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Die einzig wahren Kostbarkeiten

von Jaskolkin
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Balin Bilbo Beutlin Bofur Dain II. Eisenfuss Oin Thorin Eichenschild
12.04.2021
07.05.2021
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12.04.2021 1.343
 
Er hatte ihm alles sagen dürfen.
Zurücknehmen dürfen, was er ihm am Tor entgegengespien hatte. Ihn einen wahren Freund nennen dürfen, wie Bilbo es verdiente. Sich dafür entschuldigen dürfen, ihn in solche Gefahr gebracht, sein Leben aufs Spiel gesetzt zu haben. Für Gold. Für den Arkenstein. Für nichts. Ein Zuhause aber, das würde Thorins Volk nun hoffentlich erhalten bleiben. Thorin hatte erkannt, dass dies der wahre Schatz war. Er war bereits in den Blauen Bergen unermesslich reich gewesen. Er hatte es nur nicht zu schätzen gewusst.
Den Halbling jedoch, der zu seiner Rechten kniete, wusste er zu schätzen. Seine Tapferkeit. Seinen Weitblick. Seine Treue. Thorin bereute bitter, was er dem Hobbit aufgebürdet hatte.
Und Bilbo? Er antwortete ihm, er sei froh darüber, mit ihm durch all diese Gefahren gegangen zu sein, und Thorin wusste, sein Freund meinte es ernst. Er musste lächeln, obwohl die Schmerzen in seinem Leib und seinem Fuß ihm den Verstand zu rauben drohten.
„Leb wohl, Meisterdieb“, sagte er mit mehr Zärtlichkeit, als ihm zustand. Und er rang sich noch mehr Worte ab, während ihm das Atmen zunehmend schwerfiel. Er bat Bilbo, nach Hause zurückzukehren, nach Hause zu seinen Büchern und seinem Sessel. Bilbo sollte seine Bäume pflanzen. Zusehen, wie sie wuchsen. Er sollte sicher sein, solange er lebte. Zuletzt vertraute Thorin dem Hobbit an, was er für sich erkannt hatte. Dass die Welt ein glücklicherer Ort wäre, wenn es nur mehr gäbe wie Bilbo, die ein Zuhause höher achteten als Gold.
Wenn er Bilbo bald wieder in Sicherheit wusste, zu Hause im freundlichen Westen, konnte Thorin in Frieden sterben. Und, so Mahal es wollte, in den Hallen der Erwartung schon bald Fíli wiedersehen. Es war nun Kíli bestimmt, die Zwerge Erebors zu führen. Thorin zweifelte nicht an der Eignung und Stärke seines jüngeren Schwestersohns, und er betete, dass dieser die Schlacht überstanden hatte. Kíli, König unter dem Berg. Auch dieser Gedanke erleichterte Thorin das Loslassen.
Und als wahrer Freund, der er war, blieb Bilbo an Thorins Seite, nun, da sein Leben sich dem Ende zuneigte. Nur, dass Bilbo alles andere als willens war, diese Tatsache zu akzeptieren. Er verbot Thorin ganz einfach, zu sterben.
„Wag es ja nicht, Thorin“, befahl er. Er befahl es! Ihm! Ihm, der er König unter dem Berg war, bis er seinen letzten Atemzug getan hatte! Niemand sonst hätte diese Dreistigkeit aufgebracht. Schon wieder musste Thorin lächeln. Er starb und er lächelte. Hatte er jemals zuvor so oft gelächelt wie an der Seite seines scheuen und doch so kühnen Meisterdiebs?
Bilbo!, dachte er. Bilbo, ich muss dir …
Nein.
Thorin hatte Bilbo alles sagen dürfen.
Alles bis auf das Eine. Das Eine, das er seinem Freund nicht zumuten durfte, jetzt, wo er starb. Die Last wäre zu groß. Ein Toter konnte sich nicht mehr erklären, nicht von all den Narreteien berichten, die er sich in den letzten Wochen zusammengesponnen hatte.
Und was war es schon, das Eine? Nichts als die Hirngespinste eines Königs, der sich in der Zuneigung und Loyalität eines Wesens verloren hatte, das ihm offiziell weder Wertschätzung noch Gehorsam schuldete. Und dennoch stand es unbeirrbar an seiner Seite, dieses Wesen. Unbeirrbar wie ein Fels, obwohl es doch so klein und verletzlich war. Er. So ein kleines Etwas, aber unbeirrbar wie Stein. Bilbo.
Das Eine hatte am Osthang des Nebelgebirges begonnen, in Thorins Brust zu schwelen, nachdem Bilbo sich um seinetwillen Azog und seinem Trupp entgegengeworfen hatte – und nie mehr damit aufgehört. Darum war es Bilbo, der jetzt das schützende Mithrilhemd trug, Bilbo und niemand sonst. Eine gefühlsselige Entscheidung, die Thorin nicht bereuen konnte, obwohl ein sentimentaler König kein guter König war. Auf den Wahnsinn der Drachenkrankheit konnte er dieses immense Geschenk nicht schieben. Nur auf die Liebe, die der Wahn nicht gänzlich hatte fortdrängen können; nicht in diesem Augenblick.

Dass Fíli und Kíli im Falle einer erfolgreichen Rückeroberung des Einsamen Berges seine Nachfolge antreten sollten, war für Thorin schon lange zuvor beschlossene Sache gewesen. Kíli in den Blauen Bergen, Fíli als Thronfolger im Erebor. Auch wenn nun alles ganz anders gekommen war, dies war Thorins Plan gewesen.
Doch in den letzten Monaten hatte er zögerlich noch weiter gedacht. Und der Moment, in dem Bilbo ihm die Eichel aus Beorns Garten gezeigt hatte, hatte Thorin trotz und inmitten seines Wahnsinns Gewissheit geschenkt.
Dís neben ihm auf dem Thron, von Durins Blut wie er. Und er selbst … frei. Der König, aber frei. Niemand hätte gewagt, offen Einspruch gegen seine Entscheidung zu erheben; nicht angesichts der Leistungen, die er und seine Schwestersöhne erbracht haben würden, wenn die Unternehmung tatsächlich gelungen war. Es oblag allein ihm, sich nicht zu binden, sondern die Regierungsverantwortung mit seiner Schwester zu teilen, so neuartig es auch anmuten mochte.
Und dann … dann wollte er … obgleich er nicht wissen konnte, ob seine Gefühle erwidert wurden … und obwohl es vielleicht nur im Geheimen wahr werden konnte, weil sich für den König nicht ziemte, was im Volk ob des Mangels an Frauen nicht ungewöhnlich war …

Der glühende Schmerz in seinem Leib ließ ihn aufstöhnen. Zwar hatte die Klinge des bleichen Orks Thorins Herz verfehlt, doch sie hatte sich tief in seine Flanke hineingebohrt. Es fühlte sich an, als hingen seine Eingeweide kreuz und quer, langsam ausblutend.
„Thorin, halte durch“, beschwor ihn Bilbo, die Stimme ganz klein vor Angst und dennoch beharrlich. „Thorin, bitte.“ Er sprach von den Adlern, die kämen, um sie zu retten. Die Adler, immer wieder die Adler.
Es ist zu spät, Kidhuzurâl, dachte Thorin. Golden. Das war Bilbo für ihn. Zwar war er nicht bärtig und kraftstrotzend wie Zwergenfrauen und Zwergenmänner, sondern glatt und weich, doch obwohl diese Attribute nichts waren, was Thorin in seiner Jugend zu begehren gelernt hatte, konnte er sich keinen schöneren Anblick im Tode wünschen. Für ihn war Bilbo vollkommen.
Doch über dem rötlich schimmernden Gold von Bilbos Locken erblickte er ihn plötzlich. Ein Gigant am Himmel, erleuchtet von der Abendsonne, die durch die Wolken gebrochen war. Landroval. So war der Fürst der Adler persönlich gekommen, um ihnen zu helfen? Derselbe Fürst der Adler, der sie nach ihrer erstmaligen Rettung am Carrock sich selbst überlassen hatte, weil er sich für Zwerge nicht in Gefahr begeben mochte? Zwar hatte Thorin ihn durchaus verstehen können, doch Landrovals Wortwahl hatte ihn unerwartet tief getroffen.
Er versuchte zu erfassen, was vor sich ging. Der Halbling und der größte Adler unter den Nachkommen Thorondors schienen ein stummes Zwiegespräch zu führen, ein Gespräch durch Blicke und Gesten, für dessen Inhalt der sterbende Zwerg nicht mehr empfänglich war. Er war nur empfänglich für den Schmerz, der mit vernichtender Wucht durch seinen Körper jagte, als Bilbo ihn mit aller Gewalt, die er aufbringen konnte, auf die rechte Seite zog. Die Qual presste einen Schrei durch Thorins Kehle, der, schwach und heiser, binnen Sekunden erstarb.
Im nächsten Augenblick nahm er wahr, dass sie beide von Landrovals Klauen umschlossen wurden. Bilbos biegsamer Körper diente als lebendiger Schild, der Thorins Wunde vor der schieren Kraft der Vogelkrallen schützte. Während ihm die Sinne endgültig zu schwinden drohten, spürte Thorin seine Mundwinkel zucken. Dieser Hobbit!
„Wag es ja nicht, Thorin“, hörte er Bilbo erneut sagen. Seine Stimme klang, als wäre er Meilen entfernt, doch Thorin spürte seinen warmen Atemhauch an seinem Hals. „Wag es nicht, zu sterben!“
Was immer du befiehlst, Meisterdieb, dachte Thorin wider alle Hoffnung und Vernunft. War er ein Narr, weil er mit einem Mal all seine Kräfte zu sammeln versuchte, um zu tun, was Bilbo von ihm verlangte? Bei Mahal, er würde –
Da umfing ihn gnädige Schwärze.


(Neo-)Khuzdul => Deutsch:

Kidhuzurâl => Goldene*r
Mahal (Aulë) => Macher, Schöpfer


Vielen Dank fürs Lesen! :)
Wie unschwer zu erkennen ist, basiert dieses Kapitel auf Thorins Sterbeszene im Film „Die Schlacht der Fünf Heere“, aber ich habe mich bemüht, auch klitzekleine Details aus dem Buch „Der Hobbit“ aufzugreifen. Das möchte ich möglichst auch im Rest der Geschichte immer wieder machen. Ich hoffe, dass ich es nicht vermassle, und da die Fanfiction noch ganz am Anfang steht, bin ich noch ziemlich flexibel und offen für Verbesserungsvorschläge, Anregungen oder sogar Wünsche, falls sie inhaltlich passen. :)
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