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the emblem of Truth

Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteDrama / P16 / Mix
OC (Own Character)
11.04.2021
05.01.2023
3
18.359
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Dieses Kapitel
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01.08.2021 7.615
 
  one.  

etiam   sanato   vulnere,   cicatrix   manet
 even when the wound is healed, the scar remains  

- Publilius Syrus





  s p r i n g  1975  –  j o r d a n    c o l l e g e,  o x f o r d,  e n g l a n d  



   Antheas Gesicht war unangenehm heiß.
Die Wangen und die Ohren glühten ihr, und noch dazu war ihr leicht schummrig zumute. Obwohl es draußen ein warmer Frühlingsabend – ein früher Vorbote des kommenden Sommers – war, der die meisten Gäste hinaus gelockt hatte, hielt sich dennoch eine bitterliche Kälte im alten Gemäuer des Jordan Colleges. Eine  Gänsehaut schlich sich augenblicklich auf Antheas Arme, gefolgt von einem kleinen Schwindelanfall, als sie vom festlich geschmückten Innenhof in die Dining Hall des Colleges trat.

Vor weniger als einer Stunde hatte hier noch eine ganze Schar an jungen Studenten und Studentinnen zusammen mit den angesehensten Gelehrten Jordans diniert. Doch jetzt war es friedlich still in der langen Halle. Nur das dumpfe Geräusch der auf dem Rasen versammelten Gesellschaft drang durch das offene Tor und echote leise durch den Raum. Ein Wirrwarr aus Stimmen und Gelächtern, dick und beinahe schwer wie Nebel oder die schwüle Luft draußen. Einzig allein das Klacken ihrer Schuhabsätze hallten klar und laut von den Wänden wieder und verriet dabei den leicht unreinen Takt ihrer Schritte. Denn nicht nur der abrupte Wechsel der Temperatur hatte ihren Blutkreislauf und ihre Beine ins seichte Schwanken gebracht, sondern auch der Rotwein und Brantwijn, die während und nach dem Essen serviert wurden, ließen Anthea ihren Effekt spüren.

Leise verfluchte sie den dunkelhaarigen Jordan-Studenten, der beim Dinner zu ihrer Rechten gesessen und mit Freuden immer wieder ihr Glas aufgefüllt hatte, sobald sie es vor lauter Langeweile geleert hatte. Etwas ließ sie vermuten, dass dies mehr oder weniger sein Plan gewesen war. Ihre Zunge und Gemüt mit ausreichendem Alkohol zu lockern, bis sie endlich so angeregt mit ihm sprach, wie er es unentwegt mit ihr versuchte. Ebenfalls ahnte sie, dass sein frisch erworbener Bachelorabschluss definitiv nicht von der Intelligenz zeugte, die anscheinend dazu nötig war, um das Desinteresse einer jungen Dame zu erkennen. Anthea rümpfte die Nase. Ununterbrochen hatte er von seinen großartigen Erfolgen im Croquet gesprochen. Sie war froh den Jungen irgendwo im Innenhof losgeworden zu sein; sie hätte es keine Minute länger mit ihm  ausgehalten. Der Abend war ohnehin schon schlimm genug.

Vor gut zwei Wochen hatte der Direktor des Jordan Colleges eine Großzahl ausgewählter Studentinnen des St. Sophias zu einem gehobenen Abendbankett eingeladen. Eine aufmerksame Geste, um die Freundschaft der Colleges zu stärken. Die Aussicht auf ein Abendessen mit den charmanten Jungen des Herren-Colleges hatte bei den meisten der  auserkorenen Studentinnen Entzücken ausgelöst, Anthea hatte jedoch sofort Lunte gerochen. Der ganze Abend würde mehr einem Debütantinnenball als einem netten Abendessen im Geiste der akademischen Freundschaften gleichen, hatte sie sich gedacht, und damit überaus recht gehabt. Sie konnte immer noch nicht fassen, dass Professor Bordonaro im Namen der glücklichen Studentinnen ihres Colleges die Einladung angenommen und somit Anthea mehr oder weniger zu dieser unsinnigen Zeitverschwendung verdonnert hatte. Verlorene Zeit, die sie liebend gerne über ihren Studien verbracht hätte, als an der Seite eines Jordan-Burschens.

   »Wir sollten verschwinden, solange die Luft rein ist …«, zischte Edgar ihr zu und festigte den Griff seiner kleinen Krallen um den Riemen ihrer Handtasche. Wie sie hegte auch ihr Dæmon wenig Begeisterung dem Abend gegenüber und hatte sich daher bereits vor dem Dinner auf ihre Tasche gerettet sowie den sozialen Umgang mit den Dæmonen der anderen Gästen bis auf ein Minimum reduziert.

Anthea ließ kurz den Blick durch den Speisesaal gleiten. »Das sollten wir in der Tat … Nur noch nicht sofort.«

Edgar seufzte leise und verlagerte etwas wackelig sein Gewicht auf ihrer Tasche – auch ihm nahm der Alkohol in ihrer  Blutbahn etwas von seiner Eleganz. »Warum noch länger bleiben, wenn wir noch vor Dunkelheit zurück im Sophia's sein könnten? Es ist jetzt bestimmt niemand in der Bücherei oder im Gemeinschaftsraum-«

   »Shh … Ich will mich etwas umgucken. Nur kurz.«

Erneut entfuhr dem Dæmon ein leiser Seufzer, gab sich jedoch geschlagen und ließ sich von ihr  durch die Halle tragen.

Bestimmend, aber immer noch leicht unsicher in ihren Schritten, bewegte sich Anthea an den drei Tafeln vorbei, die der Länge der Halle nach aufgestellt waren und steuerte geradewegs auf das dunkle Podium am Ende des Saals zu. Der dort vertikal ausgerichtete, vierte Tisch war als einziger mit edlen Mahagoni-Stühlen ausgestattet und für höhergestellte Leute, wie den College Master selbst, sowie für wichtige Gäste oder enge Freunde des Colleges reserviert. Während des Dinners hatte Anthea immer wieder vorbei an dem stetig schnatternden Jordan-Jungen hoch zu diesem Tisch gesehen, in der Hoffnung einen Blick von Professor Bordonaro aufzufangen. Eine Hoffnung, die sie jedoch nicht gerettet hatte. Die Direktorin ihres Colleges hatte sie lediglich  mit einem warmen, aber dennoch warnenden, Blick gemustert. Reiß dich zusammen, junge Dame. Auch der soziale Aspekt ist ein wichtiger Teil von Oxford.

Es war eine herbe Enttäuschung.

Ehe Anthea auf das hölzerne Podium trat, sah sie kurz über die Schulter. Sie war immer noch allein in der Halle, nur ein Bediensteter eilte mit einem Tablett auf der Hand vorbei an den Eingängen und huschte hinaus auf den Hof. Noch eine Sekunde wartete sie, dann trat sie von den weiß-schwarzen Fließen auf die dunklen Dielen, die unter ihren Füßen gemächlich knarrten.

Wie im restlichen Teil der Halle schmückten auch die Rückseite des Podiums eine Vielzahl an Gemälden, allesamt Männer in schwarzen Talaren, die Augen stets ernst, intelligent, privilegiert. Fast einschüchternd starrten sie auf Anthea nieder, die ruhig die Hände hinter dem Rücken verschränkte und die Schultern straffte, darauf bedacht nur die vergoldeten, kunstvollen Rahmen der Gemälde zu begutachten. Im abendlichen Schein der Sonne, der durch die hohe Bleiglas-Fensterfront zu ihrer Linken fiel, leuchtete die Vergoldungen in warmen Gelb- und Orangetönen und ließ die Männer in ihrer Mitte dunkler und blasser erscheinen, wie ein altes Stück vergangener Geschichte.

Anthea wandte die Augen ab. Was für ein feiner Traum es wäre; das eigene Gemälde gerahmt in so einem wundervollen gearbeiteten Stück Holz, an so einer Stelle wie dieser hängend. Der Beweis für eine erfolgreiche Laufbahn. Ruhm, Ehre und Respekt.

Nachdem sie ihren Kopf von den Bildern weggedreht  hatte, war ihr Blick willkürlich auf eine offene, schmale Tür gefallen, die in die rechte Ecke der Hallen-Rückseite eingefasst war. Für ihre Augen, die während des Essen immer wieder in diese Ecke – in welcher Professor Bordonaro gesessen hatte – gespäht hatten, war die Öffnung ein wahrlich neuer Anblick, aber bei näheren Betrachten erkannte sie jedoch erst wieso.

So wie die untere Hälfte aller Hallenwände zierte auch die Tür die gleiche Verkleidung aus gut zwei Meter hohem dunklem Holz. Perfekt getarnt würde sie im geschlossenen Zustand somit fast nahtlos in der Wand verschwinden. Nur der schlichte güldenglänzende Türgriff würde ihre Existenz verraten. Doch nun stand sie offen, brach ihre Tarnung und gab so den Blick auf eine Treppe frei, die hinunter führte. Antheas Füße bewegten sich trotz der Schmerzen des langen Dinners fast von allein und hochmotiviert auf den Treppenabsatz zu.

   »- haben es nach Boris Rusakov benannt, einem Muscoviten, der angeblich zur Entdeckung beigetragen hat.«

Leise, aber dennoch abrupt, blieb sie  stehen.

Mit Abstieg der ersten Paar Treppenstufen schien sich unerwartet plötzlich die Tageszeit um sie  herum geändert zu haben. Während die Dining Hall noch hell von der Abendsonne erleuchtet wurde, lag der Raum, den sie betreten hatte, im Halbdunkeln. Die schweren Vorhänge vor dem Erkerfenster waren zugezogen, aber die anbarischen Lampen an den Wänden brannten orange, wie das Wärme strahlenden Feuer im Kamin neben der Treppe. Zusätzlich war der Raum, vom Boden bis zur weißen Decke ebenfalls mit dunklem Holz bedeckt, wodurch die Wände im fast Dunklen schwer auszumachen waren.

Vor dem Kamin saßen im Halbkreis vier junge Herren. Sie schienen Anthea auf der Treppe nicht bemerkt zu haben.

   »Halt, warte. Ich bin auf der Strecke geblieben. Worüber reden wir nochmal?«, einer der Männer — er saß rechts außen, mit dem Rücken zu ihr — lehnte ungelenk den Kopf gegen die Oberkante seines Sessels und schien an seinem Glas zu nippen. Sein Dæmon, ein rötlicher Nasenbär, lag flach auf der Seite zu Füßen seines  Menschens. Unaufhörlich wippte sie mit Kopf und Schweif. Der Mann musste noch betrunkener als Anthea sein, die derweil Sicherheit suchend die Hand auf das Geländer der Treppe gelegt hatte. Wie sie diesen Zustand hasste – sie hätte besser aufpassen sollen.

Der direkte Gegenüber des Trunkenen schenkte ihm einen abwertenden Blick und zog ein silbernes Zigarettenetui aus der Innentasche seines Anzugs. Mit ruhigen Fingern nahm er einen Glimmstängel aus der flachen Dose und zündete sie an. Nachdem er einen Schwall dicken Rauchs ausgeblasen hatte, sprach er an die anderen zwei in der Runde gerichtet weiter: »Die Partikel haben ein so großes Ausmaß, dass sogar die Leute vom Magisterium eine Heidenangst davor haben.«

   »Warum sollten sie? Deiner  Beschreibung nach zu urteilen hört sich das Phänomen weder bedrohlich, noch gefährlich an.«

Der junge Mann nahm einen weiteren Zug. »Das, was der Mann nicht versteht, fürchtet er und noch dazu wären die Möglichkeiten, die uns die Rusakov Partikel eröffnen könnten, unvorstellbar … Ein völlig neues Gefüge der Welt … Allein die Erfindung des Alethiometers Anfang des 17. Jahrhunderts lässt auf eine schiere Menge von Potenzial schließen. Ein Gerät, das einem mit Leichtigkeit alle Fragen mit der Wahrheit beantworten kann … Wo würden wir in kürzester Zeit nur stehen? Wissenschaftlich, politisch und religiös – wenn die Forschung nur erlaubt wäre. Staub könnte alles verändern.«

   Staub.
Das Wort hallte in Antheas Ohren und Gedanken nach.
   Staub.

Die meisten Partikel waren im Grunde genommen Staub, kleinste Teilchen verschiedenster Stoffe, mit unterschiedlicher Größe und Ursprung. Doch dieser Staub, die Rusakov Partikel, hoben sich nach der Schilderung des Mannes noch einmal  zusätzlich vom Rest ab. Ein simples Wort für etwas, dem Anschein nach, derart Weltbewegendes, worüber sie jedoch irritierenderweise bis jetzt noch nie gelesen, geschweige denn gehört hatte. Es weckte unwiderruflich ihre Interesse.

   Staub könnte alles verändern. Wie? Was war es im Detail? Woher kam es? Und warum hatte das Magisterium wirklich Angst davor, wenn es doch so nützlich sein könnte?

Gespannt wartete sie auf die nächsten Worte des Mannes. Jedoch ließ sich, gerade als er wieder zum Sprechen ansetzen wollte, sein tiefroter Rotkardinal-Dæmon auf seiner Schulter nieder und flüsterte ihm eindringlich ins Ohr. Zielgenau schnellte sein Blick hoch zu Anthea auf der Treppe.

Ein widerwärtig charmantes Lächeln formte sich um die Zigarette herum, die nun in seinem Mundwinkel klemmte. »Meine Herren, mir scheint, als hätten wir einen Gast.«

Sicherer auf den Füßen als sie oder sein betrunkener Freund stand der junge Mann aus seinem mit Samt bezogenen Sessel auf und kam zum Fuße der Treppe. Selbstgefällig stützte er den Ellbogen auf dem Treppengeländer ab und spähte zu ihr herauf. »Guten Abend, kleine Miss Sophia.«

Auch die anderen drei hatten sie in Augenschein genommen, jedoch waren sie deutlich weniger  erfreut über ihr Auftauchen, wie der Mann mit der Zigarette. Während der Trunkene ihr einen finsteren Blick über den Rande seines Whisky-Tumblers schenkte, meldete sich einer der zwei Anderen unruhig zu Wort: »Das ist der Ruheraum, hier haben Weiber nichts verloren. Schick sie raus, Lyford.«

Der Mann mit der Zigarette, Lyford, wandte sich kurz um. »Sei nicht unhöflich, Keeps. Wir sollen doch nett zu den Sophias sein. Außerdem ist keiner der alten Greise hier, um mit seinem zittrigen Finger auf die ‚zu respektierende‘ Tradition zu verweisen.« Für einen kurzen Moment hob er theatralisch einen Finger, den er übertrieben beben ließ, ehe er sich wieder zu ihr  umdrehte, »Komm doch runter, Miss Sophia, und leiste uns armen Junggesellen etwas gute Gesellschaft.«

Schon beim ersten Sophia hatte Anthea ein wahrhaftiges Beben erfasst. Eine leise Wut war bereits bei seinem dreckigen Lächeln aufgetreten und hatte sich heiß in ihrer Magengegend breit gemacht, doch jetzt begann es in ihr so stetig zu kochen, dass sie für ein, zwei Atemzüge sprachlos war. Natürlich war es nicht das erste Mal, dass ein Herr versuchte sie mit einigen vermeintlich süßen Worten und liebreizenden Namen zu locken oder herumzukommandieren. Die Männer in Nottingham hatten es bereits getan, die Burschen in London es versucht. Sie hatte schon so einige lockende Sprüche gehört und hatte sich im Ignorieren geübt, aber dennoch überrumpelte es sie immer noch völlig von Neuem. Diese schiere Selbstverständlichkeit wie sie mit ihr sprachen, als wäre es ihr ganzes Recht. Bis jetzt hatte Anthea jedes Mal gelernt, dass es das Schlauste war niemals das zu tun, was sie von ihr wollten.

Drum blieb sie eisern an ihrer Position stehen und sah auf ihn hinab.

   »Ihr habt über Staub geredet, oder nicht?«, fragte sie mit bemüht  kühler Stimme und fügte nach keiner weiteren Sekunden noch, »Über die Rusakov Partikel« hinzu, um jeden Zweifel an ihrer Frage zunichte zu machen. Sie konnte schon sehen, wie das immer noch aalglatte Lächeln ihres Gegenübers die Worte Hausstaub und Staubwedel formte, um sie mit wenig Mühe zu verspotten.

Doch das Lächeln zog sich nur noch mehr in die Breite. Erneut sah er über die Schulter zu seinen Freunden und bemerkte: »Spitze Ohren hat unsere kleine Miss Sophia.«

Die Wut in ihr drohte hochzukochen. Sie konnte es in ihren doch so spitzen Ohren brodeln hören.

Edgar, der ihre Aufgebrachtheit im Nackenfell spüren konnte, flüsterte: »Bleib ruhig.«

Anthea versuchte es, atmete flach, aber lang ein. Sie füllte ihre Lunge bis zum Bersten, erinnerte sich an eine gerade Körperhaltung und hob selbstsicher das Kinn. Sie  versuchte ihre Wut zu verstecken, so entspannt zu sein wie der junge Mann vor ihr. Doch für sie war es immer noch zu einfach der Wut zu verfallen. Sie musste sich im Zaum halten. Eine wütende Frau wurde schnell hysterisch genannt und dieses Wort wollte sie mit allen Mitteln vermeiden.

Beim Klang von Edgars Stimme hatte sich der Kopf des Rotkardinal-Dæmons pfeilschnell gedreht und der von seinem Menschen folgte zugleich. Sein Lächeln war immer noch an Ort und Stelle. »Was weiß denn ein so nettes Ding wie du über die Partikel? Ich dachte am Sophia's bringen sie euch nur Haus- und Handarbeiten bei.«

Innerhalb von Sekunden focht  sie erneut  einen harten und intensiven Kampf mit sich selbst aus; nur zu gerne hätte sie ebenfalls etwas Gehässiges erwidert: Ihn nach den doch so guten, fehlenden Manieren der Jordan-Männer gefragt oder ihm gerade ins Gesicht gesagt, dass sie durch seine eigenen törichte Dummheit davon erfahren hatte, aber gleichzeitig wollte und konnte sie nicht zugeben, dass sie bis jetzt keinen Schimmer von dem Phänomen gehabt hatte und ihm somit klar im Thema unterlegen war. »Mittlerweile haben sie erkannt, dass das weibliche Geschlecht zu sehr viel mehr fähig ist, als ursprünglich angenommen.« Einen scharfen Unterton in der Stimme hatte sie nicht unterdrücken können – dafür hatte sich ihr Puls wieder viel zu sehr beschleunigt.

Der junge Mann machte ein leises, glucksendes Geräusch; ein Hm, das wenig Zustimmung, aber dafür einen Hauch von ehrlicher Überraschung mit sich trug. Die anderen drei Herren lachten leise unter gekünstelten Husten.

Sie presste hart die Zähne aufeinander, spürte wie die Muskel ihres Kiefers unter der Haut hervortretenden.

Zum dritten Mal sah der junge Mann zu seinen Freunden, doch sein Dæmon wandte nicht den Blick ab. Weiterhin starrte sie Anthea mit runden, pechschwarzen Augen an, die in der ebenfalls schwarzen Zeichnung rund um ihren breiten Schnabel bedrohlich glänzten. Mit einem unruhigen Murren löste sich Edgar von ihrer Tasche und kletterte geschwind ihren Arm empor, um Platz auf ihrer Schulter zu nehmen.

   »Und du bist wohl dann das beste Beispiel für die erstaunlichen Fähigkeiten einer Frau, wie mir scheint?« Er drehte sich wieder ihr zu, aber nun war sein Lächeln spurlos verschwunden und ein bitterer Ausdruck war an dessen Stelle getreten. Plötzlich klang er überaus sarkastisch. Die tiefrote Federhaube des Rotkardinals stellte sich auf. Edgar spannte die Muskel an. »Dann erzähl mir mal, Kleines. Was ist Staub?«

Die unangenehme Hitze von zuvor stieg ihr in die Wangen und Ohrenspitzen. Jedoch handelte es sich bei dieser nicht um die gleiche Alkohol- und Temperatur-verursachte Hitze und gar die Wallung ihrer Wut, die bereit zum Ausbruch war, sondern lediglich um die verräterische Wärme der Scham.. Edgar drückte sich gegen ihre Wange, um die Röte zu verdrecken, aber es nütze nichts. Anthea wusste die Antwort nicht – was war Staub? – und hatte sich selbst in diese missliche Lage geredet.

   »Was ist? Ist es zu komplex in Worte zufassen, oder haben wir es vergessen?«

Das Herz schlug ihr bis zum Hals und erschwerte es ihr endlich irgendwelche Worte zu finden, die sie noch retten konnten. Aber die Rettung kam in einer unerwarteten, anderen Form zu ihr.

   »Ah, Anthea! Da bist du ja. Ich hatte ich schon Angst, ich hätte meine Begleitung für den Abend ganz verloren.« Ein Arm legte sich fest um ihre Schultern und drückte Anthea in die Seite eines dunkelgrauen, verschwitzen Anzuges. Der Bursche vom Dinner – sie hatte seinen Namen vergessen.

Reflexartig zog sie die Schultern hoch und neigte sich weg von ihm, jedoch schien er dies nicht wahrzunehmen und hielt sie nur noch fester. Edgar hatte derweil mehr Glück; um der Berührung des Burschens zu entfliehen, sprang er von ihrer Schulter zum Treppengeländer, blieb jedoch nah bei ihrer Hand sitzen, die immer noch dort ruhte.

Gut gelaunt richtete sich der Bursche an seine Kommilitonen: »Guten Abend, Jungs. Ihr habt schon Bekanntschaft mit meiner Sophia gemacht? Anthea Skelton – ein hinreißendes Mädel, nicht wahr?«

   »Ganz bezaubernd.« Der junge Mann am Fuße der Treppe nahm den letzten Zug seiner Zigarette. Gelangweilt sah er zum Feuer, würdigte Anthea keines weiteren Blickes.

   »Aber wo sind denn eure Mädchen? Habt ihr sie schon mit euren Fachgesprächen vergrault?« Dann wandte er sich an sie und fügte im humorvollen Flüsterton hinzu: “Die armen Kerle haben keine Ahnung davon wie man mit einem jungen Dame redet.« Letzteres sagte der Bursche an Anthea gewandt in einem geflüsterten, Spaß haften Ton. Aber dennoch fühlte sich sein warmer Atmen auf ihrer eh schon heißen Wange erschreckend  wie ein Messer an der Kehle an.

Edgar nahm ihren Zeige- und Ringfinger in die kleinen Hände und hob sie vom Geländer, versuchte sie die Treppen hinauf zu ziehen, zum Aufbruch zubewegen.

Der junge Mann mit der Zigarette blieb stumm, aber einer der anderen drei Jordan-Studenten antwortete dem Burschen. »Nein, sie haben hier ganz einfach nichts verloren. Wir sind immerhin im Ruheraum, Jensen.«

Mit einem Ruck riss sich Anthea von ihrer unangenehmen Gesellschaft los, tauchte unter dem Arm hindurch und eilte die Treppe rauf. Raus in die Dining Hall und vorbei an den Gemälden, die augenblicklich ihren ernsten Blick auf sie legten und zusätzlich auf dem College scheuchten, wie einen Schädling aus dem Haus.



◈ ◈ ◈




  a u t u m n 1982  –  h e r t f o r d    c o l l e g e,  o x f o r d,  e n g l a n d  


Das Pi zu Beginn des Wortes sah falsch aus. Es war zu lang gezogen und auch der Schwung des zweiten Beinchens gefiel Henk nach kurzem Betrachten nicht mehr. Mit Sorgfalt wischte er es mit dem Handballen weg, setzte einen neuen Versuch an seine Stelle. Wenig befriedigt, besserte er das folgende Iota noch aus, das er trotz seiner Vorsicht unabsichtlich beschädigt hatte. Doch jetzt war  der Kreidestrich zu dick für den schmalen Buchstaben. Einen Moment lang versuchte Henk ihn mit dem kleinen Finger zu verschmälern, bevor er jedoch erfolglos aufgab und seufzte, ehe er ihn ebenfalls gedankenverloren ersetzte.

Sein Kopf fühlte sich leicht, beinahe leer an, doch  er war gleichzeitig dermaßen überfüllt mit flüchtigen Gedankengängen, dass es ihm schwerfiel sich auf seine Handschrift, geschweige denn  auf das Tutorium zu konzentrieren. Immer wieder flogen Gedanke nach Gedanke in großen Bögen durch seinen Schädel und landeten allesamt bei seiner Tasche, ihrem Inhalt und Antheas Zettel.
Es  war bereits Stunden her – de facto war es schon um die Nachmittagszeit – dass sie Henk zusammen mit ihrer Abschrift in der Bodleian zurückgelassen hatte, aber der Inhalt des Zettels war immer noch frisch. Plötzlich überkam ihn eine  kalte Angst die ihm den Rücken rauf und runter lief, bis in seine Haarspitzen reichte. Er selbst hatte bis jetzt nur einige Mal von dem im Dokument beschriebenen Apparat gehört und das Meiste davon stammte geradewegs von Anthea, die es ihm gegenüber im privaten Gespräch knapp erwähnt hatte. Der Rest stammte von  geflüsterten Gerüchte und Spekulationen anderer Akademiker. Beides – Antheas intensive Faszination, die ihn damals sowie heute einen nervösen Schauer beschert hatte, und das Geflüster – schrie seinen Instinkten klar die Gefährlichkeit des Alethiometers entgegen. Aber trotz dieser Warnsignale  schien sich Widerwillens auch bei Henk eine gewisse Neugier entwickelt zu haben. Bis jetzt hatte er sich noch drei weitere Male beim Lesen des Zettels erwischt: Kurz  nachdem Anthea aus der Bibliothek verschwunden war, anschließend  beim Lunch und das letzte Mal kurz vor dem Beginn des Griechisch-Tutoriums. Beinahe hatte seine Studierendengruppe ihn mit dem Papier in der Hand überrascht.

Er vermutete, dass sein Interesse auf dem Nährboden Antheas verheißungsvollen Worten gewachsen war, aber doch konnte er ebenfalls ahnen, dass sie womöglich auf einem anderen Ursprung beruhten. Einem, der ihm schon lange Zeit durch den Kopf waberte wie ein dichter Nebel. Fragen, die einen nicht schlafen lassen. Anthea hatte einen miesen Trick angewandt , denn sie wusste genau, wohin sein Gedanken wandern würde, wenn sie nur die Weichen richtig stellte. Seine Fragen, die ihn tatsächlich selten ruhig  schlafen oder  gar  ganz dem Bett fern bleiben ließen. Dabei war es so furchtbar lange her …

Sanft schob Neesha ihre spitze Schnauze in seine Hand. Die kalte, feuchte Nase an seinem Daumen, holte Henk aus seinen Gedanken und ließ ihn hinunter zu seinem Dæmon blicken. Mit besorgten, hellen gelb-grünlichen Augen sah sie ihn an.

   »Alles gut«, flüsterte er und strich ihr wie schon am Morgen über den Kopf. Doch beide konnten spüren, dass dem nicht so war und sich erneut eine dunkle Schwere in Henks Brust geschlichen hatte, die ihm die Lunge verengte. Kurz schmiegte Neesha ihre Wange an seine Hand. Sie teilten einen wissenden Blicke: Heute war es wieder schwer.

Trotz aller Freundschaft und Freundlichkeit konnte Henk es fast nicht anders sehen: Anthea hatte – völlig egal, ob mit Absicht oder nicht – seinen kompletten Tag aus den Fugen gehoben und verwüstet. Obwohl, er musste zugeben, dass der miserable Start in den Morgen ihm selbst verschuldet war. Der Tag war schlichtweg dazu bestimmt ein Elend zu werden.

Mit einem leisen, leisen und erneuten Seufzen sammelte er sich, blickte auf.

Zum dritten Mal fuhr er mit den Handballen über die dunkle Tafel und wischte einen Buchstaben weg, schrieb ihn neu. Mittlerweile war es schwer zu erkennen, ob seine Neuversuche besser waren als die zuvor weggewischten Symbole. Kritisch trat er einen halben Schritt zurück und betrachtet das Wort im Ganzen. Sein Dæmon tat es ihm gleich und legte zusätzlich den Kopf schief, um einen neuen Blickwinkel zu erlangen.

Πιθανότητα - Wahrscheinlichkeit, Möglichkeit. Chance.

Er hatte völlig vergessen, wieso er es überhaupt auf die Tafel geschrieben hatte. Doch es stach ihn dennoch scharf zwischen die Rippen, wie ein zu weit getriebener Witz des Tages, das i-Tüpfelchen. Ein Flüstern und das Rascheln von Papier hinter ihm erinnerte ihn jedoch schnell wieder an den Grund der Worte. Seine Studenten. Einer von ihnen hatte ihm nach dem Wort gefragt und er es nach einer kurzen Erklärung noch zusätzlich an die Tafel geschrieben. Etwas ertappt spähte er über die Schulter und sah, dass alle sieben Studenten mehr oder weniger in ihre Aufsätze vertieft waren, nur drei ihrer Dæmonen sprachen leise unter den Tischen. Wie immer hatte er ihnen zum Ende der Stunde hin erlaubt, sich mit ihren Essays zu beschäftigen.

   »Wir sind schon über der Zeit. Ihr könnte für heute Schluss machen …«, bemerkte Henk nach einem Blick auf die leise tickende Uhr über der Tür. Mit einem kollektiven Stöhnen standen die Studenten von ihren Plätzen  auf und verließen einer nach dem Anderen, und nach einigen letzten gestellten Fragen, den Lehrraum.

Als Henk allein war, wandte er sich ein letztes Mal der Tafel zu und wischte das griechische Wort mit der flachen Hand ganz weg.



   »Wir sollten spazieren gehen. Oben im Wald. Da waren wir lange nicht mehr!«
Neesha wechselte ihren Schritt und sprang mit einem weiten Satz über eine Pfütze, die sich zwischen den groben Pflastersteinen des Gehwegs gebildet hatte. Einige Meter hinter ihr schulterte Henk seine Tasche, versucht sie vor dem anhaltenden Regen zu schützen, und tadelte sich selbst für das Vergessen einer vernünftigen Jacke oder eines Schirms am Morgen. »Ich bin schon durchnässt, ehe wir Zuhause ankommen. Ein anderes Mal.«

   »Oh, komm schon! Wir holen deine Stiefel und den langen Regenmantel und dann gehen wir. Das wird schön. Die Sonne kommt bestimmt noch raus und dann riecht der Wald so gut. Bitte, Henk.« Mit ihren Pfoten letztendlich doch im tieferen Nass blieb sie stehen und sah ihren Menschen freudig über die Schulter an. Dieser schüttelte jedoch den Kopf. Die Bewegung war kräftig genug, um einige Regentropfen aus seinem Haar zu treiben, die ihn bereits in Strähnen auf der Stirn klebten. Unter ihnen versteckten sich verräterisch tiefe Falten der Sorge, des Grübelns.

   »Tut mir leid, Neesha. Ich möchte einfach nur nach Haus und trocken werden«, antwortete Henk kurz angebunden. Er konnte sehen, wie sein Dæmon kurz enttäuscht die Ohren hingen ließ, ehe sie sich wieder fing und eine verständnisvolle Miene aufsetzte. Ohne Zweifel hasste Henk es Neesha zu enttäuschen und für gewöhnlich wäre er nach ihrem zweiten Versuch eingeknickt, doch heute schien nicht der richtige Tag für eine nasse Wanderung  zu sein. Dafür war sein Kopf noch zu beschäftigt und der Drang sich in seinen privaten Räumen zurückzuziehen, um sich endlich gründlich und nicht heimlich seinen Tascheninhalt zu widmen, zu groß. Aus gutem Grund hatte Henk sich heute gegen ein Abendmahl im College oder einem Inn der Stadt entschieden. Auf schnellsten Wege wollte  er nach Hause, der Regen dabei trieb ihn nur noch mehr an. Aber nichtsdestotrotz machte er sich eine mentale Notiz später mit ihr in den Wald zu gehen, sobald das Wetter und seine Sorgen nachließen.

Neesha , die geduldig am Gehweg stehen geblieben war, verfiel erst wieder in einen gemächlichen, aber dennoch zügigen Trab, als Henk auf ihrer Höhe war. Seite an Seite und mit wenigen Worten liefen sie die Parks Road hinauf, vorbei an den Colleges St. John’s, Durham und Balliol, bis sie horizontal auf die  Banbury Road wechselten, nur um nach einigen Metern  auf die Woodstock Road zu gelangen. Unaufhörlich prasselte der Regen auf Henk und Neesha nieder, darauf aus tief in Kleidung und Fell einzudringen. Henk konnte bereits spüren, wie der Tweed-Stoff seines Jacketts den Kampf gegen die Wassermassen verlor und langsam an den Schultern durchlässig wurde. Nicht mehr lange und auch sein Pullover sowie das Hemd darunter würden sich vollsaugen und an seiner Haut kleben, wie es schon seine Hosenbeine taten. Einzig allein seine Füße waren noch relativ trocken, wobei sich dieser Zustand auch nicht mehr lange halten sollte. Es war zwar nicht mehr weit, aber dennoch beeilten Henk und Neesha sich dem nassen Wetter zu entrinnen.

Als Mann und Dæmon in die Observatory Street einbogen, bäumte sich simultan der Regen nochmal mit neuer Intensität auf und brachte einen pfeifend-starken Wind mit sich. Was zuvor ein konstant mäßiger Regelfall gewesen war, glich nun mehr einem wahren Sturm der Emerald Isle. Der Himmel wurde rapide dunkler und bald wandelte sich die Straße in einen dünnen Fluss. Ohne weiteres Zögern nahmen Henk und Neesha die Beine in die Hand und flüchteten in die Adelaide Street, rannten spritzend durch beinah Knöchel tiefe Pfützen das letzte Stück der Strecke. Vor der karminroten Tür ihres Heimes drückten sich beide nahe an die Hauswand, fanden aber auch dort keinen Schutz vor dem Nass. Die Regenrinnen der engmaschigen Reihenhäuser konnten  jetzt schon nicht mehr den Wasserlauf des Unwetters schlucken .

Mit vor Kälte steifen und nassen Finger zog Henk seinen Schlüssel hervor und ließ sie mit einem kräftigen Stoß gegen die Haustür hinein.

   »Uh, was für ein Wetter!«, stieß Neesha vergnügt aus, sobald ihr Mensch hinter ihr die Tür zugezogen und das Licht im engen Flur eingeschaltete hatte. Unbedacht zappelte sie mit den tropfnassen Pfoten, wurde aber — ehe sie mit Schwung ihr komplettes Fell ausschütteln konnte — von Henk unterbrochen, der ihr rasch ein Handtuch über Kopf und Rücken warf. Leise kicherte sie unter dem schweren Stoff.

   »Ein wahres Unwetter ist das«, erwiderte dieser, nachdem er seinen Dæmon halbwegs trocken gerubbelt und sich selbst aus seinem nassen Jackett befreit hatte. Im schmalen Wohnzimmer direkt neben dem Eingangsbereich  warf er einen Blick aus dem Fenster auf die Straße, die durch den Wasserfall der überlaufenden Regenrinne schwer zu erkennen war. Neesha folgte ihm  in den Raum und ließ sich auf dem  staubigen Teppich nahe dem Kamin nieder. »Wunderbar.«

In Gedanken versunken gab Henk gab ein raues Lachen von sich und machte sich daran Schuhe und Socken von den Füßen zu bekommen. Barfuß gesellte er sich zu ihr, um den Kamin zu entfachen. Als das Feuer nach etwas herumstochern entzündet war, holte er den Esstischstuhl aus der nicht viel größeren angrenzenden Küche, stellte ihn vor den Kamin und entledigte sich seiner restlichen nassen Kleider. Ordentlich legte er sie zum Trocknen über den Stuhl und ging zusammen mit Neesha kurz in sein Schlafzimmer im zweiten Stock, um in trockene Sachen zu schlüpfen.

Henks nahm sein schlichtes Abendessen aus Brot und Käse zusammen mit einer heißen Tasse Tee am Sekretär im Wohnzimmer ein. Neesha hatte ihren Platz am Kamin wieder eingenommen und beobachtete ihren Menschen mit dem Kopf auf den Pfoten dabei, wie er ein bekanntes Stück Papier studierte. Wie schon auf dem Heimweg waren sie größtenteils still, bis die Coyoten-Dame  jedoch das Schweigen brach: »Was hast du für heute Abend geplant? Du wolltest noch einen Brief schreiben.«

   »Ich bin noch nicht mit der Übersetzung des Gedichts fertig«, antwortete er  und nahm einen vorsichtigen Schluck Tee.

   »Dann übersetz‘ es fertig.«

  »Heute ist mir weder nach Niederländisch, noch nach Gedichten.« Henk hielt den Zettel auf Abstand, um ihn ohne Brille lesen zu können.

Neesha hob interessiert den Kopf. »Also wohl eher Latein?«

Henk sah sie flüchtig aus dem Augenwinkel an und ließ seinen Arm samt Antheas Abschrift wieder auf den Tisch sinken. Kurz blies er die Wangen auf, und ließ die Luft entwischen.

   »Ich bin mir nicht sicher … die ganze Sache ist ziemlich … abenteuerlich«, antwortete er unschlüssig.

   »Der Text oder Antheas Forschung?«, hakte sie nach  und kam zu ihrem Mensch an den Sekretär.

Er  lehnte sich in seinem alten Holzstuhl zurück. »Beides. Genau genommen ist beides sogar überaus gefährlich«. Mit einem letzten Blick ließ er die Abschrift schließlich zwischen seinen Teller und die Schreibmaschine fallen. Des Grübelns müde fuhr er sich einmal durchs Gesicht, über den Bart. Bedacht legte Neesha ihre Schnauze auf sein Knie, sah ihn jedoch nicht mit einem sanften, sondern vielmehr mit einem entschlossenen Ausdruck in den Augen an: »Ich finde, du solltest es tun. Anthea helfen.«

   »Nenn‘ mir einen guten Grund, warum ich es wagen sollte. Allein das Risiko-«

   »Zuallererst ist sie unsere Freundin, die dich um Hilfe gebeten hat«, unterbrach sie ihn zügig. »Ganz davon zu schweigen, dass sie recht hat; da sind Dinge, die dich schon lange nicht mehr schlafen lassen.« Auch, wenn Henk ihrem  Blick nicht lange standhielt und deshalb ausweichend zum Feuer des Kamins sah, beendete Neesha ihre Aussage mit Nachdruck: »Und ich finde, es ist Zeit sich diesen Dingen zu stellen.«

Ein flüchtiges  Gefühl der Angst zitterte in Henks Brust auf, doch sein Dæmon rückte noch ein Stück näher an ihn, drückte ihre warme Schulter an sein Bein.

   »Ich weiß, dass dich die Fragen nach deinem Vater quälen, aber wenn dieses Ding Antworten  hat, dann sollten wir es wagen, Henk.«

   »Es ist nicht so einfach, wie du denkst«, flüsterte er rau. Selbst im Schein des Feuers und der anbarischen Lampe auf dem Tisch sah sein Gesicht gespenstig blass aus, doch sein Blick wanderte langsam wieder zu ihr.

   »Ist es niemals, aber wir müssen es dennoch versuchen.«



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  a u t u m n  1982  –  u n i v e r s i t y    p a r k s,  o x f o r d,  e n g l a n d  


Das Wetter vom Vortag hatte in der Nacht zwar noch gewütet, sich aber zum Morgen hin weitgehend Südwärts verflüchtigt. Über die große Parkanlage der Universität zog sich ein blassblauer Himmel, welcher stellenweise einige Sonnenstrahlen gen Erde schickte. Während der Gehweg aus feinem Kies sich langsam unter den Füßen der Spaziergänger erwärmte, blieb alles Grün ringsherum feucht und nass. Die Luft war kühl und klar. Ein beinahe angenehmer Tag, an welchem sich eine kurze oder sogar lange Runde zu Fuß anbot.

Wie immer unter der Woche – solange es das Wetter im anfänglichen Herbst noch zuließ – begannen Professor Bordonaro und Anthea ihren Spaziergang durch den Park beim Ententeich, der  nicht weit vom nördlich gelegenen St. Sophia’s College lag. Es war nach dem Lunch, dass beide Damen zusammen in Professor Bordonaros Büro eingenommen hatten, und somit etwas belebter auf den Wiesen und Pfaden der Anlage. Regelmäßig  wurden die langjährige Direktorin des Frauen-Colleges und ihre junge Assistentin von Freunden und Kollegen begrüßt oder zu einem kurzen Gespräch eingeladen, wobei Anthea bei Letzterem an diesem Tag verschwiegen blieb. Generell hatte sie eine starke Ablehnung gegenüber simplen und in ihren Augen sinnlosen Gesprächen – über das Wetter, Nachrichten, die immer gleich frustrierende Politik der Länder und die privaten Gebrechen ihrer Mitmenschen. Genau aus diesem Grund versuchte Professor Bordonaro auch seit jeher ihren Schützling in die gesellschaftlichen Unterhaltungen einzubinden. Dass sie heute jedoch auf eine besonders harte und abweisende Mauer mit ihren Bemühungen traf, schien der älteren Dame überaus zu missfallen. Nachdem sie sich also von ihrem aktuellen Gesprächspartner – einem Gelehrten  des Wordsworth Colleges – verabschiedet hatten, verzog Professor Bordonaro bitterlich das Gesicht, hielt aber noch an sich.

   »Anthea – Kind, ist dir heute nicht gut?«, fragte sie mit beherrschter  Stimme und setzte ihren Weg fort, der den Riverside Walk hinab und weg vom Teich, entlang des Cherwell Fluss, führte.

   »Alles bei bestem Befinden, Professor.«

   »Nur sehr schweigsam heute, wie mir scheint.« Marnix, der Sperlingskauz-Dæmon Bordonaros, saß genau wie Antheas Dæmon auf der Schulter seines Menschen. Mit seinen satt-gelben Augen sah er beide derart kritisch an, dass Edgar kurzerhand und wider seiner Natur die Runde selbst zu Fuß weiter führte.

Anthea ignorierten ihn gekonnt. Professor Bordonaro schnalzte einmal unzufrieden mit der Zunge, was sie tief seufzen ließ, bevor sie sich schließlich doch zu einer Antwort durchrang, »Ich denke nach, das ist alles.« Die Direktorin erwiderte ihre knappe Antwort mit einem Schweigen, das sich allen Anschein nach nicht zufrieden mit ihren Worten gab und mehr hören wollte.

Kurz glitt Antheas Blick hinüber zu ihrer Mentorin. Die kleine Frau im fortgeschrittenen Alter ging mit gerader und respektabler Haltung neben ihr her. Die dunklen Augen fest auf den Weg vor ihr gerichtet, während sie mit der rechten Hand einen Regenschirm wie einen Gehstock mit sich führte. Das schwarze, mit grauen Strähnen durchzogene Haar fiel ihr in langen Bahnen über die Schulter, die nicht von ihrem Dæmon besetzt war. Sie sah ein kleines Stück älter aus, als vor Antheas Heimaturlaub, bemerkte sie. Die freundlichen Falten, die ihrem Gesicht eine für Anthea beinahe mütterliche Wärme verliehen, waren tiefer geworden und auch ihre Knochen und Gelenke hatten etwas an Steifheit zugenommen. Sie wirkte minimal müde, wie eine Blume, die kurz vor der Welke stand. Es war eine betrübliche Feststellung, dass das Alter auch nicht vor der großen Erminia Bordonaro, Leiterin des St. Sophia's Colleges haltmachte.

   »Meine Forschungen verlangen mir gerade mehr Geduld ab als erwartet. Und  Sie wissen, wie schwer mir das Warten fällt.«

Professor Bordonaro schmunzelte leicht, »In der Tat, in der Tat. Aller Anfang ist schwer, Kind – auch, wenn es sich um eine Neuaufnahme alter Forschungen handelt. Manchmal ist es nicht einfach sich nach einer langen Pause wieder auf alte Angelegenheiten  zu konzentrieren und andere Male war die Pause sogar zu kurz, um neue Motivation und einen frischen Blickwinkel zu finden.«

Anthea zog die frische, leicht modrig riechende Luft ein und ließ ihren Blick über das Flussufer wandern. Ein Entenpaar hatte sich aus dem grau schäumenden Wasser ins Gras neben dem Weg gerettet. Leicht alarmiert hoben sie die Köpfe und schnatterten, als die beiden Damen auf ihrem Pfad den Tieren zu nahe kamen. »Glauben Sie mir, ich habe mehr als genug Zeit in Nottingham verschwendet. Die Arbeit und Oxford haben mir über alle Maßen gefehlt.«

   »Und doch hoffe ich, du konntest die Zeit mit deiner Familie genießen, trotz der bedauerlichen Umstände eures Zusammenkommens. Noch einmal mein herzliches Beileid, Anthea.«

Anthea straffte die Schultern und nickte zur Kenntnisnahme einmal.

Rückblickend musste sie natürlich – und dies größtenteils mit Freunde – zugeben, dass die vergangenen Monate im Kreise ihrer Familie eine Wohltat für sie selbst gewesen waren. Nur zu sehr hatte sie Eltern und Geschwister vermisst und viel zu lang her war die gemeinsame Zeit zusammen, aber der ursprüngliche Grund ihrer Heimkehr war dennoch kein erfreulicher gewesen. Die Beerdigung ihres Großvaters Rupert Moos hatte schwer auf ihr gelastet, denn immerhin war beinahe allein ihm der Beginn ihrer Karriere zu verdanken.

Ihr Großvater war es gewesen, der sie als Kind in ihrem Drang nach Wissen bestärkt und für ihre Förderung gezahlt hatte. Und er war es ebenfalls gewesen, der ihr beim Unterricht am Klavier auf die Finger geschlagen und ihr somit beigebracht hatte, dass durchschnittlich zu sein im Leben kein vernünftiges Ziel sein würde oder könnte. Geliebt hatte sie diesen alten und stoischen Mann, aber es  fühlte sich für Anthea nach all der Fülle von Beileidsbekundungen immer noch etwas falsch, verdreht und bitter an, diese dankend anzunehmen.

In Brytain – und womöglich auch über dessen Grenzen hinaus – kannte man Rupert Moos nur als raffinierten Geiger, Pianisten und Komponisten. Besonders  viel Ansehen hatte er mit seinen Stücken, die vom Gesang seines Nachtigall-Dæmons Liesbeth begleitet wurden, errungen. Nur die wenigstens kannten den eher komplizierten und exzentrischen Mann, der stets seine Musik lebte, atmete und vorantrieb. Es gab nur weniges, das  ihn neben seiner Arbeit interessieren – ein  Charakterzug, den Anthea entweder geerbt oder sich selbst von ihrem Vorbild abgeguckt hatte – und sie für ihren Teil konnte sich glücklich schätzen, dass sie als Kind zu diesen wenigen Dingen gezählt hatte. Es wäre nicht auszudenken, wo sie sein würde, ohne die frühzeitige Erkenntnis ihres Großvaters über das akademische Potenzial, welches in ihr schlummerte. Womöglich wäre sie wie ihre jüngere Schwester Philipa schon längst verheiratet und bereits Mutter mehrere Kinder. Absolut unvorstellbar.

   »Nun, was benötigt so viel Geduld in deinen Forschungen?«

Anthea hörte, wie Edgar einige Meter vor ihnen der Bruchteil eines gehässigen Lachens entfuhr. Sie selbst atmete einmal leicht auf, froh darüber, dass die Professorin doch bei ihrem anfänglichen Thema blieb. »Nicht was, sondern wer. Ich warte auf eine Zusage von Henk O‘Harlon. Ich bat ihn mir mit einigen Texten zu helfen.«

   »O‘Harlon?«, wiederholte  die Professorin vergnügt, was ihre  Erleichterung sofort  wieder etwas dämpfte. Ihr war die Begeisterung Bordonaros gegenüber dem irischen Philologen überaus bewusst, immerhin hatte sie ihn zu seinem sichtbaren Leidwesen vor gut drei Jahren und an beinah der gleichen Stelle im Park mit lobpreisenden Worten Anthea vorgestellt. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie rot seine Ohren, die durch die peinlich berührte Verfärbung in ihrer Größe noch mehr aufgefallen waren, gewesen waren und wie stolz sein Dæmon mit der Rute gewackelt hatte. Die damalige Absicht der Professorin war klar gewesen; beide waren bereits in ihren Zwanzigern und soweit erfolgreich in ihrer Laufbahn an der Universität gewesen, kurzum mehr als heiratsfähig. Doch schon während ihres ersten Gesprächs hatten Anthea, wie auch Henk festgestellt, dass es lediglich Freundschaft war, die die beiden in Zukunft verbinden würde.

   »Wie geht es dem guten Mr. O‘Harlon?«

   »Recht gut, schätze ich. Gestern habe ich nur kurz mit ihm gesprochen.«

   »Und was erforscht ihr zusammen?«

   »Ich forsche, er übersetzt mir nur einige alte Texte aus dem Lateinischen. Derzeit beschäftige ich mich etwas mit der Geschichte der Experimentellen Theologie. Veraltete Theorien und altertümliche Ideen, die doch noch zu unserem modernen Wissen passen könnten.«

Bordonaro nickte ein-, zweimal wissend und grüßte mit einem Handzeichen kurz einen vorbeigehenden Kollegen. Erneut musterte Anthea die Dame aus dem Augenwinkel und fragte sich, wie schon so viele Male in den vergangenen Wochen, ob es nicht besser wäre ihre erfahrene Mentorin in ihren Plan einzuweihen. Sie hatte ohne Zweifel einen blitzgescheiten Verstand und übertraf mit ihrer Intelligenz die meisten Gelehrten der Universität, aber dennoch war es zu gefährlich für die Professorin. Als Kopf des einzigen reinen Frauen-Colleges Oxfords hatte sie mehr zu verlieren als nur ihre Karriere. Unwiderruflich  würde der Consistorial Court of Discipline ihr die volle Verantwortung und Schuld für die ketzerischen Machenschaften zuschreiben, die doch eigentlich nur ihre wissenschaftlichen Mitarbeiterin verbrochen hatte. Es war somit auch im Grunde genommen beinahe schon zu heikel für Anthea und Professor Bordonaro weiterhin in einer engeren Arbeitsbeziehung zu sein, – aber wenn Erminia in Unwissenheit blieb, könnte sie im Ernstfall auch fortwährend und wahrheitsgemäß darauf plädieren. Nur Antheas Gewissen gegenüber ihrer Mentorin müsste büßen, doch dies ging sie ohne weitere Überlegungen ein, zu stark war ihr Glauben an ihr Vorhaben. Aber die Tatsache, Bordonaro anzulügen, egal wie einfach ihr die Lüge über die Lippe ging, wie Gift.

Bordonaros Dæmon Marnix wackelte etwas steif mit den Flügeln und flüsterte ihr schnell etwas ins Ohr. Die ältere Dame stoppte und warf einen Blick auf die Uhr an ihrem schmalen Handgelenk, ehe sie sich mit entschuldigender Miene an Anthea wandte: »Sehr interessant, Kind. Erzähl mir doch mehr beim Dinner. Ich fürchte, es ist wieder Zeit ins Colleges zurückzukehren.«



Durch die hellen Fließen, die weißen Wände und die großen Bogenfenster war die Pförtnerloge des St. Sophia’s Colleges selbst an einem bedeckten Tag lichterfüllt und einladend. Ebenso freundlich war der Pförtner selbst, der in seinem Verschlag saß, welcher durch zwei Torbögen parallel der Fenster und einem hölzernen Tresen in jedem Bogen vom Flur und den Postfächern der Studenten und Angestellten abgetrennt war. Sobald Professor Bordonaro und Anthea in die Loge traten, lehnte sich der ältere Mann über den Tresen und begrüßte sie munter. »Frau Direktorin, Miss Skelton, einen schönen Nachmittag!« Sein Streifenhörnchen-Dæmon fiepte in der gleichen höflichen Manier.

Mit einem »Ebenfalls, Mr Terrell« stieg die Professorin in einen kleinen Plausch mit dem Pförtner ein, während sich Anthea, froh um die Entschuldigung, an die Postfächer wandte. Mit Leichtigkeit darauf fand sie ihr Fach unter den vielen schmalen Öffnungen, einzig an dem kleinen Schild mit ihrem Namen darauf zu erkennen. Darin befanden sich jedoch nur einige Mitteilungen und ein Flugblatt. Edgar zupfte neugierig an ihrem Rock, doch nach einem schnellen Durchblättern musste sie  sich zu einem  Kopfschütteln durchringen. Nein, keine Nachricht von Henk. Das ernüchternde Gefühl einer Enttäuschung bahnte sich langsam in ihr an. Sie war gestern überzeugend gewesen, das wusste sie. Mit Sicherheit sogar noch mehr als das weshalb sie eine Zusage fast sofort erwartet hatte.

Schwungvoll dreht sie sich zum Pförtner um, welchen sie mitten im Satz unterbrach, »Mr Terell, wurde noch etwas für mich abgegeben?«

Überrumpelt und nachdenklich zugleich drückte der Mann die fast weißen Brauen zusammen und folgte mit den Augen seinem Dæmon, der wie aufs Stichwort vom Tresen sprang und im Inneren der Loge verschwand.

   »Ich- ich bin mir nicht sicher- oh, doch! Courtney hat einen besseren Überblick als ich. Als sie hereinkamen, habe ich gerade die neue Post sortiert«, erwidert er und nahm seinem Dæmon einen kleines, ordentlich gefaltetes Stück Papier ab. Nach einem prüfenden Blick auf den Adressaten reichte er Anthea, die näher herangetreten war, das Papier. Mit einer kontrolliert ruhigen Hand nahm sie es entgegen und entfernte sich erneut einige Schritte, um ihre Privatsphäre zu wahren. Sie konnte Professor Bordonaros strengen Blick auf sich spüren, aber die Notiz war wichtiger. Schnell öffnete Anthea sie und unwillkürlich schob sich ein winziges Lächeln auf ihr  Gesicht. Edgar sprang auf ihre Schulter und warf gemeinsam mit ihr einen Blick auf den kleinen Zettel.

   »Ah, doch ein schlauer Junge«, flüsterte er zufrieden.


Anthea,
triff mich bitte, falls möglich, morgen um 2 Uhr in der Bod, Arts End.
Ich denke, ich weiß, wieso das alte Römische zunehmend komplexer wird.
- Henk




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Seht her, was ich heute noch zustande gebracht habe!
Ich entschuldige mich noch einmal für die lange
Wartezeit, aber ihr alle könnte ja gerade selbst die
immense Länges des Kapitels bezeugen ^^’
Hoffentlich entschuldigt der viele Lesestoff die
längere Zeit.Als zusätzlichen Trost gibt es noch
ein paar neue Dinge auf der Website.
Soundtrack Vol.2 ? So in der Art ;)
Ich hoffe, euch gefällt das neue Kapitel und auch alles
Weitere. Kommentare und Kritik sind natürlich immer
gerne gesehen <3

Für die, die es vielleicht nicht mitbekommen haben:
der neue und endgültige Einsendeschluss ist am

19. August, 2021.

Wir lesen uns!

- hanna leary
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