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the emblem of Truth

Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteDrama / P16 / Mix
OC (Own Character)
11.04.2021
01.08.2021
2
15.202
8
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Dieses Kapitel
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11.04.2021 7.587
 

   the   e m b l e m   o f   Truth    
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◈ ◈ ◈




  prologus.  

omnium   rerum   principia   parva   sunt
 the beginnings of all things are small  

- Cicero




  s u m m e r  1967 – g a l w a y,  i r e l a n d  


   Die Tür stand offen.
Zwar nur einen Spalt breit, aber sie stand offen.
Warm oranges Licht fiel in den endlos nachtschwarzen Flur, aber die Dunkelheit sowie jeder Zentimeter des Flurs selbst waren Henks Sinnen vertraut. Sogar blind hätte er den Weg durch das alte Haus seiner Familie in Galway finden können – von der Kellertreppe bis hin zum Zimmer seines Vaters.

So wie seine Mutter ihr Zimmer nicht verließ, betrat sein Vater nur sein Arbeitszimmer.
Die wenigen Tage, die er hier und nicht auf hoher See verbrachte, saß er an seinem Schreibtisch. Dort las, trank und schlief er und jedes Mal, wenn seine Füße über die Schwelle traten und ein neues, fernes Ziel hinter einem der sieben Meere ansteuerten, schloss er die Tür hinter sich ab. Den grob geschmiedeten Schlüssel nahm er jederzeit mit sich.
Doch jetzt stand die Tür ein Stück weit offen.

Henk lächelte sachte, freudig in der Erwartung seinen Vater nach Monaten der Reise endlich wiederzusehen. Wo er dieses Mal wohl gewesen war? In Muscovy oder New France? Aber vielleicht auch im fernen New Holland am Rande der Welt. Schon häufig hatte sich der Junge die abenteuerlichen Seefahrten seines Vaters lebhaft vorgestellt, war ihm in Tagträumen raus auf den Atlantischen Ozean gefolgt und hatte sich selbst vom Unterricht des Lehrers abgelenkt, der ihn mit einem Tadel zurück in die Realität geholt hatte.
Jetzt schon bahnte sich eine Unmenge an Fragen an seinen Vater an, die sich allesamt um seine lange Reise drehten und ungeduldig beantwortet werden wollten, aber dennoch ließ ihn etwas zögern.

Ruhelose Stimmen drangen aus dem Zimmer zu Henk auf den Flur. Sie waren schwer zu verstehen, gedämpft durch dicke Mauern und die massive Eichentür, nur den schmalen Spalt als Fluchtweg. Noch dazu schlug Henks Herz so kräftig, dass sein Puls beinahe hörbar von den kalten Wänden des Gangs widerhallte.
Konzentriert legte der Junge den Kopf schief, lauschte für einen Moment erfolglos und flüstere dann dem Dæmon auf seiner Schulter etwas zu. Mit einem Nicken sprang die Rotkehlchen-Dame von seiner Schulter und verwandelte sich, mit dem Aufkommen ihrer Läufe auf dem Boden, in einen Fennek-Fuchs. Die großen Ohren stellten sich suchend nach den Stimmen auf und für einen Moment staunte Henk entzückt über die Erscheinung seines Dæmons. Erst vor einer Woche hatte er in einem Schulbuch über die kleinen Wüstenfüchse gelesen und nun hatte Neesha das Ebenbild eines angenommen. Wie wunderbar sein Dæmon doch war.
Auf leisen Pfoten trat sie nun näher an die Tür heran und horchte.
   »Dein Vater und noch irgendwer …«, flüsterte sie über die Schulter. Henk trat ebenfalls einen Schritt näher. »Sie diskutieren, glaube ich.«

Unschlüssig zögerte der Junge erneut. Die Dunkelheit machte ihn plötzlich nervös. Einen Augenblick lang sah er selbst über die Schulter den finsteren Korridor entlang, den er soeben leise und vorsichtig entlang geschlichen war. Und für noch weniger als einen Augenblick dachte er, etwas gehört zu haben.

   »Komm schon«, drängt Neesha und deutete mit der kleinen Nase in das Zimmer seines Vaters hinein.
Henk nahm seinen Mut zusammen und trat vorsichtig an die Tür.

Es war schon komisch – er kannte jeden Winkel seines Zuhauses und doch war ihm dieses eine Zimmer hier völlig fremd. Bis jetzt hatte er es nur einige Male von innen gesehen, zu selten, um sich je detailliert an das Arbeitszimmer seines Vaters erinnern zu können.
Nun konnte er wenigstens einen kleinen Teil davon sehen: Die Hälfte des breiten Edelholzschreibtisches, das Regal dahinter, welches mit nautischen Werkzeugen, Büchern und weiteren Artefakten gefüllt war und den Rücken eines hageren Mannes. Er war über den Tisch gebeugt, seine sehnigen Arme stemmten sich mit Kraft auf dessen Kante. Im orangen Schein einer Schiffslaterne sah er sich etwas auf der Tischoberfläche an und nickte im Rhythmus der hastig gesprochenen Worten eines Zweitens.

  »Die Route ist zwar riskanter, aber dadurch auch weniger beobachtet. Eine Chance ungesehen durchzukommen.«
Die Stimme seines Vaters hätte Henk auch noch nach Jahren der Trennung wiedererkannt. Den tiefen Ton zusammen mit dem heimischen, rollenden Akzent Irlands. Zwar konnte der Junge die Gestalt seines Vaters von seiner Position an der Tür aus nicht sehen, aber er konnte nahezu sein Lächeln und das sichere Glänzen in den Augen hören.
Der dünne Mann antwortete mit einem weiteren Nicken: »Aye, aber auch eine gute Chance, die uns allen den Kopf kosten könnte. Ungeschützte Gewässer sind selbst für uns nicht ganz ungefährlich, Captain.«
Ein Lachen schallte durch den Raum. Es war unbeschwert, aber dennoch von einer Kräftigkeit, die Henk ahnen ließ, dass der Plan seines Vaters schon längst feststand und sein Gegenüber sich damit abfinden musste.
   »Seit wann so ernst und genau, Kilmartin?«

   »Seit wir Geschäften mit den Cathanen machen… Was ist mit der Ware?«
Der dünne Mann, Kilmartin, nahm eine Seekarte vom Tisch – die er sich anscheinend zuvor angesehen hatte – und tauschte sie gegen eine neue aus, die die Gewässer vor dem nordamerikanischen Kontinent zeigte.
   »Unregistriert und bereits auf dem Weg zu uns. Morgen Nacht sollte der Frachter hier einlaufen«, erwiderte sein Vater währenddessen.

Die Stimme seines Vaters klang mit einmal dumpfer und entfernter. Vorsichtig drehte sich der Junge an der Tür, kam ihr noch ein Stück näher, um endlich einen Blick auf ihn werfen zu können. Mittlerweile hatte Henk seine Nervosität verdrängt und die ständige Neugier seines Dæmons hatte ihn angesteckt. Denn so wie es den stets merkwürdigen, unvertrauten Blick in das Arbeitszimmer gab, gab es ebenfalls beinah immer einen völlig neuen Blick auf die Erscheinung seines Vaters.
Auf jeder Reise schien sein Vater sich Stück für Stück immer weiter zu verändern – von manchen Fahrten kam er mit wettergegerbter Haut und von der Sonne gebleichten Haaren zurück. Und einige Mal hatte ihn die lange Zeit mehr verändert, ihm neue Falten auf der Stirn oder neue schwarze Tätowierungen unter der Haut gegeben.
Für Henk gab es viele verschiedene Versionen, die das Erscheinungsbild seines Vaters betrafen; während einige nur Details trennten, fühlten sich andere, frühere Erinnerungen wie ein ganz und gar anderer Mann an. Und doch blieb er immer sein großartiger und heldenhafter Vater. Ein Mann, der die Meere bezwang, die Welt und all ihre Winkel sah und Abenteuer zu See erlebte, wie sie ein Normalsterblicher nur zwischen den Seiten eines Buches finden konnte.
Erneut flogen dem Jungen zahlreiche Fragen durch den Kopf, die ihn fast von den nächsten Worten Kilmartins ablenkten.

Dieser gab ein unzufriedenes Schnauben von sich, gefolgt von einem Summen, das sich letztendlich besiegt in Worte wandelte. »Und wann laufen wir aus?«

   »Am besten unmittelbar nach Ankunft des Frachters. Es wäre unvorteilhaft mehr Zeit als nötig mit der Ware an Land oder überhaupt im Hafen zu verbringen.«

   »Also morgen  Nacht…«

   »Aye.«

   Neesha, die nun zu Henks Füßen saß und immer noch in ihrer Wüstenfuchs-Gestalt war, sah zu ihm empor und schenkte ihrem Menschen einen enttäuschten Blick. Sie beide dachten das Gleiche: So früh schon? Dabei war er doch grade erst gekommen…
Wie sein Dæmon spürte Henk das Stechen der Ernüchterung in der Brust und Magengegend. Beide tauschten trübe Gedanken und atmeten leise, aber dennoch bedeutungsschwanger aus. Lediglich einen Moment waren sie unachtsam.

Als Henk den Blick von seinem Dæmon abwenden und ihn wieder in das Arbeitszimmer richten wollte, durchfuhr ihn ein Schreck.
Der dunkle Flur hinter ihm hatte ein Geräusch gemacht, das Henk zwar deutlich, aber nicht ortbar im Hintergrund seiner Gedanken gehört hatte. Starr vor Angst durchkämmte er mit den Augen das Dunkel, spitzte die Ohren, wie Neesha zuvor, fand jedoch nichts. Stille kehrte wieder im Korridor ein und auch im Arbeitszimmer war es jetzt verdächtig ruhig.
Mit einem noch immer Adrenalin pumpenden Herzen drehte sich der Junge wieder zurück, lehnte sich dabei jedoch ein kleines Stück zu weit vor. Die schwere Tür gab unmittelbar ein verräterisches Knarzen von sich.

Die Ruhe, die eben noch vom Flur aus in den beleuchteten Raum gekrochen war, verschwand mit der unverhofft schnellen Bewegung Kilmartins innerhalb von Sekunden. Alarmiert vom Geräusch der Tür riss dieser den Kopf herum und fixierte Henk und die Füchsin mit einem stechenden Blick. »Zur Hölle-«
Im Schatten unter dem Schreibtisch fauchte etwas erbost.
Jedoch war es nicht Kilmartin, der sofort in Aktion trat.

Noch ehe Henk zurückstolpern konnte, erschien wie ein Blitz sein Vater an der Tür.
Lorcan O‘Harlon packte seinen Sohn hart am Oberarm und bewahrte ihn somit vor dem Fall. Ein zweites Mal wurde der orange Lichtschein der Schiffslaterne unterbrochen; ein dunkler Schatten flog über den Kopf seines Vaters hinweg und schoss den Flur entlang.
Hoscaria, der Gänsegeier-Dæmon seines Vaters, flog mit gesenktem Kopf Neesha nach, die mit dem plötzlichen Erscheinen Lorcans die Flucht ergriffen hatte. Henk keuchte vor Schmerz auf, als der Geier seinem Dæmon, nun in der flinken Gestalt eines Wiesels, die Flucht abschnitt und sie mit scharfen Krallen am Boden festsetzte. So deutlich wie die starke Hand an seinem Oberarm konnte er im Rücken den stechenden Schmerz der Fänge in Neeshas Fleisch spüren. Es trieb ihm die Tränen in die Augen.

   »Ein Spion?!«, wollte Kilmartin wissen, der sich verteidigend vor den Schreibtisch und die Seekarten gestellt hatte, um sie vor weiteren neugierigen Blicken abzuschirmen. Neben seinen Beinen spähte sein Dæmon, eine wild fauchende Fossa-Katze, aus dem Schatten des Schreibtisches hervor.
   »Mein verfluchter Sohn«, antwortete er knapp. Mit einem harten Ruck am Arm wandte sich Lorcan seinem Sohn zu, dem nicht nur vor Schmerz die Tränen über die Wangen liefen. »Was suchst du hier? Solltest du nicht in der Schule – in Dublin – sein?«

Hektisch atmend versuchte Henk zu antworten. »N-nein, ich- ich hab Ferien-«

   »Und dann belauschst du mich mitten in der Nacht?!« Der Junge versuchte sich erneut an einer Antwort, wurde jedoch schnell von seinem Vater unterbrochen. »Lüg‘ mich besser nicht an, Junge.«

   »I-ich-«, Henks Gesicht glühte vor lauter Scham. Bedrohlich und mit einer spürbaren Wut ragte sein Vater über ihm, während Hoscaria nach wie vor Neesha im scharfkralligen Griff gefangen hielt. Die Gestalt und Präsenz seines Vaters erdrückte den Jungen fast, zwängte ihn in ein brutales Machtgefüge, das er zwischen einem Raubtier und seiner Beute vermutete. Vollkommen schutzlos war er ihm ausgeliefert, seinem Vater, den er doch eigentlich so verehrte.

   »Was hat er alles mitgehört, Captain?«

   »Nichts! Nichts! Wirklich absolut nichts!« Die finstere Stimme Kilmartins hatte Henk nun vollständig in die Panik getrieben. Verzweifelt zog er an seinem Arm und versuchte loszukommen, jedoch verstärkte sein Vater den Griff um seinen Oberarm als Reaktion darauf lediglich. Henk konnte seinen Puls unter dessen Fingern in der Arminnenseite spüren. Ein unangenehmes Gefühl, das ihm eine ängstliche Ohnmacht im Nacken fühlen ließ. »Ich verspreche es!«
Der zornige Blick seines Vaters veränderte sich und ein mildes, aber dennoch düsteres Lächeln formte sich um seinen Mund, das Henk endgültig versteinern ließ. Auf eine unheimliche Art und Weise hatte es eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Schnabel seines Dæmons, spitz und scharf, kalt und bereit für den letzten tödlichen Stoß.

   »Guter Junge. Ich hoffe für dich, dass du die Wahrheit sagst.« Mit einem letzten Ruck lockerte Lorcan den Griff um den Arm seines paralysierten Sohns und ließ ihn rückwärts den Korridor entlang stolpern. Auch Hoscaria gab den Dæmon frei. Seine letzten Worte ließen keinen Zweifel daran, dass er es bitterernst meinte. »Jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst.«

Zusammen flüchteten Henk und Neesha, als ihre Instinkte nach einer Sekunde des Schocks wieder einsetzten.
Pfeilschnell rannten sie den dunklen Flur hinunter. Die Panik und das Gefühl der Ohnmacht folgten Henk unnachgiebig, jagten ihn förmlich bis in sein Zimmer. Sie ließen sich nicht von der Tür aufhalten, die er hastig hinter sich schloss und auch nicht mit der Bettdecke abwehren, die er schutzsuchend über sich warf, als er sich zusammen mit seinem Wiesel-Dæmon in seinem Bett versteckte.
Ihrer beider Atem ging schwer. Ein Zittern der Angst hatte sich in ihren Gliedmaßen breit gemacht und obwohl es still in dem nächtlichen Zimmer war, rauschte ihnen der eigene Puls laut in den Ohren.
Henk drückte sich Neesha an die Brust, versuchte sich an ihr  festzuhalten und sich zu beruhigen. Doch sein Herz schlug noch lange unbeirrt und wild weiter. Schrie voller Furcht, dass es niemals aufhören würde.

Niemals, niemals.



The truth is rarely pure and never simple.
- O s c a r   W i l d e



◈ ◈ ◈



  a u t u m n  1982  –  a d e l a i d e   s t r e e t,  o x f o r d,  e n g l a n d  


Henk erwachte in nicht chronologischer Reihenfolge.
Die Augen glitten ihm zwar auf, aber der Rest seines Körpers verharrte, versteinert im Angesicht der Panik.
Sein Herz jedoch schlug genauso hart wie Augenblicke zuvor in seinem Traum und ließ seiner Lunge nur wenig Freiraum im Brustkorb, um richtig Luft zu holen.
Nur quälend langsam löste sich Henks Bewusstsein vom Schlaf und der Traumwelt, die sich mit einer perfiden Sturheit weiter an ihm festhielt und ihm das völlige Erwachen erschwerte. Eine Weile verharrte er so: Auf der Seite liegend zusammengekrümmt, die Arme an die Brust gedrückt und nur halb bedeckt von seiner schweißfeuchten Bettdecke, die er wohl im unruhigen Schlaf weggetreten hatte.

   »Henk …!«
Seine Ohren reagierten zuerst, doch dann fanden auch seine Augen ihren Nutzen wieder und fokussierten sich verschwommen auf die spitze Coyoten-Schnauze, die sich in sein Sichtfeld geschoben hatte.

Neesha stand neben Henk auf der Matratze, den Kopf behutsam gesenkt, um seinen Zustand für einen Moment still zu begutachten, ehe sie die eigenen hellen Augen schloss und sanft ihre Stirn an seine Wange presste.

   »Es ist alles gut. Atme«, erinnerte sie ihn. »War nur ein Traum.«

Die leisen Worte seines Dæmons hätten ihn beruhigen und endgültig zurück in die Realität rufen sollen, aber der Traum und die frische Erinnerung daran drängten sich weiterhin mit Gewalt in seinen Kopf. Gleichzeitig kam sein Bewusstsein dem wachen Zustand mühsam näher und realisierte damit Stück für Stück die Panik aus seinem Traum deutlich und spürbar in der Wirklichkeit.
Henk versuchte zu atmen, aber es erschien ihm schier unmöglich.

   »Ruhig, ruhig. Konzentriere dich.«

Mit einem weiteren prüfenden Blick ins Gesicht ihres Menschen musste sich Neesha eingestehen, dass ihre ersten Bemühungen nutzlos gewesen waren. Mit einem eigenen nervösen Prickeln im Fell wechselte sie von seiner Wange zu seiner Schulter, drücke ihn auf den Rücken und kletterte kurzerhand auf seine Brust. Innerhalb von Sekunden konnte sie in ihrem Inneren spüren, wie er sich beruhigte und seine Angst verlor. Seine Körper wurde endlich wieder mobil. Erschöpft legte Henk eine Hand auf ihren Kopf, drückte die eh schon besorgt angelegten Ohren nach hinten.

   »Besser?«

   »Ja … danke«, antwortete er immer noch etwas außer Atem. Tief und kräftig holte er Luft. Neesha auf seiner Brust stieg ein paar Zentimeter in die Höhe, ehe sie mit seinem Ausatmen wieder sachte hinab sank. Gefasster streichelte Henk seinem Dæmon über den Kopf und das dichte Fell im Nacken.

   »Nichts zu danken«, sagte sie nach einer kurzen Pause und setzte dann hinterher, »wieder dieser Traum …«
Es war keine Frage, sondern eine schon vertraute Feststellung.
So lange wie jeder Mensch und sein Dæmon zusammen lebten, zusammen existieren, träumten sie auch gemeinsam. Neesha kannte daher Henks Träume wie kein Anderer, erlebte sie selbst Nacht für Nacht an seiner Seite und war ebenfalls deren Opfer – nur hatte sie stets das Glück weitgehend unbeeinflusst aufzuwachen. Doch Henks Leid genügte ausreichend für sie beide und ließ den Coyoten-Dæmon somit im Nachhinein doch mit einem Unbehagen zurück.

Der Traum, die unterbewusst auftretende Erinnerung an das letzte Treffen mit seinem Vater, plagte Henk schon seit der Jugend, war jedoch in letzter Zeit immer häufiger aufgetreten. Im Grunde verlief er konstant gleich; zusammen schritten sie den dunklen Korridor entlang, beobachteten Lorcan und den Mann heimlich an der Tür und belauschten sie, bis sie ertappt und geschnappt wurden. Henks Fokus verschob sich jedoch ab diesem Punkt von Nacht zu Nacht auf eine andere Facette. Er klammerte sich wie in Todesangst an Details und versuchte sich vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Der stechende Blick des Fossa-Dæmons, das entsetzlich laute Klopfen seines Herzens, das in seinen Ohren widerhallte, oder das kalte Lächeln seines Vaters – nur selten schaffte es Henk ihm völlig ins Gesicht zu sehen.
Keiner von beiden hatte es bisher offen ausgesprochen, allerdings waren Träume, die so oft auftraten und ihren Träumer so sehr erschütterten wie dieser eine, nicht gewöhnlich und durchaus besorgniserregend. Neesha nannte ihn einen Albtraum, Henk eine tief sitzende Erinnerung. Der Unterschied war für die Coyoten-Dame nicht sonderlich groß, aber etwas störte sie an seiner Formulierung ungemein. Nur eine Erinnerung hatte für ihre Ohren einen so ausweichenden Klang, als ob er nicht die volle und zerstörerische Kapazität des Traumes wahrnahm, sich gar weigerte, diese zu akzeptieren. Aber Neesha wusste auch, dass ihr Mensch stets vorsichtig mit seinen Worten war, sich genaue Pläne für seine Aussagen zurechtlegte, um Missverständnissen und falsch gewählten Worten, die einen in eine missliche Lage bringen können, aus dem Weg zugehen. Jedoch war er nur selten ihr gegenüber auf der Hut, was sie vermuten ließ, dass er schlichtweg noch nicht die richtigen Worte gefunden hatte, um überhaupt mit sich selbst darüber zu sprechen können. Er war noch nicht bereit, also wich er weiter aus und wartet darauf, ein passendes Wort für diesen Traum – die Erinnerung, den Fluch – zu finden.

   »Alles in Ordnung«, versuchte Henk ihr zu versichern, aber sein Dæmon ließ sich nicht beirren. Selbst ohne seine Brille konnte Henk eine leichte Skepsis in Neeshas Blick sehen.
Er seufzte im selben Moment, in dem sie die Stimme erhob. »Wirklich? Henk-«
Knapp erwiderte er nur »Ja, alles gut« und beendete das Gespräch damit.
Um ihr weiter auszuweichen, drückte Henk sich Neesha zusätzlich von der Brust und kam auf die Füße. Ihr Blick folgte ihm dennoch spürbar durch den Raum.

Im engen Bad mied Henk den Blick in den fleckigen Spiegel über dem Waschbecken und begann sich das Gesicht zu waschen. Die Kälte des Wassers trieb ihm den letzten sturen Rest des Schlafes aus dem Körper, doch die dunklen Augenringe vermochte es nicht wegzuwaschen. Das würde wahrscheinlich erst eine Tasse Kaffee zustande bringen.
Neesha derweil war auf dem zerwühlten Bett liegen geblieben – die Entfernung zwischen Bad und Schlafzimmer war so gering, dass sie beide nicht mal das leise Zucken der Trennung verspürten. Sie lauschte dem Wasser in den Leitungen, dem Platschen des Waschbeckens und dem kleinen Keuchen, als Henk schließlich den ganzen Kopf unter den laufenden Hahn hielt.
Innerlich kämpft sie gegen den Drang, wütend auf sein Ausweichen zu sein, denn sie wusste, dass es ihm gegenüber nicht fair gewesen wäre. Er selbst litt am meisten darunter und sie wollte nicht diejenige sein, die ihn nur auf Grundlage ihres Frustes zwang sich mit etwas zu beschäftigen, wozu er noch nicht bereit war. Also ließ Neesha ihn ausweichen, schluckte ihre Wut herunter und schuf somit einen freien Platz, der schon bald von einer allgegenwärtigen Sorge eingenommen werden würde.
Ihre Krallen klackerten auf den Bodendielen, als sie aus dem Bett glitt, sich einmal ausgiebig streckte und dann zu Henk ins Bad lief.



Rather than love, than money, than fame, give me truth.
- H e n r y   D a v i d   T h o r e a u



◈ ◈ ◈



  a u t u m n  1982  –  o l d   b o d l e i a n   l i b r a r y,  o x f o r d,  e n g l a n d  


Mit einem kleinen Klicken öffnete sich der Sprungdeckel ihrer Taschenuhr und entblößte somit die darin verborgene Zeit. Zwar wusste Anthea, dass es keine genaue Uhrzeit für seine Ankunft gab, aber die Ungeduld trieb sie zum wiederholten Nachsehen. Sie hatte vor genau drei Minuten und 23 Sekunden zuletzt auf die silberne Uhr geblickt, die sie nun wieder in die Tasche ihres Rocks steckte. Mit kontrolliert ruhiger Hand stich sie die Kette der Taschenuhr an ihrer Hüfte glatt und beobachtet das Geschehen im Schools Quadrangle der Bodleian Bibliothek.
Studenten, Professoren und Gelehrte eilten gefolgt von ihren Dæmonen vorbei an der Statue des dritten Earls von Pembroke hin zum Eingang. Von ihrer Position am Ostfenster der Arts End Sektion im zweiten Stock der Bibliothek sahen sie allesamt wie geschäftige Insekten aus, Ameisen auf ihrem Hügel, und spiegelten somit in gewisser Weise Antheas Inneres wider, auch wenn sie dies nicht zugeben würde.

Mit jeder Minute, die verstrich, kam mehr Unruhe in ihr auf – ein Gefühl, das sie als überaus unschicklich betrachtete. Sie war schlichtweg nicht gemacht, um zu warten, um geduldig zu sein. Aber sie musste es sein, um ihn nicht zu verpassen.
Henk O‘Harlon war ein Gewohnheitstier; er durchlebte eine immer gleiche, selbst gewählte Wiederholung seiner Tage und war angeblich überaus zufrieden damit. Henk war ebenfalls sehr bescheiden. Also wusste Anthea genau, dass sein Tagesablauf ihn vormittags in den Duke Humfrey’s Lesesaal führte.
Alles, was sie tun musste, war zu warten. Dabei hatte sie doch schon so lange gewartet.
Auf eine Gelegenheit. Eine Chance. Einen Moment.
Diesen Moment – bald fing es an.

Nach ihrer Rückkehr nach Oxford hatte Anthea eigentlich langsam wieder anfangen wollen, ihren Job und ihre Studien wieder aufnehmen und ihre Karriere fortsetzen wollen. Aber mit ihrem zufälligen Fund hatte sich die Ereignisse beschleunigt, fast schon überschlagen. Und dabei hatte es so irrwitzig simpel begonnen.
Es war so ein einfacher Zufall gewesen, dass sie den Kopf im Unglauben geschüttelt und dann fast vor Erstaunen darüber gelacht hatte. Und erst danach waren ihr die Möglichkeiten klar geworden.
Ein Plan hatte sich schnell geformt, die Ausarbeitung aber ihre Zeit gebraucht, immerhin musste auch alles absolut und bis auf das kleinste Detail stimmen. Sie durfte keinen Fehler machen und sich erwischen lassen. Es wäre nicht nur ein Ärgernis, sondern auch das Ende ihrer akademischen Laufbahn, die sie doch so hartnäckig aufgebaut hatte. Ihr Leben könnte sie unter Umständen ebenfalls verlieren …
Also ging Anthea vorsichtig vor, versuchte sich zu gedulden.
Tief atmete sie durch.

   »Du wirst nervös.« Ihr Dæmon, ein kleiner Weißbüschelaffe namens Edgar, lachte bitter und schenkte ihre einen spitzbübischen Blick.
Anthea machte ein leicht empörtes Geräusch. »Unsinn.«

Edgar hatte sich entspannt vor ihr auf der Fensterbank des Ostfensters zusammengekauert, die Beinchen fein unter die Brust geschlagen, der lange geringelten Schweif zuckte jedoch ebenfalls unruhig durch die Luft. Wie Anthea sah er hinaus auf den Innenhof und hielt Ausschau nach Henk O‘Harlon und seiner Coyoten-Dame.

   »Bist du dir hiermit sicher? Mit ihm?« Edgars Stimme klang etwas gleichgültig, aber der  Ernst der bevorstehenden Lage war auch ihm bewusst.

   »Natürlich. Sonst würde ich ihn nicht in Betracht ziehen.«

Der Dæmon sträubte kurz und unwirsch das Fell. »Er scheint mir etwas zu …«

   »Akkurat?«, schlug Anthea vor.
Doch unbeeindruckt fuhr er fort: »Zimperlich. Zu zartbesaitet. Wie jemand, der schnell zusammenklappt, wenn es hart auf hart kommt.«

   »Ich vertraue ihm und ich brauche ihn. Er erfüllt einen Zweck.« Anthea erwischte sich mit Missfallen dabei, wie sie sich selbst erneut von ihrem Vorhaben überzeugte und musste zusätzlich feststellen, dass Edgar durchaus recht hatte. Sie war tatsächlich etwas nervös. Das Gefühl flatterte ihr unangenehm im Magen und der Brust und ließ sich nicht damit vertreiben, den Rücken durchzudrücken und die Schultern zu straffen.
Erneut sah sie auf ihre Uhr – zwei Minuten und zwölf Sekunden waren vergangen.

   »Tja, gleich gibt es kein Zurück mehr – da kommt er.« Edgar war aufgestanden und näher ans Fensterglas getreten. Mit einem Nicken wies er auf das Nordtor, aus dem soeben ein junger Mann gekommen war.

Hochgezogene Schultern und schnelle Schritte; Henk O‘Harlon war selbst aus der Entfernung gut zu erkennen. Sein Wolfs-verwandter Dæmon bestätigte die Vermutung nur zusätzlich. Die Coyoten-Dame Neesha trabte mit schwingenden Schritten neben ihrem Menschen her, den Kopf genauso tief gehalten wie ihre Rute.
Als Anthea ihn erblickte, kehrte mit einem Mal die Ruhe in ihr ein, die sie eigentlich von sich selbst gewohnt war. Innerhalb von Sekunden hatte sie sich gefasst, ihre Kontrolle wieder gefunden. Ihre Ruhe spannte jedoch die Muskeln, wie die Wildkatze wenige Momente vor dem Sprung.
Gleich würde es endlich anfangen.

Ordentlich faltete sie die Hände hinter dem Rücken und versuchte sich beiläufig und zufällig in ihrer Position am Fenster gegenüber des Schreibtisches des Bibliothekars – hinter welchem sich der Rest des Duke Humfrey's Lesesaals erstreckte – zu platzieren, während sie die wenige verbleibende Zeit nun gelassener, wenn auch nicht entspannter abwartete.
Nur einige Augenblicke später und wie aufs Stichwort erschien Henk am Ende der Arts End Sektion und bewegte sich mit großen Schritten und auf den Boden gerichtetem Blick geradewegs auf Anthea zu.

   »Guten Morgen, Henk.« Ein subtiles Lächeln schlich sich in ihr  Gesicht, das zwar in erster Linie ihrem Gegenüber galt, gleichzeitig aber auch dem freudigen Moment, dem ersehnten Anfang geschuldet war.
Bei dem Klang von Antheas Stimme erhoben beide – Mann und Dæmon – mit einem Ruck die Köpfe und kamen etwas sanfter zum Stehen. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Henks soeben noch völlig in Gedanken versunken war. Er erstarrte, wie das Wild vor der Flinte, und brauchte einen Herzschlag lang, um sich selbst und die richtigen Worte zu finden. »Morgen, Anthea. Schön, dich wiederzuseh’n.«

Wahrscheinlich war seine sichtbare Müdigkeit der Grund für diesen kleinen Moment der Unsicherheit, aber Anthea wusste bereits, dass letzterer Zustand überaus gewöhnlich für Henk war. Seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft vor einigen Jahre, hatte sie sich mehr oder weniger daran gewöhnt, über seine anscheinend ständig nervöse Art sowie den leicht ungepflegten Bart hinwegzusehen.

Unbeirrt stieg sie in ihr geplantes Gespräch ein. »Ebenfalls. Tut mir leid, dass ich noch keine Zeit für unseren Plausch hatte.«

   »Ach, keine Sorge. Ich nehme an, du warst beschäftigt.«

   »Das war ich tatsächlich. Und um ehrlich zu sein, bin ich auch aus diesem Grund hier.« Das Lächeln auf ihren Lippen wurde mit jedem ihrer Worte etwas spitzer und Anthea musste kurz das Gesicht abwenden, aus dem Fenster sehen, um weiter im beiläufigen Ton sprechen zu können. »Ich möchte dir etwas zeigen.«

   »Was denn?«, fragte Henk und schulterte unruhig seine schwere, lederne Büchertasche.
Leiser, aber dennoch unscheinbar antwortete sie: »Nicht hier. Komm.«
Henks Dæmon schnippte einmal neugierig mit den Ohren, während er selbst wieder in eine Unsicherheit verfiel. Ein besorgter Ausdruck samt einer in Falten gelegten Stirn und einem scheu fragenden Blick trat auf sein Gesicht, aber auch dies ignorierte Anthea gekonnt.
Angeführt von Edgar, der von der Fensterbank gesprungen war, ging sie zielstrebig vorbei am Posten des Bibliothekars und betrat somit gefolgt von Henk den mittleren Teil des Lesesaals.

Der Duke Humfrey’s Lesesaal war einer der ältesten Teile der Bodleian Bibliothek und hatte genauer betrachtet die Form eines übergroßen Hs. Die vertikalen Sektionen Selden End und Arts End, die beide über zweistöckige, betretbare Bücherregal verfügten, rahmten das horizontal gelegene Herzstück des Saals ein – die mittelalterliche Sektion. Die hohe Zimmerdecke, dessen Holztäfelungen immer wieder das Wappen der Universität Oxfords – drei Kronen und ein aufgeschlagenes Buch mit den altrömischen Worten Dominus Illuminatio Mea auf einem azurblauen Grund – zeigten, wurde von ebenfalls kunstvoll verzierten Balken getragen. Sie spannte sich über viele Reihen kleiner Bücherregale, die teilweise mit den ältesten Texten der Bibliothek bestückt waren. Alte Porträts hingen entlang der Länge des Saals verteilt über jedem Fenster. Sie wachten somit über die Nischen, die sich zwischen den gegenüberstehenden Eichen-Regalen befanden, die dank integrierten Lesepulten in den Regalen als Arbeitsplatz genutzt werden konnten.

Anthea wählte eine solche Nische; einen ruhigen Ort unter der gemalten Gestalt des Gründers des Magdalen Colleges, der versprach, geeignet für ein überaus vertrauliches Gespräch zu sein. Henk war ihr mehr oder weniger unauffällig gefolgt. Auf dem kurzen Weg hatte er einige leise Worte mit Neesha ausgetauscht, aus denen Anthea deren eigene Neugierde heraushören konnte.
Verheißungsvoll prickelten ihr die Fingerspitzen – gleich, gleich –, aber sie unterdrückte ihre Ungeduld und ließ Henk sich erst am Pult ausbreiten. In gewohnten Bewegungen legte er sein Jackett über die Stuhllehne, stellte seine Ledertasche auf dem Boden ab und nahm dann Platz, Neesha nah an seiner Seite.
Ihr eigener Dæmon sprang Anthea auf die Schulter und gab zusammen mit ihr kurz vor, die Buchrücken im Regal ihr gegenüber zu studieren, ehe sie sich wieder an den Iren neben sich wandte. Henk und Neesha sahen sie erwartungsvoll an.
Jetzt.

   »Du musst dir etwas für mich durchlesen«, sagte sie mit aller Ruhe und ließ ihre Hand in die Tasche ihres Rocks gleiten. Ohne große Umschweife zog sie ein sauber gefaltetes Stück Papier hervor und überreichte es ihm. Henk öffnete es mit Vorsicht, nachdem er seine Lesebrille aus einer der Taschen seiner Jacke hervorgeholt hatte, und begann zu lesen. Zunächst war seine Haltung entspannt, jedoch schoben sich schon nach den ersten paar Zeilen seine Augenbrauen zusammen und die altbekannten Falten auf seiner Stirn traten wieder auf. Mit mehr Konzentration neigte er den Kopf zu Seite und stieg vollends in die Materie des Textes ein.
Anthea selbst war bereits mit der Thematik der Worte bekannt; sie waren nicht nur durch das wiederholte Durcharbeiten in ihr Gedächtnis gebrannt, sondern auch durch ihren eigenen Versuch an einer Übersetzung permanent zum Bestandteil ihres Wissens geworden. Sie hätte es aufsagen können, wie ein Schulkind ein Sonntagsgebet – obwohl ihr Latein noch immer zu wünschen übrig ließ. Henk O‘Harlon beherrschte die altrömische Sprache hingegen wie kein Anderer, die Abschlüsse in der klassischen Philologie als auch der baldige Doktortitel sprachen dabei für sich.
Anthea hatte es nicht gewagt den originalen Text, ein sensibles und brüchiges Stück Pergament, mit sich zu nehmen oder gar der Bodleian Bibliothek zu entwenden. Zu wichtig war das Dokument für die Weltgeschichte, zu wichtig für ihr eigenes Vorhaben. Daher hatte sie handschriftlich eine Kopie angefertigt und dabei den Text in der ursprünglichen Sprache gelassen – immerhin hätten ihr Übersetzungsfehler unterlaufen können, die Sinn und Instruktionen aus ihrer Schlüssigkeit geworfen hätten.

Nach einigen Minuten des Lesens sah Henk zu ihr auf und flüsterte ungläubig: »Wa-Was ist das?« Nun war neben seiner Nervosität auch eine gewisse – und womöglich gesunde – Angst in seinen Augen zu sehen.

   »Ich habe es gefunden«, antwortete sie ebenso leise und fuhr einmal Edgar auf ihrer Schulter übers Fell. Zu zimperlich, hatte er ihr zugeflüstert.

Es – das sagenumwobene Alethiometer, das Werkzeug des Staubes und der Wahrheit. Beides war seit Jahrhunderten der herrschenden, heiligen Kirche ein Dorn im Augen, denn es war schwer das Volk fromm zu halten, wenn sich das Wissen über ein mysteriöses Phänomen, das dem Fragenden alle Wahrheiten enthüllen konnte, verbreitete. Alle Gespräche darüber waren folglich strengstens verboten.

Henk sah hinab auf das Blatt in seiner Hand, von wo aus ihm Antheas ordentliche, Schreibmaschinen ähnliche Handschrift entgegen leuchtete, und sah mit einem spät eingesetzten Staunen erneut zu ihr auf. »Anthea-«

»Ich will es studieren. Die Symbole verstehen und es meistern, Henk.« Ihre Stimme war weiterhin ein Flüstern, aber beherrscht-kräftig genug, um ihn zum Schweigen zu bringen. Beinahe fassungslos stützte sich Henk auf den Knien ab, drückte sich eine zu Faust geballte Hand gegen die Lippen, während er nochmals den Text überflog. Erst langsam und dann bestärkt schüttelte er den Kopf. »Das ist Ketzerei. Anthea, dafür wird man an die Wand gestellt.« Sein Dæmon warf derweil selbst einen prüfenden Blick auf den Zettel, schnupperte misstrauisch daran.
Anthea wandte sich ab und warf dabei einen genauen Blick in den Gang der Bibliothek, denn obwohl sie leise sprachen, war die Gefahr erwischt zu werden groß. Die Leute ließen sich zum Lauschen verleiten, wenn sie ein Flüstern hörten. Und das Wort Ketzerei stach aus jedem Gespräch heraus, wie ein Rabe unter weißen Tauben.

   »Das ist mir egal und du weißt es auch. Ich- Nein, hör zu. Es ist unsere Pflicht als Teil dieser Universität, wenn nicht sogar als Teil des Universums, Wissen zu ergründen und zu bewahren. Und dieses Wissen, verboten oder nicht, ist wichtig. Weißt du was der Symbol-Deuter bewerkstelligen kann? Es könnte alle Fragen der Menschheit innerhalb eines Nachmittags beantworten.« Sie zischte die Worte mit einer Aufgebrachtheit, die so schnell verschwand, wie sie gekommen war.
In sich zusammengesunken saß Henk in seinem Stuhl, die Augen immer noch auf dem Papier. Etwas in Antheas Inneren zog sich zusammen; wie die Nervosität zuvor flatterte ein Gefühl in ihr auf und ließ ihr Herz beben – Reue. Im Grunde konnte sie Henk überaus gut leiden. Er war mit Abstand der netteste Junggeselle in Oxford, der ihr untergekommen war und noch dazu war er ihr auf Anhieb sympathisch gewesen. Seine Nervosität hatte sie bei ihrem ersten Treffen nahezu sofort als eine Vorsicht erkannt, die sich, wie sie später erst bemerkte, auf einer unglaublichen Akkuratesse begründete – etwas, das sie durchaus bewunderte. Stets wollte er das Richtige tun und noch dazu immer auf der sicheren Seite sein. Antheas Vorhaben schien aber klar auf einer völlig anderen Dimension zu sein.

   »Sieh mal, ich weiß, dass dir das nicht geheuer ist. Aber ohne dich schaffe ich es nicht … das ist nicht der einzige Text und ich kann weder den hier, noch einen der anderen vernünftig übersetzen. Das Latein ist … komplexer als das der Bibel. Diesen Text konnte ich recht gut verstehen, aber der Rest war wirr. Ich brauche deine Hilfe, Henk.«

Der Angesprochene löste sich mit einem Seufzen aus seiner Starre, lehnte sich zurück und ließ Dokument samt rund-glasiger Hornbrille auf das Pult neben sich fallen. Für einen Moment schloss er die Augen, bevor er erwiderte: »Das ist verrückt. Ich- ich weiß nicht einmal, ob ich dir helfen kann …«
Edgar auf ihrer Schulter fluchte leise und schlug verärgert mit dem langen Schweif. Anthea ignoriere ihn und lehnte sich leicht mit der Rückseite der Hüfte gegen das Pult, sah hinab auf ihre Schuhe. Sie hatte damit gerechnet, dass Henk sich womöglich gegen ihre Bitte sträuben und nicht unmittelbar einwilligen würde, aber sie hatte noch ein letztes Ass im Ärmel, auch wenn sie es ungern benutzte.

   »Hast du keine Fragen auf der Seele, die dich nicht schlafen lassen, Henk? Etwas, das du um jeden Preis wissen musst? Du hast nun die einmalige Möglichkeit endlich alle deine Fragen zu beantworten. Du könntest dich von den Dingen befreien, die dich  quälen … Es ist okay, wenn du dich nicht jetzt entscheidest, aber ich würde dich sehr gerne an meiner Seite wissen, wenn ich mit den Forschungen anfange.«

Einen Moment lang hielt sie inne, wartete auf eine Reaktion. Henk jedoch ging nur scheu ihrem Blick aus dem Weg, aber nichtsdestotrotz konnte sie sehen, wie er nachdachte, ihre Worte analysierte.

   »Sag mir Bescheid, wenn du deine Entscheidung getroffen hast.« Mit ihren letzten Satz stieß sie sich vom Pult ab und ließ ihn somit in der Nische sitzen. Das Porträt sowie Henk und sein Dæmon sahen ihr mit einer ratlosen Unsicherheit hinterher.

Zügigen Schrittes verließ Anthea den Duke Humphrey’s Lesesaal und trat nach einigen Treppenstufen abwärts auf den Hof der Bibliothek. Das Wetter über Oxford war grau an diesem Tag, der Wind hatte sich mit Regen gemischt und pfiff unangenehm kalt über den Schools Quadrangle. Wie ein Fisch schwamm sie gegen den Strom von Studenten und Gelehrten, die in das trockene Gebäude flüchteten.

   »Glaubst du, er hat angebissen?«, fragte Edgar ernst, dicht an ihren Kragen gedrückt.
Mit ehrlicher Stimme erwiderte sie: »Ich hoffe es, Ed.«



In a time of deceit telling the truth is a revolutionary act.
- G e o r g e  O r w e l l





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W I L L K O M M E N !
Hallo und herzlich willkommen zu meiner kleinen His Dark Materials-MMFF!
Es freut mich, dass ihr anscheinend den Prolog gut überstanden habt und bedanke mich jetzt schon mal von ganzem Herzen und aus tiefster Seele für euer Interesse – falls ich diese jedenfalls wecken konnte! Ohne lange Rede möchte ich mich fast schon sofort ans Eingemachte machen.
Also - let‘s go!



D I S C L A I M E R
    I. – Diese Mitmach-Fanfiktion beruht auf der Buchreihe »His Dark Materials« von Philip Pullman, sowie den zwei Adaptionen der Vorlage – dem Film »Der Goldenen Kompass« (2007) und der gleichnamigen BBC & HBO Serie »His Dark Materials« (2019 -). Da es sich hier um eine Fanfiktion handelt, wird sich diese Geschichte nicht völlig ans Canon des Buchs halten und sich in einem Mittelwert zwischen allen drei Medien wiederfinden.

    II. – Ich hab nicht alle Bücher gelesen – zu Zeit lese ich die Haupt-Trilogie – und bin somit auch kein wahrer Experte für Pullmans Welt. Ich versuche mich zwar so weit es geht an diese zuhalten, damit sich die Geschichte auch eine Fanfiktion nennen kann, jedoch müsst ihr mir kleinen Fehler verzeihen. Gerne könnt ihr mich auf solche hinweisen und ich versuche sie dann zu korrigieren.



P L O T
1982 – die politische Lage zwischen den Ländern ist zwar derzeit entspannt, aber das Leben in der Welt der Wissenschaft - trotz des akademischen Schutzes der Universitäten - unter der strengen Macht des christlichen Magisterium nicht sonderlich einfach. Jeder wissenschaftlicher Fortschritt und jedes neue Forschungsergebnis, welches sich nur annähernd mit der Doktrin der Kirche schneidet, wird schärfstens zensiert und danach selbst vom Magisterium veröffentlicht. Wissenschaftler können für ihre Forschungen der Ketzerei angeklagt und sogar mit dem Tode bestraft werden.

Besonders der Forschungsbereich des Staubs – einem Phänomen mysteriöser, kosmischen Partikeln, die stets da auftreten, wo bewusst handelndes Leben wirkt – wurde bereits vor über 300 Jahren von der herrschenden Kirche verboten und steht auch heute noch unter strengster Beobachtung.
Mit dem Wissen über Staub wurden ebenso alle Apparate, die sich mit diesem befassen, als rechtswidrig erklärt. So auch das Alethiometer, das durch den kosmischen Staub in der Lage ist jede gestellte Frage mit der ganzen Wahrheit zu beantworten. Nur fünf dieser sogenannten Symbol-Deuter existieren heute noch und werden von verschiedenen Universitäten und Organisation versteckt. Darunter das Bodleian Alethiometer, das seither in der gleichnamigen Bodleian Bibliothek der Universität Oxford geheim aufbewahrt wurde.

Lange Zeit ruhte es, sammelte herkömmlichen Staub in seinem Versteck und sehnte sich danach endlich wieder dazu genutzt zu werden, wofür es eigentlich konzipiert wurde – die Wahrheit aufzudecken, egal wie schmerzhaft und hässlich sie auch sein mag.

Kurzum: ich suche 5 weitere »Scholars/Gelehrte«, egal ob Studenten, Professoren, Forscher oder andere Akademiker, die sich zusammen mit Anthea Skelton und Henk O‘Harlon an die Entschlüsselung der 36 Symbole des Alethiometers machen.

Dabei ist die Entschlüsselung aber nur als Rahmen der Geschichte gedacht, denn der Hauptplot soll sich um die Ocs und die Geheimnisse und Fragen drehen, die sie überhaupt erst zur Teilnahme an dem geheimen Vorhaben motivieren. Jeder von ihnen wird – wie in der Kurzbeschreibung angeschnitten – von einem Geheimnis oder einer Frage verfolgt. Dies kann von privater Natur sein, wie bei Henk, aber auch ihren Ursprung woanders finden, wie zum Beispiel ein Geheimnis der Weltgeschichte, das nie gelüftet werden konnte, oder der Gleichen. Hauptsache ist das euer Oc davon genug motiviert wird, um sich auf dieses heikle Vorhaben einzulassen, denn immerhin ist die Entschlüsslung der Symbol aus der Sicht des herrschenden Magisteriums ketzerisch und somit ohne Ausnahme verboten.

Ich möchte mit dieser MMFF in die Richtung des Dark Academia und Secret Society Genre gehen, durchaus inspiriert von Donna Tartts »The Secret History« und der original Vorlage von Philip Pullman, aber natürlich immer noch mit einem eigenen Touch. Man muss keins der Bücher gelesen haben, um mitmachen zu können !
Konkret suche ich Ocs, die man allesamt an einer großen und alten Universitäten wie Oxford finden könnte und durch ihr Wissen und Können in ihrem Fachgebiet bei der Entschlüsselung überaus nützlich sein könnten. Es ist mir wichtig, dass sie einen gewissen Sinn in der Gruppe erfüllen und eine gute Motivation haben. Ansonsten habt ihr eigentlich freie Hand beim Erstellen!



B A C K G R O U N D    I N F O R M A T I O N
Die Geschichte spielt zwar 1982, jedoch entsprechen diese 80er Jahre nicht denen unserer Welt. Pullmans Bücher orientieren sich an der edwardian Ära (1901 – 1914), während die Serie eher eine 1940er Ästhetik hat. Daher wähle ich eine etwas weiter gefächerte, allgemeine Vintage-Aesthetic, die sich im Raum von 1900 bis zu 1940 bewegt.

Es herrscht einen dem Zeitalter angemessen »moderne« Atmosphäre mit Elektrizität, Automobilen, Zügen und Zeppelinen, sowie einer Gesellschaft, in der die Rollen von Mann und Frau noch klar getrennt sind. Das männliche – und angeblich stärkere – Geschlecht lenkt die Welt und läuft gern in schicken Anzug herum, während die Frauen sich in lange Röcken kleiden und um ihren Platz in der Welt noch kämpfen müssen. Ich habe versucht den allgemeinen Vintage-Vibe der Geschichte auf einem Pinterest Board einzufangen.

Auch spielen die Bücher in einer Parallelwelt, die Unserer zwar sehr ähnlich ist, aber dennoch einige Eigenheiten hat. Zum Beispiel haben die Länder unserer Welt fast alle anderen Namen und haben ebenfalls hier und da eine etwas andersartige Zusammensetzung. So teilt sich die USA in die Staaten New Denmark und Texas auf, und Kanada wird zu New France, während die Städte jedoch fast alle ihre originalen Namen beibehalten. Der Einfachheit halber werden wir diesen Teil der Welt aber während der Anmeldung etwas ignorieren, sodass ihr euch einfach an den Ländern unserer Welt bedienen könnt. Später werde ich diese für euch in die Länder von Pullmans Welt umwandeln und euch damit wahrscheinlich etwas Verwirrung ersparen.

Weitere wichtige Informationen findet ihr auf der Website.
Bei Fragen zur Welt oder Geschichte bin ich aber natürlich auch jederzeit gern zur Stelle.



P A I R S
Der Pairing-Teil dieser MMFF ist optional.
Euer Oc muss also nicht zwingend die Liebe in unserer kleinen Geschichte finden und kann auch schon gern verheiratet sein und eine eigene Familie haben. Ich plane den Romanze-Anteil der Story auch nur als eine Art Side Plot, je nachdem wie viele von euch ihre Ocs als Pairing-Kandidaten anmelden.

Meine Ocs – Anthea Skelton und Henk O‘Harlon – werden später Beide mögliche Pairs sein und dies auch für beide Geschlechter. Aber auch die Ocs der anderen Teilnehmer werden für euch als potenzielle Pairs frei stehen – solange diese natürlich als solche angemeldet sind.

Einen richtigen Pair-Steckbrief wird nach der Anmeldung mit einer Liste der Pair-Kandidaten an die jeweiligen Ersteller geschickt.



R E V I E W S
Natürlich sind Reviews immer eine Sache für sich und ich selbst gehöre zur Sorte Mensch, die sich immer selbst in den Hinter treten muss, um mal ein paar nette und konstruktive Zeilen zu schreiben. Demnach kann ich es verstehen, wenn jemand schreibfaul ist, aber einen Rückmeldung zu Story und den Charakteren ist mir dennoch wichtig - besonders da ich immer etwas Motivation brauche, um weiter an der Geschichte zuarbeiten.

Ihr müsst mir nicht zwingend eine ausführliche Review in Romanlänge auf FF.de schreiben, eine Nachricht auf Ask oder Pinterest würde mir auch schon genügen – ein kleiner Dialog über das Geschehen wäre ein Träumchen -, Hauptsache ich merke, dass ihr noch bei der Geschichte und mit den Charakteren zufrieden seid. Ich fände es äußerste schaden, wenn ich später alleine mit all dem hier dastehe.



R U L E S
   ⮚   Anmeldeschluss: 02. Mai. 2021
   ⮚   Einsendeschluss: 19. August. 2021

⮚   Ich hätte gerne eine Bandbreite an Ocs, sprich Männer und Frauen, junge und ältere Leute. Personen mit den unterschiedlichsten Leben, Interessen und Hintergründen. Und natürlich auch Charakter mit Ecken und Kanten, Höhen und Tiefen. Alles, was die Welt halt so bietet.

⮚   Mary und Gary Sues sind daher nicht gerne gesehen.

⮚   Schickt mir bitte, bevor ihr euch an den Steckbrief macht, ein kleines Konzept, in dem schon Name und Faceclaim für den Menschen und den Dæmon (Tiergestalt), Alter, Fachrichtung, College (siehe Website → The World → Oxford), sowie ein paar Informationen in etwa feststehen. Dadurch können wir alle Dopplungen – ausgenommen davon Fachrichtung und College, die können ruhig mehrfach belegt werden - vermeiden und ich ein bisschen den Überblick bewahren.
Diese Konzept wird bitte per FF.de Mail mit dem Betreff »The Truth - Name des Ocs - Tiergestalt des Dæmons« an mich geschickt.
Beispiel: »The Truth - Henk O'Harlon – Coyote«

⮚   Colleges und Fachrichtungen dürfen sich natürlich doppeln!

⮚   Den Steckbrief bitte in der dritten Person Singular ausfüllen.

⮚   (Klammern) bitte lesen und löschen. Einige dienen nur als Anregung!

⮚   *Sternchen sind keine Pflicht, aber gerne gesehen.

⮚   Bei Fragen könnt ihr euch jederzeit bei mir melden, egal ob auf Ask, FF.de oder Pinterest. Fragt ruhig und ich versuche schnell zu antworten.

⮚   Der fertige Steckbrief schickt ihr per E-Mail oder FF.de Mail mit dem Betreff »Seven Scholars - Name des Ocs - Tiergestalt des Dæmons« an mich.
Beispiel: »Seven Scholars - Henk O'Harlon – Coyote«
→ hannaleary@outlook.de


S T E C K B R I E F
Soo, und damit das hier nicht noch länger wird als überhaupt nötig, der Link zum Steckbrief auf der Website.
Dann sage ich fürs Erste auch mal adieu und hoffe darauf, dass wir uns bald schon wieder lesen werden.
- hanna leary
 
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