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Fernweh

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Het
16.04.2021
11.06.2021
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Sonntag, den 22. März 1998

Schweren Herzens machte sich Kira am Sonntagnachmittag auf den Heimweg, beziehungsweise auf die Fahrt in Richtung Katharinas Wohnung. Im Kopf spielten sich einige der Szenen des Wochenendes ab, wie zum Beispiel dass Saskia verkündet hatte, dass extragroße Schwestern die besten Schwestern überhaupt seien, eine Erinnerung, die sie immer wieder zum Schmunzeln brachte.

Noch vor Kurzem hatte Kira heimlich Eifersucht gegenüber ihren Halbschwestern gespürt, da diese die heile Welt erleben durften, die ihr gestohlen wurde. Nun schämte sie sich für ihre Gefühle. Sie hatte die Kleinen sofort in ihr Herz geschlossen und erkannte, dass sie, auch wenn ihr Vater tatsächlich ein Mistkerl gewesen wäre, nicht die Schuld an der Scheidung getragen hätten.

Auch wenn Kira nun mit der Traurigkeit und Wut gegen ihre Mutter kämpfte, so fühlte es sich gut an, dass sie endlich die blinde Abscheu gegen ihren Vater und „seine“ Familie, welche auch ihre war, abgeworfen hatte. Trotz ihrer heiklen Wohnungslage fühlte sie sich leichter. In gewisser Weise bedauerte sie ihre Mutter, welche weiterhin, grundlos, so viel Negativität mit sich herumschleppte. Sicher hatte sie sich damit die eine oder andere Chance auf eine neue Beziehung verbaut.

Kira war froh, dass die Trennung ihrer Eltern immerhin nicht bei ihr zu Vertrauensproblemen gegenüber Francesco, oder Männern allgemein, geführt hatte. Sie hatte nie die Hoffnung aufgegeben, dass die wahre Liebe irgendwo da draußen auf sie wartete, auch wenn scheinbar so viele Beziehungen scheiterten.

Vielleicht war sie teils etwas naiv in ihrem Glauben an Mr Right, aber wenn es sie erwischte, ließen sich ihre Gefühle nicht einfach so rational wegerklären. Sie würde lieber den Schmerz eines gebrochenen Herzens ertragen, als nie zu wissen, wie es sich anfühlte, auf Wolke sieben zu schweben.

Beim Gedanken an ihn fühlte Kira wieder ein angenehmes Kribbeln in ihrer Magengegend und strahlte in sich hinein. Noch mehr als dass sie sich darauf freute, Katharina von ihrem Besuch zu erzählen (endlich gab es Positives), konnte sie es auch kaum abwarten, ihren neu gehegten Plan in die Tat umzusetzen.

In der Wohnung begrüßte Katharina sie mit frisch gebrühtem Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. - Das perfekte Ambiente zum gemütlichen Plaudern. Katha erzählte ihr vom Tanzengehen Freitagabend. Wie immer hatte sie sich vor Anbetern nicht retten können, auch wenn sie nur Spaß mit ihren Freundinnen haben wollte. Einer der Männer war anscheinend ganz nett gewesen, aber er deutete an, dass er nach einer festen Beziehung suchte, worauf Katharina aktuell keine Lust hatte. Nach zwei längeren Beziehungen wollte sie erst einmal ihre Freiheit genießen.Sollte sich etwas ergeben, war sie für die Liebe offen, suchte aber nicht aktiv nach etwas Festem.

Katharina gab zu, die Zeit für sich alleine genossen, Kira aber auch zugleich vermisst zu haben. Katha wollte unbedingt wissen, wie es Kira ergangen war und so erzählte sie ihr so viel, wie ihr einfiel. Katharina konnte gut verstehen, wieso Kira nicht am Geld ihres Vaters interessiert war, riet ihr aber, sich die Option offen zu halten.

„Du kannst ihm das Geld ja immer noch zurückzahlen, wenn du wieder liquid bist,“ riet sie. „Wenn er dir zum Beispiel mit der Kaution hilft, bekommst du die bei deinem Auszug sowieso wahrscheinlich wieder zurück.“

Kira wusste, dass Katha, wie so oft, Recht hatte. Auch wenn sie sich mit dem Problem ihrer Wohnungssuche auseinandersetzen musste, wollte sie viel lieber über andere Dinge reden.

Sie räusperte sich kaum hörbar und fragte dann scheinheilig: „Du, Katha, braucht ihr noch Hilfe für das Osterfest an deiner Schule?“

„Ja, auf jeden Fall. Die meisten Eltern drücken sich davor, zumindest eine Stunde vorher aufzutauchen, um beim Dekorieren mitzuhelfen und… Hey, warte mal! Kira, denk gar nicht erst dran!“

Schade. Fast hätte Katharina angebissen, aber sie hatte ihre beste Freundin allzu schnell durchschaut.

„Herr Košar ist, soweit ich weiß, noch verheiratet und somit tabu für dich,“ machte sie ihr Vorhaltungen über ihren Plan.

„Jaaaa, aber… Ihr braucht doch dringend Mithelfer, oder nicht?“

So leicht würde Kira sich nicht geschlagen geben. Sie klimperte übertrieben betörend mit den Wimpern.

„Ich verspreche auch, artig zu sein und mich gaaanz fern von Herrn Košar zu halten.“

Katharina schüttelte lachend den Kopf.

„Tut mir Leid, aber das kaufe ich dir nicht ab. Sobald ich mich umdrehe, klebt ihr sicher wieder aneinander. Egal. Leider hast du Recht und wir suchen händeringend nach freiwilligen Helfern. Du bist alt genug, um auf dich selber aufzupassen. Ich kann’s dir nicht übel nehmen, dass du ihn magst. Er ist schon ein hübsches Kerlchen, wenn auch nicht ganz mein Typ. Ich will nur nicht, dass du nachher wieder enttäuscht wirst, Süße. Du hast momentan schon genug Probleme.“

Kira warf ihr ein warmes Lächeln zu.

„Ich weiß. Danke, dass du dir Sorgen um mich machst. Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde,“ brachte sie ihre Dankbarkeit zum Ausdruck. „Du bist echt die Allerbeste.“

Sie legte ihre Kuchengabel nieder und stand auf, um ihre beste Freundin fest an sich zu drücken.

Nach der Umarmung wagte sie die Frage: „Was meinst du eigentlich damit, dass wir aneinander kleben?“

Katharina winkte lachend ab.

„Vergiss, dass ich was gesagt habe.“

Die Antwort hatte genau das Gegenteil zur Folge und es drehten sie die Rädchen in Kiras Kopf. War Katharina etwa der Meinung, dass Aleks auch an ihr interessiert war? Sie grinste breit, während sie sich umdrehte und wieder zurück aufs Sofa setzte.

Katharina bemerkte Kiras Gesichtsausdruck und schüttelte nur den Kopf.

„Ich seh’ schon, dass du ein hoffnungsloser Fall bist,“ witzelte sie. in Wahrheit gönnte sie ihrer besten Freundin aber die Frühlingsgefühle, solange sie keine negativen Auswirkungen hatten. Nicht nur wegen dem Altersunterschied zu ihr hatte sie das Bedürfnis, ihre Freundin zu beschützen. Sie war ein herzensguter Mensch und hatte es verdient, dass sich jemand um sie sorgte.

Kira war mittlerweile ganz wibbelig vor Aufregung. Bisher hatte sie Aleks nur zufällig getroffen und hatte daher keine Zeit gehabt, sich in ihrer Vorfreude hochzuschaukeln. Die nächsten Wochen würden wunderbar nervenaufreibend werden.

Sie seufzte innerlich. Hach, die liebe Liebe!

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Montag, den 23. März 1998

]Den folgenden Tag verbrachte Kira nach der Arbeit mit der Wohnungssuche. Zusammen mit Katharina ging sie die Stellenanzeigen der örtlichen Zeitung durch und kringelte alle etwaigen Treffer ein. Viel fanden sich nicht, aber am Abend waren sie zusammen immerhin bei drei Ergebnissen, welche Kira am Dienstagabend kontaktieren wollte.

Vor Erschöpfung stöhnend lehnte sich Kira auf dem Sofa zurück und rieb ihre Augen. Jetzt könnte sie gut ihre Lieblingsserie gebrauchen, aber nein, die war natürlich momentan in der Staffelpause und ihre aus dem TV aufgenommenen Folgen waren alle in ihrem Zimmer bei ihrer Mutter.

Katharina sah ihre Freundin nachdenklich an.

„Wenn du nicht allzu müde bist, kann ich ein Brettspiel rausholen,“ schlug sie vor.

Da Katha einen großen Freundeskreis hatte, hatte sie immer einen Stapel Gesellschaftsspiele für Partys parat.

Kira spielte zuerst mit dem Gedanken, sich bettfertig zu machen, wusste aber, dass 20 Uhr, egal wie müde sie war, zu früh zum schlafen war und sie sowieso noch mehrere Stunden wachliegen würde.

„Okay, solange das Spiel nicht allzu lange dauert. Mein Gehirn ist bereits im Halbschlaf,“ willigte sie ein und gähnte ausgiebig hinter vorgehaltener Hand. Sie würde Katha ganz gewiss nicht erzählen, dass sie die vorherige Nacht kaum ein Auge zugetan hatte, weil sie in Gedanken bereits beim Osterfest war und alle möglichen Szenarien im Kopf durchspielte.

Katha hatte sich für eines der Kartenspiele entschieden, da diese generell eine kürzere Spieldauer hatten. Während sie die Karten mischte, fragte sie nachdenklich: „Wie geht es eigentlich deinem Cousinchen? Warst du nicht kürzlich mit ihr beim Kleidershopping?“

Wie die Zeit verflog! Das war ja auch schon mehr als zwei Wochen her. Es war so viel passiert, dass sie ganz vergessen hatte, sich bei ihr zu melden. Normalerweise machte Julia dies von sich aus mindestens einmal die Woche, aber sie hatte ja nicht Kiras Nummer bei Katharina. Sollte sie bei ihrer Mutter angerufen haben, könnte es interessant werden…

Katharina sah Kiras besorgen Gesichtsausdruck und fragte: „Was ist los?“

„Keine Ahnung, ich habe seit dem Shopping nicht mehr mit ihr geredet. Vielleicht rufe ich morgen bei ihr an, nur um zu verhindern, dass sie mit meiner Mutter ins Gespräch kommt.“

Katha nickte verständnisvoll, während sie die Karten austeilte. Für etwa eine Minute war es, bis auf die Musik, welche Katharina im Hintergrund laufen hatte, still.

Dann sagte sie in die Stille hinein: „Ich glaube, du musst mehr aus dem Haus raus kommen. Du bist entweder auf der Arbeit, einkaufen, am Telefon, oder vorm Fernseher.“

Kira wollte entgegnen, dass sie auch bei ihrem Vater gewesen war und zum Osterfest gehen würde, aber Katha unterbrach sie „Bald kommt das Besichtigen von Wohnungen hinzu, aber ansonsten machst du wirklich nichts. Ich weiß, dass du nicht so aktiv bist, wie ich, aber du hast viel zu viel Zeit, über deine Probleme nachzudenken. Du brauchst Ablenkung und neue, positive Erinnerungen.“

Katharina lag schon richtig.

„Was hältst du davon, wenn wir am Freitagabend Tanzen gehen?“ schlug Katha vor.

Kira verzog das Gesicht.

„Du weißt doch, dass das nichts für mich ist. Der Lärm, die vielen Leute…“

„Ich such’ uns ’ne Disco aus, bei der es etwas ruhiger zugeht und wenn es dir dort nicht gefällt, können wir danach Cocktails trinken gehen. Komm! Nur du und ich. Das wird toll, du wirst sehen.“

Kira seufzte. Sie hatte wirklich keine Lust, Party zu machen, aber sie schuldete ihrer besten Freundin einen Gefallen. Sie wusste, dass Katha sie immer mitschleppen wollte, wenn sie mit ihrer Truppe unterwegs war. Bisher hatte Kira fast immer abgelehnt, aber vielleicht sollte sie sich überwinden, vor allem, da sie nur zu zweit sein würden.

„Ja, mal sehen,“ antwortete Kira zögerlich.

Katharina sah dies als Zusage und freute sich sichtlich. Kira wollte sie nicht berichtigen und ließ ihr erst einmal die Freude, während sie für sich selber die Entscheidung traf. Sie hatte ja noch bis Freitag Zeit.

Bis circa halb zehn wurde Karten gespielt, dann bereiteten sich Katha und Kira aufs Bett vor. Kira befürchtete, dass sie eine weitere schlaflose Nacht haben würde. Es war bereits fast zwei Wochen her, dass sie Aleks zu Gesicht bekommen hatte. Nun musste sie fast drei weitere Wochen warten, bis sie ihn wiedersah. Sie hoffte inbrünstig, dass sie nach dem Osterfest öfter seine Gegenwart genießen durfte. Wie sie dies anstellen würde, wusste sie jedoch noch nicht.

Später lag Kira in der Tat wieder lange wach. Ihr ging Kathas Kommentar nicht aus dem Kopf „Sobald ich mich umdrehe, klebt ihr sicher wieder aneinander,“ hatte sie gesagt. Sollte es das Schicksal wirklich wollen, dass Aleksandar ebenfalls Gefühle für sie hatte? Bei dem Gedanken meldeten sich die Schmetterlinge wieder.

Hatte er nicht das Gespräch mit ihr gesucht, als sie ihn zuletzt in der Schule sah? Andererseits würde bis zum 10. April genug Zeit verflogen sein, dass er sie vielleicht vergaß, selbst wenn er sie gemocht hatte. Er hatte wahrscheinlich immer noch mit familiären Problemen zu kämpfen. Da entfielen einem zwei kurze Begegnungen sicher leicht.

Kira war allgemein keine allzu unsichere Person. Sie kannte ihre Stärken und ihre Schwächen und konnte schon verstehen, wieso sie jemand attraktiv finden könnte. Daher hatte sie zum Beispiel Matthias eine Chance gegeben, war aber nicht verzweifelt genug, um zu denken, dass sie nicht jemanden besseres finden könnte. Wenn es um Aleksandar ging, kamen aber alle möglichen Selbstzweifel hoch, als wäre sie seiner nicht wert. Dabei hatte er ihr bisher nie das Gefühl zu geben, als sei er besser als sie. Ganz im Gegenteil: Er erschien ihr sehr bescheiden.

Das war aber eben der springende Punkt: Esschien, dass er bestimmte Charaktereigenschaften hatte, aber das basierte alles hauptsächlich auf Bauchgefühl und mehr Theorien als Fakten. Was nützten all ihre Spekulationen, vor allem nachts, wenn sie schlafen sollte? Jetzt hieß es erst einmal abwarten und sich um dringendere Probleme kümmern.
 
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