Darth Vader war ersetzt worden durch Avatar Aang.

Tess befand sich im Tiefschlaf, schreckte aber hoch, als Lyssa an ihr Bett trat – ein weiterer Beweis dafür, dass sie sich einen letzten Rest ihrer Fähigkeiten bewahrt hatte. Ohne ihr die Zeit zu geben, richtig wachzuwerden, fiel Lyssa direkt mit der Tür ins Haus. „Also, Tess, zum Aussteigen. Ich habe da ein paar Fragen.“

Mit einem Stöhnen setzte Tess sich auf, schaltete die Nachttischlampe ein und blinzelte zu Lyssa empor. „... okay? Hallo, Lyssa ... Klar.“

Diesmal war Lyssa zu erregt, um sich zu setzen; stattdessen begann sie, in unregelmäßigen Ellipsen zwischen Bett und Schrank auf und ab zu wandern. „Man fängt ja in der Menschenwelt von Null an, oder? Was macht man, damit die Menschen nicht misstrauisch werden? Man hat ja keine Vorgeschichte oder so ...“

„Aber du kannst dir eine besorgen“, sagte Tess, nun etwas wacher. Noch immer trug sie ihren Schlafanzug mit den Raumschiffen, was Lyssa als seltsam tröstend empfand. „Oder besorgen lassen. Man muss nur die richtigen Leute kennen, und schon hast du einen Stapel gefälschter Papiere und kannst irgendwo ein neues Leben beginnen.“

Vermutlich war es nicht ganz so einfach, aber Lyssa hakte nicht nach. Eigentlich wollte sie gar nicht so genau wissen, welche Hürden man auf dem Weg in ein anderes Leben zu nehmen hatte; sie wollte nur das erfahren, was möglich war, nicht das, was dafür gesorgt hätte, dass sie Tess vergaß und mit ihr all die unbekannten, bunten Wege, die sich unverhofft vor Lyssa aufgetan hatten. Dass Tess nicht nach den Gründen für Lyssas Interesse fragte, rechnete sie ihr hoch an. Was hätte Lyssa ihr auch antworten sollen, solange sie sich selbst noch nicht einmal ihrer Beweggründe bewusst war? Sie wollte nicht denken. Sie wollte einfach nur die Gesellschaft eines Wesens genießen, das sie wahrnahm.

Und Tess war gut darin, ihr diese unausgesprochenen Wünsche zu erfüllen. Sie war nicht irritiert oder gereizt oder gelangweilt, sondern sie beantworte Lyssas Fragen mit bemerkenswerter Geduld, als wäre alles an dieser bizarren Situation für sie selbstverständlich gewesen; und irgendwann ebbte Lyssas innere Anspannung weit genug ab, dass sie sich zu Tess aufs Bett setzen konnte. Tess‘ Angebot, sich einen Teil ihrer Decke zu nehmen, lehnte sie dankend ab.  

Sie sprachen über menschliche Lebensarten und menschliche Körper, über Träume und Verletzungen und sogar über den Tod. Besonders gerne schien Tess von sich selbst zu erzählen. Lyssa erfuhr, dass sie zunächst am anderen Ende des Landes gelebt und als Kellnerin gearbeitet hatte, bis ihr das zu langweilig geworden war; dass sie in dieser Stadt schnell neue Freunde gefunden hatte, nun als Kassiererin arbeitete und auf eine Karriere an der Oper hoffte; dass sie jeden Freitag mit ihren Kollegen essen ging und in Erwägung zog, einen Hund aus dem Tierheim zu sich zu holen.

Es klang alles sehr, sehr verlockend. Lyssa versuchte, sich für diesen Gedanken zu schämen, aber es wollte ihr nicht gelingen.

„Wieso bist du wirklich ausgestiegen?“, erkundigte sie sich irgendwann. Dass das Leben als Mensch interessanter war, konnte nicht die ganze Wahrheit sein.

Tess antwortete nicht sofort. „Die Feenwelt war einfach nichts für mich“, sagte sie nach endlosen Sekunden, die nur durch das Ticken der Uhr aus dem Nebenraum durchschnitten wurden. „Diese elende Bürokratie, diese Heuchelei überall, dieser Egoismus, diese Karrieregeilheit ... Eigentlich fast wie bei den Menschen, nur dass es von Leuten kommt, die sich selbst für bessere Wesen halten. Ich hab es gehasst.

Keiner dieser Gründe war Lyssa neu; nun das, was sie sich in ihren düstersten Momenten selbst gedacht hatte, von einer anderen Person ausgesprochen zu hören, weckte in ihr das Gefühl, einer Verschwörung beigetreten zu sein.

„Ich wollte nie Karriere machen“, fuhr Tess fort. „Ich wollte einfach nur in Ruhe vor mich hin existieren und Dinge tun, die mir Spaß machen. Und ich wollte Leuten helfen. Als Banshee funktioniert das nicht so. Ich hätte den Menschen, die ich besucht habe, am liebsten immer nur vorgesungen, anstatt ihren Tod anzukündigen und sie in Angst und Schrecken zu versetzen.“

„Bist du deshalb so nett zu mir? Weil du gerne Leuten hilfst?“

Tess grinste sie an. „Ich hab ein Herz für hoffnungslose Fälle“, behauptete sie, und damit war auch dieses Thema erledigt. Glücklicherweise fiel es Lyssa nicht schwer, nach einem neuen zu suchen – etwas, was ihr noch nie passiert war. Die wenigen längeren Gespräche, die sie je geführt hatte, waren über kurz oder lang immer in unbehagliches Schweigen abgeglitten.

„Wie war eigentlich dein Vorsingen?“

Tess zuckte mit den Schultern. „Sie haben gesagt, sie melden sich. Ich lass mich überraschen.“

„Oh. Okay. Viel Erfolg?“ Lyssa nahm an, dass Menschen genau das in einer solchen Situation sagten, und es entlockte Tess wenigstens ein Lächeln.

„Und bei dir?“, fragte sie zurück.

„Wie immer.“ Es war nur eine halbe Lüge. Die äußeren Umstände waren in der Tat wie immer; der Unterschied bestand darin, dass Lyssa sich anders fühlte, doch weil sie nicht wusste, wie sie das in Worte fassen sollte – ob es überhaupt wert war, in Worte gefasst zu werden –, ließ sie das Thema fallen. Von einem Moment auf den anderen fühlte sie sich sehr alleine, obwohl Tess direkt neben ihr saß, und zum ersten Mal in ihrer Existenz erschöpft.

„Also ... danke für deine Zeit“, sagte sie ein wenig zu hastig. Falls der abrupte Rückzug Tess irritierte, ließ sie es sich nicht anmerken. Das war eindeutig etwas, was Lyssa von ihr lernen konnte: die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen. Und sie wollte lernen, nur nicht mehr in dieser Nacht. „Und Entschuldigung, dass ich dich geweckt habe“, setzte sie hinzu, weil Tess verstohlen gähnte. „Ich muss dann wieder los.“

„Kein Problem. Komm gerne jederzeit vorbei.“ Tess meinte es so. Selten hatte Lyssa etwas mit größerer Bestimmtheit gewusst. Tess hätte sich nicht um sie kümmern müssen, aber sie tat es; sie hätte nicht freundlich sein müssen, aber sie war es, und sie meinte jedes Wort ernst. Es klang nicht nur wie eine Einladung, sondern auch wie ein Verspechen – und zwar eines, von dem Lyssa bereits in dem Moment, als sie Tess‘ Wohnung verließ, wusste, dass sie darauf zurückkäme. Irgendwann.

~°~


Irgendwann kam bereits nach ihrer nächsten Schicht und wurde begünstigt durch einen Besuch auf den Einhorfarmen.

Lyssa hatte dort nichts zu suchen. Sie wusste, dass sie dort nichts zu suchen hatte. Allerdings waren die Einhormfarmen die einzige Ausnahme, die sie je von ihrer Regeltreue gemacht hatte, und wenn irgendjemand sie davon überzeugen konnte, dass ihre neuesten Gedankengespinste völlig verrückt waren, dann waren es die Einhörner. Sie standen auf der größten Koppel, halb verborgen zwischen gewaltigen Bäumen, und wirkten selbst beim Grasen majestätisch. Wie immer fühlte sich Lyssa im ersten Moment, als schnürte ihr jemand sämtliche Energie ab. Das hier war der Grund, wieso sie all die Jahrzehnte lang in zweitklassigen Jobs durchgehalten hatte.

Eine kleine Unendlichkeit lang starrte sie einfach nur zu den Einhörnern hinüber, die Hände fest um den obersten Balken des Koppelzauns geschlossen, bevor sie sich verstohlen umblickte. Weit entfernt bei den Stallungen wies ein Pfleger seinen Besen mit gelangweilten Bewegungen dazu an, den Hof zu fegen. Von ihm abgesehen war niemand zu sehen, der Lyssa daran hätte hindern können, ihr eindeutig illegales Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Bislang hatte sie die Einhörner immer brav von außerhalb der Koppeln betrachtet. Bislang war allerdings nie so viel auf dem Spiel gestanden wie nun, und darum beschloss Lyssa, sämtliche Regeln zu ignorieren und über den Zaun zu klettern. Schutzzauber verhinderten, dass man sich direkt auf die Koppel transportierte, aber ihr war die altmodische Art ohnehin lieber. Jeder Schritt führte sie näher an eine Entscheidung heran, so oder so.

Keines der Einhörner hob auch nur den Kopf, als Lyssa sich ihnen näherte. Obwohl das vermutlich besser war, als wenn sie in Panik davongestoben wären, war es eine Enttäuschung. Es hieß, dass Einhörner sensible Tiere waren, die nur zu gerne Trost und Geborgenheit spendeten, aber diese Einhörner hier waren mehr am Gras interessiert als an dem emotionalen Chaos vor ihnen.

Macht nichts, redete Lyssa sich ein. Dann würde sie selbst die nächsten Schritte machen und dabei die Schönheit der Einhörner in sich aufsaugen, die aus der Nähe noch überwältigender war. Wie das Sonnenlicht sich in ihren Hörnern fing, wie die Schatten der Bäume ihnen das Fell fleckten ... Sie hätte ewig auf dieser Koppel bleiben können, doch eine imposante Stute, die Lyssa bei ihren vielen Beobachtungaktionen als Leitstute ausgemacht hatte, hatte andere Pläne. Lyssa hatte kaum einen Schritt auf sie zu gemacht in der Hoffnung, zumindest einmal in ihrer Existenz ein Einhorn zu streicheln, als die Leitstute den Kopf zu ihr herumriss und drohend die Ohren anlegte. Die Nachricht war unmissverständlich: Verzieh dich. Auf einmal sah das Horn nicht mehr magisch aus, sondern sehr bedrohlich.

So vorsichtig wie möglich trat Lyssa wieder nach hinten. Gut. Kein Problem. Vielleicht hatte sie sich einfach in der Herde vertan und nicht die sanftmütigen Einhörner erwischt, sondern die blutrünstigen ... Nun hoben auch die anderen Einhörner die Köpfe. Kein Problem. Sie würde sich einfach langsam abwenden und hoffen, dass die Tiere das nicht als Einladung dazu auffassen würden, sie aufzuspießen ...

„Hey! Du!“

Weit entfernt stand der Pfleger am Zaun – allerdings nicht weit entfernt genug, dass Lyssa nicht merkte, wie wütend er war. „Dich kenn ich doch! Warte bloß, wenn ich dich erwische, verwandele ich dich in eine Schleimpfütze – wag es nicht, jetzt abzuhauen!“

Lyssa hatte genug gehört. Während der Pfleger noch seinen Besen schwenkte und die Einhörner offenbar überlegten, ob sie zuerst auf den Eindringling oder auf die Quelle des Lärms losgehen sollten, war sie losgerannt – vorbei an der verwirrten Herde und vor allem weit fort von dem rachsüchtigen Pfleger, bis sie das andere Ende der Koppel erreichte.

Es war ironisch. Wenn man sie bemerkte, dann nie, weil man nett zu ihr sein wollte, sondern nur im negativen Kontext. Selbst die Einhörner hatten sich an diese ungeschriebene Regel gehalten, und das war die größte Enttäuschung von allen.

Noch während Lyssa sich zwischen den Balken des Koppelzauns hindurchzwängte und sich dabei ihren Rock zerriss, traf sie ihre Entscheidung.

~°~


Sie hatte die Menschenwelt noch nie zur Tageszeit betreten. Nie zuvor hatte es dafür einen Grund gegeben, und nie zuvor hätte sie sich vorstellen können, einmal so unverfroren gegen alle Regeln zu verstoßen, die ihr jemals eingetrichtert worden waren. Sie erwartete einen Donnerhall, Blitzlicht und vielleicht sogar einen losschrillenden Alarm angesichts ihres Ungehorsams, aber nichts passierte. Offensichtlich hatten die Einser gerade Besseres zu tun, als ihren widerspenstigen Beschäftigten hinterherzujagen. Ein wenig enttäuschend war es schon: Nicht einmal dafür war Lyssa wichtig genug.

Um sich aufzumuntern und um ihre Aufregung im Schach zu halten, betrachtete sie ihre Umgebung. Sie war an einem der Hauptknotenpunkte der Straßenbahnen angekommen, dort, wo alle Linien sich kreuzten und wo zur Mittagszeit ein unbeschreibliches Gewusel herrschte. Es war erstaunlich und sehr beeindruckend, wie viele Menschen sich tagsüber in der Stadt herumtrieben. Sie waren überall: auf den Bahnsteigen, auf den Gehwegen, in Geschäften – eine einzige wogende Menge, die einander hin und her schubste und deren schnellere Mitglieder Slalom um die langsameren liefen.

Lyssa zog sich in eines der Wartehäuschen zurück, um die Szenerie besser beobachten zu können. Dass bislang niemand durch sie hindurchgegangen war, war entweder ein Wunder oder ein Zeichen. Wie wäre es erst, wenn man sie tatsächlich wahrnahm? Wenn sie ein Teil der Menge war und nicht nur eine stille Beobachterin? Die Vorstellung war sehr verstörend und sehr, sehr verlockend.

Eine Straßenbahn fuhr am Bahnsteig vor Lyssa ein, eine Horde Schulkinder rannte an ihr vorbei und sie merkte, wie sie sich mit jeder verstreichenden Minute ein wenig entspannte. Viele dieser Menschen kannte sie schon von ihrem Job; sie waren ihr einmal vertraut gewesen und sie würden es irgendwann wieder sein. Lyssa würde nichts verlernen, ihr Wissen würde sich nur in Instinkte verwandeln, die ihr hoffentlich in den richtigen Momenten beistehen würden.

Sie behielt diese Zuversicht den ganzen Nachmittag über bei, während ihres Spaziergangs durch Parks und Gassen, die im Hellen so viel aufregender aussahen, während Momenten voller Stille und Momenten voller Stimmengewirr und bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sich vor Tess Millers Haus wiederfand. Der Gedanke, wie Tess reagieren würde, ließ die Aufregung zurückkehren. Es gab so viele Arten, auf die ihr Vorhaben schiefgehen konnte, so viele Unabwägbarkeiten, so vieles, was sie noch nicht wusste ... Sie hatte ja noch nicht einmal einen Ort zum Schlafen. Vielleicht hatte Tess die Einladung doch nicht so gemeint, vielleicht würde sie Lyssa wieder fortschicken, vielleicht –

Sie kam um die Ecke, einen Rucksack über den Schultern und Kopfhörer über den Ohren, und sie fokussierte sich erst auf Lyssa, als sie schon beinahe die Haustür erreicht hatte. „Lyssa! Hey!“ Sie nahm die Kopfhörer ab, bedachte Lyssa mit dem breitesten Grinsen, das sie je gesehen hatte, und wirkte kurz so, als wolle sie sie umarmen. Im letzten Moment brach sie die Bewegung ab und winkte Lyssa stattdessen fröhlich zu. „Was führt dich hierher?“

„Eine riesengroße Dummheit?“ Lyssa war stolz darauf, dass ihre Stimme nicht zitterte.

Forschend musterte Tess sie von oben bis unten und schien dabei all das herauszufinden, was Lyssa nicht sagte – und vor allem all das, was sie brauchte. „Glaub ich nicht“, sagte sie sehr bestimmt. „Warum gehen wir nicht rein und reden ein bisschen? Wir gehen deine Optionen durch, und wenn du willst, kannst du erst mal bleiben. Ich bin sicher, dass ich irgendwo noch einen Schlafsack rumliegen habe.“

Es wurde immer beängstigender und gleichzeitig wurde Lyssas Gefühl der prickelnden Vorfreunde immer größer. „Gerne“, sagte sie, und dann, weil es das Einzige war, was ihr in diesem Moment einfiel: „Glaubst du, ich kann mich in einem Reitverein anmelden?“

„Klar, warum nicht?“ Tess zog ihren Schlüssel aus der Jackentasche, schloss die Tür auf, stemmte den Fuß dagegen, um sie offen zu halten, und drehte sich zu Lyssa um. Die vage Idee, noch einmal in die Feenwelt zurückzukehren und sich zu verabschieden, rückte in weite Ferne.

„Na, komm schon.“ In einer scheinbar gedankenlosen Geste hielt Tess ihr die freie Hand hin und ebenso automatisch griff Lyssa danach.

Es war so einfach.
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