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Sanftes Gold

von Yueve
OneshotRomance / P12 / MaleSlash
Bilbo Beutlin Thorin Eichenschild
14.04.2021
14.04.2021
1
2.381
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14.04.2021 2.381
 
Disclaimer: "Der Hobbit" und die darin vorkommenden Figuren sind geistiges Eigentum von J. R. R. Tolkien. Als (visuelle) Vorlage für meine Fan Fictions dienen immer die Filme und darin vorkommenden Schauspieler unter der Regie von Peter Jackson. Diese Geschichte dient keinem kommerziellen Zweck und ist ausschließlich der Unterhaltung gedacht. Sie beabsichtigt keinerlei Verletzungen des ursprünglichen Eigentums- oder Kopierrechts.

Anmerkung des Autors: Diese Fan Fiction wurde inspiriert von dem hübschen Fan Art von Kathe. Mit Kathes Erlaubnis war es mir vergönnt diese kleine Geschichte dazu zu spinnen. Das Fan Art findet ihr unter dem folgenden Link:

https://mandolinearts.tumblr.com/post/646837141289254912/let-the-years-were-here-be-kind-be-kind-i

Die in der Geschichte vorkommenden Begriffe in Khuzdul (die Sprache der Zwerge), stammen dankbar von dieser Internetseite: https://islenthatur.wordpress.com/welcome/


Sanftes Gold


Es gibt nicht sehr viel natürliches Licht tief in den Hallen von Erebor. Doch in einem verborgenen Winkel eines rechteckigen Raumes, der zuvor ungenutzt schien, dringt aus Osten die Sonne durch ein schmales, in den Fels geschlagenes Fenster. Obgleich der Sonnenstrahl nur etwa einen Fuß breit ist und gerade eben so die glatte Platte eines aus Kirschholz gefertigten Tisches streift und dann auf den steinernen Boden fällt, wärmt sein Licht den Raum ausreichend genug, um alle Bedingungen für Bilbo zu erfüllen.

Ohnehin ist er der Einzige, der bemüht war, diesem kühlen Raum etwas Behagliches zu verleihen. Monate nach der Schlacht und dem darauffolgenden Wiederaufbau war er an einem bitterkalten Morgen im Januar durch die gewundenen Gänge geschlichen und hatte frierend diesen Platz gefunden. Seitdem ist das Zimmer aus Stein mit den wenigen kirschholzfarbenen Möbeln und einer bescheidenen Auswahl an Porzellan in der Farbe eines ausblutenden Sonnenuntergangs sein eigenes kleines Herrschaftsgebiet in Thorins Königreich.

Und dieser ist wie kein anderer darauf bedacht, Bilbo diese kleine Eroberung gutzuheißen und ihn — wann auch immer ihm danach verlangt, der Ruhe und Abgeschiedenheit seines kleinen Zimmers zu überlassen. Manchmal ertappt Bilbo Thorin sogar dabei, wie dieser in dem langen Korridor, der zu seinem Raum führt, herumschleicht, obwohl das Anschleichen fürwahr keine Eigenschaft der Zwerge ist, die diese besonders gut beherrschen. Doch Thorin ist rücksichtsvoll, was Bilbo manches Mal ungläubig werden lässt, aber viel öfter zu gefallen weiß.

Dennoch gibt es selten einen Morgen, der früh genug wäre, um ihn als solchen zu bezeichnen. Meistens sind es die frühen Stunden des Vormittages, die er hier verbringt. Sie wachen gemeinsam auf und noch immer ist das Erste, was Bilbo tut, sobald er die Augen aufgeschlagen hat, an Thorin heranzurücken, die Nähe und Wärme zu suchen, die ihm mittlerweile so vertraut ist wie sein altes zu Hause. Er streckt noch benommen von Schlaf und Erwachen die Hand nach ihm aus und seine Fingerspitzen finden wie von selbst die Stelle an Thorins Hals. Die kleine Mulde unterhalb seiner Kehle, die Bilbo liebt, zu berühren und die nur einen Zentimeter entfernt über einer langen dünnen Narbe liegt, die er ebenfalls liebt. Weil jede Narbe auf warmer Haut immer noch Überleben bedeutet.

Heute ist es ein satter Morgen, mit einer Sonne fett und gelb wie Eidotter in einem azurblauen Himmel. Um Tee muss Bilbo oft kämpfen und bekommt ihn meist nur über ein Dutzend Umwege von Dori. Für ihn ist der Becher mit dampfendem Tee, dessen lose Blätter er getrocknete Früchte zugefügt hat, etwas, das viel wertvoller ist als all die Juwelen, die dieser Berg hergibt.

Feiner Staub wirbelt sachte durch die Luft und die Sonne macht ihn sichtbar. Er ist so abgelenkt von diesem so unwichtigen und doch so harmonischen Moment, dass er viel zu spät die schweren Schritte hinter sich bemerkt. Verwundert dreht er sich um und legt fragend den Kopf schief, als er noch so gerade eben ein Stück dunklen Stoff entschwinden sieht.

„Was machst du denn da? Komm zurück, sag doch etwas.“

Er klingt nicht vorwurfsvoll, nur verwundert, als hätte man ihm etwas in Aussicht gestellt und sofort wieder genommen.

„Ich wollte dich nicht stören.“

Thorin ist umgekehrt und steht an der Schwelle zu Bilbos Raum, als wartete er auf die Erlaubnis, sie zu passieren. Das Seltsame ist, dass dem wahrscheinlich genau so ist. Er seufzt und schüttelt amüsiert und vielleicht auch ein wenig genervt den Kopf, lächelt aber schließlich gutmütig und winkt ihn herein.

„Das ist dein Königreich, Thorin. Du kannst jeden Raum und jeden noch so verborgenen Winkel deines Schlosses…“

Bilbo hält inne und verzieht den Mund zu dem nachdenklichen und zögerlichen Schmunzeln, das Thorin so gefällt und womit er ihn manchmal in gewisser Weise auch zu necken weiß.

„— ich meine Berg. Es ist dir erlaubt, jeden Raum unter deinem Berg zu betreten.“

Er hebt eine Augenbraue und blickt ihn fragend und tadelnd zugleich an.

„Vielleicht beobachte ich dich einfach nur gerne“, erwidert der König und rechtmäßige Eigentümer dieses Berges.

Bilbo lächelt und trinkt einen Schluck, irgendwie geschmeichelt, irgendwie plötzlich verlegen. Thorin tritt hinter ihn und er spürt seine Finger in seinem Haar, ein liebevolles Zupfen und Streicheln, und er lehnt sich in diese Berührung, ist ganz trunken von der wärmenden Stimmung dieses Augenblickes.

„Dein Haar ist lang geworden.“

Thorins Stimme ist tief — immer besonders tief, wenn er mit Bilbo spricht und warm und zähflüssig, sodass Bilbo das Bedürfnis verspürt, Honig in seinen Tee zu träufeln. Er genießt  Thorins Berührung, die nur auf eine sehr zärtliche und sehr verborgene Weise eine ist. Und tief in seinem Inneren ist er stolz, dass er der Einzige ist, der diese Seite von Thorin zu spüren bekommt.

„Hm,“ macht Bilbo viel zu spät auf Thorins gesprochene Worte reagierend und zieht eine seiner Locken durch zwei Finger nach vorne, um sie zu betrachten.

„Findest du?“

Seit allem, was passiert ist — allem Schrecklichen und Schönen, hat er nie wieder an so banale Dinge gedacht wie Haare schneiden. Er hat es einfach wachsen lassen und erst jetzt spürt er einen Hauch der Faszination für all die Details, die sich geändert haben. Alles, was einst so wichtig, so ansehnlich schien, ist so sehr ins Unwichtige gerückt, dass es ihm völlig entglitten ist.

„Warte einen Moment, Givashel.“

Nicht nur der liebevoll gewählte Kosename veranlasst ihn dazu, sich schnell herumzudrehen, doch seine Fingerspitzen bekommen nur gerade noch so einen Hauch von Thorins Gewand zu fassen, so schnell entkommt er ihm, und auch wenn das Schleichen nichts ist, was den Zwergen liegen sollte, so haben sie doch ein Talent leise und rasch zu entschwinden, sodass es dem der Hobbits beinahe ähnelt.

Zumindest in Situationen wie diesen, in denen sie die Gelegenheit haben, geheimnisvoll wirken zu können und eine Erklärung schuldig zu bleiben. Mit einem Seufzer, der durch das gesamte karge Zimmer hallt, stützt Bilbo den Ellenbogen auf den Tisch und legt das Kinn in die Handfläche. Diesmal wirkt die Stille nahezu einsam und unerfüllt, und für eine Weile beobachtet er einfach nur den aufsteigenden Dampf seines Tees, der stetig blasser wird.

Gerade als er die Augen für einen Moment schließt, hört er wie Thorin zurückkehrt, seine kräftigen Schritte und das Rauschen seines schweren Gewands, das leise zaghafte Klirren von Schmuck, der umher schwingt wie filigrane Glöckchen.

„Du verschwindest einfach“, begrüßt er ihn ein wenig murrend und doch milde gestimmt, genießt Thorins Anwesenheit, die auch die Wärme zurückbringt, so wie es immer ist, wenn er in seiner Nähe ist.

„Verzeih.“

Er nickt und nimmt die Entschuldigung an, atmet leise aus und will sich zu ihm herumdrehen, als Thorin sich nach vorn beugt, eine Hand auf seine Schulter legt und ihm mit der anderen ein kleines Kästchen reicht. Verwundert nimmt Bilbo es an und ist für einen langen Moment so überrascht, dass er kaum spürt, dass Thorin erneut begonnen hat, durch sein Haar zu streicheln.

„Ich wollte es dir schon so lange geben, Âzyungel.“

Noch so ein liebevolles, vertrauliches Wort, eines, das Thorin selten wählt, nur in wirklich innigen und auch intimen Momenten, wenn alles um sie herum aufhört zu existieren, die Zeit stillzustehen und das Glück unendlich scheint. Offenbar ist dies gerade so ein Moment oder er wird zu einem, denn das Zupfen und Streicheln in seinen Haaren kommt zu einem Stillstand und Thorin küsst ihn auf den Hinterkopf, nur kurz, aber nicht flüchtig. Er kann die Geste noch immer deutlich spüren, als er das kleine Kästchen in seinen Händen zu drehen beginnt. In seinem Inneren klappern mehrere Gegenstände aneinander.

Es gibt nur weniges in Erebor, das nicht aus Stein und Stahl gefertigt ist. Dies ist der Grund, warum Bilbo den einfachen Tisch in seinem Zimmer so schätzt, das bemalte Porzellan und jetzt auch das kleine hölzerne Kästchen, in das ein Muster geschwungener Linien geschnitzt ist. Alleine schon von der Hülle seines Geschenks angetan und in den Bann gezogen, dreht er es in den Händen und betrachtet es ausgiebig. Er ist so abgelenkt, dass ihm beinahe Thorins leises, amüsiertes Lachen entgeht.

„Willst du es nicht aufmachen?“

Er kann spüren, wie Thorin sich über ihn lehnt und erneut seinen Kopf küsst, wie ihn eine Strähne seines langen dunklen Haare streift, jede Bewegung, jede Berührung. Auch seine Worte kann er auf eine vertraute Art auf seiner Haut spüren, wie ein verheißungsvolles Prickeln, als würden ihn die Funken eines Feuers treffen.

Er schaudert leicht auf eine angenehme und aufregende Weise, die dazu führt, dass er sich für den nächsten Moment nicht getraut zu sprechen, sondern eilig nickt und anschließend den Deckel des Kästchens abnimmt.

„Ich weiß sehr wohl, dass Gold dir nichts bedeutet, aber gestatte mir, dir, das hier zum Geschenk zu machen“, sagt Thorin. Seine Stimme ist nun ganz nah an Bilbos Ohr und tiefer denn je.

Der Anblick von dem, was sich in dem kleinen Kästchen befindet, ist dafür verantwortlich, dass Bilbo sprachlos und irgendwie überwältigt erstarrt. Scheinbar ist seine Reaktion nicht unwillkommen, denn erneut vernimmt er Thorins leises raues Lachen. Tief Luft holend, schüttelt er den Kopf und hat gerade endlich wieder die Fähigkeit zu sprechen zurückerlangt, als Thorin ihn abermals verstummen lässt.

Mit einem leisen „Klack“ legt dieser etwas auf dem Tisch vor ihm ab und blinzelnd nimmt Bilbo wahr, dass es ein Kamm ist. Ein mit einem Muster aus Seerosen verzierter, hübscher Kamm aus Perlmutt, von dem Bilbo nicht wagen wird laut auszusprechen, dass dieses kleine zart verarbeitete Teil eher etwas ist, dass er den Elben zuschreiben würde.

Erst jetzt wird ihm bewusst, dass Thorin ihm das Haar gekämmt hat. Zu abgelenkt war er von dem Kästchen in seinen Händen und den Zärtlichkeiten, die nicht selten von Thorin ausgehen, aber dennoch immer etwas besonders Kostbares bleiben werden.

„Es ist wunderschön“, bemerkt Bilbo endlich und berührt den kleinen goldenen Schmuck sehr vorsichtig mit den Fingerspitzen. Diesmal entgeht ihm nicht, dass Thorin eine seiner kurzen Strähnen zu flechten beginnt. Feine, geschickte Bewegungen, die manch einer diesen kräftigen Händen wohl nicht zutrauen würde.

Obgleich Bilbos Haar tatsächlich aufgrund seiner Gedankenlosigkeit und eines wohlgewollten Friedens unablässig gewachsen ist, ist es dennoch nicht sehr lang. Die kleine dünne Strähne, die Thorin geflochten hat, berührt nicht einmal seine Schulter. Mit zwei Fingern hält Thorin die Spitzen zusammen und streckt die Hand nach dem aus, was er Bilbo geschenkt hat.

„Ich habe es selbst angefertigt“, verrät Thorin ihm und Bilbo weiß genau, dass er nicht nur das Kästchen damit meint, sondern auch den darin befindlichen Schmuck. Und er weiß ebenso genau, was es ist, auch wenn er die genaue Bezeichnung dafür nicht kennt. Es sind die kleinen gravierten Schmuckteile, die nicht nur Thorin, sondern auch die anderen Zwerge in ihrem langen Haar tragen und die die kunstvoll geflochtenen Zöpfe zusammenhalten. Doch hat er noch nie welche in Gold bei den anderen gesichtet und selbst jene, die Thorin trägt, sind silbern.

Schweigend reicht er ihm das erste der beiden Schmuckstücke und kann fühlen, wie Thorin es befestigt, ehe er sich der anderen Seite widmet und auch dort Bilbos Haar zu einer dünnen Strähne zu flechten beginnt.

„Das ist…“, holt er aus und stößt ein kleines zaghaftes Lachen aus.
„… so ungewohnt“, kommt er schließlich zu dem Schluss und befühlt den kleinen geflochtenen Zopf, der nun vor seinem Ohr hängt.

„Dass ich dir etwas zum Geschenk mache, Âzyungel?“

Bilbo lächelt und hält sich gerade so davon ab, den Kopf zu schütteln.

„Nein, das ist es nicht… oder vielleicht doch, ich meine…“

Vielleicht möchte er ihm sagen, dass dieses Glück nach all der Zeit noch immer nicht ganz fassbar für ihn ist. Dass es noch immer ein schier unmögliches Wunder ist, dass alles gut ausgegangen ist, dass sie zusammengefunden haben und nach all dem, was passiert ist, hier gemeinsam in einem kleinen Zimmer unter dem Berg sitzen und Thorin ihn in jeder nur denkbaren Bedeutung beschenkt.

Thorin scheint genau zu wissen, was er meint und kann wohl auch nicht dem Drang widerstehen, sich darüber zu amüsieren.

„Ich könnte im Alleingang ins Waldland-Reich einmarschieren und Thranduils fetten Elch für ein üppiges Abendessen erlegen, wenn es dir zu friedlich geworden ist.“

„Unterstehe dich!“, empört sich Bilbo, der beinahe das Kästchen fallengelassen hätte, lächelt jedoch und erfreut sich an Thorins Zärtlichkeiten, als dieser ihm lachend mit den Fingern über die Schläfe streichelt.

„Nur, damit du es weißt, ich würde dir so eine verschlagene Tat durchaus zutrauen.“

Er reicht Thorin das zweite kleine Schmuckstück, als dieser danach verlangt und wendet ihm das Gesicht zu. Die Sonne steht nun höher und Thorin genau in ihrem Licht. So schön und majestätisch und lebendig, dass es ihn bis zum Anschlag mit Glückseligkeit erfüllt. So sehr, dass er schlucken muss bei seinem Anblick und er für die Dauer einiger Herzschläge darin schwelgt. Über Thorins rechtem Auge kann Bilbo die Narbe erkennen, die in einer feinen Linie seine Braue um ein winziges Stück teilt.

Mit einem leisen, verträumten Seufzer streckt er seine Hand danach aus, doch Thorin ist zu groß, als dass er sie erreichen könnte. Stattdessen lässt er einen seiner Zöpfe durch seine Finger gleiten, betastet den Haarschmuck, der dieselbe Gravur trägt wie der, den jetzt auch Bilbos nicht mehr ganz so kurzes Haar ziert.

Thorin sagt irgendwas, aber für den Moment entgleiten ihm seine Worte. Zu sehr steht Bilbo im Bann dieses friedlichen, sanften Morgens mit dem König an seiner Seite.

„Hm?“, bringt er nur zustande und spielt noch immer mit Thorins Haar, blickt erst zu ihm hinauf, als dieser seine Finger nimmt und die kleine Hand in seine schließt, sie an seine Lippen führt und zärtlich küsst.

Nein, denkt sich Bilbo.

Aller Abenteuer zum Trotz. Gegen Frieden hat er wahrlich nichts einzuwenden.
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