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Ein Bündel im Gang

von Be Izzy
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Dis Thorin Eichenschild
15.04.2021
15.04.2021
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Was ist eine Entscheidung?
Sich diese Frage einmal zu stellen, bedeutet sehr wahrscheinlich, die folgenden Sekunden vor die Wand zu fahren und sich danach zu fragen, ob das nun der am meisten verschwendete Moment des eigenen Lebens war.
Nun, wir tun es trotzdem. Fängt eine Entscheidung damit an, dass wir uns bewusst für eine Lehre entscheiden? Oder wir entscheiden, welche Menschen wir mögen und welche nicht? Oder aber wir entscheiden uns, den Ork vor unserer Nase so schnell wie möglich mit dem Schwert in unserer Hand zu durchbohren?
Es gibt einen kleinen, feinen Unterschied zwischen diesen Entscheidungen und denen, ob ich am Morgen erst damit anfange, die linke Kauleiste zu putzen und danach die rechte oder anders herum:
Die großen Entscheidungen, die bleiben uns im Gedächtnis. Von denen erzählen wir noch in fünfzig Jahren unseren Enkelkindern und die helfen uns, unseren Weg durch das Labyrinth – auch Leben genannt – zu finden. Aber ist das wirklich alles? Ist nicht auch die Entscheidung, was wir essen oder die, ob wir an einer Kreuzung nach links oder rechts gehen oder sogar dieser kurze Moment, in dem wir eine Tasse auf den Tisch stellen, für unseren Weg von Bedeutung?
Lasst es mich vielleicht so erklären: Was ist, wenn besagte Tasse herunterfällt und einem Freund auf die Füße, der daraufhin auf einem Bein hopsend durch das Zimmer jagt und uns für immer die Freundschaft aufkündigt? Das allein hätte doch schon unser Leben verändert, denn ohne diese winzig kleine Entscheidung, wäre der Freund noch da. Obwohl wohl allein die Tatsache, dass so eine Kleinigkeit ausreicht, um die Freundschaft zu beenden, schon viel über die Freundschaft an sich aussagt. Aber das ist ein Thema, um das es hier nicht geht.
Nein. Hier geht es um die kleinen Dinge. Um Entscheidungen, die das Leben verändern, und Zufälle, die vielleicht keine Zufälle sind. Um winzig kleine Änderungen, die am Ende das Ergebnis verändern und zu einer neuen Zeitlinie führen.
Und diese Zeitlinie sollte an einem kühlen Abend im Jahre 2866 D.Z. beginnen. Es war eine Nacht wie jede andere zuvor. Die Zwerge in den Blauen Bergen hatten ihr Tagesgeschäft bereits erledigt und genossen nun die wenigen Stunden, die sie für sich selbst nutzen konnten. Für Zwergenfrauen und Zwerglinge hieß das meistens, dass sie Zuhause saßen und ihren Beschäftigungen nachgingen, während der Großteil der Zwerge sich bereits verabschiedet hatte und eine der unzähligen Schenken aufsuchte. In Thorin’s Hallen bedeutete das, dass die Zwerge sich nur zwischen zwei Etablissements entscheiden konnten, die im Vergleich zu Tavernen in der alten, glorreichen Zeit weder besonders groß noch besonders gut ausgestattet waren. Von den beiden war die Taverne „Zum Grunzenden Troll“ eindeutig die bessere und sie ist es auch, in der diese Geschichte beginnen soll.
Über ganze drei Etagen verteilten sich die Männer, um Karten zu spielen, zu trinken und sich Geschichten aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen. Zwergenfrauen in freizügigen Kleidern manövrierten ihre Tabletts durch die unzähligen Tische und Stühle hindurch und entkamen den grabschenden Händen mit gekonnten Hüftschwüngen. Musiker packten ihre Instrumente aus, Händler erzählten Neuigkeiten aus dem Umland und der ein oder andere Söldner hoffte hier, eine Arbeit zu finden.
Einzig das oberste Stockwerk war ruhiger und nicht so überfüllt wie der Rest der Taverne. In einem langen Gang fanden sich nicht nur die Türen zu den Schlafzimmern der Reisenden, sondern auch die privaten Räume, die von Gruppen angemietet werden konnten. Aus einem dieser Zimmer schien Licht in den dunklen Gang und bellendes Lachen drang durch das schwere Holz. Eine Zwergenfrau, die eben noch durch die unteren Stockwerke gehuscht war, atmete tief durch und straffte sich. Sie war keine klassische Schönheit und ihr Kleid hatte schon bessere Tage gesehen, aber sie wusste, dass der Zwerg an der Bar sie aus einem ganz bestimmten Grund heraufgeschickt hatte: sie war verlässlich. Noch nie war ihr ein Humpen heruntergefallen. Noch nie hatte sich ein Gast über sie beschwert. Noch nie hatte jemand Anstoß an ihrer Redeweise gefunden. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass auch an diesem Abend nichts schiefgehen würde.
Noch einmal sprach sie sich selbst Mut zu und klopfte an die Tür. Das Lachen auf der anderen Seite verstummte sofort und da keine Aufforderung kam, entschied sie, dass das allein schon die Erlaubnis zum Eintreten war.
Grelles Licht schien ihr entgegen und sie blinzelte einige Male, ehe sie die Zwerge an dem runden Tisch erkennen konnte. Zehn waren es an der Zahl, unter ihnen die einflussreichsten, die die Blauen Berge zu bieten hatten. Und sie alle hatten ihre Aufmerksamkeit auf die arme Zwergenfrau gerichtet.
„Das Bier, meine Herren. Runa kommt gleich und wird Euch die restlichen Humpen bringen“ Mit gesenktem Blick deutete sie einen Knicks an und eilte auf den Tisch zu, um ihre Aufgabe endlich hinter sich zu bringen.
Genau dies war der Moment, in dem sich einiges verändern sollte. Die Valar hatten für die arme Zwergin ein schlechtes Schicksal vorgesehen, denn sie stolperte über eine Kante im Boden, strauchelte und verlor die sechs Humpen, die auf dem Tablett standen, an die Schwerkraft. Leider entschied sie sich in dieser Sekunde, die Humpen noch retten zu wollen und machte es damit nur noch schlimmer.
Mit aufgerissenen Augen sah sie dabei zu, wie sich die Flüssigkeit über den ganzen Tisch verteilte und vier der zehn Zwerge einsaute. Zur gleichen Zeit waren drei aufgesprungen, um das Unglück noch zu verhindern, rammten dabei den Tisch, sodass der gefährlich ins Schwanken kam, und wurden selbst aber nicht von dem Gebräu getroffen. Am schlimmsten traf es jedoch denjenigen, der mit dem Rücken zu ihr saß und gerade den letzten Tropfen seines derzeitigen Humpen genoss, denn er sah das Unglück leider erst kommen, als etwas Warmes ihm auch schon den Nacken herunterrann.
„Mein König, bitte verzeiht mir“, schluchzte die Zwergin, die das Ausmaß ihres Ungeschicks sofort begriff und sich am liebsten gleich in das Feuer eines Drachen stürzen wollte. Thorin Eichenschild erhob sich von seinem Stuhl, drehte sich herum und zeigte trotz des ekelhaft klebenden Gefühls ein Lächeln.
„Ich bestrafe Euch schon nicht für dieses Malheure, meine Dame. Nur seid beim nächsten Mal etwas vorsichtiger“
Die Zwergin nickte unter Tränen und machte sich sofort daran, die Scherben aufzusammeln und mit ihrem Tuch die gröbsten Flecken zu entfernen. Nachdem der erste Schock überstanden war, lachten und witzelten die Zwerge auch schon über ihren König und machten sich daran, ihre nass gewordenen Karten zu trocknen.
„Die Weiber denken sich auch immer wieder was Neues aus, um dich rumzukriegen“, sagte Gruur, ein selbst für ihre Rasse sehr kleiner Zwerg mit dunklen Haaren und Stickereien auf seiner Kleidung, die ihn als Berater des Königs identifizierten.
Die Zwergin lief bei diesen Worten rot an, murmelte eine Entschuldigung und eilte aus dem Zimmer, bevor noch irgendjemand Witze reißen konnte.
„Du bist doch nur eifersüchtig, weil das Frauenvolk nicht so hinter dir her ist“, entgegnete Brim, ein weiterer Berater, treuer Freund und noch dazu der Jüngste der Runde. Er lachte zusammen mit den anderen und donnerte seine Faust auf den Tisch.
„Jetzt lasst das arme Mädchen in Ruhe“, mischte sich da Balin ein, „Sie wird die nächsten Wochen ganz sicher keinen Spaß an ihrer Arbeit haben“
Wie immer ignorierten ihn die anderen und lachten munter weiter – ganz auf Kosten ihres ehrenwerten Königs, der noch immer wie ein Hund im Regen an derselben Stelle stand und die Brauen zusammenzog. Er wusste, dass er diese Geschichte noch wochenlang zu hören bekommen würde.
„Nun, wie sieht’s aus?“, fragte Dwalin, „Noch eine Runde?“ Er wedelte mit den einigermaßen trockenen Karten vor den Nasen der anderen herum und grinste breit. „Immerhin haben hier einige verdammt viel Geld gesetzt“
Gruur, Brim und Balin stimmten sofort zu, genauso wie Gloin, Oin und Bifur. Nur Garain und Fimar entschuldigten sich, da sie ähnlich viel wie Thorin abbekommen hatten und sich nichts sehnlicher wünschten, als nach Hause zu gehen, sich zu waschen und saubere Kleidung anzuziehen. Auch Thorin erklärte diesen Abend für beendet und verließ mit den anderen beiden das Zimmer, noch bevor die zweite Schankmaid überhaupt aufgetaucht war.

So sollte es geschehen, aber am Ende kam es doch ganz anders.

Die Valar hatten jedes einzelne Detail genau gesehen und warteten mit Spannung darauf, dass die Zwergin endlich das Zimmer betrat und die Geschichte ihren Lauf nahm. Die Tür öffnete sich, die Aufmerksamkeit der Zwerge richtete sich auf die Maid und die Kante im Boden wartete schon gespannt auf ihr Opfer.
Die Zwergin war noch immer aufgeregt und sie übersah auch dieses Mal den Riss, der ihr Untergang sein sollte. Nur entschied sie sich in diesem kurzen Moment nicht dazu, die Humpen zu retten, sondern der Schwerkraft freien Lauf zu lassen.
Sie strauchelte und fiel und mit ihr das Tablett, aber dieses Mal verteilte sich das Bier nicht auf dem Tisch, sondern über den gesamten Boden und verschenkte nur ein paar Spritzer an diejenigen, die ihr am nächsten saßen.
Totenstille lag über dem Raum, während die Zwergin am Boden saß und voll Grauen die Augen schloss. Wenigstens hast du nicht den König mit Bier übergossen. Vielleicht sieht er darüber hinweg.
„Habt Ihr Euch verletzt?“ Thorin war zusammen mit Garain und Fimar aufgesprungen und an die Seite der Zwergin geeilt, um ihr aufzuhelfen.
„Verzeiht, mein König. Es war nicht meine Absicht“
Thorin lächelte und reichte ihr das nasse Tablett. „Es ist nichts geschehen, wofür Ihr Euch entschuldigen müsstet. Nur passt beim nächsten Mal besser auf“
Die Zwergin nickte und eilte noch immer Entschuldigungen murmelnd nach unten, um Besen, Kehrblech und Tücher zu holen. Nie wieder. Sollte sie noch einmal geschickt werden, um Thorin Eichenschild Getränke zu bringen, würde sie sich mit allem wehren, was ihr zur Verfügung stand. Bis auf die Knochen hatte sie sich blamiert!
Oben in dem Raum grinste Gruur von einem Ohr zum anderen und klopfte Thorin auf die Schulter. „Die Weiber lassen sich auch immer neue Methoden einfallen, um dich rumzukriegen“
„Du bist doch nur eifersüchtig, weil das Frauenvolk nicht so hinter dir her ist“, entgegnete Brim und endlich erfüllte wieder Lachen den Raum. Selbst bei Thorin war ein kleines Lächeln zu sehen, als er sich zurück an seinen Platz setzte und seine Karten aufnahm.
Fimar war an jenem Abend derjenige, der am meisten von dem Bier abbekommen hatte und sich als Erstes verabschiedete. Der in die Jahre gekommene Zwerg mit den unzähligen Zöpfen hatte zwar einige Entschuldigungen parat, aber alle wussten, dass er Bier auf der Haut auf den Tod nicht ausstehen konnte. Und an Dwalin hatte er noch dazu viel Geld verloren.
Thorin blieb noch bis spät in die Nacht in der Taverne, lachte mit seinen Vertrauten, spielte ein Spiel nach dem nächsten und trank einige Humpen Bier.
Erst als die Sonne im Osten ihre ersten zarten Strahlen zeigte, verabschiedete er sich von Brim, Dwalin und Gloin und trat seinen langen Weg ins Zentrum der Stadt an. Niemand begegnete ihm zu dieser Uhrzeit und bis auf das dauerhaft präsente Fauchen der Schmieden einige Ebenen unter ihm lag schläfrige Stille über den Quartieren und Läden.
Zumindest bis ein Weinen an seine Ohren drang. Thorin stoppte und horchte auf. Hatte er sich das gerade eingebildet? Er horchte weiter in die Stille, die wie Watte auf seinen Ohren lag, aber die nächsten Minuten war nichts zu hören.
Gerade als er weitergehen wollte, erklang es erneut. Das musste jetzt aber echt gewesen sein! Egal, wie betrunken er jemals gewesen war, er hatte sich noch nie ein Weinen eingebildet! Er schwankte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, und hielt an einer Kreuzung inne. So tief nach unten wagten sich sonst nur die Schmiede und Tunnelgräber, aber als er noch einmal genau hinhörte, vernahm er das Weinen erneut. Etwas oder jemand war da unten!
Nun sicher in der Annahme, dass da eine Kreatur war, zog er seinen Dolch – sicher war sicher – und wagte sich in die Dunkelheit vor. Das Geräusch wurde immer lauter, bis er schließlich an einer Biegung unter dem Licht einer Fackel ein Bündel entdeckte. Thorin trat näher und hockte sich hin, um den Berg aus Stoff genauer in Augenschein nehmen zu können.
Ein Baby.
Der Zwergling zeigte ein schwaches, zahnloses Grinsen, als er diese seltsame, große Kreatur vor sich bemerkte, und strampelte wie wild in seinem Gefängnis. Keinen Tag konnte er alt sein. Nur was machte er dann allein so weit unten?
Thorin sah sich um, aber die langen Schatten machten es ihm unmöglich, etwas außerhalb des Lichtkegels zu erkennen. Wo war die Mutter? Keine Zwergin bei klarem Verstand ließ ihr Kind schutzlos in einem Gang zurück.
Als auch nach wenigen Minuten keine Regung zu entdecken war, seufzte er. Was machte er jetzt mit dem Kleinen? Hier liegen lassen stand völlig außer Frage. Auch wenn es eine kleine Chance gab, dass die Mutter zurückkehrte, so war sich Thorin nicht sicher, ob sein Gewissen akzeptieren würde, dass er einfach aufstand und ging.
Was würde das über seine Ehre sagen?
„Na komm, Kleiner“, sagte er und hob das Bündel vorsichtig hoch, „Lass uns an einen wärmeren Ort gehen, bis deine Amad zurückkommt“

Dís schreckte aus ihrem Schlaf hoch, als jemand kräftig gegen die Tür ihres Gemachs klopfte. Sie blinzelte und schälte sich nach einem kurzen Blick aus dem Fenster aus ihren Laken. Wer bei Mahal wollte unbedingt zu dieser frühen Stunde mit ihr sprechen?
Kaum hatte sie sich einen Mantel übergezogen und die Tür geöffnet, rauschte ein aufgeregter Thorin hinein und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen und seine Kleidung war knittrig und trug noch die Spuren von Bier.
„Mach weiter so und du weckst die Zwerglinge“, murrte Dís. Sie ließ sich in einem Sessel nieder und lehnte ihren Ellbogen auf den Tisch neben sich. Ihre Augen klebten noch vom Schlaf und sie wäre am liebsten gleich wieder in ihr Bett gekrochen, um die wenigen Stunden, die sie noch für sich selbst hatte, auszukosten.
Erst dann bemerkte sie das Bündel, das der König im Arm hatte, und die Müdigkeit war mit einem Schlag vergessen. „Thorin. Sag mir bitte nicht, dass das deins ist“
Er blieb abrupt stehen, blinzelte und schüttelte den Kopf.
„Ich habe ihn unten bei den neuen Tunneln gefunden“
Mit zwei langen Schritten war er bei seiner Schwester und legte ihr das Bündel in die Arme. Der Zwergling gähnte und streckte sich, schlief aber weiter den Schlaf der Gerechten. Dís entfernte einige Lagen der Stoffe und begutachtete das Kleine von allen Seiten.
„Sie ist vielleicht ein paar Stunden alt“, sagte sie, „Wo, sagtest du, hast du sie gefunden?“
„Sie?“ Thorin verschränkte die Arme und schaute auf das Kleine herab. Eine Zwergin. Bei Mahal! Zwerginnen waren schon selten genug, aber dann brachte es jemand auch noch übers Herz, sie irgendwo in der Stadt liegen zu lassen? In was für einer Welt lebte er eigentlich?
„Ja, sie. Und jetzt erzähl mir ganz genau, wo du sie gefunden hast“, antwortete Dís mit einer Spur Ungeduld in der Stimme, während sie die Kleine wieder fest in die Tücher wickelte.
Thorin erzählte dabei, wie er den Zwergling in den Gängen gefunden hatte, aber keine Spur der Mutter entdecken konnte, und wie er sich dann dazu entschieden hatte, das Bündel mitzunehmen. Dís nickte hier und dann, behielt ihren Blick aber fest auf dem Neuankömmling.
„Was machen wir jetzt mit ihr?“, fragte der König. Dís blickte hoch und wirkte sichtlich irritiert.
„Wir? ICH mache gar nichts. Immerhin habe ich schon zwei Zwerglinge, die mir genug graue Haare bescheren“
„Na schön, Schwester. Was soll ICH deiner Meinung nach tun?“
Dís lächelte und reichte ihm den Zwergling zurück. Eine Durchtriebenheit stand in ihrem Blick, wie Thorin sie noch nie bei ihr gesehen hatte, und er ahnte, dass das für ihn nicht gut ausgehen würde.
„Du ziehst sie groß, ganz einfach. Wir müssten natürlich eine Amme finden und eine öffentliche Erklärung formulieren, aber du als König solltest damit keine Schwierigkeiten haben“
Thorin schluckte und sah zu dem Bündel in seinen Armen. Die Kleine war auf dem Weg zu den königlichen Gemächern bereits nach wenigen Minuten tief und fest am Schlafen und auch jetzt merkte sie nicht, was für einen Trubel sie verursachte.
„Dís, das geht nicht! Ich bin der König und keine Amme. Wie soll ich meinen Verpflichtungen nachgehen und gleichzeitig einen Zwergling großziehen?“
„Papperlapapp“, wank seine Schwester ab, „Das haben schon andere vor dir geschafft“
Eine bedrückende Stille senkte sich über den Raum, während Thorin seine Optionen durchging. Es bestand noch immer die Chance, dass die Mutter auftauchte und ihr Kind für sich beanspruchte und wer war er, um dies dann zu verweigern?
Andererseits, wenn die Mutter nicht erschien, könnte er die Kleine an eine gute Familie geben. Vielleicht an einen seiner Vertrauten. Niemand von ihnen würde sich die Ehre eines Kind entgehen lassen.
Sicher, die Söhne waren für jeden Zwerg etwas Besonderes, aber am Ende waren es die Töchter, die den wahren Schatz der Zwerge darstellten. Zu wenige gab es von ihnen, als dass auch nur auf eine verzichtet werden konnte, und Thorin hatte genauso einen Schatz gerade in seinen Armen.
Die Kleine streckte sich und öffnete langsam ihre Augen. Dunkel waren sie. So dunkel, dass man meinen konnte, sie blickte einem bis auf den Grund der Seele. Das Wesen vor sich kannte sie bereits und es hatte ihr bisher nichts getan, also gähnte sie und blickte ruhig zu ihm herauf.
„Ich weiß, was du versuchst“, sagte Thorin aus zusammengebissenen Zähnen, „Und das funktioniert bei mir nicht“
Ein wissendes Lächeln breitete sich auf Dís‘ Zügen aus, als sie ihren Bruder so beobachtete. Noch hatte er es nicht verstanden, aber sie wusste mit Sicherheit, dass er in diesem Moment sein Herz verschenkt hatte. Wie lange hatte sie darauf gewartet, dass eine Zwergin kam und das Unmögliche vollbrachte?
Das Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, während sie beobachtete, wie die Züge des Zwerges vor ihr mit jeder Minute weicher wurden und er sich entspannte.
„Sie bleibt, bis ihre Mutter sich meldet“, entschied Thorin, auch wenn ein leichtes Zittern in seiner Stimme seine Unsicherheit verriet. Na endlich!
Dís schlug begeistert in die Hände und sprang aus ihrem Sessel auf.
„Sehr schön! Nun, es gibt einiges zu organisieren. Entschuldige mich bitte kurz“ Sie rauschte aus dem kleinen Empfangszimmer hinüber in ihr Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Thorin seufzte und ließ sich auf dem nun leeren Sessel nieder. Die lange Nacht forderte kompromisslos ihren Tribut, nachdem er sich so lange dagegengestemmt hatte. Seine Sicht flackerte schon seit einigen Minuten und seine Lider wurden immer schwerer.
Als Dís fertig angezogen zurückkehrte, hob sie die Augenbrauen und strich sich über ihren Bart.
In ihrem Sessel saß Thorin und schlief tief und fest, den Zwergling auf den Armen und mit so entspannten Gesichtszügen, wie sie sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.
„Dann muss ich mich wohl allein um die Angelegenheit kümmern“, murmelte sie und trat auf die gegenüberliegende Tür zu, die zum Zimmer ihrer Jungs führte. Sie würde sie wecken, sie mit zum Frühstück nehmen und sich danach um Alles kümmern, was erledigt werden musste.
Was sie dabei jedoch nicht sah, war die kleine Zwergin, die mit großen Augen zu ihrem neuen Beschützer aufsah und still darauf wartete, dass er sie wieder anlächelte.

~*~

Ja, es ist vielleicht nicht das, was sich einige erhofft haben, aber ich habe jetzt vier Wochen nichts von mir hören lassen und diese kleine Geschichte hat auf meinem Laptop Staub gefangen.
Sie war der eigentliche Beginn meiner Geschichte "Wintersonnenwende", die erzählt, wie Thorin damals zu Naín gekommen ist. Wie bekannt ist, hat sie es nicht ins fertige Projekt geschafft. Deswegen habe ich entschieden, sie als separate Kurzgeschichte hochzuladen.

Ich hoffe sehr, dass sie euch gefallen hat ^^

Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende
Izzy
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