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Ein äußerst schwieriger Patient

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dis Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
14.04.2021
02.05.2021
3
9.452
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14.04.2021 4.661
 
Ja ja, ich weiß, Thore und Sophie warten immer noch auf die letzten Kapitel ihrer Geschichte... Ich schäme mich zutiefst, aber momentan geht diesbezüglich leider absolut gar nichts voran... Die Kreativität hat sich schmollend auf eine einsame Insel zurückgezogen und mich weinend im Dauerlockdown zurück gelassen. Ganz miese Tour wenn ihr mich fragt...

Bis sie sich wieder erbarmt und zurückkommt, hätte ich allerdings hier eine wirklich lustige  und leichte Übersetzung anzubieten, keine großen Dramen, keine heißen Sexzenen (hm... ;.), aber dafür (hoffentlich) gute Unterhaltung. Keine Ahnung, wie und ob überhaupt das Ganze bei euch ankommt, ich bin sehr gespannt und aufgeregt und freue mich wie immer über jede Rückmeldung!

Originaltitel: A most troublesome patient
Autor: Calthis
Übersetzt von mir, hopfenbraut ;-)

Das Original findet ihr hier: https://www.fanfiction.net/s/13557331/3/A-Most-Troublesome-Patient

Ganz lieben Dank an Calthis für die Erlaubnis zur Übersetzung.

Nichts gehört mir, alles J.R.R. Tolkin bzw. Calthis.

Genug geschwatzt, auf in den Erebor.
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Thorin erreichte den Flur außerhalb des Krankenflügels.
Weiter war er bisher nie gekommen.
Auch diesmal war es nicht anders.

„Darf ich fragen, wohin Ihr wollt, Eure Majestät?“, erklang da eine Stimme, die -ganz zweifellos - sowohl frustriert als auch resigniert klang.
Thorin hob den Kopf.
Vor ihm stand seine jüngste Nemesis.  

Die Zwergin stand nur wenige Meter von ihm entfernt im Flur; die Füße fest in den Steinboden gedrückt, die Arme vor der Brust verschränkt, schnitt sie ihm jegliche Fluchtmöglichkeit ab. Ihrem herausfordernden Blick sowie ihrem befehlsmäßigen Ton nach, schien sie den König unter dem Berge geradezu in die Knie zu zwingen. Nicht zum ersten Mal erwischte sie Thorin bei dem Versuch, sich in die Halle zu schleichen und die Flucht ergreifen zu wollen. Wovor genau er allerdings zu flüchten versuchte, war ihr ein Rätsel.

„Ich hole mir etwas zu trinken“, erwiderte Thorin und richtete sich dabei zu seiner vollen Größe auf.
Normalerweise schüchterte es andere Zwerge ein, wenn er seine königliche Macht derart zur Schau stellte, doch die Frau vor ihm blinzelte nicht einmal.

„Getränke gibt es im Zimmer. Das wäre dann der Raum direkt hinter Euch“, antwortete sie trocken und deutete auf die Tür, aus der er gerade gekommen war.

Thorin räusperte sich, versuchte so, Zeit zu schinden, um sich eine passende Antwort zu überlegen.
„Ich wünsche etwas anderes.“, war schließlich alles, was ihm einfiel.
Die Brauen der Zwergin wanderten nach oben. „Etwas anderes?“
„Ja."
„Ich wüsste nicht, was ich Euch anderes anbieten könnte. In Eurem Zimmer findet sich ein Krug mit jeder Art von Getränk, das wir auftreiben konnten. Einzig Wasser aus dem Fluss haben wir nicht hier. Wenn es wirklich das sein sollte, wonach ihr verlangt, kann ich es euch gerne bringen.“
Thorin presste die Kiefer aufeinander, seine Muskeln spannten sich an.
„Das wird nicht nötig sein“, presste er hervor.

„Nun, wenn das so ist, zurück ins Bett mit Euch!“

Wütend funkelte er ihr entgegen, wusste er doch nur zu gut, dass sie gewonnen hatte.
Schon wieder.
Minutenlang starrten sie einander an, bis er schließlich aufgab und zurück in sein Krankenzimmer stapfte.
Der Versuch zu stapfen und dabei gleichzeitig auch noch ein gewisses Maß an Würde zu wahren, erwies sich als äußerst schwierig, doch passte es nur zu gut zu seiner momentanen Stimmung. In jedem Fall hatte ihn die Frau schon in ganz anderen Gemütslagen gesehen.

Nur kurz dachte er darüber nach, sich wirklich wieder hin zu legen, bevor er sich doch lieber für den Stuhl entschied. Sein Kopf fing erneut an zu pochen, doch unter keinen Umständen würde er sich wie ein Krüppel ins Bett legen, oh nein!  
Ganz egal, ob er nun einer war oder nicht…

Thorin beobachtete die Heilerin bei ihrem immer gleichen Rundgang durchs Zimmer.
Jedes Mal kontrollierte sie den Raum in derselben Reihenfolge. Zuerst überprüfte sie das Wasser, dann sah sie nach, ob die Laken sauber waren und zum Schluss inspizierte sie das Feuer.
Wie er sie so betrachtete, fragte er sich unweigerlich, ob er sie nach ihrem Namen fragen sollte, um in Zukunft nicht nur als „DIE Frau“ von ihr denken zu können. Gerade als sie ihren Kontrollgang beendet hatte, entschied er sich jedoch, es dabei zu belassen. Wenn sie ihm diese Information nicht von sich aus gab, würde er gewiss nicht nachfragen.

Mitten im Raum blieb sie stehen. Ihre Hände legten sich leicht an ihre Hüften. Sie blickte ihn an.
Mit einem Mal wurde Thorin bewusst, dass sie sein Starren bemerkt hatte. Ohne es sich wirklich erklären zu können, fühlte er sich ertappt. Mit einem Anflug von Panik spürte er, wie die Röte in sein Gesicht stieg und sprang in dem Bemühen, möglichst davon abzulenken, auf seine Beine.

DAS. WAR. EIN. FEHLER.

Mit einem Mal begann das Blut in seinen Ohren zu rauschen, sein Blick verschwamm. Thorin spürte, wie er fiel, doch so schnell dieses Gefühl gekommen war, war es auch schon verschwunden. Als der Schwindel nachließ, bemerkte er, dass die Zwergin ihn aufgefangen hatte und ihn stützte.

„Ich würde Euch raten, das nicht noch einmal zu versuchen“, stellte sie fest und dirigierte ihn zurück auf den Stuhl.
„Verstanden.“, antwortete er und seine Stimme klang wie ein Grunzen. Nach all dem Blut, dass aus seinem Kopf gewichen war, konnte er wenigstens nun nicht mehr rot werden – wie er fand, das einzig Gute an dieser Situation.

„Schaut mir in die Augen“, befahl sie da.
„Was?“

„Ich muss Eure Augen sehen. Daran lässt sich erkennen, ob ihr eine Kopfverletzung erlitten habt.“

„Natürlich habe ich eine Kopfverletzung, verdammt nochmal! Ich war in einer Schlacht!“

„Ich würde es bevorzugen, wenn Ihr nicht in diesem Ton mit mir sprechen würdet.“

„Verstanden“, antwortete Thorin ein weiteres Mal.

„Wunderbar, und jetzt Kopf in den Nacken und Augen auflassen!“, wies sie ihn an und Thorin entschied, dass es wohl das Einfachste wäre, klein beizugeben. Sie war ihm – seinem Empfinden nach – unangenehm nah und sah ihm direkt in die Augen.
Nachdem sie einige, für ihn absolut lächerlich anmutende Tests durchgeführt hatte, schien sie endlich zufrieden zu sein und trat von ihm zurück.
„Es scheint nicht schlimm zu sein. In ein oder zwei Tagen werdet Ihr wieder auf dem Damm sein. Wenn Ihr im Bett bleibt und Euch ausruht.“
„Danke“, sagte er, weil er keine Ahnung hatte, wie er sonst reagieren sollte ohne sich gleichzeitig zu beklagen. Keine einzige seiner Beschwerden hatten bisher auch nur irgendetwas gebracht und es gab keinen Grund, warum sich das ausgerechnet jetzt ändern sollte.

„Corran.“

„Bitte, was?“

„Das ist mein Name. Wenn man jemandem danken möchte, kommt es immer gut, dessen Namen zu kennen, oder? Hat zumindest mein Großvater gesagt.“
Während sie sprach, nahm sie einen seiner Arme und krempelte sein Hemd zurück, um seinen Verband zu wechseln. Er wehrte sich nicht, wusste er doch, dass dies notwendig war, um eine Infektion zu vermeiden. Wenn er gekonnt hätte, hätte er es selbst getan, doch seine Verletzung hinderte ihn daran.

„Dann, Dankeschön, Corran“, korrigierte sich Thorin. Wenn er es schon nicht schaffte, einen Streit mit ihr für sich zu entscheiden würde er sich ganz bestimmt nicht auch noch mit ihrem Großvater anlegen.

„Gern geschehen, Eure Majestät.“

Stille legte sich über sie beide, während sie den Verband abwickelte. Die Prozedur gestaltete sich an manchen Stellen schwierig, da das ausgetretene Blut die Haut teilweise mit dem Stoff verklebt hatte. Corran war erbarmungslos – Thorin krümmte sich ein ums andere Mal, die Muskeln seines Arms zuckten ungesund.

„Ich dachte immer, Heiler seien verpflichtet, sanft mit ihren Patienten umzugehen.“

„Es tut mehr weh, wenn man es langsam macht“, antwortete Corran. „Habt Ihr nie von dem Sprichwort gehört „rip it off fast like a bandage“?“(= etwas kurz und schmerzlos hinter sich bringen, so als würde man ein Pflaser herunterreißen)

„Nein, habe ich nicht. Eine weitere Weisheit Eures Großvaters?“, fragte Thorin mit leicht sarkastischem Unterton.

Corran sah ihn an. „Ja.“
Ihre Stimme würde jeden anderen erahnen lassen, dass sein Kommentar nicht gerade gut ankam, doch Thorin bemerkte nichts davon. In seinen Ohren klang sie wie immer.

„Ist Euer Großvater mit Euch hier im Erebor?“
„Ja.“
„Und Eure Eltern?“, fragte Thorin weiter und war sich nicht sicher, warum ihn das überhaupt interessierte.

Corran begann, die klaffende Wunde an seinem Arm sorgfältig zu reinigen. Sie verheilte gut, doch nichtsdestotrotz machte sie sich Sorgen um eine mögliche Infektion. Die Waffen der Orks waren niemals sauber und die Hälfte davon war verrostet. Jeder Schnitt und jede Wunde mussten deshalb regelmäßig gesäubert werden. Während sie den nassen Stoff in einer Schale auswrang und anschließend damit über die vernarbte Haut fuhr, dachte sie über seine Frage nach.

„Meine Eltern sind vor langer Zeit gestorben.“

„Oh. Das tut mir leid“, antwortete er und bereute es sofort, überhaupt gefragt zu haben. Er wusste nie, was er in Situationen wie diesen sagen sollte, und dass, obwohl er doch selbst so Viele verloren hatte.
„Danke.“
„Habt Ihr Geschwister?“
„Einen Bruder.“
„Jünger oder älter?“
„Jünger.“

Thorin nickte, wusste nicht, was er noch fragen sollte. Jede weitere Frage würde, so kam es ihm zumindest vor, zu sehr in ihre Privatsphäre eindringen. Im Hinblick auf die doch recht knappen Antworten bezüglich ihrer Familie, schien sie nicht gerade jemand zu sein, der über ein solches Verhalten erfreut wäre. Und außerdem ging ihn das auch gar nichts an, ermahnte er sich selbst. Sie war nichts anderes als eine Heilerin, die ihn auch noch die nächsten Tage heimsuchen würde und danach, ja, danach würde er sie aller Wahrscheinlichkeit nie mehr sehen. Der Erebor war groß.
Die Stille begann unangenehm zu werden, und Thorin hatte das Gefühl, nun doch noch etwas sagen zu müssen.

„Ich habe selbst eine jüngere Schwester. Ich hatte zudem auch einen jüngeren Bruder, aber der ist schon vor langer Zeit von uns gegangen.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, hätte er sich am Liebsten selbst einen Tritt verpasst. Die Wahrscheinlichkeit, dass Corran bereits alles über seine Familie wusste, war ziemlich hoch, was ihre nächsten Worte nur zu bestätigen schienen.

„Ich weiß. Eure Schwester und ich kennen einander ziemlich gut.“
„Ach ja?“, fragte er. Dís hatte ihm gegenüber niemals jemanden namens Corran erwähnt.

„Ja. Wir gingen zusammen zur Schule und als sie dann ihre beiden Söhne hatte, habe ich sie des Öfteren getroffen.“
„Sie hat nie von Euch gesprochen.“
„Vielleicht habt Ihr ja einfach nicht richtig zugehört?“
„Ich höre meiner Schwester immer zu!“

Corran zog eine Braue nach oben. Noch bevor die Worte ihren Mund verließen, wusste Thorin, was sie sagen würde.

„Da behauptet sie aber etwas anderes.“
„Dís redet viel und einiges davon sollte man nicht unbedingt allzu ernst nehmen.“
„Sie wird sich sicher freuen, das zu hören.“

Corran lächelte leicht, als sie den Anflug von Angst in seinen Augen wahrnahm. Ganz offensichtlich fürchtete sich Thorin, genau wie viele andere Bewohner des Erebor, vor dem Temperament seiner jüngeren Schwester. Ihr Feuer war legendär und wirklich niemand legte Wert darauf, sich mit ihr anzulegen. Thorin konnte diesbezüglich einiges an Erfahrung aufweisen.

„Wie geht es Euren Neffen?“, fragte Corran. „Es ist lange her, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe.“
„Fili verbringt viel Zeit mit der Herstellung von Schmuckstücken und Kili ist vollauf damit beschäftig, zusammen mit Balins jüngster Tochter die Tiefen der Minen zu erkunden.“
„Das war das Mädchen, das aus den Blauen Bergen weglief, nicht wahr?“
„Ganz genau. Ich glaube kaum, dass ihre Mutter davon begeistert gewesen ist.“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Dís brauchte eine geschlagene Stunde, um sie davon abzuhalten ihr sofort nachzusetzen und es hat weitere zwei Stunden gekostet, sie zumindest einigermaßen zu beruhigen.“

Angesichts eines derartigen Zusammenbruchs verzog Thorin das Gesicht. Dís handelte stets so besonnen und rational, dass ihm solche typisch weiblichen Ausbrüche vollkommen fremd waren. Allein schon die Erwähnung eines solchen Gefühlsausbruchs ließ ihn sich unwohl fühlen und brachte ihn dazu, sich nach der nächsten Fluchtmöglichkeit umzusehen.

„Ihr seid also mit Balins Frau gut bekannt?“

Corran wiegte den Kopf hin und her, ganz so, als wäre sie sich selbst nicht sicher. „Ich kenne sie, aber ich würde nicht behaupten, dass wir Freunde wären. Wir haben nicht gerade viele Gemeinsamkeiten.“

Thorin nickte während sie einen straffen Verband um seinen Arm legte und schließlich befestigte. Der weiße Stoff hob sich blass gegen seine von der Sonne gezeichneten Haut ab.

„Ich muss auch die Verletzung an Eurem Fuß versorgen. Danach überlasse ich Euch Eurer friedlichen Einzelhaft.“
„Ich denke nicht, dass „friedlich“ und „Einzelhaft“ wirklich gut zusammenpassen.“
„Lasst es mich wissen, wenn ihr Euch sicher seid.“
„Ich bin mir sicher!“, entgegnete Thorin frustriert, da es ihr derart leichtfiel, ihn in die Tasche zu stecken. „Daran ist nichts friedlich. Es ist stinklangweilig. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es einen direkt verblöden lässt.“
„Vielleicht solltet Ihr euch eins der Bücher zur Hand nehmen, die dort unangetastet auf dem Regal stehen?“
„Ich habe keine Lust zu lesen.“
„Das wäre zumindest eine Erklärung für Eure Langeweile.“

Thorin verzog spöttisch den Mund und blickte zum Bücherregal. Wenn er ehrlich war, hatte er bisher wirklich nicht daran gedacht, zu einem der Bücher zu greifen. Er war noch nie ein passionierter Leser gewesen. Andere Dinge waren immer wichtiger. Die meiste Zeit seines Lebens bestand alles, was er gelesen hatte aus Schriften, die entweder seiner Bildung oder aber seinem Volk dienten. Vielleicht sollte er es ja wirklich in Erwägung ziehen. Es wäre immerhin eine Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen, zumindest solange, bis diese infernalische Frau ihn weiter als zehn Schritte aus seinem Krankenzimmer gehen lassen würde.

„Ich muss mir Euren Fuß ansehen.“, erinnerte Corran ihn.

Aus seinen Gedanken gerissen, setzte sich Thorin etwas gerader auf. Er konnte spüren, wie sich die Muskeln seines Oberkörpers anspannten, als sie sein Bein anhob und seinen Fuß auf ihrem Schoß ablegte. Plötzlich wünschte er sich, ein männlicher Heiler würde sich um ihn kümmern, anstatt sich mit einer frustrierend attraktiven und noch dazu intelligenten Frau herumschlagen zu müssen. Er konnte sich nicht entscheiden, ob es eher ihr tiefsinniger Humor oder aber ihre Attraktivität war, die ihm mehr auf die Nerven ging. Beides arbeitete auf ganz ähnliche Weise gegen ihn. Nur zu deutlich spürte Thorin ihre Bewegungen, als sie ihn von Schuh und Strumpf befreite, um den Verband abzunehmen. Azogs Klinge war mitten durch den Fuß gegangen. Er konnte sich glücklich schätzen, nicht Teile seines Fußes oder gar Zehen verloren zu haben.

Corran musste aufpassen, dass sich der Heilungsprozess nicht verschlechterte.
Vorsichtig nahm sie den Stoff ab.
„Der Verband hat schon bessere Tage gesehen. Wann wurde er das letzte Mal gewechselt?“

Thorin brauchte einige Momente, bis er realisierte, dass er ihr antworten musste, da er doch alle Anstrengungen darauf verwendete, seinen Fuß möglichst nicht zu bewegen. Er fühlte sich dazu verpflichtet, ihn vollkommen still zu halten. Nicht einmal ein einzelner Zeh dürfte wackeln, so dachte er.

„Vor ein paar Tagen.“, antwortete er schließlich.
„Er sollte täglich gewechselt werden.“
„Ist das nicht Eure Aufgabe?“
Thorin fühlte einen kleinen Triumph in seiner Brust, als er so zumindest einen kleinen Punktsieg in ihrem Gespräch für sich einheimsen konnte. Nur mit Mühe konnte er ein Lächeln unterdrücken.

Wieder wanderte eine von Corrans Brauen nach oben, doch konnte sie nur verärgert den Mund verziehen. Er hatte Recht. Auf Grund der großen Anzahl an verletzten Kämpfern und den Opfern der einstürzenden Tunnel, die im Zuge der Erkundungsgänge in die vergessenen Teile des Erebor zu beklagen waren, war sie ständig auf den Beinen. Es schien beinahe so, als hätte sie bei all ihrer Arbeit ihren wichtigsten Patienten vernachlässigt.
Ein kleiner Teil von ihr fürchtete sich vor dem, was sie zu Gesicht bekommen würde, als sie die letzte Schicht des Verbandes abnahm. Erleichtert atmete sie auf. Wie sich herausstellte sah die Wunde nicht schlimmer aus, als zu erwarten gewesen war. Keine Zeichen von Infektion oder Blutvergiftung. Die Haut war nicht komisch verzogen und es zeigte sich kein Eiter; die Wunde roch nicht unangenehm und schien gut zu verheilen.

„Glücklicherweise scheint es keine Probleme bei der Heilung zu geben, aber bitte denkt daran, dass der Verband täglich gewechselt werden muss. Das ist äußerst wichtig!“
„Wie ich schon sagte, das ist Eure Aufgabe.“
„Verstanden“, antwortet Corran und ahmte dabei denselben Ton nach, den er nur kurze Zeit zuvor selbst angeschlagen hatte.

Thorin warf ihr einen kurzen Blick zu und versuchte, die Energie aufzubringen, sie für die Art und Weise, wie sie mit ihrem König sprach, zurecht zu weisen. Leider lösten sich sämtliche dahingehende Bemühungen in Luft auf, als sie seinen Knöchel berührte, um die Verletzung genauer in Augenschein zu nehmen. Niemals würde er sich daran gewöhnen, dass Heiler ihn an sämtlichen Stellen seines Körpers anfassten. Geistesabwesend fragte er sich, ob es wohl irgendeine Möglichkeit gäbe, dies gesetzlich verbieten zu lassen, entschied letztendlich jedoch, dass dies wohl nicht umzusetzen sei.

„Ihr dürft nicht auftreten bis die Wunde besser verheilt ist.“, wies Corran ihn an, reinigte die Stelle vorsichtig und legte einen neuen Verband an.

Thorin nickte ohne wirklich zuzuhören. Das Wasser, das von dem Stück Stoff auf ihre Röcke tropfte, lenkte ihn ab. Das konnte doch unmöglich angenehm sein, vor allem, wenn die Flüssigkeit erst einmal durch sämtliche Schichten der Kleidung gedrungen wäre. Ihr schien das jedoch nichts auszumachen. Vielleicht waren Frauenröcke aus dickerem Stoff, als er gedacht hätte.

„Keine Widerworte?“ Corran riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wie bitte?“
„Ihr habt mir überhaupt nicht zugehört, was?“ Ein leicht genervtes Stöhnen untermalte ihre Worte. Irgendwie störte sie dies mehr, als wenn er ohne Unterbrechung gegen sie redete.
„Ich sagte, Ihr dürft den Fuß nicht belasten, was heißt, dass Ihr den größten Teil Eurer Zeit im Bett bleiben müsst bis die Wunde besser verheilt ist.“
„Ich gehe mal davon aus, dass ich keine andere Wahl habe.“
„Sehr richtig. Zumindest, so lange ich hier bin.“

Thorin wusste, dass dies nur allzu wahr war. Sobald er sein Krankenzimmer verlassen wollte, schien sie schon bereit zu stehen. Fast kam es ihm so vor, als würde sie nur darauf warten, dass er flüchte wollte. Vielleicht tat sie das wirklich.

Corran streifte ihm den Strumpf über und zog ihm seinen Schuh wieder an, bevor sie sein Bein absetzte. Sie stand auf, versuchte dabei, das Wasser, zumindest einigermaßen, von ihren Röcken zu tupfen.

„Ich werde Euch jetzt allein lassen“, sagte sie und knickste vor ihm, nicht ohne dem Ganzen einen doch ziemlich hämischen Touch zu verleihen.
„Danke“, antwortete er, bevor er sich daran erinnerte, was sie über ihren Großvater gesagt hatte. Schnell verbesserte er sich. „Danke, Corran.“

Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, beugte höflich den Kopf und verließ das Zimmer. Die schwere Eichentür drehte sich leise in ihren Angeln, die Tür fiel dumpf ins Schloss.

Sie war tatsächlich versucht abzuschließen und betrachtet aufmerksam den Schlüssel.

„Denkst du darüber nach ihn einzusperren?“

Corran blickte auf und sah Dìs den Flur entlangkommen. Ihre dunkelblauen Röcke raschelten über den Boden, die in den Saum gewobenen Juwelen klickerten leise. Ihr schwarzes Haar, das wie das ihres Bruders von einzelnen, grauen Strähnen durchzogen war, lag, ganz einer Prinzessin des Erebors entsprechend, in einer ordentlichen Hochsteckfrisur an ihrem Kopf. Freundlich lächelte sie ihre Freundin an.

„Ehrlich gesagt, ja“, antwortete Corran. „Er wird sicherlich nicht im Zimmer bleiben.“
„Es ist ihm schon immer schwergefallen, Anweisungen zu befolgen.“
„Ja, das fällt mir mittlerweile auch auf. Wie geht es dir?“
„Gut, danke. Auch wenn ich meine Söhne seit einigen Wochen so gut wie gar nicht mehr zu Gesicht bekomme. Ich bin mir sicher, dass es für sie momentan weitaus interessanteres zu tun gibt, als ihre Mutter zu besuchen.“
„Dein Bruder hat erwähnt, dass Kili auf Erkundungstour ist.“
„Das stimmt. Manchmal kommt er erst zurück, wenn der Morgen anbricht. Normalerweise stehe ich auf, wenn er nach Hause kommt. Irgendwie schafft er es jedes Mal, über immer gleichen Teppich zu stolpern.“
„Warum tust du das Ding nicht einfach weg?“
„Ich mag es zu wissen, wann er heimkommt.“
Corran lachte leise. „Das kann ich verstehen. Er war schon immer der Waghalsigere von beiden.“
„Einer von ihnen musste zwangsläufig so werden. Du kanntest ihren Vater. Der einzige Grund, warum Fili nicht der Leichtsinnigere geworden ist, ist der, dass er sich um seinen kleinen Bruder kümmern muss.“

„Und das macht er sehr gut. Auch wenn beide einige blaue Flecke davongetragen haben, haben sie es doch aus dem Krieg nach Hause geschafft.“
„Ja, Mahal sei Dank. Ich habe schon meinen Ehemann zu Grabe getragen, ich will auch nicht noch meine Söhne verlieren.“ Trotz der traurigen Worte war ihre Stimmung noch immer positiv.
„Ich bin mir sicher, dass ihnen im Erebor nichts zustoßen wird. Wie ich gehört habe, widmet sich Fili wieder ganz der Anfertigung von Schmuckstücken?“
„Das stimmt. Er hat mir dieses Armband gemacht“ Stolz zeigte Dís das filigran gearbeitete Stück aus Gold und Silber, dessen Glieder sich ineinander verwoben. Es glänzte und tanzte herrlich im Licht und erinnerte dabei an Flüsse aus geschmolzenem, wertvollem Metall.
„Oh, das ist wirklich wunderschön!“ Corran betrachtete verzückt das Armband. „Er hat wirklich eine Gabe.“
Stolz ließ Dís ihre Finger über das Schmuckstück wandern. „Ja, das ist wahr.“
„Willst du deinen Bruder besuchen?“
„Ja. Ich hoffe, er ist besser gelaunt als es normalerweise der Fall ist.“
„Das hoffe ich auch, obwohl ich mir sicher bin, dass du damit umgehen kannst.“
Dís lachte, verzog ihren Mund dabei beinahe zu einem schiefen Grinsen. „Zweifellos.“

Corran lächelte ebenfalls, nickte ihr höflich zu und schritt den Flur hinab. Hinter iher klopfte Dís an die Tür und öffnete sie gleich darauf, ohne auch nur auf eine Antwort zu warten.

„Bruder, kann ich reinkommen? Bist du angezogen?“
„Würde es etwas ändern, wenn ich nein sagte? Du würdest dich trotzdem nicht abhalten lassen.“, ließ sich Thorin von seinem Platz auf dem Stuhl vernehmen.
„Nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.“
„Bitte hör auf damit. Und doch, es wäre etwas, was du noch nicht gesehen hast. Wir wurden nicht mehr zusammen gebadet, seit du ein kleines Kind warst.“
„Wie bitte solltest du dich denn großartig von anderen Männern unterscheiden, hm?“, winkte Dís ab, setzte sich und richtete ihre Röcke.

Thorin beobachtete sie aufmerksam. „Wie leicht dringt eigentlich Wasser durch deine Kleidung?“
„Was?“ Dís starrte ihn irritiert an. „Was soll das denn bitte?“
„Ich habe mich nur gefragt.“
„Nun ja, es kommt kaum hindurch. Der Stoff ist dick und es sind viele Lagen.“
„Dann ist ja gut“. Thorin stütze sich auf eine Hand und strich sich mit der anderen leicht über den Bart, der in letzter Zeit immer länger geworden war. So lange er jedoch ans Bett gefesselt war, würde er keine Chance bekommen, ihn zu kürzen.

„Warum fragst du?“
„Das tut nichts zur Sache.“
„Und wenn ich darauf bestehe, es zu erfahren?“
„Dann werde ich es dir trotzdem nicht sagen“, antwortete er und blickte sie an.
Leider hatte dieser Blick bei Dís noch nie gewirkt.
Sie zuckte lediglich mit den Achseln und trommelte mit ihren Fingern auf die hölzernen Armlehnen ihres Stuhls.
„Wie geht’s dir?“
„Besser. Die Heilerin besteht allerdings darauf, dass ich noch hierbleibe. Wie es aussieht scheint sie sich nicht bewusst darüber zu sein, dass ich ein Königreich zu regieren habe.“
„Dein Königreich hält es auch noch ein paar Tage ohne dich aus“, winkte Dís ab.
„Lass mich raten, du kümmerst dich allein darum, nicht wahr?“ Mit leicht nach oben gezogenen Brauen blickte Thorin auf seine Schwester.
„Ehrlich gesagt nicht. Naja, zumindest nicht so ganz. Fili hilft mir dabei. Ich dachte, es würde ihm guttun, etwas Erfahrung zu sammeln. Schließlich ist er noch immer dein Erbe, insofern du keine eigenen Kinder bekommst.“
„Dann gehe ich davon aus, dass er für alle Ewigkeit mein Erbe bleiben wird“, antwortete Thorin ungerührt.
„Ach komm, sei doch nicht so pessimistisch. Ich bin mir sicher, du wirst DIE EINE noch finden.“

„Ich bin nicht wirklich auf der Suche.“
„Dann wird sie eben dich finden“, erwiderte Dís. „Und sie wird genauso dickköpfig sein wie du es bist und nicht von dir lassen, bis sie dich bekommen hat.“
Leise lachte Thorin in sich hinein. „Oh ja, ich war schon immer ganz wild darauf, eine Frau kennenzulernen, die mich unnachgiebig verfolgt und kein Nein als Antwort akzeptieren kann.“
„Bei mir hat es geklappt.“
„Willst du mir etwa erzählen, dass du Fain nicht wie eine Verrückte nachgelaufen bist?“
„Ich habe mich dabei nicht wie eine Verrückte aufgeführt. Ich war äußerst charmant. Und er war genauso an mir interessiert.“

Thorin rollte mit den Augen. „Da widerspreche ich ganz entschieden. Du warst ungefähr so subtil wie ein einstürzender Tunnel.“
Dís setzte zu einem Protest an, überlegte es sich dann jedoch anders und nickte seufzend.
„Das liegt in der Familie, mein lieber Bruder.“
„Das weißt du doch überhaupt nicht. Ich habe noch nie einer Frau den Hof gemacht und Frerin genauso wenig.“

„Ja, weil ihr beide einfach unfähig seid. Ich bin die Einzige hier, die die Linie Durins aufrechterhält. Und du kennst meine Söhne. Du weißt genau welche Herausforderung es war, diese beiden Abenteurer, die das Unglück nur so anzuziehen schienen, lebendig durch ihre Kindheit zu bringen.“

Beim Gedanken an all die misslungenen Abenteuer seiner Neffen in den Blauen Bergen brach Thorin unwillkürlich in Gelächter aus. Wie oft hatte er sie gerade noch davon abhalten können, etwas absolut Katastrophales zu tun – oder schlimmstenfalls sogar etwas potenziell Tödliches. Nun, zumindest wurde es so nicht langweilig. Wenn das auch nicht immer von Vorteil war.

„Und dafür danke ich dir.“
„Das war schiere Willenskraft.“
„Glaub mir, das weiß ich. Ich musste dafür sorgen, dass sie am Leben blieben, als wir uns auf den Weg zum Erebor machten. Das war schwieriger, als ich jemals gedacht hätte.“

Dís hob eine Hand, um ihn zu unterbrechen.
„Ich will nichts davon hören. Ich will gar nicht wissen, wie nah meine kleinen Söhne dem Tod waren.“
„So klein sind sie nun auch nicht mehr.“
„Doch, das sind sie und ich lasse mir nichts anderes von dir einreden.“
„Sie sind erwachsen.“
Dís wandte sich von ihm ab, wehrte sich vehement, diese Tatsache anzunehmen.
„Nein. Ich weigere mich sie als erwachsenen anzusehen, so lange sie nicht verheiratet sind und Kinder in die Welt gesetzt haben.“
„Was für ein Glück für dich, dass es noch eine Weile dauern wird, bis es so weit kommt. Bisher scheint keiner von den beiden sich für etwas in dieser Richtung zu interessieren“, antwortete Thorin.

Dís reagierte nicht darauf. Ihr Gesichtsausdruck ließ jedoch darauf schließen, dass sie mehr wusste als er, jedoch fehlte ihm die Kraft, nachzubohren. Um ehrlich zu sein war er sich nicht einmal sicher, ob er es überhaupt wissen wollte.

„Ich könnte mir denken, dass du viel zu tun hast“, sagte er stattdessen.
„Oh ja, sicher. Es gibt viel aufzubauen und zu organisieren. Es ist schön, eine Aufgabe zu haben. Aber mach dir keine Sorgen, Bruder, die schwierigen und wirklich wichtigen Entscheidungen hebe ich für dich auf.“
„Das weiß ich wirklich zu schätzen, kleine Schwester“, brummte Thorin leise.
Ganz klar, dass sie ihm die unangenehmen Dinge überließ.

„Das freut mich sehr“, entgegnete Dís und stand auf. „Ich sollte lieber wieder an die Arbeit gehen. Gerade versuchen sie, einen der blockierten Tunnel zu öffnen und herauszufinden, was sich dahinter befindet. Ich bin wirklich gespannt, auf was wir stoßen werden. Und sicherlich wirst du es auch wissen wollen.“
„Nimm dich vor herabfallenden Steinen in Acht.“
„Ich bin kein Kind mehr. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“
„Dann sorg dafür, dass du das auch tust.“
„Ja, ja. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, wehrte Dís ab und ging zur Tür. Sie blieb nie lange. Immer gab es etwas, was sie erledigen musste.
„Bis später“, rief Thorin ihr nach, als sie das Zimmer verließ.

Nachdem sie verschwunden war, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ganz langsam kamen seine Gedanken zu Ruhe und er glitt in eine Art Halbschlaf.

Zu seiner eigenen Überraschung war es Corran, die ihm in diesem Zustand in den Sinn kam. Corran, die, belustigt über etwas, das er getan hatte, ihre Brauen und Lippen nach oben zog. Er hatte keine Ahnung, was er angestellt hatte, das sie derart zu amüsieren schien, doch irgendetwas musste es wohl sein. Ein kleiner Teil von ihm fragte sich kurzzeitig, ob es richtig war, an sie zu denken, doch die Zweifel gingen so schnell sie gekommen waren. Es fühlte sich normal und richtig an und so beließ er es dabei.
Nur für diesen einen Moment.
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