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SPN Countdown - nur noch 16 Tage bis Beltane - Beltane-Feuer

von Nyta
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Dean Winchester Sam Winchester
14.04.2021
14.04.2021
1
6.279
18
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Dieses Kapitel
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14.04.2021 6.279
 
Willkommen zum ersten SPN-Beltane-Countdown. Wir haben nach einer Alternative für den Oster-Countdown zwischen Ostern und Halloween gesucht und sind bei Beltane gelandet. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die bei dem Countdown mitwirken. Ich bin gespannt und freue mich auf jeden einzelnen Beitrag.
Und wie immer gilt für alle die lesen: Lasst bitte eine Rückmeldung da! Jede freut sich über Sternchen und Reviews.

Zu diesem Beitrag:
Ich wollte zur Countdown-Eröffnung Beltane zum Inhalt machen. Natürlich habe ich nur einen kleinen Aspekt des Festes herausgegriffen und mir auch, ganz im SPN-Stil, einiges zurechtgebogen.

Es gibt keinen Staffelbezug. Die Geschichte könnte irgendwann Ende April nach der vierten Staffel spielen. Daher gibt es keine weiteren Spoiler.

Mir gehört leider immer noch nichts von dieser Serie und schreibe nur zur Unterhaltung.

Betagelesen hat Tatu, die mir mit ihrer endlosen Geduld und ihrem großen Engagement eine sehr wertvolle Hilfe ist. Vielen lieben Dank!

Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen von dieser und den 16 weiteren Geschichten dieses Countdowns.





Beltane-Feuer



Er prügelt immer wieder und wieder auf den Körper ein. Das Blut spritzt ihm ins Gesicht und über seine Kleidung. Trotzdem kann er nicht aufhören. Sie ist nicht tot. Ich muss sie töten, sonst wird sie weiter morden. Abermals holt er mit seiner Faust aus und schlägt hart in die blutige Fratze unter ihm. Der Körper bewegt sich nicht. Dennoch hört er nicht auf, auf die wehrlose Frau einzuprügeln. Ihr Gesicht, blutend und verquollen, kaum mehr als solches zu erkennen. Das Blut färbt inzwischen die blonden Haare rot. Geht er zu weit? Nein, sie ist gefährlich. Sie tötet. Er muss sie ausschalten. Verhindern, dass sie nochmals mordet. Sie ist das Monster, nicht er. Er ist der Jäger und auf der Jagd. Das ist seine Aufgabe. Er schlägt weiter. Nur um sicherzugehen. Hat er nicht sein Messer dabei? Wie konnte er das vergessen? Er muss sicherstellen, dass sie tot ist. Ihr das Herz herausschneiden und es zerstören. Über ihr kniend zieht er seinen Dolch aus seinem Gürtel. Setzt über ihrer Brust an und holt aus. Mit einem lauten Schrei und viel Kraft rammt er ihr die Klinge in den Brustkorb. Mitten ins Herz.

„Dean! Dean, wach auf!“

Dean schreckt von Sams Stimme auf. „Was? Was ist denn?“ Orientierungslos und verwirrt schaut er sich im dunklen Motelzimmer um. Es ist kaum etwas zu erkennen. Es muss mitten in der Nacht sein und er hat nur geträumt, stellt er erleichtert fest. Neben seinem Bett sieht er Sams Umriss. Seine wirren Haare zeichnen sich ab.

„Du hast im Schlaf geschrien und um dich geschlagen. Was hast du denn geträumt?“

Dean fährt sich mit der Hand über sein Gesicht. „Nichts Wichtiges.“ Dean schlägt die Decke zurück und will ins Badezimmer gehen. Er braucht einen Schluck Wasser gegen sein trockenes Gefühl im Mund.

„Dean, was ist das?“ Die Frage lässt Dean innehalten. Sam schaltet das Licht an. Mit einem Entsetzen in der Stimme fragt er: „Warum bist du voller Blut? Bist du verletzt? Was ist passiert?“

Dean sieht an sich herunter und auf das Bett. Alles rot. Überall ist Blut. An seiner Kleidung, an seinen Armen und Händen, auf der Bettwäsche.

„Nein. Ich glaube nicht, dass ich verletzt bin. Ich ... ich weiß nicht woher ...“, stammelt Dean. Das war doch nur ein Traum!

Sam greift nach Deans Armen, dreht sie, sucht nach einem Grund für das viele Blut. Dann tastet er Deans Oberkörper grob nach Verletzungen ab. „Nein, da ist nichts. Dean, wessen Blut ist das?“ Dean sieht ihn verwirrt an. „Wovon hast du geträumt?“, fragt Sam weiter.

„Es war ein Traum! Es war doch nur ein Traum!“ Dean schüttelt den Kopf. Das konnte nicht wirklich passiert sein. Er würde nie so weit gehen ...

„Dean! Wovon?“ Sams Stimme wird eindringlicher.

Dean schließt die Augen und atmet tief durch, bevor er antwortet. „Eine Hexe. Ich habe eine Hexe getötet. Es war ein Traum.“

Sam zieht die Augenbrauen zusammen. „Blutig?“

Deans Herz beginnt zu klopfen und sein Kiefer verkrampft sich. Was will Sam ihm hier unterstellen? Er steht auf und wendet sich Richtung Badezimmer. „Ja, blutig. Es war nur ein Traum, Sam!“ Damit knallt er die Badezimmertür hinter sich zu.

Er entscheidet, lieber gleich zu duschen, anstatt sich nur Wasser ins Gesicht zu spritzen.

Das heiße Wasser lässt einen wohltuenden Schauer durch seinen ganzen Körper fahren. Es wäscht mit dem Blut auch ein wenig das schlechte Gefühl ab. Als er aus dem Badezimmer kommt, kehrt es aber leider sofort zurück. Sam sitzt an seinem Laptop und macht ein argwöhnisches Gesicht. Seine Augenbrauen sind immer noch misstrauisch zusammengezogen, als er zu Dean aufsieht. „Hatte sie blonde lange Haare?“

Deans Laune sinkt wieder auf einen Tiefpunkt. Es war ein Traum. Er trottet zu seinem Bett, um die verschmutzte Bettwäsche abzuziehen. Ohne Sam anzuschauen, antwortet er ihm. „Und wenn schon.“

„Und wenn schon? Dean, das ist ernst! Letzte Nacht ist eine blonde Frau brutal getötet worden. Sie wurde zu Tode geprügelt und ausgeweidet.“

„Zufall,“ murmelt Dean vor sich hin, während er die blutige Bettwäsche in die Dusche schafft. Spurenbeseitigung.

„In unserem Job gibt’s keine Zufälle. Das weißt du so gut wie ich. Was weißt du noch über gestern Abend?“

Dean antwortet ihm nicht. Er konzentriert sich darauf, das Blut aus der Bettwäsche zu spülen. Dabei ist ihm klar, was er hier tut. Er schindet Zeit. Zeit, in der er sich nicht mit den Möglichkeiten beschäftigen muss, um das Geschehene zu erklären. In der er Sam nicht antworten muss, der nicht locker lassen wird, bis er Antworten bekommt. In der Dean sich nicht der Realität stellen muss.

Aber Sam spricht auch so weiter. Lässt nicht zu, dass Dean eine Pause bekommt. „Dich muss das Gleiche erwischt haben, wie die Leute, wegen denen wir überhaupt in Massachusetts sind. Sie alle hatten, laut den Angehörigen, Alpträume und Halluzinationen, an die sie sich hinterher kaum oder gar nicht erinnern konnten. Diese Wahnvorstellungen brachten sie dazu zu töten, bis sie am Ende selbst im Kampf getötet wurden oder sich umgebracht haben. Ich dachte an Besessenheit, aber das können wir bei dir wohl ausschließen.“

Dean steht bei Sams Mutmaßungen in der Tür zum Badezimmer. Er sieht zu Sam, unschlüssig, wie er ihn von dieser Theorie wieder abbringen kann. Sam schaut ihn kritisch und abschätzend an.

Dieser Blick lässt Deans Wut aufkochen, geboren aus seiner Unfähigkeit Sams Vermutungen zu widerlegen. „Schau mich nicht so an! Ich bin nicht dein Scheißversuchskaninchen! Es war nur ein Alptraum!“

„Und wie erklärst du dir dann das Blut? Ich verstehe ja, dass du es nicht wahrhaben willst. Die anderen konnten auch nicht mehr die Realität und den Wahn trennen. Das passt alles! Dean, das ist todernst! Keiner von denen hat mehr als zwei oder drei Tage überlebt! Nochmal die Frage: Woran erinnerst du dich von gestern Abend?“

„Da passt gar nichts! Ich werde mich nicht umbringen! So weit wird es nie kommen!“

Sam schaut abrupt wieder auf den Bildschirm seines Laptops und schweigt. Nach allem, was sie bisher erlebt hatten, weiß Dean genauso gut wie Sam, dass jeder Mensch soweit getrieben werden kann. Sams Sorge steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dean ist dankbar dafür, dass Sam es nicht ausspricht.

Diese Dankbarkeit bringt ihn dazu, seine Schutzmauern fallen zu lassen. Resigniert lässt er sich auf dem Fußende seines Bettes nieder und seufzt. „Du weißt doch, ich wollte gestern Abend nur in eine Bar, um noch ein, zwei Bier zu trinken. Du hattest ja keine Lust mehr. Ich war im O’Neills. Mir fiel auf, wie drei Frauen auf einen Mann einredeten und ihn aus der Bar locken wollten. Sie benahmen sich merkwürdig. Das machte mich misstrauisch und ich folgte ihnen. Auf der Straße kam noch eine Frau dazu. Ich entdeckte sie zu spät. Sie hatten bemerkt, dass ich sie verfolgte, und ließen den Mann laufen.“

„Was willst du von uns? Wir haben dir nichts getan.“

„Ihr seid es, die hier in der Stadt Unschuldige zu Mördern machen! Wie bringt ihr sie dazu und warum?“ Er bedroht sie mit seinem Colt. „Keine falschen Bewegungen. Ihr habt keine Chance. Also, redet! Was wollt ihr? Was ist euer Ziel? Wie viele seid ihr?“

Dean merkt zu spät, wie eine der Frauen die Hand aus ihrer Jackentasche zieht. Blitzschnell öffnet sie die Faust, bläst ihm ein feines beigefarbenes Pulver von ihrer offenen Handfläche ins Gesicht und murmelt irgendein Wort. Bevor er überhaupt realisiert was passiert, spürt er die Lähmung. Die Muskeln in seinen Körpergliedern gehorchen ihm nicht mehr. Die Frauen schauen ihn mit einem zufriedenen Grinsen an.

„Was meint ihr? Er ist doch das optimale nächste Opfer! Ein Jäger! Der hat bestimmt tolle Alpträume. Und gleichzeitig haben wir ihn bald los. Er wird nicht in der Lage sein, uns weiter zu verfolgen.“


Dean schüttelt den Kopf. Von diesem Abend zu berichten strengt ihn mehr an als erwartet. Er hatte sich erst beim Erzählen an die Details des Gesprächs mit den Frauen erinnern können.

„Mehr weiß ich nicht mehr. Ich weiß nicht, wie ich zurück zum Motel gekommen bin.“ Dean vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Es spricht alles dafür, dass sein Alptraum eben kein Alptraum war.

„Also Hexen. Keine Dämonen.“ Nachdenklich fährt sich Sam mit der Hand über seinen Nacken. „Erinnerst du dich sonst noch an Details? Wie haben sie ausgesehen? Hatten sie irgendein Erkennungsmerkmal?“

Dean legt seine Fingerspitzen an seine Schläfen und schließt die Augen. Konzentriert auf sein inneres Bild der Frauen. „Sie hatten dunkle Kleidung an. Schwarz ... auch dunkelblau. Und sie hatten alle eine Kette mit einem Anhänger. Es war ein Symbol. Sah keltisch aus. Ein verschlungenes Muster.“

„Weißt du, wir hätten durch den Ort auch gleich auf Hexen kommen können! Schließlich sind wir in Salem! Der Hexenstadt in den USA. Selbst wenn die hingerichteten Hexen der Hexenprozesse von damals inzwischen alle für unschuldig erklärt wurden, ist es immer noch ein Ort, der viele Hexen anzieht, um Rituale oder Feste durchzuführen.“

Dean brummt der Kopf. Er fühlt sich im Moment gar nicht danach, von Sam einen Vortrag über die Gebräuche von Hexen oder Hexenstädte zu hören. „Sag mir wenigstens, dass die blonde Frau eine Hexe war!“

Sam verzieht seinen Mund und runzelt die Stirn, bevor er antwortet. „Ich bin mir nicht sicher. Es deutet aber nichts darauf hin. Ich fürchte, wir müssen momentan davon ausgehen, dass sie eine Unschuldige war.“

Diese Information bessert nicht gerade Deans Laune. Missmutig schnappt er sich die nasse, aber nicht mehr blutige Bettwäsche. „Ich geh‘ neue Bettwäsche besorgen.“ Er muss einfach mal kurz raus. In der Hoffnung, dabei auf andere Gedanken zu kommen.

„Dean, ich glaube, das ist keine gute Idee, wenn du allein irgendwo hingehst. Wir müssen davon ausgehen, dass du von diesen Hexen verflucht worden bist. Und bevor wir nicht wissen, wie sich das auswirkt, ...“

Dean unterbricht ihn schnippisch. „Neue Bettwäsche holen, werde ich gerade noch schaffen.“ Er knallt die Tür zu beim Verlassen des Motelzimmers.

Als er mit frischer Bettwäsche zurückkommt - der Frau an der Rezeption hatte er erzählt, er habe Saft auf seinem Bett verschüttet und ihn schon ausgewaschen - zögert er kurz vor der Tür. Noch immer überfordert und unschlüssig, wie er mit den neuen Informationen umgehen soll. Hatte ihn tatsächlich ein Fluch dazu gebracht, eine Unschuldige zu töten? Alles Nachdenken bringt ihn aber nicht weiter. Er muss sich der Sache stellen und öffnet die Tür.

Beim Anblick seines Bruders fällt ihm vor Schreck die frische Bettwäsche aus den Armen. „Verschwinde Dämon!“, schreit er das Wesen in ihrem Zimmer an. Sams schwarze Augen schauen ihn erschrocken an. Aber Dean lässt sich nicht von dessen Schauspiel täuschen. Mit wenigen Schritten erreicht er Sam und schlägt ihm grob ins Gesicht. Von Überraschung überwältigt, fällt Sam fast vom Stuhl, kann sich aber an der Tischplatte festhalten. „Verlasse sofort meinen Bruder, du dämonischer Bastard!“

Sam springt auf und geht in Abwehrhaltung. Noch bevor Dean erneut zuschlagen kann. „Dean! Was soll das? Ich bin’s doch!“

„Nein! Du bist nicht Sam! Du bist ein Dämon und verlässt sofort meinen Bruder. Wenn ich dich nicht retten kann, muss ich dich töten.“ Den letzten Satz spricht er sehr leise. Aber Sam hatte ihn sicher trotzdem gehört. Den nächsten Schlag wehrt Sam geschickt ab.

„Dean! Hör auf! Das ist der Fluch! Der lässt dich etwas sehen, das gar nicht da ist! Er bringt dich dazu, Gewalt anzuwenden. Du musst dich dagegen wehren!“

Das Gerede von Sam ergibt für Dean keinen Sinn. Er weiß, was er sieht. Und Sams schwarze Augen sind ein eindeutiger Hinweis. Wieder versucht er, auf Sam loszugehen und auf ihn einzuschlagen. Bis Sam plötzlich mit einem kräftigen und gezielten Schlag Deans Kopf zur Seite reißt. Um Dean versinkt alles in Schwarz.

Als er wieder zu sich kommt, teilt Sam ihm mit, dass er allein weiter recherchiert. Er würde eine Hexe suchen und Antworten verlangen. Sam hatte etwas zu Essen bestellt und würde Dean zu dessen und zum Schutz von anderen in das Motelzimmer einschließen. Dean ist so durcheinander, dass er gar nichts darauf erwidert und sich seinem Schicksal beugt. Er vertreibt sich die Zeit mit dem Fernseher.

Spät am Abend kommt Sam zurück. Er berichtet Dean, dass er in der Bar eine Frau mit einem keltischen Anhänger entdeckt hat. Auch wenn dieser nicht Deans Beschreibung erfüllte. Er hatte kein verschlungenes Muster, sondern sah eher aus wie ein stilisierter Baum. Sie zu bedrohen, ihm Antworten über den Fluch zu geben, erwies sich als unnötig. Sie war sehr kooperativ. Schnell stellte sich heraus, dass es hier in der Stadt einen Krieg zwischen zwei Hexenzirkeln gibt.

„Dean, es deutet alles darauf hin, dass hier gute Hexen gegen böse Hexen kämpfen.“

Dean verdreht die Augen. „Es gibt keine guten Hexen, Sam. Das sind alles Hexen. Und die gehören vernichtet.“

Sam schüttelt den Kopf und widerspricht. „Ganz so einfach ist das aber nicht. Wenn eine Hexe niemandem schadet, und mit ihren Fähigkeiten sogar versucht das Böse zu verhindern, dann gehört sie nicht vernichtet. Diese Beltane verehrenden Hexen sind nicht böse. Sie verehren das Licht. Ihre Rituale sind vielleicht nicht immer jugendfrei, aber nicht böse.“

„Ich wusste es: Es geht immer um Körperflüssigkeiten, Opfer und Macht. Immer, Sam. Mach dir nichts vor. Hexen sind ständig auf ihren eigenen Vorteil und auf Macht aus. Das kostet automatisch immer wieder Opfer. Wenn ich allein daran denke, was für deren Magie alles notwendig ist. Da geht es doch ständig nur um Opferungen. Wir müssen sie alle verfolgen und ihnen das Handwerk legen. So einfach ist das.“

„So einfach ist das ganz sicher nicht. Hier kämpft buchstäblich das Licht gegen die Dunkelheit. In zwei Tagen ist Beltane, das keltische Fest zum Sommeranfang. Es ist auch das Fest der wilden Magie, des Lichts, der hellen Jahreszeit, der Fruchtbarkeit und des Neuanfangs. Auch in der Nacht zu Beltane ist der Schleier zwischen den Welten dünn, ähnlich wie an Halloween, an Samhain.“

Dean kommt der Name bekannt vor. Er überlegt kurz. „Samhain? Du meinst diesen mächtigen Dämon, den wir mal an Halloween fast freigelassen hätten?“

Sam nickt. „Genau der. Samhain ist das keltische Fest zum Winteranfang. Der dunklen Jahreszeit. Der Jahresnacht. Man könnte quasi sagen, die Kelten hatten nur diese zwei Jahreszeiten. Und die Hexen, die dich verfluchten, sind Anhänger von Samhain. Jane, die Hexe, die ich getroffen habe, meinte, das sei ein Fluch der Dunkelheit. Dieser Fluch bringt die dunkelsten Seiten eines Menschen in Form von Wahnvorstellungen und Wachalpträumen nach außen. Bringt ihn dazu, zu morden, das Blut Unschuldiger zu vergießen, und treibt die meisten in den Selbstmord.“

„Jane? Deine Wald- und Wiesenhexe hat das alles erzählt? Und du glaubst den Mist? Wahrscheinlich will ihr Zirkel den anderen nur aufhalten, um an dessen Macht zu kommen!“ Es gefällt Dean nicht, was er von Sam erfährt und will am liebsten gar nichts mehr darüber hören. Es widerstrebt ihm, ein Teil von diesem Hexensumpf zu sein.

„Ja, Dean. Ich glaube ihr. Denn es ergibt Sinn. Es passt und erklärt alles.“

„Und das hat sie dir alles erzählt, weil ...?“

„Weil sie uns helfen kann.“

Dean schnaubt verächtlich. Hilfe von einer Hexe? Von so einem Monster, das ihn in Schwierigkeiten gebracht hat?

„Lass mich erst fertig erklären, bevor du dich darüber aufregst. Also, die Samhain-Hexen möchten mit dem Fluch der Dunkelheit genug Macht durch die Opfer aufbauen, um die Jahresnacht zu verlängern. Sie wollen Beltane überschatten. Jedes Opfer, jeder Tropfen unschuldigen Blutes, der im Namen der Dunkelheit vergossen wird, stärkt Samhains Macht und die Macht dieser Hexen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Anzahl der Opfer in den nächsten zwei Tagen so gering wie möglich bleibt. Etwas, was sowieso unser Job ist. Dadurch bekommen sie weniger Macht. Dann haben die guten Hexen in der Nacht zum ersten Mai eine Chance den Fluch zu brechen. Mit einem Ritual am Beltane-Feuer.“

„Ich wusste, es geht nur um Opfer! Und du meinst, ich tanze mit Hexen um ein Feuer? Bist du irre?“

Sam sieht ihn ernst an. „Ehrlich Dean. Wir müssen froh sein, wenn du in zwei Tagen überhaupt noch in der Lage wärst zu tanzen. Ich fürchte, der Fluch wird sich steigern. Und du wirst dieses Zimmer bis zu dem Ritual nicht mehr verlassen.“

Widerspruch sinnlos, hätte Sam anhängen können. Dean schweigt ergeben und setzt sich mit verschränkten Armen auf sein Bett. Ihm passt das alles absolut nicht. Aber so wie es aussieht, bleibt die einzige Möglichkeit, Sam machen zu lassen und in diesem Zimmer zu warten. Natürlich will er nicht noch mehr unschuldiges Blut vergießen. Und leider muss er zugeben, dass er keine Kontrolle über die Auswirkungen des Fluchs hat. Somit bleibt ihm nichts anderes, als untätig zu warten; zum Nichtstun verdammt. Während sich Sam mit einer Hexe zusammentut, um ihn von dem Fluch zu befreien. Er könnte die Wände hochgehen, allein beim Gedanken daran. Er kann vieles gut, aber warten und nichtstun, während Sam dem Feind vertraut und mit ihm zusammenarbeitet, gehören definitiv nicht dazu.


Tag 2

Die meiste Zeit des nächsten Tages verbringt Sam mit Nachforschungen am Laptop. Deans Stimmung scheint einen Tiefpunkt erreicht zu haben. Immer wieder versucht Sam halbherzig ihn aufzuheitern. Vergeblich.

„Du könntest mir helfen, Anzeichen für weitere Opfer zu finden, anstatt hier hin- und herzutigern und mir auf die Nerven zu gehen. Oder hilf mir, das Muster bei den bisherigen Betroffenen zu durchschauen, damit wir schätzen können, wo sie neue Opfer suchen, um es zu verhindern. Die anderen waren nicht alle in dieser Bar. Soviel weiß ich schon.“

Dean geht nicht auf Sams Vorschlag ein. Er beginnt stattdessen über Monster zu reden, die er entweder draußen vor dem Fenster oder am Vortag gesehen haben will und eigentlich jetzt verfolgen und töten müsste. Seit gestern Abend hatte er immer wieder diese Aussetzer. Bisher konnte Sam Dean zum Glück vertrösten, diese Monster zu verfolgen. Er machte ihm weis, er würde am Laptop dazu nachforschen und die Jagd vorbereiten. Noch schafft es Sam, Dean mit dem Fernseher abzulenken. Das hilft am ehesten. Mit Dean zu diskutieren und ihm zu erklären, dass er Wahnvorstellungen hat, ist dagegen sinnlos. Das hatte Sam gestern Abend versucht und dabei nur Deans Wahn gesteigert und seine Aggressionen angeheizt.

Sam ist klar, dass das Ablenkungsmanöver mit dem Fernseher den Fluch nicht lange besänftigen wird. Aber solange es geht, will er ihn hinhalten. Im Moment ist er einfach nur dankbar, dass Dean ihn nicht noch einmal angreift, weil er in ihm ein Monster sieht.

Später am Nachmittag hat Sam eine Verabredung mit Jane. Er will mit ihr noch einiges klären und offene Fragen beantworten. Außerdem möchte er ihr von seinen Nachforschungen berichten. Was er herausgefunden hat, konnte mit Sicherheit ihrem Hexenzirkel in ihrem Kampf gegen die Samhain-Hexen weiterhelfen. Da er Jane wegen Deans momentanem Zustand nicht auf ihr Zimmer bitten kann, haben sie sich wieder in der irischen Bar verabredet. Trotz seiner Sorgen um Dean lässt er ihn mit laufendem Fernseher in dem abgeschlossenen Motelzimmer zurück. Das Zimmer liegt nicht im Erdgeschoss, eine Flucht im Wahn durch ein Fenster ist somit unwahrscheinlich. Er eilt zur Bar und nimmt sich vor bald zurückzukehren. Er muss handeln, etwas tun, sonst verliert er selbst noch den Verstand.

Der Informationsaustausch mit Jane über Auffälligkeiten in der Stadt - seien es ungewöhnliche Gewaltausbrüche von Männern, oder Handlungen des anderen Hexenzirkels - ist für beide Seiten hilfreich. Sam zeigt Jane auf einem Stadtplan alles, was er entdeckt hat. Leider hat sich vor ein paar Stunden wieder ein junger Mann das Leben genommen. Er hatte zwei Tage lang buchstäblich um sich geschlagen und dabei alle verdächtigt, ihm Böses zu wollen. Die Hexen konnten mit Hilfe seiner Familie zwar verhindern, dass er andere ernsthaft verletzte und gar tötete, aber von seinem unerwarteten Sprung aus dem Fenster im 4. Stock, konnte ihn niemand abhalten.

Bei dem Gedanken an den Mann wird Sam übel. Dieser hatte den Fluch nur zwei Tage ertragen. Auch die meisten der anderen Opfer haben sich innerhalb von kürzester Zeit das Leben genommen. Die restlichen sind im Kampf gestorben. Kein einziger überlebte den Fluch bisher länger als drei Tage. Dean wurde vorgestern Abend verflucht. Was bedeutet, Dean muss länger als drei ganze Tage durchhalten bis zu seiner Rettung! Er ist auch schon den zweiten Tag verflucht. Könnte das bedeuten ... Nein, unser Zimmer liegt nur im ersten Stock. Sam atmet tief durch, um seine aufkommende Panik zu unterdrücken. Die ist jetzt nicht hilfreich. Er zwingt sich dazu, sich wieder auf die Fakten zu konzentrieren.

Es gibt ein neues Opfer, einen Mann, der sich seit heute verdächtig verhält und von den Hexen genauer beobachtet wird. Wahrscheinlich wurde er erst vor kurzem verflucht. Am liebsten würde Sam die bösen Hexen verfolgen, um zu verhindern, dass sie durch ihren Fluch weiter töten.

„Jane, lass mich euch irgendwie helfen.“ Er verspürt einen Hass auf diese Samhain verehrenden Hexen. Vermutlich hat es auch mit seinem schlechten Gewissen zu tun, weil er damals den Aufstieg von Samhain und das Brechen des Siegels nicht verhindern konnte. Jetzt dafür diesen Hexen eins auszuwischen fühlt sich als etwas Gutes und Erstrebenswertes an.

„Sam, wir haben es im Griff, so gut es geht. Du hast genug damit zu tun, nach deinem Bruder zu schauen. Er wird nicht so friedlich bleiben, wie du ihn vorhin beschrieben hast. Im Gegenteil. Einen Jäger zu verfluchen und auf diese Art zu einer gefährlichen Waffe zu machen, war leider sehr raffiniert. Du solltest jetzt zu ihm zurück. Viel hängt davon ab, dass wir gemeinsam die Opfer so gering wie möglich halten. Einen Jäger unter diesem Fluch über drei Tage zu kontrollieren, wird für dich Aufgabe genug sein. So kannst du uns am besten helfen, glaub mir. Wenn er erst einmal Amok läuft, wird er nicht mehr zu bremsen sein.“

Sam nickt. Natürlich hat sie recht. Seine Aufgabe ist es, seinen Bruder zu schützen. Und die Welt momentan auch vor Dean. Es kommt Sam nur nicht genug vor. Zu passiv. Er soll quasi babysitten, während die Hexen alles andere regeln? Er soll ihnen vertrauen. Er soll darauf vertrauen, dass sie Deans Leben retten? Das Ganze passt Sam aus so vielen Gründen nicht, aber ihm bleibt nichts anderes übrig. Ergeben seufzt er.

„Und wir treffen uns dann morgen Abend?“

„Ja, genau. Wir entzünden das Feuer in Salem Woods kurz vor Mitternacht. Wenn du Probleme hast, ihn dahin zu bringen, ruf mich an. Ich kenne einen Zauber, der seinen Verstand lähmt. Allerdings verträgt sich der nicht so gut mit dem Fluch und wird dadurch nicht lange wirken. Aber als letzte Möglichkeit wird’s gehen. Vor Ort werden wir die Verfluchten ohnehin lähmen.“

Als Sam zu ihrem Motelzimmer zurückkommt, beschleicht ihn ein ungutes Gefühl. Er hat Dean doch zu lange allein gelassen. Das Gefühl verstärkt sich, als er feststellt, dass die Tür nicht mehr abgeschlossen ist. Er öffnet sie und erstarrt vor Entsetzen.

Sam sieht Dean von der Seite am Boden kniend. Vor ihm die zerstörte Leiche des Zimmermädchens. Er kann sie gerade noch an den blutigen Fetzen ihrer Uniform erkennen. Große Teile ihrer Haut klaffen von ihrem Körper. Ihre Organe schwimmen in ihrem Blut. Die Augen starren gebrochen ins Nichts. Ein Knebel steckt in ihrem Mund, als ein stummer Zeuge, dass sie bei vollem Bewusstsein war, als Dean mit seiner Folter anfing. Sam hält sich die Hände vor den Mund und schluckt die aufkommende Übelkeit hinunter.

Dean scheint Sams Erscheinen nicht zu bemerken. Er schneidet in einer Seelenruhe weiter. Mit blutüberzogenen Händen zieht er mit dem Messer die Haut in Streifen von dem toten Körper ab. Dabei murmelt er vor sich hin. „Muss Foltern. Sonst werde ich wieder gefoltert. Hier gibt es keine Unschuldigen.“

Sam hat unbewusst die Tür hinter sich geschlossen. Er befreit sich vollständig aus der Starre und eilt näher an das Blutbad. „Dean! Was tust du da? Hör auf! Du bist nicht mehr in der Hölle!“

Langsam dreht Dean seinen Kopf zu ihm. In seinen Augen liegt kein Erkennen. „Alle sind schuldig.“

Offensichtlich kann Dean sich auch jetzt nicht selbst aus dem Wahn befreien. So bleibt Sam nichts anderes übrig, als ihn wieder bewusstlos zu schlagen. Sein Herz verkrampft sich, als Dean blutig von seiner Tat vor ihm liegt.

Sam versucht, ohne darüber nachzudenken, die Spuren zu beseitigen. Er darf nicht an sich ranlassen, was Dean getan hat. Oder ob Sam es hätte verhindern können. Die Vorwürfe und Schuldgefühle werden früh genug kommen. Jetzt gilt es zu funktionieren. Wie lange wird es dauern, bis jemand das Zimmermädchen vermisst? Das können sie nicht vertuschen. Daher müssen sie dringend das Motel wechseln und sollten nach dem Ritual schleunigst die Stadt verlassen. Wenn alles gut geht. Es muss alles gut gehen.

Wie konnte er nur glauben, das Zimmer abzuschließen würde genügen, um die Welt vor seinem verfluchten Bruder zu schützen? Er hätte ihn anketten oder besser bei ihm bleiben sollen. Aber wer konnte auch damit rechnen, dass er das Zimmermädchen erwischt? Hat Sam nicht das „Nicht stören“-Schild an die Tür gehängt? Hat er es vergessen? Sein Kopf beginnt zu schmerzen.

Was ist der nächste Schritt? Mit Mühe bekommt Sam seine Gedanken wieder unter Kontrolle. Richtet sie auf die unmittelbare Zukunft. Spuren verwischen. Unauffällig abhauen. Abgelegenes Motel finden. Dean mit Handschellen anketten. Sämtliche Waffen vor Dean verstecken. Überleben.


Tag 3

Wenigstens waren die Nächte einigermaßen friedlich. Dean hat sich auch in dieser Nacht wieder im Schaf in seinem Bett gewälzt. Aber seine Alpträume haben ihn nicht geweckt. Und das, obwohl Sam einen Arm mit Handschellen an den Bettrahmen gekettet hat. Nach der Sache mit dem Zimmermädchen in dem vorigen Motel am Vortag, wird er ihn nicht mehr ungesichert lassen. Durch den Fluch ist Dean ein unberechenbarer Killer geworden. Sam konnte in der letzten Nacht vor Sorge nur wenig und schlecht schlafen und liegt schon seit den frühen Morgenstunden wach. Als es langsam hell im Zimmer wird, gibt er auf Schlaf zu finden und liest ein Buch zur Ablenkung.

***

Langsam wacht Dean auf. Wie aus Alpträumen unter Fieber, an die man sich nicht mehr klar erinnert, die aber wirre Gefühle und Gedanken hinterlassen. Er kann sie nicht fassen, kann sich nicht orientieren, weiß nicht, wo er sich befindet. Schwermut erdrückt ihn. Nicht einzuschätzen, wo sie her kommt. Er öffnet die Augen in der Hoffnung, mehr Klarheit in seinen Verstand zu bekommen. Er sieht ein Motelzimmer ... und Sam. Schlagartig trifft ihn die schmerzhafte Erinnerung. Sammy ist tot! Er starb in seinen Armen und dieser Bastard Jake schloss das Höllentor auf, ohne dass Dean es verhindern konnte!

Das Wesen, das auf dem Bett neben ihm sitzt, kann somit nicht sein Bruder sein. Dämon oder Formwandler, schießt ihm sofort durch den Kopf. Er versucht sich aufzurichten. Angreifen. Töten. Vergessen. Nichts fühlen, nie die Trauer an sich ranlassen.

In dem Moment bemerkt er die Handschelle an seinem rechten Handgelenk. Er reißt daran. Sie gibt nicht nach. Mit einem wütenden Grollen sieht er zu dem Wesen, das äußerlich seinem Bruder gleicht. „Mach mich los, du Bastard!“

Dieser dreht sich zu Dean. Sieht ihn besorgt an. Dieses Monster kann Dean nichts vormachen. Das ist nicht Sam.

„Dean? Ich bin’s, Sam. Du bist verflucht, du ...“

Dean springt auf und reißt wieder an der Handschelle. Das Bett bewegt sich. „Du bist tot! Ich konnte dich nicht retten! Du kannst nicht Sam sein. Du bist ein Dämon oder ein Formwandler. Sammy ist tot!“ Den letzten Satz schreit er vor inneren Schmerzen hinaus. Er hat das Gefühl, sein Herz zerspringt. Diese ganze Situation macht ihn wahnsinnig. Er spürt einen brachialen Druck auf sich. Eine undefinierbare Mischung aus Trauer, Wut, Verzweiflung und einer übermächtigen Mordlust. Diese frisst ihn von innen auf. Ja, er wird sich besser fühlen, wenn er alle Monster vernichtet hat.

„Ich muss alle töten! Alle, die durch das Höllentor entkommen sind! Auch dich!“, schreit Dean wieder und reißt fortwährend an der Handschelle. Er zieht dadurch das Bett dichter an Sam. Dieser holt stumm ein weiteres Paar Handschellen aus einer großen Tasche, die neben ihm auf dem Boden liegt, und geht damit auf Dean zu.

Dean versucht sofort mit seinem freien Arm auf seinen Angreifer einzuschlagen. Dieser wehrt die meisten Schläge gekonnt ab. Aber Dean gelingt ein kräftiger Hieb mit dem Ellenbogen in dessen Rippen und ein heftiger Haken mit der Faust ins Gesicht. Trotzdem endet Dean rückwärts auf seinem Bett und sein linkes Handgelenk in der zweiten Handschelle, festgekettet am Bettgestell auf der anderen Bettseite. Er knurrt laut und lässt nicht nach an den Handschellen zu zerren.

„Dean, beruhige dich bitte. Du bist verflucht worden. Ich bin kein Monster. Ich bin wirklich Sam. Du musst nur noch bis heute Abend durchhalten!“

Vage hat Dean eine Ahnung, wovon dieses Monster vor ihm spricht. Da gibt es noch etwas anderes. Hexen? Hexen die irgendein Ritual durchführen wollen? Auch die muss er töten! Hexen sind immer böse. Ihm kommen mehr Erinnerungsfetzen, darunter sehr blutige, die er nicht einordnen kann.

„Ich muss alle töten!“

***

Sam atmet immer wieder tief durch. Obwohl ihn jedes kräftige Einatmen mit einem Stechen an den kurzen Kampf erinnert. Dean hat anscheinend seinen Brustkorb geprellt. Auch seine Nase hat einige Zeit geblutet nach Deans Faustschlag.

Sam quält der Zustand seines Bruders. Dean leidet. Wieder und wieder seine schlimmsten Ängste und Erinnerungen durchleben zu müssen, ohne zu wissen, dass er sie schon hinter sich hat, ist grausam. Sam muss mit ansehen, wie sein Bruder in Alpträumen gefangen ist. Was das für Dean bedeutet, kann er sich nur schwer vorstellen. Dean merkt offenbar nicht, wie er sich die Haut an den Handgelenken aufscheuert oder es ist ihm egal. Es dauert über zwei Stunden, bis sein Wahn das erste Mal an diesem Tag nachlässt.

Sam empfindet Erleichterung, als Dean ihn wieder erkennt. Aber nur für Sekunden. Sofort umklammert ein neuer Schmerz sein Herz.

„Sammy? Ich verliere den Verstand. Ich weiß nicht mehr was echt ist und was nicht. Das wird immer schlimmer. Du musst es aufhalten. Das ertrage ich nicht. Schalte mich aus. Bitte.“ Er zieht an den Handschellen. „Bitte.“

Bevor Sam überhaupt seine Gedanken sortieren kann, um darauf zu reagieren, ist der Moment vorbei und Dean spuckt wieder Mordabsichten aus.

Sam muss raus vor die Tür. Er hält den Anblick, das Flehen und die Drohungen nicht mehr aus. Er lehnt sich von außen gegen die geschlossene Motelzimmertür und atmet tief durch. Nur noch bis heute Abend.

Er zieht sein Handy aus seiner Hosentasche und ruft Jane an. Sie erklärt ihm, dass sie vor der Nacht nichts für Dean tun kann. Sam erzählt ihr von seinen Bedenken, Dean in dem Zustand zum Wald zu bringen.

„Ich kann kommen und euch abholen. Mit dem Lähmungszauber kann ich seinen Verstand betäuben. Durch den Fluch wird er nur nicht lange wirken. Ich kann mit euch mitfahren und den Zauber bei Bedarf weitere Male aussprechen. Aber bis heute Abend müsst ihr es noch aushalten. Der Lähmungszauber wird von dem Fluch absorbiert und vermutlich von Mal zu Mal kürzer andauern.“

Sam seufzt nach dem Telefonat und bleibt einige Minuten vor der Tür stehen, bevor er wieder zurück in das Zimmer geht. Nur noch ein paar Stunden.

Wie verabredet, kommt Jane am späten Abend zum Motel. Sie wendet sich sofort dem gefesselten Dean zu. Ohne auf die Morddrohungen zu hören, legt sie beide Hände auf seinen Kopf und murmelt „Obstupefacio“. Dean verstummt augenblicklich und sein Blick wird glasig. Obwohl es Sam bei dem Anblick das Herz zusammenzieht, überwiegt die Erleichterung, Deans Qualen nicht mehr direkt zu hören.

Jane wendet sich Sam zu. „Wir können los.“

Sam hatte schon ihre gesamten Sachen im Impala verstaut. Damit hatte er etwas zu tun, um sich von Dean abzulenken, und sie können somit gleich nach dem Feuer die Stadt verlassen. Sam befürchtet, dass sie bereits wegen Deans Morde gesucht werden.

Wenig später erreichen sie eine Lichtung in Salem Woods. Im Zentrum sieht Sam einen großen Holzstapel und einige Frauen, die sich darum versammelt haben. Er parkt den Impala mit gebührendem Abstand zu dem Platz und geht mit Jane und Dean in Richtung der anderen. Jane hatte mit Dean auf der Rückbank gesessen und ihn ein weiteres Mal betäubt. Er lässt sich wie in Trance führen. Trotzdem haben sie ihm die Handschellen hinter dem Rücken angelegt. Sam zieht sich das Herz zusammen seinen Bruder so zu sehen.

„Das meiste hat mit dem Brechen des Fluchs nicht direkt zu tun. Aber das Ritual für das Fest verstärkt natürlich die Kraft der Magie. Wir räuchern zu Beltane mit verschiedenen Hölzern, wie Apfel, Wacholder und Birke. Wegen des Fluchs haben wir diesmal auch Thymian dabei und Salbei zur Reinigung. Bitte erschrick nicht, wenn wir später dem Feuer noch ein wenig Blut der Verfluchten opfern. Das gehört alles dazu, vertrau uns. Stell dich da drüben zu den Bäumen, sieh einfach zu und lass dich mitziehen.“ Sie zwinkert ihm zu und führt Dean zu den anderen. Es sitzen schon zwei andere Männer ein paar Meter entfernt vom Holzstapel auf einer Decke bei einer Feuerschale mit dem Räucherwerk. Auch deren Arme sind mit Handschellen hinter ihrem Rücken gefesselt.

Wenig später brennt der Stapel als großes Festfeuer. Eine der Frauen entzündet die Räucherschale. „Terra, ignis, aqua, caeli, vita. Wir huldigen der Kraft, die Leben schenkt.“

Die Hexen bewegen sich um das Feuer. Sam hat ausschließlich ausgelassene Tänze und Gesang erwartet. Es gibt zwar schwungvolle lebendige Tänze mit gellenden Aufschreien und lateinischen Worten, wie die der Elemente. Aber diese wechseln sich ab mit gemächlichen, meditativen Phasen, in denen die Frauen sich mit geschlossenen Augen hin und her wiegen. Viele summen dabei.

Diesem Spektakel zuzuschauen ist für Sam faszinierend. Und doch richtet sich sein Blick mit Sorge immer wieder auf Dean und die beiden anderen gefesselten Männer, die teilnahmslos und mit starrem Blick neben der Räucherschale sitzen. Jane geht hin und wieder zu ihnen und legt ihre Hände auf deren Köpfe. Wahrscheinlich, um die Betäubung zu erneuern.

Wie tief sie sich hier auf heidnische Rituale und Feste einlassen müssen, hätte Sam früher nie für möglich gehalten. Vor allem nicht, dass das Leben seines Bruders davon abhängt.

Sam ist froh, dass Jane ihn vorgewarnt hat. Denn es ist eine harte Prüfung für Sams Vertrauen, dabei zuzuschauen, wie zwei Frauen Deans Unterarm mit einem kleinen weißen Dolch einschneiden und sein Blut auf einige Kräuterblätter tropfen lassen. Salbei? Er kann es aus der Entfernung nicht erkennen. Auch von den beiden anderen holen sie Blut. Die blutgetränkten Kräuter übergeben die Hexen dem Feuer. „Confractus tenebris. Confractus tenebris. Confractus tenebris.“

Hoch schlagen die Flammen in den Himmel und verglühen die Opfergabe. Die Luft ist erfüllt von dem Duft der Kräuter und des Räucherwerks. Sam hält den Atem an. Aus Angst. Aus Hoffnung. Dass das Feuer und die wilde Magie wirken und Dean heilen. Es ist ein Neuanfang. Ein Sommeranfang. Die helle Zeit beginnt. Das Feuer reinigt und brennt die dunkle Zeit aus. Verbrennt hoffentlich den Fluch und den Schatten, der auf Deans Seele liegt und droht, ihn zu verschlingen.

Die Nacht verwandelt sich in den frühen Morgen, während das Feuer langsam herunterbrennt. Einige der Frauen springen sogar darüber.

Jane kommt auf Sam zu. „Der Fluch ist gebrochen. Es hat geklappt. Auch der Lähmzauber hat nachgelassen. Dean steht unter Schock, er hat sich deshalb nicht wegbewegt. Das Fest wird andauern. Ihr seid natürlich eingeladen zu bleiben. Aber ich kann verstehen, wenn ihr lieber gehen wollt. Wir bringen die zwei Männer nach Hause.“

Sam fällt ein riesiger Stein von Herzen. „Danke, Jane. Wir stehen in eurer Schuld. Braucht ihr Hilfe gegen den anderen Hexenzirkel?“

„Das ist lieb von dir. Aber wie du siehst, kommen wir zurecht. Erst einmal ist ihre Macht gebrochen. Das Weitere ergibt sich. Es gehört alles zum Jahreskreis dazu. Das Leben, wie der Tod.“ Sie sieht zu Dean, der neben dem niederbrennenden Feuer sitzt und in die Glut starrt. „Du solltest auf deinen Bruder achtgeben. Ich denke, er kann sich an alles erinnern, was vor dem Lähmzauber passiert ist.“

Sam schluckt hart und nickt. „Okay, dann fahren wir jetzt los. Aber du meldest dich, wenn wir etwas tun können!“ Jane lächelt ihn darauf freundlich an und geht zu den anderen Frauen.

Er weiß, dass Jane sich nicht bei ihm melden wird. Diese Hexen sind stark und unabhängig. Trotzdem wollte er mit dem Angebot sein schlechtes Gewissen beruhigen.

Er geht zu Dean. Es wird Zeit, dass sie aus dieser Stadt verschwinden. „Dean? Alles okay?“, fragt Sam besorgt.

Dean schaut zu ihm auf. Es liegt wieder Erkennen in seinen Augen, aber auch Schmerz und Verwirrung. „Ja, Sam. Und bei dir?“

Sam geht nicht auf die Frage ein. „Komm schon. Lass uns fahren.“ Dean nickt schweigend und richtet sich auf. Sam öffnet die Handschellen. „Wir sollten nachher dringend deine Handgelenke versorgen, nicht, dass sich das entzündet.“

Ohne Protest setzt sich Dean auf den Beifahrersitz und lässt Sam ans Steuer.

„Erinnerst du dich daran, was die letzten Tage passiert ist?“

„Nicht wirklich. Nur an ein paar Alpträume. Mir geht’s gut. Alles okay.“

Dean sieht Sam dabei nicht in die Augen und der Glanz und Schmerz in seinem Blick verraten Sam, dass Dean ihn belügt. Dazu braucht er den Hinweis von Jane nicht.

Sam startet den Motor und fährt los.
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