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Väter

KurzgeschichteFamilie / P12 / Gen
Bain Bard Legolas Sigrid Tauriel Thranduil
15.04.2021
15.04.2021
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Väter


Als ihm mitgeteilt wird, dass zwei Kinder im Düsterwald aufgegriffen wurden, hält Thranduil das zunächst für eine Lappalie. Doch dann kommen nicht nur kursierende Gerüchte ans Tageslicht, sondern auch sorgsam bewahrte Emotionen zwischen ihm und seinem Sohn. [Spielt vor den Ereignissen im „Hobbit“.]




Es war bitter kalt in Thranduils Hallen. Wo keine Kohlebecken standen, waren die Felswände von einer dünnen Eisschicht überzogen. Und obwohl die Elben mit diesen Temperaturen weit besser zurechtkamen, als manch anderes Volk in Mittelerde, drängten sich viele von ihnen um die wärmenden Feuerstellen. Aber es wurde augenblicklich Haltung angenommen, als ihr Prinz mit ernster Miene und blaugefrorenen Lippen vorübereilte.
„Ich will Essen und heißen Wein für jeden meiner Soldaten!“, ordnete er brüsk an, ohne sich zu vergewissern, ob seinen Befehlen Folge geleistet wurde.

Legolas betrat das Arbeitszimmer seines Vaters und verzichtete darauf, vorher anzuklopfen. Ein Privileg, dass einzig und allein ihm zustand. Die Wärme, die ihm entgegenschlug, ließ ihn für einen kurzen Moment genießend die Augen schließen. In dem offenen Kamin, der kunstvoll in den Fels geschnitzt worden war, loderte ein ansehnliches Feuer. Thranduil stand direkt davor: Die Brauen missmutig zusammengezogen; eingehüllt in eine bodenlange, bronzefarbene Robe, die an Saum und Kragen mit weichem Kaninchenfell verbrämt war - und hielt mit spitzen Fingern ein Tintenfass über die Flammen.
„Nicht jetzt!“, zischte er ungehalten.
„Es wäre wichtig“, entgegnete Legolas ruhig, worauf hin Thranduil sichtbar ein Seufzen unterdrückte.
„Dann sprich. Aber rasch, ehe mir die Tinte wieder anfängt zu gefrieren.“ Mit drei langen Schritten war er zurück an seinem Schreibtisch und nahm Platz.
„Warum bist du überhaupt schon wieder zurück?“, erkundigte er sich mäßig interessiert, während er die vor ihm liegenden Pergamentseiten neu sortierte, „Wolltet ihr nicht mehrere Tage fortbleiben?“  
Legolas trat vor den Kamin und streckte die Hände dem Feuer entgegen; wohlwissend, dass er damit jegliche Wärme von seinem Vater abschirmte.
„Es gab unerwartete Probleme.“
„Welcher Art?“
„Wir haben zwei Menschen im Wald aufgetrieben. Zwar nur leicht verletzt, aber deutlich unterkühlt. Sie hätten die Nacht nicht mehr überlebt.“
„Dann gib ihnen Wein und Essen, und sieh‘ zu, dass du sie wieder loswirst“, befahl Thranduil und stieß den Federkiel energischer in die Tinte, als es notwendig gewesen wäre.
„Menschen!“, schnaubte er, „Ich kann nicht fassen, dass du für so eine Lappalie einen ganzen Trupp Soldaten zurückbeorderst.“
„Es sind Kinder, Vater“, wandte Legolas geduldig ein. Als er über seine Schulter zurücksah, begegnete er Thranduils überraschtem Blick. Endlich hatte er dessen Aufmerksamkeit.

*

Hoch erhobenen Hauptes saß Thranduil auf seinem Thron, während ihm – flankiert von Legolas und Tauriel – tatsächlich zwei Kinder vorgeführt wurden. Sie waren beide kalkweiß im Gesicht und von seiner Erscheinung sichtlich eingeschüchtert. Das Mädchen wagte es kaum den Blick zu heben. Der Knabe schien zwar jünger zu sein als sie, trat aber mutig noch einen Schritt nach vorne und versuchte sich an einer ungelenken Verbeugung.
„M-mein Herr Thranduil, wir danken Euch für Eure …“
„Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst!“ Thranduil hatte kaum die Stimme erhoben. Trotzdem zuckte der Junge zusammen und nickte gehorsam.
„Wie sind eure Namen?“
„Ich bin Bain, Herr. Und das ist meine Schwester Sigrid. Wir kommen aus der Seestadt.“
„Und was hattet ihr in meinem Wald verloren?“ Thranduil taxierte ihn, wie eine Schlange das Kaninchen und konnte genau erkennen, dass Bain krampfhaft schluckte.
„Wir … wir haben uns verlaufen“, stotterte Bain. Bei dieser Antwort verflog die Strenge des Elbenkönigs ein wenig. Seine Mundwinkel zuckten spöttisch.
„Natürlich hattet ihr euch verlaufen. Verkauf‘ mich nicht für dumm, Junge. Ich will wissen, aus welchem Grund ihr euch überhaupt ohne Begleitung Erwachsener bis in den Düsterwald vorgewagt habt.“
Bain presste die Lippen zusammen, senkte gleichzeitig den Blick und schwieg beharrlich. Thranduil ließ ihn für einige Minuten in dem Glauben, er könne die Wahrheit vor ihm verbergen. Dann lehnte er sich entspannt zurück und schlug die Beine übereinander.
„Vielleicht sollten wir ihnen doch einen Krug Wein einflößen“, sagte er an Legolas gewandt, „Das lockert die Zunge. Alternativ kann ich noch eine Nacht in meinem Kerker anbieten. Ich fürchte nur leider, dort unten könnte es um diese Jahreszeit ausgesprochen kalt werden.“

Das Mädchen keuchte unterdrückt auf und krallte sich an den Arm seines Bruders. Auch in Bain kam wieder Leben.
„Wartet, Herr!“, stieß er hervor und stolperte dabei regelrecht über die Worte, „Ich … wir … wir sind auf der Suche nach unserem Vater! Er ist mit einem Jagdtrupp in Euren Wald aufgebrochen – wir wissen, dass das nicht erlaubt ist. Aber der Winter ist ungemein hart in diesem Jahr. Es gibt kaum noch genug zu Essen. Die Fischerei allein reicht nicht mehr.“ Bain musste nach Luft schnappen, so schnell hatte er gesprochen. Falls Thranduil über das gebrochene Verbot erzürnt war, ließ er es sich nicht anmerken. Stumm forderte er Bain auf, mit seiner Erklärung fortzufahren.
„Vor ein paar Tagen kamen die Männer dann zurück, aber ohne ihn. Sie haben gesagt, sie wären von Orks überrascht worden und hätten Vater während des Kampfes aus den Augen verloren. Einer von ihnen will gesehen haben, wie er sich weiter in den Wald geflüchtet hat. Wir glauben einfach nicht daran, dass er tot sein soll. Er ist stark! Deswegen sind wir losgezogen, um ihn zu suchen.“
„Wie überaus töricht“, merkte Thranduil kühl an.
„Wir hatten gehofft, ihm auf dem Weg zum Wald zu begegnen.“ Zum ersten Mal ergriff nun Sigrid das Wort. „Und dann wollten wir uns wirklich nur bis in die Ausläufer vorwagen“, flehte sie.
„Der Düsterwald ist für Menschenkinder immer gefährlich, meine Kleine. In jedem Abschnitt und zu jeder Jahreszeit. Wenn der Seestädtler euch das nicht beigebracht hat, hat er als Vater versagt!“, fuhr Thranduil ihr über den Mund.
Ein Ruck ging durch Bains Körper. Von einem Augenblick auf den anderen, war alle Furcht aus seinem Gesicht verschwunden. Zurück blieb blanker Zorn.
„So wie Ihr?“, platzte es aus ihm heraus.

Auf einen Schlag herrschte Totenstille. Legolas, Tauriel, Sigrid, die Wachen am Eingang und die vorbeieilenden Diener – ausnahmslos Jeder, der Zeuge des Ausbruchs geworden war, hielt den Atem an. Thranduil selbst war über diese Dreistigkeit so fassungslos, dass ihm tatsächlich die Worte fehlten. Und in der Sekunde, die er gebraucht hätte um wütend zu werden, reagierte Legolas.
„Wie kannst du es wagen?!“, fauchte er. Mit einem Satz war er neben dem Jungen und packte ihn im Genick. Bereit, ihn durchzuschütteln wie ein lausiges Kaninchen. Es war reines Glück, dass er den warnenden Fingerzeig seines Vaters aus dem Augenwinkel noch bemerkte.
„Legolas.“ Mehr sagte Thranduil nicht, als er aufstand und die Stufen zu seinem Thron hinabstieg. Geschmeidig, lautlos und gefährlich lauernd. Ein Bild, das Bain den Kopf zwischen die Schultern ziehen ließ, auch als Legolas ihn längst losgelassen hatte.
„Wie ist der Name eures Vaters?“, wollte Thranduil wissen.
„Bard, Herr.“ Sigrid antwortete an Bains Stelle und dafür war er seiner Schwester unendlich dankbar. Genauso wie für die Tatsache, dass sie sich eng an seine Seite drückte – ungeachtet des Elbenprinzen, der immer noch in nächster Nähe stand.
„Gut. Legolas, Tauriel – ihr werdet ihn suchen. Seid spätestens im Morgengrauen wieder hier. Elvea, bring das Mädchen in die Küche und gib ihm dort zu essen“, Thranduil erteilte diese Anweisungen, ohne die Augen auch nur für einen Moment von Bain abzuwenden. Sein Blick war nahezu starr.
„Ich möchte allein mit dem Jungen reden.“
Sigrid unterdrückte einen Aufschrei, was Thranduil mit einem kaum sichtbaren Schmunzeln zur Kenntnis nahm.
„Sei unbesorgt, ich verspeise keine Menschen. Und jetzt geht. Alle!“
Auf diesen letzten Befehl hin, entfernten sich Tauriel und Legolas mit einer knappen Verbeugung, und Sigrid wurde sanft aber bestimmt von der Elbin aus dem Thronsaal geführt, die Thranduil eben herbeigerufen hatte.  

Langsam und bedächtig umrundete Thranduil den Jungen und musterte ihn dabei kalt. Die Stille schnürte Bain die Luft ab. Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören.
„Verzeiht, Herr …“, würgte er hervor.
„Was reden sie?“, wollte Thranduil wissen, ohne dabei auf die Entschuldigung auch nur im Geringsten einzugehen. Und als Bains Zögern zu lange andauerte, da er die Frage nicht recht verstand, setzte er hinzu: „Die Leute aus der Seestadt, was reden sie? Irgendwo musst du deine haltlosen Anschuldigungen schließlich herhaben.“
„Es sind nicht alle, die so über Euch … ich meine“, Bain holte tief Luft und schloss für einen Moment die Augen, um sich zu sammeln. Er durfte jetzt nichts Falsches sagen. Und gleichzeitig wusste er, dass König Thranduil hier etwas anderes als die Wahrheit nicht dulden würde.
„Die Menschen wissen, was sie dem Handel mit Eurem Volk zu verdanken haben. Sie achten und fürchten Euch gleichermaßen. Nur manchmal, da … Die Frauen sagen, dass Ihr zu dem Prinzen gewiss viel zu streng gewesen seid. Dass Ihr ihm kein richtiger Vater ward. Das könne man sofort an seinem Wesen sehen. Und dass es ihm sicher besser ergangen wäre, wäre Eure Königin …“ Den letzten Rest seiner Erklärung verschluckte Bain. Er hatte zu viel gesagt. An dem Spiel seiner Kiefermuskeln, konnte er erkennen, wie sehr Thranduil die Zähne aufeinanderbiss. Und für einen winzigen Moment meinte Bain in den Augen des Elbenkönigs denselben Ausdruck zu sehen, den er von seinem eigenen Vater so gut kannte; wenn Bard abends erschöpft und allein am Esstisch saß und sich unbeobachtet fühlte. Doch Thranduil hatte sich schnell wieder unter Kontrolle.
„Menschen!“, seine Stimme bebte vor Verachtung, „Schwache Geschöpfe. Viel zu leichtgläubig. Reden von Dingen, die sie nicht im Mindesten verstehen.“

Ungeduldig fing er an, vor Bain auf und ab zu schreiten. Sein Ton hatte beinahe etwas Belehrendes an sich und Bain hörte ihm mit aller Aufmerksamkeit zu, um ihm nicht doch noch einen Grund zu liefern wütend zu werden.
„Legolas ist ein Prinz, kein einfacher Menschenjunge. Für ihn gelten andere Regeln. Ich musste ihn stark machen, damit er in der Welt da draußen überleben kann. Er hat eine enorme Verantwortung zu tragen und auf genau die habe ich ihn vorbereitet. Und das nennt ihr Menschen also ‚Versagen‘!“ Thranduil bohrte seinen Blick in Bains Augen. „Mag sein, dass ich strenger zu ihm war, als dein Vater zu dir. Dafür ist mein Sohn jetzt aber auch kein verantwortungsloser Dummkopf. Legolas hätte seine Schwester niemals in solche Gefahr gebracht und wäre mit ihr im tiefsten Winter ziellos durch den Düsterwald gestreift.“
Bain zuckte zusammen. Der Vorwurf tat weh.
„Sigrid wollte mich unbedingt begleiten“, versuchte er zu erklären, „Sie ließ sich das nicht ausreden. Unsere jüngste Schwester ist in der Obhut einer Nachbarin geblieben …“
Aber Thranduil schien ihm gar nicht zuzuhören: „Ich kenne die Fähigkeiten meines Sohnes. Und ich vertraue auf sie.“
„Deswegen habt ihr gerade ihn noch einmal losgeschickt“, Bain begann zu verstehen. Und in den Zügen des Elbenkönigs las er plötzlich einen Hauch von Anerkennung.
„Glaube mir: Wenn jemand deinen Vater da draußen aufspürt, dann Legolas!“

*

Wachsam duckte Tauriel sich unter einem herabhängenden Ast hindurch. Es war gespenstisch still. Der Schnee reflektierte zwar das wenige Mondlicht, sodass sie ein bisschen besser sehen konnten; andererseits schluckte er aber auch jedes Geräusch. Das war nicht gut. Die Riesenspinnen würden sich diesen Umstand zunutze machen. Sie waren schlau und hielten schon lange keine Winterruhe mehr. Nicht, wenn die Nahrung knapp war und es um sie her von Feinden nur so wimmelte.
„Hätte er sich im südlichen Bezirk aufgehalten, hätte ihn Ithuriels Patroillentrupp finden müssen. Wir selbst waren die letzten Tage im Norden und Nordosten. Keine Spur. Weder von einem Menschen, noch von einem Kampf gegen Orks …“, überlegte sie halblaut, während sie neben ihrem Hauptmann über Baumwurzeln kletterte und dabei stetig die Umgebung im Auge behielt, „Ob er es geschafft hat, sich bis nach Westen durchzuschlagen? Er kann natürlich immer noch den Spinnen in die Fänge geraten sein. Dann ist er auf jeden Fall tot.“
Legolas brummte nur eine kaum verständliche Zustimmung. Sein Blick war in sich gekehrt. Er hörte ihr nicht zu. Er war nicht aufmerksam wie sonst. Tauriel ahnte, was ihn beschäftigte.
„Geht dir das, was im Thronsaal geschehen ist, immer noch so nach?“, fragte sie behutsam. Die vertrauliche Anrede wollte ihr dabei nicht recht über die Lippen kommen. Legolas gestattete ihr erst seit Kurzem, ihn beim Vornamen zu nennen.
Er seufzte schwer, schüttelte verneinend den Kopf und sah trotzdem so aus, als wolle er sich am liebsten die Haare raufen. Und dann brach all sein Ärger an die Oberfläche: „Wie konnte ich nur? Wie konnte ich mich so gehen lassen? Selbstbeherrschung – das hat mein Vater mir mein ganzes Leben lang eingebläut! Und dann geschieht sowas ausgerechnet vor seinen Augen. Was mag er jetzt nur von mir denken?“ Seine Stimme kippte in Resignation. Tauriel streckte die Hand aus und berührte ihn leicht am Oberarm.
„Du hast ihn nur verteidigt.“
Doch damit drang sie nicht zu ihm durch. Legolas warf ihr lediglich einen ungeduldigen Blick zu.
„Vater muss von niemandem verteidigt werden. Und von mir am allerwenigsten“, erklärte er brüsk, straffte die Schultern und setzte sich wieder in Bewegung. Tauriel folgte ihm mit bekümmert gefurchter Stirn. Es gefiel ihr nicht ihn so melancholisch zu sehen. Wie würde sich das auf seine Fähigkeiten im Kampf auswirken?

Plötzlich drangen von weit her Geräusche durch die Nacht. Dumpfer Kampfeslärm. Ein Hauen und Stechen. Alarmiert blickten sie sich an und Tauriel formte mit den Lippen eine einzige, lautlose Warnung: Orks! Legolas nickte grimmig. So schnell sie konnten, eilten sie nebeneinander über die unberührte Schneedecke.
Sie hatten ihr Ziel noch nicht ganz erreicht, da drang Tauriel bereits der ekelerregende Gestank von Orkblut in die Nase. Und dann sahen sie vier der Bestien tot am Boden liegen. Ein Ork stand noch. Und vor ihm, mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gedrängt, ein Mann. Es war offensichtlich, dass der Mensch sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Er atmete schwer, sein Schwertarm zitterte vor Anstrengung und aus einer Platzwunde an der Stirn lief ihm Blut über das Gesicht. Sie schienen gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein. Tauriel legte blitzschnell einen Pfeil in die Sehne und zielte. Und Legolas tat es ihr gleich. Sein Pfeil traf den Ork zwischen die Schulterblätter ins Herz; Ihrer durchbohrte seinen erhobenen Arm und verhinderte den geplanten Angriff. Besser hätten sie nicht zusammenarbeiten können. Tauriel fühlte einen Anflug von Stolz in sich aufsteigen und konnte nur mühsam ein Lächeln unterdrücken.

Erleichtert sank der Fremde in sich zusammen, kaum, dass die Gefahr gebannt war.
„Seid Ihr Bard, aus der Seestadt?“, fragte Tauriel und kniete sich neben ihn. Sie erhielt ein erschöpftes Nicken zur Antwort.
„Habt Ihr etwa nach mir gesucht?“, ächzte er.
Legolas besah sich unterdessen beinahe anerkennend die gefallenen Orks.
„Gar nicht schlecht, für jemanden in Eurer Verfassung!“, lobte er. Allerdings mit einem überheblichen Lächeln im Gesicht, und das entging auch Bard nicht.
„Macht es Euch Spaß einen Schwerverletzten zu verspotten, der sich kaum mehr rühren kann, Legolas, Sohn Thranduils?“
„Wie wäre es mit einem angemessenen Dank, statt Euch zu beschweren?“, gab Legolas ebenso gereizt zurück. Tauriel wäre um ein Haar vor ihm zurückgewichen. Ihm war vermutlich selbst nicht einmal bewusst, wie ähnlich er seinem Vater in diesem Moment sah. Es waren dieselben Gesichtszüge, hart wie Stein. Dieselbe Autorität.
Demütig neigte Bard den Kopf: „Verzeiht, mein Prinz. Natürlich bin ich Euch zu Dank verpflichtet. Ihr habt mein Leben gerettet.“
„Schon besser“, murmelte Legolas. Dann trat er neben ihn, legte sich seinen Arm um die Schulter und half ihm beim Aufstehen.
„Ihr kommt mit uns“, befahl er.
„Nein, Herr!“, protestierte Bard sofort; die Zähne dabei vor Schmerz aufeinandergebissen, „Ich bin schon viel zu lange fort. Ich muss nach Hause. Bitte! Begleitet mich nur noch bis zu den Grenzen Eures Königreiches. Ab da schaffe ich es allein.“
Doch Legolas blieb unerbittlich: „Ihr kommt mit uns zurück zum Palast!“
„Man erwartet Euch dort“, fügte Tauriel sanfter hinzu.

*

Bain saß neben seiner Schwester an der langen Tafel, an welcher sonst die Dienerschaft speiste, und war so müde, dass er das geschäftige Treiben um sich her gar nicht mehr recht wahrnahm. In der Palastküche war es behaglich warm, obwohl sie ausgesprochen weitläufig war. Bain hatte noch nie eine größere Feuerstelle gesehen.
„Möchtest du noch etwas?“, fragte Elvea mit ihrer sanften Stimme und er lehnte dankbar ab. Die klare Suppe, die die Waldelben ihm vorgesetzt hatten, war köstlich gewesen. Sie hatte ihn gewärmt bis ins Mark und ließ ihn jetzt angenehm schläfrig werden. Schwer lehnte er den Kopf an Sigrids Schulter. Mit einem Mal war es ihm gleichgültig, dass er schon lange kein Kind mehr war. Die Erschöpfung und die ausgestandene Angst der letzten Tage forderte ihren Tribut. Er hätte bis in alle Ewigkeit so mit ihr sitzen können.
„Sie sind schon so lange fort“, wisperte Sigrid bang, „Was, wenn sie ihn nicht finden? Oder wenn er tot ist? Was sollen wir denn dann tun?“ Bain hörte, dass sie kurz davor war in Tränen auszubrechen. Auch ihre Kräfte gingen zu Ende.
„König Thranduil hat mir versichert, dass der Prinz erfolgreich sein wird. Und ich hab Vertrauen in sein Wort.“
„Weshalb?“
„Weiß nich‘“, nuschelte Bain. Ja, was war es gewesen, dass ihn den Elbenkönig plötzlich nicht mehr fürchten ließ? Das Gespräch mit ihm? Oder diese eine Sekunde, in der er so traurig und zerbrochen ausgesehen hatte?
Einer der Elbenkrieger unterbrach seine Überlegungen. Er blieb kerzengerade vor ihm und Sigrid stehen, lächelte ihnen aber ermutigend entgegen.
„Prinz Legolas und Tauriel sind zurück“, berichtete er, „Und das nicht allein. Sie haben tatsächlich Jemanden im Wald aufgetrieben.“
Bain war auf einen Schlag hellwach. Hoffnungsvoll begegnete er Sigrids Blick. Dann hielt die Beiden nichts mehr auf ihren Plätzen.

Als Bard gewahr wurde, wer da in der Eingangshalle auf ihn zueilte, schien es als würden die Beine endgültig unter ihm nachgeben. Ein Keuchen brach aus seiner Kehle, er riss die Augen auf und dann machte er sich blitzartig von Legolas los und stolperte seinen Kindern mit langen Schritten entgegen. Und sie fingen ihn auf. Stützten ihn. Sigrid barg das Gesicht schluchzen an seiner Schulter. Bain schluckte gegen den Kloß in seiner Kehle an. Er wagte es wegen der vielen Verletzungen kaum, seinen Vater an sich zu drücken und hätte ihn doch am liebsten nie wieder losgelassen.
„Was tut ihr hier? Himmel, was tut ihr hier?“, fragte Bard wirr, während er sich hilflos an sie klammerte. Keiner von ihnen bemerkte den Elbenkönig, der erhaben am anderen Ende der Halle erschienen war und die ganze Szene aus kalten Augen ausdruckslos beobachtete.
Erst als er sich ein wenig von seinen Kindern löste, wurde Bard auf die hochgewachsene Gestalt Thranduils aufmerksam. Und langsam begann er zu ahnen, was geschehen war. Er kannte seinen Sohn und dessen Hang zum Wagemut.
Ehrfürchtig begegnete er dem ernsten Blick: „Ihr habt meinen Kindern Zuflucht gewährt. Ihr habt sie bei Euch aufgenommen. Wie soll ich Euch dafür nur jemals angemessen danken?“
„Noch so ein Speichellecker“, stellte Thranduil trocken fest, „Meinen Glückwunsch, Junge. Du kommst genau nach deinem Vater.“ Ohne Eile kam er auf sie zu und richtete seine Ausführungen dabei nur an Bain: „Ihr könnt bleiben, bis ihm wieder besser geht. Unsere Medizin sollte schnell wirken. Deine andere Schwester wird also nicht mehr allzu lange auf euch warten müssen. Ich stelle euch Begleitschutz bis zur Seestadt zur Verfügung. Und genügend Lebensmittel, damit ihr ohne zu hungern durch den Winter kommt. Und lass‘ ruhig jeden wissen, wem ihr diese Aufmerksamkeit zu verdanken habt. Nur, damit zur Abwechslung einmal das Richtige die Runde macht.“
Bard entgleisten die Gesichtszüge. Sein Sohn erwiderte den bedeutungsschweren Blick des Königs mit einem unterdrückten Grinsen und auch um Thranduils Mundwinkel spielte ein Lächeln.
„Bring sie in die Halle der Heilung, Tauriel“, befahl er abschließend.  

Während er der kleinen Gruppe noch stumm nachsah, bemerkte Thranduil aus dem Augenwinkel, wie Legolas den Platz an seiner Seite einnahm. Und er fühlte sofort, wie angespannt er war. Dass er unablässig die Faust ballte und wieder öffnete, brauchte er nicht einmal zu sehen. Er wusste, dass es so war.
„Sprich“, forderte Thranduil ihn ruhig auf.
„Ich wollte mich entschuldigen. Für meinen Ausbruch heute. Das war nicht angemessen. Es kommt nicht wieder vor.“
„Diese Entschuldigung hat wohl kaum mir zu gelten. Schließlich war dein Zorn gegen den Jungen gerichtet.“
„Ich weiß“, sagte Legolas hastig, „Ich wollte nur, dass du weißt …“ Ihm blieben die Worte im Hals stecken. Thranduil sah ihn jetzt aufmerksam an, wodurch sich Legolas der Magen zusammenzog. Er hätte das Gespräch lieber ohne Blickkontakt weitergeführt.
„Er lag nun einmal so falsch … Du hast nicht versagt.“
„Natürlich nicht“, gab Thranduil zur Antwort. In seiner Stimme schwang ein Lächeln mit. „Sieh‘ dich doch an.“
Legolas stellten sich bei diesem weichen Klang die Nackenhaare auf. Wie in dem Moment, als er durchgefroren an das Kaminfeuer im Arbeitszimmer getreten war. Und als sein Vater den Arm ausstreckte und ihm noch einmal die Schulter drückte, ehe er sich abwandte, war er sicher, sich den Stolz in seinen Augen nicht nur eingebildet zu haben.



ENDE
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