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Someday

von SassyMoon
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Deputy Shoupe JJ Maybank John B Pope
12.04.2021
12.04.2021
1
5.667
 
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12.04.2021 5.667
 
Hey ihr Lieben und herzlich willkommen zu meiner zweiten FF überhaupt


Da die letzte OBX FF ganz gut ankam und mich die Serie einfach immer noch so sehr fesselt (auch noch nach dem zehnten Mal Binge-Watching), gibt’s jetzt die nächste Shortstory/den nächsten etwas längeren OneShot ^^


Wie schon bei der letzten OBX FF gilt: Alle Infos zu den Charakteren, Orten und Hintergründen habe ich entweder aus der Serie selbst oder aus dem Internet, aus verschiedenen Portalen, Social Media etc. Da die Serie jedoch erst in den Anfängen steht, gibt es natürlich noch diverse Unklarheiten über Geschehnisse aus der Vergangenheit und der Zukunft.


Viele der Handlungen habe ich mir also in meiner Kreativität einfach selbst hergeleitet und damit gleichen sie im Laufe der Zeit vielleicht nicht mehr mit denen des weiteren Serienverlaufs, ich werde aber trotzdem versuchen, immer auf dem aktuellsten Stand zu bleiben was das betrifft. Wenn euch selbst ein Fehler in der Logik oder der Handlung auffällt, könnt ihr mich selbstverständlich ohne Zögern darauf hinweisen


(Handlungen frei erfunden, alle Charaktere und Orte gehören selbstverständlich Netflix/ den OBX Produzenten und Autoren)


In diesem Fall geht’s nochmal ein wenig um JJ, sein Leben, seine Vergangenheit und seine Situation daheim, beim nächsten Mal wird ich aber auch die anderen Charaktere etwas in den Vordergrund rücken, soll ja keiner zu kurz kommen hier :P


(Die Story spielt zu einem Zeitpunkt, zu dem sich zwar John B. und JJ bereits kennen, Pope und Kiara aber noch nicht zu den Pouges gehören)


Und damit wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und freue mich natürlich immer über Reviews (am liebsten positive) :D






Someday




Es war einer dieser Tage, an denen quasi schon vorprogrammiert war, dass alles schief gehen würde. Einer dieser Tage, an denen man mit einem mulmigen Gefühl im Bauch aufwachte und am liebsten gar nicht erst aus dem Bett steigen würde. In JJ Maybanks Fall rührte das ungute Gefühl im Bauch allerdings eher von etwas anderem: Hunger. Und zwar solchem, von dem man erst Bauchschmerzen bekam, der dann irgendwann verschwand um Kälte und Schwindel zurückzulassen, nur um früh oder später wieder umso heftiger zurückzukehren. Das letzte Mal, dass er etwas gegessen hatte, war am Morgen des vorherigen Tags gewesen, weil er Glück hatte und irgendjemand in seiner Klasse Geburtstag hatte und einen Kuchen oder zumindest so etwas in der Art mitgebracht hatte. Geschmacklich kein Erlebnis, doch JJ hatte trotzdem zwei weitere Stücke unter seinem Schultisch in seinen Rucksack verschwinden lassen. Das Zeug hatte jedoch nicht lange gehalten und so kam es, dass er am heutigen Tag nun aufwachte, mit dem Gefühl von Leere und Müdigkeit. Eigentlich wollte er auch gar nicht aufstehen, aber es war einen normalen Schultag und sein Dad war seines Wissens nach gestern Abend noch nach Hause zurückgekehrt, was bedeutete, dass er es merken würde, wenn JJ schwänzte. Ihm blieb also nicht viel übrig, als sich letztendlich doch aus seinem Bett zu quälen, seine Sache in dem kleinen Raum zusammenzusuchen und in seinen Rucksack zu werfen und schließlich einen kurzen Blick in den Spiegel an der Wand gegenüber zu werfen. Zugegeben, er sah grauenhaft aus. Seiner Haare standen in alle Richtungen ab und das Meersalz hatte sie ein bisschen verklebt, weil er gestern nach dem Surfen mit John B. ziemlich fertig gewesen war und ohne große Umwege ins Bett gefallen und eingeschlafen war. Ziemlich gut hatte er jedoch nicht geschlafen, das bewiesen auch die Schatten unter seinen Augen. Das kalte Wasser, dass er sich im Bad kurzerhand ins Gesicht klatschte, machte es nicht viel besser, allerdings schaffte er es, seine Haare irgendwie zu bändigen. Als er soweit all seine Schulsachen zusammen hatte, hielt er kurz inne und lauschte. Es war still im Haus. Erstaunlich still. Wenn sein Vater wirklich hier war, schien er zu schlafen und wenn JJ richtig viel Glück hatte, hatte er es gestern betrunken bis in sein Bett geschafft und würde bis zum Mittag seinen Rausch ausschlafen. Wenn er Pech hatte, lag sein Dad auf der Couch im Wohnzimmer und er musste an ihm vorbei, um aus dem Haus zu kommen. So leise er konnte verließ er den Raum und trat in das größere Zimmer neben an. Er fand seinen Vater tatsächlich auf dem Sofa vor, der eine Arm hing herab, beinahe, als würde er nach einer der vielen leeren Bierdosen greifen, die auf dem Fußboden daneben lagen. Es war kein ungewöhnliches Bild, JJ war es beinahe schon gewohnt, seinen Vater in einer solchen Situation aufzufinden, trotzdem versuchte er den Blick möglichst auf etwas anderes zu richten. Als wäre es nicht so schlimm, wenn er nur nicht zu lange hinsähe...Wunschdenken. Er hatte keine Ahnung, wie viel sein Dad gestern getrunken hatte, aber allein die Dosen am Boden deuteten auf eine Menge hin. Im Haus gab es von einem immer genüge, und das war Alkohol. Dafür sorgte sein Vater, zumindest wenn er nüchtern genug war um welches zu kaufen. Wenn nicht, schickte er JJ los. Die ersten Male hatte er natürlich nichts bekommen, weil er nicht alt genug war, aber nachdem sein Vater in den jeweiligen Läden nicht selten für Streitereien sorgte und es den Besitzern wohl lieber war, wenn er nicht persönlich aufkreuzte, hatten sie irgendwann angefangen, JJ den Alkohol zu verkaufen. Im Prinzip wussten sie auch, dass ihnen nicht viel passieren konnte. Würde JJ vom Sheriff mit dem Zeug erwischt werden, würde der gar nicht groß fragen, wo er es herhatte, sondern es einfach einkassieren, ihm ein paar dumme Sprüche an den Kopf knallen und ihn mit leeren Händen nach Haue schicken, wo das weitaus schlimmere Übel drohte. Der Sheriff konnte ihn nicht besonders leiden. Allerdings war JJ auch nicht so blöd, offensichtlich mit Alkohol durch die Straßen zu laufen, er versteckte ihn für gewöhnlich gut. Einmal war er erwischt worden und er hatte aus dem Vorfall gelernt.

Die Tatsache, dass sie immer was zu trinken im Haus hatten, bedeutete leider nicht automatisch, dass es auch etwas zu essen gab. Sein Vater kaufte selten was anderes als Alkohol ein. Genaugenommen wunderte JJ sich täglich, wie sein alter Herr quasi nur von Bier, Zigaretten und... naja den anderen Drogen existieren konnte. So etwas wie familiäres Abendessen zusammen gab es schon seit Jahren nicht mehr, genaugenommen sorgte jeder von ihnen für sich selbst. Für JJ stellte die Lebensmittelknappheit im Haus ein etwas größeres Problem dar. Wenn er Geld hatte, ging er etwas kaufen, allerdings reichte es meist nicht für viel. Manchmal ging er auch mit John B. fischen oder bekam ein paar Eier von den Hühnern im Garten von John B.s Vater. Irgendwie kam er meistens aus. Aber die letzten Tage hatte er nicht wirklich viel Glück gehabt. Im Haus gab es seit einer Woche nichts mehr und finanziell war er auch absolut pleite. Sein Vater musste irgendwo im Haus Geld verstecken, zumindest konnte er das Bier und die Zigaretten irgendwie bezahlen, doch JJ hatte keine Ahnung, wo er es aktuell versteckte und außerdem würde sein Vater es merken, wenn zu viel fehlte und das wollte JJ nicht riskieren.

Er schaffte es aus dem Haus, ohne dass sein Vater wach wurde, allerdings weiterhin mit knurrendem Magen und keinem Dollar in der Tasche. Der Schulweg zog sich an diesem Tag besonders in die Länge, JJ hatte das Gefühl meilenweit gelaufen zu sein, als er vor dem Gebäude ankam und mit dem Schultag verhielt es sich ähnlich. Die Zeit schien zu schleichen, er wurde mehrmals aufgerufen und konnte nicht sagen, wovon der Unterricht die letzten Minuten gehandelt hatte. Irgendwann bekam er Kopfschmerzen und während sein bester Freund John B. neben ihm irgendwelche Muster mit der Spitze seines Zirkels in den Holztisch ritzte, wollte JJ am liebsten einfach nur einschlafen und den Tag so schnell es ging hinter sich bringen.

Als der Unterricht endete war es Mittag und inzwischen viel zu warm. JJs Kopfschmerzen hatten sich verschlimmert und es fiel im zunehmen schwerer Gute Laune vorzutäuschen, während John B. neben ihm herlief, über die Wellen von Nazaré redete und davon, dass er eines Tages dort hinkommen würde und eine dieser gigantischen Wellen reiten würde. Normalerweise hätte JJ ihm gesagt, dass er kläglich ertrinken würde oder ihn mit einem anderen Spruch zurück auf den Boden der Tatsachen befördert, doch heute verdrehte er nur die Augen, gab seinem besten Freund einen Stoß gegen die Schulter und murmelte ein „Spinner“ vor sich hin. John B. fragte ihn an diesem Tag mehrere Male, ob alles in Ordnung sei, was JJ bejahte. Er würde vor seinem besten Freund sicher nicht einknicken und ihm die wahre Situation schildern. John B. wusste von seiner Situation, seinem Vater, den Dingen die er tat, das Stehlen, Lügen... genaugenommen wusste er schon viel zu viel, was JJ manchmal doch unangenehm war. John B. ließ sich seine gute Laune nicht verderben und als sie sich an der gewohnten Kreuzung trennten, die jeweils zu ihren Wohnorten führte, hielt JJ kurz an, sah ihm hinterher, wie er anfing zu joggen und es scheinbar kaum erwarten konnte, nach Hause zu kommen und er wünschte sich für einen kurzen Moment, es ginge ihm genauso. John B.s Vater war cool, er war oft bei den beiden, übernachtete auch oft dort, manchmal mehrere Nächte am Stück und es war meistens die schönste Zeit die er hatte. Gleichzeitig machte es ihn innerlich irgendwie traurig, dass er es nicht geschafft hatte, eine solche Beziehung zu seinem eigenen Vater zu schaffen, wie John B. Er hatte sich schon oft gefragt, wo der Fehler lag, was er falsch machte und warum er scheinbar nie das richtige tun konnte. Aber er hatte nie eine eindeutige Antwort gefunden. Vielleicht gab es auch keine Antwort. Vielleicht war JJ selbst der Fehler. Zumindest hatte er irgendwann angefangen, das zu glauben.

Als er am Hafen vorbei lief zögerte er. Mr Heyward, einer der Ladenbesitzer am Pier verlud irgendwas von einem der Boote. Er kannte Mr. Heywards Sohn, Pope. Er ging in dieselbe Jahrgangsstufe wie er, allerdings blieb er eher für sich. JJ wusste nicht viel über ihn, außer dass er wohl recht gute Noten schrieb, zumindest sah er ihn in den Pausen immer nur lernen und er war schon des Öfteren für irgendwas ausgezeichnet worden und sein Name hing dann etwa eine Woche mit irgendeinem Foto an der Pinnwand im Schulflur. JJ war noch nie auf dieser Pinnwand gelandet. Mr. Heyward schien ziemlich schwer mit seinen Waren beschäftigt zu sein und JJ staunte nicht schlecht, als er sah, was Mr. Heyward alles von dem Boot lud. Ein paar von der Sache hatte er selbst noch nie zuvor gesehen und er hatte von anderen Leuten in der Schule gehört, dass Mr. Heyward in seinem Laden manchmal Süßigkeiten und andere Dinge verkaufte, die es sonst nur auf dem Festland gab. JJ wollte weiter gehen, den Gedanken an Mr. Heywards Waren und seinen Laden verdrängen, doch es gelang ihm nicht so recht. Die dumme Idee machte sich in seinem Kopf breit ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Er war erst zweimal in dem Laden gewesen aber er hatte sich zwei Dinge gemerkt: Mr. Hayward hatte keine anderen Angestellten, also war der Laden momentan unbesetzt. Wahrscheinlich hatte er nur kurz das Schild auf „geschlossen“ gedreht und war die paar Meter zum Boot gelaufen und zweitens... der Laden hatte keine Kameras. Es war eine der schlechten Gewohnheiten, die JJ sich in seinem Leben angeeignet hatte, die ihm jedoch auch einen entscheidenden Vorteil verschaffte. Wenn er in einen Laden kam, sah er sich nach Kameras um, nach versteckten Winkeln und Regalreihen, die von der Kasse aus nicht einsehbar waren. Mr. Heywards Laden war für ihn theoretisch ein Kinderspiel. Rein und raus, keine Blicke, kein Risiko. Eigentlich wollte JJ dort nichts klauen, immerhin kannte er Mr. Heywards Sohn und er wusste, dass die Familie selbst nicht besonders viel besaß. Aber an diesem Tag beschloss er, eine Ausnahme zu machen.

Als er die Tür des Geschäfts ohne Probleme öffnete und in den kühlen Raum trat, begann sein Puls sich automatisch zu beschleunigen. Es war keine wirkliche Aufregung, eher ein Gefühl der Alarmbereitschaft. Er hatte keine Ahnung wie lange Mr. Heyward noch am Boot beschäftigt sein würde, also musste er sich möglichst beeilen. Er versicherte sich ein letztes Mal, dass auch wirklich niemand außer ihm im Raum war, dann riss er seinen Rucksack auf und stopfte nacheinander Toastbrot, Erdnussbutter, Nüsse und irgendeinen Süßkram hinein. Er achtete nicht darauf, was er nahm, was es kostete oder ob es sonderlich gesund war. Der Apfel, den er zu guter Letzt doch einsteckte, war fürs Gewissen... Vitamine und so. JJ wollte sich gerade der Tür zuwenden um seinen Tatort so schnell er ging hinter sich zu lassen, als eine Stimme dafür sorgte, dass sich sein Herzschlag in Sekundenschnelle verdoppelte.

„Hey, was soll das werden, wenn es fertig ist?“

JJ kannte die Stimme. Das Gute war, dass sie weder Mr. Heyward, noch dem Sheriff gehörte, das Schlechte war, dass sie zu einem Jungen in seinem Alter gehörte, der ihn gerade auf frischer Tat ertappt hatte. Pope Heyward. JJ hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Natürlich musste Pope hier sein. Wahrscheinlich kam er jeden Tag nach Schulende hier her. Und Mr. Heyward war sicher nicht so dumm, seinen Laden unbeaufsichtigt zurückzulassen. Wie hatte er selbst nur so doof sein können. Er schluckte den Schreck und die aufkommende Panik runter und tat das, was er abgesehen vom Stehlen am besten konnte: Reden, Lügen, Leugnen.

„Oh Hey, hab dich gar nicht bemerkt. Pope, oder? Ich dachte hier ist niemand, ich hab was gesucht, hab‘s aber nicht gefunden. Ihr verkauft nicht zufällig Briefmarken hier oder? Ich hab ne Tante auf dem Festland die ständig Briefe schreibt und jetzt dachte ich der Höflichkeit halber, ich sollte ihr mal zurück schreiben. Ist aber auch nicht schlimm, wenn ihr keine habt, dann werd ich wo anders suchen.“ Mit jedem Satz macht JJ einen kleinen unauffälligen Schritt rückwärts in Richtung seines Fluchtwegs nach draußen. Das Problem war nur, dass Pope nicht dumm war., und ihn sein möglichst unschuldiges Lächeln nicht zu überzeugen schien.

„Ich hab dich gesehen. Leugnen ist Zwecklos.“ Er machte einen Schritt auf JJ zu und hielt das Handy in seiner Hand hoch. „Mein Vater ist in ein paar Sekunden hier.“

JJ spürte, wie sich sein Herzschlag augenblicklich erhöhte. Das war schlecht. Sehr schlecht. Gegen Pope hätte er eine Chance gehabt, aber gegen beide Heywards...

„Ich leugne doch gar nichts.“ Der Rucksack auf seinen Schultern fühlte sich plötzlich noch schwerer an. „Hör zu, Pope, was immer du da glaubst gesehen zu haben ist nicht so wie es jetzt vielleicht für dich aussieht. Also warum lässt du den Scheiß nicht einfach und ich verschwinde und wir sehen uns morgen in der Schule und ich erklär‘s dir? Dann haben wir kein Problem miteinander und du kannst dich fein aus der ganzen Sache raushalten. Du sagst deinem Dad es war ein Fehlalarm und dann kommt auch nie raus, dass du zugelassen hast, dass so ein Idiot in deiner Anwesenheit den Laden deines Dad’s geplündert hat. Gut für mich und weniger peinlich für dich.“

Pope sah ihn mit gerunzelter Stirn an „Was zur Hölle, das macht überhaupt keinen Sinn, was redest du da?“

JJ stieß ein kurzes, wahrscheinlich etwas verzweifelt klingendes Lachen aus. Dann drehte er sich um und rannte, allerdings nur ein paar Meter, denn bevor er die Tür erreichte, wurde diese aufgeschwungen und er lief direkt in Deputy Shoupe. Der Tag konnte nicht noch schlimmer werden. JJ hatte keine Ahnung wie der Polizist so schnell hier sein konnte, doch er hatte auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Shoupe schien selbst für einen kurzen Moment überrascht zu sein und das war JJ’s Glück, denn so gelang es ihm an dem Mann vorbei nach draußen zu stürmen. Die Rufe hinter ihm blendete er aus, genauso wie die Tatsache, dass Deputy Shoupe ihm wahrscheinlich bereits nachrannte. Der Mann hatte keine Chance mit ihm mitzuhalten, allerdings war es im Prinzip auch schon egal. Er war erwischt worden und damit wäre es nur eine Frage der Zeit, wann die Polizei bei ihm daheim aufkreuzen würde. Er achtete nicht auf die Umgebung, warf im Rennen kurz einen Blick über die Schulter und achtete kaum darauf, wohin er rannte. Das war der zweite große Fehler, den er an diesem Tag beging, denn so übersah er den Fuß, der sich ihm blitzschnell in den Weg stellte und dafür sorgte, dass er unsanft Bekanntschaft mit dem harten Boden machte. Er spürte den Aufprall mit jeder Faser seines Körpers, spürte den kurzen Schmerz im Knie und an seiner Handfläche, als seine Haut über den Asphalt schrammte. Der Schockmoment sorgte dafür, dass er länger am Boden liegen blieb als er wollte. Lang genug für Shoupe um den verlorenen Abstand aufzuholen. Lang genug für Mr. Heyward, um aus dem Schatten zu treten und ihn besorgt zu mustern. Die Intelligenz schien bei den Heywards in der Familie zu liegen, denn Mr. Heyward hatte wohl zusammenzählen können, dass JJ, der panisch aus seinem Laden gestürmt war, der fremde blonde Junge war, der laut Popes kurzer Textnachricht soeben in seinem Laden Diebstahl begangen hatte. JJ hörte Shoupe hinter sich schnaufen und hörte ein weiteres Paar Schritte. Wahrscheinlich hatte sich Pope das Ende der Verfolgungsjagd nicht entgehen lassen wollen. Es war zum kotzen. Der ganze verdammte Tag war ein Desaster.

JJ wurde unsanft auf die Beine gezogen, Mr. Heyward zog ihm seinen Rucksack von den Schultern und Shoupe hielt seine Arme hinter dem Rücken festumklammert, wie einer dieser Kampfhunde, der seine Beute zwischen den Zähnen hatte und nie wieder freigeben würde.

„Na sieh mal einer an, wenn das nicht Luke Maybanks verdammtes Balg ist. So sieht man sich wieder. Leider viel öfter als mir lieb ist.“

JJ hätte ihm am liebsten geantwortet, dass er ihn auch lieber seltener sehen würde und dass er ihm doch am besten einfach aus dem Weg gehen sollte, dann würden solche Situationen gar nicht entstehen, doch Shoupe hatte seine Schulter bereits in einem wirklich schmerzhaften Winkel verdreht, dass er lieber die Zähne zusammenbiss und schwieg. Mr. Heyward hatte unterdessen den Inhalt seines Rucksacks unter die Lupe genommen und runzelte scheinbar etwas irritiert die Stirn. JJ konnte es ihm nicht verübeln. An seiner Stelle wäre er wohl auch etwas verwundert über die Auswahl seiner Beute.

„Erdnussbutter, Sandwichtoast, Haferriegel, Nüsse...und einen Apfel.“, zählte Mr. Heyward nacheinander auf und warf JJ schließlich einen fragenden Blick zu. „Das ist alles?“

JJ schwieg zunächst, allerdings verbog Shoupe ihm mit einer kurzen Bewegung derartig die Arme, dass er ein kurz scharf einatmete und schließlich mit einem gezwungenen Lächeln antwortete. „Das ist Alles, Sir.“ Mr. Heyward warf Shoupe einen warnenden Blick zu und der Griff lockerte sich wieder etwas. JJ schloss die Augen und wünschte sich einfach nur weg, weit weg von alle dem, dieser Insel, diesen Leuten und vor allem weg von dieser verdammt unangenehmen Situation.

„Kann ich kurz mit ihm reden?“, fragte Heyward schließlich an Shoupe gewandt. Dieser zuckte mit den Schultern. „Nur zu, er wird sicher nicht weglaufen.“ Der gehässige Unterton in seiner Stimme entging JJ nicht. Pope hatte die ganze Zeit schweigend danebengestanden und JJ mit verurteilendem Blick angesehen.

„Ich meine allein. In meinem Laden, jetzt. Pope du räumst die restliche Ware vom Boot, Deputy, sie können draußen vor der Tür warten.“

Weder Shoupe noch Pope schienen besonders begeistert von Mr. Heywards Vorschlag, dennoch fand sich JJ einige Sekunden später in Mr. Heywards Laden wieder, alleine, nur mit dem grüblerischen Mann. Sein Rucksack stand auf der Ladentheke, der Inhalt lag daneben. JJ wippte unruhig von den Fersen auf die Zehen, den Blick auf den Boden gerichtet. Im Kopf ging er die Möglichkeiten durch die er hatte, doch das Ergebnis blieb immer gleich: Er hatte sich jegliche Chance auf eine Flucht verbaut.

„Hat er dir weh getan? Sah sehr schmerzhaft aus.“

JJ sah Mr. Heyward verwirrt an. „Wer?“

„Shoupe.“

Er runzelte die Stirn. „Nein.“

„Gut. Ich werde von einer Anzeige absehen, zumindest in diesem Fall. Wenn ich dich jemals wieder erwischen sollte, wie du in meinem Laden stiehlst werde ich nicht mehr nachsichtig sein. Hast du mich verstanden?“

JJ hob überrascht den Blick. „Sie machen keine Anzeige?“

Mr. Heyward schüttelte den Kopf. „Nein. Aber wie gesagt, das ist eine Ausnahme.“

JJ blinzelte kurz, zu überrascht um die richtigen Worte zu finden. Dann nickte er einfach kurz. Sein Blick wanderte zur Tür.

„Ich bin noch nicht fertig.“ Mr. Heyward stützte sich auf seinen Tresen und warf erneut einen Blick auf die Sachen. „Ich kenne Diebe. Und ich kenne ihr Diebesgut. Alkohol, Zigaretten, und Zeitschriften. Der Inhalt deines Rucksacks fällt dabei ziemlich aus dem Muster. Also stelle ich mir eine Frage: Warum hast du das Zeug eingesteckt? Ging es dir nur um den Kick? War es eine Challenge oder eine dumme Mutprobe? Oder steckt was anderes dahinter?“

Er hatte keine gute Antwort parat, keinen lässigen Spruch oder eine erfundene Geschichte. Diesmal war er ausnahmsweise komplett unfähig. Mr. Heyward eine plausible Erklärung zu geben. „Ich hatte einfach unheimlich Lust auf Erdnussbuttersandwiches nach der Schule.“, meinte er schließlich und versuchte nicht zu sarkastisch zu klingen. Er hatte keine Lust es sich doch noch mit dem alten Mann zu verscherzen.

„Interessant. Also ich verrate dir meine Theorie. Wenn ich mir das so ansehen, würde ich behaupten, du hast dir wahllos irgendein Zeug gegriffen. Und da hier weder Rauschmittel, noch Unterhaltung dabei ist, würde ich sagen du hattest vor dir was zu Essen zu beschaffen. Ist das soweit richtig?“ Er sah ihn mit einem eindringlichen Blick an, den JJ nicht erwiderte. Stattdessen versuchte er irgendeinen Punkt an der Wand hinter Mr. Heyward zu fixieren und presste die Lippen aufeinander. Mr. Heyward schien jedoch nicht groß auf eine Antwort zu warten.

„Wenn ich richtig liege, dann stellt sich mir eine weitere Frage: Wie kommt es, dass eine Junge in deinem Alter loszieht, und sich sein Essen in einem Laden klaut? Das ist zwar keine wohlhabende Insel aber ich denke jeder von uns besitzt noch genug um sich damit über Wasser zu halten. Was also ist der Grund, hm? Wenn du nicht mit mir redest, kann ich dir nicht helfen.“

„Ich brauch ihre Hilfe nicht.“ JJ hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, doch die Worte waren schneller ausgesprochen, als er reagieren konnte. Insgeheim hoffe er, dass er Mr. Heyward damit nicht zu sehr verärgert hatte und er sich das mit der Anzeige nicht doch nochmal überlegte. Allerdings schien der Mann nicht besonders beleidigt zu sein.

„Schön, es geht mich auch nichts an. Wie gesagt: beim nächsten Mal bist du fällig also empfehle ich dir, dich nicht mehr blicken zu lassen.“ Er reichte JJ seinen Rucksack, leider natürlich ohne den erstohlenen Inhalt, dann ging er an ihm vorbei in Richtung der Tür. JJ folgte ihm mit viel Abstand.

Shoupe stand draußen und unterhielt sich mit Pope. Beide warfen Mr. Heyward einen erwartungsvollen Blick zu, als er aus dem Laden schritt.

„Ich werde keine Anzeige machen.“

Shoupe seufzte. „Mr. Heyward, beim besten Willen, ich weiß, sie meinen es gut aber ich kenne den Jungen und es gibt kaum einen Laden in dem er noch nicht...“

„Ich bleibe dabei. Keine Anzeige, nicht dieses Mal. Fahren sie ihn heim., ich hab noch zu tun.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab. Pope folgte ihm wobei er sich noch einmal umdrehte und JJ einen Blick zuwarf, den er nicht wirklich deuten konnte.

„Du hast ein verdammtes Glück Junge, weißt du das eigentlich? Los, zum Wagen.“ Shoupe packte ihn unsanft am Oberarm und JJ riss sich genervt los. „Ich kann selber laufen. Abgesehen davon kenn ich den Weg nach Hause, ich brauch keinen Shuttleservice.“

„Damit du auf dem Weg dahin die nächste Straftat begehst? Vergiss es Freundchen.“ Schlussendlich zog Shoupe ihn einfach mit und JJ hatte keine Lust mehr sich groß zu wehren. Es hatte sowieso keinen Sinn. Die Sache war gelaufen und bisher war er besser davongekommen als er dachte. Allerdings stand die größte Gefahr auch noch bevor, denn die wartete in seinen eigenen Vier Wänden, oder genauer genommen denen, seines Vaters.

Die Fahrt im Streifenwagen verlief schweigend, abgesehen davon, dass JJ den Deputy spaßeshalber fragte, ob er nicht die Sirenen und das Blaulicht einschalten wolle um ihm seinen beschissenen Tag ein wenig zu versüßen. Er bekam dafür ein Schnauben von Shoupe und ein gemurmeltes „Die verdammten Kinder heutzutage“, ansonsten fanden sie keine Gesprächsthemen. JJ wusste, dass Shoupe seinen Vater sprechen wollen würde und zwar nur, um JJ noch eins reinzuwürgen und sich danach lächelnd zurück auf die Wache begeben würde. JJ hasste ihn dafür und war sich sicher, dass ihre Gefühle füreinander auf Beidseitig beruhten. Zugegeben, JJ behandelte Shoupe nicht mit sonderlich viel Respekt und gemeinsam mit John B. hatte er den Deputy auch schon das ein oder andere Mal peinlich dastehen lassen. Trotzdem hatte JJ das Gefühl, das Shoupe ihn besonders schlecht leiden konnte.

Als sie vor dem Haus hielten wäre er trotzdem lieber im Streifenwagen des Polizisten sitzen geblieben.

„Wieso waren sie eigentlich so schnell da?“, fragte JJ schließlich, einfach um noch etwas Zeit zu schinden.

Shoupe sah ihn missbilligend an. „Zufall. Ich wollte mir ne Zeitschrift und was zu Mittag kaufen, dann bist du Mistkerl in mich reingerannt. Hätte ne entspannte Pause werden können, aber nein...“

„Was für eine Zeitschrift? Irgendwas mit nackten Frauen? Oder eher was für Rentner?“ JJ musste ein Grinsen unterdrücken.

„Das reicht, raus aus dem Wagen.“

„Ay, Sir.“ JJ stieß die Wagentür mit möglichst viel Schwung auf und konnte mit Genugtun die Panik erkennen, die kurz in Shoupe’s aufblitzte, als sie den Baum daneben nur knapp verfehlte. Anstatt den Motor zu starten, begab sich der Deputy nun jedoch ebenfalls aus dem Wagen. JJ stöhnte innerlich... großartig, als hätte er es nicht geahnt.

„Sie müssen mich nicht begleiten Shoupe, ich schaff‘s allein nach drinnen.“ Er winkte dem Cop kurz zu und wollte sich umdrehen, doch Shoupe war bereits an ihm vorbei gestapft und steuerte auf die Tür zu.

„Mag sein, ich will aber deinen werten Vater sprechen, also ist mit ziemlich egal was du mir sagst.“ Shoupe hämmerte mit der rechten Hand gegen das Holz der Tür.

„Der ist unterwegs, da können sie lange warten.“, erwiderte JJ und hoffte einfach inständig, dass sein Dad so tief schlief, dass er nichts von der ganzen Sache mitkriegen würde.

„Sicher? Das Auto steht aber da.“, wandte sich Shoupe mit einem provokanten Lächeln im Gesicht an ihn, etwa im selben Moment, als sich die Eingangstür öffnete und JJs Hoffnung auf ein Happy End komplett zur Nichte machten.

Sein Vater war stoned, mindestens, das erkannte JJ an seinen Augen. Er konnte die Zustände seines Vaters inzwischen gut einschätzen, genauso wie die potenzielle Gefahr, die von ihm ausging. Entsprechend überlegte er gut, was er tat oder sagte. Meistens funktionierte das halbwegs. Nicht immer, aber es verhinderte das Schlimmste. Jetzt war einer der Momente, in denen JJ ihm am besten einfach aus dem Weg gegangen wäre, nur leider sorgte Shoupe dafür, dass das nun unmöglich wäre.

„Luke.“, grüßte Shoupe förmlich und JJ wandte den Blick zur Seite, in der Hoffnung, sein Vater würde ihn einfach nicht sehen, wenn er ihn nicht ansah. Das war natürlich Blödsinn, das wusste er.

„Deputy. Wie nett, was verschafft mir die Ehre?“, antwortete sein Vater mit kratziger Stimme und einem dreckigen Grinsen im Gesicht. Wenn JJ etwas von seinem Vater gelernt hatte, dann wie man log. Eine heile Welt vortäuschen, unschuldig wirken und ernste Themen ins lächerliche ziehen. Sie waren beide gut darin, nur dass sein Vater jegliche Fassade fallen ließ sobald sie allein waren. Shoupe bedachte Luke kurz mit einem skeptischen Blick, dann trat er ein Stück zur Seite, so dass JJ sich plötzlich ziemlich ungeschützt vorkam.

„Dein Sohn wurde beim Klauen erwischt. Das ist das dritte Mal diese Woche, dass es Schwierigkeiten irgendeiner Art gibt und ich habe langsam wirklich keine Lust mehr ständig Kleinkriminellen Teenagern hinterherzujagen. Ich wäre dir verbunden, wenn du für etwas Kontrolle sorgst, denn sonst tut es außer mir ja keiner, und das...“, er warf einen seitlichen Blick zu JJ, „...ist wirklich nicht meine Aufgabe.“

Luke wirkte nicht besonders beeindruckt von Shoupes Worten, nickte nur kurz und wandte sich dann JJ zu.

„Na, dann wollen wir den Deputy mal nicht weiter von seinen wichtigen Aufgaben abhalten, oder? Danke Shoupe, ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag, hoffentlich nicht zu viel Ärger mit den wahren Kriminellen. Ich kümmer mich dann ab hier.“ Der Spott in seiner Stimme war kaum zu überhören, doch Shoupe schien es nicht weiter zu interessieren, immerhin hatte er seinen Teil erledigt. Es entstand ein kurzes Schweigen, ein eindringlicher Blick von Shoupe, ein desinteressierter von Luke Maybank und schließlich zog der Polizist mit einem kurzen Wink ab.

JJ sah dem Streifenwagen kurz hinterher, als er zurück auf die Straße und in Richtung der Inselmitte verschwand, dann drehte er den Kopf langsam in Richtung des Eingangs. Sein Dad lehnte in der Tür und betrachtete ihn mit leerem Blick, beinahe, als wäre er in Gedanken ganz wo anders. „Hats Spaß gemacht?“, fragte er schließlich.

JJ hatte keine Ahnung, welche Antwort er von ihm erwartete, also schwieg er und wandte den Blick zur Seite. Wenn man im richtigen Winkel zwischen den Bäumen durchsah, konnte man das Meer sehen. Die Wellen waren flach heute, aber morgen sollten sie super sein. Er würde sich mit John B. wahrscheinlich wieder zum Surfen verabreden. Zumindest wenn er morgen in der Lage wäre.

„Welcher Laden wars diesmal?“, stellte sein Vater die nächste Frage.

„Bei Mr. Heyward.“

„Hat er dich angezeigt?“

JJ schüttelte den Kopf.

„Gut. Besser für dich. Komm rein, wir reden drinnen weiter.“

In JJ sträubte sich alles dagegen, seinem Vater ins Haus zu folgen, trotzdem tat er es ohne Widerspruch. Prinzipiell hatte er gelernt, dass wenig Widerstand das Risiko auf eine Eskalation deutlich senkte.

Aber sonderlich viel Glück hatte er trotzdem nicht. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, fiel auch die Fassade. JJ schaffte es nicht rechtzeitig seine Zimmertür abzusperren, da drückte sein Vater sie bereits gewaltsam auf, packte ihn an den Haaren und zerrte ihn zurück in den Flur.

„Ich hab gesagt, wir reden, also wo genau willst du hin, hm?“

Sein Hinterkopf wurde gewaltsam gegen die Wand gestoßen und ehe er großartig reagieren konnte, hatte sich den linken Arm seines Vaters gegen seine Kehle gedrückt. Er versuchte mit den Findern irgendwie Platz dazwischen zu schaffen doch in dem Fall war er krafttechnisch doch deutlich unterlegen. Vielleicht auch weil irgendetwas tief in ihm drinnen dafür sorgte, dass er sich kämpferisch zurückhielt, wenn es um seinen Vater ging und er sich nur notgedrungen verteidigte. Vielleicht, weil irgendetwas in ihm drinnen immer noch den Mann sah, der ihn großgezogen hatte und zumindest lange dafür gesorgt hatte, dass er über die Runden kam und ihm nichts Schlimmes widerfuhr. Den Mann, den seine Mutter mal geliebt hatte, zu dem er lange aufgesehen hatte und es aus irgendeinem Grund immer noch ab und zu tat. Den Mann, um dessen Aufmerksamkeit und Stolz er täglich erfolglos kämpfte.

„Weißt du, es ist mir scheiß egal, wenn die dich irgendwann einbuchten, weil du irgendwas klaust, das ist nicht mein Problem. Aber wenn du die Bullen hierherbringst, dann ist das mein Problem. Was, wenn die mal ne Hausdurchsuchung machen, hm? Weil sie Diebesgut suchen und weißt du, was sie dann finden? Ne Menge illegale Substanzen. Und darauf hab ich keine Lust, das verstehst du doch, oder?“

„Wird nicht wieder vorkommen.“, antwortete JJ so knapp wie möglich und versuchte den unangenehmen Schmerz an seinem Kopf auszublenden.

„Gut.“ Sein Vater ließ kurz etwas lockerer. „Wäre doch schrecklich, wenn dein alter Herr wegen deiner Dummheit einsitzen müsste. Oder wünschst du dir das insgeheim? Dass du hier machen kannst, was du willst, meine ganze Kohle einsackst und mit deinen Freunden eine Party nach der anderen schmeißt?“

„Nein.“ JJs Stimme war inzwischen eher ein Flüstern. Er schloss die Augen und er spürte den warmen Atem seines Vaters im Gesicht als er nur noch Zentimeter von ihm entfernt. Alkohol gemischt mit Weed.

„Nein? Ich glaub schon. Und weißt du warum? Weil du ein egoistischer kleiner Bastard bist. Der nichts im Kopf hat außer sich selbst, einer lustigen Zeit, ner Menge Gras und dummen Aktionen, die anderen schaden. Gott, deine Mum wäre wirklich enttäuscht.“

Es war schon immer der einzige Punkt gewesen, an dem es JJ am schwierigsten fiel weiter den Mund zu halten und die Worte seines Vaters zu ignorieren. Der Moment, wenn seine Mutter ins Spiel kam und plötzlich diese unglaubliche Wut in ihm aufkam, auf sie, seinen Dad, auf sich selbst...

„Ich glaube, ich bin nicht der einzige hier, von dem sie enttäuscht wäre.“

Er hatte die Worte ausgesprochen ohne es zu merken und erst der Schlag ins Gesicht ließ ich realisieren, dass er wirklich gesagt hatte, was er in diesem Moment gedacht hatte. Ein großer Fehler. Es folgten Tritte in die Seite, in den Magen, Schläge zwischen die Rippen. Eines musste man seinem Vater lassen, er schlug nicht immer blindlings zu, sondern gezielt. Einer der Gründe, warum JJ meist eher damit beschäftigt war, sein Gesicht zu schützen und sich weniger um seine eigene Verteidigung zu kümmern. Verletzungen am Körper könnte er gut verstecken, ein blaues Auge war komplizierter. Er überstand es, so wie er es immer überstand. Zweimal war er am Boden, dachte, es wäre vorbei, bis sein Dad ihn wieder auf die Beine zog und JJ es nicht schaffte, sich loszureißen. Er versuchte möglichst keinen Laut von sich zu geben, jedes schmerzhafte Keuchen zu unterdrücken um seinem Dad nicht die Genugtuung zu geben, das seine Gewalt ihm gegenüber Wirkung zeigte. Es wurden Worte gebrüllt, und irgendetwas ging hinter ihm zu Bruch. All das blendete er aus so gut es ging. Weil er wusste, dass es irgendwann enden würde. Weil irgendwann eine bessere Zeit kommen würde. Weil er irgendwann weit weg von hier am Meer leben würde, vielleicht keine finanziellen Nöte hatte, vielleicht glücklich sein könnte und seine eigene Familie gründen würde. Weil er es besser machen würde. Und wenn er nur lang genug wartete, lang genug durchhielt, dann würde irgendwann die Gelegenheit kommen und er würde von hier verschwinden und all das hinter sich lassen. Die Wut, den Schmerz, die Angst und seinen Vater. Irgendwann...
 
 
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